"Femmes en avant" - Maria 2.0

„Femmes en avant“. Frauen übernehmen Verantwortung als Gemeindeleiterinnen

Nicht erst seit Maria 2.0 wird die tragende und unverzichtbare Rolle von Frauen in der Kirche öffentlich diskutiert. Ihre kirchenpolitisch zweitrangige Rolle wird von vielen als Skandal empfunden - vor allem von den Frauen selbst, aber zunehmend auch von Männern, von Laien und von geistlichen Amtsträgern. Die Amazonas-Synode hat offenkundig gemacht, dass in vielen Ländern des Südens ohne Frauen in Leitungsverantwortung kirchliches Leben verschwinden würde. Viele Bischöfe dort haben das erkannt und Frauen als Gemeindeleiterinnen eingesetzt.

Nach Ansicht von Kirchenrechtlern hat Papst Franziskus diesem Sachverhalt in „Querida Amazonia“, dem Postsynodalen Schreiben zur Amazonas-Synode Rechnung getragen. In Kapitel 94 schreibt er: „Eine Kirche mit amazonischen Gesichtszügen erfordert die stabile Präsenz reifer und mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter Laien-Gemeindeleiter, die die Sprachen, Kulturen, geistlichen Erfahrungen sowie die Lebensweise der jeweiligen Gegend kennen und zugleich Raum lassen für die Vielfalt der Gaben, die der Heilige Geist in uns sät.“ Mit anderen Worten: Es ist davon die Rede, dass in Amazonien Laien kirchliche Ämter innehaben und sie mit Vollmachten ausgestattet synodal über den Weg der Kirche effektiv mitentscheiden (!) können.

 Dass nicht (männliche) Kleriker („soli clerici“, CIC can. 274 § 1), sondern auch Laien Leitungsämter ausüben und sakramentale Handlungen vornehmen, scheint darin impliziert zu sein. Papst Franziskus denkt das Amt vom Volk her und beruft sich dabei auf die bereits lang andauernde und auszubauende laikale pastorale Praxis in Lateinamerika.

In Europa hat sich diese Einsicht noch nicht in dieser Deutlichkeit durchgesetzt. Doch es gibt auch ermutigende Entwicklungen. Zwei Beispiele zeigen im Folgenden, dass das sehr wohl geht: Frauen als Gemeindeleiterinnen. Das erste Beispiel erzählt von Barbarita in Bambamarca, Peru.

Zum Beispiel Barbarita: Ein Campesino-Mädchen wird Katechetin und Gemeindeleiterin *

Willi Knecht, Mitarbeiter von Bischof Dammert von 1976 – 2005, hat als „agente pastoral“ in Bambamarca eng mit Barbarita und den anderen Katechet*innen zusammengearbeitet

Barbarita war gerade 14 Jahre alt (1963) als sich in ihrer Comunidad (“Weiler”) die Nachricht verbreitete, dass neue Priester nach Bambamarca gekommen waren, die ganz anders als die bisherigen waren. Einer der drei neuen Priester ging sogar zu Fuß bis zu den entlegensten Comunidades. Dort sprachen die beiden über Jesus, sie hörten sich die Probleme der Leute an und schliefen sogar in deren Hütten. Ob das mit rechten Dingen zuging?  Barbarita wurde neugierig. Ein Jahr später war sie noch mehr überrascht. Sie hörte von zwei jungen verheirateten Männern, die nun anders waren als vorher. Wie viele andere Männer auch, hatten sie gerne getrunken und Coca gekaut, so dass von dem bisschen Geld nichts mehr für die Familie übriggeblieben war. Ihre Frauen hatten die ganze Arbeit zu verrichten, dazu die Erziehung der Kinder; Prügel waren für sie die angemessene Form der Kommunikation mit den Frauen gewesen, echte Männer eben. Nun aber waren die beiden ganz verändert. Sie hatten an Kursen der Pfarrei teilgenommen und jetzt waren sie „neue Personen”. Bald lernte Barbarita selbst einen solchen “neuen Mann” in ihrer eigenen Comunidad kennen. Er erzählte ihr mehr von den Kursen und auch davon, dass nicht mehr alles wie bisher bleiben könne, dass auch Campesinos Menschen seien und dass ihr Glaube mehr bedeute als die Hoffnung, auch in den Himmel der Frommen von der Stadt aufgenommen zu werden.

