Während meines Aufenthaltes in Cajamarca wurde mir der Brief der Diözesanversammlung mit den Un terschriften und die Antwort des Bischofs übergeben. Die Antwort des Nuntius hatte, wie man mir sagte, noch mehr Ärger und persönliche Enttäuschung verursacht. Einen Punkt in der Antwort hatte man aber „übersehen“: dass der Nuntius das Konzil als Ursache für alle „Übel“ ansieht, zumindest einen direkten Zusammenhang herstellt. In Gesprächen mit Priestern und „alten“ Mitarbeitern Dammerts wies ich auf diesen Punkt hin und die Gesprächspartner nahmen diese Deutung der Antwort dankbar auf. Motto: es geht nicht nur um persönliche Betroffenheit - was bitter genug ist - sondern darum, dass hier offiziell und schriftlich von einem Vertreter der Kurie das Konzil und die damit verbundene Erneuerung der Kirche zur Disposition gestellt wird bzw. dass man in die Zeiten vor dem Konzil zurück will und darin nun die Lösung aller Probleme sieht. Um den ganzen Vorgang um die Amtseinführung sachgerecht und wortgetreu dokumentieren zu können, musste ich mir die einführenden Worte des Nuntius beschaffen. Zum Glück wurde dies alles auf Video aufgezeichnet und war noch nicht gelöscht worden (denn niemand hatte den Wert dieser Aufzeichnung erkannt oder hatte die Zeit, diese auszuwerten). Ich sah und hörte mir mehrere Male das Video an, machte ein Kopie und lies die Worte des Nuntius von unbeteiligten Personen deuten. Alle kamen zu dem Ergebnis, dass Bischof Dammert, seine Mitarbeiter und deren Arbeit vom Nuntius in den Schmutz gezogen werden. Diese Dokumentation - exemplarisch, weil hier von einem Vertreter der Kurie offen ausgesprochen wird, was manche insgeheim befürchtet haben - wird hiermit nun vorgestellt. Es ist zu befürchten, dass das, was in Lateinamerika geschieht, auch in Deutschland (u.a.) - wenn auch mit mehr Vorsicht und nicht allzu plump - zur Regel werden soll. Die Fenster, die Johannes XXIII geöffnet hatte, sollen wieder verschlossen, ja verriegelt werden. Dem ist im - Namen der Kirche - zu widerstehen!! **

 

Apostolischer Nuntius der Katholischen Kirche in Peru Cajamarca, 4. März 2005 Apostolische Nuntiatur, LIMA Exzellenz: Einen herzlichen Gruß von den Unterzeichnern (s. u.),

Teilnehmer der Diözesanversammlung 2005 von Cajamarca. In der Folge möchten wir mit tiefem Schmerz unser Befremden wegen Ihrer Worte ausdrücken, die Sie an die Gläubigen unserer Diözese zu Beginn der Hl. Messe aus Anlass der Amtseinführung von Bischof José Carmelo Martínez Lázaro am 19. Dezember des vergangenen Jahres gerichtet haben. Wir halten Ihre Aussagen über die Zeit der „30 Jahre vor” der Ankunft von Bischof Ángel Francisco Si món Piorno für ungerecht, verfehlt, zutiefst einseitig und dem Evangelium widersprechend. Viele von uns, Priester, Ordensleute und Laien, hatten die Freude, während der Amtszeit von Bischof José Dammert Bellido an seiner Seite arbeiten zu dürfen. Wir sind Zeugen seiner Bescheidenheit, seines Glau benseifers, seiner evangeliumsgemäßen Barmherzigkeit, seiner tiefen Spiritualität und seiner Liebe zur Kirche gewesen. Außerdem hat die Offenheit und Hingabe für die Ärmsten - Menschen, die nicht die Gewohnheit haben, sich in schäbiger Weise hinterrücks beim Nuntius zu beklagen - Bischof Dammert eine hohe moralische und vorbildliche Autorität verliehen, exemplarisch für die Kirche insgesamt. Wie Jesus uns in einem solchem Fall lehrt (Mt 18, 15 - 17), bitten wir Sie um der brüderlichen Barmher zigkeit und um der Einheit der Kirche von Cajamarca willen, dass Sie Ihre Worte zurücknehmen, sowohl in Bezug auf die Person von Bischof Dammert, als auch auf alle pastoralen Mitarbeiter, die in Einheit mit ihm zusammen gearbeitet haben und letztlich im Bezug auf die Kirche von Cajamarca, die diesem Bischof, einem treuen Sohn der Kirche, so viel zu verdanken hat. Wir hoffen auf Ihr christliches Verständnis, um unsere Sorge und die Wunden, die ihre Worte in uns und in so vielen anderen Personen, die Bischof Dammert nahe waren, verursacht haben, verstehen zu können

