Einleitung - Vorwort
„Es ist noch nicht lange her, da zählte die Erde 2 Milliarden Einwohner, das heißt, 500 Millionen Menschen und eine Milliarde, 500 Millionen Eingeborene. Die ersten verfügten über das Wort, die anderen entliehen es. Zwischen jenen und diesen dienten käufliche Zaunkönige, Feudalherren und eine aus dem Boden gestampfte Bourgeoisie als Vermittler. In den Kolonien zeigte sich die Wahrheit nackt; die „Mutterländer“ bevorzugten sie bekleidet. Der Eigeborene musste die „Mutterländer“ lieben – wie Mütter. Die europäische Elite begann, eine Eingeborenenelite aufzubauen. Man wählte Jünglinge aus, brannte ihnen die Prinzipien westlicher Kultur auf die Stirn und stopfte ihnen tönende Knebel in den Mund - große teigige Worte, die ihnen an den Zähnen klebten. Nach einem kurzen Aufenthalt im Mutterland schickte man sie verfälscht nach Hause zurück. Diese lebenden Lügen hatten ihren Brüdern nichts mehr zu sagen – sie hallten nur noch wider. Das war das goldene Zeitalter - doch es ging zu Ende…“ (Vorwort J. P. Sartre zu „Die Verdammten dieser Erde“, von Frantz Fanon, 1961)
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- Aktuelles Beispiel Neo-Kolonialismus (heute)
„In Frankreich gibt es keine einzige Goldmine. Dennoch besitzt dieser Kolonialstaat mit 2.436 Tonnen die viertgrößten Goldreserven der Welt. Die ehemals französische Kolonie Mali besitzt genau 0,0 Tonnen Gold, obwohl es mehrere Dutzend Minen (darunter 14 offizielle) im Land hat, in denen pro Jahr 70 Tonnen davon abgebaut werden. Von den Einnahmen aus knapp 60 Tonnen Gold, die von schätzungsweise 600.000 Kindern in der ehemals französischen Kolonie Burkina Faso geschürft werden, gehen nur 10% an das Land, aber 90% an multinationale Goldgräberkonzerne. Die letzte seiner 210 Uranminen hat Frankreich im Jahr 2001 geschlossen. Aus dem Niger stammen etwa ein Viertel der europäischen und ein Drittel der Uranimporte Frankreichs, das mit 56 Kernkraftwerken einen Spitzenplatz unter den Atomstromexporteuren der Welt belegt. Die (ehemals) französische Kolonie Niger verfügt über die hochwertigsten Uranerze Afrikas und ist der siebtgrößte Uranproduzent der Welt, aber der Weltbank zufolge sind 81,4% seiner Bürger noch nicht einmal ans Stromnetz angeschlossen. 40% leben unterhalb der Armutsgrenze, ein Drittel der Kinder ist untergewichtig, die Analphabeten Quote liegt bei 63%. Nur die Hälfte der Einwohner hat Zugang zu sauberem Trinkwasser, nur 16% sind an eine angemessene Sanitärversorgung angeschlossen.“
Am 4. Oktober 1983, vor über 40 Jahren, wurde Thomas Sankara zum revolutionären ersten Präsidenten von Burkina Faso. Bis dahin hieß das Land Obervolta, unter Sankara wurde Land in Burkina Faso umbenannt. Der Name bedeutet „Land der aufrichtigen Menschen“. Bis zu Sankaras Ermordung 1987, in die auch CIA und der französische Geheimdienst involviert gewesen waren, setzte der von Anti-Kolonialismus, Anti-Imperialismus und Panafrikanismus geprägte Präsident tiefgehende Reformen durch.
Das Land umgebaut
Innerhalb von vier Jahren konnte die Alphabetisierungsrate von 13 auf 73% erhöht werden. Um die Wüstenbildung zu stoppen, ließ er 10 Millionen Bäume pflanzen. Ohne ausländische Hilfsgelder setzte das Land Infrastrukturprojekte wie neue Straßen und Eisenbahnstrecken um. Frauen wurden in hohe öffentliche Ämter berufen und ermutigt, am öffentlichen Leben sowie am Staatswesen teilzuhaben. Genitalverstümmelung, Zwangsehen und Polygamie wurden verboten. Feudale Grundbesitzer wurden enteignet und das Land an Bauern übergeben. So stieg die Weizenproduktion innerhalb von drei Jahren von 1700 kg pro Hektar auf 3800 kg pro Hektar. Damit wurde Burkina Faso unabhängig von Nahrungsimporte. Sein eigenes Gehalt und jenes der Politiker wurde radikal gekürzt, die Mercedes-Dienstwagenflotte verkauft und mit gebrauchten Renaults ersetzt. Heute ist Burkina Faso wieder eines der unterentwickeltsten Länder der Welt (Platz 184 von 191 im „Human Development Index“). Das Land ist ebenso wie Sankara für Jahrzehnte aus dem internationalen Fokus geraten. Gerade ändert sich das aufgrund der Spannungen in Niger und der gesamten Sahelzone. (von Libyen, Sudan, Somalia, Jemen ganz zu schweigen...)
1954: Ðiên Biên Phú zählt zu den ersten entscheidenden Triumphen des Nicht-Westens gegen die Aggressionen der imperialen Mächte in der sogenannten „Ära der Unabhängigkeit“ - als „das Stalingrad der Entkolonialisierung“. Wie konnten sich die Vietnamesen in diesem welthistorischen Moment durchsetzen? Darin liegt eine Lektion, die es wert ist, gelernt zu werden (... das Volk, überwiegend Bauern, die um ihr Land kämpften, von dem sie einst leben konnten, das man ihnen aber geraubt hatte… . L.B. Johnson 1966: „Sie wollen das haben, was wir haben – wir werden es ihnen aber nicht geben!“
Erinnerung an den Kongo 1961 – Lumumba ermordet, stattdessen Mobuto – ein US-Söldner, 10 Milliarden auf Schweizer Bank, aber …
All das hat mich geprägt Theologie zu studieren (erst ab 1971, vor Pädagogik und Psychologie), warum? M. Luther: „An was du dein Herz hängst, das ist dein Gott“. Daher: wie funktioniert die Welt – Wirtschaft, Herrschaft, Macht und wer die Verlierer
Bibl. Bilder (AT): Turmbau zu Babel > Pfingsten: alle verstehen sich…. In wessen Geist und in welchem Tun (Praxis)?
