b) Mission heute:   alles anders?

Ziel: siehe oben, nämlich das entsprechende Gegenteil, dazu später mehr…

 

4. Die Rolle der Kirche in der 3. Welt (Beispiel Südamerika)

 

a) Vergangenheit: (pauschal, wie immer mit wichtigen Ausnahmen wie Franz von Assisi etc.)

Es gab nie eine einheimische asiatische, afrikanische oder amerikanische Kirche, es war immer die europäische, die römische Kirche, die in Europa wie dann überall auf der Welt in herzlicher Verbundenheit mit den Mächtigen herrschte (Allianz von Thron und Altar); es war eine sehr reiche Kirche, sie war Stütze des jeweiligen Gesellschaftssystems, politisch und wirtschaftlich und zu dessen Rechtfertigung, stets auf der Seite der Oberschicht. Eine zutiefst ungerechte Gesellschaft wurde gesegnet und man profitierte davon; Herrschaft statt Dienst, zwar einige  Almosen, um seine eigene Seele zu retten, aber nicht auf der Seite des Volkes, das mehrheitlich sehr arm war bzw. gewaltsam in Armut und Elend gehalten wurde.

 

b) Heute

Seit Konzil bzw. seit 1968 (Medellín): Entscheidende Wende!

  • Hinwendung zum Volk (in allen Dimensionen und in jeder Beziehung), Kirche als Volk Gottes

  • Leben in Armut als Solidarität mit den Armen

  • Radikale Kritik an Oberschicht und herrschendem Gesellschaftssystem (oft unter Lebensgefahr)

  • Gelebtes Zeugnis der Nächstenliebe, Gerechtigkeit für alle

  • Anklage der Ungerechtigkeiten, Aufdecken der Missstände, Verkünden einer neuen Gerechtigkeit

  • Beispiel: mancher Bischof aus Lateinamerika könnte bei uns nicht Beamter werden, da er als subversiv und gefährlich eingestuft würde (bei unseren Bischöfen besteht nicht diese Gefahr…)

 

5.  Ziele der kirchlichen Entwicklungshilfe

 

Zuerst zu den Organisationen, Beispiel Misereor:  Funktionsweise bei Projektfinanzierung:  Antrag kommt immer aus einem der armen Länder, keine Privatpersonen, danach Genehmigungsverfahren, schrittweise Geldüberweisung, bei größeren Projekten Überprüfung vor Ort, Abschlussbericht, Evaluierung und Übergabe des Projekts.  Spendengelder gehen zu 100% in arme Länder, hiesige Verwaltung, Werbung, etc. werden von Steuergeldern und nicht von Spenden finanziert. Jedes Projekt, Etat usw. werden veröffentlicht > Spenden kommen nur dorthin, wo sie gebraucht werden - d.h. wo auch sinnvolle Projekte - aus der Sicht der Betroffenen - geplant sind und wo deren Weiterführung durch Einheimische vorgesehen ist. Dazu können von Misereor finanzierte Fachleute (Entwicklungshelfer) von den einheimischen Projektpartnern angefordert werden (für die Aufbauphase und zur Ausbildung).

 

a)  Bewusstseinsbildung

Aufklärung über pol. – wirtschaftliche und soziale Verhältnisse (Mikro -  Makro); Bewusstwerden der eigenen Würde und der Rechte. Z.B. werden über eigene Radiosender (die Gemeinschaften auf dem Land erhalten kleine Radioempfänger) gezielte Programme wie hygienische Aufklärung, Berichte über Anbaumethoden, Alphabetisierung, Begleitung von Projekten aber auch Koordination von Widerstand, Streiks, Landbesetzungen etc. Wie wirksam das ist, zeigt sich darin, dass bereits viele dieser kleinen Radiostationen von Polizei oder Militär gestört oder besetzt werden. 

Noch einmal: warum Aufklärung? Durch die über 400-jährige Kolonialgeschichte und Indoktrinierung durch die koloniale Kirche glauben viele Indios, dass sie nur dann wirklich Mensch werden können, wenn sie werden wie die Weißen, die Sieger. Denen gegenüber sind sie äußerst demütig, gehorsam. Sie ergeben sich in ihr Schicksal, von dem sie meinen, es verdient zu haben. Jahrhunderte lang haben sie gehört, wie primitiv sie sind, dass sie Götzen oder gar den Teufel verehren und als Strafe sind sie von Gott zum Elend verurteilt. Mit den Weißen aber meint er es gut, Gott steht auf der Seite der Starken und Mächtigen.