Mit brüderlichem Gruß Es folgen etwa 180 Unterschriften (Priester, Ordensleute, Laien), mit Adresse und Nummer des Ausweises. Antwort: Lima, 21. März 2005 NUNCIATURA APOSTOLICA En EL PERU N. 3532

 

Brüder und Schwestern in Christus! Hier meine Antwort auf den Brief vom 4. März, den ich am 19. März empfangen habe, geschrieben von den Teilnehmern der Diözesanversammlung 2005 von Cajamarca, bewegt von dem aufrichtigen Wunsch, das so wertvolle Geschenk der kirchlichen Einheit zu bewahren. Ich möchte Ihnen mitteilen, dass meine Worte in der Hl. Messe aus Anlass der Amtseinführung von Bischof José Carmelo Martínez Lázaro (O.A.R.) von dem einzigen Wunsch getragen waren, die Arbeit dessen Vorgängers, Bischof Ángel Francisco Simón Piorno, anzuerkennen. Denn als dieser nach Cajamarca kam, hat er eine alles andere als leichte Aufgabe vorgefunden. Damit habe ich in keiner Weise jemanden verletzen wollen. Ich habe niemanden angeklagt. Ich habe keinen Namen erwähnt, am wenigsten den von Bischof José Dammert Bellido. Ich sprach von einer Epoche, in der die Kirche von Cajamarca eine lange Leidenszeit durchleben musste. Und das habe ich gesagt, ohne auf „hinterhältige Denunzierungen“ gehört zu haben, sondern weil ich mich auf objektive Daten gestützt habe: Aufgabe religiöser Praktiken wie Messfeiern, Sakramentenempfang und Glaubensunterweisung; ein Krise geistlicher Berufungen und der Identität (Glaubenskrise) verschiedener Priester und geweihter Personen - ein Phänomen, das nicht nur Cajamarca heimgesucht hat, sondern von dem auch andere Teilkirchen in Peru und in anderen Ländern während der Zeit nach dem Konzil betroffen waren („en la época postconciliar“). Hoffentlich ist diese Leidenszeit jetzt vorbei! Alle mögen sich engagieren und arbeiten, entsprechend ihrer Berufung und ihres Charisma, in Treue zum Evangelium von Jesus Christus und in voller Einheit mit dem Stellvertreter Christi und seinen Hirten, um so die Einzige Kirche des Herrn zu errichten. Frohe Ostern! Unterschrift + Rino Passigato Nuncio Apostólicó **

 

