Brief an alle 27 Bischöfe (Sept. 2010)

Lieber Bischof ……,    (nicht öffentlicher Brief an alle Bischöfe, 15. 9. 2010)

Lähmung, gar Schockstarre, sich einmauern, Angst, Schönreden - aber nichts tun. Schlagworte, die man zuletzt hörte, wenn von deutschen Bischöfen die Rede war. Zu Recht oder Unrecht, das sei dahin gestellt, und ich möchte dies nicht beurteilen, zumal ich in jedem Bischof zuerst einen gläubigen Menschen sehe, dem eine große Verantwortung auferlegt wurde. Fakt ist aber, dass gerade engagierte Gläubige sehr verunsichert sind, aber dennoch große Hoffnungen auf eine Erneuerung der Kirche setzen - aber wie lange noch? Angesichts dieser Situation, deren Ursachen ich hier nicht aufzählen muss, ist der Erwartung nach Erneuerung sehr hoch, (zu hoch?). Den Satz „Es muss sich etwas bewegen, sonst ….“, habe ich oft gehört.

Daher würde es von vielen ernsthaften Gläubigen wie ein Befreiungsschlag aufgenommen werden, wenn die Kirchenleitungen einen Schritt nach vorne machen würden - nicht nur weil „das Volk“ es wünscht, sondern weil dies vom Evangelium her und um unser aller Kirche selbst willen dringend geboten erscheint. „Und sie bewegt sich doch…!“ - eine solche Erfahrung würde viele neue Kräfte wecken. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und das Bewusstsein, Kirche zu sein, würde gestärkt. Viele engagierte Gläubige (den anderen ist dies eh egal) leiden zwar oft unter der Kirche, aber sie sehnen sich nach einer Kirche, die den Menschen nahe ist, die glaubwürdig ist und in der die „Frohe Botschaft“ an erster Stelle steht. Und wir möchten diesen Weg mit den Bischöfen zusammen gehen, denn wir alle sind Kirche. Es geht nicht um einen Aktionismus, sondern um Besinnung auf die Quellen, unsere Ursprünge und unsere Ziele.

Sie werden sicher mit allen möglichen Ideen und Vorschlägen zugedeckt, bedenkenswerte und unrealistische. Ich kenne alle diese Diskussionen. Ich möchte Ihnen zwei Anliegen vortragen, die m.E. machbar sind, selbst nach geltendem Kirchenrecht, die „niederschwellig“ sind, d.h. die geeignet sind, einen möglichst großen gemeinsamen Nenner zu finden. Es geht ja wie gesagt darum, gemeinsam (!) Wege zu finden, damit die Kirche immer mehr zu dem wird, was sie sein soll: zu einem Zeichen des Heils für die Menschen und die Welt.

1. Gemischt konfessionelle Ehepaare und wieder verheiratet Geschiedene.

Die Ehe ist ein Sakrament, Zeichen und Abbild der Liebe Gottes zu den Menschen. In  der Enzyklika „Humanae Vitae sagt (Kap 8): „Die eheliche Liebe zeigt sich uns in ihrem wahren Wesen und Adel, wenn wir sie von ihrem Quellgrund her sehen; von Gott, der Liebe ist, von ihm, dem Vater, nach dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen trägt.“ In der Liebe zwischen Mann und Frau und dem damit verbundenen Wunsch nach Schaffung neuen Lebens wird offenbar, was Glaube an Gott bedeutet. Eine christlich geschlossene und geführte Ehe ist so Ausdruck eines tiefen Glaubens der Eheleute. Wie ist es aber damit zu vereinbaren, dass Eheleute ausgerechnet dann getrennt werden, wenn sie ihren gemeinsamen Glauben an Jesus den Christus (auf dessen Namen ja beide getauft sind) öffentlich praktizieren und leben wollen? Sie möchten gemeinsam die Hl. Kommunion empfangen, eins werden mit Jesus dem Christus - dies vorausgesetzt. Die entsprechenden Diskussionen sind bekannt. Würde man diese aber wirklich ernsthaft führen wollen, dann müsste man fragen, wie viele wirklich an alle Dogmen der Kirche glauben und wer sich in der Praxis an die Gebote der Kirche hält, wer sich also de facto automatisch aus der Gemeinschaft aller Gläubigen ausschließt.

