50 jahre Theologie der Befreiung in Deutschland

50 Jahre Theologie der Befreiung in Deutschland: 1972 - 2022

Im SS 1972 hatte sich in Frankfurt, St. Georgen der erste "Studienkreis Theologie der Befreiung" in Deutschland gebildet, noch vor Erscheinen der deutschen Ausgabe des Buches "Theologie der Befreiung" von Gustavo Gutiérrez. Er wurde von lateinamerikanischen Mitstudenten (Doktoranden, mit konkreten Erfahrungen aus LA) initiiert und getragen. Einzige deutsche Mitarbeiter waren Christian Herwartz (Obdachlosenpriester in Berlin*) und ich. Pater Semmelroth und Pater Grillmeier waren konstruktiv-kritische Begleiter. Es ging vor allem um die Frage: was ist neu, gar revolutionär? Und was bedeutet dies für die bisherige „weiße“ und imperiale (d.h. „griech.-röm. Kirche“) und die Theologie des „christlichen Abendlandes“ - auch und gerade in Bezug zu der befreienden Botschaft der Propheten und von Jesus? Dies geschah in besonderer Weise in Auseinandersetzung mit Metz, Moltmann, etc. Karl Rahner, öfter zu „Besuch“ in St. Georgen, hat zwei Mal am Treffen des Arbeitskreises teilgenommen und hat uns ermutigt (obwohl nicht mit allem einverstanden).

* Christian Herwartz ist am 20. Februar dieses Jahres in Berlin verstorben. Ebenfalls verstorben ist am 22. April dieses Jahres der Initiator und „spiritus rector“ des Kreises, Miguel Manzanera, Mitbegründer der kath. Universität in Cochabamba, Bolivien. Mit beiden war ich freundschaftlich verbunden.

(Miguel Manzanera fue uno de los fundadores de la Universidad Católica Boliviana “San Pablo” y del primer Instituto de Bioética en Bolivia.”

Anbei zwei meiner Beiträge in diesem Arbeitskreis:

Theologie der Befreiung als neue Theologie? (Referat 1973)

Eine "barbarische Theologie": Von einer Praxis der Herrschaft zu einer Praxis der Befreiung (Seminararbeit 1974, bei Peter Knauer, SJ)

Helder Camara: Die beiden Lastkutscher, Lesung und Predigt als ASTA-Vorsitzender in St. Georgen, 13. Nov. 1973 im Semestereröffnungsgottesdienst.  

1972 erschienen ebenfalls „Die Grenzen des Wachstums“ und „Die offenen Adern Lateinamerikas“ von E. Galeano (Die Weltwirtschaft ist der effizienteste Ausdruck der organisierten Kriminalität. Die internationalen Organisationen, die Währung, Handel und Kredite kontrollieren, üben Terrorismus gegen die armen Länder und gegen die Armen aller Länder aus", Eduardo Galeano, 1972).

Unser Arbeitskreis sorgte im kath. Milieu und den Medien zudem für Aufsehen und Ärger, weil wir die Wählerinitiative „Willy Brand“ in Frankfurt gründeten - vorher unvorstellbar für Seminaristen. Der Arbeitskreis diente auch stets als „Abhol- und Begleitdienst“ für sehr bekannte Bischöfe aus LA, die damals in St. Georgen als 1. Anlaufstation wohnten – u.a. Helder Camara (öfters), Kardinal Arns u.v.a.

Nicht zuletzt erschien 1972 auch erstmals „Publik-Forum“, deren „Gründungsmannschaft“ eng mit St. Georgen verbunden war. Als ASTA -Vorsitzender (in dieser Eigenschaft war ich auch „Gastmitglied“ des damals „berühmt-berüchtigten“ Frankfurter ASTA) - konnte ich erreichen, dass PF länger als geplant (nämlich bis 1974) Räume (u.a. die „Büroräume“ des ASTA) in St. Georgen benutzen durfte.

1972 war besonders in LA von großer Bedeutung, u.a. das 1. Treffen der „Christen für den Sozialismus“ in Chile. Für meine spätere Arbeit in Peru (Cajamarca), besonders wichtig: Peruanische Bischofskonferenz 1971, in Deutsch 1972: „Wir teilen mit den Nationen der Dritten Welt das Schicksal, Opfer von Systemen zu sein, die unsere wirtschaftlichen Reichtümer ausbeuten, unsere politischen Entscheidungen kontrollieren und uns die kulturelle Vorherrschaft ihrer Werte und ihre Konsumzivilisation aufdrängen. Diese von den lateinamerikanischen Bischöfen in Medellín angeprangerte Situation bleibt bestehen und festigt sich aufgrund der internen Struktur unserer Länder, einer Struktur der wachsenden wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Ungleichheit und der politischen Perversion, die nicht dem Wohle aller, sondern einiger weniger dient“.  In der Pfarrei Bambamarca erschien 1972 erstmals „El Despertar“ aus dem 1976 „Vamos Caminando“ hervorging („Mit Jesus dem Christus auf dem Weg der Befreiung“). In diesem Zusammenhang kam es 1979 zu einer heftigen Auseinandersetzung mit dem damaligen Kardinal von München, Josef Ratzinger.