Die einleitenden Worte des Nuntius in Peru, Rino Passigato, an die Gläubigen bei der Amtseinführung von Bischof José Carmelo Martínez Lázaro, am 19.12.2004, in der Kathedrale von Cajamarca. „Wie üblich bei einer solchen Gelegenheit, erlauben Sie mir vor der Verlesung der apostolischen Worte (Ernennungsurkunde), Ihnen den väterlichen Gruß und den Segen des Hl. Vaters zu überbringen, ebenso meinen ganz persönlichen Gruß. Er gilt zuerst dem Hochwürdigsten Bischof Ángel Francisco Simón Pior no, bis heute der apostolische Administrator dieser Diözese von Cajamarca und seit einigen Monaten Bi schof von Chimbote. Im Namen des Hl. Stuhles und in meinem eigenen Namen möchte ich ihm den le bendigsten, aufrichtigsten und tiefsten Dank für seine großherzige Arbeit aussprechen, die er in dieser Diözese und für die Kirche im Besonderen während seiner Amtszeit von zwölf Jahren geleistet hat. Er hat das Erbe einer Kirche angetreten, die sehr verwundet war. Nach und nach hat er diese Wunden gepflegt und geheilt. Er hat so das Gewebe (Netz) einer religiösen und diözesanen Familie wieder hergestellt hat, die sehr unter den „Unwettern“ einer Epoche gelitten hat, die nichts Verdienstvolles in den letzten dreißig Jahren vor seiner Ankunft zustande gebracht hat. Mein tiefster Dank für diese intelligente, uneigennützige und effiziente Arbeit, die Bischof Ángel Francisco Simón Piorno vollbracht hat! Und wie ich schon das Glück hatte, ihn vor acht Monaten in Chimbote willkommen zu heißen, so habe ich jetzt die Freude, ihm im Namen des Hl. Vaters sagen zu können: Danke für alles, was er für Cajamarca gemacht hat!“

Quelle: Audiovisuelles Archiv (Video) SONOVISO, Cajamarca. (Kopie der gesamten Amtseinführung in meinem Besitz) Übersetzung aller Dokumente: Dr. theol. Willi Knecht Ulm, den 16. Oktober 2005 _________________________________________________________

Kommentar von Willi Knecht:

Sind die Ausführungen des Nuntius schon für sich allein genommen bemerkenswert, so gewinnen sie eine Bedeutung weit über Cajamarca hinaus und für die gesamte Kirche, wenn man sie von dem entsprechen den Kontext her deutet. Er bringt die Missstände in Cajamarca direkt mit dem Konzil in Zusammenhang. A) Zuerst nur zwei Anmerkungen (weil exemplarisch) zur Vorgehensweise des Nuntius.

1. Der Nuntius streitet ab, von Bischof Dammert gesprochen zu haben. („Ich habe niemanden angeklagt. Ich habe keinen Namen erwähnt, am wenigsten den von Bischof José Dammert Bellido“). Formal ist richtig, dass er dessen Namen nicht genannt hat. Er spricht aber von einer dreißigjährigen Amtszeit des Vor gängers von Bischof Simón. Diese Art der Argumentation ist unanständig und zudem feige. Sie gleicht haargenau der Argumentation von Kardinal Josef Ratzinger (1979) in einer Auseinandersetzung mit der Diözese Cajamarca in Zusammenhang mit Vamos Caminando. Ratzinger zitiert falsch, fühlt sich beleidigt, als man ihn darauf hinweist und stellt das Glaubensbuch der Campesinos als „Anleitung zum Klassenkampf, zu Hass und Gewalt“ hin.

(siehe http://www.cajamarca.de/download/ratzinger.pdf : Papst Benedikt XVI. und der Glaube der Campesinos).

 Beim Nuntius ist - wen wundert es? - die gleiche Geistes haltung anzutreffen.

