Die Kirche von Cajamarca – Herausforderung einer Option für die Armen in Peru
Diese Dokumentation von Willi Knecht wirft ein Schlaglicht auf die gegenwärtige Verfassung der katholischen Kirche. Während die Diözese Cajamarca bzw. die Arbeit von Bischof Dammert bei Theologen und z.B. auch bei CEHILA (Zentrum für Kirchengeschichte Lateinamerika) als eines der besten Beispiele für die Umsetzung der Beschlüsse und des Geistes des Konzils gilt, wird gerade deswegen nun vom Nuntius in Peru diese Arbeit als Schande für die Kirche bezeichnet. Er bringt den "Zusammenbruch der Kirche" unter Dammert in expliziten Zusammenhang mit den "Irrwegen" als Folge des Konzils. Dies wird im bei liegenden Text dokumentiert und gedeutet.
Zur Amtseinführung des neuen Bischofs in Cajamarca am 19.12.2004 - Worte des Nuntius
Das wichtigste Ereignis in der Kirche von Cajamarca in den letzten 12 Monaten war die Ernennung und Amtseinführung des neuen Bischofs José Carmelo Martínez Lázaro. Die Amtseinführung bzw. Amtsübergabe fand in der Kathedrale von Cajamarca unter der Leitung von Bischof Simón Piorno, bis dato Administrator der Diözese und vom 1.12.1992 bis 31.3. 2004 Bischof von Cajamarca. Neben dem Erzbischof von Trujillo und weiteren Bischöfen war der apostolische Nuntius von Peru, Rino Passigato, der Hauptgast. Er las im Namen des Papstes, die Ernennungsurkunde vor. Davor hielt er eine kurze einführende Ansprache, in dem er besonders Bischof Simón für dessen hervorragende Arbeit dankte. So weit, so üblich.
Er stellte dabei aber Bischof Simón im bewussten Kontrast zu dessen Vorgänger (Bischof Dammert) dar, der angeblich viele tiefe Wunden hinterlassen und unter dessen 30-jähriger Amtszeit die Kirche schweren Schaden erlitten habe. Bischof Simón dagegen habe die Kirche wieder auf den rechten Weg geführt, usw. Vor allem die anwesenden ehemaligen Mitarbeiter von Bischof Dammert (allerdings war nicht ein einziger Campesino anwesend), darunter auch mehrere Priester, haben diese Worte schwer getroffen. Wie mir einige sagten, hätten sie am liebsten sofort die Kathedrale verlassen. Sie sahen ihre Arbeit, ihren Glauben und sich selbst persönlich verunglimpft und in den Schmutz gezogen. Auf der jährlichen Diözesanversammlung im März 2005 war dieser Punkt im Beisein des neuen Bischofs ein Hauptthema. Es wurde beschlossen, einen Protestbrief an den Nuntius zu schreiben, Rolando Estela und Marco Arana (u.a.) waren die treibenden Kräfte. Dieser Brief wurde von mehr als 2/3 der Versammlung unterschieben und an den Nuntius geschickt. Die Antwort des Nuntius erfolgte prompt. Er verwies darauf, dass er Bischof Dammert nicht erwähnt habe und dass seine Ausführungen auf objektiven Daten beruhten.Vor allem aber weist er darauf hin, dass die Missstände in Cajamarca von 1962 - 1992 eine Folge des Konzils gewesen seien. In ganz Peru und auch in anderen Ländern Lateinamerikas kam es in der Folge des Konzils zu einem ähnlichen Zerfall der Kirche wie in Cajamarca. Damit gibt er letztlich dem Konzil die Schuld an allen Verwerfungen.
