Kirchengeschichte aus der Perspektive der Kolonisierten

„Bis an die Ränder der Welt“ - Kirchengeschichte aus der Perspektive der Kolonisierten

Nicht einmal mehr jedes vierte Mitglied der katholischen Kirche ist Europäer. Der Erdteil, der sich jahrhundertelang als Zentrum des Christentums verstehen wollte, stellt heute noch 23%, Deutschland 2% der Katholiken. Das Christentum ist zu einer Religionsgemeinschaft geworden, die die große Mehrheit ihrer Gläubigen in der ärmeren Hemisphäre der Erde hat. Diese veränderte Lage bedeutet für die historische Theologie, sich vom Eurozentrismus zu lösen und die Kirchen- bzw. Kolonialgeschichte Afrikas, Asiens und Amerikas zum Gegenstand von Lehre und Forschung zu machen. Aber es geht nicht nur um die historische Theologie, sondern um Gegenwart und Zukunft der Kirche. „Dies ins Bewusstsein gerückt zu haben, ist das große Verdienst von Prof. Johannes Meier. Zeit seines Forscherlebens war es ihm sein wichtigstes Anliegen, den vorherrschenden Eurozentrismus in amtskirchlichen Strukturen, aber auch in der akademischen Theologie zu überwinden“ (aus „Die Stimme erheben“ - zum 70. Geburtstag von Johannes Meier, 2018).

Auf dem Weg zu einer katholischen und evangeliumsgemäßen Kirche

Vor 600 Jahren noch waren Europa und die (west-) europäische Kirche kaum mehr als ein eurasische „Anhängsel“, mit dem Bischof von Rom als Patriarch der lateinisch-germanischen Kirche. In einer herunter gekommenen Stadt kämpften „Adelsgeschlechter“ um das lukrative Privileg, den jeweiligen Papst stellen zu dürfen. In der Folge der dann einsetzenden Eroberung der Welt (heute Globalisierung genannt) durch die Europäer wurde auch das Christentum globalisiert. Menschen fremder Kulturen galten nun als Götzendiener, als Ungläubige und ohne jede Kultur. Daraus wurde dann in Theologie und Philosophie das Recht abgeleitet, sie zu unterwerfen oder gar auszurotten. So wurde z.B. auch in Amerika (u.a. J. Locke) argumentiert, die Eingeborenen könnten nicht mit dem ihnen von Gott geschenkten Land und seinen Früchten umgehen und würden so ihrem Auftrag nicht gerecht. Sie wüssten nämlich nicht, was „Eigentum“ bedeutet. Daher muss man es ihnen nehmen und in die Obhut der kultivierten Christen geben. Dieses „Narrativ“ wurde zur Grundlage der Moderne und zu einem globalen System, zu dem es angeblich keine Alternative gibt. Von daher leitet sich auch das Recht ab, überall einzugreifen, um „unsere westlichen Werte“ notfalls mit Gewalt durchzusetzen.

Mit der Wahl des Argentiniers Jorge Bergoglio „vom äußersten Ende der Welt“ wird zum ersten Mal ein Nichteuropäer zum Papst gewählt. Schon bereits bei der II. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1968 in Medellín, Kolumbien, wurden wesentliche Aussagen des II. Vat. Konzils auf die konkrete Situation in Lateinamerika hin ausgelegt. Die Ursachen des Elends wurden benannt. Gleich in Kap. I, 1 heißt es: „Über die Situation des lateinamerikanischen Menschen gibt es viele Studien. In allen wird das Elend beschrieben, das große Menschengruppen in die Randzonen des Gemeinschaftslebens drängt. Dieses Elend als Massenerscheinung ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit“. Es war u.a. der Beginn der Abkehr vom Euro-Zentrismus hin zu einer Weltkirche, die sich eher von „den Rändern“ her definiert. Dieser „Schrei der Völker“ wurde aber in Europa, dem Zentrum, nicht wahrgenommen.