2. Wie Ratzinger spricht auch der Nuntius von „objektiven Daten“, die seinen Feststellungen zugrunde liegen und zählt auf: „Aufgabe religiöser Praktiken (Messfeiern, Sakramentenempfang, Glaubensunter weisung); ein Krise geistlicher Berufungen…“). Fest steht, dass sowohl Bischof Simón als auch Priester und Ordensfrauen, die er nach Cajamarca geholt hat, mit bereits feststehenden Meinungen nach Cajamarca kamen und sich nie informieren lassen wollten, was wirklich geschehen war. Einladungen der Campesi nos, Katecheten und Frauengruppen an den Bischof und einige Priester wurden noch nicht einmal beant wortet. Als die beiden Priester des Opus Dei, die von Bischof Simón gezielt nach Bambamarca geschickt worden waren, nach ihrem Auftrag gefragt wurden, antworteten sie: „Wir sollen die Ordnung in der Kir che wieder herstellen, die Campesinos müssen jeden Sonntag in die Kirche gehen, jeden Monat beichten und wieder beten lernen. Denn unter ihren Vorgängern (Rolando Estela und Alberto Osorio) hätten die Leute das Beten verlernt, selbst Katecheten lebten unverheiratet zusammen, sie hätten keine Ahnung von den Sakramenten. Ihre Vorgänger hätten sich statt dessen nur um Politik gekümmert, hätten die Leute ge gen die Autorität aufgehetzt und dadurch seien die Fundamente der Kirche zerstört worden. Nun soll aber der Wiederaufbau beginnen.“ (bezeugt von Padre Rolando Estela.)

 Genau dies ist es auch, auf was sich der Nuntius bezieht. Bischof Simón bekam den Auftrag, die Kirche von Cajamarca wieder „auf Linie zu bringen“. Dafür wird er jetzt vom Nuntius im Auftrag des Papstes belohnt („Mein tiefster Dank für diese intelligente, uneigennützige und effiziente Arbeit…“). Bei diesen „objektiven Daten“ des Nuntius handelt es sich um grobe Verleumdungen. Zudem streitet er ab, einseitig informiert worden zu sein. Er kennt nicht die Realität, die interessiert ihn auch gar nicht. Er urteilt ohne zu kennen. Woher bezieht der Nuntius wohl seine Informationen?

 

B) Zwei konkrete Beispiele aus der Praxis von Bischof Simón:

1. Beispiel: Baños del Inca war bis 1993 das wichtigste diözesane Zentrum für die Landpastoral, seit den sechziger Jahren kontinuierlich aufgebaut und mit einer zentralen Bedeutung für die Pastoral von Dammert. Ein aufschlussreiches Detail für den dann folgenden Wechsel: die Campesinos hatten massiv geholfen, die Pfarrkirche und das Kurszentrum aufzubauen. Während eines Kurses für Katecheten über das Leiden und die Auferstehung Jesu kam die Idee auf, einen symbolischen Beitrag für die Pfarrkirche als Ergebnis des Kurses zu leisten. In wochenlanger Arbeit haben einige Dutzend Katecheten einen zwei Tonnen schweren Gesteinsbrocken derart behauen, dass daraus ein wunderschöner Altartisch für die neue Kirche wurde. Bischof Dammert hat diesen Altar geweiht. 1996 wurde dieser Altar im Auftrag des Bischofs herausgerissen (weil „primitiv und heidnisch"), auf einen LKW geladen und einen Abhang hinuntergeworfen - als „Müll". Nach meinem Verständnis und laut offiziellem Kirchenrecht ist dies ein Sakrileg (Strafe der Exkommunikation!). Mir ist nicht bekannt, dass der Bischof deswegen vom Nuntius belangt wurde.

2. Beispiel, das Priesterseminar: Bischof Simón sah in der Ausrichtung des Seminars unter Dammert einen Abfall vom Glauben, eine Hinwendung in das rein Weltliche unter völliger Vernachlässigung der kirchlichen Lehre. Bereits Anfang 1993 wurde beschlossen, das Seminar zu schließen (wie der Erzbischof von Santiago de Chile später Padre Miguel Garnett bestätigte). 1994 schloss Bischof Simón das alte Seminar, nachdem er den Abschluss der Erweiterung und Renovation für 1,1 Millionen Dollar (darunter Spenden von Adveniat) noch abgewartet hatte. Die „Renovierung” bestand vor allem darin, das vorbildlich mit Materialien der Region fertig gestellte Seminar teilweise abzureißen und mit „material noble” neu zu bauen, weil z.B. Lehmziegeln unwürdig für ein Seminar seien.

