Neuer Aufbruch der Kirche in Lateinamerika - und bei uns?

Ich kenne persönlich aktuelle Beispiele von Mexiko bis Argentinien, wo Frauen - meist auf Bitten von Basisgemeinden - von ihrem Bischof beauftragt worden sind, bisher Klerikern vorbehaltene Dienste und Aufgaben zu übernehmen. Es sind Dienste, die weit über das hinausgehen, was selbst zukünftigen Diakoninnen bei uns „erlaubt“ werden dürfte. Jeder Bischof kann das und darf das, er muss es nur wollen. Es wäre sogar seine Pflicht, wenn es das Volk Gottes einfordert. Wir haben auch Gottesdienste gefeiert und das Brot geteilt wie Jesus beim letzten Abendmahl. Jesus hat dies sicher gefallen, denn wir haben getan, was er uns aufgetragen hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“! Die Großpfarrei war während meiner Zeit für drei Jahre ohne Priester.

Der aktuelle Aufbruch der Kirche in Lateinamerika

Der Aufbruch bestand in der Ablösung der alten Religion durch eine Bewegung, in der Jesus Christus der Maßstab ist. Die Wahrheit (Orthodoxie) der jeweiligen Religion zeigt sich in den jeweiligen konkreten Konsequenzen (Orthopraxis) für die Menschen, besonders für die Armen: Befreit der Glaube an Jesus Christus zu einem neuen Leben und zu einer gerechteren Gesellschaft oder dient er der Rechtfertigung des Bestehenden bzw. einer Sanktionierung der von Menschen so geschaffenen Verhältnisse? Besonders die 2. Lateinamerikanische Bischofskonferenz 1968 in Medellín (Kolumbien), die Ausarbeitung und Praxis einer „Option um der Armen willen“, dem Entstehen von Basisgemeinden und dem Zeugnis zahlreicher Märtyrer waren die hervorstechenden Kennzeichen einer erneuerten Kirche. Aus einer Kirche auf der Seite der Macht wurde eine Kirche auf der Seite der Ohnmächtigen.

Doch in den 80er Jahren kam es zu einem radikalen Umschwung. Exemplarisch in Cajamarca: Alle bisherigen Laien-Mitarbeiter der Diözese wurden rausgeworfen, die von Katecheten gespendeten Sakramente wurden für ungültig erklärt, was kirchenrechtlich und dogmatisch gar nicht geht. Der päpstliche Nuntius in Peru, Rino Passigato, dankte 2004 dem Nachfolger Dammerts, dass er die Kirche wieder auf den rechten Weg geführt habe. In ganz Peru und auch in anderen Ländern Lateinamerikas sei es in der Folge des Konzils zu einem ähnlichen Zerfall der Kirche wie in Cajamarca gekommen. Damit gibt er letztlich dem Konzil die Schuld an allen angeblichen Verwerfungen. In einigen Priesterseminaren Perus wurden die Dokumente von Medellín entsorgt, weil sie die jungen Leute nur vom rechten Weg abbringen würden. Und Papst Benedikt meinte zu wissen, dass in den Diözesen, in denen eine befreiende Botschaft gelebt wurde, evangelikale Sekten besonders starken Zulauf hätten. Genau das Gegenteil ist der Fall: Sie haben dort Zulauf, wo die kath. Kirche kaum noch präsent ist, weil "romtreue" Bischöfe und Priester z.B. die Option um der Armen willen als Abfall vom Glauben denunzierten. Gastgebende Bischöfe beklagten nun bei den letzten Treffen der deutschen Diözesanpriester in Lateinamerika (zuletzt in Chile 2019), dass die Kirche kaum noch in sozialen Brennpunkten präsent sei - außer dort, wo noch ausländische „Missionare“ und Ordensschwestern tätig seien.