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- Europäische Kosmovision (griech. Philosophie)
Abendländische und andine Kosmovision – ein Vergleich
Vorbemerkung:
Es wird meist als selbstverständlich vorausgesetzt, dass das Christentum als eine europäische Religion verstanden wird. Dabei wäre eine Untersuchung über die geglückte oder nicht geglückte Inkulturation des Evangeliums als Zeugnis einer vorderasiatischen bzw. morgenländischen (!) Religionskultur in Europa vermutlich dringlicher und spannender als die entsprechenden Untersuchungen in Bezug auf Amerika. Dabei könnte die Frage aufgeworfen werden, ob das Evangelium dem Verständnis der indianischen (auch afrikanische, etc.) Völker nicht viel näher ist als den Völkern Europas und ob daher das Evangelium nicht auf dem „Umweg“ über die nichteuropäischen Völker die Europäer lernen könnten, das Evangelium unter Beachtung interkultureller Kriterien besser zu verstehen bzw. neu zu entdecken.
Wir sind es gewohnt, die Welt und alles, was in ihr geschieht, von dem Kontext aus wahrzunehmen und zu deuten, in den wir hineingeboren und erzogen worden sind. Dies gilt nicht nur individuell für die Eltern-Kind-Situation, sondern auch viel allgemeiner für den geschichtlich-kulturellen Kontext, so wie er sich seit Jahrhunderten herausgebildet hat. Unsere europäische Kultur ist zweifelsfrei geprägt von christlichen Vorstellungen, unabhängig davon, wie wir heute zu ihnen stehen. Moral, Sitten und Gebräuche bis hin zu Wertvorstellungen, Weltanschauungen und Ideologien bilden einen Rahmen, der uns vorgegeben ist, der aber auch natürlich für Veränderungen und Entwicklungen offen ist. Diesem Kontext gegenüber haben wir uns zu verhalten und dies geschieht in sehr individueller Weise. Diese Kontexte, oder auch Kosmovisionen (Weltanschauungen) genannt und deren kulturellen und religiösen Inhalte und ethisch- philosophische Werte, sind weltweit verschieden.
A. Die abendländische Kosmovision
Unsere westlichen Werte, auch osteuropäische, also europäischen Werte, haben ihren Ursprung in der griechisch-römischen Tradition. Römisch ist vor allem noch unser Rechtssystem mit seiner Betonung des im Gegensatz zu anderen Kulturen nahezu absoluten und individuellen Rechts auf Eigentum. Aber das christliche Abendland, selbst wenn es heute nicht mehr als überwiegend christlich wahrgenommen wird - hat es nicht seine Wurzeln in der Botschaft Jesu Christi, seinen Worten und Taten? Nun, spätestens im 4. Jh. wurden die Worte und Taten Jesu Christi, der seine Wurzeln im jüdisch-hebräischen Glauben hatte, uminterpretiert, übersetzt und implantiert in die Gedankenwelt und Terminologie der griechischen Philosophie, oder anders ausgedrückt: Nicht mehr die Worte und Taten des Jesus von Nazareth, der Propheten des AT und die Praxis der ersten Christen standen im Mittelpunkt des Glaubens der Kirche, sondern die philosophischen Konstrukte und Definitionen der herrschenden griechischen Philosophie.
Seit ihrem Entstehen vor mehr als 2.500 Jahren begreift sich diese Weltanschauung insofern als eine totalitäre Weltanschauung, als sie andere Sichtweisen und Erfahrungen fremder Völker als „barbarisch“ bezeichnet und daher nicht als dialogfähig anerkennen kann. Der Andere wird in seiner Andersheit geleugnet und umgekehrt ergibt sich daraus automatisch ein Anspruch auf universelle Gültigkeit, die dazu führt, den Anderen nicht nur nicht anzuerkennen, sondern ihn noch nicht einmal als solchen wahrnehmen zu können. Er ist schlichtweg entweder nicht existent oder er wird vereinnahmt und zwangsweise in die eigene Welt integriert oder ausgelöscht.
Diese Sichtweise wurde dann noch verstärkt, durch den Absolutheitsanspruch der nun herrschenden Kirche mit ihren unfehlbaren Dogmen und rigiden Moralvorstellungen. Die Kirche begründete ihren Absolutheitsanspruch auf der griechischen Philosophie und dann in der "Heiligen Allianz" von Thron und Altar. Seit Beginn der Neuzeit und der Kolonialisierung der Welt wurde dieser Anspruch globalisiert und weltweit durchgesetzt. Ist es noch relativ leicht nachzuweisen, dass die europäischen Eroberer z.B. den Indio, den Andersfarbigen und Andersartigen nicht als gleichwertigen Menschen mit eigener Kultur, Würde und Identität wahrnehmen konnten, so fällt die Einsicht, dass dies sich bis heute möglicherweise nicht wesentlich geändert hat, viel schwerer. Philosophie und gerade auch deutscher Theologie fällt es nicht leicht, nichteuropäische Entwürfe als gleichwertig anzusehen oder gar von ihnen zu lernen. Da gleichzeitig der Faktor der wirtschaftlich-politischen Abhängigkeit bei Theologen weitgehend unberücksichtigt bleibt, kann man nur schwer erkennen, dass die von Europa ausgehende realpolitische und wirtschaftliche Eroberung der Welt als konsequente Weiterführung einer totalitären Weltanschauung gedeutet werden kann.
Diese Weltanschauung findet ihre aktuelle Konkretisierung (quasi ihre „Inkarnation“, sie wird Fleisch und Blut) in der von den weißen Eliten ausgehenden Definition und Gestaltung einer Globalisierung, die - wie schon seit Beginn der Moderne um 1.500 - den Rest der Welt in maßloses, nicht nur materielles, Elend stürzt. Der Ausschluss der Armen erweist sich als konsequente Weiterführung dieser Art von Philosophie und Theologie. Wer ideell die Andersheit nicht erkennen kann oder sie bewusst ausschließt, liefert den Anderen der Gefahr auch der realen physischen Vernichtung aus. Eine exklusive abendländische Theologie rechtfertigt de facto diesen Tatbestand oder sie kann sich zumindest nicht glaubhaft dagegen wehren, wenn sie eventuell auch gegen ihren Willen von den Herrschenden dazu benutzt wird.
