El Salvador - Erfahrungen

Exposurereise El Salvador November 2012 (Justitia et Pax)

Kaum waren wir im Haus unserer Gastfamilie angekommen, sah ich zum 1. Mal unsere „Begleitung“, drei schwerbewaffnete Polizisten, die uns bis zum Abschied nicht von unserer Seite würden. Beim Anblick der Schwerbewaffneten in ihren schwarzen Uniformen überfielen mich unwillkürlich düstere Erinnerungen an Berichte und Reportagen aus den 80er Jahren: Soldaten und Polizisten in schwarzen Uniformen, die gezielt und ohne Vorwarnung unbewaffnete Menschen ermordeten – im Auftrag des „Freien Westens“ und zum Schutze unserer Privilegien und der Freiheit, andere Völker und den gesamten Planeten immer effektiver ausbeuten zu können.

Bald aber sollte ich erfahren, dass die drei jungen Polizisten – abwechselnd in 8-Stundenschicht – zu meinem Schutz abkommandiert waren. Die Regionalregierung wollte sich damit für die Hilfe aus Deutschland bedanken, die sie unmittelbar nach Ende des Bürgerkrieges 1992 erhalten hatte. Mit deutscher Hilfe wurde für die gesamte Region ein bis heute sehr wirksames Bewässerungsprojekt aufgebaut. Anmerkung: Bewässerungsprojekt in einer wasserreichen Region – ich sah mehrere große und trockene Wasserkanäle aus Beton, fast ausschließlich Maisanbau….usw. (?)

Unsere Gastfamilie war ein ungewollt kinderloses Ehepaar, Campesinos, Mitglied der Kooperative ACACYPAC. Sie leben in dem Weiler Tepeagua, in dem etwa 120 Familien wohnen. Er gehört zur Gemeinde Nueva Concepción im Bezirk Chalatenango. José Luis (unten  mit Luis am Rio Lempa) und Marisol waren für drei Tage nicht nur sehr freundliche Gastgeber, sondern sie informierten uns kenntnisreich über ihre Realität und den Kontext in dem sie leben und arbeiten.    alt

Mein Partner Medardo aus Kuba ist ein Agraringenieur, der in Kuba für eine Landwirtschaft eintritt, die mit dem auskommt, was die Erde uns anbietet und für eine Landwirtschaft, die sich zuerst an den Grundbedürfnissen der Armen, sowie an Grundnahrungsmitteln und sauberes Wasser, orientiert.

Gleich nach unserer Ankunft am Sonntag wurden wir zu einem kath. Wortgottesdienst eingeladen. Marisol führte anhand einer von einem Pfarrer angefertigten Anleitung durch den Gottesdienst, einschließlich einer freien Ansprache über das Sonntagsevangelium. Der Gottesdienst unterschied sich nicht wesentlich von einem Gottesdienst in Deutschland. Vor Ende wurden wir wortreich vorgestellt und zu einer kleinen Ansprache eingeladen. Marisol spielt eine bedeutende Rolle in ihrer Gemeinde. Dies wurde auch deutlich, als sie uns einmal einlud zu einer Reflexionsstunde, die einmal pro Woche je nach dem Mittagessen stattfindet. Es kamen etwa 50 Personen; sie treffen sich jede Woche in einem anderen Haus (bzw. offenem Hof).

Besonders überrascht war ich, als wir auch einem Treffen der „Kleinkreditgenossenschaft“ eingeladen wurden. Diese besteht nur aus Frauen. Ein alle 2 Jahre neu gewähltes Komitee führt die Kasse, gibt Rechenschaft und leitet die Versammlungen. Die Kasse ist eine kleine Schachtel aus Holz, die immer mitgeführt wird. Bei den Versammlungen wird über die „Kreditanträge“ entschieden, maximal 100 Dollar, in Notfällen etwas mehr. Das Kapital kommt von den Beiträgen der Mitglieder. Ich konnte von eigenen sehr guten Erfahrungen mit Frauengruppen in unserer Partnergemeinde in Peru berichten, die seit 1982 mit großem Erfolg – und anfangs gegen den Widerstand ihrer Ehemänner – untereinander mit Darlehen aushelfen. (Das Startkapital war eine Spende, seither ist das Kapital auf 10.000 Dollar angewachsen – Zinsen plus monatliche Beiträge von 1 Dollar pro Person). Hier wie dort war und ist die Grundlage für den Erfolg, dass es sich um christliche Gemeinschaften handelt, die aus einem befreienden Glauben heraus füreinander einstehen und daher ohne fremde Institution, besserwissende Männer und sonstigem Schnickschnack auskommen. (Vgl. unsere gastgebende Kreditgenossenschaft)!