Konkreter Vorschlag: Nicht notwendigerweise neue Paragraphen, Änderungen etc., sondern schlicht und einfach eine Einladung (im Namen Jesu) aussprechen an alle Eheleute, die das tiefe Bedürfnis haben, gemeinsam die Hl. Kommunion zu empfangen. Manche Pfarrer sprechen diese Einladung schon aus, andere sehen gezielt weg, usw. Warum aber dieses „Herumgeeiere“ und so tun, als ob? Stattdessen würde es einen solch erwähnten kleinen Schritt bedeuten, wenn die Deutsche Bischofskonferenz (oder zur Not auch einzelne Bischöfe) öffentlich und medienwirksam diese Einladung aussprechen und allen Diözesen und Kirchengemeinden empfehlen würde, dies auch zu praktizieren. Es wäre ein großes Stück Glaubenswürdigkeit zurück gewonnen. Und nicht nur die direkt Betroffenen würden aufatmen. „Und sie bewegt sich doch…! (und nicht nur um der Bewegung willen, sondern um der Menschen willen)


2. Konkrete Mitverantwortung der Laien in der Gemeindeleitung.

Ich habe von 1976 - 1980 in der Diözese Cajamarca, Peru, unter Campesinos gelebt und gearbeitet und bin bis heute noch eng mit der „Kirche der Armen“ verbunden. José Dammert, der Bischof von Cajamarca (1962 - 1992) hat 1969 erstmals in der Weltkirche Campesinos die Gemeindeleitung und Spendung von Sakramenten (Taufe) übertragen. Diese Erlaubnis wurde später auf ganz Peru und darüber hinaus erteilt, mit Zustimmung von Papst Paul VI. Ein unglaubliches Aufblühen der Kirche war die Folge. Cajamarca gilt als eine der Diözesen, in der die Beschlüsse des Konzils am konsequentesten umgesetzt wurden.

Auch wenn alle Träume von damals nicht in Erfüllung gingen, so gelten z.B. Katecheten in Afrika u.a. als Stütze der Kirche, ohne die kirchliches Leben nicht möglich wäre. Das Entstehen einer Kirche im Geiste Jesu Christi war möglich, weil zuerst in Cajamarca, dann in Peru und Lateinamerika, das „ius  missionale“ angewendet werden durfte. Wenn aber in Lateinamerika, wo damals weit über 90% der Bevölkerung getauft und nach mehr als 400 Jahren Christianisierung das Missionsrecht angewendet werden durfte, um wie viel mehr könnte und müsste man dieses Recht heute auf Europa anwenden? (Siehe: c. 517 § 2 CIC - ein Leitungsmodell, in dem ein Nichtpriester Leitungs - und Seelsorgeaufgaben wahrnehmen kann und auch soll, um den Priester zu entlasten).

Warum soll in Deutschland - erst recht angesichts der bestehenden Situation und entsprechender Probleme - nicht möglich sein, was nicht nur nach geltendem Kirchenrecht erlaubt, sondern im Interesse der Kirche dringend erforderlich wäre? Infolge des Konzils ist ein neues Verständnis von Kirche und der Rolle und Würde aller Getauften gewachsen. Nehmen wir es einfach mal ernst! Eine Übertragung von mehr Verantwortung und mehr Kompetenzen an Laien, deren Ausbildung, Begleitung, Förderung und Fördern kleiner christlichen Gemeinschaften würde im Übrigen nicht die Bedeutung und Rolle des Pfarrers schmälern - im Gegenteil. Und es wäre ein Segen für die Kirche, für uns alle. Wie viel könnten wir gewinnen, wenn wir von den fruchtbaren Erfahrungen der „armen Kirchen“ und einer „Kirche der Armen“ lernen wollten! Wäre es vielleicht eine Schande, sich von den Armen, den Ausgegrenzten dieser Welt (den Zeugen des Leidens und der Auferstehung Jesu Christi) an die Hand nehmen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass Jesus Christus dann auch mit uns sein wird? Erneuerung im Geiste würde u.a. heißen, im Armen Jesus zu entdecken und ihm zu folgen.