Ohne Gold kein Evangelium (G. Gutiérrez):
Zitate: „Und so gab Gott ihnen – den Ungläubigen, Würdelosen und Stumpfsinnigen Heiden – Gebirge von Gold und Silber, fruchtbare und herrliche Länder; damit es Menschen gebe, die um Gottes Willen hierher kommen wollten, das Evangelium, zu predigen, sie zu taufen und diese Seelen mit „Jesus Christus zu vermählen. Daher kommt es, dass einige wegen dieser Reichtümer gerettet und andere wegen des Mangels an ihnen verdammt wurden“. Und weiter: „Wir sehen klar, dass es dorthin, wo es sie gibt – diese Schätze – das Evangelium im Fluge um die Wette kommt, während dort, wo e sie nicht gibt, sondern nur Arme, dies ein Zeichen der Zurückweisung ist, denn dorthin kommt das Evangelium niemals. Weil ein Land ohne diese Mitgift an Gold und Silber auch kein Heerführer gehen will und auch kein Verkünder des Evangeliums“. G. Gutiérrez dazu: „Eine unverhohlenere Bekundung von Rassismus und Eurozentrismus wird kaum zu finden sein. Letztlich steht das Gold , wo sonst Christus steht: Als Mittler der Liebe des Vaters! Denn aufgrund des Goldes konnten die Indianer den Glauben empfangen und so gerettet werden, während sie ohne ihn verdammt würden. So wird das Gold zum wirklichen Vermittler der Anwesenheit Gottes in Westindien. Es handelt sich um eine völlig verkehrte Christologie.“ García de Toledo und José de Acosta liefern somit die perfekte Rechtfertigung für die Raub und Totschlag und letztlich für einen Völkermord im Namen des Gottes. Denn sie schreiben: „An dem Tag, an dem Gold und Silber ausgingen, wäre es mit dem Zustrom hierher vorbei und die ganze Legion von Zivilisten und Priestern verschwände bald“. Las Casas: „Was hier wie eine Vorausschau anmutet, ist u.a. auf den großen Antillen Wirklichkeit geworden. Denn diese Inseln waren in früheren Zeiten, als es Gold und Silber gab, dicht bevölkert. Heute sind sie nahezu verlassen und verwildert.“
Bartolomé de Las Casas war der große Gegenspieler der beiden genannten Theologen. In Spanien selbst war es Ginés de Sepúlveda – damals einer der wirkmächtigsten Theologen Europas – der daraufhin B. de Las Casas u.a. beschuldigte die gesamte Evangelisierung Amerikas und sogar das Leben der Missionare zu gefährden, wenn sie nun ohne militärischen Schutz ausreisen würden.
Nicht zu vergessen sind an dieser Stelle die Pedro de Córdoba, Antonio Montesino u.a., die sich für die Indios….
Parallele zu heute: „Das Gold von Cajamarca“ > Fortschritt und Wohlstand etc. – stattdessen Verwüstung, Vertreibung, Verelendung.. für die gesamte Region. Rolle von Bischof Simón, dem Nachfolger Dammerts: „An welchen Gott glaubst du…? Gott oder das Gold.
- Imperiale Theologie (Weiß, statt weise) Beispiele: Schöpfungsgeschichte - Exodus - Samariter - Talente
3a. Eucharistie – Grundsakrament
Eucharistie als Solidarität mit den „Wegwerfmenschen“ (von Papst Paul VI. zu Papst Franziskus)
Bereits Papst Johannes XXIII. sprach bereits kurz vor der Eröffnung des Konzils von einer „Kirche der Armen“. Papst Paul VI. besuchte vom 22. - 25. 8. 1968 dann als erster Papst Lateinamerika. Anlass war der Eucharistische Weltkongress in Bogotá, Kolumbien. In einer Ansprache spricht er die Landarbeiter und Tagelöhner mit den Worten an: "Ihr seid ein Zeichen, ein Abbild, ein Mysterium der Präsenz Christi. Das Sakrament der Eucharistie bietet uns seine verborgene Gegenwart an, lebendig und real; Ihr seid auch ein Sakrament, d.h. ein heiliges Abbild des Herrn in der Welt, eine Widerspiegelung, die eine Vertretung ist und die nicht sein humanes und göttliches Gesicht verbirgt ... Die gesamte Tradition der Kirche erkennt in den Armen das Sakrament Christi." Im Blick auf Mt 25 fügt er sinngemäß hinzu, dass der Messias sich mit dem Leidenden, Hungernden und „Nackten“, identifiziert. In der Begegnung mit den Menschen im Straßengraben und in den ihrer Lebensgrundlagen Beraubten begegnen wir Jesus dem Christus. In Bezug auf das Selbstverständnis und die Praxis der Kirche lässt sich daher sagen: Wenn die Kernaufgabe, der eigentliche Auftrag der Kirche in der Welt und der Grund ihrer Existenz, darin besteht, das Evangelium zu bezeugen und zu verkünden, und wenn sie weiß, wo die Orte der realen Präsenz Gottes in der Welt sind, nämlich in der barmherzigen Begegnung mit dem Armen und von Not Bedrängten aller Art, dann gibt sie das Fundament an, auf dem sie ihre Legitimität baut: Die Kirche ist da, um Leben, Kreuz und Auferstehung Christi in der Welt zu vergegenwärtigen und zu bezeugen.
„Wir können mit der Messe, mit den Sakramenten und der Liturgie den Atheismus predigen, wenn wir uns nicht für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen. Die uns im Gotteshaus versammelt sehen, sehen sie uns auch Hand anlegen beim Kampf um die Gerechtigkeit, damit alle unsere Geschwister in Würde leben können?“ (Bischof Fragoso, Brasilien 1973). Bischof Fragoso wurde wie andere wegen diesem seinen Glauben eingesperrt und misshandelt - solche Frauen und Männer sind daher die wahren Zeugen des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Mit Papst Franziskus haben die zentralen Themen des Evangeliums nun wieder an Bedeutung gewonnen. Themen wie eine „Kirche der Armgemachten“ bzw. eine (materiell) arme Kirche sind eine prophetische Herausforderung gerade auch an unsere Diözesen und Landeskirchen - an uns alle. Eine jesuanische Spiritualität, die uns in ausgegrenzten und leidenden Menschen den gekreuzigten Christus entdecken lässt, wird zu einem radikalen Umdenken führen und Welt und Kirche erneuern.