Barbarita wollte nun auch solche Kurse besuchen. Und sie hatte Glück, denn ihr Vater war nicht so wie viele andere und ließ sie in die Stadt gehen - allerdings unter einer Bedingung: sie durfte ihre normale Arbeit nicht vernachlässigen und musste etwas von den Kursen mitbringen. So stand sie um 4 Uhr morgens auf, bereite das Feuer vor, holte Wasser, versorgte die Tiere und wusch die Wäsche, die sie am Abend vorher nicht mehr waschen konnte, weil kein Wasser mehr da war. Für das Frühstück blieb keine Zeit mehr. Eine volle Stunde brauchte sie, um in die Stadt zu kommen (etwa 8 km), in das Kurszentrum am Ortsausgang von Bambamarca, das gerade in freiwilliger Mitarbeit von Hunderten Campesinos errichtet worden war. Erst um Mittag und manchmal weinend vor Hunger, aß sie zum ersten Mal. Um 18 Uhr lief sie zurück, und weil es bereits dunkel wurde, rannte sie so schnell sie konnte. Bis tief in die Nacht hinein musste sie noch ihrer Mutter helfen: Kartoffeln schälen, die Hütte in Ordnung bringen usw. Als Älteste von 12 Geschwistern teilte sie mit der Mutter die gesamte Verantwortung.

Es dauerte nicht lange, und es bildete sich eine Gruppe von meist noch sehr jungen Frauen in ihrer Comunidad, zunächst gegen den Widerstand der meisten Männer. Doch inzwischen hatte auch der Katechet der Comunidad an Einfluss gewonnen und es kam nicht zu einem offenen Konflikt. Neben dem Erlernen von Handarbeiten, Fragen der Hygiene und vielen anderen praktischen Dingen, wurden auch religiöse Lieder gesungen. Doch das wichtigste war, dass sie von einem Jesus hörten, der wie sie in einer Lehmhütte geboren wurde, der von einem liebevollen Vater sprach, der alle seine Kinder gleichbehandele und ein besonderes Herz aber für die Ärmsten habe. Und aus der Himmelskönigin Maria wurde das einfache Bauernmädchen, das voller Stolz seinen Gott preist, weil er sie auserwählt hat, der Welt den Befreier zu schenken.

Da Barbarita fleißig in den zentralen Kursen am Stadtrand zugehört hatte, wurde sie bald zur Leiterin der Frauengruppe gewählt und sie ging sogar in die benachbarten Comunidades, wo auch bald danach Frauengruppen entstanden. Schließlich wurde sie von ihrer Comunidad ausgewählt, die Intensivkurse zu besuchen um die Beauftragte für Gesundheit (promotora de salud) zu werden. Dies war sie dann über 10 Jahre lang. Parallel zu dieser Tätigkeit als Promotora besuchte sie die Pastoralkurse der Pfarrei und sogar in Cajamarca. Und so war es eine logische Entwicklung, dass sie nach zehn Jahren auch zur Katechetin wurde. Als Katechetin war sie verantwortlich für alle Wortgottesdienste, Tauf- und Firmvorbereitung, Betreuung der Familien und die Mitbetreuung der gesamten Zone. Kurz darauf wurde sie von Bischof Dammert auch als erste Frau zur Tauf- und Gemeindebeauftragten ernannt. Sie durfte im Namen des Bischofs in ihrer Comunidad (Gemeinde mit etwa 1.500 Menschen), Kinder taufen, Ehen schließen und das Evangelium verkünden. Sie war die von der Gemeinde gewünschte und dann vom Bischof beauftragte Gemeindeleiterin. Bald erstreckte sich ihre Tätigkeit auch auf das gesamte Gebiet der Pfarrei, einer Pfarrei mit etwa 100.000 Katholiken, aufgeteilt in 10 Zonen, und 200 gut ausgebildeten Katecheten/innen. In Begleitung erfahrener Katecheten besuchte sie auch immer mehr weiter entfernt gelegene Gebiete innerhalb der Pfarrei. Als Katechetin und Taufbeauftragte arbeitete sie auch am Pastoralplan der Pfarrei mit. Einmal im Jahr kam es zu einem Treffen auf Diözesanebene, um gemeinsam mit anderen Verantwortlichen den Pastoralplan der Diözese auszuarbeiten.