Mit dem Pontifikat von Papst Franziskus wurde diese Option wieder aufgegriffen und mit neuem Leben gefüllt. Auch die Amazonas-Synode (2019) knüpft verständlicherweise an diese bahnbrechende Bischofskonferenz an und führt sie weiter. Das Vorbereitungsdokument ist wesentlich vom apostolischen Rundschreiben „Evangelii Gaudium“ (2013) und der Enzyklika „Laudato Si“ (2015) beeinflusst. Mehr als bisher stehen nun aber die indigenen Völker im Mittelpunkt, ihre Kultur, Lebensweise und die Bedrohungen, die sie erleiden. Im Kapitel „Ein Volk mit vielen Gesichtern" begründet EG die Notwendigkeit eines multikulturellen Christentums und weist mit Nachdruck ein monokulturelles Verständnis zurück. „Das Christentum kennt nicht nur einzige Kultur, in der sie die Botschaft verkünden kann. In den verschiedenen Völkern, die die Gabe Gottes je nach ihrer eigenen Kultur hören und leben, drückt die Kirche ihre wahre Katholizität aus und zeigt die Schönheit dieses vielgestaltigen Gesichts. Jede Kultur trägt positive Werte und Gestaltungsformen bei, die die Art und Weise bereichern können, wie das Evangelium verkündet und gelebt wird" (EG 116).

Der Theologie verstanden als prophetisch- befreiende Verkündigung geht eine ethisch-moralische Grundentscheidung voraus: die gelebte Solidarität mit den Unterdrückten und Opfern. In ihre Welt und ihre reale Situation einzutreten und sie so in ihrer Existenz zu bejahen, ist die Voraussetzung dafür, ihr Wort als Wort Gottes zu hören. Ausgangspunkt ist somit nicht das, was die Theologen über die Wirklichkeit gesagt haben, sondern das, was die Wirklichkeit selbst uns sagt. Eine solche Theologie, die ausgeht von der Welt des Andern in der Peripherie, dem „Kolonisierten“ und von ihm getragen und formuliert wird, wird eine andere Theologie sein als es die europäische Theologie je sein kann und sie wird deshalb auch andere Fragen und Probleme haben. „Die Frage wird daher nicht so sehr die sein, wie man in einer mündigen Welt von Gott sprechen soll, sondern vielmehr die: Wie soll man Gott als Vater verkünden in einer unmenschlichen Welt? Wie soll man dem Mitmenschen glaubwürdig sagen, dass er ein Kind Gottes ist“? (G. Gutiérrez).

Das Beispiel einer einheimischen Kirche („de poncho y sombrero“)

Das folgende und in der Praxis bewährte Beispiel könnte auch für die europäische Kirche Hinweise geben, warum eine wirkliche Evangelisierung in unserer Region möglicherweise nicht wirklich stattgefunden hat. Denn wie und warum sind diese „unsere“ Kirchenstrukturen so geworden und mit welchen Ergebnissen? Wäre es nicht sinnvoller, uns gemeinsam auf die befreienden Erfahrungen des Exodus und Botschaften der Propheten zu besinnen und versuchen zu verstehen, was die Worte und Taten von Jesus dem Christus für die Menschen seiner Zeit bedeutet haben? In einigen Regionen geschah dies beispielhaft. Sie haben die befreiende Botschaft und die daraus folgende Praxis konkret als ein „Mehr an der Fülle des Lebens“ erfahren. Zum ersten Mal haben sie sich als Menschen mit unveräußerlichen Rechten und einer unantastbaren Würde, mit der Verheißung eines Lebens in Fülle erfahren. Und diese Verheißung nahm Gestalt an und setzte ungeahnte Kräfte frei im Kampf für eine gerechtere Welt. Kehrt um, eine neue Zeit bricht an – das Bisherige führt zum Untergang. Wäre diese Botschaft heute nicht dringender als je zuvor?

Die Diözese Cajamarca in Peru gilt unter lateinamerikanischen Kirchenhistorikern als Diözese, in der der „Geist des Konzils“ beispielhaft und wegweisend umgesetzt wurde (1962-1992). Die befreienden Erfahrungen, angestoßen und begleitet von Bischof José Dammert, beeinflussten auch die Dokumente von Medellín, 1968. Als Bischof Dammert 1962 nach Cajamarca kam, fand er eine Situation in seiner Diözese vor, die all das, was er vorhatte, als scheinbar aussichtslos erscheinen ließ. Wie er einmal auf einer Pastoralkonferenz im März 1978 sagte, wäre es einerseits für einen Neubeginn leichter gewesen, wenn die gesamte Bevölkerung noch nie etwas vom christlichen Glauben gehört hätte, denn dann könnte man mit der Evangelisierung direkt anfangen und müsste nicht zuerst so viele Steine einer falschen und pervertierten Christianisierung aus dem Weg räumen. Andererseits konnte man aber doch an gewisse vorspanische Traditionen und Werte anknüpfen, nur galt es, diese im Lichte des Evangeliums neu zu deuten und zu integrieren.