Was im Kontext des letzten Abendmahls oft übersehen wird: Jesus gab seinen Aposteln beim Abschiedsessen das Beispiel des Lebens, das sie führen sollten: Die Füße anderer waschen (Joh. 13,12-15). Das bedeutete, dass sie ihr Leben nicht als abgehobene Kaste, als „Privilegierte“, sondern als „Sklaven“ im Dienst des Nächsten führen sollten. Die Fußwaschung war in den Gemeinden des NT ein Frauendienst. Es ist also das Beispiel der Frauen, das Jesus als Leitbild für seine Nachfolge wählt. Die Männer des Evangeliums stehen dagegen in seltsamen Kontrast zu diesen Frauen. Es sind ausschließlich Männer, die geheilt werden müssen oder die Jesus nicht verstehen. Sie sind es, die der Heilung bedürfen. Sie sind blind und lahm, sterben fast oder sind schon tot. Außerdem: Sie hören das Wort Gottes (die Frohe Botschaft), verstehen es aber nicht und das Entscheidende: Jesus ist auferstanden, er lebt, er ist mitten unter uns, aber sie sind taub und blind. Es ist eine Frau, die voller Liebe ist und die deswegen versteht, dass Jesus lebt und die dann seinen männlichen Jüngern die Augen öffnet. Wenn also doch von den „Ersten im Reich Gottes“ die Rede sein sollte, dann von Menschen wie Maria Magdalena (Maria von Bethanien?). „Wenn wir alle diese Aspekte berücksichtigen, so ist der/die Evangelistin daran interessiert, Maria von Bethanien als die wahre Jüngerin und Amtsträgerin zu schildern. Maria nimmt Jesu Gebot, als Zeichen der Agape-Praxis wahrer Nachfolge einander die Füße zu waschen, vorweg“. (Fiorenza Schüssler) So gab Jesus seinen Aposteln beim Abschiedsessen das Beispiel des Lebens, das sie führen sollten: Die Füße anderer waschen (Joh 13,12-15). Das bedeutete, dass sie ihr Leben nicht als abgehobene Kaste, als „Privilegierte“, sondern als „Sklaven“ im Dienst des Nächsten führen sollten.
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3b. Eucharistie als befreiende Praxis
Jesus der Auferstandene ist nicht zuerst in unseren Tempeln zu finden - eingeschlossen auch noch in einem goldenen Tabernakel! Com-Union bedeutet vielmehr, in Gemeinschaft mit Jesus und mit den Menschen sein, mit denen er sich vorrangig identifiziert. (Mt.25, Lararus) Und umgekehrt: Mit dem unter die Räuber Gefallenen zu sein, bedeutet Jesus in sich aufzunehmen. Es kann diese Gemeinschaft nicht geben ohne die Bereitschaft zur Hingabe. Wenn Jesus sagt, „Dies ist mein Leib“ (hebr.: sôma) den ich mit euch teile, dann bedeutet dies: „Das, was ich mit euch teile, bin ich selbst, mein Leben als Messias, meine Verheißung, meine Vision von einer neuen und gerechteren Welt. Das ist der Sinn meiner Hingabe: Dass ihr alle das Leben in all seiner Fülle habt“. Z.B. Brotvermehrung: Und als die Menschenmenge seine Worte hörte, aber viele nicht mehr genügend zu essen hatten, begannen alle, die etwas dabei hatten, ihre Vorräte auszupacken und zu verteilen. Und alle wurden satt…! Und wenn wir dies als Christen auch so machen würden - es würde für uns alle - alle Menschen dieser Erde - reichen.
Eine wirkliche Umkehr und damit auch eine Erneuerung der Kirche wird es daher ohne eine vertiefte Spiritualität bzw. eine Vertiefung des Glaubens an Jesus den Christus nicht geben. Eine jesuanisch geprägte Spiritualität hat aber nichts zu tun mit der bei uns oft üblichen Suche nach Spiritualität, wo es oft zuerst um meine Seele, „meinen“ Gott oder um die eigene Befindlichkeit geht. Eine biblisch-jesuanische und somit eine unterscheidend christliche Spiritualität besteht darin, im gekreuzigten Nächsten das Antlitz des gekreuzigten Christus zu erkennen und an der Seite der Gekreuzigten darum zu kämpfen, dass immer weniger Menschen den global agierenden Räuberbanden zum Opfer fallen. In der Begegnung und der Identifikation mit dem Nächsten (siehe der barmherzige Samariter) werde ich selbst zum „Leib Christi“ und werde dem Nächsten so zum „Brot des Lebens“.
Dieses zeichenhafte, sakramentale Geschehen, das auf Jesus den Messias verweist, hängt nicht davon ab, ob ein geweihter Mensch diesem Geschehen vorsteht (dazu noch abhängig von dessen Geschlecht und von oben ernannt und ohne Zustimmung der Gemeinde). Die Gemeinschaft der Jüngerinnen Jesu Christi, die in seinem Namen Eucharistie feiert, ist die eigentlich handelnde „Person“. Sie verwandelt im Auftrag Jesu Brot und Wein, die Güter der Erde, in Nahrung für alle Menschen. Dadurch wird Jesus der Christus gegenwärtig – er lebt in uns und wirkt durch uns – und wir selbst werden so zu Söhnen und Töchtern Gottes – zu Geschwistern.