 

Mir liegen Briefe vor (aus Archiv Adveniat), in denen Bischof Simón 1993 um weitere Gelder für den Ausbau des Seminars bat und bekam. Gleichzeitig liefen Verhandlungen mit den Karmeliterinnen, dass nach Schließung des Seminars vier Ordens schwestern in Klausur das neue Gebäude beziehen, so geschah es auch. Er schickte 17 von 21 Seminaristen unter skandalösen Umständen „in die Wüste“ (nur die vier, die sich nicht positiv zu Dammert geäußert hatten durften bleiben) und begann mit dem Aufbau eines Proseminars in San Luis, wo Knaben „fern von den Versuchungen der Welt“ auf den Priesterberuf vorbereitet werden sollen (vgl. den Artikel „Das Seminar San José, Cajamarca“ von Miguel Garnett im Sammelband „Die globale Verantwortung“).

Leiter wurde Manuel Àlvarez, der kurz zuvor auf massiven Druck der Pfarrgemeinde Celendín seine Pfarrstelle aufgeben musste und der trotzdem seiner Verbrechen drei Wochen später vom Bischof im vollem Wissen um die näheren Umstände dessen Vertreibung als Pfarrer aus Celendín ausgerechnet zum Direktor des Proseminars für Knaben (12–17 Jahre) ernannt wurde. Im Jahre 2002 (Karwoche) suchten mich zwei Frauen auf, deren Söhne im Proseminar waren. Sie baten mich verzweifelt, etwas für ihre Söhne zu tun, da diese schwerem Missbrauch ausgesetzt seien. Nachfolger von Manuel Àlvarez (heute Bischofsvikar) wurde Alex Urbina. Ob der Nuntius vielleicht nicht besser den Müttern helfen möchte?

 

C) Zur Theologie von Bischof Simón,

Zitate: „Die bisherigen Katecheten haben sich nur um soziale Probleme gekümmert und sich in die Politik ein gemischt. Dadurch ist das religiöse Leben völlig zum Erliegen gekommen. Nach 30 Jahren Irrweg müssen wir nun wieder völlig neu beginnen“. „Die meisten der ‚alten‘ Katecheten sind nicht kirchlich verheiratet und leben so im Zustand der Todsünde. Wie können sie da Katecheten sein“? „Die Laien müssen ihren Priestern folgen und werden mit dem Empfang der Sakramente belohnt“. „Frauen können ohne Anleitung durch die Priester die Bibel nicht verstehen. Die rechte Interpretation des Wortes ist eine exklusive Gabe Gottes, die durch die Weihe dem Priester geschenkt wird. Die Kirche unterweist die Gläubigen im richti gen Verständnis“. „Die Lehre der Kirche ist das in verständliche Form gebrachte Wort Gottes und steht nicht zur Diskussion. Was Lehre der Kirche ist, definiert ausschließlich der Bischof“. „Die wahre Aufgabe und Berufung des Priesters ist die Spendung der Hl. Sakramente. Allein durch die Sakramente gelangt der Christ zum Heil“. „Ein Katechet, der sich bei der Ronda beteiligt, kann nicht mehr Katechet sein, denn als Katechet darf er sich nicht in weltliche Dinge einmischen“. „Oberstes Gebot für jeden Christen ist die Erfüllung der Sonntagspflicht und der monatlichen Beichte. Daneben sind das tägliche Gebet und die Anbe tung des Allerheiligsten Altarsakramentes Zeichen eines echten Christen. Um sich um soziale Probleme zu kümmern braucht man kein Christ zu sein, das können auch Gottlose“. „Durch tägliche Bußübungen bereiten wir uns auf das Ende der Welt vor. Nur wer ohne Sünde ist, wird gerettet werden. Deshalb müs sen wir ständig bereit sein“. Alle Zitate sind audio-visuell belegt, sie stammen aus Predigten, Ansprachen und persönlichen Gesprächen. Archiv SonoViso. (Siehe auch: http://www.cajamarca.de/download/simon.pdf )