Abgesehen von den genannten Treffen war José Luis für uns die Person, die wir am intensivsten erleben durften. Wir begleiteten ihn bei all seinen vielfältigen Arbeiten, von morgens 4.00 Uhr bis abends. Gleich am ersten Morgen waren wir vor 4.00 aufgestanden und machten uns auf dem Weg zum Kühemelken. Unterwegs überholten uns 2 Radfahrer. Luis erklärte uns, dass sie jeden Morgen an 14 von 15 Tagen zu einer Großbäckerei in Nueva Conceptión fahren, „Fahrzeit“ hin und zurück je 1½ Sunden Dort arbeiten sie 12 Stunden für 5 Dollar am Tag. In dem Weiler, in dem sie wohnen, gibt es keine Backwaren zu kaufen, sondern diese bleiben in der Stadt und werden gar bis in die Hauptstadt geliefert. Großabnehmer dieser Produkte ist ein internationaler Nahrungsmittelkonzern. Dabei haben die beiden noch Glück, weil sie arbeiten „dürfen“. Ihre ganze Familie lebt davon, denn es sind Familien ohne Land.

Andere Landlose müssen darauf hoffen, hin und wieder als Tagelöhner bei den Landbesitzern gebraucht zu werden. Jugendliche suchen lieber gleich ihr Heil in der Stadt, (auch im theol. Sinn des Wortes), doch was sie dort erwartet, ist meist noch schlimmer. Luis hat Land, bzw. das Land gehört noch seiner Mutter, die im selben Weiler wohnt. Es sind insgesamt etwa 5 ha, verteilt auf 4 weit voneinander entfernt liegende Anbauflächen. Seine Mutter und er gehören zu den „Wohlhabenden“ im Weiler, denn das Land reicht aus, um sich selbst gut zu ernähren.

Zurück zu den Kühen: Auf der Weide stehen 5 Milchkühe, die zwischen 30 und 35 Liter Milch am Tag produzieren. Die frische Milch wird in großen Behältern am Wegrand abgestellt, wo sie kurz darauf von einem LKW abgeholt und gewogen werden. Der Preis pro Liter beträgt 23 Cents (US-Dollar). Luis kann es sich leisten – im Unterschied zu den meisten anderen, die weniger Kühe, aber Kinder haben – manchmal etwas Milch mit nach Hause zum Eigenbedarf mitzunehmen. Er kann auch seine Kühe mit Zusatzfutter versorgen, sowohl aus eigener Maisproduktion als auch an gekauften und sehr teuren Eiweißstoffen. Zusätzlich bekommt jede Kuh täglich eine Spritze mit Medikamenten. Medardo hat ihm daraufhin vorgerechnet, dass eine solche Milchwirtschaft höchst unrentabel ist (kann ich an dieser Stelle nicht wiedergeben, war aber sehr logisch, denn man braucht nur die genauen Daten für die Einkäufe etc.). Luis selbst hat sich über diese „Dinge“ nie Gedanken gemacht – so machen es eben alle, sagt er. Seine Kreditgenossenschaft verkauft ihm die Zusatzstoffe und Medikamente zu einem angeblichen Vorzugspreis.

Die Arbeit mit den Kühen ist sehr hart. Luis wurde bereits in seiner Kindheit der rechte Unterarm amputiert. So muss er die Kühe einfangen, anbinden, melken, mit Futter und Wasser versorgen, säubern etc. – alles mit einer Hand. Auf der Weide hat eine kleine Versorgungsstation eingerichtet. Der Weg zur Weide dauert zu Fuß 40 Minuten einfach, allerdings hat Luis ein Fahrrad und nur wegen uns musste er zu Fuß gehen. Meist fährt er gegen Abend noch einmal zur Weide, um die Kühe zu versorgen. Außer den 5 Kühen hat er noch ein prächtiges Ochsengespann, Wert zusammen etwa 1.800 Dollar. Er meint, diese zwei Ochsen zu versorgen, sie brauchen besonders viel Futter, ist günstiger als für notwendige Transporte (Mais, Zuckerrohr, siehe unten) ein Ochsengespann zu mieten. Die Ochsen weiden über Tag in der Nähe seines Hauses auf einer winzigen Parzelle.
Um 8.30 waren wir wieder zuhause, wo Marisol mit einem Frühstück auf uns wartete. Das Frühstück, wie auch das übrige Essen, besteht in der Hauptsache aus den El Salvador beliebten Pupusas (spezieller Maisfladen mit Bohnen, Hähnchen o.ä.). Während in Deutschland für viele um 8.30 erst die Arbeit beginnt, hat Luis um diese Zeit fast schon ein halbes Tagwerk harter Arbeit hinter sich.

