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Was ist Theologie – Begriffsklärung aus der Sicht der Armen

„Theologie ist ‚Glaubenswissenschaft’ (genauer: Wissenschaft des christlichen Glaubens), d.h. das reflektierende, methodisch geleitete Erhellen und Entfalten der im Glauben erfassten und angenommenen Offenbarung Gottes“. Und weiter heißt es am gleichen Ort: „Die Theologie ist bezogen auf die Verkündigung von Kirche, der sie dient“.[1](Karl Rahner). Theologie ist der zweite Schritt. Sie ist sekundär und sie hat eine dienende Funktion. An erster Stelle steht der Glaube an den sich offenbarenden Gott. Dieser hat sich Moses offenbart und ist schließlich in Jesus Mensch geworden. Für die Hebräer bedeutete dies den Aufbruch aus dem „Sklavenhaus“ und in die Befreiung. Christen knüpfen an diese Erfahrung an und bekennen, dass mit Jesus das Reich Gottes begonnen hat und sich vollenden wird. So lautet die Botschaft der Kirche. Die Theologie leistet die notwendigen Hilfsdienste für diese Aufgabe.

Im Mittelpunkt von Kirche und Theologie steht der Glaube Jesu an den Gott von Abraham und Moses und an Jesus den Christus. Die Campesinos haben erfahren, dass dieser Jesus in ihrer Mitte geboren und einer von ihnen wurde („zur Welt kam“). Ausgehend von dieser Erfahrung entwickeln sie eine Theologie, das reflektierende, methodisch geleitete Erhellen und Entfalten dieser Erfahrung. Das führt zu einer neuen Praxis. Dabei wurde ihnen von außen geholfen. In der Begegnung mit Menschen, die schon etwas von der Offenbarung gehört hatten, konnten sie ihre Erfahrungen einordnen, deuten und in einen ihnen bisher unbekannten Zusammenhang stellen. Doch letztlich waren sie es, die daraus entsprechende Lehren zogen und diese Konsequenzen oft bitter erleiden mussten. Die Lehren der Campesinos, ihre Überlegungen und manchmal auch nur Versuche, ihren Glauben auf dem Hintergrund ihrer als leidvoll erfahrenen Realität als befreienden Glauben zu deuten und zu praktizieren, ist eine authentische Theologie. Sie sind die Subjekte dieser Theologie, sie haben das erste Wort. Im Mittelpunkt dieser Theologie steht die Menschwerdung Gottes, die Botschaft Jesu vom Reich Gottes, sein Kreuz und seine Auferstehung. Menschen - besonders arm gemachte Menschen - die sich auf der Basis gemeinsamer Erfahrungen mit Jesus dem Christus versammeln und ihren Glauben in die Tat umsetzen, bilden die Kirche Jesu Christi. Sie werden durch ihr Zeugnis zu einem Zeichen des Heils für diese Welt und für ihre Mitmenschen. Sie sind dies auch dann, wenn sie von Vertretern einer abendländisch geprägten römischen Institution, die sich ebenfalls auf diesen Jesus Christus beruft, nicht als solche anerkannt oder noch nicht einmal wahrgenommen werden.

Es ist aber gerade die Aufgabe und die Chance von europäischer Theologie und Kirche, mit ihren Mitteln und ihren immer noch beträchtlichen Möglichkeiten, die "Verdammten dieser Erde" auf die Bühne zu stellen und ins Rampenlicht zu rücken. Die am Rande stehen müssen in die Mitte gestellt werden - um der Armen und der Botschaft Jesu willen. Dies ist auch um der Institution und der europäischen Kirche selbst willen zu geschehen, quasi zu deren eigenen „Heil und Rettung“. Denn wie könnte sie die Menschwerdung Gottes im „Stall von Bambamarca“ und ähnlichen Orten leugnen, ohne sich selbst aufzugeben? Wenn das so ist, dann muss sich die Kirche auf den Weg zur „Krippe im Stall“ machen und zu den Menschen, die um die Krippe herum sich versammeln. Doch die Option für die Armen ist immer noch nicht institutionell verankert. Daher ist sie beliebig veränderbar. Was dies konkret bedeutet, wird wiederum am Beispiel der Diözese Cajamarca deutlich.

Die Indios dieser Welt ins Zentrum zu rücken wäre freilich für die europäische Kirche nur der erste Schritt. Der entscheidende und dem Evangelium gemäße Schritt wäre, selbst die eigene Mitte am Rand, in der Ohnmacht und bei den scheinbar Ohnmächtigen zu finden. Das gilt auch für die Theologie. So wie die Kirche als ganzes, findet die europäische akademische Theologie zu ihrer eigenen Mitte, wenn sie aus der Mitte der Armen heraus entsteht.

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