 

Eine entsprechende Interpretation dieser und ähnlicher Zitate würde hier zu weit führen. Festzuhalten ist, dass die daraus resultierende Praxis verheerende Folge für die Pastoral und die Menschen besonders auf dem Land, hatte. Die „Theologie“ von Bischof Simón hat nichts mit den Aussagen des II. Vatikanischen Konzils zu tun. Die Vorkommnisse in der Diözese Cajamarca haben aber eine Bedeutung, die weit über die Region hinaus geht. Ist man hierzulande geneigt, solche Beispiele als extrem und vereinzelt darzustel len (und damit von der eigenen Verantwortung und Ohnmacht abzulenken), so ist festzuhalten, dass es sich hier um weltweite Tendenzen handelt und damit das Konzil zumindest in Frage gestellt wird. Diese Tendenzen gilt es anhand konkreter Beispiele aus der Praxis aufzudecken. Denn es geht nicht nur um eine theoretische Diskussion um bestimmte Aussagen des Konzils (oder der Theologie insgesamt), sondern um das ganz konkrete Leben ganz konkreter Menschen, die einer ganz konkreten kirchlichen Praxis ausge setzt sind. Eine solche Praxis kann entweder, wie in Cajamarca von 1962 - 1992, zu einer erneuerten Kir che Jesu Christi und des Volkes Gottes führen, oder noch wichtiger: zu einem Mehr an der Fülle des Lebens, das uns verheißen ist - oder sie kann genau das verhindern, blockieren oder gar bekämpfen. Die Diözese Cajamarca unter der Leitung ihres Bischof Dammert besaß internationales Ansehen.

 

Die Arbeit der Diözese Cajamarca wurde international bekannt, Werke aus Cajamarca u.a. in Deutschland übersetzt (z.B. Vamos Caminando). Die Sozialpastoral und die Kirche in Cajamarca gelten zusammen mit der in Recife (Helder Camara) und Riobamba (Leonidas Proaño) als Modell einer einheimischen Kirche auf der Seite der Armen. Der peruanische Kirchenhistoriker J. Klaiber bezeichnet die sozialpastorale Arbeit in der Diözese Cajamarca als das beste Beispiel in Peru für die Umsetzung der Beschlüsse und vor allem des Geistes des Zweiten Vatikanischen Konzils. CEHILA (Zentrum für lateinamerikanische Kirchengeschich te) wählte für eine neue Dokumentation (Nueva Patrística de América Latina) Bischof Dammert und die Diözese Cajamarca als Beispiel gebend für den ganzen Kontinent aus. Als charakteristisches Merkmal der Erneuerungen des Konzils gilt in der Interpretation der Campesinos die Entdeckung der Kirche als das (unterdrückte) Volk Gottes, das sich im Kontext von Geschichte und Gegenwart auf dem Weg zu einer integralen Erlösung und Befreiung befindet - begleitet und geleitet von Jesus dem Christus, der inmitten der Armen „zur Welt kam“, unter ihnen lebt, leidet und aufersteht.

 

Daher sind Aussagen des Nuntius in Peru, die ja im Zusammenhang mit der Praxis sowohl von Bischof Dammert als auch von Bischof Simón zu sehen sind, von exemplarischer Bedeutung. Es geht schlicht und einfach darum, welche Bedeutung dem Konzil und den nachfolgenden und Weg weisenden Beschlüssen der lateinamerikanischen Kirche seitens der römischen Administration (seit 1978) noch beigemessen wird. Der Nuntius in Peru (wohl in Stellvertretung) nimmt die Ergebnisse einer erneuerten Kirche als Folge des Konzils nicht nur nicht wahr, sondern er dämonisiert sie ohne sie wirklich zu kennen. Er bringt den angeblichen „Zerfall“ der Kirche von Cajamarca unter Dammert direkt mit den Erneuerungen des Konzils in Zusammenhang, also als  direkte Folge des Konzils. Er stellt sich mit seinen Aussagen daher gegen das Konzil und feiert einen Bischof (Simón Piorno), der mit dem expliziten Auftrag (eigene Aussage von Bischof Simón*) nach Cajamarca geschickt wurde, in der Kirche von Cajamarca die - vorkonziliare - Ordnung wieder herzustellen.

