50 Jahre Theologie der Befreiung - und heute?

Aus der Perspektive der ehemals Kolonisierten ist die Theologie der Befreiung eine Abkehr von der Theologie der abendländischen Christenheit, die im Kontext der „Sieger“ (Eroberer) formuliert und verkündet wurde.Sie ist eine Umkehr hin zu den biblischen Wurzeln und entstanden aus dem Glauben der Ausgegrenzten an einen befreienden Gott. Sie ist gewiss nicht ohne Irrtümer, und sie braucht Unterstützung - aber keine Belehrungen „ex catedra“. Wie kann man theologisch vorgeben, die Stimme der Armen zu hören (den Ruf Gottes), wenn die Armen, mit denen sich Jesus Christus identifiziert, selbst nicht als Subjekte in dieser Theologie vorkommen? Und wie christlich, von Jesus dem Christus her entwickelt, statt von abstrakten Begriffen einer altgriechischen Philosophie, ist eine solche Theologie?

 50 Jahre „Theologie der Befreiung“ - und heute?

Seit ihrem Entstehen ist diese Theologie umstritten. Besonders die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sahen in ihr gar eine Gefahr für Glaube und Kirche. Sie sei marxistisch geprägt, fördere Gewalt und Revolution (Klassenkampf), beschäftige sich vor allem mit Wirtschaft und Politik – so lauteten u.a. die Vorwürfe. Der Zusammenbruch des Kommunismus (1990) galt schließlich als Beweis, dass auch die Theologie der Befreiung nun „tot“ sei. Selbst einige bis dahin wohlgesonnene europäische Theologen bescheinigten ihr bestenfalls noch eine marginale Bedeutung, steckten sie in eine von ihnen selbst definierte Schublade oder sahen sie großzügig als farbenfrohe und belebende Folklore. Andererseits galt Dom Helder Camara, Bischof von Recife in Brasilien, Vielen als Vorbild, er sagte sinngemäß: „Wenn ich unter den Armen Brot verteile, gelte ich als Heiliger. Wenn ich aber danach frage, warum sie kein Brot haben, gelte ich als Kommunist.“

I. Entstehungsgeschichte

Der Begriff „Theologie der Befreiung" stammt von Gustavo Gutiérrez - zuerst 1969 auf einem Kongress in Chimbote, Peru, dann als Titel seines Buches "Teología de la liberación" (1972, auf deutsch: „Theologie der Befreiung“, 1973).  Schon bei der 2. Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Medellín (Kolumbien) werden die weltweit herrschenden Strukturen als „institutionalisierte Gewalt“ (Dok. von Medellín, Kap 2, 16) bezeichnet. In Lateinamerika spricht man von der „Sünde der Welt“ oder den „Strukturen der Sünde“, wie es selbst Johannes Paul II. (1987) formulierte. Es sind Strukturen, die dem Menschen seine Würde rauben, weil sie den Mammon über den Menschen stellen. Dies alles ist im Wesen dessen begründet, was die Bibel als Götzendienst und als die „Ursünde“, die Versuchung schlechthin, bezeichnet. Papst Franziskus knüpft wieder daran an und führt es weiter.

Die Theologie der Befreiung versteht sich als erste nicht-europäische Theologie. Sie beansprucht, von den Opfern der Geschichte und Gegenwart auszugehen, während die europäische Theologie ihr „Eingebettetsein“ in das jeweils herrschende Imperium und ihre koloniale Vergangenheit (und neokoloniale Gegenwart) kaum verleugnen kann.

Aus der Perspektive der ehemals Kolonisierten ist die Theologie der Befreiung eine Abkehr von der Theologie der abendländischen Christenheit, die im Kontext der „Sieger“ (Eroberer) formuliert und verkündet wurde. Sie ist eine Umkehr hin zu den biblischen Wurzeln und entstanden aus dem Glauben der Ausgegrenzten an einen befreienden Gott. Sie ist gewiss nicht ohne Irrtümer, und sie braucht Unterstützung - aber keine Belehrungen „ex catedra“. Wie kann man theologisch vorgeben, die Stimme der Armen zu hören (den Ruf Gottes), wenn die Armen, mit denen sich Jesus Christus identifiziert, selbst nicht als Subjekte in dieser Theologie vorkommen? Und wie christlich, von Jesus dem Christus her entwickelt, statt von abstrakten Begriffen einer altgriechischen Philosophie, ist eine solche Theologie?