Zu meiner Person und in diesem Zusammenhang (befreiende Theologie) nur dies:

Mein 1. Buch unmittelbar nach meinem Abitur 1966 war:

Frantz Fanon 1961, Die Verdammten dieser Erde: „Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Straßen, an allen Ecken der Welt. Ganze Jahrhunderte hat Europa nun schon den Fortschritt bei anderen Menschen aufgehalten und sie für seine Zwecke und seinen Ruhm unterjocht; ganze Jahrhunderte hat es im Namen seines angeblichen ‚geistigen Abenteuers‘ fast die ganze Menschheit erstickt.“ (mit einem Vorwort von J. P. Sartre)  Die Befreiungsbewegungen („Entkolonialisierung“) der 60er Jahre waren prägend für mich - Kongo, Algerien, Vietnam etc. etc., ebenso die Lektüre, Studium von Bloch, Marcuse und des Marxismus generell, dann von Ché Guevara, Camilo Torres… etc. (in LA: E. Dussel*, u.a.). Gerade deswegen - d.h. in (beschränkter) Kenntnis all dessen, habe ich mich dann aber sehr bewusst für das Theologiestudium entschieden - aber nicht um in einem deutschen Pfarrhaus, Gehaltsstufe A 14,** als Kirchenbeamter zu enden, sondern im Gegenteil…! ** nun bekomme ich aber seit über 12 Jahren eine stattliche Pension, Gehaltsstufe A 15 – ganz schön konsequent, oder?

Zuerst studierte ich an der PH Landau, die im Laufe meines Studiums zur EWH Rheinland-Pfalz aufgewertet wurde, so dass ich nach dem Lehrerabschluss zusätzlich auch das Diplom in Pädagogik machen konnte (1971), meine Abschlussarbeit war über Teilhard de Chardin.

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Zur Lage einer „Theologie der Befreiung“ in Deutschland bzw. der (meist eine nur rein akademischen) Diskussion um dieselbe, habe ich eher ein sehr mulmiges Gefühl. Ich habe eher das Gefühl einer Selbst-Verzwergung, als ob das eine eher exotische oder gar nur folkloristische Angelegenheit wäre. So wurde z.B. mein Beitrag über befreiende Erfahrungen („Kirche der Befreiung“) in „imprimatur“ (2020) letztlich abgelehnt, weil: „Indianische Märchen helfen uns in Deutschland nicht weiter“! (dann aber in einer „offiziellen“ Schrift meiner Diözese! veröffenticht!)

Auch wenn es vermessen erscheint: Helder Camara, Oscar Romero, Camilo Torres, José Dammert u.v.a. werden in Beschreibungen meist als „Theologen der Befreiung“ bezeichnet. Diese Katalogisierung ist in der Tat bezeichnend. Denn diese haben sich nicht selbst so bezeichnet, sondern sie haben in seiner Nachfolge Zeugnis abgelegt von der befreienden Botschaft Jesu Christi. Genau deswegen habe ich mich vor über 50 Jahren entschieden, Theologie zu studieren, um dann für eine solche Praxis besser vorbereitet zu sein. Jedwede christliche Theologie, die nicht von einer befreienden Praxis ausgeht bzw. dahinführt - kann die denn christlich genannt werden (s.o.)?


Meine letzten Veröffentlichungen in „Der geteilte Mantel“, dem weltkirchlichen Magazin der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Jährliche Erscheinungsweise, Auflage 12.000, verschickt an alle Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen, Verbände, etc.

Von 2010 (damals Neuausrichtung der diözesanen Öffentlichkeitsarbeit) bis 2021 war ich Mitglied des Redaktionsteams - dies auch als Mitglied der Diözesanausschüsse „DA Eine Welt“ und „DA Nachhaltige Entwicklung, als Vorsitzender).

Neben dem GM erscheint seither auch ein Quartalsnewsletter mit dem gleichen Verteiler, darin viele kleinere Beiträge von mir „aus aller Welt“.

 Jahresthema 2020: Aufbrechen

                                                                   Auf dem Weg zu einer katholischen Kirche

  • Gustavo Gutiérrez - Der Mensch und sein Glaube

                                                                  Zum 90. Geburtstag von Gustavo Gutiérrez

  • „Femmes en avant“. Frauen übernehmen Verantwortung als Gemeindeleiterinnen

Zum Beispiel Barbarita: Ein Campesino-Mädchen wird Katechetin und Gemeindeleiterin

                                      Der Synodale Weg – einige Hinweise (2022) -

Vortrag beim Treffen der Fidei-Donum-Priester, 18. Jan. 2022

Jahresthema 2021: Zukunft teilen (Leben teilen – Brot teilen)

 (KG aus der Perspektive der Kolonialisierten – das Werk von Prof. Johannes Meier)


Dissertation: „Die Herausforderung einer Option für die Armen – exemplarisch aufgezeigt in Praxis und Pastoral der Kirche von Cajamarca (1962 – 1992);  Ulm, 12. Mai 2004 (Prof. Elmar Klinger). Zweitkorrektor dieser Dissertation: Prof. Joh. Meier.

Mein „Traum“: Eine Übersetzung (deutsch-spanisch) für Peru (und LA) wäre – aktuell mehr denn je -  sehr wichtig…!  

Auf meiner Homepage: https://williknecht.de/texte/kirche/kirche-4/1336-eine-kirche-der-befreiung-kirche-der-armen

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* Zu Enrique Dussel: Enrique Dussel, 2022: 

Ser militante significa adversar la realidad que vivimos. La filosofía de la liberación que practico y contribuí a fundar nació hace muchos años, de parte de una generación que ya está terminando sus días. Nosotros fuimos influidos por la lectura de Herbert Marcuse, de Paulo Freire, de Frantz Fanon, de las grandes figuras intelectuales y militantes de aquella época.”

„Militant zu sein bedeutet, sich der Realität zu widersetzen, in der wir leben. Die Befreiungsphilosophie, die ich praktiziere und zu deren Gründung ich beigetragen habe, wurde vor vielen Jahren geboren, und zwar von einer Generation, die jetzt zu Ende geht. Die Lektüre von Herbert Marcuse, Paulo Freire und Frantz Fanon, den großen intellektuellen und kämpferischen Persönlichkeiten jener Zeit, hat uns stark beeinflusst“.