*"Ich wurde vom Vatikan nach Cajamarca geschickt, um den Saustall aufzuräumen, den mein Vorgänger hinterlassen hat!"

 Die neu ernannten  Priester von Bambamarca, im Auftrag des Bischofs: „Wir müssen alles ausreißen, was von Dammert gesät wurde“. Stand moderner Theologie ist aber, dass das Konzil die höchste Autorität der Kirche ist, es quasi dogmati schen Charakter hat (in seinen Grundanliegen und Grundaussagen, besonders die dogmatischen Konstitu tionen „Gaudium et Spes“ und „Lumen Gentium“) - und dies gilt für jeden Bischof und auch für den Bischof von Rom. Es scheint aber, dass Kardinal Josef Ratzinger das II. Vatikanum nicht wirklich verstan den und nachvollzogen hat. Nun will und kann er als Papst den Restaurationsprozess der katholischen Kirche abschließen, um das Werk seines Vorgängers zu vollenden (wie er es gerade selbst gesagt hat, In terview am 20.10.2005). Er hat nun die Mittel, seine rein persönliche Interpretation des Konzils gegen alle seine theologischen Widersacher (Bischöfe und Theologen, besonders in Deutschland) durchzusetzen. Dazu fühlt er sich von seinem Vorgänger direkt unterstützt, quasi direkt vom Himmel aus.

Noch einmal zurück zu Cajamarca: In mehreren Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern Dammerts, auch Priestern, wurde deutlich, was ich vorher nur vermutet hatte: Sie sehen die Amtszeit von Dammert wie z.B. die des Präsidenten von Peru (eines Caudillo). Der eine hat dieses, der andere jenes Programm. Nach dem Dammert nun leider nicht mehr Bischof ist, muss man eben die Herrschaft eines Bischofs erdulden, auch wenn er nun genau das Gegenteil tut. Mit der Person Dammert, sei nun die „gute Zeit“ vorbei, und damit auch alles, was er begonnen und getan und gesagt hat. Doch das „Programm“ eines Bischofs ist nicht beliebig. Es geht nicht um irgendeinen Bischof, das wäre rein personalistisch gedacht, sondern es geht um die Grundausrichtung der gesamten Kirche. Diese hat sich im Konzil neu ausgerichtet und daran hat sich jeder Bischof zu halten. Nur wer sich daran hält, ist der Kirche treu. Wer auf diesem Weg hin zu einer größeren Gerechtigkeit und Barmherzigkeit mit den Armen geht bzw. sich von ihnen den Weg zeigen lässt (weil Jesus mit ihnen auf dem Weg ist), der ist dieser Kirche, der Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu, treu. Wer dieser Gemeinschaft, besonders aber den Ärmsten, Steine in den Weg legt, sie gar de facto ausschließen will oder sie zumindest nicht wahrnehmen kann oder will, der wird dies vor seinem Gott verantworten müssen. Jesus als Christus und die Armen wissen, wer sie auf ihrem Weg begleitet hat.

Die Dissertation des Verfassers ist im November 05 als Buch erschienen, auf das wir besonders hinweisen möchten: Willi Knecht: „Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen in Peru“. Lesenswert auch: „Lasst uns den Weg weitergehen“ in:

Die globale Verantwortung, S. 35-40 (Hg.: Klinger, Knecht, O. Fuchs). © imprimatur April 2005