Nach dem Frühstück werden die Ochsen von der nahen Weide geholt und angespannt, was allein schon eine halbe Stunde Zeit beansprucht. Der einachsige Ochsenkarren steht auf dem Hof seines Nachbarn und muss erst einsatzbereit gemacht werden. Mit dem Ochsengespann, mit Luis am „Steuer“, die Ochsen fest im Griff, fuhren wir dann zu einem der weiteren Felder, unmittelbar am Lempa, dem größten Fluss von El Salvador gelegen. Dort hatte Luis in den Tagen zuvor ein Zuckerrohr ähnliches Gras („King grass“) mit Hilfe von Tagelöhnern geschnitten und trocknen lassen. Es dient als Futter für die Kühe und Ochsen. Das Aufladen des gebündelten Grases (Länge 2-3m) auf den Karren war eine unglaublich harte Arbeit. Im Gegenwart zum Melken, bei dem ich mich zwar versuchte und auch etwas zustande brachte, dann aber an Luis übergab, weil wir sonst frühestens abends fertig gewesen wären und Luis zudem Mitleid mit den Kühen hatte, durften wir diesmal richtig zupacken… !

Auch die Fahrt auf dem vollbeladenen Karren war ein unvergessliches Erlebnis. Das getrocknete Gras wird dann auf einen Platz gebracht, der von der Kooperative zur Verfügung gestellt wird, inklusive Häckselmaschine, wird von derselben zerkleinert, dann wieder auf den Karren geladen und zur Viehweide gebracht, wo es in einer Art selbsthergestelltem Silo zur Fütterung aufbewahrt wird. Dann zurück mit leerem Karren nachhause, Ochsen ausspannen und sie zurück zu ihrem „Abstellplatz“ (kleine Weide) führen. Um 14.00 endlich Mittagessen (normalerweise immer zwischen 13 und 14.00 Uhr) und Luis gönnt sich zum ersten Mal eine Pause von etwa 30 – 40 Minuten.

Am Nachmittag nimmt uns Luis mit auf seine übrigen zwei Felder. Sie liegen an Bergabhängen, haben aber dennoch ausreichend Wasser, auch ohne Bewässerung. Unser Polizeischutz ist wie immer dabei. Diesmal können wir sie in ein längeres Gespräch verwickeln. Sie sind sehr aufgeschlossen und würden lieber ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen: Als Landpolizei sind sie laut Gesetz für den Schutz der Umwelt zuständig. Stattdessen besteht ihre Hauptaufgabe darin, vornehmlich jugendliche Straftäter „zu jagen und einzufangen“ (wörtlich so gesagt). Leichtere Fälle bringen sie vor den Richter, der sie meist gleich wieder frei lässt. Schwerere Fälle werden in die Hauptstadt gebracht, wo sie entweder Jahre auf eine Anklage warten müssen oder bald ohne Anklage nach Hause geschickt werden. Sie sehen darin keinen Sinn und meinen, dass die Ursachen der zunehmenden Gewalt Verwahrlosung, Elend, Perspektivlosigkeit und Wertezerfall seien. Neben dem Schutz der Umwelt halten sie Erziehung und Gewaltprävention für das Wichtigste.

Beim Anstieg zu dem Grundstück von Luis begegneten wir einem etwa 30-jährigen Mann, der sein Maisfeld mit Pestiziden spritzte. Er war bekleidet mit kurzer Hose und Badeschlappen und ohne Oberhemd. Bereitwillig zeigte er uns sein Gerät, das er auf dem Rücken trug, ebenso das Giftmittel. Medardo erkannte es sofort und war entsetzt. Es war hochgiftig und zudem verspritzte es der ahnungslose Campesino in dreifach hoher Dosis – um auf Nummer sicher zu gehen, wie er sagte. Auf der Dose war kein deutlich sichtbarer Warnhinweis. Ganz klein war die chemische Zusammensetzung zu entziffern, sowie der Hinweis, dass bei Anwendung unbedingt ein Schutzanzug, Mundschutz und Handschuhe getragen werden sollten. Gerät und Gift kaufte der Mann bei der Kreditgenossenschaft ACACYPAC, ohne jede Aufklärung, vielmehr mit dem Hinweis, lieber etwas mehr als zu wenig zu spritzen. Medardo stellte auch bald fest, dass überhaupt keine Pestizide notwendig sind. Auch steht die Investition in „Pflanzenschutzmittel“ und Mittel gegen Maiskrankheiten in keinem Verhältnis zum Ertrag. Darüber war auch Luis verblüfft, denn er es macht es genauso, wie alle anderen auch. Er war dann sehr dankbar für die Aufklärung“ durch Medardo.
1 Kilo Mais bringt im Verkauf maximal 25 Cents. Nach gemeinsamen Berechnungen von Luis und Medardo stellten beide fest, dass die Produktionskosten (Düngemittel, Pflanzenschutz und Herbizide) etwa ebenfalls 25 Cents betragen – nicht berechnet die Arbeitszeit. Der größere Anteil der Maisernte wird als Futtermittel für die eigenen Tiere (auch für Hühner auf dem Hof) verwendet, der kleinere Anteil zum Eigenverzehr.