II. Die Option für die Armen als Primat des Evangeliums

Im spanischen Original heißt es: „Opción por los pobres“. „Por“ bedeutet: „um der … willen“ oder „wegen“. Nicht gemeint ist: „Für die Armen“, denn sonst müsste es heißen „para los pobres“. Das bedeutet aber einen wesentlichen Unterschied: „Für die Armen“ wird oft als rein caritative Hilfe für Arme verstanden (Almosen). Eine „Opción por los pobres“ bedeutet solidarisch werden und die Situation derer teilen, mit denen man sich solidarisiert. Das Beispiel schlechthin ist Jesus, der nicht für unsere Sünden, sondern wegen unserer Sünde hingerichtet wurde. „Die Armen zu verteidigen bedeutet nicht, Kommunist zu sein,sondern bedeutet, die zentrale Botschaft des Evangeliums zu verstehen“ (Papst Franziskus, Botschaft zum Palmsonntag, 05.04.20). Der Papst erinnert daran, dass die erste Frage Jesu im Gericht sein wird: „Wie hast du es mit den Armen gehalten? Hast du ihnen zu essen gegeben? Hast du sie im Gefängnis oder im Krankenhaus besucht? Hast du der Witwe und dem Waisenkind geholfen? Denn ich war es, dem du da begegnest bist.“Eine einfache Wahrheit, mit einfachen Worten, genau wie auch Jesus in einfachen Worten zu den Menschen spricht, die ihn deshalb verstehen. Nur Schriftgelehrte hatten damals Probleme, ihn zu verstehen, denn sie hatten ja ihre eigenen Weisheiten. Ist dies heute anders?

Um die Worte Jesu und den Schrei der Gekreuzigten nach Brot und Gerechtigkeit zu hören und zu verstehen, bedarf es einer bestimmten Hermeneutik - Hermeneutik nicht zuerst als Methode, sondern als eine innere Disposition, den Anruf Gottes, des leidenden Nächsten, auch verstehen zu wollen. Diese Fähigkeit ist jedem Menschen gegeben. (Karl Rahner, „Hörer des Wortes"). Sie wird aber – vielleicht heute mehr als je zuvor – buchstäblich zugemüllt, verschüttet von dem steten Bestreben nach immer mehr Konsum und mehr Anerkennung und erschüttert von einem überbordenden Individualismus. Dieser Individualismus wird gefordert und befeuert von einem Wirtschaftssystem, das gerade darauf beruht, sich selbst und seine Bedürfnisse zum obersten oder gar absoluten Maßstab zu machen.

In seinem ersten öffentlichen Auftreten verkündet Jesus den Beginn einer neuen Zeit, den Anbruch des Reiches Gottes: Lahme werden gehen, Blinde werden sehen und Gefangene werden befreit werden. Diese neue Zeit steht denen zuerst offen, die im Verhungernden und den seiner Kleider Beraubten den Mensch gewordenen Gott entdecken. Doch eine solche Botschaft ist unvereinbar mit der weltweit herrschenden Praxis in Wirtschaft und Politik. Daher wird Jesus zum Tode verurteilt. Doch Gott identifiziert sich mit dem „Gotteslästerer“ und bestätigt die Wahrheit seiner Botschaft. Diese Deutung der Geschichte und der heutigen Welt ist ein Glaubensakt. Option für die Armen bedeutet daher, den Kern der christlichen Botschaft zu erkennen, Jesus nachzufolgen und (besonders für Nicht-Arme) Christus im Armen zu begegnen.

Diese Erkenntnis ist ein Akt tiefer Spiritualität und gelebter Praxis. Das Bestehen von Armut spiegelt einen Bruch in der Solidarität der Menschen untereinander und in ihrer Gemeinschaft mit Gott, Armut ist Ausdruck von Sünde, d.h. der Verneinung von Liebe. Deshalb ist sie unvereinbar mit der Herrschaft Gottes, die ein Reich der Liebe und der Gerechtigkeit inauguriert. Dies führt zu einer konkreten Glaubenspraxis: Existenzielles Engagement gegen die Ursachen der Armut und gegen jede Form von Ungerechtigkeit und für die Überwindung der Abgründe zwischen den Menschen und Leben in einer Gemeinschaft, die ein Zeichen Gottes in dieser Welt ist. Die Propheten bezeichnen dies als den wahren Gottesdienst (Amos 5, 21-27). Eine solche Option ist unmissverständlich. Sie ist nicht neutral, weil Gott nicht neutral ist, sondern Partei ergreift. Die Reichen sind aber nicht ausgeschlossen. Wenn die Kirche von den Armen ausgeht, ist sie für alle Menschen da. Arme sind auch alle Menschen, die dies nicht nur im wirtschaftlichen Sinne sind, sondern alle, die aus rassistischen, kulturellen, sexistischen Motiven gewaltsam daran gehindert sind, in Würde als Mensch zu leben - biblisch: denen die verheißene Fülle des Lebens bewusst und strukturell vorenthalten wird.