Ihr Hauptziel war: die “Gute Nachricht” verkünden und neue Gruppen bilden. Das, was sie selbst bei sich erfahren hat, wollte sie anderen weitergeben. Inhaltlich standen das Leben Jesu und der Apostel im Mittelpunkt, denn die biblischen Geschichten waren wie aus ihrem eigenen Leben gegriffen. So erfuhren die Menschen nicht nur zum ersten Mal etwas von der Bibel, sondern sie lernten auch die Bedeutung der Taufe und der Sakramente kennen.

Auf Zeit war sie u.a. Sprecherin des Gesamtkirchengemeinderates von Bambamarca und Präsidentin aller vereinigten Frauengruppen (über 100). Dabei kam sie auch immer wieder mit der “Reaktion” der Mächtigen in Konflikt und sie wurde einige Male eingesperrt. Ende 1991 überträgt ihr der Bischof zusammen mit drei erfahrenen Taufbeauftragten (Don Neptalí, Don Candelario, Don Concepción) die Leitung der Gesamtkirchengemeinde Bambamarca. 

Für sie selbstverständlich, aber es soll dennoch eigens betont werden: für ihre über 30 Jahre hinweg dauernde Tätigkeit bekam sie niemals auch nur das geringste Gehalt. Als ihre wesentlichen Impulse nennt sie (außer dem Evangelium): Das 2. Vatikanische Konzil, wo sie erfahren hat, dass alle Menschen gleich sind und frei, dass alle zu dem einen Volk Gottes gehören und dass die Kirche diejenige Gemeinschaft ist, die davon Zeugnis ablegt. Speziell von Medellín hat sie gelernt, dass es eine Einheit zwischen Volk und Bischöfen gibt und dass die Bischöfe auf der Seite des Volkes gegen jede Art von Missbrauch stehen. All dies haben sie erfahrene Katecheten gelehrt, sowie einige Priester und Ordensschwestern. Voraussetzung für den Erfolg dieser Frohen Botschaft war, dass die, die lehrten, auch mit den Betroffenen lebten, z. B. in der Lehmhütte die Kartoffelbrühe teilten, dass sie zuhörten, lernten. Barbarita: “Worte allein sind hohl, Taten schaffen Vertrauen”.

Heute beklagt sie, dass sie vielleicht zu wenig auf ihre Gesundheit geachtet hat. Sonst ist sie sehr zufrieden, denn ihre Arbeit in der Kirche hat sie nicht wegen materieller Belohnung gemacht, sondern um das Erlernte und am eigenen Leib Erfahrene mit anderen zu teilen. Sie ist zufrieden, weil sie den Willen Gottes erfüllt hat. Und was bedeutet für sie der Wille Gottes? - die “Gute Nachricht” den Menschen bringen, die Nachricht von der Würde als Kind Gottes und der Befreiung der Menschen von allem, was sie daran hindert, Mensch zu sein. Als ihre größte Stütze (neben ihrem Ehemann, der wie sie zum Katecheten wurde), nennt sie Bischof Dammert, den sie als wahren Freund erlebt hat. Er war es, der die “Gute Nachricht” aufs Land brachte und zu den Armen, der keinerlei Unterschiede zwischen den Menschen machte und der sich vorbehaltlos für die Schwächsten einsetzte.

Willi Knecht, 1998

 * aus: “Die Armen zuerst! - 12 Lebensbilder lateinamerikanischer Bischöfe“, Grünewald 1999; Hg. J. Meier, daraus: „Die Wehklagen derer, die leiden, lassen mich nicht ruhen“- Bischof José Dammert Bellido, Bischof in Cajamarca von 1962 - 1992 (Willi Knecht, Mitarbeiter Dammerts von 1976 - 2005). Die Diözese Cajamarca und ihr Bischof José Dammert wurden über die Grenzen Perus hinaus zum Vorbild einer erneuerten Kirche auf der Seite der Armen.

Erneut veröffentlicht am 01.07.2020 in „Der Geteilte Mantel“, dem weltkirchlichen Magazin der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Jährliche Erscheinungsweise, wird verschickt an die Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen, Verbände etc., Auflage 12.-15.000.  Das Jahresthema 2020 in „Der geteilte Mantel“ lautet: „Aufbruch?!“

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