Meine Predigt aus Anlass der zentralen Eröffnung der Misereor-Fastenaktion der Diözese Rottenburg-S. in Wasseralfingen, 8. 3. 1987).[1]
„Wir feiern zusammen die Eucharistie. Wir gedenken des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Wir sagen Dank dafür, dass Jesus uns durch seine Hingabe ein neues Leben ermöglicht und uns den Weg zeigt. Wir nehmen in dieser Feier die endgültige Gemeinschaft aller Menschen untereinander und mit Gott vorweg. Das biblische Bild dazu: Hochzeitsmahl, Tischgemeinschaft mit denen, denen ansonsten der Zugang zum Tisch und damit zum Brot des Lebens verwehrt wird. Dies ist das zentrale Sakrament unseres Glaubens. Kennzeichen dieser Tischgemeinschaft ist das Miteinanderteilen von Brot und Wein, d.h. all dessen, was wir zum Leben brauchen. Die Jünger von Emmaus erkennen den auferweckten Christus erst, als er mit ihnen das Brot teilt. In einer Gemeinde, in der das geschieht, ist der lebendige Christus gegenwärtig, ist Auferstehung spürbar, neues Leben. Die Gemeinde Jesu Christi sind aber nicht nur wir, die wir hier versammelt sind. Die Gemeinde Jesu Christi ist die Gemeinschaft aller Menschen, die an Jesus den Christus glauben. Alle Menschen sind zum Tisch des Herrn, zur Hochzeitsfeier geladen. Wir können hier nur Eucharistie feiern, wenn wir das im Namen der gesamten Kirche, der Gemeinschaft aller Jesus-Gläubigen in aller Welt tun. Wir leben aber in einer Welt, in der 1/8 der Menschheit 7/8 aller irdischen Güter für sich allein verbraucht - ja diese sogar mit Gewalt an sich reißt. Wir leben gleichzeitig in einer Welt, in der alle Güter für alle Menschen bei weitem ausreichen würden. Was heißt nun Eucharistie feiern? Wie können wir uns gemeinsam mit denen an einen Tisch setzen, für die noch nicht einmal die Brosamen übrigbleiben, die von unserem überreich gedeckten Tisch fallen? Wir können nicht miteinander Eucharistie feiern, während oder falls wir gleichzeitig bemüht sind, unseren schon üppig gedeckten Tisch noch üppiger zu decken – und dafür in Kauf nehmen, dass deswegen Menschen leiden. Christlicher Glaube zeigt sich darin, dass wir im Namen Gottes und in derNachfolge Jesu das Brot, die Früchte der Erde, unser Leben miteinander teilen. Das bedeutet Umkehr und auf ein Ziel hin zu arbeiten, das Jesus das Reich Gottes nennt - einen Zustand, wo Liebe und Gerechtigkeit herrschen. Und dies ist keine Utopie! Dies nicht für möglich zu halten hieße, dass Jesus umsonst gestorben ist und dass Gottes Schöpfung in einer Katastrophe endet.“
[1] Lieber Herr Knecht, Rottenburg, 14.4.1987. „Hunger nach Gerechtigkeit“ - dieses Wort der diesjährigen Misereor - Aktion begleitete uns während der Fastenzeit. Es hat uns aufmerksam gemacht auf die ungerecht verteilten Lebenschancen. Sich zur Gerechtigkeit hin bekehren zu lassen und konkret dafür einzustehen, gehören zum Wesen christlicher Buße, Umkehr und Existenz überhaupt. „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Am 5,24f)! So darf ich Ihnen danken für Ihre Predigt, die Sie anlässlich der Eröffnung der MISEREOR - Fastenaktion 1987 gehalten haben. Durch Ihre persönlichen Begegnungen und Erfahrungen können Sie aus tiefer Betroffenheit heraus ansprechen und überzeugen. Mit besten Wünschen für ein gesegnetes Osterfest, Ihr Georg Moser, Bischof.
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- Europäische Kosmovision (griech. Philosophie) Abendländische und andine Kosmovision – ein Vergleich
Vorbemerkung:
Es wird meist als selbstverständlich vorausgesetzt, dass das Christentum als eine europäische Religion verstanden wird. Dabei wäre eine Untersuchung über die geglückte oder nicht geglückte Inkulturation des Evangeliums als Zeugnis einer vorderasiatischen bzw. morgenländischen (!) Religionskultur in Europa vermutlich dringlicher und spannender als die entsprechenden Untersuchungen in Bezug auf Amerika. Dabei könnte die Frage aufgeworfen werden, ob das Evangelium dem Verständnis der indianischen (auch afrikanische, etc.) Völker nicht viel näher ist als den Völkern Europas und ob daher das Evangelium nicht auf dem „Umweg“ über die nichteuropäischen Völker die Europäer lernen könnten, das Evangelium unter Beachtung interkultureller Kriterien besser zu verstehen bzw. neu zu entdecken.
Wir sind es gewohnt, die Welt und alles was in ihr geschieht, von dem Kontext aus wahrzunehmen und zu deuten, in den wir hineingeboren und erzogen worden sind. Dies gilt nicht nur individuell für die Eltern-Kind-Situation, sondern auch viel allgemeiner für den geschichtlich-kulturellen Kontext, so wie er sich seit Jahrhunderten herausgebildet hat. Unsere europäische Kultur ist zweifelsfrei geprägt von christlichen Vorstellungen, unabhängig davon, wie wir heute zu ihnen stehen. Moral, Sitten und Gebräuche bis hin zu Wertvorstellungen, Weltanschauungen und Ideologien bilden einen Rahmen, der uns vorgegeben ist, der aber auch natürlich für Veränderungen und Entwicklungen offen ist. Diesem Kontext gegenüber haben wir uns zu verhalten und dies geschieht in sehr individueller Weise. Diese Kontexte, oder auch Kosmovisionen (Weltanschauungen) genannt und deren kulturellen und religiösen Inhalte und ethisch- philosophische Werte, sind weltweit verschieden.
A. Die abendländische Kosmovision
Unsere westlichen Werte, auch osteuropäische, also europäischen Werte, haben ihren Ursprung in der griechisch-römischen Tradition. Römisch ist vor allem noch unser Rechtssystem mit seiner Betonung des im Gegensatz zu anderen Kulturen nahezu absoluten und individuellen Rechts auf Eigentum. Aber das christliche Abendland, selbst wenn es heute nicht mehr als überwiegend christlich wahrgenommen wird - hat es nicht seine Wurzeln in der Botschaft Jesu Christi, seinen Worten und Taten? Nun, spätestens im 4. Jh. wurden die Worte und Taten Jesu Christi, der seine Wurzeln im jüdisch-hebräischen Glauben hatte, uminterpretiert, übersetzt und implantiert in die Gedankenwelt und Terminologie der griechischen Philosophie, oder anders ausgedrückt: Nicht mehr die Worte und Taten des Jesus von Nazareth, der Propheten des AT und die Praxis der ersten Christen standen im Mittelpunkt des Glaubens der Kirche, sondern die philosophischen Konstrukte und Definitionen der herrschenden griechischen Philosophie.
Seit ihrem Entstehen vor mehr als 2.500 Jahren begreift sich diese Weltanschauung insofern als eine totalitäre Weltanschauung, als sie andere Sichtweisen und Erfahrungen fremder Völker als „barbarisch“ bezeichnet und daher nicht als dialogfähig anerkennen kann. Der Andere wird in seiner Andersheit geleugnet und umgekehrt ergibt sich daraus automatisch ein Anspruch auf universelle Gültigkeit, die dazu führt, den Anderen nicht nur nicht anzuerkennen, sondern ihn noch nicht einmal als solchen wahrnehmen zu können. Er ist schlichtweg entweder nicht existent oder er wird vereinnahmt und zwangsweise in die eigene Welt integriert oder ausgelöscht.