Medardo hatte wieder einmal – und ich unterstützte ihn dabei - mit glühenden Worten von der Bewahrung der Erde gesprochen. Besonders betonte er, dass der Mensch nicht Eigentümer der Erde sei, sondern dass der Mensch nur ein Nutzungsrecht auf Zeit erwerben kann, dann aber sorgfältig damit umgehen muss, denn die Erde gehört ihm ja nicht. Und die Güter dieser Erde sind für alle Menschen da, d.h. jeder Mensch hat ein eingeborenes Recht z.B. auf sauberes Wasser und einen gerechten Anteil an den Gütern der Erde. Weltweite Gerechtigkeit bedeutet, dass alle Menschen in Würde leben können (dass sie das Leben in Fülle haben). Dies muss auch oberstes Kriterium von Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit sein. Als ich darauf Hinweis, dass dies im Kern die Grundaussagen der katholischen Soziallehre seien und selbst Päpste des Öfteren darauf hingewiesen haben, war er verblüfft. Er versprach mir, sich in dieser Hinsicht besser zu informieren.

Am späten Nachmittag bis Abend sieht Luis noch einmal nach seinen Kühen, hauptsächlich um ihnen Wasser aus einer nahen Quelle zu geben, bringt die beiden Ochsen vom Fluss Lempa über Nacht auf eine höhergelegene Weidestelle, holt noch Brennholz für das Abendessen und den nächsten Tag und füllt die Wasserbehälter auf. Auf seinem Hof steht ein Brunnen (20 m Tiefe), aus dem das Wasser mit Muskelkraft hochgepumpt wird, was mit einer Hand – wie die anderen Arbeiten auch – sehr mühsam ist. Inzwischen ist es Nacht, Luis nimmt eine Dusche aus einem Wasserbehälter in 2 m Höhe und kann sich in Ruhe zu seiner Frau an den Tisch setzen zum Abendessen. Ihr Haus besteht aus 2 Zimmern, einem kleinen Schlafzimmer mit einem Bett und einem etwas größeren Aufenthaltsraum mit TV und kleinem Hausaltar. In diesem Raum wurden für uns beide 2 Betten mit Moskitonetz aufgestellt, die von der Genossenschaft für die Dauer unseres Besuches zur Verfügung gestellt wurden.

Am Mittwoch war Abschied. Eine Delegation der Kooperative holte uns ab und brachte uns nach Nueva Conception in die Zentrale (eine normale Bank) der Kooperative. Die Polizisten begleiteten uns auch hier und verabschiedeten sich herzlich. Der Abschied von Marisol, Luis und seiner Mutter war sehr emotional und alle Beteiligten hatten das Gefühl, etwas gelernt und viel von menschlicher Solidarität gespürt zu haben. Die Kooperative hatte ein großes Abschiedsfest vorbereitet. Als wir in die entsprechenden Räume geführt wurden, an luxuriös ausgestatteten Büros und Konferenzräumen vorbei, war ich sehr betroffen. Es war eine andere Welt. Wer arbeitet hier eigentlich für wen? Das war und ist meine Frage. Dabei ist den hauptamtlichen Mitarbeitern der Kooperative der gute Wille nicht abzusprechen. M.E. fehlt Information und eine Orientierung, das Wissen um die Fundamente und um das Ziel. Was ist der Sinn, was wollen wir erreichen, für wen und warum?

In einem Abschlussgespräch sprachen wir darüber, was uns aufgefallen ist. U.A., kurzfristig: Die Kooperative darf unter keinen Umständen weiterhin gefährliche Giftstoffe ohne jede Anweisung und Beratung verkaufen. So wie wir es erlebt haben, handelt es sich bei der Kooperative um eine Bank wie jede andere. Es geht zuerst darum, möglichst viel Konsum zu generieren und um den eigenen Gewinn zu maximieren. Das Schicksal der Kreditnehmer kümmert nicht. Wir spürten aber auch, dass die Verantwortlichen dies zumindest ahnen und vielleicht auch gerne anders machen würden, wissen aber nicht wie. (Ja, ich weiß, wir Deutschen wissen alles besser… usw.)