Neustart

Mit der Wahl des Argentiniers Jorge Bergoglio - „vom äußersten Ende der Welt“, wie er sich selbst vorstellte - wird zum ersten Mal ein Nichteuropäer zum Papst gewählt. Schon allein seine Namenswahl (Franziskus) und Herkunft stehen für einen neuen Abschnitt in der Kirchengeschichte. Für die beiden letzten Päpste waren Bischofsernennungen das wirksamste Mittel, um eine bestimmte Kirchenpolitik durchzusetzen. Dies ist ihnen auch sehr gelungen. Nun setzt Papst Franziskus mit seinen Bischofsernennungen neue Zeichen. Einige ausgewählte Beispiele:

- Bischof Ciro Quispe, Peru: Vergangenen Herbst bekam ich eine Anfrage aus Peru, ob ich den neu ernannten Bischof von Juli (Südperu) nicht auf seiner Tour durch Deutschland begleiten könnte. Denn der Bischof möchte u.a. bei Partnergemeinden um verloren gegangenes Vertrauen bitten und sich für das bisherige Verhalten seines Vorgängers entschuldigen. „Zwölf Jahre Opus Dei in der Prälatur Juli hat nicht nur dünne Kassen geschaffen, sondern es ging auch viel Vertrauen verloren“. Nun aber kann die befreiende Pastoral, wie sie seit Medellín bis in die 80er Jahre gelebt wurde, wiederbelebt werden. Partnerschaft wird wieder möglich.

- Gregorio Rosa Chávez, Weihbischof von San Salvador. Seine Ernennung war überraschend, weil er am „regierenden“ Erzbischof vorbei als Weihbischof zum Kardinal ernannt wurde. Sein „Ziehvater“ war der 2018 heiliggesprochene Erzbischof Oscar Romero. Es gibt wenige Geistliche in der katholischen Hierarchie Lateinamerikas, die Kompetenz, Demut und Geradlinigkeit so verbinden wie Kardinal Gregorio Rosa Chávez. Nach der Ermordung (1980) seines großen Vorbilds wurde Chávez der Sachwalter des geistlichen und kirchenpolitischen Erbes von Romero. 

- Kardinal Toribio Ticona Bolivien. In ärmsten Verhältnissen aufgewachsen und indigener Herkunft kennt er das Elend seines Volkes aus nächster Nähe. Zuerst als Pfarrer, dann als Bischof von Corocoro, setzte er sich vehement für die Rechte der Bergbauarbeiter seiner Region ein, mehrere Male wurde er verhaftet. Boliviens Bischöfe distanzieren sich deutlich von ihrem Landsmann. Damit wenden sie sich indirekt auch gegen Papst Franziskus. Die Bischofskonferenz meinte klargestellen zu müssen, dass Ticona nicht die offizielle Stimme der bolivianischen Kirche sei. Dagegen erklärten ihn die Indigenen und Campesinos zur höchsten Autorität der katholischen Kirche des Landes – als einen von ihnen!

- Am 28. 12. 2018 wurde der Erzbischof von Lima, Kardinal Juan Luis Cipriani, 75 Jahre alt und bot deshalb dem Papst seinen Rücktritt an. Für vatikanische Verhältnisse sehr schnell nahm Papst Franziskus seinen Rücktritt an und ernannte am 25.01.2019 Carlos Castillo Mattasoglio zum neuen Erzbischof von Lima. Mit Cipriani verlieren die Angehörigen des ultrarechten katholischen Sektors und auch die ultrakonservativen evangelikalen Interessensgruppen ihren wichtigsten Verbündeten. Cipriani galt zeitweise als „papabile“. Castillo war vor seiner Ernennung Pfarrer in einem Elendsviertel in Lima und von Cipriani kaltgestellt. 

Zeichen des Aufbruchs („auf-brechen…!“)

Die Bedeutung solcher Bischofsernennungen könnte leicht als allzu klerikales Denken missverstanden werden. Doch für uns ist es schwer vorstellbar, welche Macht Bischöfe in LA haben (können) – sowohl als innerkirchliche Alleinherrscher als auch im Bündnis mit den Mächtigen in Wirtschaft und Politik. Die neuen Bischofsernennungen sind eine klare Ansage und zeigen die Option von Papst Franziskus. Dass die weißen Mächtigen weltweit diese Botschaft verstanden haben, zeigt die zunehmende Aggression gegen den Papst (persönlich), als auch gegen eine immer engagiertere Kirche auf der Seite der Ohnmächtigen. Vorher kirchlich an den Rand verdrängte Gemeinden, Gruppen und Bewegungen fühlen sich nun vom Papst ermutigt. Sie werden bestärkt und gefördert. Ein „Ruck“ geht durch die Kirche in Lateinamerika.