Diese Sichtweise wurde dann noch verstärkt, durch den Absolutheitsanspruch der nun herrschenden Kirche mit ihren unfehlbaren Dogmen und rigiden Moralvorstellungen. Die Kirche begründete ihren Absolutheitsanspruch auf der griechischen Philosophie und dann in der "Heiligen Allianz" von Thron und Altar. Seit Beginn der Neuzeit und der Kolonialisierung der Welt wurde dieser Anspruch globalisiert und weltweit durchgesetzt. Ist es noch relativ leicht nachzuweisen, dass die europäischen Eroberer z.B. den Indio, den Andersfarbigen und Andersartigen nicht als gleichwertigen Menschen mit eigener Kultur, Würde und Identität wahrnehmen konnten, so fällt die Einsicht, dass dies sich bis heute möglicherweise nicht wesentlich geändert hat, viel schwerer. Philosophie und gerade auch deutscher Theologie fällt es nicht leicht, nichteuropäische Entwürfe als gleichwertig anzusehen oder gar von ihnen zu lernen. Da gleichzeitig der Faktor der wirtschaftlich-politischen Abhängigkeit bei Theologen weitgehend unberücksichtigt bleibt, kann man nur schwer erkennen, dass die von Europa ausgehende realpolitische und wirtschaftliche Eroberung der Welt als konsequente Weiterführung einer totalitären Weltanschauung gedeutet werden kann.
Diese Weltanschauung findet ihre aktuelle Konkretisierung (quasi ihre „Inkarnation“, sie wird Fleisch und Blut) in der von den weißen Eliten ausgehenden Definition und Gestaltung einer Globalisierung, die - wie schon seit Beginn der Moderne um 1.500 - den Rest der Welt in maßloses, nicht nur materielles, Elend stürzt. Der Ausschluss der Armen erweist sich als konsequente Weiterführung dieser Art von Philosophie und Theologie. Wer ideell die Andersheit nicht erkennen kann oder sie bewusst ausschließt, liefert den Anderen der Gefahr auch der realen physischen Vernichtung aus. Eine exklusive abendländische Theologie rechtfertigt de facto diesen Tatbestand oder sie kann sich zumindest nicht glaubhaft dagegen wehren, wenn sie eventuell auch gegen ihren Willen von den Herrschenden dazu benutzt wird.
Ohne Gold kein Evangelium (G. Gutiérrez):
Zitate: „Und so gab Gott ihnen – den Ungläubigen, Würdelosen und Stumpfsinnigen Heiden – Gebirge von Gold und Silber, fruchtbare und herrliche Länder; damit es Menschen gebe, die um Gottes Willen hierher kommen wollten, das Evangelium, zu predigen, sie zu taufen und diese Seelen mit „Jesus Christus zu vermählen. Daher kommt es, dass einige wegen dieser Reichtümer gerettet und andere wegen des Mangels an ihnen verdammt wurden“. Und weiter: „Wir sehen klar, dass es dorthin, wo es sie gibt – diese Schätze – das Evangelium im Fluge um die Wette kommt, während dort, wo e sie nicht gibt, sondern nur Arme, dies ein Zeichen der Zurückweisung ist, denn dorthin kommt das Evangelium niemals. Weil ein Land ohne diese Mitgift an Gold und Silber auch kein Heerführer gehen will und auch kein Verkünder des Evangeliums“. G. Gutiérrez dazu: „Eine unverhohlenere Bekundung von Rassismus und Eurozentrismus wird kaum zu finden sein. Letztlich steht das Gold , wo sonst Christus steht: Als Mittler der Liebe des Vaters! Denn aufgrund des Goldes konnten die Indianer den Glauben empfangen und so gerettet werden, während sie ohne ihn verdammt würden. So wird das Gold zum wirklichen Vermittler der Anwesenheit Gottes in Westindien. Es handelt sich um eine völlig verkehrte Christologie.“ García de Toledo und José de Acosta liefern somit die perfekte Rechtfertigung für die Raub und Totschlag und letztlich für einen Völkermord im Namen des Gottes. Denn sie schreiben: „An dem Tag, an dem Gold und Silber ausgingen, wäre es mit dem Zustrom hierher vorbei und die ganze Legion von Zivilisten und Priestern verschwände bald“. Las Casas: „Was hier wie eine Vorausschau anmutet, ist u.a. auf den großen Antillen Wirklichkeit geworden. Denn diese Inseln waren in früheren Zeiten, als es Gold und Silber gab, dicht bevölkert. Heute sind sie nahezu verlassen und verwildert.“
Bartolomé de Las Casas war der große Gegenspieler der beiden genannten Theologen. In Spanien selbst war es Ginés de Sepúlveda – damals einer der wirkmächtigsten Theologen Europas – der daraufhin B. de Las Casas u.a. beschuldigte die gesamte Evangelisierung Amerikas und sogar das Leben der Missionare zu gefährden, wenn sie nun ohne militärischen Schutz ausreisen würden.
Nicht zu vergessen sind an dieser Stelle die Pedro de Córdoba, Antonio Montesino u.a., die sich für die Indios….
Parallele zu heute: „Das Gold von Cajamarca“ > Fortschritt und Wohlstand etc. – stattdessen Verwüstung, Vertreibung, Verelendung.. für die gesamte Region. Rolle von Bischof Simón, dem Nachfolger Dammerts: „An welchen Gott glaubst du…? Gott oder das Gold.
- Imperiale Theologie (Weiß, statt weise) Beispiele: Schöpfungsgeschichte - Exodus - Samariter - Talente
In der Bibel (Ex 3,8) wird das eben umständlich Gesagte in der Geschichte mit Moses klar und einfach ausgedrückt, ebenso im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,29-37). Gott offenbart sich Moses und ruft ihn beim Namen. Er offenbart sich ihm in der Wüste. Denn innerhalb der geschlossenen Gesellschaft, in der ich lebe, kann ich die Stimme des Anderen nicht hören. Es ist vielmehr notwendig, in die Wüste hinauszuziehen – wie auch das Volk Gottes (Israel) erst durch die Wüste ziehen musste, um zu erfahren, was Gott mit ihm vorhat. Die Stimme des Anderen rief Moses bei seinem Namen, also konkret und geschichtlich. Moses fragte: „Wer bist du?“. Der Andere (Gott) gab ihm die Antwort und offenbarte sich ihm als der Andere. „Ich, den du nicht sehen kannst, ich habe gesehen und jetzt kannst auch du sehen, dass mein Volk in Ägypten versklavt ist. Und deswegen befehle ich dir, dem Propheten, dass du es befreist“. Und Moses folgte dem Ruf und führte sein Volk aus der Sklaverei.