 

b) Genossenschaften, landwirtschaftliche Kooperativen

Ausschalten der Zwischenhändler, bessere und gemeinsame Produktionsmöglichkeiten, können besseres Saatgut, bessere und gemeinsame Masttiere kaufen, experimentieren mit Naturdüngern > jeder für sich allein keine Chance, werden sonst total ausgebeutet, bilden keine Marktmacht, gemeinsam dagegen sind die Kleinbauern stärker, gemeinsame Aussaat und Ernte, möglicherweise gemeinsamer Grundbesitz. Diese Art von Gemeinschaft ermöglicht langfristig auch die Zusammenarbeit in anderen Arbeiten:  Straßenbau in Gemeinschaftsarbeit, Bewässerungskanäle, Bau und Unterhalt von Schulen etc.

 

c) Evangelisierung (Beispiel Indios)

Ihnen wurde in völlig falsches Bild vom christlichen Glauben vermittelt (s.o.  - Gott der Weißen), sie haben nie wirklich Jesus Christus und seine befreiende Botschaft kennen gelernt. Durch Unterwerfung, Opfer und Kulthandlungen können das Wohlgefallen Gottes (der Götter) und  der  Himmel erkauft werden, Gott für sie bestenfalls Trost und Vertröstung, magisches Weltbild und magisches Gottesverständnis.

Stattdessen: Evangelium als Botschaft der Befreiung – Auflehnen gegen individuelles und kollektives Schicksal; aufdecken der Missstände und eine neue Gerechtigkeit für alle, ein „Leben in Fülle“ als konkrete Verheißung. Evangelium als unvereinbar mit Unterdrückung und Ausbeutung.  Diese Botschaft  wird von Unterdrückten und Entrechteten sehr gut und unmittelbar verstanden und direkt auf ihre eigene Situation bezogen.  Dies sind die Voraussetzung und die Grundlage für Veränderung und ein neues Selbstbewusstsein.

 

d) Aufbau einer einheimischen Kirche

Selbstverantwortung, Hilfe zur Selbsthilfe (d.h. die äußeren Voraussetzungen für die genannten Ziele zu schaffen. Dafür gibt es bereits viele gute Beispiele in Afrika und Lateinamerika. Um diese Voraussetzungen zu schaffen ist materielle Hilfe (Geld) nötig: z.B.: für Radiosender, Bildungs- und Kurszentren für die Armen, für den „Anschub“ von Genossenschaften (Grundkapital), Ausbildung von Katecheten und allgemein mehr Laien, damit sie Verantwortung übernehmen können, viele Projekte in der Landwirtschaft (Aufforstung, Bewässerung, Kanäle, Terrassen, Saatgut etc.) und im Gesundheitswesen, z.B. Ausbildung von „Barfußärzten“ nach chinesischem Vorbild (Sicherung der med. Grundversorgung und Prävention).

 

e) Katastrophenhilfe

 

f) Aufbau und Unterstützung von Basisgemeinden (siehe Blatt)*

Priorität für Basisgemeinden, denn dort wird das bisher Gesagte am besten verwirklicht, da gewachsene Gemeinschaft mit gleichen Grundlagen, Problemen und Zielen. Auf der Basis des christlichen Glaubens (Engagement für eine gerechte Welt im Geiste Jesu); solche Basisgemeinden, in der fundamental christliche Werte auch gelebt werden können, können zum Fundament einer neuen Kirche auf der Seite und mit den Armen werden.

 

6. Begründung für eine befreiende Praxis

Warum sollte die Kirche das alles tun? Warum setzen Menschen ihr Leben für solche Ziele ein? 

Hier nur ganz kurz (siehe Dokument, S. 30-35)*:  Das Evangelium ist DIE Botschaft der Liebe zu allen Menschen, gerade zu den Armen, Verlassenen, Unterdrückten. Jesus selbst ist für sie gestorben, denn  wegen seiner Liebe zu ihnen wurde er zum Tode verurteilt. Er hat sich mit „Aussätzigen“  solidarisiert, ja sogar identifiziert. Dies missfiel den frommen Scheinheiligen, den Hohen Priestern und Pharisäern, denen es vor allem um ihre eigenen Verdienste ging, um ihre Macht und ihre Herrlichkeit.