Konkreter Vorschlag: Es handelt sich in der Tat hier um ein sehr komplexes Thema. Dies ist mir bewusst. Es geht auch darum, was aktuell machbar ist. Es wäre schon viel gewonnen, wenn es seitens der Bischöfe bzw. der Deutschen Bischofskonferenz eine öffentliche Ermutigung bzw. Einladung geben würde, in allen deutschen Diözesen Schritte in Richtung einer Kooperativen Gemeindeleitung gemeinsam zu überlegen und auch auszuprobieren. Dieser Prozess sollte aber im Geist eines ehrlichen Dialogs - „cara a cara“ - stattfinden, im gegenseitigen Respekt und im Vertrauen (nicht Misstrauen), dass alle Beteiligten das Beste für die Kirche und die Menschen wollen. Allein schon eine solche Ankündigung könnte zu einer Überwindung der Lähmung führen - „Und sie bewegt sich doch…!“ Beide Schritte „kosten nichts“; alles ist schon längst machbar und theologisch ausdiskutiert; niemand müsste Angst haben, sein Gesicht zu verlieren. Besser die Bischöfe machen von sich aus einen Schritt, in aller Freiheit, als das Gesetz des Handels zu verlieren. Dies wäre ein großer Dienst an der Einheit der Kirche, einer Kirche als Zeichen der Hoffnung, als praktische Alternative zu den „Realitäten dieser Welt“. Sie könnten so als Bischof das Gesetz des Handels zurückgewinnen, gemeinsam mit dem Volk Gottes und als Volk Gottes.

Ihr Willi Knecht

Zu meiner Person: geb. 1947, verheiratet, 2 Kinder. Studium in St. Georgen, SJ, im Auftrag der Diözese Speyer in Peru, danach tätig in Schule, Erwachsenbildung in der Diözese Rottenburg - S.;  als wiss. Mitarbeiter an Uni Würzburg, Promotion 2004 bei Elmar Klinger, mit ihm und Ottmar Fuchs Studie über die Aufbrüche der Kirche in Lateinamerika und Gemeindepartnerschaften (erst finanziert von 3 bayrischen Diözesen, dann als DFG-Projekt),seit August 2010 in Pension. Ehrenamtlich seit 1980 in Kirchengemeinderäten (u.a.);  aktuell im Leitungsteam der Gesamtkirchengemeinde Ulm und des Dekanats, sowie im Ausschuss eine Welt der Diözese und Vorsitzender der „aktion hoffnung“ (drs).
(Ich schreibe als „Privatmann“, als einfacher Gläubiger, nicht im Namen von Irgendwem)


Begleittext an verschiedene Gremien (nach der Antwort einiger Bischöfe)

„Bereits am 15./16. 9. habe ich Briefe an alle deutschen Bischöfe verschickt. Zu meiner Überraschung habe ich schon am 20. 09. eine Antwort von Kardinal Lehmann bekommen. Er bedankt sich für die „gut begründeten Vorschläge“ und das „leidenschaftliche Engagement“. Die im Brief gemachten Vorschläge möchte ich auch hier vor Ort einbringen, angefangen in der Gesamtkirchengemeinde Ulm, Dekanat und Diözesanrat. Man muss einfach etwas tun!