III. Persönliche Beziehung

Im SS 1972 hatte sich in der Jesuitenhochschule Frankfurt-St. Georgen der erste Arbeitskreis „Theologie der Befreiung" in Deutschland gebildet. Anlass war das Buch „Theologie der Befreiung" von Gustavo Gutiérrez. Er wurde von lateinamerikanischen Doktoranden, mit konkreten Erfahrungen aus LA, initiiert und getragen. Einzige deutsche Mitarbeiter waren Christian Herwartz (heute Obdachlosenpriester in Berlin) und ich. Pater Semmelroth und Pater Grillmeier waren konstruktiv-kritische Begleiter. Aus meiner Seminararbeit, 1974: „Das Nein zum Anderen ist die ´Sünde der Welt`, die Ursünde. Geschichtlich und real gesehen nimmt diese Sünde seit dem 15. Jh. die konkrete Gestalt des Neins des nordatlantischen Zentrums zum Indio, Afrikaner, Asiaten, zum Landarbeiter, zum Außenseiter an. Der Europäer erobert die ganze Welt und sieht dies als legitime Ausfaltung seines Ich, seiner Welt und seiner Kultur an. Er leugnet damit die anthropologische Andersheit (z.B. den „Indio“) und die absolute Andersheit (Gott). Er erklärt seine Welt zur Welt schlechthin und erhebt die Herrschaft des Menschen über den Menschen zur ´natürlichen Ordnung´ (Aristoteles). Im Namen Gottes, der in Wirklichkeit der von den ´Fürsten dieser Welt´ geschaffene Gott war, zogen sie aus, die ´Wilden´ zu zivilisieren. Und weil dies im Namen Gottes geschah, im Namen der einzig wahren Zivilisation, fühlten sie sich nicht schuldig, sondern im wahrsten Sinne des Wortes als ´Heilsbringer´. Diese Praxis der Herrschaft ist die Praxis des Nein zu Abel und sie beginnt da, wo der Andere verneint und das Ich verherrlicht wird. Und sie endet in der Herrschaft der Starken über die Schwachen.“

Die Welt des „ganz Anderen“, ein Gott, der von „außen“ her diese geschlossene Welt aufbricht und dies gerade dadurch, dass er unter den Ausgestoßenen, Mensch wird, kann in der griechischen Philosophie nicht einmal ansatzweise gedacht werden. Dass dann gerade eine solche Philosophie mit ihrer Begrifflichkeit zum „Geburtshelfer“ des Glaubens an Jesus den Messias und der im 4. Jh. entstandenen Christologie werden konnte, kann als die Ursünde der Kirche bezeichnet werden. Denn sie verhindert, die wesentliche Botschaft des Christentums zu erkennen: Die Menschwerdung Gottes, Leiden, Tod und Auferstehung Jesu und dessen Frohe Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes. Diese Botschaft stellt das komplette Kontrastprogramm zur griechischen Philosophie dar. Diese genannte Ursünde wirkt bis heute weiter, nun im „römischem Gewand“, äußerlich sichtbar in Mitra und römischen Gewändern.

Ich persönlich spreche eher von einer Praxis oder Kirche der Befreiung. Denn es ist nicht die Theologie die befreit, sondern eine ganz konkrete Praxis, die sich am Glauben und der Praxis Jesu orientiert, die sich z.B. mit allen Menschen, besonders den Bedürftigen an einen Tisch setzt und mit ihnen das Brot teilt, d.h. alles, was der Mensch zum Leben braucht und so selbst zum „Brot des Lebens" für andere wird. Es geht eher darum, die Theologie von ihrer europäischen Dominanz zu befreien - eine Befreiung von ihrer Vergangenheit als Stütze und Rechtfertigung schlimmster Verbrechen im Namen des christlichen Abendlandes. Und diese Geschichte reicht bis in die Gegenwart.

Anmerkung „Kapitalismus“: Darunter wird in der Theologie der Befreiung (und generell in Lateinamerika) nicht zuerst eine Wirtschaftsweise verstanden, sondern eine Geisteshaltung und Verhaltensweise - der Mitmensch zuerst als Konkurrent, gegen die Schöpfung und gegen die Gemeinschaft aller. An welchen Gott glauben wir, an was hängen wir unser Herz? Papst Franziskus drückt dies auf seine Weise aus: „Wir haben gegen die Erde gesündigt, gegen unseren Nächsten und letztlich gegen den Schöpfer, den liebenden Vater, der für alle sorgt und möchte, dass wir in Gemeinschaft leben und miteinander teilen, was wir zum Leben brauchen.“ (Generalaudienz am „Welttag der Erde“ am 22.04.2020). Er sieht in dieser Verneinung Gottes einen Virus, der das Überleben der Menschheit gefährdet.