Das Evangelium ist DIE Botschaft der Gerechtigkeit Gottes unter allen Menschen, dass keiner den anderen beherrscht, übervorteilt etc.;  es ist die Botschaft der Brüderlichkeit und der Gleichheit aller Menschen vor Gott. Gerade der Verhungernde, der Nackte, der Ausgeraubte ist gemäß dem Evangelium unser Bruder und unsere Schwester. Die Sache der Armen ist die Sache Christi. Deswegen: Man kann nicht nur theoretisch an Jesus glauben, in der Praxis hieße das aber: sich wirklich und total (als oberstes „Gebot“!) für Gerechtigkeit unter den Menschen und in dieser Welt einzusetzen, wo immer man gerade ist; es bedeutet, sich einzusetzen  und für die da zu sein, die unter die „Räuber gefallen“ sind.

 

7. Die Rolle der Kirche

 

a) Kirche hier bei uns:  

noch viel zu reich, gibt zwar Almosen (und darin sind wir Weltmeister), aber sie profitiert von der Unterdrückung und Ausbeutung der Dritten Welt (selbst unsere Kirchensteuer  - und damit laut offizieller Verlautbarungen unser „Seelenheil“, weil man aus der Kirche ausgestoßen wird, wenn man keine Steuer bezahlt - hängt von wirtschaftlicher Stärke und stetigem Wachstum ab). Die westeuropäische Kirche macht es sich inmitten dieser Gesellschaft und Wirtschaftsordnung sehr bequem, sie ist angepasst und verteidigt die herrschenden Gesellschaftsstrukturen und vor allem eine weltweite Wirtschaftsordnung, die die Mehrheit der Menschheit in immer größeres Elend stürzt. So kann sie - gemessen an ihrer Praxis - nie die Kirche Jesu Christi sein und werden. Sie schafft so auch eine immer größere Kluft in der Kirche selbst, da sie es duldet, dass die einen Christen auf Kosten der anderen Christen leben, diese letztlich um ihr Leben bringen. Kurz: die deutsche Kirche braucht dringend eine radikale Umkehr, ansonsten ist sie zum Absterben verurteilt.

 

b) Was wäre zu tun?  (hier bei uns und in der Kirche)

 

- radikale Umkehr, das bedeutet „neue“ Werte (die alten, urchristlichen Werte) und neue Ziele finden und selbst danach zu leben bzw. Zeugnis davon abzulegen. Abkehr von Profitdenken, von Karriere- und Machtdenken. Der Mensch ist wichtiger als jede Produktionssteigerung und der Profit für wenige.

 

- selbst ein Zeugnis materieller Armut geben und mehr Demut  gegenüber den neuen Aufbrüchen in der 3. Welt, d.h. auf das zu hören, was uns die armen Völker sagen wollen und gemeinsam mit ihnen lernen. Ihr Ruf nach Befreiung ist der Ruf Gottes an uns „Satte“. Sich immer mehr bewusstwerden, dass das Leben sinnvoller wird, wenn man nicht immer mehr haben will, sondern seine Bereicherung darin sieht, im Mitmenschen den Bruder und die Schwester zu erkennen (statt in ihm einen Konkurrenten, vor dem man Angst hat oder den man „besiegen“ muss).

 

- Aufgabe der Kirche hier bei uns wäre es, alternative Lebensstile zu entwickeln und beispielhaft vorzuleben, Modelle und Gemeinschaften, in denen nicht der Wunsch und die Gier nach immer mehr Konsum und Besitz dominant  sind, sondern Vertrauen, Offenheit und Da-Sein für andere. Beides, immer haben wollen und gleichzeitig für andere da zu sein, schließen sich aus. Gibt es keine Umkehr, wird es zu einer wirtschaftlichen und psychologischen (weil innere Verwahrlosung und Desorientierung) Katastrophe kommen. 

Doch die Kirche hat eine Botschaft. Sie muss nur selbst daran glauben und danach leben. Dann bräuchte sie sich um die Zukunft keine Sorgen zu machen, dann Gott wird mit ihr und inmitten ihr sein. Sie wird das Zelt Gottes unter den Menschen sein!

 

* Die hier angegeben Dokumente habe ich nicht mehr gefunden, ansonsten wörtliche Übertragung der handschriftlichen Aufzeichnungen vom Januar 1970 im Januar 2010.   Willi Knecht, Januar 2010

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