Eine Analyse der Situation ergab für den Bischof das Ergebnis, dass eine eigentliche Evangelisierung nicht stattfand. Es herrschte eine religiöse Ignoranz in der christlichen Lehre, sowohl auf dem Lande als auch in der Stadt. Die von Europa übergestülpten kirchlichen Strukturen, einschließlich der Ausbildung der Priester, war für eine echte Evangelisierung wenig hilfreich, wenn nicht gar hinderlich. Als Folge der mangelnden Evangelisierung gab es keine pastoralen Mitarbeiter, die für die Evangelisierung der riesigen Gebiete ausgebildet waren. Die bestehenden kirchlichen Strukturen und eine dem Evangelium wenig gemäße Praxis sind eine Folge der mangelnden Evangelisierung. „Wir haben in unserer Kirche ein großes Problem, das nun seit 500 Jahren besteht: Es ist nie eine peruanische Kirche entstanden. Diese erste Evangelisation war nur eine sehr eingeschränkte, weil man die Kultur der Anden und die Sprache der Indios nicht verstanden hatte“ (Dammert, als Präsident der per. Bischofskonferenz beim Katholikentag 1992 in Karlsruhe). Und 1973: „Die kirchlichen Strukturen, wie sie uns übergestülpt worden sind, verhindern eine Evangelisierung. Die Pfarreien in ihrer jetzigen Form sind nicht geeignet zu evangelisieren. Eine Erneuerung der Strukturen ist schwierig, denn die Pfarrer sind in eben dieser Struktur und für diese Struktur vorbereitet und es fehlt ihnen eine Vision, um dies zu ändern".

Bischof Dammert stellt nicht das Konzept der Pfarreien an sich in Frage - im Gegenteil, er möchte es ja stärken und mit neuem Leben füllen. Als Experte im Römischen Recht und Kirchenrecht hat er immer darauf hingewiesen, dass das Recht dem Menschen zu dienen habe. Für Dammert war die Struktur der Pfarreien auch deshalb so skandalös, weil sie es verhinderte, dass sich eucharistische Gemeinschaften bilden konnten. „In einer Pfarrei mit dieser Ausdehnung und mit 40.000 - 80.000 getauften Menschen wäre dies selbst bei bestem Willen seitens des Pfarrers nicht möglich gewesen. Ohne diese eucharistischen Gemeinschaften aber kann es keine Kirche geben“ (Hirtenbrief 1965). Seine Kritik richtete sich im Allgemeinen nicht gegen einzelne Pfarrer, sondern er betrachtete diese eher als Opfer eines Systems, das den Pfarrern schwere Opfer auferlegte. Sie waren für ihre Aufgaben nicht ausgebildet und aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu den städtischen Schichten, ihrer Erziehung und ihrer Sozialisierung, lag der Gedanke, die Indios als „Brüder und Schwestern“ anzusehen, außerhalb ihres Vorstellungshorizontes - von Ausnahmen abgesehen. Die Pfarreien sind daher vor allem Nachfragen nachgekommen, die in Beziehung zu einem sehr rituellen Kult stehen, der seine Basis wiederum in einem zahlenmäßig sehr reduzierten Klerus hatte. Steuerlich und finanziell abhängig von kolonialen Praktiken und Gesetzen, ist die Kirche zu einer Institution geworden, in der die Reichen eine Zuflucht und Stütze fanden, um eine bestimmte Ordnung aufrecht zu erhalten und zu bewahren.