Während meines Aufenthaltes in Cajamarca wurde mir der Brief der Diözesanversammlung mit den Un terschriften und die Antwort des Bischofs übergeben. Die Antwort des Nuntius hatte, wie man mir sagte, noch mehr Ärger und persönliche Enttäuschung verursacht. Einen Punkt in der Antwort hatte man aber „übersehen“: dass der Nuntius das Konzil als Ursache für alle „Übel“ ansieht, zumindest einen direkten Zusammenhang herstellt. In Gesprächen mit Priestern und „alten“ Mitarbeitern Dammerts wies ich auf diesen Punkt hin und die Gesprächspartner nahmen diese Deutung der Antwort dankbar auf. Motto: es geht nicht nur um persönliche Betroffenheit - was bitter genug ist - sondern darum, dass hier offiziell und schriftlich von einem Vertreter der Kurie das Konzil und die damit verbundene Erneuerung der Kirche zur Disposition gestellt wird bzw. dass man in die Zeiten vor dem Konzil zurück will und darin nun die Lösung aller Probleme sieht. Um den ganzen Vorgang um die Amtseinführung sachgerecht und wortgetreu dokumentieren zu können, musste ich mir die einführenden Worte des Nuntius beschaffen. Zum Glück wurde dies alles auf Video aufgezeichnet und war noch nicht gelöscht worden (denn niemand hatte den Wert dieser Aufzeichnung erkannt oder hatte die Zeit, diese auszuwerten). Ich sah und hörte mir mehrere Male das Video an, machte ein Kopie und lies die Worte des Nuntius von unbeteiligten Personen deuten. Alle kamen zu dem Ergebnis, dass Bischof Dammert, seine Mitarbeiter und deren Arbeit vom Nuntius in den Schmutz gezogen werden. Diese Dokumentation - exemplarisch, weil hier von einem Vertreter der Kurie offen ausgesprochen wird, was manche insgeheim befürchtet haben - wird hiermit nun vorgestellt. Es ist zu befürchten, dass das, was in Lateinamerika geschieht, auch in Deutschland (u.a.) - wenn auch mit mehr Vorsicht und nicht allzu plump - zur Regel werden soll. Die Fenster, die Johannes XXIII geöffnet hatte, sollen wieder verschlossen, ja verriegelt werden. Dem ist im - Namen der Kirche - zu widerstehen!! **
Apostolischer Nuntius der Katholischen Kirche in Peru Cajamarca, 4. März 2005 Apostolische Nuntiatur, LIMA Exzellenz: Einen herzlichen Gruß von den Unterzeichnern (s. u.),
Teilnehmer der Diözesanversammlung 2005 von Cajamarca. In der Folge möchten wir mit tiefem Schmerz unser Befremden wegen Ihrer Worte ausdrücken, die Sie an die Gläubigen unserer Diözese zu Beginn der Hl. Messe aus Anlass der Amtseinführung von Bischof José Carmelo Martínez Lázaro am 19. Dezember des vergangenen Jahres gerichtet haben. Wir halten Ihre Aussagen über die Zeit der „30 Jahre vor” der Ankunft von Bischof Ángel Francisco Si món Piorno für ungerecht, verfehlt, zutiefst einseitig und dem Evangelium widersprechend. Viele von uns, Priester, Ordensleute und Laien, hatten die Freude, während der Amtszeit von Bischof José Dammert Bellido an seiner Seite arbeiten zu dürfen. Wir sind Zeugen seiner Bescheidenheit, seines Glau benseifers, seiner evangeliumsgemäßen Barmherzigkeit, seiner tiefen Spiritualität und seiner Liebe zur Kirche gewesen. Außerdem hat die Offenheit und Hingabe für die Ärmsten - Menschen, die nicht die Gewohnheit haben, sich in schäbiger Weise hinterrücks beim Nuntius zu beklagen - Bischof Dammert eine hohe moralische und vorbildliche Autorität verliehen, exemplarisch für die Kirche insgesamt. Wie Jesus uns in einem solchem Fall lehrt (Mt 18, 15 - 17), bitten wir Sie um der brüderlichen Barmher zigkeit und um der Einheit der Kirche von Cajamarca willen, dass Sie Ihre Worte zurücknehmen, sowohl in Bezug auf die Person von Bischof Dammert, als auch auf alle pastoralen Mitarbeiter, die in Einheit mit ihm zusammen gearbeitet haben und letztlich im Bezug auf die Kirche von Cajamarca, die diesem Bischof, einem treuen Sohn der Kirche, so viel zu verdanken hat. Wir hoffen auf Ihr christliches Verständnis, um unsere Sorge und die Wunden, die ihre Worte in uns und in so vielen anderen Personen, die Bischof Dammert nahe waren, verursacht haben, verstehen zu können