In der Art einer Schlussfolgerung (nur sehr skizzenhaft …)

Für die Kleinbauern gibt es keinerlei Information und Beratung. Bessere Anbaumethoden, bessere Ausnutzung der vorhandenen Ressourcen ohne diese nachhaltig zu schädigen, vielfältige Ernährung, Kenntnis von natürlicher Schädlingsbekämpfung und vieles mehr wäre ohne allzu großen finanziellen Aufwand möglich. Selbst die elementare Schulbildung ist mangelhaft. In der Schule des Weilers gehen von 120 Kindern nach 5 Jahren Grundschule nur 5 in eine weiterführende Schule, u.a. weil sie zu weite Wege zu Fuß gehen müssten. Und auch die Lerninhalte sind katastrophal: die Kinder lernen mehr über das anzustrebende Leben in den USA als über die Realität und Umwelt, in der sie leben. Wir besuchten die Schule und sprachen ausführlich über Inhalte, Lernziele und Weiterbildung. Und wenn selbst eine der reichsten Familien des Dorfes (Luis und Marisol) mit überdurchschnittlichem Landbesitz, sehr harter Arbeit und ohne Kinder ernähren zu müssen, trotzdem nur einen äußerst bescheidenen Lebensstandard haben, dann stimmt etwas nicht. Tragisch ist besonders, dass die Menschen des Dorfes mit ihrer harten Arbeit nicht nur keinen Gewinn erzielen, sondern auch ihre eigenen Lebensgrundlagen vergiften - von dem katastrophalen Zustand des Rio Lempa, Lebensader von El Salvador - ganz zu schweigen.

Die deutschen Partner der Kooperative bzw. der Kreditgenossenschaft haben die Plicht, ihre Partner in El Salvador (und überall) in ihrem Bemühen zu unterstützen, für alle Menschen, besonders die Bedrängten aller Art, ein Leben in Würde zu erreichen. Aus christlicher Perspektive bedeutet dies, den gegenwärtigen globalen Raubbau als Götzendienst zu entlarven, dem immer mehr Menschen auch bei uns zum Opfer fallen und der das Überleben der Menschheit langfristig gefährdet (siehe auch den „Aufruf für eine prophetische Kirche“ bzw. „Für ein Leben in Fülle“ des DKMR, darin mein Beitrag: Frieden und Gerechtigkeit“).

Nachtrag: Nach Ende des Exposure-Programms lebte ich noch 5 Tage in einem Armenviertel von San Salvador, lernte u.a. die Maras kennen und die Propaganda unzähliger Sekten. Gemeinsames Grunddogma dieser Sekten ist, dass Reichtum ein Zeichen der Gnade Gottes und seines Wohlgefallens ist, Armut aber als gerechte Strafe für alle Faulenzer, Ungläubige und Unwürdige. Die ist die völlige Perversion des christlichen Glaubens und gleichzeitig Grunddogma eines entfesselnden Kapitalismus.

alt

Die zerschossene Bibel, die Padre Segundo SJ nicht vor seinen Mördern schützen konnte... (November 1989 - zum "Ende der Geschichte"..... und dem - vorläufigen - Triumpf des Kapitals).

Berührt hat mich der Besuch an der UCA mit der Gedenkstätte für die ermordeten Jesuiten. Danach war ich auch am Grabe von Oscar Romero, seinem Wohnhaus und der Kapelle, in der er erschossen wurde. Als ich die Hl. Messe in der Kathedrale am Sonntag besuchte, waren in der „Unterkirche“ (Grab von Oscar Romero und Gedenkstätte für weitere Märtyrer) eine große Anzahl gläubiger Menschen versammelt und feierten eine eindrucksvolle Feier des Gedenkens und der Gegenwart Jesu Christi.

Gleichzeitig hatte der Erzbischof von San Salvador in der „Oberkirche“ eine Firmung mit Messe zu verrichten. Zu dem gesellschaftlichen Ereignis waren vorher große Limousinen vorgefahren. Bewaffnete Leibwächter begleiteten die Familien mit ihren Kindern in die Kathedrale. Ein perfektes Spiegelbild unserer Welt – und die real existierende römische Kirche als deren „Zeichen des Unheils“.

Willi Knecht, Cajamarca den 27. 01. 13

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