Der Münchener Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen rechnet in seinem neuen Buch mit dem System der heutigen Universität ab. Und er berichtet davon, wie er zum Ausgeschlossenen wurde. Unser Rezensent zieht einen Vergleich mit einem alten Bilderbuch aus seiner Kinderzeit. 3.10.2023

Als Kind mochte ich das Buch „Warum macht Herr Kringel nicht mehr mit?“. Geschrieben und gezeichnet hat es Ali Mitgutsch, der Erfinder der Wimmelbücher, und das Buch war eine Art frühe Politisierung im alternativen Haushalt meiner Jugend. An dieses Buch dachte ich, als ich mir nach der Lektüre des neuen Buches von Michael Meyen Gedanken machte. Er schreibt über eine Entfremdung. „Wie ich meine Uni verlor“, heißt es. Der Titel ist angelehnt an den Abgesang auf die Süddeutsche Zeitung von Birk Meinhardt „Wie ich meine Zeitung verlor“.

Michael Meyen macht nicht mehr mit, so wie der Herr Kringel in dem Bilderbuch. Dessen Geschichte ist rasch erzählt. Der nette Herr Kringel zieht mit Sack und Pack in ein gemütliches kleines Haus unter Bäumen. Er wohnt in einem reichen Land, in dem man sich viel kaufen kann. Die Werbung mit ihren Tricks verleitet dazu. Mitgutschs Bild der Riesen- und Geisterstimmen, die im stetigen Strom flüstern und schreien „nur der kann jung, schön und beliebt sein, der immer das Allerneuste hat!“, dürfte dem Medienwissenschaftler Meyen gefallen. Die Menschen müssen Altes wegwerfen, um Platz fürs Allerneuste zu haben. Immer einen Garten weiter wandert der Sperrmüll – bis zum Garten von Herrn Kringel. Der macht nicht mit. Er sammelt das, was noch gut ist, baut lustige Dinge draus, was sich schnell herumspricht. Kinder kommen zu ihm, basteln mit, malen die neuen Sachen schön bunt und die Eltern sind sauer. Die Kinder sind kaum mehr zu Hause und der Herr Kringel ist an allem schuld. Ihre eigene sehen sie nicht.

Die Geschichte von Michael Meyen kann selbstverständlich grob vereinfacht, in einer Parallele zu der von Herrn Kringel erzählt werden. Vor gut zwanzig Jahren kam er mit Sack und Pack als junger Professor an die Universität München. Er, der Ostdeutsche, musste sich im Westen beweisen. Das gelang, er schrieb viel und wurde zuletzt sogar Sprecher eines Forschungsverbundes, der „das mediale Erbe der DDR“ erforschen soll. Das ist sozusagen die Vorgeschichte. Denn Michael Meyen merkte, dass in diesem Land so einiges nicht funktioniert. Auch an den Unis nicht. Spätestens seit der Umstellung auf das Bologna-System geht es immer weniger darum, Wissenschaft zu betreiben. Vorgefertigte Meinungen werden bestätigt, wer nicht mitmacht, fliegt. So wie die alten Prinzipien, die wie der Sperrmüll in der Geschichte vom Herrn Kringel von einem in den nächsten Garten geworfen wird. Aber die sind ja noch gut.

Professor Meyen gehört zu denen, die Wissenschaft so hochhalten wollen, wie sie einst gedacht war: These und Gegenthese. Widerspruch und offene Diskussion. Das geht eine Zeit lang gut, Meyen arbeitet auch als kritischer Kommunikationswissenschaftler produktiv, bildet weiter aus und vernetzt sich. Es entsteht viel Neues und das auch aus Altem, denn der Professor betreibt Fachgeschichte. Das mögen einige Kollegen nicht. Schließlich ist etwas, das eine Geschichte hat, auch einst anders gewesen und kann wieder anders werden. Michael Meyen wird zum Außenseiter und während Herr Kringel im Bilderbuch eines Morgens seinen Garten zugemüllt sieht, so wird Meyen mit diffamierenden Texten überschüttet. Denn als er sich in der Corona-Zeit gegen Uni und Medien stellt, wird er endgültig ausgeschlossen. Er erinnert die Universität und die „Vierte Gewalt“ an ihre eigentliche Aufgabe.

 

Das Wahrheitsregime

Es ist das gleiche Prinzip, das Ali Mitgusch 1974 in seinem Buch plakativ dargestellt hat. Wer nicht mitmacht, der wird geschnitten, verliert Ansehen und so zumindest bei Michael Meyen geschehen, Publikationsmöglichkeiten, Posten in Forschungsverbünden und die Möglichkeit, jemals wieder Drittmittel in größerem Ausmaß einzuwerben. Das wurde ihm deutlich gesagt. Mit ihm, der die Corona-Politik und deren Spiegelung und Verstärkung in den Medien anprangerte (sein Buch „Die Propaganda Matrix“ wurde 2021 zum Spiegel-Bestseller), wollten die Kollegen nichts mehr zu tun haben. Auch die engsten Mitarbeiter und Weggefährten nicht, Menschen, mit denen er sich eigentlich in Vielem einer Meinung wähnte. Wer mit ihm in Kontakt steht, der fürchtet den Ausschluss aus der Community. Um das Prinzip Kontaktschuld geht es in diesem Buch immer wieder, um Cancel Culture und das „Wahrheitsregime“, das Professoren braucht, um sich zu legitimieren. Wer da nicht mitmacht, so wie Michael Meyen, der stört. Und wer noch dazu seinen Titel als Professor nutzt, um seine Reputation zu den eigentlich Ausgeschlossenen zu transferieren, der muss mit noch Schlimmerem rechnen. Im Falle Michael Meyens sind das mittlerweile Ermittlungen der Landesanwaltschaft. Bietet dieser Professor Gewähr, jederzeit einzutreten für diese freiheitliche und so weiter, na Sie wissen schon? Leicht abgewandelt sang dies Franz Josef Degenhardt einst in der „Belehrung nach Punkten“ eines Lehramtskandidaten. Damals, in der Bundesrepublik der 1970er Jahre wurden viele Berufsverbote ausgesprochen. Michael Meyen erinnert daran, besonders an einen Fachkollegen, der wegen DKP-Parteibuchs keinen Lehrstuhl bekam:

„Eine Theorie überlebt nur dann, wenn man Menschen bezahlt, die sie vertreten. In der akademischen Welt hinterlassen Berufsverbote Denkwüsten. Dafür wurden mit Steuergeldern Schulen gepäppelt, die den Status quo bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag fortschreiben.“

Die Geschichte von Herrn Kringel endet im Happy End. Eltern und Kinder gehen am Ende gemeinsam zu dem kleinen Haus, zu Herrn Kringel und ihrem Sperrmüll, der in neuem Glanz erscheint. Und sie nehmen sich mit, was sie gebrauchen können. Am Ende sind alle glücklich. Die Geschichte von Michael Meyen ist offen. Findet er seine Universität wieder? Es sieht nicht so aus. Aber er hat anderes gefunden: „Der Ausschluss aus diesem System, so sehe ich das heute, hat mich befreit.

Ich durfte mich noch einmal völlig neu erfinden - z.B. als eine Art Wanderprediger vor Leuten, die wirklich interessiert sind, ganz andere Sachen gelesen haben als ich und mich so weitergebracht haben als die akademischen Minizirkel, oder in Projekten mit Kollegen aus Disziplinen, die weit weg sind von der Kommunikationswissenschaft und mir so ganz neue Blicke liefern.“

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EU-Sozialdemokraten drohen slowakischen Wahlsiegern mit Ausschluss

Die Partei der EU-Sozialdemokratie verlangt von der slowakischen SMER, die Ukraine weiter bedingungslos zu unterstützen, sonst kommt es zum Ausschluss. Wahlsieger Fico weigert sich und sieht einen Angriff auf die Souveränität des Landes. 3. 10.23

Mit dem Wahlsieg slowakischen Sozialdemokraten (SMER-SD) hat die EU neben der ungarisches Fidesz ein zweites Problem bekommen. Vor allem wenn es Robert Fico schafft, eine Koalition nach seinen Vorstellungen zu installieren. Die EU-Sozialdemokraten (SPE) gratulieren aber der Partei nicht, die seit mehr als 20 Jahren ordentliches Mitglied in der Europa-Partei ist, stattdessen reagiert die Partei mit „Erpressung“.

“Undemokratisch” und “erpresserisch”

So beschreibt es Robert Fico in einer Ansprache, die (ohne Untertitel) auf seinem Telegram-Kanal zu finden ist. Tatsächlich erreichte die SMER, die drei Abgeordnete in der Fraktion der Sozialdemokraten in Brüssel sitzen hat (gemeinsam unter anderem mit der SPD und der SPÖ), ein Brief von Stefan Löfven. Der ehemalige schwedische Ministerpräsident ist seit 2022 Vorsitzender der „Sozialdemokratischen Partei Europas“. Er kündigte gegen über der SMER an, die Partei aus der Europäischen Sozialdemokratie auszuschließen, sollte die Haltung zum Krieg in der Ukraine fortgesetzt und die „Rhetorik“ nicht geändert werden. Die Reaktion des Wahlsiegers auf die Drohung von Löfven war eindeutig: Eine solche Erpressung sei „undemokratisch“ und werde zurückgewiesen. Auch um den Preis, dass SMER aus der EU-Partei ausgeschlossen werde. Auszüge:

Die Linke verliert fast überall in Europa. Daher ist der Sieg einer echten linken Partei bei den Parlamentswahlen in einem der Mitgliedsländer der EU natürlich zu begrüßen. Doch statt Glückwünsche erhielt Smer heute eine erpressende Nachricht. Entweder sagen wir, was die USA von uns verlangen, oder wir werden ausgewiesen, und wir werden uns entweder anschließen und gehorsam die Politik einer einzigen Meinung ausüben, oder wir werden zu Ausgestoßenen. Wenn wir sagen wollen, dass die EU eine Friedensinitiative in der Ukraine ergreifen sollte, dann ist es besser, das Töten sofort zu stoppen und zehn Jahre lang Frieden auszuhandeln, als die Russen und Ukrainer zehn Jahre lang ergebnislos im Krieg leben zu lassen. Also, lieber Stefan, deine Botschaft ist zum ersten Mal undemokratisch, sie respektiert nicht das Recht auf eine andere Meinung, sie ist autoritär. Zweitens gehört es nicht dazu, souveräne Politiker zu erpressen, und wir sind souveräne Politiker.”

Eine ähnliche Entwicklung hatte auch die Fidesz unter Viktor Orban genommen, die jahrelang mit dem Rauswurf aus der EVP, der EU-Volkspartei, bedroht wurde. Im Jahr 2021 ist man dann aus der aktuell stärkten Partei des EU-Parlaments selbstständig ausgetreten und sitzt fraktionslos im EU-Parlament. Nun muss auch die EU-Sozialdemokratie mit einer EU-kritischen Fraktion umgehen. Aktuell versucht man den Ball offenbar flach zu halten. Der Wahlsieg der SMER wird von anderen europäischen Parteien, etwa der SPÖ oder der SPD, schlichtweg nicht thematisiert. Es soll offenbar nicht auffallen, dass es Sozialdemokraten gibt, die Positionen in der Kriegs- oder Corona-Frage haben, de innenpolitisch bekämpft werden. Die Drohung wird nur von Fico thematisiert nicht von der SPE.

Klare Haltung zum Krieg

Doch manche Beobachter kritisiert die Drohung der EU-Sozialdemokratie lautstark. Diese müsse als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates betrachtet werden“, denn nun laufe der Prozess zur Bildung einer Regierungskoalition. Fico fordert den Stopp der Waffenlieferung an die Ukraine, das Ende der Sanktionen gegenüber Russland und thematisiert faschistische Tendenzen im ukrainischen Militär als auch im Parlament. Zugleich betont er immer wieder, nicht „pro-russisch“ zu sein, sondern die slowakischen Interessen eines souveränen Landes zu vertreten. Auch die humanitäre Hilfe an die Ukraine will er nicht beenden.

Über faschistische Tendenzen in der Ukraine redet Fico aber deutlicher als kein anderer EU-Spitzenpolitiker: „In den Reihen der ukrainischen Armee gibt es Faschisten. Nehmen wir das Asow-Regiment – das ist eindeutig ein faschistisches Regiment. Ich bin schockiert, dass ihnen im Ausland rote Teppiche ausgerollt werden. Diejenigen, die für 2023 ähnliche Phänomene fordern, treten das Erbe des slowakischen Nationalaufstandes mit Füßen. Wir müssen Faschismus und Nazismus in all seinen Erscheinungsformen entgegentreten.“