Im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,29-37) dagegen hören die Vertreter der etablierten „Kirche“ nicht den Ruf Gottes. Sie gehen an dem Menschen, der unter die Räuber gefallen ist, vorbei. Als Priester und Levit sind sie im herrschenden System eingeschlossen, sie sind dessen Büttel. Sie haben darin ihren festen Platz und eine bestimmte Funktion. Von ihrem Weg abzuweichen, könnte alles aus dem Lot bringen. Ihre Hauptaufgabe ist der Kult im Tempel, Weihrauch und Opfer. Nicht so der Samariter. Er ist ein Außenseiter, ein „Nichtfrommer“, ein Verachteter. Er ist der Andere zu der bestehenden jüdischen Gesellschaft und Religion. Auch der Mensch im Straßengraben war ein Mensch jenseits der Totalität, er lag außerhalb des Weges, den alle gingen. Der Samariter hörte und erkannte ihn als solchen, nämlich als den Anderen, von Räubern ausgeplündert, vom herrschenden System unbeachtet liegen gelassen. Der Samariter öffnete sich ihm, ohne lange vorher nachzudenken, sondern getrieben von einem mit-leidendem Gefühl. Dies fiel ihm wohl auch leichter, weil selbst ein Verachteter, als einem Vertreter des herrschenden theokratischen Systems. Der sich dem Anderen öffnet und ein offenes und hörendes Herz hat, ist mit dem Anderen und bezeugt ihn. Und dadurch wird er selbst Mensch und bezeugt und verkündet dadurch die Menschwerdung Gottes im Menschen. „Das prophetische Licht des Glaubens lässt uns hinter der Maske des Unterdrückten und Entfremdeten das Antlitz des Anderen, im Sklaven Ägyptens den freien Menschen und im Verletzten und Beraubten am Wegesrand die Exteriorität der menschlichen Person entdecken“. Die Bekehrung zum Anderen ist der Beginn eines Befreiungsprozesses, für sich selbst und die ganze Menschheit. Das Ja zum Anderen, zu Gott und dem leidenden Mitmenschen, ist das Nein zur Sünde, zu Brudermord und Götzendienst.
Zur Interpretation des Schöpfungsberichts: Die bisher verstandene Bedeutung - Beherrschung der Natur - führt zur Zerstörung, sie ist zudem falsch, da sie die ursprüngliche Aussage völlig falsch verstanden hat. Sie wurde vom griech.- europäischen Denkmodell her verstanden und entsprechend übersetzt und gedeutet. Das europäische Denkmodell (Kosmovision) übersetzt z.B. das hebräische Schlüsselwort „kabash“ entsprechend der eigenen Denkweise mit unterjochen, erobern. Und diese Deutung wurde dann durch die Kolonialisierung globalisiert. Im hebräischen Denken - und damit in korrekter Übersetzung - bedeutet „kabash“ zum „Bereich Gottes gehörend“, allgemeiner: Die Schöpfung Gottes gehört nicht uns, den Menschen. Wir können nicht über sie verfügen, sie ist uns bestenfalls nur geliehen. Und das bedeutet im biblischen Denken und biblischer Weisheit: Wir müssen sie im Sinne des Eigentümers (Gott) gestalten: Im Dienste des Mitmenschen, besonders der Ausgegrenzten, in Beziehung mit den anderen Geschöpfen; denndie Güter der Erde sind für alle Menschen bestimmt und der Zugang zu den Gütern der Erde (Wasser, Land, Früchte...) muss allen Menschen offen stehen, denn sie dienen dazu, dass alle Menschen in Würde leben können, als Kinder Gottes, als sein Ebenbild. Das schließt natürlich das Leben zukünftiger Generationen mit ein.
Also: Eine orientalische Kultur wurde in die europäische Denkweise übersetzt und daher völlig verfälscht, weil - wie gesagt - in der griech.-röm. Denkweise der Mensch der absolute Herrscher über die Natur ist, er sie rücksichtslos ausbeuten darf, die Natur gar als feindlich betrachtet wird, die es zu zähmen gilt. In gleicher Weise wurden auch andere grundlegende Aussagen der Bibel, besonders der Worte Jesu, von einem europäischen Denken her gedeutet und damit verfälscht oder gar in ihr Gegenteil verkehrt. (Dies zu klären und aufzuarbeiten kann an dieser Stelle nicht geschehen). Im Verlauf der Kirchengeschichte (und bis heute) führte dies zu verheerenden Konsequenzen….
Beispiel: „Talente“
Ein Beispiel für eine derart pervertierte Auslegung ist u.a. das „Gleichnis von den anvertrauten Talenten“ (Mt 25, 14-30). Darin wird ein Sklave belohnt, der das eh schon große Vermögen seines Herrn (woher das wohl kam?) in kurzer Zeit verdoppelt hat, während der Sklave, der entsprechend der Weisung der Tora mit dem ihm anvertrauten Vermögen verantwortungsvoll umgegangen ist - also die Talente nicht auf Kosten seiner Mitmenschen vermehrt hat - aufs Schärfste bestraft. „Er hat sich so verhalten, wie es Jesus in der Bergpredigt gelehrt hat. Er hat nicht dem Mammon gedient“ (Luise Schottroff). Mt 25, 26-28: „Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!“ Das ist eben die Logik dieser Welt! Das nachfolgende Gleichnis vom Endgericht erklärt dagegen, wie es eigentlich sein sollte und was der eigentliche Maßstab für den Menschen und vor Gott ist. Diese beiden Gleichnisse stehen als Gegenpole am Ende des öffentlichen Auftretens Jesu - gewissermaßen als Zusammenfassung seiner Botschaft: Einerseits wie die Welt ist - andererseits wie die Welt sein sollte und sein wird, wenn wir als seine Jünger*innen gemeinsam mit ihm aufstehen und in seinem Geiste die Welt verändern.
Globalisierung - aus der Sicht der Opfer Einleitung: Der barmherzige Samariter
Zuerst: Ich bin keines dieser Opfer! Wie kann ich aber „aus der Sicht der Opfer“ schreiben? „Si yo fuera indio…!“ (Bartolomé de Las Casas). Las Casas war zuerst auch kein Opfer, er war Großgrundbesitzer usw. Aber im Kontakt mit den Opfern wurde er bekehrt, er hat sich bedingungslos auf die Seite der Opfer gestellt. In Bezug auf die massenhaft Ausgeschlossenen - weltweit - sind wir es, die nicht unmittelbar betroffen sind. Wir hier gehören alle zu einer mehr oder weniger bürgerlichen Mittelschicht, wir sind nicht die unmittelbaren Opfer. Dennoch gilt auch für uns das Beispiel des Samariters, oder z.B. die Stelle in MT 25 vom Weltgericht (mit Hungernden das Brot teilen, und viele andere Beispiele Jesu). Wie also wirklich das Brot teilen mit denen, denen man es wegnimmt? Ich will das kurz am Beispiel eines Bischofs zeigen, Bischof Dammert aus Cajamarca - dazu später etwas mehr. Auch die Bischöfe Helder Camara, Leónidas Proaño, Oscar Romero kamen aus einer „anderen Welt“ und ließen sich von den Armen bekehren. Bischof Dammert kam auch aus der Ferne (Lima, Oberschicht), doch begab er sich mitten hinein in die Wirklichkeit, die für die meisten Menschen in Cajamarca eine leidvolle war.1 Die Annäherung gelang - und sie ist prinzipiell jedem möglich - und diese Grundhaltung ermöglichte ihm, die Armen als Opfer zu sehen, die „unter die Räuber gefallen sind“. Das Sehen allein reicht aber nicht aus.