Mit brüderlichem Gruß Es folgen etwa 180 Unterschriften (Priester, Ordensleute, Laien), mit Adresse und Nummer des Ausweises. Antwort: Lima, 21. März 2005 NUNCIATURA APOSTOLICA En EL PERU N. 3532
Brüder und Schwestern in Christus! Hier meine Antwort auf den Brief vom 4. März, den ich am 19. März empfangen habe, geschrieben von den Teilnehmern der Diözesanversammlung 2005 von Cajamarca, bewegt von dem aufrichtigen Wunsch, das so wertvolle Geschenk der kirchlichen Einheit zu bewahren. Ich möchte Ihnen mitteilen, dass meine Worte in der Hl. Messe aus Anlass der Amtseinführung von Bischof José Carmelo Martínez Lázaro (O.A.R.) von dem einzigen Wunsch getragen waren, die Arbeit dessen Vorgängers, Bischof Ángel Francisco Simón Piorno, anzuerkennen. Denn als dieser nach Cajamarca kam, hat er eine alles andere als leichte Aufgabe vorgefunden. Damit habe ich in keiner Weise jemanden verletzen wollen. Ich habe niemanden angeklagt. Ich habe keinen Namen erwähnt, am wenigsten den von Bischof José Dammert Bellido. Ich sprach von einer Epoche, in der die Kirche von Cajamarca eine lange Leidenszeit durchleben musste. Und das habe ich gesagt, ohne auf „hinterhältige Denunzierungen“ gehört zu haben, sondern weil ich mich auf objektive Daten gestützt habe: Aufgabe religiöser Praktiken wie Messfeiern, Sakramentenempfang und Glaubensunterweisung; ein Krise geistlicher Berufungen und der Identität (Glaubenskrise) verschiedener Priester und geweihter Personen - ein Phänomen, das nicht nur Cajamarca heimgesucht hat, sondern von dem auch andere Teilkirchen in Peru und in anderen Ländern während der Zeit nach dem Konzil betroffen waren („en la época postconciliar“). Hoffentlich ist diese Leidenszeit jetzt vorbei! Alle mögen sich engagieren und arbeiten, entsprechend ihrer Berufung und ihres Charisma, in Treue zum Evangelium von Jesus Christus und in voller Einheit mit dem Stellvertreter Christi und seinen Hirten, um so die Einzige Kirche des Herrn zu errichten. Frohe Ostern! Unterschrift + Rino Passigato Nuncio Apostólicó **
Die einleitenden Worte des Nuntius in Peru, Rino Passigato, an die Gläubigen bei der Amtseinführung von Bischof José Carmelo Martínez Lázaro, am 19.12.2004, in der Kathedrale von Cajamarca. „Wie üblich bei einer solchen Gelegenheit, erlauben Sie mir vor der Verlesung der apostolischen Worte (Ernennungsurkunde), Ihnen den väterlichen Gruß und den Segen des Hl. Vaters zu überbringen, ebenso meinen ganz persönlichen Gruß. Er gilt zuerst dem Hochwürdigsten Bischof Ángel Francisco Simón Pior no, bis heute der apostolische Administrator dieser Diözese von Cajamarca und seit einigen Monaten Bi schof von Chimbote. Im Namen des Hl. Stuhles und in meinem eigenen Namen möchte ich ihm den le bendigsten, aufrichtigsten und tiefsten Dank für seine großherzige Arbeit aussprechen, die er in dieser Diözese und für die Kirche im Besonderen während seiner Amtszeit von zwölf Jahren geleistet hat. Er hat das Erbe einer Kirche angetreten, die sehr verwundet war. Nach und nach hat er diese Wunden gepflegt und geheilt. Er hat so das Gewebe (Netz) einer religiösen und diözesanen Familie wieder hergestellt hat, die sehr unter den „Unwettern“ einer Epoche gelitten hat, die nichts Verdienstvolles in den letzten dreißig Jahren vor seiner Ankunft zustande gebracht hat. Mein tiefster Dank für diese intelligente, uneigennützige und effiziente Arbeit, die Bischof Ángel Francisco Simón Piorno vollbracht hat! Und wie ich schon das Glück hatte, ihn vor acht Monaten in Chimbote willkommen zu heißen, so habe ich jetzt die Freude, ihm im Namen des Hl. Vaters sagen zu können: Danke für alles, was er für Cajamarca gemacht hat!“
Quelle: Audiovisuelles Archiv (Video) SONOVISO, Cajamarca. (Kopie der gesamten Amtseinführung in meinem Besitz) Übersetzung aller Dokumente: Dr. theol. Willi Knecht Ulm, den 16. Oktober 2005 _________________________________________________________
Kommentar von Willi Knecht: