II. Cajamarca - eine Diözese in den Anden

  1. Der nationale und internationale Kontext (Grunddaten, Abhängigkeit, Militärdiktatur - Auslandsverschuldung - IWF - Terror)
  2. Eine Annäherung - Alltag in Cajamarca -
  3. Das Gold von Cajamarca
  4. Geschichte und Gegenwart von Cajamarca
  5. Die Strukturen der Kirche von Cajamarca
  6. Die Kirche von Cajamarca und ihre Beziehung zu Weltkirche

Der nationale und internationale Kontext

a) Grunddaten - Geografie und Bevölkerung in Peru (64)

Peru ist mit einer Fläche von 1.285.215 km² der größte Andenstaat Südamerikas und fast viermal so groß wie Deutschland. Mit 26 Millionen Einwohnern ist Peru wesentlich dünner besiedelt als Deutschland. Im Großraum Lima lebt ein Drittel der Bevölkerung Perus. Die geografischen Verhältnisse sind von einer markanten Ausprägung dreier sehr unterschiedlicher Zonen gekennzeichnet: die Küste - die Sierra (Anden) - die Selva (Tiefland des Amazonas). Die Hauptstadt Lima liegt inmitten einer Küstenwüste, die sich vom Norden Perus bis nach Chile erstreckt - unterbrochen von 53 Flusstälern (Flussoasen), von denen lediglich zehn das ganze Jahr hindurch Wasser führen.

Im durchschnittlich etwa 40 km breiten Küstenstreifen (11,8% der Staatsfläche) wohnt inzwischen über die Hälfte der peruanischen Bevölkerung. Bereits im 19. Jahrhundert verlagerte sich der wirtschaftliche Schwerpunkt des Landes von der Sierra an die Küste. Ursachen dafür waren die geringer werdende Bedeutung feudaler Strukturen (Wirtschaft auf der Basis von Großgrundbesitz) und eine wachsende Bedeutung der Exportindustrie, die auf den Reichtümern von Rohstoffen beruhte, die an der Küste Perus gewonnen wurden: Salpeter (weswegen England einen Krieg zwischen Chile und Peru/Bolivien anzettelte), Guano (Vogeldung) und Fischmehl.

Über viele Jahrzehnte war Peru der weltweit größte Exporteur von Guano und Fischmehl. Heute ist Peru der weltweit größte Exporteur von Spargeln. Der Spargelanbau ist an der Küste dank einer aufwändigen Bewässerung möglich. Größte Wachstumsbranche auf dem Agrarsektor ist seit 1998 der Anbau und Export von Blumen.

Die Sierra, das andine Hochland und der subtropische Osthang der Anden, umfasst 42,2% des peruanischen Staatsgebietes. Sie ist ein Teil der Anden, die sich durchgehend über 9.000 km an der Westseite des südamerikanischen Subkontinents entlang erstrecken. Die Hauptsiedlungszonen liegen auf einer durchschnittlichen Höhe von etwa 3.000 m. Die Sierra war das Kernland des Inkareiches und ist bis heute die Heimat der Indios. Zwölf bis vierzehn Millionen Menschen in den Anden Perus produzierten damals Nahrungsmittelüberschüsse, die in Vorratsspeichern gelagert und in Notzeiten an Witwen, Kranke und Waisen verteilt wurden.

Grundlage einer blühenden Landwirtschaft waren hoch entwickelte Bewässerungssysteme, Terrassenanbau und der Anbau von Grundnahrungsmitteln für die Bevölkerung. Nach der Eroberung wurde die landwirtschaftliche Infrastruktur zerstört. Bis heute ist die Landflucht und das damit verbundene Anwachsen der Elendsviertel in den großen Küstenstädten und auch zunehmend in den Städten der Sierra, ein Hauptproblem Perus.

Die Vernachlässigung der Sierra durch die peruanischen Eliten führte dazu, dass z.B. in den achtziger Jahren zeitweise 90% des Bedarfs an Getreide und Kartoffeln eingeführt werden mussten, hauptsächlich aus den übervollen Lagern der EU. Peru ist das Ursprungsland der Kartoffel. Eng verbunden mit dieser Vernachlässigung ist die bleibende Verachtung der Landbevölkerung durch städtische Eliten.

Die Selva nimmt 46% des Staatsgebietes ein. In ihr leben mit Abstand die wenigsten Menschen. Ihre größte wirtschaftliche Bedeutung liegt in der Erdölförderung und dem Anbau von Koka (im Übergang zu den Osthängen der Anden). Trotz ambitionierter Pläne ist die Selva nicht an das Straßennetz Perus angebunden und es gibt über die Selva keinen nennenswerten legalen Grenzverkehr mit den Nachbarstaaten Brasilien, Ekuador, Kolumbien und Bolivien. An den Andenabhängen und im Tiefbecken des Amazonas leben noch verschiedene indianische Völker, die vom Aussterben bedroht sind. Das größte und am besten organisierte Volk sind die Aguarunas, die im nordöstlichen Teil des Departements Cajamarca zu Hause sind.

Über die Zusammensetzung der Bevölkerung liegen sehr unterschiedliche Angaben vor. Das hängt mit der Schwierigkeit zusammen, den „Grad der Vermischung“ zwischen Europäern und einheimischer Bevölkerung genauer zu bestimmen. Während das eine Extrem davon ausgeht, dass es - außer einigen Völkern in der Selva mit zusammen maximal 120.000 „Eingeborenen“ („Indígenas“) - keine reinrassigen Nachfahren der Inkas und anderer vorkolonialer Kulturen gibt und damit die überwiegende Zahl der Peruaner Mestizen (etwa 90%, Mischlinge von Weißen und Indios) sind, geht das andere Extrem davon aus, dass die Mehrheit der Bevölkerung, weil sie überwiegend indianische Vorfahren hat, auch noch als indianisch bezeichnet werden kann.

Ebenso schwer ist zu beurteilen, ob die Bewohner der Elendsviertel in Lima noch als Campesinos oder Indios bezeichnet werden können bzw. ob sie sich so verstehen wollen. Einfacher ist es z.B. in Bambamarca: Wer auf dem Land lebt, ist ein Campesino und damit ein Indio und wer aus der Stadt stammt, ist ein Städter („Spanier“).

Die Bezeichnung „Indio“ bzw. „Campesino“ ist nicht zuerst (aber auch) rassistisch zu verstehen, sondern bezeichnet eher einen soziologischen und kulturellen Status. In der Rang- und Werteordnung der peruanischen Gesellschaft gelten ausgeprägte indianische Gesichtsmerkmale immer noch als Zeichen für „primitive“ Herkunft und Unkultur. Umgekehrt gilt der Helligkeitsgrad der Haut als Index für den sozialen Status - je heller, desto „vornehmer“. Seit der Militärrevolution von 1968 spricht man offiziell von „Campesinos“, die Diskriminierung aber bleibt bis heute beste-hen. Es gibt einige wenige Campesinos und einige Intellektuelle indianischer Abstammung, die sich bewusst und vol-ler Stolz als Indio bezeichnen.

Etwa 8% der Bevölkerung sind Weiße, 2-3% sind Nachfahren afrikanischer Sklaven.65 Ein sehr populärer peruanischer Heiliger, San Martín de Porres, war afrikanischer Herkunft. Die Afroamerikaner leben fast ausschließlich an der Küste. Im 17.-18. Jahrhundert war ihr Anteil an der Bevölkerung weit höher, landesweit bis zu über 10%, in Lima gar 50%.

b) Wirtschaftlich-soziale Situation - Grundprobleme

Der Kampf um das tägliche Brot prägt das Leben der Mehrheit der Bevölkerung in Peru. Da Cajamarca das Departe-ment in Peru ist, in dem der Anteil der Campesinos prozentual am höchsten (1996: 78%) ist, wird die Situation aus der Sicht der Campesinos beschrieben - nicht z.B. aus der Sicht der Aktionäre oder der Wochenzeitung „Die Zeit“, die bereits in einem Artikel vom 25. Juli 1957 unter folgendem Titel über Peru berichtete: „Peru - ein Land der freien Wirtschaft und gesunden Währung: Hier kann man investieren.“ (65)

Um 1962, zu Beginn der Amtszeit Bischof Dammerts, verfügten etwa 5.000 Familien über 84% der landwirtschaftlichen Nutzfläche Perus. Auf diesen Flächen wurden in Monokultur Produkte wie Zuckerrohr, Baumwolle, Kaffee, Soja usw. für den Verkauf auf dem Weltmarkt angebaut. 775.000 kleine landwirtschaftliche „Betriebe“ mit maximal fünf ha teilten sich 1/12 der Flächen, etwa 7 % gehörten mittleren Betrieben. Diese Ackerflächen liegen meist an steilen und steinigen Berghängen, können nicht oder nur unter großem Aufwand bewässert werden und reichen für den Lebensunterhalt einer Familie meist nicht aus.

Die Zahl der Campesinos ohne Land entspricht etwa der Zahl der Kleinlandwirte, je drei Millionen bei einer Bevölkerungszahl von damals zehn Millionen Menschen in Peru. Nur 2,7 % der Gesamtfläche des Landes sind landwirtschaftlich kultiviert. Für 58,2 % aller Campesinofamilien ist bis heute die Taclla, ein über Jahrtausende benutztes Holzinstrument, das wichtigste Werkzeug zur Bearbeitung (pflügen, graben, auflockern) des Bodens. Während die Landwirtschaft in den reichsten acht Industrieländern mit jährlich 366 Milliarden Dollar vom Staat subventioniert wird, investiert der peruanische Staat nicht in die eigene Landwirtschaft.

Ausgenommen sind Steuererleichterungen für Großbetriebe an der Küste, die hauptsächlich für den Export produzieren. Der IWF (66) fordert einerseits Steuererleichterungen für ausländische Investitionen und den Anbau von Exportgütern und fordert andererseits den Abbau von staatlichen Subventionen für die unrentablen Minifundien (67). Die Landwirtschaft einschließlich der Export orientierten Großbetriebe trägt nur 9% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Gleichzeitig hat die Hälfte der Bevölkerung keinen ausreichenden Zugang zu Grundnahrungsmitteln.

Diese Besitzverteilung und die entsprechenden Machtverhältnisse sind vor allem ein Ergebnis der Kolonialzeit. Der Staat ist der Garant dieser Ordnung. Verfassung, Gesetze und Rechtsprechung stehen im Dienst zuerst des Großgrundbesitzes und später im Dienst und zum Schutz von ausländischen Kapitalinvestitionen. Aus einer Verknüpfung verschiedener Faktoren, die hier nicht alle behandelt werden können (vor allem Produktionsformen des modernen Sektors der Wirtschaft und der Industrie in Verbindung mit alten Feudalstrukturen), ergeben sich für die Masse der Bevölkerung folgende Konsequenzen (u.a.):

  • Massenabwanderung vom Land und aus der Landwirtschaft (von der Sierra an die Küste); und als unmittelbare Folge davon Slumbildung und Verelendung in den Städten.
  • Mangel an Grundnahrungsmitteln, die folglich eingeführt werden müssen - auf Kosten von möglichen Investitionen z.B. im Sozial- Gesundheits- und Bildungsbereich.
  • Gleichzeitig stattfindende Kapitalflucht (Transfer der Gewinne) in die reichen Länder, statt Investitionen in einheimisches Handwerk und Kleinindustrie; Verprassen der Überschüsse durch einen importierten Lebensstil („American way of life“).
  • Extreme Abhängigkeit von Weltmarktpreisen (Landwirtschaft, Rohstoffe, Importgüter) und Festlegung auf die Rolle des Rohstofflieferanten. Damit verbunden sind drastisch sich verschlechternde Tauschverhältnisse zu Ungunsten der armen Länder.
  • Zerstörung der nationalen, arbeitsintensiven Kleinindustrie und des Handwerks (Mittelstand) durch Fördern ausländischer Investitionen und in den letzten Jahren durch eine künstliche Verteuerung (Koppelung an den Dollar) der einheimischen Währung, die den Export erschwert und den Import von Luxusgütern erleichtert.
  • Als Fazit: Allianz der einheimischen Oberschichten mit dem ausländischen Kapital im beiderseitigen Interesse und auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung.

c) Die Zeit von 1962 - 2003

In der jüngeren Vergangenheit spielten drei Themenkomplexe eine entscheidende Rolle, die auch für das Verständnis der Entwicklung in Cajamarca seit 1962 von Bedeutung sind: die Militärdiktatur von 1968 - 1980, der Terror von Sendero Luminoso von 1980 - 1992 und die zunehmende Auslandsverschuldung. Das Regime Fujimori (1990 - 2000) und die Aufarbeitung dieser Zeit bis 2003 bildet den Abschluss der Übersicht.

Die drei Themenkomplexe machen den Rahmen deutlich, in dem sich die pastoralsoziale Arbeit der Diözese Cajamarca entwickelte und es lassen sich kon-krete Auswirkungen auf diese Arbeit zeigen. Der Bezug zu Cajamarca und ihrem Bischof wird auch deswegen heraus-gestellt, weil Bischof Dammert sich zu diesen Themen immer wieder äußerte.

c, 1) Die Militärdiktatur von 1968 - 1980 und ihre Auswirkungen auf Cajamarca

Militärdiktaturen stellten bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Peru wie in den meisten Ländern Lateinamerikas keine Ausnahme dar, sondern sie waren die Regel. Noch im letzten Jahrhundert gab es nur zwei demokratische gewählte Präsidenten, die sich für eine längere Zeit an der Macht hielten bzw. wieder gewählt wurden (68). Die Militärdiktatur von 1968 - 1980 stellte dennoch eine Besonderheit dar: sie war die erste Militärregierung, die in weiten Kreisen der damaligen Internationalen Linken Sympathien oder gar Unterstützung erhielt.

Der Putsch wurde von den Militärs und ihren Sympathisanten als eine Revolution verstanden, weil nun endgültig die kolonialen und feudalen Strukturen beseitigt und dem Volk der Weg zu Mitverantwortung und Besitz geebnet werden sollten. Diese „Revolution von oben“ rief als signifikantestes Beispiel eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus stalinistischer Prägung weltweit großes Interesse hervor. Das „Peruanische Modell“ war auch deswegen so attraktiv, weil angesichts zunehmender Guerillatätigkeit - angespornt von dem Erfolg der kubanischen Revolution seit 1959 - in verschiedenen Ländern Lateinamerikas nun plötzlich eine Alternative für Entwicklungsländer möglich schien (69).

Am 3. Oktober 1968 putschte das Militär unter der Führung von General Juan Velasco Alvarado. Auslösendes Moment war das Verschwinden bestimmter Teile eines Vertrages (die dann berühmt gewordene „Seite 11“) der peruanischen Regierung mit dem nordamerikanischen Erdölkonzern International Petrolium Company. Konzessionen für die Förderung von Erdöl in der Selva wurden für ein Butterbrot an den nordamerikanischen Konzern verkauft, dem demokratisch gewählten Präsidenten Belaúnde (Analphabeten waren aber nicht stimmberechtigt) wurden von dem US-Konzern acht Millionen Dollar auf sein Privatkonto überwiesen, im internationalen Vergleich auch mit europäischen Staaten eine bescheidene Summe. Das Militär war damals nicht in die Korruption verstrickt und genoss eher das Vertrauen der Bevölkerung als die gestürzte Regierung.

Auf dem Programm der Militärregierung standen die Nationalisierung aller in ausländischer Hand befindlichen natürlichen Ressourcen und die Befreiung von der Abhängigkeit vom Ausland. Die wirtschaftliche Grundlage der Agraroligarchie, der Großgrundbesitz, sollte auf dem Weg einer radikalen Agrarreform zu Gunsten der Kleinbauern und der Produktion von Grundnahrungsmitteln verteilt und die Wirtschaft durch Schaffung von sozialem Eigentum und der Mitbeteiligung aller an Entscheidungsprozessen de-mokratisiert werden.

Um das Volk zu mobilisieren, wurde eine bis dahin beispiellose Kampagne zur „Erziehung des Volkes“ bis in die letzten Winkel der Republik gestartet. Die Jahrhunderte währende Unterdrückung der Campesinos sollte endgültig beseitigt werden. Im stolzen Rückgriff auf die Errungenschaften vorkolonialer Kulturen wurde an die Würde und Ehre des Volkes appelliert, endlich das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen - unter der Führung der Militärs. Diese Botschaft wurde zumindest zu Beginn auch vom Volk (den Armen) begeistert aufgenommen.

Diese Militärregierung erregte vor allem wegen zweier Reformen internationale Aufmerksamkeit: die Erziehungsreform (70) und die Landreform. Beide Reformen spielten auch in Cajamarca eine große Rolle - mit Auswirkungen bis heute. Die Erziehungsreform orientierte sich an den Ideen von Paolo Freire und Ivan Illich. Die Armen sollten ihre eigene Situation erkennen und lernen, Veränderungen herbeizuführen. Die Kluft zwischen Schule und Arbeits- und Lebenswelt sollte überwunden werden. Lernen durch Arbeiten bzw. Aneignen von Wissen durch praktisches (manuelles) Tun hieß das Motto (Modell der polytechnischen Erziehung).

Diese Reform führte zu sehr konkreten Einrichtungen. Es wurden kleine Einheiten aus Schulverwaltung und Kommune auf Bezirks- und Kommunalebene gebildet, in der gemeinsam mit den Eltern und Vertretern lokaler Organisationen die Bildungseinrichtungen des Bezirks koordiniert werden sollten (NEC - Nucleo Educativo Comunal). Ebenso entstanden neue Zentren, die eine Ausbildung in allen gesellschaftlichen Produktionsbereichen ermöglichen sollte.

Vor allem die Bevölkerungsschichten, die bisher kaum Zugang zu den Schulen hatten, sollten eine Basiserziehung und Bildung erhalten, in der technisch-handwerkliche Fertigkeiten im Zentrum stehen sollten (EBL - Educación Básica Laboral). Dieser „Grundausbildung“ sollte sich dann eine dreijährige (technische) Berufsausbildung anschließen (ESEP - Escuela Superior de Educación Profesional).

Vor allem die NEC spielten in Cajamarca in der Folge eine große Rolle. Erstmals wurden Schulen errichtet, die Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit gaben, wirklich „für das Leben zu lernen“, konkret: in Bambamarca bekamen nicht mehr schulpflichtige Campesinos zum ersten Mal die Chance, sich bestimmte Tätigkeiten anzueignen. Aus diesem Gedanken heraus entwickelte sich die Idee der Campesinoschule „Alcides Vásquez“ (vgl. Kap. V). Die Kirche von Cajamarca stand dieser Reform sehr positiv gegenüber, besonders die ausländischen Mitarbeiter nutzten die neuen Möglichkeiten, im Geiste von Paolo Freire und ausgehend von den Bedürfnissen der Armen den Menschen Wege aus ihrem Elend aufzuzeigen.

Bischof Dammert unterstützte diese Bestrebungen. Die Reform kam seiner Grundidee entgegen, durch integrale Bildung (formación) und Erziehung, die Menschen zu Subjekten ihrer eigenen Geschichte werden zu lassen. Die vielleicht positivste bleibende Errungenschaft der Reform war, dass sich bei den Armen die Einsicht durchsetzte, dass Bildung ein Schlüssel zu einer integralen Entwicklung ist (71).

Selbstverständlich sollte die Erziehungsreform Hand in Hand mit der Landreform durchgeführt werden bzw. sie sollte diese unterstützen und begleiten. Bereits im Verlauf der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts spitzten sich die Konflikte um das Land zu. Die zunehmende Zahl der Campesinos ohne Land machte die Situation immer explosiver, es kam zu immer heftigeren Auseinandersetzungen. In den sechziger Jahren entstand zum ersten Mal eine ernstzunehmende Guerrilla in den Anden.

Damit wuchs der Druck auf die Regierungen, eine Landreform durchzuführen. Immer mehr Großgrundbesitzer resignierten, verkauften freiwillig ihr Land und investierten ihr Kapital in modernere Branchen und Betriebe an der Küste. Zu aufwändig war es, ihr (zum Teil brachliegendes) Land zu schützen. Der Aufwand stand in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag und nur wenige Großgrundbesitzer standen modernen Produktionsme-thoden und Arbeitsverhältnissen aufgeschlossen gegenüber (72).

Andere Großgrundbesitzer rechneten mit einer baldigen Landreform und zogen es vor, ihr Land noch zu verkaufen, bevor sie enteignet würden (bereits 1962 und 1964 gab es erste Schritte hin zu einer Landreform). So hatten schon vor der Landreform der Militärregierung einige Großgrundbesitzer ihr Land verkauft und es war bereits eine kleine, neue Schicht von relativ wohlhabenden Campesinos entstanden. Die große Masse der Campesinos aber blieb weiter ausgeschlossen, ihre Forderungen aber wurden immer lauter.

Auf der Hazienda Chala (Bambamarca) kam es 1962/63 zu den ersten Streiks der Landarbeiter und 1966 zu ersten illegalen Landbesetzungen. Die Besetzer teilten das Land unter sich auf. Der Besitzer der Hazienda Chala, Luis Zárate, schickte die Polizei nach Chala (er selbst lebte in Cajamarca), doch die Polizei ließ sich von etwa 2.000 Campesinos derart einschüchtern, dass sie unverrichteter Dinge wieder abzog. Nicht zuletzt war es die neue Haltung der Kirche von Cajamarca, die viele Campesinos in ihrer Forderung nach Land ermutigte und Großgrundbesitzer entmutigte.

Die dann 1969 von den Militärs dekretierte Landreform geschah auf diesem Hintergrund. In mehreren Hazienden der Diözese Cajamarca war ein Teil des Landes bereits in die Hände von neuen Besitzern gelangt. Es gab eine Schicht von etwa 20 - 80 neuen Besitzern pro Hazienda. Darunter waren auch des Öfteren Angehörige des jeweiligen Großgrundbesitzers, der Teile seiner Hazienda in Parzellen unter 50 ha an Angehörige überschrieb, weil alle Besitzungen unter 50 ha von der Reform nicht betroffen waren. Die Landreform verteilte das Land unter diese neuen Besitzer, die große Mehrheit der Campesinos blieb ohne Land.

Speziell in Cajamarca kam ein Umstand hinzu, der eine effektive Re-form verhinderte. Die Reform war zwar 1969 dekretiert worden, doch konnte sie in Cajamarca offiziell erst 1972 in Angriff genommen werden, erst da waren die entsprechenden Behörden in Cajamarca eingerichtet worden. Inzwi-schen hatten viele Großgrundbesitzer ihren Besitz, einschließlich Maschinen, Viehbestand etc. zu Geld gemacht und waren bereits an die Küste abgewandert. Neben den schon erwähnten Vorbedingungen ist aus folgenden Gründen die Landreform nicht zu dem Erfolg gewor-den, den sich die Regierung und die Campesinos erhofft hatten:

  • Eine große und schwerfällige staatliche Bürokratie wurde geschaffen, was u.a. dazu führte, dass zwischen der Ankündigung und Durchführung einer Maßnahme Jahre vergingen.
  • Die Großgrundbesitzer konnten Einspruch gegen die Aufteilung ihres Besitzes anmelden, das jeweilige Verfahren konnte sich über viele Jahre hinziehen.
  • Die Großgrundbesitzer wurden vom Staat entschädigt, das dafür notwendige Geld wurde von allen Campesinos, die Land besaßen, eingezogen - auch von Campesinos die z.B. nur einige Quadratmeter Land besaßen und nicht von der Reform begünstigt worden waren. Diese Kleinstbesitzer wurden dadurch immer mehr verschuldet.
  • Das dadurch frei gewordene Kapital wurde nicht in den Agrarbereich investiert, sondern entweder ins Ausland geschafft, konsumiert oder in Industrie und Handel investiert. Nur 5% der Entschädigung für die Großgrundbesit-zer wurden in Peru re-investiert.
  • Die vom Staat geschaffenen Genossenschaften wurden von der neuen Schicht der wohlhabenden Campesinos und einigen staatlichen Funktionären beherrscht. Diese verhielten sich zu der Mehrzahl der Campesinos, beson-ders gegenüber den Landlosen, wie die ehemaligen Großgrundbesitzer.
  • Durch mangelnde Kenntnisse in modernen Anbaumethoden, Vermarktung etc. und durch Streit innerhalb der Genossenschaften sank die landwirtschaftliche Produktion, viele Hazienden zerfielen.
  • Der Staat investierte kein Geld in die landwirtschaftliche Infrastruktur, in Ausbildung und in die Möglichkeit für die neuen Besitzer, Kredite aufnehmen zu können.
  • Die Ankündigung der Landreform („das Land für den, der es bearbeitet“) weckte in allen Campesinos große Hoffnungen, die aber meist nicht erfüllt werden konnten. Der Konflikt mit der Militärregierung war damit vorprogrammiert und er fiel umso härter aus, je bewusster die Campesinos waren (wie z.B. in Bambamarca).
  • Nur maximal 20% der ländlichen Bevölkerung in Peru profitierten von der Reform. Die Einkommensunterschiede unter den Campesinos wurden größer.

Bischof Dammert setzte sich schon als Weihbischof von Lima für eine Landreform ein, diese sollte so schnell als möglich in Angriff genommen werden. In seiner Abschlussansprache zur „Zweiten Sozialwoche in Peru“ im August 1961 war das Hauptthema die Forderung nach einer gerechten Landreform. Im Namen der peruanischen Kirche forderte er Politiker und Experten auf, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um das Leben der Campesinos zu verbessern. Dies könnte am besten mit Hilfe einer wirksamen Landreform geschehen. Dabei berief er sich hauptsächlich auf die wenige Monate zuvor erschienene Enzyklika „Mater et Magistra“ (15. Mai 1961) von Papst Johannes XXIII.

Als am 24. Juni 1969 die Landreform von den Militärs dekretiert wurde, nahm die peruanische Bischofskonferenz am 18. Juli 1969 in einer offiziellen Erklärung dazu Stellung. Sie sprach von einem historischen Moment, weil nun zum ersten Mal in der peruanischen Geschichte die Campesinos die Chance hätten, Herren ihres eigenen Schicksals zu werden.

Die Bischöfe Perus betonten die Notwendigkeit radikaler Strukturveränderungen zu Gunsten der Ärmsten der Gesell-schaft. „Vielen Campesinos werden die Güter und Reichtümer der Gesellschaft vorenthalten. Dies ist nicht vereinbar mit dem Willen Gottes.  Der Mensch ist aufgerufen, seine eigene Existenz in Einheit mit seinen Geschwistern zu gestalten und sich für eine menschlicher werdende Erde einzusetzen, in der die Güter dieser Erde zum Medium einer wahrhaften Kommunion zwischen den Menschen werden“ (73).

Unter Berufung auf Mt 25, 35 ff (Weltgericht) wird die Reform indirekt als erster Schritt zur Verwirklichung der Worte Jesu gewertet, in denen er sich mit den Hungernden und Leidenden identifiziert, denen geholfen werden muss. Es wird an alle gesellschaftlichen Gruppen appelliert, die Reform zu unterstützen. Ein besonderer Appell geht an alle Priester und Ordensgemeinschaften, den Prozess der nationalen Umgestaltung zu fördern und sich aktiv daran zu beteiligen. Sie selbst verpflichten sich, sich in den Dienst eines gerechten, freien und geschwisterlichen Perus zu stellen.

Die Kirche von Cajamarca mit Bischof Dammert begrüßte daher anfangs die Landreform der Militärs und arbeitete mit den staatlichen Behörden zusammen. Doch spätestens 1974 kam es zum Bruch, hervorgerufen durch staatliche Funktionäre vor Ort, denen die Campesinos sehr bald nicht mehr vertrauen konnten. Das diözesane Institut für ländliche Erziehung (IER) musste Ende 1972 schließen, weil ein vergleichbares staatliches Institut das Monopol auf dem Land beanspruchte (74). Dammert kritisierte in der Folge vor allem die zunehmende Bürokratisierung der Reform und die Arroganz der Funktionäre gegenüber den Campesinos, die nie als wirkliche Partner betrachtet wurden.

Dammert warf den staatlichen Behörden vor, dass durch die Landreform das eigentliche Problem der Minifundien nicht gelöst wurde und dies wohl auch nicht beabsichtigt war. „Die Reform hat noch nicht einmal versucht, das schwerwiegende Problem der Minifundien anzugehen. Im Bereich der Erziehung lässt sich lediglich eine Zunahme der Bürokratie und der staatlichen Mittel wahrnehmen, ohne dass dies den Comunidades zugute käme“ (75).

Am Beispiel von Bambamarca wird deutlich werden, dass sich zwischen der Theorie und der Ausführung der Reform eine gewaltige Kluft auftat. Bis heute nimmt die Problematik der Landverteilung und der Besitzverhältnisse die zent-rale Rolle im Leben der Campesinos ein. Immer kleiner und wenig ertragreicher werdende Minifundien und fehlendes Interesse des Staates an der Förderung der Landwirtschaft führen neben anderen Faktoren zu einer zunehmenden Landflucht.

Die sozialpastorale Arbeit der Diözese Cajamarca war entscheidend von den Konflikten um das Land bestimmt. Schwerpunkt der sozialpastoralen Arbeit war, die Campesinos zu stärken und mit ihnen alternative Perspektiven zu entwickeln. Dabei geriet sie in Konflikt mit den Programmen und Behörden der Militärregierung.

c, 2) Die Zeit des Terrors: Sendero Luminoso (1980 - 1992)

Um 1990 glaubten viele Peruaner, das Ende der peruanischen Republik und der Zusammenbruch des Staates stünden unmittelbar bevor. Zu groß war die Verunsicherung angesichts des alltäglichen Terrors, die Bevölkerung und die Organe des Staates schienen gelähmt und starr vor Furcht. Verstärkter Militäreinsatz erzeugte nur noch mehr Gewalt und der Terror rückte immer mehr in die Städte ein bzw. den Terroristen gelang es, die Städte einzukreisen. Die Stadtzentren wirkten nach Einbruch der Dunkelheit wie ausgestorben. Ein Drittel des peruanischen Staatsgebietes galt als „befreite Zone“.

Der Terror wurde von Sendero Luminoso entfesselt (76). Diese Art des „Volksaufstandes“ hatte nichts gemein mit Befreiungsbewegungen wie z.B. die der Sandinisten in Nicaragua und mit anderen Guerillabewegungen in Lateinamerika (77). In der Zeit der höchsten Gefahr war Bischof Dammert Präsident der peruanischen Bischofskonferenz (1990 - 1992) und auch die Diözese Cajamarca war vom Terror betroffen. Sie gilt aber als Beispiel dafür, wie dem Terror langfristig hätte begegnet werden können.

Sendero Luminoso - der „Leuchtende Pfad“ - ist als neue Partei durch Abspaltung von der von Moskau abhängigen kommunistischen Partei Perus während der zweiten Phase der Militärdiktatur entstanden. 1979 fasste die neue Partei unter Führung von Abimael Guzmán den Entschluss, den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Im Frühjahr 1980 kam es zu ersten Terroranschlägen. Nach Ansicht von Sendero Luminoso ist Peru ein halbfeudaler Staat, der von einer faschistischen Militärdiktatur beherrscht wird. Auch demokratische Wahlen und die Ablösung der Militärs können demnach keine grundlegenden Änderungen bringen.

Militärs sind lediglich die Handlanger einer allmächtigen Oligarchie. Säulen dieser Herrschaft bilden die noch erhaltenen feudalen Strukturen einer kolonialen Gesellschaftsordnung und die neuen, oft nahtlos aus dem Großgrundbesitz hervorgegangen Kapitaleigentümer einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Dieses System ist grundsätzlich nicht reformierbar. Alle Versuche, das System durch Reformen - dazu gehören auch Entwicklungshilfe, Parlamentarismus, Gewerkschaften, Sozialprogramme - zu ändern, stabilisieren nur das System und lähmen den Widerstandswillen der Massen. Das ist nach Guzmán auch das eigentliche Ziel von staatlicher und kirchlicher Entwicklungshilfe. Deswegen werden Gewerkschafts- und Bauernführer ermordet, Entwicklungsprojekte zerstört und Wahlen boykottiert.

Zuerst muss das System mit allen seinen Repräsen-tanten und Institutionen völlig zerstört werden, bevor etwas ganz Neues aufgebaut werden kann. Alle Bewegungen und Kräfte, die nicht am bewaffneten Kampf teilnehmen, sind Komplizen des Systems und werden als solche bekämpft. Basis des Widerstandes sind das Land und die Campesinos, die von einer revolutionären Avantgarde angeführt werden. Die Guerilla ist der bewaffnete Arm einer Kaderpartei. Vom Land her werden die Metropolen eingekreist und besiegt. Dies ist auch im Weltmaßstab - Peripherie und Zentrum - zu verstehen.

Diese Ideologie hat in Lateinamerika keine Vorbilder, sie erinnert ideologisch zuerst an Mao und dann an Lenin. In der Praxis zeigen sich starke Ähnlichkeiten mit den Khmer Rouge des Pol Pot (Kambodscha). Die Kader rekrutieren sich aus der Universität, Guzmán ist u.a. ein ausgezeichneter Hegelkenner. Sendero Luminoso versteht sich selbst als marxistisch-leninistisch-maoistische Partei. Am 12.9.1992 wurde „Presidente Gonzalo“, wie Abimael Guzmán genannt wurde, zusammen mit Mitgliedern des Zentralkomitees in Lima verhaftet. Er verbüßt eine lebenslange Haftstrafe, zuerst in einem Sondergefängnis bei Puno, danach auf einer Gefängnisinsel vor der Küste von Lima.

Die Bilanz des Volkskrieges ist verheerend. Mindestens 30.000 Menschen fielen dem Terror zum Opfer. Bis heute (2002) gibt es noch zahlreiche Verschwundene und Unschuldige in den Gefängnissen. Denn der Terror der Militärs steht dem Terror des Sendero kaum nach. Vereinfacht ausgedrückt: In der Nacht überfällt der Sendero Luminoso ein Dorf, selektioniert die Repräsentanten des Systems und Kollaborateure aus, hält ein Volksgericht ab, in dessen Verlauf die „Feinde des Volkes“ zum Tode verurteilt und anschließend gleich erschossen werden.

Am nächsten Tag rückt das Heer in das Dorf ein, beschuldigt alle Bewohner der Kollaboration mit den Terroristen, weil sie sich nicht gewehrt haben, und erschießt wahllos ein Dutzend Menschen als Abschreckung. Nicht statistisch erfassbar sind die seelischen Verwüstungen, ein Klima der Angst und des Verrats, ein Einfrieren des öffentlichen Lebens, Verluste für die Wirtschaft, im Tourismus etc. Freilich wird die Existenz des Terrors immer wieder als Vorwand genommen, um die wahren Ursachen der Armut zu verschleiern. Diese Ursachen bestehen weiter. Auch der Sendero Luminoso besteht weiter und ist nicht endgültig zerschlagen. Bis heute kommt es noch vereinzelt zu Terroranschlägen und Überfällen auf die Armee (78).

Obwohl es auch in Cajamarca zu vereinzelten terroristischen Aktivitäten kam, war die Situation dennoch grundverschieden. Da Cajamarca das Departement mit dem höchsten Anteil von Campesinos und stets eines der ärmsten Departements des Landes war, hatte Sendero großes Interesse, hier Fuß zu fassen und die Campesinos zum bewaffneten Aufstand zu bewegen. Doch in keinem ländlichen Departement in Peru hatte Sendero so wenig Erfolg, wie in Cajamarca. Das war das Ergebnis der sozialpastoralen Arbeit der Kirche von Cajamarca.

Alle Versuche des Sendero Luminoso, besonders in Bambamarca Fuß zu fassen, scheiterten an der klaren Absage der Campesinos und der Mit-arbeiter Bischof Dammerts. Lediglich im Süden der Diözese (Cajabamba) gelang es Sendero, im kleineren Rahmen aktiv zu werden (79). Dort waren die Organisationen der Campesinos am wenigsten entwickelt.

Die bereits weit fortgeschrittene demokratische Organisation der Campesinos, ihr Bewusstsein als Kirche und ihre soziale Projekte verhinderten, dass Sendero unter den Campesinos Anhänger finden konnte. Bischof Dammert verurteilte als Präsident der peruanischen Bischofskonferenz im Namen der peruanischen Kirche den Terror aufs Schärfste, wies aber gleichzeitig auf die Gewalt der Militärs und auf die wahren Ursachen des Terrors hin (Ungerechtigkeit, Rassismus etc.).

Der Sendero hat sich offensichtlich gespalten: während eine größere Gruppe dem Aufruf ihrer Führer von 1993 folgte, den bewaffneten Kampf einzustellen, will eine andere Gruppe, die sich „Proseguir“ nennt, den Kampf wieder aufnehmen. Angesichts der Schwäche der aktuellen Regierung Toledo (nach Umfragen im Juni 2003 liegt die Zustimmung für Präsident Toledo bei 11,2 %) und zunehmender Verunsicherung werden inzwischen wie in den Hochzeiten des Terrors von politisch einflussreichen Gruppierungen und einem Großteil der Presse auch soziale Bewegungen des Terrorismus verdächtigt. So werden u.a. die Proteste von Campesinos und Bürgerbewegungen gegen die Goldmine in Cajamarca als von Sendero gesteuert dargestellt.

c, 3) Auslandsverschuldung, Rolle des IWF und die Situation seit 1990

Schon zu Kolonialzeiten musste Peru seine wertvollsten Produkte wie Bodenschätze, Baumwolle, Textilwaren und landwirtschaftliche Produkte nach Europa exportieren, ohne einen angemessenen Gegenwert zu bekommen. Bis in die heutige Zeit änderte sich daran nichts Grundlegendes, Peru nimmt innerhalb der Weltwirtschaft noch die gleiche Rolle ein. Heute exportiert Peru in erster Linie Fischmehl, Blumen, Spargel und immer noch (und wieder vermehrt) Gold, Silber und Kupfer. Nicht zu vergessen sind die hoch qualifizierten Arbeitskräfte (Wissenschaftler, Ärzte etc.), die ins Ausland gehen oder direkt abgeworben werden.

Dieser über Jahrhunderte einseitige Handel führte zu einer im-mer größer werden Auszehrung und schließlich Verschuldung des Landes. Die aktuelle Verschuldung hat konkrete Ursachen (in Stichpunkten): Entwicklungskonzepte aus den sechziger und siebziger Jahren, die eine wirtschaftliche Angleichung der armen an die reichen Länder durch Förderung industrieller Großprojekte erreichen wollten („Pharaonenprojekte“); Waffenkäufe und Rüstungswettlauf mit den Nachbarländern (dies macht allein ein Fünftel der gegenwärtigen Schulden aus).

Eine Kapitalflucht, die pro Jahr die Höhe der zu zahlenden Zinsen zur Auslandsverschuldung übertrifft; der Import von Verbrauchsgütern (vor allem durch die Oberschicht) verschärft massiv die negativen Zahlungsbilanzen; vagabundierende Petrodollars als Folge der massiven Erhöhung des Erdölpreises seit 1973 suchten rentable Anlagemöglichkeiten in armen Ländern; Einfuhr von Grundnahrungsmitteln als Folge einer am Export orientierten Landwirtschaft; Privatisierungswelle vor allem seit 1990, durch die noch mehr Kapital in ausländische Unter-nehmen fließt und das dadurch dem Land entzogen wird; steigende Zinsschulden.

Die gegenwärtigen Schulden Perus (2002) betragen 32 Milliarden Dollar, die jährlich zu zahlende Zinslast beträgt 2,1 Milliarden Dollar. 1978 beliefen sich die Schulden Perus noch auf 8 Milliarden Dollar. Inzwischen hat Peru mehr an Zinsen bezahlt, als es je an Krediten insgesamt bekommen hat. Es geht auch nicht mehr darum, die Schulden abzahlen zu können, sondern alle Anstrengungen richten sich allein darauf, die jährlichen Zinsen bezahlen zu können, um nicht für zahlungsunfähig erklärt zu werden (80). Die Entscheidung über die Kreditwürdigkeit eines Landes trifft der IWF.

Um den armen Ländern aus der Schuldenfalle zu helfen und sie an den Weltmarkt heranzuführen und konkurrenzfähig zu machen - so die Begründung - diktiert der IWF die Bedingungen zur Sanierung der Staatshaushalte der ver-schuldeten Länder (außer den USA, dem am höchsten verschuldeten Land der Welt). Die Kosten dieser „Sanierung“ müssen in der Regel die Armen bezahlen, die selbst von den Krediten nie etwas gesehen haben. Die Folgen sind verheerend. Dem peruanischen Staat wird diktiert, nicht in „unproduktive Bereiche“ wie Gesundheit, Bildung, Selbstversorgung (Subsistenzwirtschaft) und generell in soziale Projekte neu zu investieren, sondern die Staatsausgaben für diese Bereiche drastisch zurückzufahren. Die Folge sind eine weitere Verelendung der Bevölkerung, die Zahl der Menschen in extremer Armut steigt.

Der erste massive Eingriff des IWF in Peru geschah bereits 1974, als das Experiment einer „Revolution von oben" von den USA und dem IWF, in dem die USA eine Sperrminorität besitzen, gestoppt wurde. General Velasco musste abge-löst werden. 1978 musste sich Peru endgültig den Bedingungen des IWF unterwerfen. Bei den Verhandlungen über die Umschuldung von damals acht Milliarden Dollar Auslandschulden musste Peru, wie andere mit Krediten voll ge-pumpte Länder, folgende Bedingungen akzeptieren (81):

Senkung der Staatsausgaben (der Sozialausgaben u.a. im Bildungs- und Gesundheitsbereich); Streichung aller Subventionen (vor allem für Grundnahrungsmittel); freier Kapitalverkehr (Gewinne können ungehindert aus dem Land geschafft, ausländisches Kapital kann in Gewinn versprechende Vorhaben beliebig investiert und wieder abgezogen werden); Herstellung eines sicheren Investitionsklimas (Zerschlagen der Gewerkschaften, Löhne werden gesenkt, Kaufkraft sinkt); verstärkte Konzentration auf den Export statt Eigenkonsum (Mobilisierung aller landwirtschaftlicher und natürlicher Ressourcen zwecks Beschaffung von Devisen,um die fälligen Zinsen bezahlen zu können).

Die Kürzung der Rüstungsausgaben wurde übrigens nicht zur Bedingung gestellt, im Gegenteil, der peruanischen Regierung wurden günstige neue Kredite zur Modernisierung der Streitkräfte angeboten, u.a. von Deutschland. Im gleichen Jahr (1978) kommt es zu Unruhen, die gewaltsam niedergeschlagen werden. Ein Ergebnis der Maßnahmen: 1979 konnte eine peruanische Durchschnittsfamilie mit ihrem Monatseinkommen nur noch halb so viel Nahrungsmittel kaufen wie 1972. Der Präsident der peruanischen Zentralbank charakterisierte bereits 1979 die Maßnahmen des IWF wie folgt: „Die sozialen Kosten dieser Politik sind dramatisch. Sie bedeutet den Tod für rund 500.000 Kinder und sie bringt eine unbestreitbare Wirklichkeit mit sich: die Peruaner werden einer Hungerkur unterworfen“ (82).

Wenn an dieser Stelle vor allem die siebziger Jahre im Mittelpunkt stehen, dann geschieht dies deshalb, weil in der Öffentlichkeit oft der Eindruck vermittelt wird, die Schuldenkrise habe z.B. erst 1982 (1. Zahlungsunfähigkeit Mexikos) oder noch später begonnen. Es wird deutlich, dass alle genannten Maßnahmen bis 2002 nur zu einer weiteren Verelendung der Mehrheit der Bevölkerung und zu einer Kapitalvermehrung bei den Reichen geführt haben. Die geschilderten Maßnahmen und die damit verbundene Politik auf der Basis einer sanktionierten Werteordnung werden im Prinzip seit dem 16. Jahrhundert praktiziert.

Das Neue im ausgehenden 20. Jahrhundert ist, dass diese Maß-nahmen nun weltweit und einheitlich - und besonders seit 1990 ohne Rücksicht auf Staaten und deren Regierungen - durchgesetzt werden können und dass dies im Namen von Freiheit, Entwicklung und Demokratie geschieht. Die Folgen dieser Entwicklung werden seit 1990 besonders drastisch sichtbar. Gustavo Gutiérrez wurde 1990 gefragt, ob das Jahr 1989 eines der kritischsten Jahre in der Geschichte des Landes gewesen sei.

Er antwortete: „Wissen Sie, was ich befürchte? Dass es noch viel tiefer geht. Schon seit vielen Jahren sprechen die Leute vom Tiefpunkt, und trotzdem geht es immer weiter bergab. Diese Verschlechterungen in den Lebensbedingungen eines seit Jahrhunder-ten armen Landes begannen vor etwa zehn oder zwölf Jahren. Diese Situation verlangt von unserem Land ein riesiges Opfer ab, wobei es wieder die Armen sind, die die Hauptlast zu tragen haben“ (83).  Und er sollte Recht behalten.

Fujimori gewann 1990 die Wahl, weil er im Wahlkampf versprochen hatte, nicht die Bedingungen des IWF zu akzeptieren - im Gegensatz zu Vargas Llosa, der diese Bedingungen akzeptieren wollte, um Peru zu einem „modernen, kreditwürdigen Staat“ zu machen. Kaum war Fujimori an der Macht, setzte er genau das Programm um, gegen das er im Wahlkampf angetreten war. Es kam zum „Fuji - Schock“ (im Prinzip gleiche Maßnahmen wie 1978), deshalb so genannt, weil die Menschen wie gelähmt waren, denn viele Menschen erwarten von einem Austausch des Präsidenten immer wieder bessere Zeiten.

Nach Verkündigung des Programms am 8.8.1990 fiel das Realeinkommen im August 1990 auf 60% des Niveaus von 1972. Weitere Anpassungen folgten. Ein wichtiger Erfolg hat diese Politik aber vorzuweisen: die Inflation wurde gestoppt (84). Insgesamt sieht aber das Ergebnis 1999 wie folgt aus: Peru hat inzwischen über 30 Milliarden Dollar Schulden und 1/3 der Exporterlöse werden für die Bezahlung von Zinsen aufgebracht. 9% der Erwerbsfähigen sind offiziell arbeitslos, aber über 85% sind ohne feste Arbeit, die Zahl der arbeiten-den Kinder hat zugenommen (85), ebenso die Kindersterblichkeit und die Zahl der Erkrankungen, die auf mangelnder Ernährung beruhen, z.B. Tuberkulose.

Der Mittelstand verarmt zusehends und selbst für Akademiker gibt es immer weniger Perspektiven. Und etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt zur Jahrtausendwende unter dem Existenzminimum. Misereor stellt für Peru fest, dass ein Drittel der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar (absolute Armut) am Tag auskommen muss, in ländlichen Gebieten leben bis zu 80% der Campesinos in absoluter Armut.

Die Position der peruanischen Bischöfe zur Auslandsverschuldung ist so eindeutig und einstimmig wie kaum zu einem anderen politisch-wirtschaftlichen Thema. Die Bischöfe können sich dabei auf Papst Johannes Paul II. berufen, insbe-sondere auf seine Enzyklika „Centesimus Annus“ (1993) und auf die Position des Vatikans im Zusammenhang mit dem Erlassjahr 2000 (in Peru: „Jubileo 2000“). In einem Vortrag auf der Katholischen Akademie Freiburg zum Thema: „Entwicklung braucht Entschuldung“ am 28. Mai 1994 sagte der damalige Generalsekretär der peruanischen Bischofskonferenz, Bischof Miguel Irizar:

„Die heutige Welt erlebt sich jeden Tag mehr in einer größeren gegenseitigen Abhängigkeit. Diese Interdependenz erzeugt eine ganze Reihe von positiven Effekten, zugleich aber auch negative. Auf der einen Seite z.B. die Demokratie und die Menschenrechte, die sich immer mehr als universale Werte etablieren. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch feststellen, dass sich das Kapital zu einem ausplündernden und ausschließenden Faktor entwickelt, der die Abhängigkeit ganzer Völker zur Folge hat, zugleich die Ansprüche und Gebräuche uniformiert und Welten aufzeigt, die für die Mehrheit der Menschen unerreichbar ist.

Heutzutage präsentiert sich der Markt als fundamentale Ordnungsmacht der Welt... Die Auslandschuld stellt einen besonderen Teil dieser Missentwicklung in der internationalen Ökonomie dar und ist zugleich eine Verstärkung jener Logik der Machtanhäufung. Die Bezahlung der Schulden in ihrer jetzigen Form verpflichtet die Bevölkerung zu angestrengten Sparleistungen, die sich nicht auf die Entwicklung auswirken können“ (86).

Neben der Forderung nach Erleichterung der Rückzahlung oder einer Teiltilgung der Schulden - auch hier beruft sich der Bischof auf die erwähnte Enzyklika - fordert Bischof Irizar schließlich eine neue internationale ökonomische Ordnung auf der Basis der Solidarität unter den Völkern, im Gegensatz und als Alternative zur bisherigen Logik der einseitigen Anhäufung von Kapital und Gütern.

Die Schuldenproblematik wird von den Bischöfen Perus und besonders von Bischof Dammert stets im größeren Kon-text der Abhängigkeit von den reichen Ländern und einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung gesehen, die ihren Ursprung in den kolonialen Strukturen hat. Die Schuldenkrise ist dabei nur ein Faktor bzw. eine Auswirkung dieser Weltordnung, allerdings ein sehr entscheidender Faktor.

Bischof Irizar schließt: „Wir nehmen mit großem Schmerz zur Kenntnis, dass für die Weltwirtschaft in ihrer heutigen Struktur die Armen und ihr Schrei nach Leben keinen besonderen oder gar dringenden Faktor darstellen. So nehmen wir den Aufruf von Johannes Paul II. auf, gegen diesen Strom zu schwimmen, gegen die vielen Götzen, die uns überfluten und überrollen: das Geld, das Vergnügen, die Macht, die Ideologien. Kein einziges menschliches Wesen darf diesen Götzen der heutigen Zeit geopfert werden“ (87).

Die Kampagne zum Schuldenerlass anlässlich des „Jubileo 2000“ wurde in Peru zu einem großen Erfolg. Sie fand unter dem Motto „La Vida antes que la Deuda“ (Das Leben hat Vorrang vor den Schulden) statt. Fast alle kirchlichen Gruppen und Bewegungen haben die Kampagne unterstützt, die von der Sozialkommission der Bischofskonferenz (CEAS) vorbereitet und koordiniert wurde. Deutsche Partnergemeinden, besonders die Freiburger Gemeinden, unterstützten die Kampagne durch Unterschriftenlisten etc.

Am Ende der Kampagne konnten knapp zwei Millionen Unterschriften aus Peru (von 17 Millionen weltweit) anlässlich des G 7 - Gipfels am 18. Juni 2000 in Köln an die Vertreter der Gläubigerländer übergeben werden, aus Peru war Bischof Bambarén bei der Übergabe dabei. Kardinal Oscar Andrés Rodriguez Maradiaga aus Honduras übergab stellvertretend die Unterschriften an Bundeskanzler Schröder. Auf dem Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin hielt Kardinal Maradiaga einen Vortrag mit dem Titel „Wem gehört die Welt?" Seine wichtigsten Aussagen: Die Globalisierung habe die Kluft zwischen Arm und Reich noch verstärkt.

Die Welt gehöre allen Menschen - dennoch subventioniere die EU eine Kuh in einem europäischen Stall mit 2 US-Dollar am Tag, während die Ärmsten der Armen in Lateinamerika, Afrika und Asien mit gerade mal 1 US-Dollar pro Tag durchkommen müssten. Nicht nur die vergebens im Irak gesuchten Waffen seien Massenvernichtungsmittel. Zu den Massenvernichtungswaffen gehörten im Weltmaßstab Armut, Korruption und soziale Ungerechtigkeit.

Rodriguez forderte statt der in den vergangenen Monaten betriebenen Schwächung der Vereinten Nationen eine stärkere internationale Staatengemeinschaft, die sich den Problemen der Globalisierung annehme - etwa überschuldeten Entwicklungsländern. In Anlehnung an das Papstwort von einer nötigen „Globalisierung der Solidarität" rief er zum Einsatz für eine solidarisch globalisierte Welt auf (88).

Die Diözese Cajamarca ist besonders von den Auswirkungen der Auslandsverschuldung betroffen. Hier gibt es zwei Mammutprojekte deutscher Entwicklungshilfe, die Staudämme von Tinajones und Gallito Ciego (89).  Beide Projekte dienen nachweislich zuerst dem Export von hochwertigen landwirtschaftlichen Produkten und führten zu einer Verarmung der in diesem Gebiet lebenden Campesinos. „Die großen Projekte von Tinajones und von Jequetepeque dienen den großen Ländereien an der Küste. Sie benutzen dafür das Wasser und den Humus der Sierra.

Die Belange der Sierra werden überhaupt nicht berücksichtigt - außer, dass sie das Wasser zur Verfügung stellen muss und dass dies zu mehr Erosion auf den Feldern führt; die Bewohner der Sierra stellen billige Arbeitskräfte zur Verfügung und in einigen Fällen wird ihr Land enteignet. Die Abhängigkeit und der Verderb der unterdrückten Region Cajamarca gehen weiter, ohne dass sich am Horizont irgendeine Lösung abzeichnen würde“ (90). Da 2000 das „System Fujimori“ zusammengebrochen ist und es in Peru danach zu einer bisher beispiellosen Aufklärung politischer und wirtschaftlicher Verbrechen kam, können nun Zusammenhänge besser erkannt und die Entwicklungen seit 1990 besser analysiert werden:

Alberto Fujimori wurde im April 2000 nach einer manipulierten Verfassungsänderung, die ihm eine dritte Amtszeit ermöglichen sollte, erneut zum Präsidenten Perus gewählt. Doch bereits fünf Monate später musste er das Land fluchtartig verlassen, da ihm inzwischen gravierende Verbrechen nachgewiesen werden konnten und sein Machtapparat unter der Leitung von Vladimiro Montesinos auseinander gefallen war. Unter dem Übergangspräsidenten Valentín Paniagua wurde im Mai 2001 eine unabhängige Wahrheitskommission eingesetzt, die nicht nur die Verbrechen des gestürzten Regime, sondern auch die Zeit des Terrors von 1980 - 1992 untersuchen sollte.

Am 28. Juli 2001 wurde Alejandro Toledo als neu gewählter Präsident in sein Amt eingeführt. Als eine seiner ersten Amtshandlungen bestätigte er im September 2001 die Einsetzung der Wahrheitskommission. Diese Kommission legte am 28. August 2003 ihren Abschlussbericht vor. Da in dem Bericht einige grundlegende Probleme der peruanischen Gesellschaft aufgedeckt werden, soll in aller Kürze darauf eingegangen werden.

Die Regierungszeit von Alberto Fujimori war geprägt von einer bis dahin beispiellosen Korruption. Während bisher in Peru zwar alle Präsidenten, einzelne Minister, Generäle etc. stets wesentlich reicher ihr Amt verließen, als sie es begonnen hatten, kam es im „System Fujimori“ erstmals zu einer der Mafia ähnlichen, systematischen Ausplünderung der Staatskassen.

„Der vom Kongress im Juli 2002 gebilligte Bericht zielte darauf ab, Straftaten und Verbrechen in der Staatsverwaltung zu finden und Personen dafür verantwortlich zu machen. Nach zehn Monaten Arbeit stellte die Kommission fest, dass zwischen 1991 und 2000 insgesamt 228 staatliche Unternehmen verkauft wurden. 90% der Unternehmen im Bergbau-, 85,5 % im Gewerbe-, 68 % im Kohlenwasserstoff-, 68% im Elektrizitäts- und 35% im Agrarbereich wurden in Peru privatisiert. Für den Nobelpreisträger Joseph Stigliz können Privatisierungen als Bestechungen verstanden werden. Und in Peru traf dies zu. Die Privatisierungen betrugen 9,22 Milliarden US$, dennoch flossen nur 6,45 Milliarden US$ dem Staat zu. Nach Meinung der Kommission kamen die Privatisierungen nur den transnationalen Firmen und dem Korruptionsnetzwerk zugute.

Dieser Diebstahl wird straflos bleiben, falls er durch Gesetze, die damals entworfen wurden, weiter beschützt wird“ (91). Oscar Ugarteche weist anhand konkreter Beispiele nach, dass die verbliebenen 6,45 Milliarden nahezu ausnahmslos in den Taschen der führenden Vertreter des Regime flossen, sei es über die Gründung von Scheinfirmen, Scheinaufträgen, Schaffung neuer Posten oder direkt als „Provision“ für Gutachten etc. „Der Bau von Schulen und von Gesundheitsposten im ganzen Land war zudem ein offener Geldschrank, aus dem sich die Anhänger Fujimoris bedienten und sich so bereicherten“ (92).

Könnte man die beschriebenen Zustände als typische Erscheinungen in einer Bananenrepublik bewerten, könnte man leicht zur Tagesordnung übergehen. Und dies geschieht auch oft. Übersehen wird dabei, dass es genau diese Zustände sind, die entweder von ausländischen Mächten und Konzernen so geschaffen wurden oder in denen sie sich besonders Gewinn bringend entfalten können. Die genannten Kommission weisen nach, dass sowohl von der Weltbank als auch einzelnen Konzernen und Banken - sehr wohl in Kenntnis der Mechanismen des Regime - die Wiederwahl Fujimoris sowohl 1995 als auch 2000 massiv gefördert wurde.

Schon der Staatsstreich am 5. April 1992 diente dazu, die entsprechenden Wirtschaftsreformen wie z.B. Privatisierungen, ungehindert durchführen zu können. Experten der Weltbank und des IWF waren die maßgebenden Berater des Präsidenten (93). Für Oscar Ugarteche und andere Experten wie Javier Iguíñez (IBC) steht fest, dass eine Zunahme wirtschaftlicher Freiheiten zumindest nicht automatisch zu mehr Demokratie führt. Am Beispiel der Ära Fujimori hat sich vielmehr das Gegenteil als richtig erwiesen: je mehr Freiheit für die „Globalplayer“, desto weniger Freiheit (d.h. mehr Elend) für die große Mehrheit des Volkes.

Auch die vom Parlament eingesetzte Wahrheitskommission kam zu ernüchternden Ergebnissen: „Während des Kampfes der peruanischen Regierung gegen die Guerilla des Sendero Luminoso sind von 1980 bis 2000 offenbar weitaus mehr Menschen umgekommen als ursprünglich angenommen. Die Wahrheitskommission hat die vermutete Zahl der Opfer auf 50.000 bis 70.000 heraufgesetzt, wie der Präsident des Gremiums, Salomón Lerner, am 15.6.2003 bei den Vereinten Nationen in New York erklärte. Darin enthalten seien 7.000 bis 8.000 Menschen, die schlicht ver-schwunden seien.

Bisherige Schätzungen waren von 30.000 Toten und 6.000 Verschwundenen ausgegangen. Die neuen Zahlen der Wahrheitskommission, deren Arbeit nach zwei Jahren kurz vor dem Abschluss steht, basieren auf den Anhörungen von fast 18.000 Opfern beziehungsweise Angehörigen von Opfern“ (94). Salomón Lerner ist Präsident der Kath. Universität Lima. In der Wahrheitskommission sind Personen aus dem Umfeld der befreiungstheologisch orientierten Kirche Perus stark vertreten, weil diese am wenigsten der Korruption verdächtigt werden.

Der offizielle Abschlussbericht wurde am 28. August 2003 dem peruanischen Kongress übergeben (95). Darin wird die Zahl der Opfer mit 69.280 angegeben. 79% der Opfer sind Campesinos. 54% der Getöteten sind dem Terror des Sendero Luminoso zum Opfer gefallen. Die Sicherheitskräfte haben die meisten Menschen verschwinden lassen. Insgesamt gibt es im demokratischen Peru von 1980 - 1992 mehr Verschwundene als in Chile unter Pinochet. Die meisten Opfer (85%) stammen aus den Departements Ayacucho, Junín, Apurímac, Huanuco, Huancavelica (alle in der Sierra gelegen) und San Martín (Selva).

Neben der hier nicht zu beschreibenden Tragik des Terrors möchte ich aus dem Bericht der Wahrheitskommission zwei Punkte herausheben:

  • Die von Politik und Medien beherrschte Öffentlichkeit, in der z.B. die Campesinos nicht vorkommen, nahm den Terror und den „Krieg in den Anden“ erst dann wirklich zur Kenntnis, als auch in den reichsten Vierteln in Lima die ersten Bomben explodierten. Es ist nicht so dramatisch, wenn „nur Indios“ getötet werden. „Das eigentliche Problem ist der Rassismus, die Diskriminierung der Mehrheit der Menschen“ (96).
  • Während die Einsetzung der Wahrheitskommission von allen relevanten gesellschaftlichen Kräften noch be-grüßt worden war, gehen nun Parteien, Kirche und Militärs zunehmend auf Distanz bzw. lehnen die Ergeb-nisse scharf ab (u.a. Kardinal Cipriani).

Im Blick auf Cajamarca wird deutlich werden, was Rassismus, Freiheit und Befreiung sowie Demokratie in der Praxis bedeuten und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.

2. Eine Annäherung an Cajamarca - Alltag in Cajamarca

Cajamarca ist eines von 25 Departements in Peru. Das Departement Cajamarca besteht aus 13 Provinzen, die wiede-rum in Distrikte aufgeteilt sind. Die kleinste Einheit bilden auf dem Land die „Caserios“ oder Comunidades (97) in der Stadt sind es die jeweiligen Stadtviertel. Das Departement Cajamarca (36.418 km²) wurde 1855 gegründet. Die östliche Grenze bildet der Marañón, einer der Quellflüsse des Amazonas, im Norden grenzt es an Ekuador. Knapp ein Viertel der Fläche wird landwirtschaftlich genutzt, weit mehr als im Landesdurchschnitt, davon können aber nur knapp 10% bewässert werden. Die Diözese Cajamarca ist nicht identisch mit der Fläche des gleichnamigen Departements. Die Diözese umfasst acht Provinzen, im Zentrum und im Süden des Departements (98), Den Norden des Departements Cajamarca teilen sich die Prälaturen von Chota und Jaén.

Die Stadt Cajamarca hat etwa 160.000 Einwohner, das gesamte Departement 1,8 Millionen und die Diözese Cajamarca um die 1.000.000 Einwohner. Der Anteil der Campesinos in der Diözese beträgt noch über 70 % (1961: 95%). Das Departement Cajamarca gehörte über die Jahrhunderte hinweg zu den ärmsten Regionen der Anden. 1962 war es das zweitärmste Departement in Peru, 1994 lag es an vierter Stelle der Armutsskala. Es ist das dichtest bevölkerte Departement in den Anden Perus und Boliviens, mit dem höchsten Anteil von Campesinos.

Erst seit den letzten Jahren ist die Bevölkerungsbewegung auch innerhalb der Sierra in das Blickfeld der Soziologen geraten, während üblicherweise vor allem die Migration von der Sierra an die Küste im Blickfeld stand. Andenstädte wie Cajamarca erlebten in den letzten fünf Jahren eine höhere Zuwachsrate als die großen Städte an der Küste (außer Lima). 1940 hatte Cajamarca 14.000 Einwohner, 1962: 19.000 Einwohner, 1980: 60.000 Einwohner und 1998: 140.000 Einwohner.

Der Grund für die Binnenmigration liegt darin, dass die Menschen auf dem Land und den kleinen Provinzstädten ihr Heil in der Hauptstadt des Departements suchen, weil sie die Grundlagen eines menschenwürdigen Lebens wie z.B. Bildung, Verdienstmöglichkeiten, ärztliche Betreuung, elektrisches Licht und fließendes Wasser in ihrer Umgebung nicht vorfinden und sie die Hoffnung verloren haben, ein besseres Leben in ihrer eigenen Umgebung je erreichen zu können (99). Die Stadt wirkt wie ein Magnet auf die Landbevölkerung, die von Gesellschaft und Staat ausgegrenzt ist oder sich zumindest ausgegrenzt fühlt. Die Städte sind nicht auf den Ansturm der Menschen vorbereitet. Immer größer und chaotischer werdende Elendsviertel sind die Folge.

1962 wurde die staatliche Universität (UNC: Universidad Nacional de Cajamarca) gegründet. Sie hat acht Fakultäten, von denen die landwirtschaftliche Fakultät bedeutsam ist. Diese hat in Peru einen sehr guten Ruf. Auf landwirtschaft-lichen Musterflächen werden im Kontakt mit Campesinos u.a. bessere Anbaumethoden erprobt. Die Universitäten von Trujillo und anderer Küstenstädte gelten aber als attraktiver, doch ein Studium außerhalb Cajamarcas ist für die Mehrheit der städtischen Bevölkerung nicht finanzierbar. Neben der Universität ist die Pädagogische Fachhochschule die größte Ausbildungsstätte.

In vier Jahren werden Lehrerinnen und Lehrer für die Kindergärten (die „educación inicial“ ist in Peru der Schule gleichgestellt), die Grundschule („primaria“ mit sechs Jahren) und die weiterführenden Schulen („secundaria“, weitere fünf Jahre) ausgebildet (100). 1998 erhielten nach bestandenem Examen für den Unter-richt an der Grundschule von 320 Abgängern fünfzehn eine feste Lehrerstelle, wobei die Prüfungsnoten selten die wichtigste Rolle spielten. Gleichzeitig bleiben Lehrerstellen wegen „Lehrermangel“ unbesetzt und Schulen auf dem Land stehen leer. Seit 1997 kommt es zu einem Boom von Privatschulen - von Kindergärten bis zu privaten Universitäten - in Cajamarca.

Im Jahre 2002 sind 84 Privatschulen in Cajamarca registriert, die von ihren Besitzern meist nur als rentable Geldanlage angesehen und in denen die Lehrer oft noch schlechter als in staatlichen Schulen bezahlt werden. Eine staatliche Aufsicht ist nicht gewährleistet, weil z.B. staatliche Aufseher selbst Inhaber von Privatschulen geworden sind - gewissermaßen im Nebenberuf. Eine gute Ausbildung wird noch mehr als zuvor zu einer Frage des Geldes (101).

Für die besser gestellte städtische Bevölkerung in Cajamarca gilt es als Alptraum, eines Tages in das Krankenhaus von Cajamarca eingeliefert zu werden. Auch wenn man von einigen Vorurteilen (an der Küste, besonders in Lima, sei angeblich alles besser etc.) absieht, ist der Zustand des Krankenhauses und die damit verbundene Betreuung nur schwer beschreibbar (102). Auch die sonstige ärztliche Betreuung ist nicht mit europäischen Standards vergleichbar, obwohl sie sich am europäisch-technischen Ideal ausrichten will. Die ländliche Bevölkerung ist von einer ärztlichen Betreuung weitgehend ausgeschlossen.

Der Zustand der ärztlichen Versorgung in Cajamarca wird von alteingesesse-nen älteren Bürgern der Stadt als hauptsächlicher Grund angegeben, z.B. das alte Kolonialhaus in Cajamarca aufzugeben und in ein kleines Appartement in Lima umzuziehen, wo sie sich aus Angst vor Überfällen dann einigeln und vereinsamen. Lima ist inzwischen auch leichter erreichbar. Es gibt täglich mindestens zwei Flüge Lima - Cajamarca - Lima und die Nachtbusse (mit Stewardessen, Videothek, Gewinnspielen und Bar) brauchen für die 870 km nach Lima nur noch zwölf Stunden. Das wichtigste Projekt der gegenwärtigen Stadtverwaltung (neu gewählt am 17. 11. 2002) ist auf Betreiben der Goldmine der Ausbau und die Modernisierung des Flughafens.

Die Existenz der Goldminen (dazu mehr im folgenden Abschnitt) beunruhigt derzeit am meisten die städtische Bevöl-kerung. Man befürchtet eine erhebliche Verschlechterung, ja schleichende Vergiftung des Trinkwassers und einen möglichen Dammbruch des Auffangbeckens oberhalb der Stadt Cajamarca. Ein wesentlicher Grund für die Unsicherheit ist, dass keine objektiven Messergebnisse vorliegen, sondern nur beschwichtigende Stellungnahmen der Minen-gesellschaft. Seit der Inbetriebnahme der Minen 1993 wird eine stark steigende Kriminalität, ein überdurchschnittlicher Anstieg der Preise und eine zunehmend moralische Dekadenz (Drogen, Prostitution, Korruption, etc.) registriert.

Cajamarca war bereits vor der Inbetriebnahme der Goldminen ein „El Dorado“ für Ausländer und peruanische Fachleute. Cajamarca ist seit den sechziger Jahren ein wichtiges Zentrum für Entwicklungshilfe und Entwicklungshelfer. 1998 waren 113 Nichtregierungsorganisationen (NRO) in und um Cajamarca tätig. Nach vorsichtigen Schätzungen von Experten der Agrarfakultät der Universität von Cajamarca können höchstens 10% davon eine sinnvolle bzw. überhaupt eine Tätigkeit zu Gunsten der Armen vorweisen.

Wenn eine NRO ihre Arbeit beginnt, steht in der Regel zuerst die Beschaffung eines Fuhrparks und die repräsentative Ausstattung eines Büros im Mittelpunkt. Danach ist die Mehrzahl der Mitarbeiter damit beschäftigt, eine soziologische und entwicklungspolitische Bestandsaufnahme der ihnen anvertrauten Zone zu machen, Arbeitspläne auszuarbeiten und die Zwischenberichte und den Abschluss-bericht für die Geldgeber vorzubereiten. Dabei ist der Hinweis auf die notwendige Fortsetzung des Projekts von entscheidender Bedeutung.

Ausländer werden von den Campesinos meist mit „Ingeniero“ (Ingenieur) angesprochen. Bei ausgedehnten Besuchen auf dem Land im Rahmen von unabhängigen Projektevaluationen durch die Agrarfakultät der Universität Cajamarca, an denen ich teilnehmen durfte, zeigten sich u.a. folgende Befunde: Nach der Choleraepidemie 1992 (ein solcher Anlass eignet sich gut, attraktive Projekte zu formulieren), von der die Landbevölkerung besonders stark betroffen war, wurden mehrere tausend Latrinen aufgestellt. Aber nur 3% davon werden heute noch benutzt.

Die Campesinos lehnen die Benutzung ab, weil sie die Latrinen mit Recht als Krankheitsherde bezeichnen - nicht grundsätzlich, aber unter den herrschenden Gegebenheiten. In der näheren Umgebung Cajamarcas, Orte, die mit dem Auto erreichbar sind, kann man viele unbenutzte Wasserkanäle und Wasserreservoire sehen. Daneben haben Campesinos wieder ihre alten Kanäle in Betrieb. Die Campesinos sagen, dass stehendes Wasser aus dem betonierten Wasserreservoir die Tiere krank macht. Selbst die Wiederaufforstung - falls sie zu Lasten von bebaubarer Ackerfläche geschah - ist ein Misserfolg, sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich.

Im weiteren Umkreis der Hügel, auf denen ein Wald von Euka-lyptusbäumen angepflanzt wurde, sind alle Wasserstellen ausgetrocknet. Ökologen sprechen von einer grünen Wüs-te, weil unter den Bäumen keine anderen Pflanzen gedeihen. Holzwirtschaft lohnt sich auch ökonomisch nicht mehr, weil die Konkurrenz aus dem Amazonasgebiet zu groß ist (auf Kosten des Regenwaldes).

Diese und andere Projekte wurden von Fachleuten geplant, aber von den Menschen nie akzeptiert. Sie wurden nicht deswegen nicht akzeptiert, „weil die Campesinos so dumm sind“, wie die Fachleute zu sagen pflegen, sondern weil es die Campesinos besser wussten (103). Bereits vor über 3.000 Jahren haben die Bewohner von Cajamarca auf den Bergen des Cumbe, auf einer Höhe von 3.500 m gelegen, Bewässerungskanäle verbunden mit einem Wasserheiligtum angelegt, die heute noch wegen der Genauigkeit der Berechnungen der Fließgeschwindigkeit Erstaunen erregen.

In unmittelbarer Nähe haben die Campesinos des Cumbe (Pfarrei San Pedro) 1985 in Eigenarbeit einen neun Kilometer langen Wasserkanal gebaut, einschließlich Wasserreservoir (ohne Zement) und die Wasserverteilung für drei Comun-idades mit insgesamt etwa 3.000 Menschen organisiert. Die Materialkosten von 5.000 Dollar wurden von der Partnergemeinde St. Georg, Ulm, aufgebracht. Der Kanal ist in Betrieb und wird von den Campesinos aufmerksam gewartet. Ein Kostenvoranschlag einer NRO belief sich damals auf 85.000 Dollar. Bischof Dammert sprach in seiner Verab-schiedung von der Universität im Januar 1993 davon, dass das wenige Geld für das Land mehr den Ingenieros als den Campesinos genutzt hätte (104). 

Die Fachleute gingen nur auf das Land, wenn sie mit dem Jeep dorthin kommen können und wenn sie etwas Gutes zu essen bekämen - so Bischof Dammert, der sich dabei auf Programme und Mitarbeiter verschiedener NRO bezog, nicht auf kirchliche Projekte. Es ist unbestritten, dass in den genannten Beispielen eine negative Auswahl getroffen wurde und dass es auch Projekte gab und gibt, die den Campesinos langfristig weiterhelfen.

Für die Partnerschaftsarbeit ist aber wichtig festzuhalten, dass speziell in der näheren Umgebung Cajamarcas die Campesinos seit über dreißig Jahren mit unzähligen Projekten überhäuft wurden, von denen nur wenige von den Campesinos mitgetragen und dann auch selbstverantwortlich weiterentwickelt wurden. Die Campesinos reagieren auf neue Projekte entsprechend und merken sehr schnell, ob sie wirklich ernst genommen werden oder nicht.

Cajamarca wurde in den vergangenen Jahren als eine der „Öko - Hauptstädte“ Lateinamerikas bezeichnet. Verantwortlich dafür war Luis Guerrero, von 1991 bis 1998 Bürgermeister von Cajamarca und inzwischen einer der Vertreter Cajamarcas im Kongress und dort Vorsitzender der nationalen Kommission zur Dezentralisierung. Er kommt aus der entwicklungspolitischen Szene, hatte eng mit ausländischen Projekten zusammengearbeitet und hat seine Ideen vor allem auf Reisen nach Deutschland vertiefen können. In seinem Team arbeiten Leute, die in der pastoralsozialen Entwicklung der Diözese eine aktive Rolle spielten.

Einige ehemalige kirchliche Entwicklungshelfer aus Deutschland arbeiten bis heute eng mit Guerrero und seinem Team zusammen. Aber in keiner kirchlichen Partnergemeinde spielt diese politische Szene eine Rolle und es gibt keine Beziehungen zu den ökologisch-sozialen Bewegungen in Cajamarca und umgekehrt. Dies ist einer der Gründe, warum in den Partnergemeinden die Problematik der Goldmine bis 2002 praktisch keine Rolle spielte (Ausnahme: Tettnang), obwohl praktisch alle Partnergemeinden in Cajamarca davon massiv betroffen sind.

3. Das Gold von Cajamarca

„Der Kapitalismus ist kalt, kalt wie alles, das aus Metall ist. Es interessieren ihn weder die Menschen noch die Völker. Es interessieren ihn allein die Gewinne. Menschen und Völker interessieren ihn nur in dem Maße, in dem sie ihm Gewinne versprechen. Um Gewinne verschlingen zu können, verschlingt er Menschen und Völker. Er ist kalt, er hat kein Herz. Unser Land, wie viele andere Länder in Lateinamerika, ist schon seit langem in die Klauen dieses Monsters gefallen. Wir hängen auf vielfältige Weise von ihm ab. Wir sind sein Spielzeug“ (105).

Das Gold von Cajamarca ist eine entscheidende Ursache für die Armut in Cajamarca. Auf der Suche nach Gold sind die Europäer bis in die letzten Winkel der Erde vorgestoßen und haben dabei ganze Völker in den Abgrund gestoßen. Es war die Suche nach den vermuteten sagenhaften Goldvorkommen, weshalb spanische Söldner schließlich auch nach Cajamarca kamen und das mächtige Reich der Inka im Handstreich zerstörten.

Es war das Gold, das die Europäer nach Amerika trieb und die Eroberungszüge innerhalb Amerikas wurden von der Suche nach dem Gold geleitet. „Von hier aus nach Norden geht es nach Panama und damit in die Armut und hier geht es nach Peru, wo man reich werden wird. Jeder möge auswählen, was ihm am meisten behage“. So stellte Pizarro seine Truppe vor dem Beginn der Eroberung des Inkareiches vor die Wahl, die zögerte, noch weiter in die unbekannten Länder des Südens vorzustoßen (106).

Gold steht als Sammelbegriff für alle Reichtümer, als Inbegriff aller Schätze dieser Welt. Spanische Theologen des 16. Jahrhunderts bezeichneten das Gold als ein Geschenk Gottes, der in seiner göttlichen Vorsehung die heidnischen Völker mit großen Goldvorkommen ausgestattet hat, damit auf diese Weise die Christen den Weg zu diesen Völkern finden, um sie zu taufen und sie so vor der Hölle zu bewahren. Die Heiden verdanken demnach ihr Seelenheil dem Gold und die Christen verdanken ihren sehr irdischen Reichtum ebenfalls dem Gold (107).

Cajamarca ist ein geschichtlich einzigartiger Ort, an diesem Ort verdichtet sich die globale Geschichte der Eroberung und Zerstörung. Um des Goldes willen kamen die Europäer und mit ihnen das Evangelium nach Cajamarca und wegen der Goldminen von Cajamarca haben die Menschen heute angeblich eine erneute Chance auf ein besseres Le-ben. Cajamarca steht für alle Orte dieser Welt, die seit Beginn der Neuzeit von den Europäern erobert und anschließend „zivilisiert“ wurden. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Über Jahrhunderte diente Cajamarca, wie andere Orte des Südens, als Quelle des Reichtums für die Europäer. Mit der Entdeckung und der Erschließung großer Gold-vorkommen bei Cajamarca schließt sich der Kreis. Werden auch diesmal die Fremden die alleinigen Nutznießer sein, oder werden diesmal die Menschen von Cajamarca einen Anteil an den „Gütern der Schöpfung“ erhalten, auf die alle Menschen in gleicher Weise einen rechtmäßigen Anspruch haben?

a) Die Mine Yanacocha (108)

Die Geschichte des Goldes von Cajamarca begann 1532 und sie wurde bis in das 20. Jahrhundert hinein fortgeschrieben. Gerade als es schien, dass die Zeit der Gold- und Silberminen in Cajamarca nun zu Ende gehen würde, geriet Cajamarca erneut in den Brennpunkt des Interesses. Auf der Hochebene im Norden von Cajamarca wurde bereits Ende der siebziger Jahre ein Goldgehalt von 1-1½ Gramm pro Tonne Gestein festgestellt. Bis dahin galt aber nur der Abbau bei einem Gehalt von mindestens 10 Gramm Gold pro Tonne Gestein als rentabel. Erst als die Newmont Mining Company mit neu entwickelten Technologien auf den Plan trat und starkes Interesse zeigte, geschah alles sehr schnell.

Am 8. November 1992 erschien ein Artikel in der New York Times, in dem der Geschäftsführer von Newmont überschwänglich von den Chancen der neu eröffneten Mine sprach und hinzufügte: „Niemals zuvor erlebten wir eine so starke Hilfe und geradezu Euphorie seitens einer nationalen Regierung. So schnell hätten wir nie in den USA, und vermutlich in keinem anderen Teil der Welt, eine Genehmigung zum Abbau erhalten“ (109).

In Rekordzeit wurde die Mine in Betrieb gesetzt. Am 23. Juli 1992 wurden in Anwesenheit des peruanischen Präsidenten Fujimori offiziell die Vorbereitungsarbeiten für den Betrieb der Mine eröffnet. Im August 1993 konnte mit dem Abbau des Goldes begonnen werden. Bis 1997 wurde in drei weiteren Sektoren mit dem Abbau des Goldes begonnen, im November 1997 begann Yanacocha Nord mit der Produktion.

Das Zentrum der Minen liegt etwa 45 km nordöstlich von Cajamarca auf einer Höhe von 3.800 - 4.200 m und umfasst ein Gebiet von 2.000 ha. Bereits Mitte der neunziger Jahre bestanden Pläne für die Erweiterung auf 25.000 ha. Auf diesem Gebiet entspringen die drei Flüsse, die für die Wasserversorgung von Cajamarca und Bambamarca von entscheidender Bedeutung sind.

Die Hochebene oberhalb von Cajamarca ist naturgemäß dünn besiedelt. Intensiver Ackerbau ist nicht mehr möglich. Auch die Flächen, die als Weideland genutzt werden, sind sehr karg. In den letzten Jahrzehnten wurde die Hochebene dennoch immer mehr zum Siedlungsgebiet von Campesinos, die aus den tiefer gelegenen und übersiedelten Zonen auf die Hochebene zogen, um neue Lebensräume für ihre Familien zu schaffen.

Viele dieser Familien mussten 1992 zuerst tatenlos zusehen, wie auf ihren Weideflächen Planierraupen begannen, Erde abzuräumen und Straßen anzulegen. Bereits vorher schon wurden auf den Weideplätzen Probebohrungen mit schwerem Gerät durchgeführt, Weideflächen wurden zerstört - ohne die Campesinos um Erlaubnis zu fragen und ohne offizielle Genehmigungen der städtischen Behörden.

Als einige Campesinos protestierten, drohte man ihnen mit Enteignung und Vertreibung. „Vor diesem Hintergrund versuchten die Goldfirmen auch günstig an das Land der Campesinos zu kommen. Sie nutzten dabei die Unwissenheit der Campesinos aus und setzten auch die genannten Druckmittel ein. Derart eingeschüchtert verkauften einige Campesinos ihr Land zu einem Spottpreis von 100 Soles/Hektar (was damals ca. 85 DM entsprach!).

Damit war aber weder das Überleben in der Stadt gesichert, noch war es möglich, anderweitig neues Ackerland zu kaufen. Für die betroffenen Campesinos führte und führt dies direkt in die Verelendung“ (110). 87,8% des betroffenen Landes war Weideland, auf den übrigen 12,2% wurden vor allem Gerste und Kartoffeln angebaut. Diese Campesinos lebten folglich hauptsächlich von der Viehwirtschaft. Durch den erzwungenen Verkauf des Landes mussten sie auch ihr Vieh verkaufen und sie verloren damit ihre einzige Lebensgrundlage. Die dabei erzielten Beträge reichten gerade aus, um mit ihren Familien am Stadtrand von Cajamarca für maximal sechs Monate das Überleben zu sichern.

In dieser Situation wandten sich die Campesinos an die „Vicaría de Solidaridad“ (Menschenrechtsbüro der Diözese) mit der Bitte, ihre Interessen gegenüber der Mine zu vertreten. In einem Aufruf wendet sich die Vicaría (damals verantwortlich: Marco Arana) (111) an die Öffentlichkeit, die Zeitungen hatten eine Veröffentlichung abgelehnt: „Die Campesinos berichten folgende Details: Für besagte Grundstücke sei die Mine bereit, 60 Soles pro ha zu zahlen. Es sei ratsam, dies im Guten zu akzeptieren, denn andernfalls würden sie vor Gericht gehen, wo die Campesinos auf jeden Fall verlieren würden, zumal viele von ihnen noch nicht einmal Besitztitel und einen Rechtsanwalt hätten.

Als sie sahen, dass ihr Weinen und Betteln nichts an der Position der Minenvertreter änderte, beschlossen sie, Beschwerdebriefe an den Gemeinderat von Cajamarca und an die Präfektur zu richten; sie stellten sogar einen Antrag an die Staatsanwaltschaft in Cajamarca. Sowohl der Gemeinderat als auch die Präfektur zogen es vor, zu schweigen. Die Staatsanwaltschaft machte den Campesinos anfangs Hoffnungen, doch nachdem eine Woche später ein entsprechendes Gutachten angefertigt worden war, sagte sie ihnen, man könne nichts machen, das Recht sei auf der Seite der Minen und es bleibe ihnen nur übrig, ihr Land zu verkaufen und zu einer Übereinkunft mit den Minenbetreibern zu kommen“ (112).

Erst nachdem sich die Campesinos an die Kirche gewandt hatten und der zitierte Aufruf an Teile der Öffentlichkeit gelangte, bot die Mine den Familien eine Entschädigung an. Diese lag nach Auffassung der Mine weit über dem offiziellen Preis für die Grundstücke. Der offizielle Schätzpreis laut städtischem Grundbuch pro Hektar lag bei 50 Soles (1992, damals 25 Dollar). Die Mine bot danach pro Hektar 120 - 150 Soles. Die Campesinos konnten und wollten nicht verkaufen, weil dieses Land ihre Lebensgrundlage war. Zum Vergleich: ein Ochsengespann kostete da-mals umgerechnet 1.300 Dollar, ein ha Land in tiefer gelegenen Zonen 1.000 Dollar.

Die Campesinos forderten einen Preis von mindestens 500 Dollar pro ha und einen von der Mine finanzierten Landtausch. Die genannten Familien waren im Vergleich zu der Mehrheit der Campesinos in dreifacher Hinsicht privilegiert: das Land war auf ihren Namen eingetragen, sie gehörten zu den größten Grundbesitzern (bis etwa 50 ha) und sie hatten Zugang zur Vicaría. Der Landbesitz von 80% aller Campesinos von Porcón wie auch in anderen Zonen ist dagegen nicht im Grundbuch eingetragen. Dennoch betrachten sie das Land als ihr Land, weil bereits ihre Vorfahren auf diesem Land gearbeitet haben oder sie selbst es in Besitz genommen und nutzbar gemacht haben.

In einem Kommuniqué der betroffenen Campesinos heißt es 1993: „Als Gipfel der Unverschämtheit geben sie uns auf rassistische Art und Weise zu verstehen, dass unsere Proteste und Forderungen falsch seien und dass wir Werkzeuge und Lampen aus den Gerätelagern der Mine stehlen würden. Sie behandeln uns, als wären wir Kinder, die nur dann protestieren, wenn man uns dazu aufhetzt. Sie sagen uns, dass sie uns den marktüblichen Preis für unser Land bezahlt hätten. Wir haben in verschiedenen Institutionen nachgefragt und dort haben sie uns gesagt, dass der Marktpreis der Preis ist, den man in freiem Aushandeln z.B. mit dem Nachbarn zu zahlen bereit ist bzw. den wir uns unter-einander bezahlen würden.

Wer aber von uns würde seinem Nachbarn sein Grundstück für den Preis von 100 Soles pro ha verkaufen - nicht einmal in einer großen Zwangslage würden wir eine solche Torheit begehen. Und wer von uns würde - um etwas vom Nachbarn zu kaufen - mit Polizei, Rechtsanwälten und Staatsanwälten anrücken, um den Nachbarn zu erschrecken? Möglicherweise werden sie einigen von uns aufgrund dieses Protestes Arbeit anbieten, so wie sie es mit anderen Campesinos gemacht haben, die sie dann nach zwei Wochen wieder hinausgeworfen haben“ (113).

In der Stadt Cajamarca wurden die Tätigkeiten der Mine anfangs (1993) zwar zwiespältig, aber dennoch mehrheitlich mit viel Vertrauen in eine bessere Zukunft aufgenommen. Zwar wurde schon 1993 ein Anstieg der Lebenshaltungskosten weit über dem Landesdurchschnitt registriert, die Kriminalität nahm spürbar zu und immer mehr Fremde kamen in die Stadt.

Aber die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft überwogen. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte Cajamarcas, die aus der Sicht der Städter mit der Ankunft der Spanier begann, könnte es möglich werden, dass der Reichtum von Cajamarca auch den Menschen von Cajamarca zugute käme - so die Hoffnung.

War man auch realistisch genug, zu sehen, dass auch dieses Mal für die Ausländer ein Großteil des Gewinns abfallen würde, so setzte man doch Hoffnung zumindest in die „Goldsteuer“, den Canon Minero, der laut peruanischem Gesetz bis zu 35% des Reingewinns beträgt und wovon der jeweiligen Region 20% zusteht.

Bereits 1993 waren folgende Zahlen im Umlauf: Bei einem Reingewinn der Mine im ersten Jahr von 200 Millionen Dollar, müssten demnach mindestens acht Millionen Dollar an Steuern für Cajamarca abfallen (114). Man rechnete mit steigenden Gewinnen, steigenden Steuereinnahmen und vor allem damit, dass diese Einnahmen zur Bekämpfung der strukturellen Armut verwendet und dies zu einer Erhöhung der allgemeinen Lebensqualität führen würde - nicht nur kurzfristig, sondern auch für die kommenden Generationen.

Doch unabhängig von dem Willen der zentralen Regie-rungsstellen, den entsprechenden Anteil der Steuereinnahmen den betroffenen Regionen zukommen zu lassen oder auch nicht, stand dieser Hoffnung bereits seit Beginn ein übermächtiges Hindernis im Wege: Im Rahmen der Bedingungen des IWF zur Sanierung des peruanischen Staatshaushalts musste die peruanische Regierung ein Abkommen unterzeichnen, in dem festgelegt wird, dass Steuereinnahmen aus ausländischen Investitionen nicht auf einzelne Regionen verteilt werden dürfen, sondern für Zinszahlungen verwendet werden müssen. Dieses internationale Abkommen steht über dem nationalen Recht.

Seit 1999 hat Newmont, inzwischen größter Goldminenbetreiber der Welt, einen Anteil von 51,35%, Buenaventura besitzt 43,65% und der IFC (Tochtergesellschaft der Weltbank) 5% der Goldmine. Das Konsortium investierte in den ersten beiden Jahren 55,6 Millionen Dollar und bis Ende 1994 konnten bereits die Investitionskosten mehr als amortisiert werden. Im ersten Produktionsjahr 1993 (ein halbes Kalenderjahr) wurden 2.800 kg Gold gewonnen, 1994 waren es bereits 9.500 kg. 1997 wurden pro Arbeitstag 90 Kilo reines Gold gewonnen (32.850 im Jahr) und der Reingewinn betrug im gleichen Jahr 349 Millionen Dollar (115).

Davon wurden 50,3 Millionen Dollar an Steuern abge-führt. 1998 betrug die Goldproduktion 41.350 kg, das sind 44% der gesamten Goldproduktion in Peru. War 1993 für das Jahr 2000 ein Gewinn von 175 Millionen Dollar prognostiziert worden, so hat der Ertrag die Vorhersage bereits 1997 um mehr als 100% übertroffen. 1999 wurden bereits 122 Kilo reines Gold täglich gewonnen (das entspricht brutto etwa einer Milliarde Dollar im Jahr). Der Goldabbau bei Cajamarca durch Yanacocha S.A. ist der effizienteste der Welt, d.h. er bringt den größten Gewinn im Verhältnis zum eingesetzten Kapital (1997: 95 Dollar pro Unze; im Vergleich: 264 Dollar pro Unze in USA und Asien; 310 Dollar pro Unze in Südafrika).

Insgesamt beliefen sich die investierten Kosten von 1992 bis 1999 auf 340 Millionen Dollar. Diese Summe wurde den Anteilseignern zu sehr günstigen Zinsbedingungen überlassen: Vorzugskredite der Weltbank aus dem Fond für die Entwicklung unterentwickelter Zonen. Peru gehört zu den sieben Ländern der Welt mit den größten Reserven an Bodenschätzen. An der Spitze liegt es mit seinen geschätzten Goldvorräten. In Peru liegen noch 30% der weltweiten Goldreserven, an Silber beträgt der peruanische Anteil 16% und an Kupfer 15% weltweit.

b) Die Arbeit der Mine im gesellschaftlichen Kontext (Wirtschaft, Politik)

Die Aktivitäten der Mine können nicht isoliert betrachtet werden. Sie sind auf dem Hintergrund der kolonialen Geschichte, den herrschenden Gesetzen des Weltmarktes, der Rolle der jeweiligen nationalen Regierungen, der damit verbundenen Diskriminierung des Hinterlands, der Sierra, der dort lebenden Menschen und der Ideologie eines angeblich stets wachsenden Wohlstands für alle zu sehen und zu werten. Zusammenfassend werden Verhaltensmuster aufgezeigt, die zu global geltenden Ordnungsvorstellungen gemacht wurden und die, davon abgeleitet, auch für die lokalen Verhältnisse in Cajamarca zutreffen:

  • Die Minenbetreiber haben seit Beginn nicht die Interessen der Campesinos und generell der einheimischen Bevölkerung berücksichtigt; diese wurden noch nicht einmal gefragt. Die Betreiber wurden dabei - sei es durch einzelne Personen, sei es strukturell aufgrund bestehender Gesetze - von staatlichen Stellen und lokalen Autoritäten nicht nur unterstützt, sondern sogar ermuntert. Es wurden z.B. Gesetze geändert oder einfach nicht angewandt, damit ausländische Investoren ihr Geld in einem armen Land anlegen können.
  • Es besteht eine strukturelle Vernachlässigung der Landwirtschaft und eine damit verbundene Bevorzugung vor allem ausländischer Investitionen im großindustriellen Bereich. Diese schon lange währende Vernachlässigung der Landwirtschaft zu Gunsten großer Industrieprojekte wird verstärkt durch die Schuldenkrise (die wiederum u.a. gerade dadurch entstand) und die damit verbundenen Auflagen des IWF, nach denen die Exportwirtschaft verstärkt werden muss und Subsistenzwirtschaft als Hauptübel gilt.
  • Der politische, wirtschaftlich und rassistisch bedingte Zentralismus in Peru verhindert eine Demokratisierung und Entwicklung des Landes. Und selbst wenn die Regierung in Lima wollte, dass staatliche Gelder auch den armen Regionen zugute kämen, wird dies durch Interventionen und Auflagen von außen verhindert. Eine nationale Re-gierung, auch wenn sie wirklich das Volk repräsentierte, ist nicht souverän. Die global herrschenden Finanzinteressen einer Minderheit sind daher nicht vereinbar mit Demokratie.
  • Die Gewinne der Mine und des peruanischen Anteileigners gelangen ins Ausland. Die sozialen Folgeerscheinungen trägt die jeweilige Region. Dies verschärft die bestehende Ungleichheit - sowohl international als auch in der betreffenden Region: einige Wenige in Cajamarca, wie z.B. Haus- und Hotelbesitzer, profitieren von der Existenz der Mine.
  • Im Zusammenspiel zwischen Minenbetreibern und staatlichen Stellen wird die betroffene Bevölkerung über bestehende Gefahren nicht nur nicht informiert, sondern unabhängige Organisationen werden bei der notwen-digen Aufklärung behindert und Bürgerbewegungen kriminalisiert und z.B. wegen Aufruhr oder dem Stören der öffentlichen Ordnung angeklagt. Als wirkungsvollste Waffe erweist sich der massive Einsatz von Geld: Verantwortliche werden gekauft und ruhig gestellt. Vereinzelt gelingt dies auch bei Vertretern von Bürgerbewegungen und Campesinos.
  • Von offiziellen Stellen werden bei jeder Investition die Vorteile für die Region und die betroffenen Menschen gepriesen: neue Arbeitsplätze, wirtschaftlicher Aufschwung, bessere Infrastruktur, mehr Schulen und Kranken-häuser etc. Schlagworte im Kontext der Globalisierung wie Modernisierung, Fortschritt, Flexibilität, Wettbe-werbsfähigkeit etc. genießen den Status der Unantastbarkeit und Unfehlbarkeit.
  • Für die direkt betroffenen Menschen und besonders diejenigen, die sich am wenigsten wehren können, bedeutet der Goldabbau der Verlust ihres Landes, die Verschmutzung und eventuell Zerstörung ihrer Lebensgrundla-gen, eine allgemeine Verteuerung der Lebenshaltungskosten etc.
  • Bildlich - manchmal auch wörtlich - gesprochen: die Menschen bleiben auf dem Müll sitzen, während die Mineneigentümer immer mehr Reichtümer anhäufen auf Kosten der Ärmsten. Und wenn die Kirche, in die viele Menschen immer noch eine große Hoffnung setzen, als Anwalt der Menschen ausfällt oder gar zum Komplizen und Nutznießer der Ausbeutung wird (in Cajamarca wieder seit 1993), dann kommt neben der materiellen Verelendung auch die Gefahr einer seelisch-geistigen Verelendung und der Hoffnungslosigkeit.

Fazit

Bei den Goldminen um Cajamarca handelt es sich um die rentabelsten Goldminen der Welt im Verhältnis von Investitionen und Ertrag und der Gewinn der Minengesellschaft liegt im weltweiten Vergleich mit anderen großen Minengesellschaften an der Spitze. Aus dem Nichts heraus stieg Yanacocha S. A. innerhalb weniger Jahre in die Liga der zehn größten Goldminen der Welt auf.116 Gleichzeitig wird den Campesinos von Porcón, das Wenige, das sie haben, genommen. Die rechtmäßigen Eigentümer des Landes, die es seit Jahrhunderten bearbeiten, gehen leer aus, während Fremde die Reichtümer des Landes ins Ausland bringen.

Die Geschichte des Goldes von Cajamarca seit 1532 spiegelt die Mechanismen wider, die weltweit zu einem immer größer werdenden Gegensatz zwischen reichen und armen Ländern und auch innerhalb der einzelnen Länder zwischen reichen und armen Menschen geführt haben.

Dagegen steht ein Zitat des ehemaligen Bischofs von Cajamarca, José Dammert, der aus der Sicht der Opfer die Situation wahrnimmt und deutet:

„Damit die ausländischen Investitionen auch zu einer wahrhaften Entwicklung der Region führen, müssen die Mechanismen so verändert werden, dass die Campesinos von Porcón selbst die Rahmenbedingungen der Entwicklung bestimmen.  Ein abstraktes ‚wirtschaftliches Wachstum’ der Region genügt nicht. Was wir anstreben ist eine ganzheitlich menschliche Entwicklung, in der die Reichtümer der Erde, in diesem Fall das Gold, für eine bessere Erziehung, für menschenwürdige Arbeitsverhältnisse, für eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Flächen und Anbaumethoden zu Gunsten derer genutzt werden, die bisher von jeglichem Fortschritt ausgeschlossen waren“ (117).

4. Geschichte und Gegenwart (wirtschaftliche Struktur - soziale Daten)

a) Die Geschichte von Cajamarca

„Als Atahualpa mit 40.000 Kriegern auf dem Weg nach Cusco war, betrat Francisco Pizarro die Bühne. Er nahm Ata-hualpa gefangen und tötete ihn in einer Stadt namens Caxamalca. Und hier fand das glorreiche Imperium der Inkas sein Ende. Dies ist eine sehr lange Geschichte voller Schmerz und es macht sehr traurig, sie zu erzählen“. So schreibt Bartolomé de Las Casas in seiner „Apologética Historia“ (118). Es soll hier auch nicht die ganze Geschichte erzählt, sondern daran erinnert werden, dass Cajamarca ein Ort ist, in dem sich Weltgeschichte ereignet hat.

In einer spanischen Reisebeschreibung aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert, sich aber auf die Verhältnisse im Jahr 1532 beziehend, heißt es: „Cajamarca ist berühmt wegen dem Sieg von Pizarro und der Gefangennahme von Atahualpa, dem letzten Monarchen von Peru. Hier hatten die Inkas einen prächtigen Palast mit dem berühmten Sonnentempel und anderen königlichen Gebäuden. Der Boden ist sehr fruchtbar und der Ertrag des Weizens ist nicht weniger als in Sizilien. Es gibt Mais in Hülle und Fülle, ebenso Wurzeln (Kartoffel - Red.), die von den Einheimischen gegessen werden. Die Einheimischen sind sehr gutmütig und geschickt. Sie weben Tücher und veredeln Schafwolle („Ovejas del Perú“ - Alpakas, Red.), vergleichbar in ihrer Geschicklichkeit nur mit den flämischen Webern“ (119).

Im Tal von Cajamarca wurden bereits vor 5.000 Jahren von sesshaften Bauern Mais, Kartoffeln und Quinua (eine hochwertige Getreidesorte) angebaut. 1.000 - 500 v. Chr. gerieten die Menschen von Cajamarca unter den Einfluss der Chavín - Kultur. Wichtigster Gott war über lange Zeit bis zur Eroberung durch die Inkas und noch danach, Catequil, der Gott des Blitzes. Den Toten wurde großer Respekt erwiesen. So wurde am fünften Tag nach dem Tod eines Menschen dessen Wäsche gewaschen, weil man glaubte, er würde an diesem Tag zurückkehren. In einigen Gegenden Cajamarcas wird dieser Brauch noch heute praktiziert.

Es sind auch noch einige Lieder und Tänze aus dieser Zeit erhalten. Nach dem Niedergang der Chavín - Kultur entstanden kleinere regionale Königreiche. So entstand um 1.250 n. Chr. das Königreich Cuismanco, das in etwa die Fläche der heutigen Diözese Cajamarca einnahm. Es war das mächtigste der kleineren Reiche in den nördlichen Anden Perus. Das große Reich der Chimú an der Küste (allein dessen Hauptstadt Chan-Chan hatte etwa 400.000 Einwohner im 15. Jh.) hatte großen Einfluss auf Kultur, Kunst und Religion derer von Cuismanco.

Um 1455 begann der Angriff unter dem Inka Túpac Yupanqui auf die kleineren Königreiche und auf Chimú. Während die anderen Königreiche und Chimú ohne großen Widerstand von den Inkas erobert wurden, wurde Cuismanco erst zwanzig Jahre später nach hartem Widerstand von den Inkas erobert. Für die Region Cajamarca begann die Zeit der Fremdherrschaft. Die Inkas zwangen zwar einerseits den unterlegenen Völkern ihre Sprache, Religion und politische Herrschaft auf. Andererseits assimilierten sie das Beste aus den jeweiligen Kulturen und suchten die politische Elite der Unterworfenen in ihr eigenes System zu integrieren.

So wurde Chuptongo, der Sohn von Concax, dem letzten König von Cuismanco, der im Kampf gegen die Inkas gefallen war, am Hofe der Inkas erzogen, wo er bis zum Regenten des gesamten Imperiums aufstieg (solange der rechtmäßige Inka Huayna Capac noch minderjährig war). Die Inkas gründeten die Stadt Cajamarca um 1475 neu (ursprünglicher Name in Quetschua: Caxamalca, was so viel bedeutet wie „Ort, wo der Bodenfrost die Aussaat erfrieren lässt“). Da die Bewohner von Cuismanco im Unterschied zu den Nachbarreichen den Inkas harten Widerstand geleistet hatten, wurden sie entsprechend hart bestraft.

Es wird geschätzt, dass bis zu 60% der Bevölkerung in andere Gebiete des Imperiums zwangsweise umgesiedelt wurden. Es kam immer wieder zu Aufständen gegen die Inkas. Die Spanier wurden bei ihrer Ankunft 1532 von einem Teil der einheimischen Bevölkerung als Befreier gefeiert. Dies ist auch ein Grund, warum die Sprache der Inkas, das Quetschua, sich in Cajamarca nicht durchsetzen konnte. Bis ins 18. Jahrhundert wurde in einigen Gegenden noch die ursprüngliche Sprache von Cuismanco gesprochen, die sich aber letztlich nicht halten konnte und dann endgültig von der spanischen Sprache abgelöst wurde.

Als „Ausgleich“ für die deportierte Bevölkerung und aus strategischen Gründen wurden von den Inkas etwa 40.000 Bewohner aus bereits vorher eroberten Gebieten in Cajamarca angesiedelt. Diese sprachen Quetschua und zogen es vor, sich nicht mit den Einheimischen zu vermischen. In zwei Regionen, in Chetilla und Porcón, gelang es ihnen, ihre Sprache und Sitten bis heute lebendig zu erhalten.

Am 15. November 1532 kam Pizarro mit 168 Mann und 62 Pferden in Cajamarca an (120). Noch am gleichen Tag schickte er eine Delegation zu Atahualpa. Dieser erholte sich gerade in den Thermalbädern bei Cajamarca, den „Baños del Inca“ (sechs km von Cajamarca) von einer Infektion, während seine Generäle Cusco einnahmen und seinen Halbbruder Huáscar, den rechtmäßigen Erben des großen Huayna Capac, gefangen nahmen. Die Spanier wussten um den Bürgerkrieg. Atahualpa nahm die Einladung zu einem Treffen mit Pizarro auf dem Hauptplatz von Cajamarca an.

Er war über den Vormarsch der Spanier gut unterrichtet, nahm diese aber nicht ernst. Umgeben von einem Heer mit mindestens 40.000 Kriegern, fühlte er sich nicht bedroht. Am 16. November, einem Freitag, zog Atahualpa mit sei-nem Hofstaat und den Edlen des Imperiums nach Cajamarca. Seinen Generälen hatte er befohlen, sich mit dem Heer hinter die Berge zurückzuziehen, um die Spanier nicht zu erschrecken.

Um die gleiche Zeit feierte Padre Valverde eine Messe, um die Soldaten auf den Kampf zur Verteidigung des heiligen Glaubens einzuschwören und sie baten ihren Schutzpatron, den Apostel Santiago, den „Maurenschlächter“ (matamoros), um Beistand. Als Atahualpa mit seinem Gefolge in Cajamarca eintraf, war von den Spaniern zuerst nichts zu sehen.

Dann trat Padre Vincente de Valverde, begleitet von einem Dolmetscher, hervor. Mit einem Kreuz in der einen und dem Brevier in der anderen Hand, begann er das „Requerimiento“ vorzulesen. Dies war zum „Schutz“ der Eingeborenen verfasst worden. Vor jeder Eroberung sollten sie „in aller Freiheit“ bekunden dürfen, ob sie freiwillig ihrem Götzendienst abschwören und sich König und Papst unterwerfen wollten oder nicht. Lehnten sie die Unterwerfung ab, durfte gegen sie rechtmäßig Krieg geführt werden. Nachdem Atahualpa bis zum Ende zugehört hatte, wurde er zornig und er antwortete: „Ich weigere mich, Vasall irgendeines Menschen zu werden.

Dein Herrscher mag sehr mächtig sein und ich bin bereit, ihn als Bru-der anzuerkennen. Was den Papst betrifft, so muss er verrückt sein, wenn er meint, Länder verschenken zu können, die ihm nicht gehören. Ich werde meinen Glauben nicht ablegen. Dein Gott wurde getötet, aber der meine, er lebt. Schau!“ - und er zeigte auf die Sonne (121). In diesem Moment gab Pizarro das verabredete Zeichen zum Angriff. Mit dem Schlachtruf „Santiago!“ eröffneten sie das Feuer. Atahualpa wurde von seiner goldenen Sänfte gerissen und in „Schutzhaft“ genommen. Das anschließende Massaker dauerte zwei Stunden und der Platz war übersät mit 4.000 bis 6.000 Toten, darunter kein Spanier (aber ein afrikanischer Sklave).

8½ Monate dauerte die Gefangenschaft von Atahualpa. Auch ein gigantisches Lösegeld (laut registrierter Beuteanteile für die Beteiligten: 5.729 kg Gold, 11.041 kg Silber) rettete nicht wie versprochen sein Leben. Großzügig erwies man ihm noch einen letzten Dienst. Um nicht bei lebendigen Leibe verbrannt zu werden, ließ er sich auf den Namen Johannes taufen (andere Quellen: Francisco, weil Francisco Pizarro der Pate war). „Juan“ Atahualpa wurde am 26. Juli 1533 öffentlich auf dem Platz von Cajamarca hingerichtet. Das „Gold von Cajamarca“ (und anderer Orte) aber wurde für Europa zur Grundlage des wirtschaftlichen Aufstiegs.

Cajamarca blieb im 16. Jahrhundert eine Stadt in Ruinen. Pizarro übergab 1535 das Gebiet des ehemaligen Cuismanco an seinen Hauptmann Melchor Verdugo. Dieser ist der erste in einer langen Reihe von Kolonialherren, die in der Folge in Cajamarca herrschten. In einem Bericht von 1567 ist zu lesen, dass Melchor Verdugo „viele Häuptlinge, Adlige und sonstige Indios gefangen nahm und verbrennen ließ, weil sie ihm nicht den Schatz des Inkas zeigen wollten“ (122).

Im Unterschied zu den Inkas, die die ländlichen Organisationsformen, die Comunidades, Ackerbau, Vorratshaltung, Gütertausch auf der Basis des Tauschhandels und Landbesitz intakt ließen und auch in religiösen Fragen tolerant waren, führten die Spanier das System der Encomienda ein: die Campesinos wurden zu Zwangsarbeit auf den Ländereien der spanischen Besitzer herangezogen und einer absoluten Herrschaft unterworfen.

Neben der Zwangsarbeit auf den Ländereien waren es vor allem die Arbeit in den Minen und in der Textilproduktion, die eine ungeheure Zahl von indianischen Arbeitskräften verschlang. Cajamarca war schon in der vorkolonialen Zeit ein Zent-rum der Textilproduktion. Produktion und Wirtschaft orientierten sich aber danach ausschließlich an den Interessen der Spanier bzw. des freien Handels mit Europa. Die über Jahrtausende gewachsene soziale Struktur wurde zerstört. Die Folge war ein verheerender Rückgang der Bevölkerung durch direkte Gewalttaten, Hungersnöte, Epidemien, Flucht.

Ein mit entscheidender Faktor bei der Unterwerfung der Bevölkerung war, dass die Spanier auf die loyale Mitarbeit lokaler Kaziken bauen konnten. Diese erhielten als Gegenleistung einige Privilegien: sie durften reiten, Waffen tragen und Land besitzen. Bereits zwanzig Jahre nach der Anwesenheit der Spanier in Cajamarca waren alle Vorratslager geplündert, es gab keine Viehherden mehr (Lamas), Felder und Häuser waren verwüstet. Cieza de León schreibt in seiner Crónica del Perú 1553: „Es war von all dem, was vor der Ankunft der Spanier da war, nichts mehr da und es wird nie wieder sein wie vorher. Es scheint, dass aller Abschaum der Welt hier gewütet hätte“ (123).

Ein wichtiges Instrument der Unterdrückung waren die Tributzahlungen. Jeder Indio musste Tribut zahlen. Die Kaziken trieben im Auftrag des Großgrundbesitzers (Encomendero) bis ins 18. Jahrhundert die Steuern ein, unterstützt von spanischen Soldaten. Der größte Anteil der Steuern erhielt der Encomendero. Einen Anteil erhielten auch die Kaziken und die kirchlichen Autoritäten. Außerdem mussten die Soldaten bezahlt werden. Bereits im 16. Jahrhundert kam es zur Einführung der Manufakturen („obrajes“). Kinder ab acht Jahren und Erwachsene wurden in einen Raum eingesperrt, die Füße in Ketten gelegt.

Sie mussten vierzehn Stunden am Tag (falls keine Beleuchtung möglich war, nur zehn bis zwölf Stunden) eine vorher festgelegte Quote an Wolle verarbeiten. Die spanische Krone versuchte auf Drängen kirchlicher Berater am spanischen Hof, diese Zwangswirtschaft zu verbieten. Doch diese Verbote zeigten vor Ort keine Wirkung. Denn die Gewinnspannen waren erheblich. Der Handel und Export von Tüchern und Produkten aus Wolle (später auch Baumwolle) aus den Andenländern war neben der Ausbeutung der Minen die einträglichste Einnahmequelle der Oberschichten in Amerika und Europa. Einige dieser Manufakturen funktionierten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in Porcón und Combayo. Einige Manufakturen waren im Besitz eines Ordens oder einer Pfarrei.

Zu Beginn des 17. Jahrhundert kam es zu einer massiven Einwanderung von Spaniern. Die letzten „weißen Flecken“ fruchtbaren Landes wurden von den Spaniern in Besitz genommen, die Campesinos endgültig in die unwirtlichen und unfruchtbaren Randzonen verdrängt. Dort konnten sich bis 1962 einige freie Campesinos halten. Im Zuge der verstärkten spanischen Einwanderung entwickelte sich die Stadt Cajamarca im Verlauf des 17. Jahrhunderts zu einer spanischen Kolonialstadt mit stets wachsendem Reichtum für die Städter auf der Basis der Zwangsarbeit und einer florierenden Viehzucht. Prachtvolle Kolonialbauten und Kirchen entstanden.

Um 1770 wurden neue Silbervorkommen in Hualgayoc entdeckt, damals die ergiebigsten Perus. Für die Campesinos von Cajamarca bedeutete diese Entdeckung eine neue Form der Sklaverei: die Arbeit in den Minen. Für die Spanier erschloss sich eine neue und noch größere Einnahmequelle. Als Alexander von Humboldt 1802 auf dem Weg von Quito über Cajamarca nach Lima auch die Silberminen in Hualgayoc besichtigte, war er über das Elend der dort lebenden Bevölkerung schockiert. Er konnte nicht glauben, dass bei solchem Reichtum gleichzeitig so viel Elend herrschen konnte. 1752 wehrten sich erstmals in organisierter Form die Zwangsarbeiter in Porcón.

Sie zündeten die Manufaktur an. 1769 kam es im Tal des Rio Jequetepeque zu einem Aufruhr gegen die Zahlung der Tribute. 1780 begann im Süden Perus ein Aufstand, angeführt von Túpac Amaru II., der die spanische Herrschaft ernsthaft in Gefahr brachte. Aus Angst vor einem Übergreifen auf den Norden Perus wurden im Norden strengste Vorsichtsmaßnahmen getroffen und eine Revolte im Keim erstickt.

Über die Kolonialzeit lässt sich zusammenfassend sagen, dass für die Spanier Cajamarca eine Quelle des Reichtums war (124). Der Reichtum basierte auf der Arbeit in den Manufakturen, der Viehzucht, dem Anbau von Weizen und zu-letzt auf dem Bergbau. Für die Indios bedeutete die Anwesenheit der Spanier eine derartige Verelendung, wie sie nie zuvor in der Jahrtausende alten Geschichte der Region erlebt worden war.

Mit der Eroberung wurden die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen geschaffen, die über 400 Jahre das Leben der Menschen entscheidend bestimmt haben. Die Encomienda war die Grundlage für das spätere System der Hazienda, des Großgrundbesitzes. Dennoch konnten in der Kolonialzeit einige Comunidades mit eigenständigen Rechten bestehen bleiben bzw. sie standen unter dem direkten Schutz der Krone und vereinzelt der Kirche.

Am 13. Januar 1821 wurde in Cajamarca die Unabhängigkeit proklamiert, davor am 29.12.1820 in Trujillo, am 28. Juli 1921 in ganz Peru, der 28. Juli wurde zum peruanischen Nationalfeiertag. Die Unabhängigkeit bezog sich zuerst auf die Befreiung des Marktes von spanischer Vormundschaft. Die Verkündigung der Menschenrechte und der Freiheit bezog sich wie in den USA auf die Freiheit einer weißen Minderheit, ihre eigenen und individuellen Interessen nun ohne die Fesseln eines veralteten feudalen Systems rücksichtsloser („freier“) als je zuvor durchsetzen zu können. Die Mehrheit des Volkes, Indios und afrikanische Sklaven, blieb weiterhin ausgesperrt oder wurde nahezu ausgerottet, wie z.B. die „Indios“ in den USA.

Sie bildeten aus der Sicht von oben eine dumpfe, unwissende und unwissend zu haltende Masse, dazu bestimmt, wenigen von Gott Auserwählten ein Leben in Freiheit, Unabhängigkeit, Bildung und Kultur zu ermöglichen. Die Rechte der Comunidades wurden endgültig zerschlagen. Sie standen dem individualistischem Denken und der damit verbundenen Wirtschaftsweise im Wege. Das gesamte Land wurde in private Zellen aufgeteilt, den Gesetzen des freien Marktes unterworfen und die Produktion noch mehr als vorher auf die Bedürfnisse des Weltmarktes ausgerichtet. Das Ende der spanischen Herrschaft, die Unabhängigkeit und der Beginn des republikanischen Zeitalters zu Beginn des 19. Jahrhunderts brachte für die Masse des Volkes keine wesentlichen Änderungen.

Noch 1962 gab es in Cajamarca Zwangsarbeit. Die Allianz des spanischen Klerus mit den Nachfahren der Er-oberer blieb bis auf einige Ausnahmen bis ins 20. Jahrhundert bestehen und erlebt in diesen Jahren eine Renaissance - besonders in Cajamarca und in den alten Zentren der andinen Hochkultur, in Cusco und dem Hochland zwischen Cusco und Puno am Titicacasee, den Zentren einer befreienden Pastoral seit 1962 - gerade deswegen dann aber vorrangiges Opfer einer restaurativen Kirchenpolitik.

Die wichtigste Veränderung für die Campesinos in Cajamarca im 19./20. Jahrhundert (bis 1962) war die Abschaffung der Manufakturen, die sich gegen die industrielle Konkurrenz vor allem englischer Produkte, die ebenfalls auf Skla-venarbeit z.B. in Indien beruhte, nicht halten konnten. Auch die Arbeit in den Silberminen wurde zu einem zu vernachlässigenden Faktor, weil die Minen bald ausgebeutet waren. Die Lage der Campesinos wurde dennoch nicht besser. 1914 kam es in der Hazienda Llaucán (Bambamarca) nach einem Protest der Campesinos zu einem Massaker mit über 200 Toten unter den Campesinos.

Die zwanziger und dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts waren vor allem im Norden der Diözese geprägt vom „Banderolismo“ (Bandenwesen). Erst in den sechziger Jahren begann für die Campesinos eine Zeit der Hoffnung. Wichtigste Bausteine waren die Hoffnungen auf eine umfassende Landreform, der Positionswechsel der Kirche von Cajamarca auf die Seite der Campesinos und die erstmalige Beteiligung an demokratischen Wahlen.

Politisch und wirtschaftlich hervorzuheben ist, dass 1855 das Departement Cajamarca mit der Stadt Cajamarca als Hauptstadt geschaffen wurde. 1882 besetzten und plünderten im so genannten Salpeterkrieg die Chilenen Stadt und Region. Eine befahrbare Straße von der Küste nach Cajamarca wurde erst 1940 vollendet, eine geplante Eisenbahn bis nach Cajamarca wurde nie verwirklicht. Der Bau dieser Straße verringerte die Bedeutung der Stadt als regionales und fast autarkes Handelszentrum. Seit 1947 begann der multinationale Konzern Nestlé die Milchwirtschaft von Cajamarca neu zu organisieren und in den Weltmarkt zu integrieren.

b) Gegenwart (wirtschaftliche Struktur - soziale Daten)

Die wirtschaftliche Struktur der Region ist bis heute geprägt von der Kolonialgeschichte. Vor der Eroberung durch die Spanier kannten die Bewohner von Cuismanco kein materielles Elend, zumindest nicht in organisierter und kollekti-ver Form. Die neuen Herrscher interessierte zuerst, was sie aus Land und Leuten herausholen konnten, um es dann nach Spanien zu schaffen (125). Die Indios wurden konsequenterweise als Arbeitskräfte in den Minen und den Hazien-den gebraucht, um diese Reichtümer zu erwirtschaften. Landwirtschaft und Bergbau waren die ertragreichsten Wirtschaftszweige.

Bis heute hat sich aus der Sicht der Betroffenen nicht viel geändert. Victor Chilón, der Bürgermeister von Porcón Alto, wo die Minengesellschaft 1993 mit der Ausbeutung des Goldes begann, musste bereits am Ende des gleichen Jahres feststellen: „Die Ausbeutung der Goldminen, die sich auf unserem Land befinden, ist für die Minengesellschaft ein Segen. Für uns, die wir dort leben, bleibt nichts. Die Gringos kommen und nehmen alles mit. Sie geben keine Arbeit und machen keine Arbeit zu unseren Gunsten. Es herrscht eine bittere Armut in unserem Porcón. Ich kenne Menschen, die praktisch nur noch vom Wasser leben“ (126).

Im Unterschied zu den vergangenen Jahrhunderten gibt es zwei auffällige Unterschiede: Die Masse der Menschen wird als Arbeitssklaven nicht mehr gebraucht; diese Menschen haben aber heute die Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben und Verbündete für ihr Anliegen sogar in den Ländern zu finden, in denen die Besitzer und Aktionäre der Minengesellschaften leben. Das Bruttosozialprodukt des Departements Cajamarca hat sich in den Jahren 1992 - 1996 verdreifacht. Dies ist besonders auf die Erträge der Goldminen zurückzuführen. Wichtigste Frage in diesem Zusammenhang ist, ob der statistisch festgestellte wirtschaftliche Aufschwung in der Region auch wirklich der Bevölkerung zugute kommt.

Die Beantwortung dieser Frage wirft auch ein Licht auf den Wert und die Deutung von Statistiken. So hatte Peru 1999 mit über 9% Wirtschaftswachstum die höchste Wachstumsrate Lateinamerikas zu verzeichnen, gleichzeitig stieg die Zahl der absolut Bedürftigen (127) von 12% (1997) auf 15% (2000), d.h. fast vier Millionen Peruaner haben nicht einmal die Chance, täglich satt zu werden. Die Zahl der Armen ist im gleichen Zeitraum in Peru von 50,7% auf 54,1% gestiegen, das sind etwa 14 Millionen Menschen. „Als arm gilt, wer über die lebensnotwendige Basisernährung hinaus nichts mehr übrig hat für Ausgaben der Erziehung, Gesundheit, sauberes Wasser etc.“ (128).

Für Cajamarca selbst ist das Ergebnis noch niederschmetternder: Die Zahl der chronisch unterernährten Kinder hat im Departement Cajamarca zum ersten Mal die Marke von 50% überschritten (129). Im Departement Cajamarca leben inzwischen 51,7% aller Menschen unter dem von der UNO definierten Existenzminimum von 1 Dollar pro Tag. Mit dieser Zahl liegt Cajamarca nun an der Spitze der Armutsskala in Peru. Die Zahl der Straßenkinder in der Stadt Cajamarca ist 1999 erstmals über die Marke von 2.000 Kindern gestiegen (130). Bis Ende 2002 geht man von 2.600 Straßenkindern aus.

Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen, dazu kommen Kinder, die nur zeitweise auf der Straße leben. Die Landwirtschaft der Region kann seinen Bewohnern immer weniger Nahrungsmittel zur Verfügung stellen. Immer mehr Nahrungsmittel müssen eingeführt werden und selbst der einzige Wachstumsbereich in der Landwirtschaft, die Milchwirtschaft, führt letztlich nur dazu, dass immer mehr Kinder auf Milchpulver aus den USA und der EU angewiesen sind. Denn die erhöhte Milchproduktion führt nicht dazu, dass die armen Kinder in den Genuss der frischen Milch kommen, sondern sie führt zu einer immer höheren Abhängigkeit der Kleinbauern von Nestlé bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Produktion von Grundnahrungsmitteln für den Eigenbedarf (131).

Die Minengesellschaft hat in den Anfangsjahren in der Tat neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Höchstzahl wurde im Jahr 1995 mit 4.500 Arbeitsplätzen erreicht, nicht mitgerechnet die nicht exakt ermittelbaren indirekten Arbeitsplätze (z.B. Hausangestellte für Ingenieure etc.). Es gab 440 feste Arbeitsplätze mit Arbeitsvertrag und Versicherung, die nahezu ausschließlich an auswärtige Spezialisten vergeben wurden, an Ingenieure und Bergbauspezialisten aus Zentralperu. Durch die Aussichten auf Arbeit in der Mine sind aber aus den Küstenregionen nach Untersuchungen der Universität Cajamarca etwa 5.000 Menschen allein wegen der Mine nach Cajamarca gekommen, die nun zu über 90% in den rapide wachsenden Elendsvierteln um Cajamarca herum leben. Dies führt u.a. zu einem Anstieg der Kriminalität.

Der Druck auf den Wohnungsmarkt führt zu einem Anstieg der Mieten und der Preise für Baugrundstücke. So haben sich die Mietpreise zwischen 1994 und 1997 um über 300% erhöht. In Cajamarca liegen 1999 die Mietpreise für bestausgestattete Wohnungen bei etwa 7-8 Dollar pro m², mehr als für eine vergleichbare Wohnung in Miraflores, einem Wohlstandsviertel in Lima. Selbst die Hotelpreise liegen um das Doppelte über den Hotelpreisen der Touristikmetropole Cusco. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Nachtbars in Cajamarca vervierfacht (132).

Die genannten Zahlen zur sozialen Verelendung und sozialen Veränderungen sind im Lichte der Tätigkeit der Goldminen zu sehen. Wenn man alle Zahlen berücksichtigt und in Beziehung setzt, muss man zu dem Schluss kommen, dass das steile Anwachsen des Bruttosozialproduktes in den letzten Jahren nicht zu einem menschenwürdigeren Leben der Mehrheit der Bevölkerung geführt hat, im Gegenteil. Die Versprechungen der Mine haben sich für die große Masse der Menschen nicht erfüllt.

Für den Zeitraum von 1993 bis 1999 lässt sich für Cajamarca zusammenfassend feststellen:

  1. Die Armut in Cajamarca hat - wie in ganz Peru - ein „indianisches Gesicht“.
  2. Die Kindersterblichkeit in Cajamarca (130 Todesfälle pro 1.000 Geburten) liegt um das Fünffache über dem nationalen Durchschnitt.
  3. In Cajamarca leben 51,7% der Bevölkerung in absoluter Armut. Dies ist die höchste Zahl in Peru (neuere Daten - wie gesehen - verstärken diesen Trend).
  4. Die Produktion von Grundnahrungsmitteln hat sich verringert. Auch die Produktion und der Verzehr von Fleisch haben sich verringert.
  5. Nach Aussagen von Wirtschaftsexperten (und von Vertretern der Mine selbst) ist die Mine der große Gewinner der „Revolution von Fujimori“ (der Entfesselung des Marktes). Die Masse der Bevölkerung ist die große Verliere-rin dieser neoliberalen Revolution.
  6. Das Wachstum, gemessen an makroökonomischen Daten im Rahmen der Weltwirtschaft, führt nicht zu einer sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung zu Gunsten der Gesamtbevölkerung, sondern trägt zu deren weiteren Verarmung bei.
  7. Die Anwesenheit der Mine hat die Ungleichheit in der Bevölkerung vergrößert. Sie provoziert noch mehr soziale und moralische Verwerfungen und destabilisiert das gesellschaftliche Gesamtgefüge der Stadt und deren Umgebung.
  8. Abschließend aus der Presseankündigung zu dem neuen Buch über die Tätigkeiten der Minen in Cajamarca: „Allein mit der Ausbeutung in Cajamarca nimmt die Minera Yanacocha S.R.L. (MYSRL) den ersten Platz in der Goldproduktion Lateinamerikas ein. Aber Cajamarca ist noch mehr verarmt: vom ehemals viertärmsten Departements des Landes ist es zum ärmsten Departement in Peru geworden“ (133).

Intern sind den Betreibern der Mine die wirtschaftlichen Auswirkungen bekannt, denn sie wissen, wie Wirtschaft funktioniert: „Es ist bekannt, dass von allen Wirtschaftszweigen der Bergbau zwar die mit Abstand höchste Produkti-vität, dieser aber für den Bereich der Beschäftigung wegen seiner hohen Technologisierung kaum Bedeutung hat (nur 1% der Beschäftigten der Region).

Die hohe Produktivität hat auch deswegen keine signifikante Auswirkung auf die Einkommen und den Lebensstandard der Bevölkerung. Mag das Wachstum in diesem Sektor auch noch so stark ausfallen, wenn nicht auch gleichzeitig die übrige Wirtschaft wächst, werden sich die Gewinne der Mine nicht positiv auf die Region auswirken“ (134).

Als Ergänzung einige ausgewählte Daten aus den neunziger Jahren (1992 - 1998) (135)

65,5 % der schulpflichtigen Kinder in Cajamarca zwischen sechs und neun Jahren gelten als unterernährt, in ganz Peru: 48,3%. Nach den gleichen Quellen liegt die Kindersterblichkeit bei 62,4 auf 1.000 geborene Kinder. Auf dem Land dürfte die Kindersterblichkeit erheblich höher sein. Nach Erfahrungen der Mitarbeiter Bischof Dammerts und eigenen Befragungen hat eine Frau im Durchschnitt neun Geburten. Auf die Frage, wie viele Kinder sie hat, pflegt sie dann zu antworten: „Neun Geburten und sechs lebende Kinder“.

Diese Zahlen werden deshalb nicht korrekt statistisch erfasst, weil die „Erfasser“ oft keinen vertrauensvollen Zugang zu den Campesinos haben und sie nicht alle Geburten und vor allem nicht sehr frühe Todesfälle erfassen können. Der Anteil der Analphabeten liegt bei 27,2% (1961: 54%) (136). 93,7% aller Bewohner des Departements Cajamarca und 83,9% aller Peruaner haben keinen erlernten Beruf. Da es keine mit Deutschland vergleichbare Berufsausbildung und Berufsschulen gibt, handelt es sich bei den erlernten Berufen in der Regel um akademische Berufe, wobei die Lehrer den größten Anteil stellen, danach Anwälte und Ingenieure (137).

Bei stetig steigender Bevölkerung, die aber auf dem Land nicht mehr signifikant ist und durch Landflucht weitgehend ausgeglichen wird, ist die landwirtschaftliche Produktion 1998 in Cajamarca auf einen Tiefstand, bezogen auf den Anteil am Bruttosozialprodukt, gefallen. Allein die Milchproduktion erzielte ein Wachstum von 56,2% von 1992 bis 1998, ohne dass dies zu einem höheren Konsum von Milch unter den Armen geführt hätte. Neben der Produktion von Kartoffeln, Mais, Getreide und anderen traditionellen Produkten ist der Tierbestand in den neunziger Jahren erheblich gesunken.

So ist der Bestand von Schweinen von 322.000 auf 225.000 Tiere gesunken, bei Schafen, Hühnern, Ziegen, Meerschweinchen ist die Relation ähnlich. Wenn man alle Zahlen in Beziehung setzt, muss man zu dem Schluss kommen, dass das rasante Anwachsen des Bruttosozialprodukts in den letzten Jahren nicht zu einem menschenwürdigeren Leben der Mehrheit der Bevölkerung geführt hat, im Gegenteil. Dies hat etwas (aber nicht ausschließlich) mit den Tätigkeiten der Goldmine zu tun. Die Daten bestätigen, dass die Verspre-chungen und Verheißungen der Goldmine sich nicht erfüllt haben und sich auch kaum erfüllen lassen.

Die aufgeführten Zusammenhänge weisen auf eine theologische Kernfrage hin: Wie kann die zentrale Botschaft Jesu vom Reich Gottes und seiner Verheißung eines Lebens in Fülle für alle Menschen unter den gegebenen und von Menschen verursachten Umständen zumindest zeichenhaft in die Tat umgesetzt werden? Und welche Rolle spielt dabei die Kirche, das „Zeichen des Reiches Gottes“?

5. Die Strukturen der Kirche von Cajamarca

a) Geschichtlicher Kontext

Der erste ständige Priester in Cajamarca war der Hauskaplan von Melchor Verdugo. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts war die kontinuierliche Präsenz von Missionaren in Cajamarca gesichert. Die beiden Dominikaner in Begleitung von Pizarro, Padre Valverde und Padre Sosa, blieben nicht in Cajamarca. Valverde wurde 1536 Bischof von Cusco. Sosa kehrte mit seinem Anteil des Lösegeldes nach Spanien zurück. Die Missionierung der Campesinos von Cajamarca war die Aufgabe der Franziskaner.

Sie errichteten im 16. Jh. den Konvent San Antonio an der Plaza de Armas. San Antonio von Padua war und ist der Schutzpatron der Stadt. Die Kirche San Antonio war bis zur Unabhängigkeit die wichtigste Kirche der Stadt. Von hier aus wurde die Indiomission organisiert. Sie bestand noch im 19.Jahrhundert vornehmlich darin, dass die Mönche im Rhythmus von etwa zehn Jahren eine ländliche Zone besuchten (in Begleitung von Soldaten), alle Indios zur Taufe zwangen und reichlich belohnt mit Schafen und anderen Natura-lien nach Cajamarca zurückkehrten.

Zwei Bischöfe besuchten Cajamarca: der Erzbischof von Lima, Toribio de Mogrovejo (1585 und 1593) und der Bischof von Trujillo, Jaíme Martínez de Compañón in den Jahren 1782 - 1784. Diese Besuche brachten positive Veränderungen zu Gunsten der Indios. Die beiden Bischöfe traten im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Rechte der Indios ein.

Um 1750 wurde an der Stelle der Kirche San Antonio eine neue, prächtige Kirche gebaut, heute San Francisco genannt. Heute leben drei Franziskaner im noch bestehenden Konvent (138). Der weitaus größte Teil des Konvents wurde verkauft bzw. vermietet, u.a. an einen Supermarkt. Gegenüber dem Konvent, auf der anderen Seite der Plaza de Armas, wurde bereits 1680 mit dem Bau einer Kirche begonnen, exklusiv für die Spanier. Diese Kirche, Santa Catalina, wurde später zur Kathedrale.

Die dritte bedeutende Kirche von Cajamarca ist die Kirche von Belén, ebenfalls im ausgehenden 17. Jh. errichtet und als „Hospitalskirche“ mit Hospital von großer Bedeutung für die Betreuung der Kranken und Armen der Stadt. Dieses Hospital war noch bis 1970 in Betrieb, musste aber wegen fehlendem Personal auf-gegeben werden, zumal es nun ein städtisches Krankenhaus gab.

Als vierte wichtige Kirche ist „La Recoleta“ zu nennen, um 1750 noch außerhalb der Stadt gelegen und errichtet als „Recolección Franciscana“. Sie liegt heute inmitten des Viertels San Sebastián und trägt diesen Namen. Belén steht heute als Museum unter der Verwaltung des Kulturvereins der Stadt.

b) Heutige Zeit (bis 1992) - Diözesanstruktur

Die Diözese Cajamarca wurde durch eine päpstliche Bulle von Pius X. im Jahr 1908 gegründet. Damals umfasste die Diözese das gesamte Departement. 1946 wurde die nördlichste Provinz Jaén zu einer eigenen Prälatur erhoben und zehn Jahre später die Prälatur Chota geschaffen, die aus den drei Provinzen Chota, Cutervo und Santa Cruz besteht (139). Der Schutzheilige (Patron) der Diözese ist Toribio de Mogrovejo, Erzbischof von Lima im 16. Jahrhundert.

Die Diözese umfasst acht Provinzen, im Zentrum und im Süden des Departements. Größte Provinz ist Cajamarca mit 230.000 Einwohnern (1993), danach folgen die Provinzen Celendín, Hualgayoc (Hauptstadt Bambamarca), Cajabamba, San Miguel, San Marcos, Contumazá und als kleinste Provinz San Pablo mit 25.000 Einwohnern (140). Die Diözese ist aufgeteilt in neun Vikariate.

Ein Vikariat entspricht in etwa der Bedeutung eines Dekanats. Mehrere benachbarte Pfarreien bilden ein Vikariat, es gibt aber keinen Dekan, einen Leiter des Vikariats. In der Praxis hatten die Vikariate keine pastorale Bedeutung.141 Die durchschnittliche Ausdehnung einer Pfarrei beträgt 511 km². Die flächenmäßig kleinsten Pfarreien befinden sich naturgemäß in der Stadt, die größte Pfarrei umfasst über 1.000 km² (Bambamarca). Die territoriale Ausdehnung der Diözese beträgt 15.333 km2. Die Diözese zählt 31 Pfarreien (1999).

Beim Amtsantritt Bischof Dammerts gab es 24 Pfarreien. Bischof Dammert schuf sechs neue Pfarreien, bis auf eine Ausnahme alle in der Stadt Cajamarca bzw. im unmittelbaren Einzugsbereich von Cajamarca. Dies war eine Reaktion auf die stark zunehmende Zuwanderung vom Land in die Stadt. Die letzte neue Pfarrei wurde 1995 errichtet (Mollepampa, Pfarrer: Rolando Estela).

Der erste Bischof der Diözese war Francisco de Paula Grozo (1910 - 1928). Er stammte aus Cajamarca und schuf das Seminar San José. 1939 wurde die erste Diözesansynode einberufen, die bereits von Bischof Juan José Guillén (1934 - 1937) vorbereitet worden war. Als wichtigstes Kirchenereignis in der ersten Jahrhunderthälfte gilt der nationale Eucharistische Kongress im Jahre 1942, vorbereitet von Bischof Teodosio Moreno (1941 - 1947).

Aus Anlass des Kongresses geschah es das erste Mal, dass ein Bischof aus Lima mit dem Flugzeug nach Cajamarca kam. Der nächste Bischof von Cajamarca stammte aus Lima: Pablo Ramírez Taboada (1947 - 1960). Der sechste Bischof, Nemesio Rivera Meza (1960 - 1961), verzichtete nach einem Jahr auf die Leitung der Diözese und lebte danach in Deutschland (Diözese Speyer).

Die damaligen Bischöfe in Cajamarca (soweit die Erinnerungen von Augenzeugen zurückreichen, bis in die zwanziger Jahre) waren im Verständnis der damaligen Zeit und auch im Selbstverständnis der Bischöfe selbst, die Garanten und Hüter der kirchlichen und weltlichen Ordnung, des Status quo. Dieser Status quo bestand im kirchlichen Bereich vor allem darin, eine möglichst feierliche Liturgie zu präsentieren, dafür Sorge zu tragen, dass möglichst viele Menschen die Sakramente empfangen und allgemein gesprochen, die Gläubigen der Stadt spirituell und liturgisch zu betreuen.

Diese Betreuung bestand darin, dass sich die Priester vorwiegend dem „Messe feiern“ und der Spendung der Sakra-mente widmeten, was auch ihren Lebensunterhalt garantierte. Der Bischof als offizieller Repräsentant der Kirche war der natürliche und gleichrangige Ansprechpartner der weltlichen Macht. Daneben bestand seine Hauptaufgabe darin, die liturgischen Feiern möglichst brillant zu leiten, besonders die vielen Pontifikalämter. Er hatte bei allen öffentlichen Anlässen, Zeremonien, Einweihungen, kulturellen Veranstaltungen, Militärparaden etc. einen unverzichtbaren Ehrenplatz. Das Bischofshaus war ein Bischofspalast („palacio episcopal“) und für die feierlichen Empfänge entsprechend ausgestattet. Nur ausgewählte Besucher hatten Zugang zum Bischofspalast.

Bischof Pablo Ramírez Taboada (1947 - 1960), de facto der Amtsvorgänger Bischof Dammerts auch im Bewusstsein der Cajamarquinos, setzte im Unterschied zu seinen Vorgängern neue Schwerpunkte in der Ausrichtung der Pastoral. Sein größtes Anliegen war, alle Pfarrstellen zu besetzen, auch in den abgelegenen Provinzen. Dies geschah aber nicht deshalb, weil der Bischof nun die Campesinos entdeckt hätte, sondern weil er es für einen Skandal hielt, dass in den Kleinstädten der abgelegenen Provinzen nicht einmal die sonntägliche Eucharistiefeier gewährleistet war und auch die übrigen Sakramente nicht oder nur vereinzelt gespendet werden konnten, z.B. die Beichte als Vorbereitung für die Eucharistiefeier. Um sein Ziel zu erreichen, unternahm er ausgedehnte Pastoralreisen auch in Gebiete, in die vorher noch nie ein Bischof gekommen war.

Die Empfänge und die damit verbundenen Festlichkeiten in den Kleinstäd-ten waren von großem Glanz. Für die Honoratioren dieser Orte war der Besuch des Bischofs ein Ereignis, von dem sie heute noch ihren Enkeln erzählen. Durch diese Besuche fühlten sie sich auch in ihrer sozialen Stellung bestätigt. Ein Höhepunkt der Besuche war stets die feierliche Firmung. Ebenfalls neu war, dass der Bischof sich sehr stark für eine spirituelle Erneuerung seiner Priester einsetzte. Dies sollte durch gemeinsame Exerzitien geschehen, an denen alle Priester teilnehmen mussten. Die Einheit der Priester mit dem Bischof sollte durch regelmäßige gemeinsame Essen und Gebetstage erreicht werden. Aber auch die bestehenden religiösen Gruppen der Stadt wurden ermuntert, mehr für ihr geistliches Leben zu tun.

Die Arbeit in den abgelegenen Pfarreien eröffnete für einige jüngere Priester die Chance, weitgehend ungestört neue Wege zu suchen. Eine Handvoll jüngerer Priester entdeckte auch die sozialen Probleme und versuchte, sie in ihre Pastoralarbeit zu integrieren. In Contumazá z.B. begann Padre Luis Rebaza (142) erstmals mit einer Jugendarbeit, die auf den Grundlagen der „Katholischen Aktion“ beruhte. In Cascas organisierte Padre Alfonso Castañeda Laienkomitees, die für den Aufbau der Kapellen und Kirchen zuständig waren. Auch wurden dort die ersten Kreditgenossenschaften gegründet, um die einheimischen Kleinhändler vor skrupellosen Großhändlern der Küste besser zu schützen.

Einerseits war die Bevölkerung der Kleinstädte begeistert, dass sie nun auch ihren eigenen Pfarrer hatten, doch wurden dem Bischof auch erste Beschwerden über einige junge Priester zugetragen, weil diese sich um Dinge kümmerten (Genossenschaften etc.), die angeblich nichts mit Religion zu tun hatten. Die Versetzung von Bischof Ramírez nach Huacho an der Küste löste bei vielen Gläubigen der Stadt Bestürzung aus.

Einige Priester wollten mit ihm in die Diözese Huacho wechseln. Im Bewusstsein dieser Gläubigen blieb Bischof Ramírez als beispielhafter Bischof in Erinnerung. Er wurde von diesen Gläubigen über Jahrzehnte schmerzlich vermisst (von 1962 - 1992). Bischof Nemesio Rivera Meza (1960/61) setzte keine Akzente in der Pastoral. Seit seinem ersten Tag in Cajamarca schlug ihm eine Welle der Ablehnung seitens der erwähnten Gläubigen und auch vieler Priester entgegen, obwohl er aus Cajamarca stammte.

Ein kurzer Exkurs über die Priesterausbildung kann dazu dienen, die kirchliche Situation und die der Kleriker in Cajamarca, die in anderen Diözesen Perus wohl kaum grundverschieden war, besser zu verstehen. Diese Anmerkungen basieren überwiegend auf den persönlichen Erinnerungen von Alfonso Castañeda, die er im Januar 1998 für diese Arbeit schrieb (143).

Nach der Schulpflicht, die mit der Ableistung der Grundschule nach fünf Jahren zu Ende war, bestand für wenige Schüler die Möglichkeit, weiterführende Schulen zu besuchen. Der Besuch dieser Schulen (Colegio) war nur möglich, wenn die Eltern genügend Geld hatten, um Schulgeld, Schuluniformen, Unterrichtsmaterialien etc. zu bezahlen. Der Besuch des Seminars der Diözese, dem „Seminario Menor San José de Cajamarca“, war kostenlos, doch wurde diese Schule als weiterführende Schule nicht vom Staat anerkannt.

Erst in der neuen Verfassung von 1980 werden derartige Abschlüsse und Zeugnisse auch vom Staat anerkannt. Im Seminar spielte naturgemäß die spirituelle Dimension die wichtigste Rolle. Das geistliche Leben bestand im täglichen Besuch der Hl. Messe, den täglichen Meditationen, dem täglichen Rosenkranzgebet und anderen geistlichen Übungen. Als Lektüre war das Buch des Hl. Pfarrers von Ars noch das progressivste Buch. Als einmal ein Schüler in einer Buchhandlung ein Aufklärungsheft über Sexualität, wie es in den weltlichen Schulen verwendet wurde, kaufen wollte, wurde er dem Leiter des Seminars gemeldet und daraufhin sofort aus dem Seminar entlassen.

Diese Tat wog auch deshalb so schwer, weil sich der Schüler während der Ferien-zeit unerlaubt aus der Gemeinschaft entfernt hatte. Im Seminar herrschte absolutes Ausgangsverbot. Gehorsam wurde als oberste Tugend gelehrt und eingefordert. Die Lossagung von der Welt ging so weit, dass die Schüler über fünf Jahre hinweg, bis zum Abschluss des Seminars, ihre Eltern nicht sehen durften. Die dreimonatigen Ferien wurden auf dem Landgut San Luis verbracht. Es gehört bis heute der Diözese und ist acht Kilometer von Cajamarca entfernt (144). Auf diesem Landgut standen auch körperliche Arbeiten, Sport und Spiel, sowie Ausflüge in die Umgebung auf dem Programm. Nach fünf Jahren machten die Schüler die Abschlussprüfung und erhielten die Erlaubnis, das Seminario Mayor in Lima zu besuchen. Mit dem Abschluss erhielten die Schüler auch das Privileg, die Soutane anzuziehen.

Im Seminar Santo Toribio de Lima folgten dann das Studium der Philosophie (drei Jahre) und der Theologie (vier Jahre). Alfonso hatte nach eigenen Angaben das Glück, zu der Gruppe der Schüler aus Cajamarca zu gehören, die nach Lima und nicht nach Arequipa in das dortige Seminar geschickt wurden. Das Seminar in Lima galt als progressiv, denn dort konnten die Schüler lernen, Fahrrad zu fahren und sie durften Fußball spielen. Dies wurde von anderen als skandalös und revolutionär angesehen, nicht vereinbar mit der Würde eines priesterlichen Lebens. 

In Lima durfte sogar einmal in der Woche die Übertragung eines Fußballspiels im Radio gehört werden. Dies war aber wiederum nicht möglich im Seminar in Cajamarca, wo die Seminaristen aus Lima ihre Ferien verbringen mussten. Für die Leitung des Seminars und die anderen Seminaristen, die in Arequipa studierten, war es unvorstellbar, sich mit etwas derart Banalem wie Fußball zu befassen.

Alfonso Castañeda: „Diese Dualität des Verhaltens und der Wahrnehmung der Wirklichkeit hat zu einer Entwicklung von zwei Strömungen im Klerus von Cajamarca geführt: einerseits eine Strömung im Sinne einer traditionellen Spiritualität nach der Art der Legion Maria, der traditionellen Heiligenverehrung und bestenfalls einigen karitativen Werken zu Gunsten der Armen; andererseits eine Strömung, die offen war für die später einsetzenden Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils, in der das Soziale und das Religiöse eine gleichwertige Rolle in der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung spielen - besonders der Entwicklung der am meisten vernachlässigten Menschen“ (145). Die erst genannte Strömung war in der Mehrheit. Diese Priester konnten mit den Reformen des Konzils wenig anfangen, sie akzeptierten sie aus Gehorsam, aber ohne Überzeugung, und sie bildeten später eine starke Opposition gegen die Arbeit von Bischof Dammert.

c) Die Amtsperiode von Bischof Dammert (1962 - 1992)

c, 1) Priester

Es gab beim Amtsantritt von Bischof Dammert 23 einheimische Weltpriester, keinen ausländischen Priester und sie-ben Ordenspriester. Kurz nach dem Amtsantritt des Bischof kam Alois Eichenlaub nach Cajamarca (146). Von den dreißig Priestern ließen sich fünf Priester von dem Reformkurs Bischofs Dammerts begeistern, drei davon gingen nach Bambamarca. Die übrigen Priester lehnten etwa zur Hälfte den Kurs von Bischof Dammert ab, die andere Hälfte nahm es hin, ohne sich aktiv daran zu beteiligen.

Die Reformen Bischof Dammerts fanden von Anfang an wenig Rückhalt bei den Priestern der Diözese und standen somit auf einer sehr schmalen und brüchigen klerikalen Basis. 1964 hatte die Diözese 37 Priestern. 1964 kamen auf einen Priester 11.000 Gläubige, 1992 waren es 15.000. Das diözesane Hand-buch von 1974 verzeichnet 38 Priester (darunter vier Ordenspriester), am Ende der Amtszeit Dammerts gab es 40 Priester (darunter drei Franziskaner), immer auch die Priester im Ruhestand mitgerechnet. Bischof Dammert weihte insgesamt 22 Priester.

In den siebziger Jahren nahm die Zahl der ausländischen Priester von zwei im Jahre 1964 auf neun im Jahre 1974 zu. Sie kamen aus Deutschland (3) Belgien, England, Frankreich, Irland, und Spanien (Mallorca) (147). Es waren vor allem ausländische Priester, die zu den tragenden Kräften der Erneuerung wurden. Im Jahr 1988 war der Anteil der ausländischen Priester am höchsten (13). Im gleichen Jahr war auch die Zahl der aktiven Priester am höchsten (41). In den Augen der Einheimischen, besonders der städtischen Oberschicht, wurde die Erneuerung der Kirche von Cajamarca damit zu einem ausländischen Projekt.

Verstärkt wurde dieser Eindruck durch Geldspenden aus Deutschland an den Bischof. Als letzter ausländischer Priester wurde Alois Eichenlaub 1996 von Bischof Simón unter Anwendung massiven Drucks zum „freiwilligen“ Rückzug aus Cajamarca gedrängt, wo er aber bis heute als Pensionär lebt. Miguel Gar-nett ist noch als Priester in Cajamarca tätig. Er ist peruanischer Staatsbürger und nach eigenem Verständnis kein Ausländer, aber noch Priester der Erzdiözese London.

c, 2) Ordensgemeinschaften

Zur Zeit Dammerts waren insgesamt 16 weibliche Ordensgemeinschaften in der Diözese Cajamarca (Angaben der diözesanen Handbücher von 1974, 1980 und 1988). Seit 1966 kamen elf Ordensgemeinschaften nach Cajamarca, fünf waren es bereits vor der Ankunft Dammerts. Genauere Angaben über die Zahl aller Ordensfrauen liegen nicht vor, nach den Handbüchern waren es aber mindestens 83, wahrscheinlich über 100 Ordensfrauen während der dreißig Jahre Dammerts. Von diesen 83 Ordensfrauen im Jahre 1988 waren 51 ausländische und 32 peruanische Ordensfrauen.

Deutsche Ordensfrauen waren und sind nicht in der Diözese beschäftigt.148 Männliche Ordensgemeinschaften sind weniger stark vertreten. Zur Zeit Dammerts kam nur eine Ordensgemeinschaft nach Cajamarca, die Red-emptoristen, die aber am Ende der Amtszeit Dammerts die Diözese wieder verließen. Vorher gab es bereits die Franziskaner und Hermanos Marista. Vinzentiner und Claretiner waren bis in die fünfziger Jahre stark vertreten, verließen aber 1955 bzw. 1956 die Diözese. Am Ende der Amtszeit Dammerts gab es nach persönlichen Angaben Dammerts insgesamt 129 Angehörige geistlicher Berufe (40 Priester, 85 Ordensfrauen, 3 Ordensbrüder, 1 Diakon).

Dies bedeutet, dass auf einen geistlichen Beruf etwa 7.000 Gläubige kamen. In zwölf Pfarreien waren Ordensfrauen auch in der Pfarrseelsorge tätig. In vier Pfarreien hatte Bischof Dammert die Leitung der Pfarrei Ordensschwestern übertragen. Bischof Simón hat dies wieder rückgängig gemacht, worauf zwei dieser abgesetzten Ordensschwestern aus Protest die Diözese verließen.

c, 3) Geistliche Bewegungen und Laienorganisationen

In jeder Pfarrei der Diözese gab es mindestens eine Organisation, die entweder als geistliche Bewegung, Basisge-meinschaft oder Laienorganisation bezeichnet werden kann. Von den diözesanweiten Laienbewegungen mit ihren jeweiligen Ablegern in einzelnen Pfarreien waren die bekanntesten: JARC (Katholische Landjugend) (149), JEC (Verband christlicher Schüler), JOC (Christliche Arbeiterjugend), UNEC (Katholische Studierende Jugend), MANTHOC (Vereinigung arbeitender Kinder), EDOC (Verband christlicher Erzieher und Lehrer) und die Legión de María.

In den Stadtge-meinden Cajamarcas gibt es starke und einflussreiche religiöse Gruppierungen, die ausschließlich von Frauen gebildet werden und deren Namenslisten auf die einflussreichen Familien der Oberschicht Cajamarcas hinweisen. Die namhaftesten Gruppen sind „Dritter Orden des Hl. Franziskus“, „Liga feminina“, „Pía Unión“, sowie zahlreiche Komitees, Assoziationen und Cofradías, in deren spirituellem Mittelpunkt die Verehrung Marias und des jeweiligen Patrons (Heilige/r) steht, einschließlich der Organisation der jeweiligen Prozessionen und Patronatsfeste. Was für die Frauen der Stadt die jeweiligen Cofradías sind, stellen für die Männer die so genannten „Hermandades“ (Bruderschaften) dar.

Als pastorale Institutionen werden im Diözesanhandbuch von 1988 Organisationen und Gruppen zusammengefasst, die im sozialen, erzieherischen, karitativen oder im engeren Sinne im pastoralen Bereich tätig sind: CARITAS, DAS (Abteilung für soziale Aktion), DEMCOS (Medienabteilung) bzw. SONOVISO (Bild und Tonstelle), ODEC (diözesane Schulbehörde) sowie Einrichtungen wie „Hogar de Ancianos“ (Altersheim) und „San Vicente de Paul“ (Speisestätte für schulpflichtige Kinder). Von Ordensleuten wurden folgende Schulen geleitet: Cristo Rey (Oberschule für Jungen) Nuestra Señora de Lourdes und Nuestra Señora del Rosario (jeweils Oberschule für Mädchen). Eine Extraerwähnung erhält die Campesinoschule Alcides Vásquez, Bambamarca.

c, 4) Diözesanleitung

Zu Zeiten Bischof Dammerts gab es keine Dekanate, keinen Priesterrat und auch keinen Diözesanrat. Es gab keine Beratung für Fragen der Partnerschaft, einschließlich einer Beratung für den verantwortlichen Umgang mit Spenden-geldern und es gab kein institutionalisiertes Team, das dem Bischof in vielen Fragen, vor allem der Personalpolitik, beratend zur Seite stand. Dies wird hier als Mangel gesehen, im Nachhinein als ein sehr gravierender Mangel. Im Mittelpunkt der Diözese stand in jeder Hinsicht einsam der Bischof, eine charismatische Person inmitten eines strukturellen und organisatorischen Chaos.

Der Bischof war aber zu jeder Zeit und für jeden immer ansprechbar. Das wichtigste diözesanweite Ereignis war in jener Zeit die jährliche Pastoralwoche, die meist im März stattfand. Alle Gruppierungen, Basisgruppen, Vertreter der Gemeinden, Organisationen und Mitarbeiter Bischof Dammerts trafen sich zum Austausch, zur Evaluation und dem Besprechen neuer Vorhaben.

6. Die Kirche von Cajamarca und ihre Beziehungen zur Weltkirche. Eine lokale Kirche in der globalen Gemeinde Jesu Christi - das Volk Gottes gemeinsam auf dem Weg.

Die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchungen über diese Beziehungen wurden bereits im Sammelband „Die globale Verantwortung“ veröffentlicht. Diese Untersuchungen sind in dieser Form einzigartig. Sie gehen im Unterschied zur Studie von Nuscheler/Gabriel u.a., die ein möglichst breites Spektrum erfasst, eher in die Tiefe und untersucht die Beziehungen von lokalen Teilkirchen in allen ihren Dimensionen; es wird möglichst tief gebohrt und entsprechend kommt im Unterschied zu anderen Untersuchungen viel mehr ans Tageslicht, positiv wie negativ.

Vor allem spielt bei den bisherigen Untersuchungen die ekklesiologische Bedeutung der Partnergruppen als konstitutives Element für Kirche und Theologie kaum eine Rolle (150). Alle genannten Untersuchungen kommen aber zu einem gemeinsames Ergebnis, das von Franz Weber so zusammengefasst wird:

„Die Tatsache, dass Solidaritätsgruppen gar nicht so selten ‚nur am Rande’ von Pfarrgemeinden geduldet werden und mit ihren entwicklungspolitischen und weltkirchlichen Projekten und Anliegen in Liturgie und Gemeindeleben viel zu wenig zur Sprache kommen, müsste mit Diözesanleitungen und den Hauptamtlichen in der Seelsorge ernsthaft hinterfragt werden“ (151) Diese Arbeit geht noch einen Schritt weiter. Sie stellt die These auf, dass ohne eine Umkehr der reichen Kirchen und das Suchen nach einem gemeinsamen Weg mit den „Indios dieser Welt“, katholische Kirche nicht möglich ist.

a) Erste Anfänge der Beziehung zu Deutschland - Anfangsschwierigkeiten

Der erste Kontakt mit Europa fand bereits 1532 statt. Darüber ist bereits viel gesagt worden. Dieser Hintergrund darf aber nicht außer Acht gelassen werden. Danach wurde die Kirche von Cajamarca wie alle Diözesen in Lateinamerika nach europäischen Vorgaben geleitet. Bis zur Amtszeit von Bischof Dammert sind weder auf der Ebene der Diözese noch einzelner Pfarreien Kontakte nach Deutschland bekannt. Es waren bis 1962 keine deutsche Priester in Cajamarca tätig und auch sonst keine nichtspanische Missionare (Priester). Die Vorfahren von Bischof Dammert stammen väterlicherseits aus Deutschland. Seine deutsche Herkunft spielte aber keine Rolle bei der ersten Kontaktaufnahme mit Deutschland.

Diese Kontakte ergaben sich eher zufällig über zwei seiner Priester: Alois Eichenlaub (Diözese Speyer) und Pedro Bartolini. Alois Eichenlaub kam 1962 als Fidei-Donum-Priester nach Cajamarca. Eigentlich war er für die Diözese Abancay vorgesehen, er stand schon vor der Ausreise nach Peru in Kontakt mit dem damaligen Bischof von Abancay, Alcides Mendoza. Auf der ersten Konzilsperiode 1962 war Mendoza mit 34 Jahren der jüngste Bischof der Weltkirche. Der junge Bischof sprach auf seinen wiederholten Besuchen in Deutschland von der Notwendigkeit von Reformen in der Kirche.

Er schilderte die pastorale Situation in seiner Diözese, den Mangel an Priestern und die damit ver-bundene mangelnde pastorale Betreuung der Menschen. Mit dem jüngsten Bischof der Weltkirche wollte Misereor ab 1961 ein Pilotprojekt starten, das als Vorbild für ganz Peru gedacht war. Man glaubte in Bischof Mendoza den geeigneten Bischof dafür gefunden zu haben, jung und dynamisch, voller neuer Ideen und offen für die Anliegen des beginnenden Konzils. Die Diözese Speyer wollte das Patronat über die Diözese Abancay übernehmen, weil in Abancay bereits Ordensschwestern aus Speyer (St. Ursula) waren. Bischof Mendoza versprach sich sehr viel von dem Patronat. Bereits im März 1961 begann ein intensiver Briefkontakt zwischen Bischof Mendoza und Alois Eichenlaub.

Erst einmal in Abancay, verschafft sich Alois Eichenlaub rasch ein Bild über die soziale und pastorale Lage, die er in dieser Härte nicht erwartet hatte. Bischof Mendoza hatte nie darüber geschrieben. Im ersten Bericht, gleichzeitig der erste Rundbrief nach Deutschland, dem noch viele weitere folgen und aus denen später die „Informationen aus Cajamarca“ hervorgehen sollten, schreibt er am 7.9.1962 aus Abancay:

„In der ganzen Diözese gibt es nur 19 Priester, davon 12 Amerikaner aus Boston; 29 Pfarreien sind ohne Priester und sind zum Missionsgebiet erklärt, d.h. sie werden einmal im Jahr, mehrere Gebiete nur alle fünf Jahre, von irgendeinem Pfarrer besucht. Nahezu das gesamte Land gehört Großgrundbesitzern, die Durchschnittsgröße der Hazienden liegt bei 5.000 ha, die ‚Quetschua - Indianer‘ arbeiten auf deren Gütern und kennen kein Geld (‚Entlohnung‘ in Naturalien).

1962 sterben 70% aller Neugeborenen, es gibt keine Milch! Etwa ein Drittel der Bevölkerung wandert in ihrer Not ab nach Lima, in die Elendsviertel, in denen dann noch die moralische Not dazukommt, die Entwurzelung“.152 Alois Eichenlaub sieht in dieser Situation eine dramatische Herausforderung und Verpflichtung der Kirche.

Als Priester und als Mensch ist er zutiefst davon überzeugt, inmitten des vorgefundenen Elends die Botschaft von der Würde aller Menschen als Kinder Gottes verkünden zu müssen. Doch der Bischof wollte ihm offensichtlich Ämter und Aufgaben übertragen, die ihn genau vor dieser Wirklichkeit schützen sollten. Der Bischof sprach zwar immer wieder von Reformen und einem Aufbruch in der Kirche, er sprach aber nicht von der Not der Menschen, er schien diese noch nicht einmal zu sehen.

Stattdessen hatte Alois Eichenlaub zufällig Bischof Dammert in Lima kennen gelernt. In Bischof Dammert fand er einen aufmerksamen Zuhörer seiner Ideen und Vorstellungen und umgekehrt war Bischof Dammert von Alois Eichenlaub und dessen Elan und Vorstellungen einer erneuerten Kirche beeindruckt. Bischof Mendoza hatte inzwischen seine ersten Zweifel an Alois Eichenlaub bekommen. Denn der Bischof hatte ihm angeboten, als Kaplan des wichtigsten Schwesterkonvents der Stadt täglich drei Messen zu lesen und sonst praktisch als Sekretär des Bischofs arbeiten zu dürfen - aus der Sicht des Bischofs eine besondere Auszeichnung für den Ankömmling.

Der Neue wollte sich aber auf keinen Fall als Sekretär des Bischofs hauptsächlich in dessen Residenz aufhalten und sich auch sonst nur innerhalb der etablierten Kreise der Stadt bewegen, denn deshalb hätte er nicht seine Heimat verlassen. Umso enttäuschter war der Bischof, dass Alois Eichenlaub dieses großzügig gemeinte Angebot ablehnte und lieber auf dem Land und mit den Ärmsten arbeiten wollte. Ein weiterer Wunsch von Alois Eichenlaub war, in einem Team zu arbeiten.

Ende November 1962 hat er zufällig in Lima erfahren, dass sich Dammert und Mendoza auf dem Konzil geeinigt hatten, dass er für einige Monate nach Cajamarca gehen sollte, denn Dammert wollte dort etwas ganz Neues anfangen. Bischof Mendoza bot Bischof Dammert an, Alois Eichenlaub für den Neubeginn in Cajamarca auszuleihen. Er sollte ab und zu in Cajamarca aushelfen, um dort die jungen Priester zu orientieren.

Ende 1962 kam Alois Eichenlaub nach Cajamarca und sollte bis heute dort bleiben. Über ihn liefen dann die ersten Kontakte der Diözese Cajamarca nach Deutschland (erste Rundbriefe seit 1962). Nachdem die Entscheidung bereits gefallen war, dass Alois Eichenlaub in Cajamarca bleiben würde, schrieb Mendoza noch einmal an Caritas Freiburg: „Er war von seinem Bischof für unsere Diözese bestimmt; leider habe ich schon von Anfang an bemerkt, dass er irgendwie beeinflusst war, um nicht weiter in Abancay zu arbeiten. Zufällig hatte ich in Rom ein Gespräch mit dem Bischof von Cajamarca geführt und habe dem Bischof die Aushilfe von Pater Eichenlaub zeitweilig angeboten, bis ich die von P. Eichenlaub gewünschten Bedingungen zum Arbeiten geschaffen hätte: Bedingungen, die mir schon zeigten, dass es unmöglich wäre, dass er bei uns arbeitete“ (153).

Der folgende Ausschnitt eines Briefes von Dammert an Misereor deutet die verschiedenen Sichtweisen, Maßstäbe und Erwartungen an, die zu Beginn und teils bis heute an die weltkirchlichen Kontakte gestellt wurden. Dammert schreibt am 18.4.1963 in einem vertrauensvollen Brief an Frl. Jörissen, Misereor, über die Position von Mendoza: „Die Bedingung und Erwartung von Mendoza für die Mitarbeit der Deutschen war, dass sie in der traditionellen Linie (Verwaltung der Sakramente, Almosen verteilen, Kranke pflegen etc.) arbeiten, aber nicht, dass sie die Probleme von Grund auf angehen.

Die Andenbevölkerung ist laut Mendoza nicht fähig, etwas Neues zu akzeptieren, sie wollen immer nur das Gewohnte und Almosen! Deshalb ist er auch froh, dass Alois nach Cajamarca geht, weil er nur die gewohnte Seelsorge stören würde. Der Bischof von Speyer kann so etwas nicht verstehen, auch Misereor nicht“. Dammert sorgt sich im Folgenden um die generelle Hilfe für Peru, denn Misereor hat wohl Abancay als Pilotprojekt für Peru vorgesehen, und wenn dieses scheitert, könnte dies das Ende jeder Hilfe für Peru bedeuten. Im selben Brief fährt er fort:

„Es ist internationale Übereinkunft, zuletzt besprochen in Lima, dass die Pläne für eine erneuerte Pastoral etc. nur in den Diözesen gestartet werden sollen, deren Bischöfe dazu bereit sind, neben Cajamarca z.B. auch Ayaviri mit Bischof Metzinger. Misereor würde es gut anstehen, wenn es sich, bevor es Programme startet, vor Ort über die Gegebenheiten informieren würde, z.B. einen Beauftragten für Peru ernennen, der sich in Zusammenarbeit mit peruanischen Stellen nach den besten Möglichkeiten der Hilfe umsieht“ (154).

Bischof Mendoza war bis 2004 Erzbischof von Cusco. Nach seiner Zeit in Abancay wurde er zuerst Militärbischof und 1982 wurde er als Nachfolger von Luis Vallejos zum Erzbischof von Cusco ernannt. 1986 war er es, der maßgeblich an dem Zustandekommen der Partnerschaft der Erzdiözese Freiburg mit der peruanischen Kirche beteiligt war (155). In einer ersten Bilanz nach einem Jahr der Freiburger Perupartnerschaft stellte Weihbischof German Schmitz (Lima) in einem Treffen in der deutschen Pfarrei in Lima 1987 fest, dass sich überproportional viele Opus-Dei-Pfarreien um eine Partnerschaft mit deutschen Gemeinden bemüht hätten, weil sie als erste die Chance einer Partnerschaft im Sinne von Mendoza erkannt hatten.

Die erste Verbindung einer deutschen Kirchengemeinde mit der Diözese Cajamarca war noch zufälliger entstanden. Pedro Bartolini aus Cajamarca hielt sich seit Anfang 1961 zu ergänzenden Studien in Rom auf und wurde von dort zu einer Urlaubsvertretung nach Deutschland geschickt, wo er zufällig in die Gemeinde St. Martin, Dortmund geriet. Er fasste Vertrauen zu dem damaligen Pfarrer von St. Martin, Fritz Hermann und dessen Vikar Richard Rademacher. Anfang 1963 kehrte Bartolini auf Wunsch von Bischof Dammert nach Cajamarca zurück, wo er mit zwei anderen Priestern die Arbeit in Bambamarca aufnahm.

Fritz Hermann (verstorben am 12.12.1983) schreibt im Rückblick über die Anfänge der Partnerschaft mit Bambamarca: „Wir hatten uns bei unseren nicht vorhandenen Spanischkenntnis-sen und seinem mangelhaften Latein im Wesentlichen mit lateinischen Infinitiven verständigt. Auf dem Wege Rom - Frankfurt - New York - Lima - Cajamarca - Bambamarca machte er einen Abstecher nach Dortmund und unter Übergabe einiger mit dem Petersdom und anderen römischen Merkwürdigkeiten versehener Aschenbecher bat er schlicht und einfach um Hilfe. Wir, Richard Rademacher und ich, meinten, Gott könne auch mit kitschigen Aschenbechern winken und bald liefen Dollarschecks, zunächst in winziger, dann in steigender Höhe, monatlich an Pedro, ohne dass wir zunächst so ganz begriffen, was mit dem Gelde geschah.

Eines Tages erschien Alois Eichenlaub, der eine Art rechter Hand von Bischof Dammert geworden war. Er schlug vor, das Geld an Bischof Dammert zu leiten, der besser übersehen könnte, was seinem Projekt Bambamarca dienlich sei. Wir erfuhren dann auch, was alles so drin war, eine Pastoral, die dem ganzen Menschen diente und uns Neuthomisten zunächst spanisch bzw. spanisch vorkam. Aber das haben wir erst langsam begriffen und gelernt: Alphabetisierung, Schulung der jungen Mädchen in einfachen Dingen wie Hygiene für sich und die Säuglinge, die Haushaltsführung, die Webtechnik; Gründung einer Genossenschaft, aber auch Heranbildung von Katecheten, die in Kleinansiedlungen eine Menge pastoraler Arbeit tun können...

Seit Alois Eichenlaubs erstem Besuch wurden die Kontakte stärker und uns ging auf, dass wir nicht nur helfen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe leisten mussten; dass wir nicht nur durch milde Gaben unser mehr oder weniger schlechtes Gewissen entlasten konnten, sondern dass uns das Ganze etwas anging, uns mehr beanspruchte, als eine anonyme Gabe für Adveniat oder Misereor - womit nichts gegen diese Hilfswerke gesagt werden soll“ (156).

Vikar Rademacher wurde 1963 Pfarrer in der Gemeinde Hl. Kreuz, Castrop-Rauxel und nahm die Kontakte zur Diözese Cajamarca in seine neue Gemeinde mit. Diese beiden Pfarreien in Dortmund und Castrop-Rauxel waren bis 1993 eine wesentliche Stütze der Partnerschaft mit Cajamarca. St. Martin, Dortmund wurde zur zentralen Anlaufstelle für fast alle nachfolgenden Kontakte kirchlicher Gruppen und Kirchengemeinden, die mit der Diözese Cajamarca und Bischof Dammert in eine Beziehung eintreten wollten. Vor allem die aus den Rundbriefen von Alois Eichenlaub hervorgegangenen „Informationen aus Cajamarca“ (seit 1969) wurden zur ersten Informationsquelle über die kirchlichen Aufbrüche in der Diözese Cajamarca.

b) Fidei-Donum-Priester

Ein nicht zu unterschätzendes Element für das Selbstverständnis der Kirche als Weltkirche, der Katholizität der Kir-che, ist das Entsenden deutscher Priester und Ordensleute in alle Teile der Welt. Anfänglich wurde dies sogar als das entscheidende Zeichen der neu entdeckten Weltkirchlichkeit gesehen. Alois Eichenlaub war einer der ersten deutschen Diözesanpriester, die in etwa zeitgleich mit dem Entstehen von Misereor und Adveniat und im Rahmen der ebenfalls neu übernommenen Patenschaften deutscher Diözesen für einzelne Missionsländer als Priester in ein solches „Missionsland“ gehen wollten (157).

Die Idee der deutschen Diözesen war, den Priestermangel in den Missionsländern durch großzügige Aushilfen zu überbrücken, als Zeichen der Solidarität mit den jungen Kirchen. 1959 war Misereor gegründet worden, 1961 Adveniat. Durch Begegnungen auf dem Konzil entstanden die Diözesanpatenschaften.

In der damaligen Zeit war in den Ländern des christlichen Abendlandes noch die Auffassung verbreitet, dass die Ent-sendung von Missionaren die dringlichste Aufgabe sei, um den Kirchen in den armen Ländern zu helfen. Der Priestermangel in den armen Ländern war das entscheidende Motiv für die Entsendung von europäischen Missionaren.

Dabei ist einerseits zu berücksichtigen, dass über entwicklungspolitische Zusammenhänge, z.B. Fragen nach den Ursachen der Armut, nur vereinzelt nachgedacht wurde. So stellen es heute zumindest die ersten ausgesandten Priester im Rückblick fest, eine entsprechende entwicklungspolitische Diskussion hatte noch nicht stattgefunden.

Andererseits war es in der Zeit vor dem Konzil selbstverständliche Meinung, dass die unterentwickelten und zum großen Teil noch „heidnischen“ Länder darauf angewiesen waren, vom christlichen Abendland aus missioniert zu werden, auch wenn es in den Missionsländern selbst bereits zunehmend Überlegungen gab, neue Wege zu beschreiten, da die bisherige Praxis ja gerade zu der Situation geführt hat, die nun als Mangel empfunden wurde. Dabei wurde - da-mals selbstverständlich - ausschließlich an Priester und Ordensleute gedacht, wenn es darum ging, das Evangelium in aller Welt zu verkünden.

„Vor 40 Jahren machte eine Gruppe deutscher Weltpriester einen Neuanfang und kam in verschiedene lateinamerikanische Länder. Es waren Fidei-Donum-Priester, die großherzig Antwort auf den Aufruf des Papstes gaben, ihre Heimat zu verlassen, um in Diözesen zu dienen, die nach Sprache und Kultur in einer ganz ande-ren Welt lebten. Sie waren Pioniere einer neuen Mission, die mit der Zeit eine Doppelspur hinterließ, einerseits bei denen, die auszogen, als auch andererseits bei jenen, die sie empfingen“ (158). In der Enzyklika „Fidei Donum“ von Papst Pius XII. (21.4.1957) und noch mehr im Zweiten Vatikanischen Konzil (Lumen Gentium 23) wurde die Gesamtverantwortung der Bischöfe und Priester für die Weltkirche im Sinne des Missionsauftrags an die Jünger herausgestellt und angemahnt.

In der Fidei Donum Chronik schreibt Enrique Rosner: „Warum deutsche Priester nach Lateinamerika? Um dem chronischen katastrophalen Priestermangel abzuhelfen! Das war die erste Motivation zur Ausreise oder zur Entsendung nach dem Zweiten Weltkrieg. Südamerikanische Bischöfe bettelten um Priester. Es entstand ein ‚Handel’ um Priesteraushilfen. Damals blieb alles noch dem Zufall überlassen und entsprach der Privatinitiative der einzelnen“ (159). Von Emil Stehle, Geschäftsführer von Adveniat, stammt die Idee, die in Lateinamerika tätigen Weltpriester nach dem Rundschreiben von Pius XII. nun „Fidei-Donum-Priester“ zu nennen (seit 1971).

Doch Alois Eichenlaub ging es, wie auch einigen anderen deutschen Priestern, nicht zuerst darum, den Priestermangel in den Missionsländern zu lindern und die Zahl der Priester in Lateinamerika zu erhöhen. Vielmehr ging es ihnen um eine neue Orientierung der gesamten Pastoral und der Seelsorge aufgrund der dortigen Gegebenheiten. Von Löwen aus, wo er sich auf seine Aufgabe in Peru vorbereitete, schreibt Alois Eichenlaub am 19.11.1961 an Mitbrüder, dass nur solche Leute in die „Mission“ gehen sollten, die mit den Menschen vor Ort die Probleme erkennen, analysieren und bereit sind, neue Wege zu gehen.

Darin ist er sich mit vielen seiner Kurskollegen einig, er fährt fort: „In den letzten Jahren wuchs der Kontinent Amerika um 45 Millionen Menschen. Trotz größter Anstrengung ist im gleichen Zeitraum die Zahl der Priester nicht gewachsen. Was tun? Nur eine Neuorientierung vom Zentrum her, von unseren Prinzipien her, kann helfen: die verantwortliche Mitarbeit von Laien, nicht nur in der ‚Katholischen Aktion’, sondern direkt mit priesterlichen Aufgaben wie Taufe, Beerdigung, Unterricht, Kommunionausteilung, Liturgie außer der Hl. Messe - vielleicht sogar Beichte im Sinne der Urkirche - kann zu einer Erneuerung führen. Das sind Fragen ans kommende Konzil“ (160).

An dieser Stelle ist festzuhalten, dass die Arbeit deutscher Priester - ob auf diese oder auf eine andere Weise - in den armen Ländern erheblich zum Bewusstsein von der Einen Welt und der Kirche als weltweite Gemeinschaft der Gläubigen beigetragen hat, sowohl in den armen als auch den reichen Ländern. Dies gilt umso mehr, wenn man die Rückwirkungen dieser Arbeit auf die jeweiligen Heimatpfarreien bzw. Heimatdiözesen dieser Priester mit berücksichtigt.

c) Kirchliche Hilfswerke und ausländische Mitarbeiter

Vielfach haben die großen deutschen Hilfswerke Misereor, Adveniat und Brot für die Welt eine sozialpastorale Arbeit in den armen Ländern erst ermöglicht. Die finanzielle Unterstützung deutscher Christen ermöglichte in vielen Län-dern und Diözesen eine Arbeit und eine Verkündigung, die den Menschen Hoffnung schenkte und neue Perspektiven aufzeigte (161). Die Hilfswerke legten im Laufe der Zeit in ihrer Selbstdarstellung und Praxis immer mehr Wert darauf, dass es ihnen weder nur um finanzielle Unterstützung noch nur um die Rettung der Seelen geht, sondern um eine integrale Entwicklung: Entwicklung nicht nur im ökonomischen Sinne, sondern um ein Mehr an einer Gerechtigkeit, die ihr Fundament in der Bibel hat.

Bei der Beschreibung der Arbeit Bischofs Dammerts und dem Entstehen einer befreienden Pastoral in der Diözese Cajamarca dürfen daher die Anteile der Hilfswerke an der Entwicklung der beispielhaften Sozialpastoral in der Diözese Cajamarca und speziell in Bambamarca nicht unerwähnt bleiben. Bereits am 24.9.1963 stellte Bischof Dammert einen Antrag an Adveniat. Er bat um Unterstützung für seinen Pastoralplan, Priestergruppen in abgelegene Zonen zu schicken und gleichzeitig Laienkatecheten auszubilden. In Bambamarca gab es kein Pfarrhaus, die vorherigen Pfarrer lebten alle komfortabel in privaten Häusern.

Die drei neuen Priester waren in „einer menschenunwürdigen Unterkunft zur Miete in einer primitiven Wohnung mit zwei Räumen untergebracht“ (aus dem Antrag). Versammlungsräume, Schulungszentren gab es erst recht nicht. In einer Antwort an „Sr. Exzellenz, den hochwürdigsten Herrn José Dammert Bellido, Bischof von Cajamarca“, schreibt Bischof Hengsbach weitsichtig: „Ich halte das Pastoralprogramm für den Einsatz von Priestergruppen und die Ausbildung von Laienkatecheten für sehr wichtig“. Aus den Spendengeldern der deutschen Katholiken aus der Adveniat - Kollekte 1962 wurden 100.000 DM für den Neuanfang in Bambamarca zur Verfügung gestellt.

Das war der Beginn einer langen Beziehung. In einem Brief an Misereor im Oktober 1965 schreibt Bischof Dammert: „Seit nunmehr rund zwei Jahren darf ich in meiner Diözese die großzügige Hilfe der deutschen Katholiken erfahren, die es mir erlaubte, ein Pilotprogramm in Bambamarca zu starten. Ich möchte darauf hinweisen, dass dieses Programm ein erstmaliger Versuch innerhalb Perus ist, das sich fast ausschließlich auf die Erziehung des Campesinos richtet. Dank des deutschen Fachpersonals konnteschon in den ersten Anfängen ein gewisser Erfolg erzielt werden, der die Grundlage zu weiteren Hilfsgesuchen bot“ (162).

Im konkreten Beispiel der Diözese Cajamarca und besonders der Gemeinde Bambamarca wird deutlich, dass deutsche Hilfswerke beim Aufbau einer erneuerten Kirche im Geiste des Konzils einen entscheidenden Beitrag leisteten. Dabei darf nicht übersehen werden, dass es in der Beziehung der Kirche von Cajamarca mit den Hilfswerken auch zu teilweise erheblichen Meinungsverschiedenheiten und auch gegenseitiger Verärgerung kam. Das lag daran, dass Dammert nicht nur die üblichen Dankesbriefe schrieb, sondern mit sachlichen Argumenten die Hilfswerke in die Pflicht nahm und auf einem eigenen Weg bestand.

Typisch für diese oft unbequeme Haltung ist folgende Aussage: „Was Misereor und ‚Brot für die Welt’ geben, ist für mich eine Rückgabe dessen, was die Industriestaaten uns an Rohstoffen nehmen. Ich habe da keinerlei Skrupel, Aber ich wiederhole: nur Geld geben ist keine Lösung. Es führt nicht zur Veränderung der Haltung, die wir so sehr wünschen“ (163). Sehr früh wies Dammert auf die Ungerechtigkeiten der Weltwirtschaft und auf die Verantwortung der reichen Länder hin. Nach Dammert haben die armen Länder nur dann eine Chance, wenn es in den reichen Ländern selbst zu grundlegenden Veränderungen kommen würde.

Besonders unangenehm war für die deutsche Kirche, dass Dammert auf der historischen Verantwortung der Europäer und der europäischen Kirche bestand. Er zog eine direkte Linie von der Zeit der Eroberung zu den aktuellen weltwirtschaftlichen Strukturen, die nach Dammert darauf angelegt sind, die armen Länder weiterhin in Abhängigkeit zu halten. Seine Verknüpfung der weltweit ungerechten Strukturen mit dem biblischen Prinzip der Gerechtigkeit erwies sich als ein Stachel im Fleisch einer reichen Kirche in einer reichen Gesellschaft.

Seine Aussagen sind heute angesichts einer fortschreitenden Globalisierung aktueller denn je. Vom Deutschen Caritasverband wurde er gebeten, eine Ergänzung zur Synodenvorlage „Entwicklung und Frieden“ zu formulieren. In Bezug auf die Hilfe für die armen Länder antwortet er am 8.4.1976. „Diese Form der Hilfe stellt keine Großzügigkeit dar, es handelt sich nicht um ein Werk der Barmherzigkeit, sondern es ist eine Wiedergutmachung für die vergangenen und gegenwärtigen Ungerechtigkeiten. Es ist eine Wiedergutmachung für den Kolonialismus der vergangenen Jahrhunderte, für die miserablen Löhne der Minenarbeiter, der geringen Preise für die Produkte der armen Länder.

Das Erbe des Kolonialismus, die Zerstörung von uralten Systemen und Strukturen, die Zerstückelung ganzer Kontinente durch künstliche Grenzen, die unmenschliche Ausbeutung und Sklavenarbeit etc. ist ein Zustand der Sünde, der von Generation zu Generation andauert. Er erfordert eine Übernahme der Verantwortung für die Vergangenheit. Das biblische Konzept der Gerechtigkeit hat auch seine Gültigkeit für die interkontinentalen Beziehungen“ (164).

Bischof Dammert setzte sich stets mit Fragen der Weltwirtschaft auseinander, weil er wusste, dass weltwirtschaftliche Prozesse konkrete Auswirkungen für die Menschen, besonders für die Ärmsten seiner Diözese, haben (165). Sah er zu Beginn seiner Amtszeit die ausländische Hilfe eher als moralische Verpflichtung der Wiedergutmachung an den ausgebeuteten Völkern, so nahm bei ihm gegen Ende seiner Amtszeit der Gedanke einer Partnerschaft immer mehr Raum ein und er entdeckte immer wieder neue Facetten von Partnerschaft.

In Cajamarca machte man sich bald Sorgen darüber, dass mit der Hilfe eine bestimmte Kirchenpolitik und auch eine bestimmte politische Weltanschauung durchgesetzt werden sollte. Dammert wurde dabei von seinen meist deut-schen Mitarbeitern unterstützt, oft musste er diese auch mäßigen. Aus einem Schreiben deutscher Mitarbeiter an Dammert nach einem Heimatbesuch: „Die Kirche in Deutschland erlebt einen Rechtsschwenk. Die AGEH, Adveniat und DED sagen, dass ihre Arbeit neutral und nicht politisch sein darf. Sie glauben tatsächlich, dass ihre Programme nichts mit Politik zu tun haben.

Es gibt wieder vermehrt vorkonziliare Haltungen“ (166). Besonders in den siebziger Jah-ren kam es zu einer lebhaften Diskussion und einem regen Briefwechsel zwischen Cajamarca und deutschen Organisationen. Einen Höhepunkt fand die Auseinandersetzung um das Glaubensbuch „Vamos Caminando“ im Zusammenhang mit der Theologie der Befreiung. Man fürchtete in Cajamarca, nun vor allem von Adveniat nicht mehr unterstützt zu werden (167). Dammert schreibt in einem Brief an einen deutschen Mitarbeiter: „Die Wende nach rechts vor allem in den Hilfsorganisationen kommt wohl daher, dass zuletzt die Angst vor dem Kommunismus zugenommen hat. Man glaubt mit Eimern voller Weihwasser, den Brand löschen zu können“ (168).

Zum Glück haben sich die Befürchtungen von Dammert und seiner Mitarbeiter als übertrieben herausgestellt. Dammert selbst rückte seit den achtziger Jahren von seiner These einer generellen Verurteilung der reichen Länder aus geschichtlichen und aktuellen weltwirtschaftlichen Gründen ab. Die Unterstützung durch deutsche Christen sah er nicht mehr nur als Zurückzahlung vergangener und aktueller Schulden, sondern er entdeckte vor allem in der Praxis der Partnergemeinden, dass hinter deren Bemühen meist ein echtes spirituelles Bedürfnis sowohl nach Solidarität mit den Armen als auch nach einer Umkehr in Deutschland steht.

Im Zusammenhang mit der Frage nach den weltkirchlichen Beziehungen der Diözese Cajamarca taucht ein Problem auf, das sich zumindest für Bischof Dammert als ein Problem darstellte: Bei dem Aufbau einer andinen Kirche war er ausgerechnet auf den Einsatz von ausländischen Mitarbeitern angewiesen. Dammert begründet den Einsatz von Ausländern vor allem damit, dass für eine Übergangsphase zu wenig fachlich ausgebildetes einheimisches Personal zur Verfügung steht. Als größtes Hindernis beklagt er, dass peruanische Fachkräfte aufgrund ihrer Erziehung, Herkunft und langer Traditionen oft nicht bereit oder fähig sind, den tiefen Graben zwischen ihnen und den Indios zu überwinden.

Sie würden lieber in der großen Stadt oder an der Küste leben und arbeiten. „Dagegen eröffnet die Mitarbeit europäischen Personals, gebührend vorbereitet, unerwartete Horizonte, so wie ich es selbst in meiner Diözese mit der aufopfernden Arbeit der deutschen Sozialarbeiterinnen erlebt habe, ebenso wie mit der Mitarbeit eines Priesters aus der Diözese Speyer“ (169). Einen weiteren Grund für die Notwendigkeit ausländischer Mitarbeit sieht Dammert in der bisherigen Haltung der einheimischen Kirche, der wenig an einer Mitarbeit von Laien und auch „wenig an der Bildung des einfachen Volkes gelegen war“ (170).

Der peruanische Soziologe Mario Padrón bestätigt in einer Untersuchung im Auftrag Dammerts, dass ausländische Mitarbeiter, immer vorausgesetzt, dass sie auch wirklich mit dem Volk leben, eine weitaus größere Akzeptanz bei den Campesinos erreichen - und damit auch eine nachhaltigere Wirkung - als peruanische Fachkräfte (171). Das grundsätzliche Problem in diesem Zusammenhang sieht Dammert darin, dass die erste Evangelisierung keine Wurzeln geschlagen hatte und daher eine einheimische Kirche bisher nicht ent-stehen konnte.

Daher war er - vorübergehend - auf ausländische Hilfe, personell und materiell, angewiesen. „Wenn wirklich die erste Evangelisierung Wurzeln geschlagen und eine einheimische Kirche gegründet hätte, könnte man sich diese jetzt selbst überlassen. Aber eine Kirche, die nur schwache Strukturen besitzt ohne Basis, würde sich auflö-sen, oder es bleiben nur Pseudo-Kirchen. Leider hat man Jahrhunderte lang schlecht gepflanzt und die Pflanzen hat-ten keine Wurzeln oder sind schief gewachsen. Man muss immer von neuem säen. Ich glaube nicht, dass die latein-amerikanische Kirche sich allein genügt, sondern eher, dass sie, allein gelassen, alles verlieren würde“ (172).

So stand Bischof Dammert vor dem Dilemma, dass er einerseits mit aller Macht eine einheimische Kirche aufbauen wollte, andererseits aber für dessen Realisierung auf Hilfe von außen angewiesen war. Er stellte daher sehr hohe Anforderungen an die ausländischen Mitarbeiter, Priester und Laien. Vor allem hatte er großes Misstrauen gegenüber vom Ausland importierten Modellen: „Die ausländischen Missionare kommen nicht nach Lateinamerika, um einem heidnischen Volk das Evangelium zu verkünden, sondern um die einheimische Kirche zu stärken“ (173). 

Dieser Vorgabe mussten sich alle ausländischen Mitarbeiter unterordnen - was in der Regel kein Problem war, da diese im Fall der Diözese Cajamarca eben aus diesen Gründen nach Cajamarca kamen und mit Dammert zusammen arbeiten wollten. Falls nötig, sagte er dies auch sehr deutlich, so bei einer Absage an ein spanisches Missionsteam der Franziskaner, das ihm einige Missionare nach Cajamarca schicken wollte und deren Zielvorstellungen er kannte: „In aller Aufrichtigkeit muss ich Ihnen sagen, dass ich keine Einladung an das Missionsteam ausgesprochen habe, denn dies ist nicht die ‚Hilfe’, die ich brauche.

Ich habe weder ein Interesse an Statistiken der Sakramentenspendung (eine Erfindung des Teufels zur Beruhigung der Gewissen) noch an hübschen Predigten, nach denen die Leute dann sagen, welch schöne Worte doch der Padrecito findet (‚wie schön hat er geredet!’), um danach in ihrer Ignoranz weiter zu leben. Das ist ein Beruhigungsmittel, das kein Problem löst“ (174). Dennoch betont er, dass ausländische personelle Hilfe notwendig ist. Er stellt an das ausländische Personal folgende Bedingungen:

  1. „Es müssen fähige Menschen sein, die Probleme ihrer Berufung zum Priestertum und affektiv-emotionale Probleme gelöst haben und über eine apostolische Erfahrung verfügen.
  2. Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, sich mit Demut und Flexibilität dem Dienst der geistigen Erneuerung des Kontinents hinzugeben.
  3. Die Hilfe darf keine Bedingungen enthalten, sie darf keine ausländischen Modelle überstülpen wollen und sie muss bereit sein, die hier vorhandenen Werte zu entdecken und zu fördern.
  4. Man muss sich rechtzeitig zurückziehen können, um den Erfolg der geleisteten Arbeit nicht zu gefährden. Dann hat man die Befriedigung eines wahrhaften Dieners des Herrn“ (175).

Obwohl Bischof Dammert mit „seinen“ ausländischen Priestern überwiegend positive Erfahrungen machte, kannte er doch auch die etwas andere Realität in anderen Diözesen. Er reagierte geradezu allergisch gegen alle Versuche, von Europa oder den USA her den Weg der Kirche in Peru bestimmen zu wollen. Seine Skepsis kommt beispielhaft im folgenden Text zum Ausdruck: „Die Arbeit mit den Campesinos ist sehr langwierig, denn hier trifft das Wort zu, dass einer aussät und der andere erntet. Ich glaube, dass der größte Fehler war, dass ausländische Priester eine zu schnelle ‚Bluttransfusion’ für die geschwächte lateinamerikanische Kirche machen wollten, indem sie Programme verwirklichen wollten, die in ihrem Land Erfolg hatten.

Es fehlte die Tugend der Campesinos, die Natur und die Umgebung zu beobachten, zu warten, dass das Weizenkorn keime und reife gemäß dem ihm eigenen Rhythmus und ihn nicht mit künstlichem Dünger zu überschütten. Deswegen kann ich weder übermäßige Erfolge noch Misserfolge nennen, denn 16 Jahre sind eine sehr kurze Zeit, zumindest in der tausendjährigen andinen Kultur. Ich treffe zweifellos einen Reifeprozess in den Campesinos an, mit denen pastoral gearbeitet wurde, trotz der Fehler, die es vor allem in der ersten Phase gab. Hauptursache der religiösen Ignoranz war das Fehlen einer christozentrierten Verkündigung. Es gibt noch viel zu tun“ (176).

Nach Dammert heißt „Weltkirche werden“ eben nicht, dass Kirche nach europäischen Maßstäben weltweit aufge-baut wird bzw. dass alle Welt wie Europa werden muss. Dies ist in den vergangenen Jahrhunderten geschehen und daher gab es eben keine lateinamerikanische oder afrikanische Kirche, sondern überall nur die immer gleichen Kopien einer europäischen, römischen Kirche, die letztlich eine weiße Kirche war, weil sie im Gefolge der Eroberung daherkam. Eine weltweite Kirche, die eine Alternative zur herrschenden Globalisierung werden will, muss dagegen von den Rändern her entstehen, aber nicht in ähnlich ausschließender Weise wie dies umgekehrt bisher vom Zentrum her geschah.

Diese Ränder stellen sich in sehr unterschiedlicher Weise dar und sie sind farbig und sehr bunt. Die Einheit der Weltkirche besteht darin, dass alle zusammen ein Bild (Mosaik) ergeben, das als Bild eine klare Botschaft hat: mit Jesus den Beginn einer neuen Zeit verkünden, in der die Menschen gemeinsam das Brot brechen und im Frieden mit der Schöpfung und allen Geschöpfen leben (177).

Bischof Dammert sieht eine große Aufgabe und Herausforderung darin, diese Kirche zu bauen und als Kirche von Cajamarca dazu einen Beitrag zu leisten: „Eine Herausforderung besteht darin, dass wir unsere Glaubens- und Pastoralerfahrung der gesamten Weltkirche mitteilen können. Mit anderen Worten: wie können wir mehr und mehr katholische Kirche werden? Dabei ist zu fragen, ob die weltkirchlichen Strukturen dieser Herausforderung entsprechen. Ich denke, dass unsere armen Kirchen innerhalb der Weltkirche immer noch nicht ganz gleichberechtigt sind.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir wegen unserer andersartigen Kultur, wegen der anderen Glaubenserfahrung de facto diskriminiert werden. Katholische Kirche ist schon seit Beginn des Evangeliums als multikulturelle Kirche angelegt. Dieser Punkt beinhaltet, dass wir eine kontextuelle Kirche sein müssen. Wir müssen in dem ganz konkreten, sozialen und politischen Kontext Kirche sein und Kirche werden“ (178).

d) Partnerschaften

Dieses „Kirche sein und Kirche werden“ kann in Partnerschaften konkrete Gestalt annehmen. Deutsche Kirche und Gemeinden wurden seit 1962 in die Geschehnisse in der Diözese Cajamarca verwickelt und sie haben sich aus christlicher Verantwortung darauf eingelassen. Es wurden intensive Beziehungen zu den Menschen von Cajamarca und christlichen Gemeinschaften aufgebaut. Es wurde sichtbar, was Weltkirche sein kann. Aus dieser Beziehung können sich die deutschen Gemeinden nicht mehr heraus stehlen, wollen sie den Anspruch, katholische Gemeinde zu sein, nicht aufgeben.

Dies ist umso wichtiger in einer Zeit, in der eine andere Form von „universeller Kultur und Religion“ immer mehr in das Bewusstsein der Menschen einhämmert wird - in Deutschland wie in Peru. Gemeindepartnerschaften können einen Rahmen bilden, in der die lebensnotwendigen Alternativen zur alles beherrschenden Globalisierung (im neoliberalen, auf Finanzmärkte hin ausgerichtetem Sinn) aus dem Geiste Christi heraus eingeübt und gelebt werden können.

„Jede Partnerschaft zwischen Gemeinden oder Verbänden hier und dort, sei es in direkten Beziehungen, sei es im Kontakt internationaler Hilfswerke, arbeitet strikt an einer solchen Katholizität und damit gleichzeitig an einer Globalisierung, die im religiösen Bereich die Sehnsucht nach Gott offen hält und die im sozialen Bereich von den jeweils Armen und Bedrängten her das gesamte Handeln organisiert. Je mehr sich eine solche kirchliche Vernetzung mit der Leidensgeschichte der Menschen und in ihnen mit dem in der Geschichte lebenden Christus (vgl. Mt 25,31-46) ereignet, desto mehr wird die Kirche eine Intensivierung des eigenen Lebens und der eigenen Identität, aber auch eine Vertiefung des eigenen Leidens erreichen“ (179).

In dem folgenden Beispiel wird deutlich, was damit gemeint ist. Es weist auf wirtschaftliche Zusammenhänge hin und zeigt konkrete Handlungsperspektiven für deutsche Partnergruppen.

d, 1) Ein Beispiel praktizierter Partnerschaft: Solidarität mit Rosalia (180)

„Rosalia ist acht Jahre alt. Sie kann nicht zur Schule gehen, weil es in ihrer Umgebung keine Schule gibt. Ihr bleibt der Zugang zu dem versperrt, was zu einem menschenwürdigen Leben gehört: ausreichende Ernährung und sauberes Wasser, Gesundheitsvorsorge, Ausbildung und Anerkennung. Zudem drückt sie eine schwere Last: sie hat bereits 1.270 Dollar Schulden gemacht und sie muss ‚ihren Gürtel immer enger schnallen‘, um wenigstens die Zinsen bezahlen zu können. In ihrer Umgebung gibt es einen Staudamm, der 800 Millionen Dollar gekostet hat und mit deutscher Hilfe und von deutschen Firmen gebaut wurde. 20.000 Campesinos wurden vertrieben, damit weiter unten in der Wüste Reis angebaut werden kann. Doch von diesem hochwertigen Reis wird Rosalia nie etwas zu essen bekommen, denn er wird ausschließlich für den Export angebaut.

Es kann hier nicht im Einzelnen aufgeführt werden, wer wem und warum welche Kredite gegeben und wer davon profitiert hat. Festzuhalten ist, dass die Armen nie etwas von diesen Krediten gesehen haben, sie aber die Kosten der Verschuldung tragen müssen. In mehr als fünfzig Ländern haben sich deshalb Tausende von Organisationen zur ‚Kampagne Erlassjahr 2000‘ zusammengeschlossen, mehr als 1.300 Gruppen allein in Deutschland. Die Kampagne erinnert an die Tradition des biblischen Jubel- und Erlassjahres, in dem den verarmten Schuldnern in Israel alle Schulden erlassen und das Ackerland zurückgegeben wurde.

Die katholische und evangelische Kirche haben sich weltweit an die Spitze dieser Bewegung gestellt. Der Papst: ‚So werden sich im Geiste der Bibel die Christen zur Stimme aller Armen der Welt machen müssen, indem sie das Jubeljahr als eine passende Zeit hinstellen, um sich für einen erheblichen Erlass der internationalen Schulden einzusetzen‘ (181). Auch der Ökumenische Rat der Kirchen hat anlässlich des Jubeljahrs ‚zur Befreiung der verarmten Völker aus dem Würgegriff der Schulden‘ aufgerufen. ‚Die sozialen, politischen und ökologischen Kosten der Schuldenkrise, die auf die Ärmsten abgewälzt werden, können nicht länger hingenommen und müssen ausgeglichen werden.’

Bekanntermaßen haben alle Banken die Schulden Steuer sparend schon abgeschrieben. Auch haben die armen Länder schon weit mehr an Zinsen bezahlt als die jeweilige Summe ihrer Auslandsschuld - und trotzdem sind die Schulden aller armen Länder in den letzten zehn Jahren um 50% angestiegen. Die Deckung der menschlichen Grundbedürfnisse und die Achtung der Rechte der Mehrheit der Bevölkerung in den armen Ländern müssen Vorrang erhalten vor der Forderung, die Schulden zu bedienen und zurückzuzahlen. Den Armen kann nicht das allen Menschen verheißene ‚Leben in Fülle‘ vorenthalten werden.

Um nicht nur (meist korrupte) Regierungen zu entlasten, setzen sich vor allem die Kirchen für die Schaffung von Gegenwertsfonds ein. Das bedeutet: Einem Land, etwa Peru, werden von Deutschland z.B. hundert Millionen Dollar Schulden gestrichen. Peru verpflichtet sich dafür, vierzig Millionen Dollar in soziale und ökologische Projekte zu investieren. Die deutsche Regierung ist nach Verhandlungen bereit, entwicklungspolitische und kirchliche Gruppen bei entsprechenden Projekten in den armen Ländern mitwirken und mitbestimmen zu lassen. So hat auch eine kleine Gruppe die Chance, direkt bei der Investition von vierzig Millionen Dollar zu Gunsten der Armen mitzureden - eine einmalige Chance angesichts des sonstigen Gefühls der Ohnmacht, an weltwirtschaftlichen Strukturen zu Gunsten der Armen etwas ändern zu können!

Unterschriftenaktionen, entsprechende Information der Öffentlichkeit und die Mitarbeit der Gemeinden sind ein erster Schritt, um den Armen zu helfen. Denn die Armen wollen nicht nur Almosen, sie wollen Gerechtigkeit! Für Rosalia eröffnen sich damit neue Perspektiven. Neben den materiellen Verbesserungen ist es für sie eine große Ermutigung zu erfahren, dass kirchliche Gruppen sich für ihr Leben, ihre Probleme und ihre Hoffnungen interessieren. Dies gibt ihr Kraft, von einer besseren Welt, in der alle Menschen das Brot miteinander teilen, nicht nur zu träumen, sondern sich auf den Weg dahin zu machen“.

d, 2) Der Rahmen und der Anspruch von Partnerschaften
Die Partnerschaft von deutschen Partnergemeinden mit Gemeinden der Diözese Cajamarca ist notwendigerweise geprägt oder gar abhängig von den jeweiligen kirchlichen Strukturen in Cajamarca und in Deutschland selbst (182).

  1. Jede Partnerschaft zwischen Kirchengemeinden verwirklicht sich notwendigerweise innerhalb eines bestimmten Rahmens und innerhalb kirchlicher Strukturen. Zugleich lebt sie von ganz konkreten Personen. Konflikte zwischen Person und Institution sind unausweichlich.
  2. Partnerschaft verwirklicht sich innerhalb zweier lokaler Kirchen, die in sehr unterschiedlichen Wirklichkeiten und historischen und sozialen Kontexten leben. Von daher entstehen sehr unterschiedliche Interessen und Optionen. Wenn es aber nicht möglich wäre, einen echten Dialog zu etablieren, seinen Glauben und das Brot zu teilen und einen gemeinsamen Weg zu suchen, dann wäre auch katholische Kirche nicht möglich.
  3. Die Fragestellung wird verschärft, wenn man die Campesinos als die „Hirten von Bethlehem“ versteht. Gerade die Ausgeschlossenen standen im Zentrum der Verkündigung und Praxis von Jesus. Nach den Kriterien der Mächtigen existieren die Ausgeschlossenen nicht. Die Christen der reichen Länder repräsentieren aber in ihrer Mehrheit die abendländische Zivilisation - von der Conquista bis zur aktuellen Weltordnung.
  4. Zwischen den Kirchengemeinden des Nordens und des Südens gibt es einen weiteren Unterschied: in Deutschland sind die Hauptakteure der Partnerschaft Laien, in Peru ist dies umgekehrt. Partnerschaften sind in Deutschland Laienbewegungen. Laien verwalten das Geld, sie organisieren sich demokratisch und es herrscht eine institutionalisierte Transparenz. Dies kann man aber nicht von vielen peruanischen Kirchengemeinden sagen.
  5. Um einen wahrhaften Dialog zu etablieren ist es notwendig, dass der Reiche die Fähigkeit entwickelt, den Armen als solchen wahrzunehmen. Das bedeutet, die Ursachen der Armut zu erkennen und mit den Armen gegen alle Ungerechtigkeit zu kämpfen. Dies erfordert eine persönliche Umkehr (Bekehrung) und eine sehr tiefe Spiritualität, die es ermöglicht, in dem Armen das Antlitz Christi zu erkennen.
  6. Gelebte Partnerschaft ist konstitutiv für das Volk Gottes, sie ist das sichtbare Zeichen einer sonst nur abstrakt gedachten (nicht wirklich erlebten) Weltkirche: einer Gemeinschaft, in der Arme und Reiche an einem Tisch sitzen und gemeinsam das Brot des Lebens essen. Eine solche Gemeinschaft in Partnerschaft ist das Sakrament einer wahrhaft universellen, d.h. katholischen Kirche: Partnerschaft ist das Sakrament des Volkes Gottes.

e) Fazit: Gemeinden in Deutschland und in Peru - gemeinsam auf dem Weg

Einige am Beispiel von Cajamarca gemachte Beobachtungen lassen sich generalisieren:

  • Das Zweite Vatikanische Konzil gab den Kontakten zwischen den armen und den reichen Kirchen einen entscheidenden Impuls. Den inhaltlichen Rahmen bildeten hier besonders die Aussagen des Konzils über das Volk Gottes und die Kirche als Kirche für die Armen. Alle beteiligten Partnergemeinden mit Cajamarca berufen sich auf diesen Rahmen.
  • Im Kontakt mit der Kirche in Peru zeigt sich von Anfang an das Problem der Kommunikation, der Frage nach den Ansprechpartnern (z.B. zuerst Bischöfe?) und das Problem der Einmischung (nur Geld - ohne Kontrolle - schicken, Solidarität in politischen Fragen?).
  • Deutsche Hilfswerke leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Erneuerung der Kirche in Peru und zum Entstehen einer einheimischen Kirche.
  • Die ersten Kontakte von Hilfswerken, Gemeinden und Diözesen liefen nahezu ausschließlich über meist deutsche Priester und über Bischöfe und hingen damit wesentlich von deren jeweiligen Optionen und Präferenzen ab. Einzelne Personen waren entscheidend.
  • Konkret in Cajamarca: Die persönliche Entscheidung von Alois Eichenlaub, nicht mit Bischof Mendoza in Abancay, sondern in Cajamarca zu arbeiten, war mit entscheidend für den gelungenen kirchlichen Neuanfang in Cajamarca. Seine Entscheidung für Cajamarca lenkte in der Folge deutsche Hilfe schwerpunktmäßig nach Cajamarca.
  • Konkret St. Martin, Dortmund: Entstehen einer Patenschaft erst durch Zufall, nachträglich dann aber Motivation durch direkten Kontakt, Bestätigung durch das Konzil und durch kirchliche Hilfswerke. Zusammen mit dem Bischof von Cajamarca konnte eine deutsche Gemeinde zur Erneuerung der Kirche in Cajamarca beitragen. Sie trat in einen Lernprozess ein: Entdecken einer weltweiten Verantwortung, theologisch und ökonomisch.
  • Deutsche Priester als „Geschenk des Glaubens“ für die armen Länder spielten eine sehr wichtige Rolle - ein Bei-spiel von Weltkirche (auch ausländische Priester in Deutschland).
  • Eine einheimische Kirche in Peru ist zumindest punktuell vor allem durch die engagierte Arbeit ausländischer Priester entstanden.
  • Die deutsche Kirche ist seit 1962 massiv in Entwicklungen innerhalb der peruanischen Kirche verwickelt, sie hat sich eingemischt und kann nicht davon ablassen. Vielmehr eröffnet sich daher die Chance, mit den armen Kirchen zusammen einen neuen Weg zu gehen, der die eigene Umkehr ermöglicht.
  • Weltkirche werden heißt, von den lokalen und armen Kirchen her, z.B. von der andinen Kirche ausgehend, ein globales Netz der Solidarität zu knüpfen, um auf diese Weise der Welt eine befreiende Alternative aufzuzeigen, bzw. das Evangelium zu verkünden.
  • Die Verkündigung der Botschaft Jesu vom Reich Gottes erfordert angesichts der globalen Verhältnisse eine weltweite Kirche, die alternative Strategien entwickelt und bezeugt. Als solche erweist sie sich als globale Ge-meinde aller, die an Jesus den Christus glauben.

Für die Kirche insgesamt geht es darum, ob es ihr gelingt, zu einer glaubhaften und kämpferischen Alternative zu den herrschenden Gesetzmäßigkeiten zu werden und damit zu ihren Wurzeln zurückzukehren. „So stellt sich die Frage: Was globalisiert die Kirche mit ihrer weltweiten Dimension? Bildet sie darin eine vom Evangelium her authentische und, wenn es sein muss, alternative Globalisierungsperspektive zu jenen rasanten Globalisierungsprozessen im Produktions-, Absatz- und Informationsmarkt mit jenen ‚Gesetzmäßigkeiten’, die insgesamt nicht ohne Grund als Ursachen dafür diskutiert werden, dass weltweit Millionen von Menschen aus eben diesen Prozessen ausgegliedert und von daher für überflüssig erklärt werden. Die herrschenden Legitimationen, die menschliches Leben rechtfertigen, kommen immer weniger Menschen zugute, nicht nur in der südlichen Hälfte der Erde, sondern zunehmend auch im Norden“ (183).

In einer Partnerschaft finden potenziell alle diese verschiedenen Aspekte zusammen. Partnerschaft kann daher als Modell bzw. als Konkretisierung von Weltkirche dienen, machbar und erlebbar für alle. Weltkirche wird in der geleb-ten Beziehung zwischen einer reichen und armen Gemeinde konkret und praktisch erfahrbar - praktikabel und machbar am jeweils konkreten und alltäglichen Ort, sei es in der Gemeinde sei es in einem persönlichen Engagement.

Sie ist daher weltkirchliche Katechese und allgemeine Glaubenskatechese.


Anmerkungen

(64) Die Ausführungen stützen sich überwiegend auf Materialien von Misereor, der KAB Freiburg, der „Peru - Nachrichten“ des Perubüros der Erzdiözese Freiburg in Heidelberg und den „Mitteilungen“ der Infostelle Peru in Freiburg. Es wird auf die genannten Materialien hingewiesen, um die hervorragende Arbeit der Basis- und Solidaritätsgruppen zu würdigen. Von ihrem Blickwinkel aus sind sie in der Lage, die Situation bei ihren Partnern sachgerecht beurteilen zu können. Daten und Geschehnisse beziehen sich überwiegend auf die Zeit bis 2001, einzelne Ergänzungen bis Dezember 2003. Im Artikel „Die Diözese Cajamarca“ im Sammelband „Die globale Verantwortung“ wurden einzelne Abschnitte dieses Kapitels bereits veröffentlicht (S. 23-34). Der nun vorliegende Text ist wesentlich umfangreicher und wurde sukzessive ergänzt.

(65) Eine wirtschaftlich bedeutende Gruppe stellen die Nachfahren der im 19. Jahrhundert eingewanderten Ostasiaten dar (die damals vorwiegend im Bau der Eisenbahnstrecken eingesetzt wurden), obwohl sie weniger als 1% der Bevölkerung ausmachen. Diese Menschen werden verallgemeinernd „chino“ genannt. Auch Campesinofrauen, denen noch ihre ostasiatische Herkunft (Einwanderungen bis zum Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren) wegen ihrer typischen Augenlidfalte anzusehen ist, werden gelegentlich „china“ genannt, wobei aber „chinita“ auch eine allgemeine und liebevolle Bezeichnung für ein Mädchen sein kann.

(66) Internationaler Währungsfond: Seine Aufgabe besteht darin, armen Ländern zu helfen, die Integration in die bestehenden finanz- und wirtschaftspolitischen Strukturen zu erleichtern. Diese Integration ist an Bedingungen gebunden, die von den reichen Ländern als Modell vorgegeben werden.

(67) Während in den reichen Nationen nicht nur die Landwirtschaft, sondern zentrale Industriezweige - in den USA bis 2000 besonders Bio- und Kommunikationstechnologie - von den jeweiligen Regierungen massiv subventioniert werden, wird im Namen der freien Märkte von den abhängigen Ländern verlangt, dass sie alle Subventionen radikal abbauen, besonders jene, die zu einer Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit mittels eigener Produkte führen könnten. Genau so extrem verhält es sich mit protektionistischen Maßnahmen: während die USA als Garant des freien Marktes alle jene Länder mit Strafen belegen, die zum Schutz ihrer schwachen Industrie und Wirtschaft entsprechende Schutzmaßnahmen ergreifen wollen, nutzen die USA ihre Stellung aus, um ihre eigene Wirtschaft aggressiv vor billiger ausländischer Konkurrenz zu schützen; umgekehrt zwingen sie die EU, der Einfuhr genmanipulierter Nahrungsmittel zum Wohl des eigenen Agrarbusiness zuzustimmen (z.B. 2003: Klage der USA vor der WTO gegen das Importverbot von genmanipulierten Mais aus den USA in die EU).

(68) Manuel Prado, Präsident von 1939 - 1945 und von 1956 - 1963; Fernando Belaúnde, Präsident von 1963 - 1968 und wieder gewählt von 1980 - 1985. Die Amtszeit von Fujimori (1990 - 2000) wird heute in Peru allgemein als (zivile) Diktatur bezeichnet, zumindest die Zeit seit dem Putsch („autogolpe“) im April 1992.

(69) Diese Revolution von oben ist nicht zu einem Modell für die Dritte Welt geworden. Es reicht der Hinweis darauf, dass auf Druck der USA 1980 Wahlen abgehalten wurden (nun mit Beteiligung von Analphabeten), aus denen Fernando Belaúnde Terry als Sieger hervorging - derselbe, der 1968 wegen dem „Ausverkauf nationaler Interessen“ von einem peruanischen Offizier an den Ohren und im Nachthemd aus dem Präsidentenpalast gezerrt worden war. Die dann einsetzende Reprivatisierung seit 1980 führte zu noch mehr Elend.

(70) Zum Beispiel im Vorwort von Hildegard Hamm-Brücher, in: Erziehung auf Peruanisch, Wuppertal 1974. Und in pädagogischen Hochschulen und Seminaren wurde die peruanische Erziehungsreform als Modell vorgestellt.

(71) Eine allgemeine Bilanz der Erziehungsreform kann hier - wie auch beim Thema der Landreform - nicht gezogen werden. Als gravierender Mangel stellte sich bald heraus, dass die meisten Lehrer die Reform ablehnten, weil sie mehr Arbeit und Engagement bedeutete, ihre Gehälter aber nicht angehoben und sie inhaltlich wenig auf die Reform vorbereitet wurden und wenn doch, dann in sehr indoktrinierender Weise. Für ein derartiges ambitioniertes Vorhaben wurden im Haushalt zudem keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung gestellt.

(72) Eine moderne landwirtschaftliche Betriebsführung erforderte eine radikale Umstellung bisheriger und veralteter Methoden, um in einem zunehmend offeneren und freieren Markt konkurrenzfähig bleiben zu können, z.B.: Aussaat und Ernte nach genauen zeitlichen Vorgaben, Einführung neuer Zuchtrassen und Pflanzensorten, Errichtung von Ställen, moderne Gerätschaften, professionelle Verwaltung und Buchführung, Bau von Wasserkanälen, Motivation des Personals (der Landarbeiter), Vermarktung der Produkte an der Küste etc. Viele Großgrundbesitzer wollten oder konnten nicht ausreichend investieren und gaben ihren Betrieb auf. Sie parzellierten z.B. ihre Grundstücke, verkauften sie und zogen an die Küste.

(73) Sobre la ley de la Reforma Agraria, Declaración del Episcopado Peruano, Lima, 18.7.1969. In: Iglesia y Campesinado. Selección de textos y documentos pontificios y episcopales, documentación Vol. III, Nr. 1. Lima: CEAS, 1982, S. 48-51.

(74) Rückblickend schreibt Dammert: „Es war die Meinung weit verbreitetet, dass das IER gescheitert sei, aber es hat eine wichtige Aufgabe erfüllt. Die Bemühungen des IER wurden zuerst von der Revolutionsregierung der Streitkräfte unterstützt, vor allem durch deren Land- und Erziehungsreform. Dieser Prozess führte dazu, dass der Campesino sich in kommunale und kirchliche Angelegenheiten einmischte und das Interesse geweckt wurde, sich um die nationalen Probleme zu kümmern“. Pastoral rural en Cajamarca. Lima: CEP, 1979. Archiv IBC.

(75) Dammert: El deterioro de Cajamarca, 10.12.1975. Archiv IBC. Das Schreiben wurde auch in der nationalen Tageszeitung „Expreso” (Lima) am 16.12.1975 veröffentlicht.

(76) Eine zweite, mit Sendero konkurrierende Terrorbewegung, ist die MRTA (Movimiento Revolucionario Túpac Amaru), die zuletzt 1997 durch die Besetzung der japanischen Botschaft in Lima von sich reden machte, aber sonst kaum noch eine Rolle spielt. Im Unterschied zu Sendero waren es die Kader (Intellektuelle) selbst, die „in den Kampf“ zogen. Ihr Vorbild - wie der Name sagt - war Túpac Amaru II, der Ende des 18. Jahrhunderts einen Aufstand der Indios im Süden Perus organisierte, der die Kolonialmacht ernsthaft in Gefahr brachte. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und Túpac Amaru II. 1781 auf der Plaza de Armas von Cusco gevierteilt.

(77) In Verkennung der Ideologie von Sendero Luminoso und deren furchtbarer Praxis unterstützten einige Solidaritätsbewegungen in Europa und besonders in Deutschland den Sendero Luminoso und feierten ihn als neue Befreiungsbewegung. Auch innerhalb der deutschen (nichtkirchlichen) Perugruppen kam es zu einer Spaltung. Einige Senderistas erhielten Asyl in Deutschland, obwohl sie von Sendero gezielt nach Europa geschickt worden waren, um hier Sympathisanten und finanzielle Unterstützung zu gewinnen und Perugruppen auszuspionieren.

(78) Nachtrag 2003: Im Vorfeld des Besuches des US - amerikanischen Präsidenten im März 2002 wird in der Nähe der Botschaft der USA eine Autobombe zur Explosion gebracht, der neun Menschen zum Opfer fallen, viele werden schwer verletzt. Der Verdacht wurde gezielt auf den Sendero gelenkt. Am 9. Juni 2003 wurde ein Lager einer argentinischen Firma im Departement Ayacucho überfallen und 71 Mitarbeiter entführt. An dem Überfall waren etwa hundert Bewaffnete beteiligt. Sie haben eine Million Dollar Lösegeld gefordert. Die peruanische Presse geht davon aus, dass Sendero hinter der Aktion steht. Im ersten Halbjahr 2003 wurden bereits 134 terroristische Aktivitäten registriert, u.a. auch Überfälle auf Militärstationen. Der Sendero hat sich offensicht-lich gespalten: während eine größere Gruppe dem Aufruf ihrer Führer von 1993 folgte, den bewaffneten Kampf einzustellen, will eine andere Gruppe, die sich „Proseguir“ nennt, den Kampf wieder aufnehmen. Angesichts der Schwäche der aktuellen Regierung Toledo (nach Umfragen im Juni 2003 liegt die Zustimmung für Präsident Toledo bei 11,2 %) und zunehmender Verunsicherung werden inzwischen wie in den Hochzeiten des Terrors von politisch einflussreichen Gruppierungen und einem Großteil der Presse auch soziale Bewegungen des Terrorismus verdächtigt. So werden u.a. die Proteste von Campesinos und Bürgerbewegungen gegen die Goldmine in Cajamarca als von Sendero gesteuert dargestellt.

(79) Auf die Frage in einem Zeitungsinterview, wie sich in seiner Diözese der Terror des Sendero zeige, antwortete er: „Bisher ist nichts geschehen. Im November war ich in einer Comunidad bei Cajabamba, wo der Sendero präsent ist. Ich habe gefirmt, gepredigt und jede Gewalt verurteilt. Am nächsten Tag stand auf Hauswänden gemalt: ‚Der Bischof ist gekommen, um dem Volk eine Schlaftablette zu verabreichen. Das war alles. An einigen Orten wurden Priester von Sendero gebeten, die Campesinos nicht zu organisieren“. („La República“, Lima, 17. Dezember 1991. Archiv IBC). Er wurde als Präsident der peruanischen Bischofskonferenz befragt.

(80) Inzwischen haben alle hoch verschuldeten Länder ein Vielfaches der ursprünglichen Schuldenlast an Zinsen bezahlt. So belaufen sich z.B. die aktuellen Auslandschulden von Ecuador auf 11,2 Milliarden Dollar. Im Zeitraum von 1970 - 2002 hat aber Ekuador allein an Zinsen bisher 88,935 Milliarden Dollar bezahlt, nahezu das Achtfache. Die Schuldenlast ist deswegen nicht geringer geworden, sondern sie steigt weiter an (Meldung in „El Comercio“, Lima, vom 28. Juni 2003). Angesichts der US-Politik unter G. W. Bush darf der Verdacht geäußert werden (bzw. wird bestätigt), dass alle Länder des Südens gezielt und bewusst in diese Situation gebracht wurden, in dem man sie durch geschönte Bilanzen und Versprechungen zur Annahme von absurden Projekten und Krediten überredete, wohl wissend, dass sie dadurch in eine immer währende Abhängigkeit geraten werden.

(81) Vgl. Bello, Walter: Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank. In: Mander, Goldsmith (Hrsg.): Schwarzbuch Globalisierung. München: Riemann-Verlag, 2002, S. 191. Hier werden die sieben hauptsächlichen Bedingungen des IWF für Kredite aufgezählt (auch Strukturanpassungsprogramme genannt): Abbau von Schutzzöllen für die einheimische Wirtschaft; keine Kontrolle von Auslandsinvestitionen; Umwandlung einer an der Produktion von Grundnahrungsmitteln orientierten Landwirtschaft in eine durch Monokulturen gekennzeichnete, am Export orientierte Landwirtschaft; Aufhebung von Preiskontrollen und Einführung von Lohnkontrollen; drastischer Abbau staatlicher Leistungen u.a. im Gesundheitswesen; aggressive Privatisierung von Staatsbetrieben; Durchführung eines Deregulierungsprogramms, also Aufhebung staatlicher Vorschriften zum Arbeits- und Umweltschutz und zum Schutz der natürlichen Ressourcen.

(82) Bischöfliches Hilfswerk Misereor (Hrsg.): Arbeitshefte: Indios in den Anden. Leidenswege - Hoffnungswege. Aachen: Misereorvertriebsgesellschaft, 1986, S. 34.

(83) Dok. 1, II: „Peru-Nachrichten“ Nr. 22, 1990. Die „Peru-Nachrichten“ werden herausgegeben vom Perubüro der BDKJ der Erzdiözese Freiburg.

(84) Neben der Bekämpfung der Inflation ist die Gefangennahme von Abimael Guzmán und das Ende des Bürgerkrieges der größte Erfolg der Regierung Fujimoris. Das Ende des Terrors war 1995 mit entscheidend für die Wiederwahl Fujimoris. 1992 löste Fujimori das Parlament auf (autogolpe) und regierte mit Sondervollmachten.

(85) El Comercio am 6.12.1999: Die Zahl der arbeitenden Kinder hat die Zwei-Millionen-Marke überschritten.

(86) Zitiert und in deutscher Übersetzung aus: „Peru-Nachrichten“, 10. Jg./Nr. 33, September 1994. Hrsg.: Perubüro im BDKJ der Erzdiözese Freiburg, S. 5. Bischof Irizar bezieht sich in seinem Vortrag auf „Centesimus Annus“: „Es gibt unzählige menschliche Bedürfnisse, die keinen Zugang zum Markt haben. Es ist die strenge Pflicht der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu verhindern, dass die fundamentalen menschlichen Bedürfnisse unbefriedigt bleiben und dass die davon betroffenen Menschen zugrunde ge-hen“ (Centesimus Annus, Nr. 34).

(87) Ebd. S. 8. Diese Haltung der peruanischen Kirche hat sich bis heute nicht grundsätzlich geändert, auch dank engagierter Bischö-fe wie Bischof Bambarén (bis zum 4.2.2004 Bischof von Chimbote; sein Nachfolger: Bischof Simón). In einem Interview („La República“, 21.2.1999) sagt er zur Auslandsverschuldung: „Das Schlimmste ist jedoch, dass jeder Peruaner schon als Schuldner geboren wird, und auch als solcher stirbt. Die Kredite haben wir schon zurückbezahlt, aber die Zinsen fressen uns auf“. (Zitiert und in deutscher Übersetzung aus: Peru-Nachrichten“, 15. Jg./Nr. 47, 1999. Hrsg.: Perubüro im BDKJ der Erzdiözese Freiburg, S. 16). Typisch für die peruanische Kirche ist, dass sie die Armut und Ungerechtigkeit stets im weltweiten und weltwirtschaftlichen Zusammenhang sieht und von daher interpretiert. Bei europäischen Theologen und Bischöfen ist dies weniger zu beobachten. Analog zu den Kirchen in den armen Ländern, müssten die Kirchen in den reichen Ländern diese Zusammenhänge in gleicher Deutlichkeit erkennen und analysieren, sind sie doch ebenfalls Teil dieser Welt und Weltwirtschaft. Allerdings ist der Standort ein anderer. Die Kirchen der armen Länder sehen mit den Augen der Opfer, die europäischen Kirchen stehen eher noch in der Tradition einer kolonialen Theologie und Praxis.

(88) Meldung der TAZ, Berlin, vom 30. Mai 2003. Der Kardinal gilt als „papàbile“.

(89) Einzelheiten zum Staudamm Gallito Ciego in dem Artikel von Meister, Hans: Wasser fürs Leben; im Sammelband „Die globale Verantwortung“, S. 113-130. Der peruanische Staat muss die Zinsen für dieses Projekt auch dann noch bezahlen, wenn der Stausee schon längst versandet sein wird. Die (auch ökologischen) Lasten tragen die Campesinos, die von dem Wasser des Stausees fast nichts bekamen, vielmehr haben viele ihr Land verloren - ein typisches Beispiel für das Zustandekommen von Schulden zu Lasten der Ärmsten.

(90) Dammert: El deterioro de Cajamarca; 10.12.1975. Archiv IBC. Die Auswirkungen der zunehmenden Auslandsverschuldung auf die Menschen von Cajamarca werden im Abschnitt II,6 (Partnerschaften) an einem konkreten Beispiel aufgezeigt. Dort werden auch die Möglichkeiten genannt, wie sich deutsche Partnergruppen konkret für ihre Partner einsetzen und einen Beitrag für die Minderung der Auslandschuld leisten können.

(91) Jesús Espina: Zum Bericht des Kongressausschusses über die Korruption. In: Forum Solidaridad Perú, Nr. 26, November 2002. Neben der Kommission des Kongresses zur Untersuchung von Wirtschafts- und Finanzstraftaten wurde noch eine Kommission der Kongresses zur Untersuchung der Auslandsverschuldung zwischen 1990 und 2002 eingerichtet. Beide Kommissionen haben 2002 ihre Berichte vorgelegt. Die Berichte dieser Kommissionen sind nicht zu verwechseln mit dem Bericht der Wahrheitskom-mission. Sie stehen aber in einem engen Zusammenhang, weil sowohl die Einsetzung der beiden Kommissionen des inzwischen neu gewählten Parlaments (Kongress) als auch die Einsetzung der Wahrheitskommission vom Geist einer moralischen Erneuerung getragen wurden, von dem nach dem Sturz des alten Regime die peruanischen Gesellschaft erfasst worden war.

(92) Ugarteche, Oscar: „Los delitos económios, made in Perú“. Ideele Nr. 148, S 88; vom 17.12.2003, Lima. Zu dem Bau von Schu-len und Gesundheitsposten ist anzumerken, dass damit die Popularität des Präsidenten gesichert werden sollte. Doch die meisten dieser Gebäude stehen heute leer bzw. sie waren gar nicht vollendet und eingerichtet worden. Oscar Ugarteche, Professor für Internationale Finanzen an der PUC, von 2001 - 2003 Vorsitzender der Kommission des Kongresses für Wirtschaftsvergehen und Korruption, hat enge Kontakte zum IBC und gilt als einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler Lateinamerikas.

(93) Selbst der eigentlich starke Mann des Regime und Drahtzieher der peruanischen Waffen- und Rauschgiftmafia, Montesinos, hatte beste Kontakte zu US-amerikanischen Regierungsstellen. Besonders eng mit Fujimori verbunden war der Kardinal von Lima, Juan Luis Cipriani (damals als Erzbischof von Ayacucho).

(94) Meldung der Nachrichtenagentur AP, New York, vom 18.6.2003.

(95) Der gesamte Bericht, einschließlich verschiedener Zusammenfassungen und Schlussfolgerungen, u.a. in: „www.aprodeh.org.pe“ (31.8.2003); Stellungnahme und Kommentare auch auf „www.cajamarca.de“.

(96) Pilar Coll, Generalsekretärin der nationalen Menschenrechtskommission, ehemalige Mitarbeiterin im IBC, in einer Stellung-nahme zum Bericht der Wahrheitskommission (Zitat aus einem Mail von Luis Mujica an mich). Luis Mujica schreibt in seinem Artikel „La aversión de lo diferente“ über die Ergebnisse der Wahrheitskommission (in Forum Solidaridad Peru, Nr. 38, November 2003) ebenfalls von einem in Peru herrschenden Rassismus. Laut Mujica ist die rassistische Diskriminierung wesentlicher Bestandteil der peruanischen Gesellschaft.

(97) In der Folge werden diese kleinsten Einheiten, falls von Landzonen die Rede ist, Comunidades genannt. Zu einer Comunidad zählen etwa 30 bis 300 Familien. Sie leben in der Regel über das Land verstreut in einfachen Lehmhütten, die sie in unmittelbarer Nähe ihres kleinen Landbesitzes errichtet haben. Distrikte könnten am ehesten mit Land- und Stadtkreisen und Provinzen mit Regierungsbezirken in Deutschland verglichen werden. Eine Comunidad ist im politischen Sinne eine natürlich gewachsene Gemeinschaft von Campesinos, zu der sich jeder Campesino auch zugehörig fühlt. Es gibt einen von den Behörden (in Einzelfällen auch gewählten) ernannten Vertreter der Comunidad („Teniente“), der als Ansprechpartner für staatliche Stellen dient. Der Begriff „Comunidad“ wird nicht übersetzt, weil eine Übersetzung ins Deutsche eine Abschwächung bedeuten würde. In dem peruanischen Wort „Comunidad“ (im Verständnis der Campesinos) werden die beiden sich ergänzenden Bedeutungen deutlich: es ist sowohl ein politischer Begriff als auch ein sozioreligiöser und theologischer Begriff. Diese Einheit gilt es entsprechend dem Verständnis der Campesinos zu bewahren (siehe auch Kap. IV, 4).

(98) Die meisten dieser acht Provinzen sind nahezu identisch mit Pfarreien: Provinz Hualgayoc (mit Bambamarca als Hauptstadt), Provinz Celendín, Provinz San Pablo, Provinz San Miguel, Provinz San Marcos, Provinz Cajabamba. Diese sechs Pfarreien haben eine Partnerschaft mit einer deutschen Gemeinde. In der Provinz Cajamarca (Stadt und nähere Umgebung bis zu 50 km) liegen die meisten Partnergemeinden: Magdalena, Namora/Matara, La Encañada, Mollepampa, Porcón, San Pedro, Guadalupe. Tembladera liegt in der Provinz Contumazá.

(99) Ein Unterschied in dieser Einstellung ist bei den Gruppen von engagierten Frauen und Männern festzustellen, die über längere Zeit von kirchlichen Mitarbeitern auf ihrem Weg zu einem menschenwürdigeren Leben animiert und begleitet wurden. Organisierte Gemeinschaften sind in der Regel weniger anfälliger für Landflucht, weil sie eher bereit sind, für bessere Verhältnisse auf dem Land bzw. in ihrer Comunidad zu kämpfen.

(100) Ab 2000/01 wird nach einem neuen Schulgesetz die Gymnasialzeit um zwei Jahre verlängert, um den Gymnasialabschluss internationalen Standards anzugleichen. Der bisherige Abschluss wird z.B. in Deutschland nicht als Zulassung für ein Universitätsstudium anerkannt. Im Jahre 2002 wird diese Reform aus finanziellen Gründen wieder zurückgenommen, stattdessen kommt es zu einem neuen Schub von Privatschulen.

(101) „Es ist wichtig daran zu erinnern, dass in den reichen Ländern die Familien viel weniger für die Schulbildung ihrer Kinder ausgeben müssen als in Peru. Je ärmer die Länder und die Familien sind, desto weniger fühlt sich der Staat für Elementarschule und Ausbildung verantwortlich“. Iguìñez, Javier: Caminando por el borde - El Perú en la globalización. Lima: CEP, 1999, S. 49. Ein Arbeitskampf mit weit reichenden Folgen wird derzeit in Peru ausgetragen (Mai - Juni 2003). Nachdem Lehrerstreiks in einigen Landesteilen den Schulbetrieb einen Monat lang zum Erliegen brachten, verhängte die Regierung von Präsident Toledo den nationalen Notstand mit den damit verbundenen Vollmachten für die Streitkräfte, die Demonstration gewaltsam aufzulösen. Die Lehrer fordern eine Gehaltserhöhung von 50 Dollar monatlich. Wirtschaftsminister Javier Silva hingegen beharrt auf 28 Dollar. Mehr sei nicht möglich, weil Peru sein Abkommen mit dem IWF einhalten muss, die Staatsausgaben für nicht produktive Bereiche zu kürzen. Peru investiert bisher drei Prozent seines BIP in den Bildungsbereich, die UNESCO legte als Mindeststandard selbst für die ärmsten Länder 6% des BIP fest. (Meldung der IPS, Dritte Welt Nachrichtenagentur, vom 18.6.2003). Die Bedingungen des IWF verstoßen damit gegen die Empfehlungen der UN. In Lateinamerika geben nur Guatemala und El Salvador (je unter 2% des BIP) weniger als Peru für die Bildung aus.

(102) So muss man z.B. für eine OP am Blinddarm vorher die nötigen Blutreserven einkaufen (ein Liter Blut kostet 360 Dollar), Bettwäsche besorgen und die Versorgung mit Essen organisieren. Gravierender ist aber die innere Einstellung der Mehrzahl der Ärzte und Krankenschwestern gegenüber Menschen, die nicht viel Geld haben. Eine Krankenversicherung haben in der Regel nur öffentlich Bedienstete (z.B. angestellte Lehrer). Krankheitswesen und Versicherungen sollen möglichst schnell und vollständig privatisiert werden, ebenso alle Schulen.

(103) Im Einzelnen kann hier nicht auf eine Projektdiskussion eingegangen werden. Selbst wenn die „Ingenieros“ hin und wieder Recht gehabt hatten, bleibt die Tatsache, dass irgendetwas falsch gelaufen sein muss. Wichtig ist an dieser Stelle zu beachten, was die Betroffenen selbst zu den einzelnen Projekten sagen und was in der Praxis aus der meist schönen und oft auch theoretisch schlüssigen Theorie geworden ist.

(104) Dammert: Abschiedsrede an der Universität Cajamarca, März 1993 (ohne eigenen Titel), Archiv IBC. Bischof Dammert wurde bei seiner Verabschiedung die Ehrendoktorwürde verliehen, er hatte in der Universität von Cajamarca ein sehr hohes Ansehen und er stand im Dialog mit allen politischen Gruppierungen.

(105) Leónidas Proaño, Bischof von Riobamba, Ekuador (29.1.1919-31.8.1988): „El profeta del pueblo“, unveröffentlichte Text-sammlung (ein Abdruck wurde mir von seiner privaten Nachlassverwalterin geschenkt).

(106) Zitiert nach „Oro en el Perú“ in: www.perumine.com/hminero/14/oro.htm (16. Juni 2003). Der Kommentar des Verbandes der Minenbetreiber: „So lauteten die Worte von Francisco Pizarro auf der Isla de Gallo, während er mit seinem Schwert in den Sand eine Linie markierte. Denn die Persönlichkeit, die danach Lima vor mehr als 500 Jahren gründen sollte, kannte die unerschöpflichen Goldvorräte, über die unsere Heimat verfügte. Die ausländischen Investitionen, im Falle Yanacocha seit 1993, haben es erlaubt, dass sich in Peru auch in unserer Zeit unermessliche Möglichkeiten ergeben. Das private Kapital hat hier ein vertrauenswürdiges Umfeld gefunden, das es ermöglichte, Peru an die erste Stelle der Goldproduktion in Lateinamerika zu bringen“. Die Aussagen der Minenbetreiber, abgesehen von historischen Ungenauigkeiten, bringen deutlich zum Ausdruck, um was es geht. Sie stellen zudem den Zusammenhang her, der seit der Eroberung Perus bis heute besteht. Diese Interessenkonstellation ist zu beachten, wenn es im Folgenden um die Mine Yanacocha geht.

(107) In „Gott oder das Gold“ geht Gutiérrez dieser Thematik auf den Grund. Gutiérrez, Gustavo: Gott oder das Gold - Der befreiende Weg des Bartolomé de Las Casas, Freiburg i. Br.: Herder, 1990. Nach dem Evangelium der Herren dieser Welt verdankt es Cajamarca dem Gold, dass die moderne Zivilisation Einzug halten kann. Ausländisches Kapital wird zum Segen für die Menschen von Cajamarca. Gemäß dieser Logik dürfen sich die Menschen des Irak darüber freuen, dass ihnen Gott Erdöl geschenkt hat. Deswegen kommen nun die christlichen US-Amerikaner und bringen ihnen Freiheit, Demokratie und Reichtum (Zivilisation).

(108) Die wichtigsten Daten zur Mine wurden mir von Ecovida und der Universität Cajamarca zur exklusiven Veröffentlichung übergeben. Sie werden ergänzt durch Zeitungsabschnitte und Daten verschiedener NRO. Mehr dazu in dem grundsätzlichen Artikel „Das Gold von Cajamarca“ auf meiner Website: www.cajamarca.de

(109) New York Times, 8.11.1992 (Zeitungsartikel im Original, aus den Unterlagen von Ecovida).

(110) Aicher, Kajo: Die Goldminen von Yanacocha; im Sammelband „Die globale Verantwortung“, S. 134. Dieser Artikel enthält weitere wertvolle Hinweise auf die Situation in Porcón und auf die Arbeitsweise der Mine.

(111) Marco Arana wurde 1995 von Bischof Simón als Pfarrer von Porcón abgesetzt und zum Studium nach Rom geschickt. Seit 1997 ist er aktiv am Aufbau einer Bürgerbewegung zum Schutz vor der Mine beteiligt. Er ist ein führendes Mitglied von „Ecovida“, in der die wichtigsten Aktivitäten gegen die Übergriffe der Mine koordiniert bzw. angeregt werden. Zwei weitere Pfarrer unterstützen ihn in dieser Arbeit, die deswegen von Bischof Simón scharf angegriffen werden. Arana schrieb seine Magisterarbeit in Soziologie an der PUC, Lima, über das Thema „Die sozialen Auswirkungen des Goldabbaus“ (2002, noch nicht veröffentlicht, aber unter www.cajamarca.de zugänglich). Er stellte mir seine Vorarbeiten und seine abgeschlossene Arbeit zur Verfügung.

(112) Dok. 2, II: Aufruf des Solidaritätsvikariats von Cajamarca (übersetzt vom AK Peru, Tettnang).

(113) Dok. 3, II: Aus der Zeitschrift „Ambito“, Nr. 19, Jahrgang 5, August - September 1999. In dieser Aussage wird deutlich, das die Rede vom „Freien Handel“ angesichts der real existierenden Verhältnisse nichts anderes darstellt, als die Durchsetzung des Rechts des Stärkeren.

(114) Dok. 4, II. Aus einem Streikaufruf von Ecovida am 14.2.2003, Rundbrief (Mail) an Gruppen in Deutschland. Zu Beginn des Jahres 2003 beläuft sich der Betrag pro Kopf der Bevölkerung auf 5.000 Dollar, die jedem Einwohner von Cajamarca (Stadt) aus den normalerweise zu bezahlenden Steuern der Mine zukommen müssten.

(115) Zum Vergleich: das ist mehr als die fünffache Goldmenge, die in acht Monaten (1532/1533) aus dem gesamten Inkareich als Lösegeld für Atahualpa zusammengetragen wurde.

(116) Stolz verweisen die Minenbetreiber auf ihrer Homepage www.yanacocha.com auf die Einzigartigkeit der Goldvorkommen von Cajamarca. „Yanacocha ist die einzige Goldmine auf der Welt, in der das abgebaute Erz nicht erst bearbeitet werden muss, sondern es kommt im Tageabbau direkt in das vorgesehene Becken, das mit den entsprechenden Flüssigkeiten gefüllt ist. Qualität und Reinheit des Erzes stehen weltweit an erster Stelle“.

(117) Dok. 5, II. Arana, Marco: Vortrag auf dem Seminar „Agua, Minería y desarrollo“, vom 18.-20.11.1999 an der Universität Cajamarca: „Impacto sociales de la minería del oro en el departamento de Cajamarca”.

(118) Zitiert in Dammert: „La Fama de Caxamalca“. S. 24. Die Ausführungen zur Geschichte Cajamarcas stützen sich im Wesentlichen auf die Werke von Bischof Dammert, dem die Geschichte, Kultur und Tradition von Cajamarca ein großes Anliegen war. Seine hier zitierten Werke: Fama de Caxamalca. Cajamarca: AOMC, 1997; Cajamarca en el siglo XVI. Lima: CEP, 1997; El clero diocesano en el Perú del siglo XVI. Lima: CEP, 1996. Als weitere Quelle wurde die „Historia de los Cajamarquinos“ herangezogen, die von Juan Medcalf und Alfredo Mires verfasst wurde, beraten von Dammert, herausgegeben von Sono Viso, Cajamarca und CEP, Lima, 1982.

(119) Dammert: „La Fama de Caxamalca“. S. 29.

(120) Die Truppe wurde begleitet von einigen Hundertschaften indianischer Hilfstruppen (aus Mittelamerika und dem Norden des Inkareiches) und deren Frauen, ebenso Frauen, die den Spaniern von Kaziken Nordperus geschenkt worden waren; ebenso von afrikanischen Sklaven aus Guinea, zwei Priestern und einer spanischen Frau, sowie einer großen Zahl von Hunden, die auf die Verfolgung von Indios abgerichtet waren und die novh mehr Schrecken verbreiteten als die unbekannten Pferde der Spanier.

(121) Nach einer populäreren Version übergab Valverde Atahualpa die Bibel mit den Worten: „Das ist das Wort Gottes“. Als Atahualpa die Bibel ans Ohr hielt, aber das Wort Gottes nicht hören konnte, gab er die Bibel zurück bzw. warf sie auf den Boden, was für die Spanier das erwartete Zeichen des Angriffs war. Beide Versionen schließen sich aber nicht aus.

(122) Dammert: Evangelización en Cajamarca; in Revista Teológica Limense; Vol. XII - 1978, Nr. 3. Archiv IBC.

(123) Dammert: Cajamarca en el siglo XVI, S. 105.

(124) Weltwirtschaftlich und politisch gesehen waren es zuerst die Engländer und Niederländer, die von diesem Handel profitierten, während Spanien bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts immer mehr an den Rand gedrängt wurde. Es verpasste den Anschluss an die neue Zeit des Kapitalismus, weil es nicht zu inneren Reformen in der Lage war und die Reichtümer aus den eroberten Ländern zuerst konsumierte, anstatt sie in neue Technologien und Märkte zu investieren. Die billigen Produkte aus den Kolonien führten u.a. zu einem Zerfall der einheimischen Landwirtschaft, zu Inflation und zu immer größeren sozialen Gegensätzen in Spanien.

(125) Dies liegt in der Natur der Sache begründet. Es gehört zum Wesen von Kolonialsystemen, eroberte Länder als Quelle für den eigenen Reichtum auszubeuten. Dies wird in der Regel auch nicht bestritten, umstritten ist vielmehr die Frage, ob und wie weit die Kolonialherrschaft bis heute die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen in den ehemaligen Kolonialgebieten geprägt und ob das Elend in diesen Ländern ausschließlich, vorwiegend oder in zu vernachlässigender Weise von der kolonialen Vergangenheit her zu erklären ist.

(126) Aus: „Sie behandeln uns schlimmer als Bettler“ in der Zeitung „El Cajamarquino“ vom 15.12.1993.

(127) Die UNO bezeichnet als absolut arm, wer maximal 1 Dollar am Tag zur Verfügung hat. Weltweit leben 1,3 Milliarden Men-schen unter der absoluten Armutsgrenze (andere Zahlen sprechen von bis zu 2 Milliarden).

(128) Aus: „Mitteilungen der Informationsstelle Peru e.V.“, Heft Nr. 28, 2000.

(129) Aus der Tageszeitung „Panorama“ (Cajamarca) vom 18.8.2002.

(130) Aus der Tageszeitung „Panorama“ (Cajamarca) vom 25.1.2000.

(131) Zu Nestlé in Cajamarca: Trigoso, Jorge: „Multis, Markt und Dritte Welt - Nestlé in Cajamarca“, im Sammelband „Die globale Verantwortung“. S. 101-111. Darin wird nachgewiesen, dass eine erhöhte Milchproduktion nicht zu einem Mehrverbrauch von Milch bei den Produzenten führt. Über 80% des Milchkonsums in Peru besteht in Form kondensierter Milch, die von Städtern gekauft wird. Ein Standardwerk zur Landwirtschaft, insbesondere der Milchproduktion in Cajamarca, ist die Arbeit von Reinhard Seiffert: „Cajamarca: Vía campesina y cuenca lechera“, Lima, 1990.

(132) Gewinner des Goldbooms sind neben der Mine vor allem folgende Branchen: das Hotelgewerbe (Anstieg der Hotels mit drei Sternen und mehr um 100%); die Zahl der Restaurants hat sich von 1993-1998 verdreifacht, darunter drei neue Luxusrestaurants; der Tourismus dagegen hat nicht signifikant zugenommen; die Zahl der Autos hat sich von 1996-1999 verdoppelt, auf über 7.000 PKW. Auch der Transport (Taxi, Kleinbusse) hat stark zugenommen, ebenso der Flugverkehr nach Lima. Aus allen diesen Branchen ist festzuhalten, dass es jeweils wenige Eigentümer sind, die den Markt beherrschen und entsprechende Gewinne machen konnten.

(133) „Crónica de la presencia de minera Yanacocha SRL - MYSRL”, herausgegeben von Fedepaz (Ökumenisches Büro für Gerech-tigkeit und Frieden, Lima) in Zusammenarbeit mit Ecovida, Cajamarca. Das Buch wurde unter der Schirmherrschaft der Stadt Cajamarca am 17.1.2003 im Theater von Cajamarca der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine Einführung in die Thematik gaben Dr. Nilton Deza und R. P. Marco Arana, beide Ecovida.

(134) Aus einer internen Studie des Industrieverbandes Cajamarca, erstellt 1998 im Auftrag der Mine und im Bezug auf die Mine Yanacocha: Cajamarca Competitiva, Lima: Saywa ediciones, 1998, S. 220.

(135) Die Daten sind entnommen aus: Webb, Richard: Perú en Números, Almanaque Estadístico, Lima 1999 und INEI Perú: Compendio Estadístico 1996-1997-1998. Unter der Webadresse www.inei.gob.pe sind Statistiken zu nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens in Peru veröffentlicht (wirtschaftliche, politische und soziale Daten). Dieselben Daten wurden von Marco Arana in seiner Magisterarbeit verwendet: „El impacto social de la minería del oro en Cajamarca“ (Lima: PUC, 1999 - danach erweitert und 2002 als Magisterarbeit vorgelegt).

(136) Eine solche Zahl geht davon aus, dass alle Kinder, die mindestens drei Jahre die Schule besucht haben, lesen und schreiben können. Viele Kinder können aber nicht regelmäßig zur Schule gehen, viele Kinder haben noch nicht einmal das notwendige Schreibmaterial. Und selbst wenn sie nach drei Jahren gelernt haben, zu lesen und zu schreiben, vergisst die Mehrheit der Kinder dies wieder, wenn sie erst einmal längere Zeit wieder aus der Schule entlassen sind, weil sie danach keine Anregungen oder Möglichkeiten zum Lesen haben. Beispielhaft für den Wert von Statistiken und Wirtschaftsindikatoren ist auch die Zahl der Arbeitslosen zu nennen. Wird in den staatstragenden Parteien höchstens darüber gestritten, ob die Arbeitslosenquote in Peru bereits einen zweistelligen Bereich erreicht hat (offizielle Angaben schwanken zwischen 9% und 15 %), so gehen alle seriösen Wirtschaftsexperten davon aus, dass maximal 15% aller Peruaner eine feste Arbeitsstelle mit einem entsprechenden Arbeitsvertrag haben (die aber auch nur relativ sicher ist). Ausländische Berichterstatter (besonders der Wirtschaftsredaktionen) nehmen aber die offiziellen Daten als Grundlage ihrer Bewertungen.

(137) „Profesional“ - ein Ausdruck, der schwer ins Deutsche zu übersetzen ist, meint jemanden, der einen solchen Beruf erlernt hat. Ein Profesional zu werden ist das höchste Ziel, das ein junger Mensch hat bzw. den die Eltern für ihre Kinder wünschen. Ein Profesional hat in Peru fast den sozialen Status und das Ansehen eines Europäers.

(138) Am 30. Oktober 1999 erklärte Pater Luís Ayala OFM in einem offenen Brief an Bischof Simón den sofortigen Rücktritt von allen seinen Ämtern. Padre Ayala war im Mai 1999, also erst kurz zuvor nach Cajamarca gekommen und als Nachfolger von Jorge León zum Generalvikar der Diözese ernannt worden. Padre Ayala erregte Aufsehen, weil er als erster Franziskaner seit Men-schengedenken den Konvent den Armen öffnete und in couragierten Predigten die Reichen, die gewohnheitsmäßig zu den Franziskanern kamen, zur Umkehr aufrief. Zum Konflikt mit dem Bischof kam es, als er u.a. die vornehmen Damen der Stadt kritisierte, die für den Umhang der „Segensreichen Schmerzensmutter Maria“ sehr viel Geld ausgaben und gleichzeitig die Armen nicht an der Anbetung teilnehmen lassen wollten. Ayala: „Maria ist die Mutter aller Menschen....“ Als sich Bischof Simón mit den vor-nehmen Damen solidarisierte und Padre Ayala öffentlich brüskierte, warf dieser dann „den Bettel hin“. In den kirchennahen und traditionell frommen Kreisen der Stadt erregte dies um so mehr Aufsehen, weil es 1999 schon der zweite Generalvikar war, der sein Amt unter spektakulären Unständen aufgab und weil in einem offenen Brief die Dinge so geschildert wurden, wie sie sich tatsächlich zugetragen haben.

(139) Die Kirche Perus besteht heute aus sieben Erzdiözesen (Lima, Arequipa, Ayacucho, Cusco, Huancayo, Piura, Trujillo), 17 Diözesen, elf Prälaturen, acht Vikariaten (in der Selva), und einer Prälatur des Opus Dei.

(140) Censos Nacionales, IX de Población, IV de Vivienda. INEI, Lima, 1994 (Volkszählung vom 11.7.1993).

(141) Die Arbeit in den Pfarreien war sehr stark von den jeweiligen Pfarrern geprägt, die ihre Arbeit sehr auf sich allein gestellt (manchmal auch so gewollt) versahen und mit ihren Mitbrüdern - falls überhaupt - nur über das Zentrum Cajamarca und nicht über nachbarschaftliche Zusammenarbeit in Kontakt kamen. Seit den letzten Jahren (1993) bilden sich ansatzweise neue Formen der Zusammenarbeit unter denjenigen Pfarrern, die nicht oder nicht so sehr in der Gunst des Bischofs stehen. Dies hat seine Ursache (als Reaktion) in der neuen Form, die Diözese zu leiten und bestimmte Pfarrer auszugrenzen, die ihrerseits nun enger zusammen-halten.

(142) Luis Rebaza wurde später als Pfarrer der Pfarrei San Sebastián in Cajamarca fast als Heiliger verehrt. Wenn ihn ein Bettler um sein letztes Hemd bat, zog er dies aus und schenkte es dem Bettler. Seit seinem Tod im Jahre 1994 werden ihm bereits einige Wunder zugeschrieben. Er fragte aber weniger nach den Ursachen des Elend und er spielte in der Zeit Dammerts keine aktive Rolle in der Diözesanpastoral, stand Dammert aber spirituell nahe.

(143) Castañeda, Alfonso: Eigene Befragung ehemaliger Mitarbeiter Dammerts, 1998. Alfonso Castañeda besuchte von 1943 - 1948 das Kolleg San José in Cajamarca als Vorstufe zum Priesterseminar und von 1949 - 1955 das Priesterseminar Santo Toribio in Lima. Danach war er zuerst Vikar in Contumazá und dann bis 1963 Pfarrer in Cascas. Von Bischof Dammert wurde er dann nach Cajamarca geholt, um als rechte Hand des Bischofs an den notwendigen Reformen in der Diözese mitzuarbeiten, besonders in der Ausbildung von Katecheten und als geistlicher Berater des IER (Erziehung und Ausbildung auf dem Land). Von Bischof Dammert nach Europa geschickt, studierte er in Paris Pastoral und Katechese (1967 - 1969). Castañeda: „Doch das Leben eröffnete mir andere Wege. Meine gegenwärtige Tätigkeit als Verantwortlicher beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in der Vorbereitung der Entwicklungshelfer sehe ich als Fortsetzung meiner Funktion als Pastor, Assessor, Ausbilder und Freund, wenn auch auf ande-rer Ebene“. (Eigene Befragung ehemaliger Mitarbeiter Dammerts, 1998).

(144) Seit 1995 ist in San Luis das von Bischof Simón neu eingerichtete Proseminar (Seminario menor) der Diözese untergebracht, erster Leiter des Proseminars war Manuel Àlvarez (vgl. im Sammelband „Die globale Verantwortung“, S. 182). Das von Bischof Dammert eröffnete Priesterseminar wurde 1994 geschlossen (siehe den Beitrag von Miguel Garnett: „Das Seminario San José“, im selben Sammelband). 2001 wurde in San Luis auch das neue Priesterseminar wiedereröffnet. Leiter ist Alex Urbina. Bischof Simón erklärte öffentlich und im Gespräch mit mir, dass er aufgrund der „schlechten Erfahrungen mit dem alten Seminar“ unter Dammert nun das neue Seminar neu ausrichten müsse. Unter Dammert lebten die Seminaristen mitten in der Stadt, im Bischofshaus. Nun sollten ausgesuchte Knaben von 12 - 16 Jahren, fern von der Stadt und perfekt abgeschirmt von den „Versuchungen der Welt“, auf das Seminar und dann anschließend dort auf das Priesteramt vorbereitet werden. Nur so könne man sicher gehen, dass man „reine, statt verdorbene Priester“ bekomme.

(145) Eigene Befragung ehemaliger Mitarbeiter Dammerts, 1998.

(146) Alois Eichenlaub war der erste Mitarbeiter Bischof Dammerts und von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung einer befreienden Pastoralarbeit in der Diözese (vgl. den folgenden Abschnitt und Kapitel IV).

(147) Ausländische Priester, die Spuren hinterlassen haben, in zeitlicher Reihenfolge: Alois Eichenlaub, René Fromment, Hans Hil-lenbrand, Rudi Eichenlaub, Victor Marit, Miguel Garnett, John Medcalf, Juan und Miguel Paret, Jaime Pons, Pedro Fons, Vicente Tur, Mateo Kenelly, Demetrio Byrne.

(148) Directorio Diocesano 1988, Obispado de Cajamarca, ausgearbeitet von Leonardo Herrera.

(149) Die folgenden Übersetzungen der entsprechenden Begriffe orientieren sich an deutschen Bezeichnungen, entsprechen aber nicht notwendigerweise den in Deutschland bekannten Organisationen.

(150) Nuscheler/Gabriel/Keller/Treber: Handeln in der Weltgesellschaft: Christliche Dritte-Welt-Gruppen. Praxis und Selbstver-ständnis, Mainz 1995. Ebenso: Treber/Burggraf/Neider (Hrsg.): Dialog lernen. Konzepte und Reflexionen aus der Praxis von Nord-Süd-Begegnungen, Frankfurt/M. 1997. Vgl.: Weckel/ Ramminger, Dritte-Welt-Gruppen auf der Suche nach Solidarität, Münster 1997. Im Sammelband „Die globale Verantwortung“ gehen E. Klinger: „Partnergruppen“ (S. 221-232) und O. Fuchs: „Interkontinentale Partnerschaften im Horizont weltkirchlicher Pastoral“ (S.233-254) auf dieses Thema ein.

(151) Weber, Franz: Werkstatt Reich Gottes, S. 328. In der Fußnote zu diesem Zitat schreibt Weber: „Die Schlussfolgerung der bekannten Studie von F. Nuscheler und anderen hat leider in kirchlichen Kreisen viel zu wenig Beachtung gefunden“. Weber zitiert die Hauptaussage der Studie: „Die Dritte-Welt-Gruppen... machen auf ihre Art - gelegentlich am Rande oder schon außerhalb der Kirche - eine ‚pastorale Drecksarbeit’ - dazu noch ehrenamtlich und mit hohem Zeit- und Energieeinsatz: sie sind Sauerteig einer gelebten Solidarität und Antriebskräfte eines Bewusstseinswandels in den Ego-Gesellschaften des Nordens, ohne den die Eine solidarische Welt nicht entstehen kann“. (Ebd. S. 138).

(152) Dok. 6, II: Alois Eichenlaub: 1. Rundbrief nach Deutschland vom 7.9.1962. Archiv St. Martin, Dortmund.

(153) Dok. 7, II: Brief an Frau Dr. Böhle, vom 5. August 1963. Archiv von Misereor, Reg.-Nr. 232-15/2 und Archiv des Deutschen Caritasverbandes, Reg.-Nr. 187 I + 361.06, Pe, Fasz. 1; ebenso im Archiv IBC, Lima.

(154) Dammert: Vertraulicher Brief vom 18.4.1963, persönlich an Frl. Jörissen, Misereor; Archiv IBC, Lima.

(155) Pressemitteilung im „Konradsblatt“ (Freiburger Diözesanzeitung) am 30.9.2001: „Alcides Mendoza Castro (73), Erzbischof von Cusco in Peru, hat sein 50-jähriges Priesterjubiläum gefeiert. Erzbischof Oskar Saier gratulierte dem peruanischen Oberhirten, der die älteste Diözese Perus seit 43 Jahren leitet und damit der weltweit am längsten amtierende Bischof ist. Oskar Saier dankte dem Jubilar für seine Begleitung der Freiburger Perupartnerschaft und lud ihn gleichzeitig zur Feier des 175-jährigen Bestehens des Erzbistums Freiburg am 1. Mai kommenden Jahres ein“. (In der Pressenotiz ist ein Fehler enthalten, denn Bischof Mendoza wurde erst 1982 Erzbischof von Cusco, er ist aber seit 43 Jahren Bischof: 1958-2001).

(156) Dok. 8, II. Herrmann, Fritz: Entstehung der Partnerschaft mit Bambamarca. Archiv St. Martin, Dortmund

(157) Im November 2002, auf Heimaturlaub, nennt er in einem Interview mit der „Rheinpfalz“ (27.11.2002) die Gründe für seinen damaligen Entschluss „in die Mission“ zu gehen: „Für meinen Schritt gab es zwei Gründe: Johannes XXIII. hat in der Enzyklika „Fidei Donum“ die Bischöfe aufgefordert, auch Weltpriester aus ihren Diözesen in die Dritte Welt zu schicken, vor allem in die lateinamerikanische Kirche... Das kam auch meinem Kindheitswunsch entgegen, einmal fremde Länder zu sehen. Peru war nicht tief greifend evangelisiert. Auf meinen Wunsch hat mich der Diözesanbischof freigestellt. Ich war begeistert, weil ich spürte: Das ist meine Berufung. Mein Leben erhält einen tieferen Sinn“. (Die genannte Enzyklika stammt von Pius XII., 1957).

(158) Bischof Jorge Jiménez, Generalsekretär des CELAM, in einem Grußwort zu dem Buch: „..und sie machen einander reich“, eine Chronik der Fidei Donum Priester. Redaktion Enrique Rosner, Quito 1998, S. 11.

(159) Ebd. S. 35.

(160) Privatarchiv Alois Eichenlaub.

(161) Eine Würdigung der Arbeit der Hilfswerke ist hier nicht das Thema. Die Hilfswerke aber tragen wesentlich dazu bei, Weltkir-che zu werden. Ihre Arbeit ist Ausdruck praktizierter Weltkirchlichkeit. Ohne ihre Hilfe hätte in Cajamarca nicht das entstehen können, was dann für so viele Menschen zu einem Grund der Hoffnung wurde.

(162) Die zitierten Briefwechsel (mit Misereor und Adveniat) befinden sich im Archiv IBC (im Original, spanisch). Im Archiv von Adveniat, Reg.-Nr. 62/17 und von Misereor, Reg.-Nr. 232-15/4 sind ebenfalls die zitierten Briefe zu finden (übersetzt). Kopien des übersetzten Briefwechsel befinden sich auch im Archiv des Deutschen Caritasverbandes, Reg.-Nr. 187 I + 361.06, Pe Fasz. 2. (1-15: Dokumente aus Cajamarca von 1963-1969).

(163) Interview mit Bischof Dammert am 6.11.1977 im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, von Rosemarie Bollinger. Archiv der Gemeinde St. Martin, Dortmund.

(164) Dammert: Brief vom 8.4.1976 an den deutschen Caritasverband. Archiv IBC.

(165) Dok 4, I: Dammert war als Präsident der peruanischen Bischofskonferenz zum 91. Deutschen Katholikentag in Karlsruhe ein-geladen worden. Seine Vorträge wurden mit dem Titel: „Das Reich Gottes ist nicht gleichgültig gegenüber Welthandelsbedingungen“ zusammengefasst und von den Veranstaltern des Katholikentages, dem Zentralkomitee deutscher Katholiken, veröffentlicht. In einem Vorwort zu den offiziell verteilten Texten Dammerts schreiben sie: „Die nachfolgend dokumentierten Ansprachen machen deutlich, was es heißt, die Option für die Armen zu leben und aus dieser Perspektive Befreiung aus ungerechten Strukturen einzuklagen. Bischof Dammert fordert von uns als Christen, als Kirche und als Gesellschaft einen entscheidenden Beitrag, damit wir ‚ehrlich, ohne rot zu werden, von der Einen Welt’ reden können“. Archiv der Gemeinde St. Martin, Dortmund.

(166) Gemeinsamer Brief deutscher Mitarbeiter mit Datum 15.12.1973 an Dammert nach einem Heimatbesuch. Archiv der Gemeinde St. Martin, Dortmund

(167) Diese Auseinandersetzungen und deren Hintergründe, z.B. die Rolle von Bischof Hengsbach (Adveniat) und des Studienkreises „Kirche und Befreiung“ können nicht thematisiert, sollen aber wenigstens genannt werden.

(168) Dammert: Brief vom 29.11.1979 nach Deutschland. Archiv der Gemeinde St. Martin, Dortmund.

(169) Dammert: Brief an Misereor, Oktober 1965. Archiv IBC.

(170) Ebd.

(171) Padrón, Mario: Informe DEIS. Cajamarca 1969. Archiv IBC. Über die Rolle ausländischer Mitarbeiter an der jeweiligen Entwicklung bzw. die Rolle peruanische Fachkräfte wird oft sehr emotional diskutiert. Es passt nicht zur entwicklungspolitischen und befreiungstheologischen Korrektheit, dass „reiche Ausländer“ entscheidende Anstöße für das Selbstbewusstsein der Armen geben könnten. Auch hier wäre es ratsam, dieses Urteil den Campesinos selbst zu überlassen und die sozialpastorale Praxis in den sozialen Brennpunkten Perus zu überprüfen.

(172) Dammert: Brief vom Januar 1971. Archiv Deutscher Caritasverband. Reg.-Nr. 187 I + 361.06 Pe, Fasz. 3.

(173) Dammert : La présence des missionnaires étrangers dans le Pérou. Antwort am 16.11.1973 auf eine Umfrage des Institut de missiologie, Fribourg, Suisse, zur Mitarbeit ausländischer Missionare in Peru. Archiv IBC.

(174) Brief vom 21.6.1966 an Padre Javier Arzuaga, OFM, auf dessen Anfrage vom 21.6.1966. Archiv IBC.

(175) Aus dem Artikel „Sacerdote extranjero”, nicht veröffentlicht, Mai 1969. Archiv IBC. In einem Brief an das BMZ am 2.11.1969 wiederholt und erweitert er die genannten Kriterien im Hinblick auf Entwicklungshelfer (dieser Brief wurde vom damaligen Minister Erhard Eppler am 25.2.1970 ausführlich und wohlwollend beantwortet). Dem Brief an das BMZ legt er u.a. ein Zitat des Bischofs von Mallorca, Jesús Enciso, bei, der Dammert im April 1962 gesagt hatte: „Die Priester, die Lateinamerika braucht, sind diejenigen, die wir selbst am nötigsten hätten, das heißt die Besten“: Dammert fährt fort: „Man soll nicht diejenigen schicken, mit denen man nichts anzufangen weiß oder die Probleme verursachen oder die keine besonderen Fähigkeiten haben“. Archiv IBC.

(176) Interne Umfrage der peruanischen Bischöfe von 1978 zur Vorbereitung auf Puebla, kursiv von Dammert. Archiv IBC.

(177)  Vgl. E. Klinger im Sammelband „Die globale Verantwortung“, dort u.a.: „Die katholische Kirche steht im Zeitalter der Globa-lisierung vor dem Problem ihrer Katholizität... Sie hat auf dem Zweiten Vatikanum die institutionellen Voraussetzungen für sie geschaffen; denn es sagt von der Kirche, dass sie eine Gemeinschaft der Gottes- und der Nächstenliebe ist, ein messianisches Volk, das Volk Gottes in Christus, das sich auf den Weg durch die Geschichte befindet und die Menschheit in eine Familie Gottes umgestalten will“ (S. 228, 229).

(178) „Santo Domingo - Herausforderung an die Kirche Lateinamerikas“; 91. Deutscher Katholikentag Karlsruhe, Forum am 18.6.1992 (vgl. Dok. 4, I), kursiv von Dammert. Offizielle Übersetzung der Veranstalter. Archiv St. Martin, Dortmund.

(179) Fuchs, Ottmar: Auf dem Weg zu einer lokal und global geschwisterlichen Kirche. In: Lebendiges Zeugnis 55 (2000). S. 219-227.

(180) Knecht, Willi: „Welche Schuld(en) hat sie?“ In: Katholisches Kirchenblatt Ulm/Blautal, Nr. 19, 49. Jahrgang, 9.5.1999. Anlass des Artikels war die weltweite und vom Papst unterstützte Kampagne zum Erlass der Auslandsschulden für die ärmsten Länder anlässlich des Jubeljahres 2000. Ich wurde von der Ulmer Kirche gebeten, einen Artikel darüber zu schreiben. Es ging darum, auf verständliche Weise das Problem der Verschuldung deutlich zu machen und Möglichkeiten aufzuzeigen, was konkret getan wer-den kann (Lernfeld: Weltwirtschaft, öffentliche Aktionen und Informationen), Aussage: wir ist nicht ohnmächtig, sondern wir können etwas tun!

(181)  Die Position des Vatikans in der Schuldenfrage ist eine sehr moderate Position im Vergleich zu den Forderungen der meisten Nichtregierungsorganisationen und von kirchlichen Gruppen. Die einzelnen Positionen können hier nicht im Einzelnen vorgestellt werden. Eine ausgezeichnete Arbeit leistet in dieser Frage die KAB Freiburg, unterstützt u.a. von der „Informationsstelle Peru e.V.“ In Peru wurde die Kampagne von CEAS, dem Sozialbüro der peruanischen Bischofskonferenz organisiert. Zwei Millionen Unterschriften in Peru sind ein unerwartet hohes Ergebnis. Bei CEAS wird dieses Ergebnis als größter Erfolg der Partnerschafts-arbeit zwischen deutschen und peruanischen Gemeinden, unterstützt von der Erzdiözese Freiburg, angesehen.

(182) Diese Problematik wurde von mir bereits in dem Artikel „Anspruch und Wirklichkeit“ im Sammelband „Die globale Verantwortung“ behandelt (S. 161-219). Als Ergänzung dienen einige weitergehende Überlegungen, die auf dem Fidei-Donum-Treffen vom 27.2.-6.3.2002 in Lima von mir vorgetragen wurden (hier nur als Aufzählung der Stichworte). Obwohl alle Priester im Auslandseinsatz es in ihrer Arbeit mit Beziehungen zur Heimatkirche, mit Spenden, Kommunikation und Partnerschaft zu tun haben, ging es zum ersten Mal auf einem solchen Treffen um dieses Thema. Ich wurde zu diesem Treffen als Referent eingeladen, um über die Ergebnisse der Studie über die Partnerschaften zu referieren und zu diskutieren. Folgende Punkte konnte ich vortragen:

(183) Fuchs, Ottmar: Auf dem Weg zu einer lokal und global geschwisterlichen Kirche. In: Lebendiges Zeugnis 55 (2000) 219-227.