Oscar Romero: „Der Kapitalismus ist das Unchristlichste an der Gesellschaft, das wir haben. Es gibt einen Götzenkult um das Kapital und das Privateigentum“. 

Die ökum. Patriarchen des Nahem Osten - Aufruf zum Widerstand gegen die widerrechtliche Annexion des Westjordanlandes durch Israel (20.6.20): "Wir bekennen, dass wir mit unserem Einsatz als ChristInnen .... der Theologie des Imperiums widerstehen – einer globalen Ordnung der Herrschaft, die sich in rassistischer, wirtschaftlicher, kultureller und ökologischer Unterdrückung manifestiert, welche die Menschheit und Gottes ganze Erde bedroht. Mit diesem Bekenntnis nehmen wir unsere Zugehörigkeit zur Gemeinschaft des gebrochenen Brotes und der Kirche wahr in der Erfüllung ihrer Mission, allen die gute Botschaft von Gottes Gabe der Liebe, der Barmherzigkeit, des Mitgefühls und des Lebens in Fülle für alle zu bringen."

 IV. Ausblick

 Das Apostolische Schreiben „Evangelii Gaudium“ (2013), die Enzyklika „Laudato Si“ (2015) und das Nachsynodale Apostolische Schreiben „Querida Amazonia“ (2020) von Papst Franziskus stellen die Wegmarken dar, die der Kirche einen Weg in die Zukunft weisen können: Weg von einer europäisch-römischen Kirche hin zu einer katholischen, weil  allumfassenden Kirche (innerkirchlich notwendige Reformen bleiben an dieser Stelle außen vor). Gerade am Beispiel Amazoniens wird deutlich, welche Konsequenzen es hat, wenn die Schöpfung Gottes zum bloßen Objekt wird, über die der Mensch nach Belieben verfügen kann. Die Lebensgrundlagen nicht nur der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt, sondern des Menschen selbst werden zerstört. Genuin europäische „Errungenschaften“ wie die Trennung von Objekt und Subjekt, ein auf die Spitze getriebener Individualismus mit einer damit verbunden „Heiligsprechung“ des Privateigentums und ein dem Kapitalismus innewohnender Wachstumswahn (u.a.) gefährden das Überleben von immer mehr Menschen und Tieren.

Das Mindeste, was die Theologie in Europa leisten kann ist, sich theologischen und kulturellen Entwicklungen außerhalb Europas zu öffnen. Die Erfahrungen und Weisheiten indigener Völker, ihrer Kultur und ihrer Lebensweise, können uns helfen, Auswege aus der Sackgasse zu finden, in die wir selbstverschuldet geraten sind. Hier kann und muss deutlich werden, was das Wort „Umkehr“ bedeutet. In den synoptischen Evangelien beginnt Jesus seine Mission mit dem Ruf zur Umkehr: eine neue Zeit beginnt, in der Liebe und Gerechtigkeit der Maßstab sind. Diese seine Botschaft gilt es aber sachgerecht zu interpretieren. Ein Beispiel sind die beiden konträren Gleichnisse am Ende seiner Verkündigung. Entweder hemmungslose Vermehrung seines Vermögens, so wie es eben in dieser Welt zugeht (Mt 25, 14-30), oder aber wie in der nun beginnenden neuen Welt: „denn ich war hungrig…“ (Mt 25, 35ff). Eine „imperiale Theologie“ pervertiert aber das Gleichnis vom anvertrauten Geld (Talente) auf eine ihr entsprechende Weise

In der Nachfolge Jesu hat die Kirche den Auftrag, Zeichen dieser „neuen Welt“ zu sein. Sie wird zu diesem Zeichen, wenn sie sich glaubwürdig für die Natur und vorrangig vor allem die Menschen einsetzt, deren Rechte und Würde mit Füßen getreten werden und die unter die Räuber gefallen sind. Christliche Basisgemeinden, deren Kennzeichen eine befreiende Praxis ist, sind in manchen Teilen der Welt zu einem Ort der Hoffnung geworden. Denn sie legen Zeugnis ab von der Gegenwart Gottes, eine Gegenwart, die alle Fesseln sprengt und die uns auch selbst frei macht, den Schritt in diese „neue Welt“ zu wagen. Campesinos in den Anden Perus, auf deren Weg ich lange Zeit mitgehen durfte, haben dies in einem von ihnen selbst verfassten Glaubensbuch so beschrieben: „Vamos caminando – mit Jesus dem Christus auf dem Weg zu unserer Befreiung“.

Dr. theol. Willi Knecht, veröffentlicht (außer Anmerkung) am 1.7.20 in „Der Geteilte Mantel“, dem weltkirchl. Magazin der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Jährliche Erscheinungsweise, wird verschickt an Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen,Verbände etc.

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