Inhaltliche (theologische) Erneuerung und darauf aufbauend neue Strukturen

Ein solcher Blick von außen hilft uns, unser eigenes „System“ zu relativieren, als überholt zu erkennen und macht offen für neue Perspektiven. Vor allem ein Rückblick auf die Entstehung der ersten christlichen Gemeinschaften und ähnliche aktuelle Erfahrungen in und mit Basisgemeinden in der Weltkirche kann uns ermutigen, befreiende Schritte zu wagen. So lebte ich selbst für einige Jahre in indigenen Gemeinschaften (Campesinos in Peru), in denen Frauen und Männer von ihren Gemeinschaften ausgewählt und dann vom Bischof für verschiedenen Dienste beauftragt wurden: eucharistische Gemeinschaften leiten, Taufe spenden, das Ehesakrament begleiten, Bußandachten organisieren und Sterbende begleiten. (Siehe: „Frauen en avant“ im GM 2020). Wichtigstes Kennzeichen dieser Gemeinschaften sind das Teilen im weitesten Sinn und der Dienst am Nächsten in der Nachfolge Jesu („Fußwaschen“ - siehe Beitrag in „Brot teilen – Grundsakrament der Kirche“). Im Kontext ihrer jeweiligen Situation organisieren sie sich entsprechend lokaler und kultureller Eigenheiten. Daraus ergibt sich sowohl lokal als auch global eine bunte Vielfalt von „Kirche sein“.

Es ist hier nicht der Ort, um alle aktuellen Konfliktfelder und entsprechende Auswege zu diskutieren. Genannt seien nur: Die Rolle der Frauen („womenpractising versus „mansplaining“?); Bedeutung der Sexualität (Erbsünde – Opfertod Jesu); Klerikalismus und hierarchische Strukturen, Glaubwürdigkeit … u.v.m. Die Beschäftigung damit wird uns erkennen lassen, dass unsere Kirche noch wesentlich geprägt ist von römischen Ritualen und Strukturen gegen Ende des römischen Imperiums. 

Das Werk von Prof. Johannes Meier

J. Meier mit seinem Werk hat hierfür einen unverzichtbaren Beitrag geleistet. Sein Blick auf die Kirchengeschichte aus der Perspektive der Kolonisierten hilft uns zu verstehen, zu welchen den Menschen verachtenden Strukturen und Methoden eine „imperiale Kirche“ auf der Basis einer „imperialen Theologie“ führen kann. Dieser Blick zeigt uns aber auch, wie es immer wieder Menschen gegeben hat, die in der Nachfolge Jesu unter Einsatz ihres Lebens die zum Himmel schreienden Missstände angeklagt und sich mit den Bedrängten aller Art für eine bessere Welt eingesetzt haben. Johannes Meier ging es stets vor allem darum, Stimme derer zu sein, die in der Geschichte der Kolonialisierung und der damit einhergehenden „Evangelisierung“ bestenfalls als Objekte vorkamen. Gleichzeitig ist es ihm auch ein wichtiges Anliegen, Beispiele zu dokumentieren, wie mutige Bischöfe und Ordensfrauen für die Rechte der Indigenen gekämpft haben. Hier sind vor allem beispielhaft Bartolomé de las Casas zu nennen und der Kampf der Dominikaner gegen die Versklavung der indigenen Völker. Gerade die Orden haben sich nicht selten als Schutzeinrichtungen für die indigenen Völker vor Ausbeutung, Zwangsarbeit und Habgier erwiesen.

Seine Arbeit sieht er auch als Kritik an der immer noch weit verbreiteten akademischen Theologie und der deutschen kirchengeschichtlichen Forschung, deren Perspektive sich allein auf Deutschland und Europa beschränkt und - implizit oder explizit - von der Überlegenheit europäischen Denkens und religiöser Praxis ausgeht. „Fragt man Johannes Meier nach dem schönsten Moment seines Lebens, nennt er spontan den 13. März 2013. An diesem Tag war zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums kein Europäer, sondern mit Kardinal José Mario Bergoglio ein Mann `vom Ende der Welt` zum Papst der römisch-katholischen Kirche gewählt worden. Damit bildete sich endlich und unübersehbar eine bereits lange andauernde Entwicklung auch in der amtskirchlichen Hierarchie ab, die für Johannes Meier Zeit seines Forscherlebens den stärksten Antrieb bildete: Die Überwindung des vorherrschenden Eurozentrismus in amtskirchlichen Strukturen, aber auch in der akademischen Theologie“ (aus: „Die Stimme erheben“, s.o).

Dr. theol. Willi Knecht, wird veröffentlicht im August 2021 in „Der Geteilte Mantel“, dem weltkirchl. Magazin der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Jährliche Erscheinungsweise, Auflage 12.000, verschickt an Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen,Verbände etc.