Inzwischen hat auch Bischof Fürst geantwortet und ließ seine Schrift „Läuterung und Erneuerung aus der Kraft des Hl. Geistes“ und das Referat von Erzbischof Zollitsch beilegen. Meinen persönlichen Brief verstehe ich nicht als „Extratour“. Vielmehr wollte ich auf der Basis der Diskussion im Diözesanrat ganz konkrete und vor allem sofort (!) machbare Schritte vorschlagen. Jetzt lese ich auf der Homepage des Diözese: „Erstmals betonte Bischof Fürst an diesem Abend öffentlich, dass er sich persönlich für die eucharistische Gemeinschaft bei konfessionsverbindenden Ehepaaren einsetzen werde.“ (Dr. Thomas Broch). Von Mitgliedern des Domkapitels erhielt ich u.a. folgende Antwort: „Ich begrüße Ihre Vorgehensweise. Sie macht ernst mit der von den Deutschen Bischöfen ausgerufenen Dialoginitiative und wartet mit konkreten realisierbaren Vorschlägen auf. Wie Sie richtig erkannt haben zeigt unser Bischof eine neue Offenheit bez. ein verstärktes Engagement gegenüber den Themen Wiederverheiratete Geschiedene und Kommunionempfang konfessionsverbindender Paare, aber auch Diakonat der Frau.“ Da müssen wir dran bleiben und konkrete Schritte einfordern bzw. im „vorauseilendem Gehorsam“ selbst tun. Dafür möchte ich mich auch besonders im Diözesanrat einsetzen.

Noch einen weiteren Punkt, der mir auf dem Herzen liegt, den ich aber hier nur andeuten kann:  Als KATHOLISCHE Kirche können wir Kirche nur als weltweite, „die Erde umspannende Gemeinschaft“ derer, die an Jesus den Christus glauben, verstehen. Diese konkretisiert sich freilich und wird erfahrbar in den jeweiligen Ortskirchen (Gemeinden, Diözesen) - aber wie?  Was tun wir eigentlich in Deutschland, der reichsten Kirche weltweit? Wie leben wir (als Einzelne und als Kirche/ Institution) und um wen und was kreisen wir beständig? Ich möchte hier „wenigstens“ die Stimme der Armen (genauer: die Stimme derer, die weltweit unter die Räuber gefallen sind und immer noch ausgeraubt werden) zur Geltung bringen – authentisch und beauftragt von „meinem“ Bischof und „meiner“ Gemeinde in Peru. Wir können und dürfen sie nicht außen vor lassen, ohne unsere Identität als Kirche Jesu Christi aufs Spiel zu setzen. Die Sprache der Bibel ist zu eindeutig. Dies zu tun wäre die eigentliche Aufgabe, es wäre eine wirkliche Umkehr! Doch dies wird ein weiter Weg sein ….. Aber auf dem Weg sein, ist das nicht unsere Berufung?


Zusatz am 21. 12. 2010.: 14 von 27 Bischöfen haben bis heute geantwortet, im Ton alle freundlich. Sehr enttäuscht hat mich aber die Antwort von Erzbischof Zollitsch (2 volle Seiten) in der er begründet (begründen lässt), dass die ök. Mahlgemeinschaft auch für ök. Ehepaare erst dann möglich sein wird, wenn die volle (!) Einheit der beiden Kirchen hergestellt ist – also bestenfalls in sehr ferner Zeit bzw. um den Preis der Unterwerfung…! Was aus dem angesagtem Dialog der Bischöfe werden wird, ist jetzt fast schon abzusehen…. Nämlich erst vertagt, dann bestimmen die Bischöfe die Themen und die ausgesuchten Gesprächspartner und das Ergebnis liegt jetzt schon fest… (wie z.B. in München). Gerade deswegen sollten wir die Bischöfe beim Wort nehmen, nicht abwarten, was sie tun, sondern selbst etwas tun und die Initiative ergreifen. Konkrete Vorschläge dazu hätte ich viele….!“