Weitere Zeichen des Aufbruchs (hier nur stichwortartig, aber nicht weniger wichtig – im Gegenteil):

  • Die Rückbesinnung bzw. Neuentdeckung der Weisheit indigener Völker: Man entdeckt, dass die Kosmovision (Lebensweise, Kultur und Spiritualität) indigener Völker helfen kann, die Welt gerechter und „enkelfreundlicher“ zu gestalten. „Das Hören auf die Klage der Erde und den Schrei der Armen und der Völker Amazoniens, mit denen wir auf dem Weg sind, ruft uns zu einer wahrhaft ganzheitlichen Umkehr auf“ („Querida amazonia, Kap. 17).
  • Wie in den schon genannten Treffen deutschsprachiger „Missionare“ in LA berichtet wird, ist wieder viel mehr von Basisgemeinden die Rede. Im Unterschied zu vorher werden sie heute nicht als Gefahr, sondern zunehmend als Bereicherung und gar als Modell zukünftigen „Kircheseins“ anerkannt und gefördert.
  • Damit einher geht eine viel stärkere Präsenz der Frauen in verantwortlichen Positionen. In Kolumbien, El Salvador, Argentinien (u.a.) sind deutsche Laientheologinnen u.a. als Gemeindeleiterinnen tätig. In der Theologie der Befreiung waren Frauen bisher stark unterrepräsentiert, das ändert sich gerade und sie sagen: „Frauen dienen in der Kirche vor allem noch dazu, dem herrschenden System zu dienen und es zu stabilisieren. Es handelt sich um ein vorinstalliertes, hierarchisches System, das fest sowohl in Geschichte, Kultur und Kirche als auch in unseren Denkstrukturen (Synapsen) verankert ist. Das wollen und werden wir verändern“ (I. Gebara).
  • Ich kenne persönlich aktuelle Beispiele von Mexiko bis Argentinien, wo Frauen – meist auf Bitten von Basisgemeinden - von ihrem Bischof beauftragt worden sind, bisher Klerikern vorbehaltene Dienste und Aufgaben zu übernehmen. Es sind Dienste, die weit über das hinausgehen, was selbst zukünftigen Diakoninnen bei uns „erlaubt“ werden dürfte. Jeder Bischof kann das und darf das, er muss es nur wollen. Es wäre sogar seine Pflicht, wenn es das Volk Gottes einfordert. Wir haben auch Gottesdienste gefeiert und das Brot geteilt wie Jesus beim letzten Abendmahl. Jesus hat dies sicher gefallen, denn wir haben getan, was er uns aufgetragen hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“! Die Großpfarrei war während meiner Zeit für drei Jahre ohne Priester.

Drei Schlussworte - statt „hoher“ Theologie:

- Bei der Amazonassynode in Rom hatten sich konservative Bischöfe über die Teilnahme eines „Indianerhäuptlings“ mit Kopfschmuck aus Federn beschwert. In einer Abschlusskonferenz nahm Papst Franziskus dazu Stellung (sinngemäß): „Was meint ihr, was Gott eher gefällt: Die umgestülpten Tüten auf eurem Kopf oder der Kopfschmuck des Schamanen?“

- Bischof Dammert hat nie eine Mitra getragen (noch sonstige „Gewänder“), seine Begründung: Die Mitra war das Hoheitszeichen der Pharaonen, die das Volk Gottes versklavten. Wie könne er denn als Bischof eines Volkes, das seine Befreiung herbeisehnt, das Zeichen der Sklavenhalter tragen?

- „Unsere Werte“, „freier Westen“, etc., etc.  – aber welche Freiheit meinen wir? Die Freiheit der Sklavenhalter, so viele Sklaven zu halten, wie es ihnen beliebt oder die Freiheit der Sklaven, endlich wie Menschen leben zu dürfen?

Dr. theol. Willi Knecht, veröffentlicht am 01.07.2020 in „Der Geteilte Mantel“, dem weltkirchlichen Magazin der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Jährliche Erscheinungsweise, wird verschickt an Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen,Verbände etc.


Dr. Willi Knecht, von 1976 - 1980 als "agente pastoral" in Bambamarca, Diözese Cajamarca, Peru; 1997 - 2004 Koordinator einer Studie mit dem Titel „Die Aufbrüche der Kirche in LA infolge des Konzils“. Die Studie entstand in Zusammenarbeit der theol. Fakultäten Würzburg (Prof. Dr. Elmar Klinger), Tübingen (Prof. Dr. Ottmar Fuchs) und dem Instituto Bartolomé de Las Casas, Lima (damalige Leitung: G. Gutiérrez). 

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