Im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter sahen auch der Levit und der Priester den Menschen im Straßengraben. Doch entsprechend ihrer Option bzw. Theologie hatten sie andere Prioritäten. Der Tempel war wichtiger, weil sie dort Gott zu begegnen glaubten. So konnten sie den unter die Räuber Gefallenen zwar sehen, sich aber nicht mit ihm solidarisieren, weil sie Wichtigeres zu tun hatten. Und sie konnten ihn erstrecht nicht als Opfer erkennen. Der Samariter aber hat ein „Herz“ und er lässt „sich bewegen“. Er lässt alles liegen und stehen und geht auf den Menschen im Straßengraben zu, weil er in ihm nicht nur das Opfer, sondern auch den Menschen entdeckt, in dem er Gott begegnet. Für den Samariter bedeutet zudem „sehen“, die Situation des unter die Räuber Gefallenen zu erkennen und sich davon berühren zu lassen. Dies bedeutet für ihn, sich um ihn zu kümmern, sich in seine Lage hinein zu versetzen und mit zu leiden. Er teilt mit ihm das Leid und dadurch können die Wunden geheilt werden. Für Dammert sind diese Menschen der wahre Tempel Gottes. Ihnen ein „Barmherziger Samariter“ zu sein und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, ist wahrer Gottesdienst. Als Christen in Deutschland befinden wir uns eher in der Situation des Priesters oder Leviten, die gewohnheitsmäßig ihren Weg zum Gottesdienst im Tempel in Jerusalem gehen. Sie können gar nicht sehen, dass der unter die Räuber Gefallene etwas mit ihnen zu tun haben könnte und erstrecht nicht mit ihrem eigenen Glauben an Gott. Der Mensch im Straßengraben wird nicht als Mensch und nicht als Opfer erkannt. Es zählt nur das Opfer im Tempel. Jesus aber stellt diese religiöse Ordnung auf den Kopf. Es gibt nichts Wichtigeres als der Mensch im Straßengraben. Er ist das „Sakrament Gottes“ (Gutiérrez). Dieses neue Sehen ist selbst schon eine religiöse Kategorie. Dem unter die Räuber Gefallenen zu helfen bedeutet, den scheinbar rechten Weg des Glaubens zu verlassen. Nun gilt es aber nicht nur dem unter die Räuber Gefallenen zu helfen, sondern danach zu fragen, wie es zu dem Verbrechen kommen konnte und danach, wie die Wege beschaffen sind, die fromme Menschen dazu verleitet - im Vertrauen auf den richtigen Weg - an den realen Opfern vorüberzugehen. Wer hat mit welchem Interesse die Wege so geplant und gebaut, dass sie zwar zum Tempel in Jerusalem führen, nicht aber zu dem Menschen im Straßengraben, und diesen - strukturell bedingt - gar nicht als Mensch wahrnehmen können? Es geht also darum, als Mensch „auf dem Weg“, z.B. als Christ seine Verantwortung gegenüber dem Opfer und seine eigene Verwicklung zu erkennen und seinen Weg zu ändern.
Schlüssel für den Zugang zu den Betroffenen ist das Entstehen von Vertrauen. Dann sind es die Betroffenen selbst, die auf ihre Situation hinweisen. Dies setzt von Außenstehenden die Bereitschaft voraus, zuerst zu hören und (mit-) fühlen zu können. Bei der Wahrnehmung der Wirklichkeit geht es daher nicht zuerst um eine Aneinanderreihung von Fakten, es geht vielmehr darum, eine bestimmte Haltung einzunehmen, die wiederum ihren Ursprung in einer bestimmten Option hat. Diese Haltung führt gewissermaßen von selbst dazu, die beschriebene Wirklichkeit verändern zu wollen. Es ist die grundsätzliche Haltung Gottes, so wie sie Jesus gelebt hat, der immer auf der Seite der Schwachen und Elenden steht - laut AT und NT nicht zuerst weil sie Arme sind, sondern weil sie Opfer von Ungerechtigkeit sind, einer Ungerechtigkeit, die nicht naturgegeben, sondern von Menschen verursacht ist. Die zu beschreibende Wirklichkeit (bestimmte Strukturen, Wirkweisen, kausale Zusammenhänge) war und ist heute eine globale Wirklichkeit. Es ist eine Situation „die zum Himmel schreit“! Medellín und Dammert kannten noch nicht den Begriff der Globalisierung, auch wenn sie damals schon (wenn auch auf andere Weise) wirkmächtig war und das Leben der Menschen bestimmte. Dammert wies aber immer auf die weltwirtschaftlichen Verflechtungen und Abhängigkeiten hin. Er war sich bewusst, dass es nicht nur darum ging, dem unter die Räuber Gefallenen ein „Barmherziger Samariter“ zu sein, sondern alles zu tun, damit Strukturen geschaffen werden, in der Menschen vor den Räubern geschützt werden, anstatt die Räuber selbst zu den „Hütern des Weges“ zu machen und z.B. als Garanten des Weltfriedens und der Freiheit zu preisen.
II. Praxis der Herrschaft
1. Die Situation in Lateinamerika als eine „Sünde, die zum Himmel schreit“
Geschichte wird von Menschen gemacht. Sie sind zwar nicht die „Herren der Geschichte“, oft auch nicht einmal ihrer selbst und dennoch können sie frei entscheiden. Ohne diese Freiheit gäbe es keine Verantwortung und keine Schuld. Verantwortlich für das Elend in Lateinamerika und für den Hungertod von etwa 30 Millionen Menschen im Jahr sind diejenigen Menschen, die auf Kosten der Ärmsten immer mehr haben wollen und die sich selbst und ihre Bedürfnisse zum absoluten Maßstab machen. Sie werden gegenüber ihren Mitmenschen und Gott schuldig. Ein solch sündhaftes Verhalten schafft sündhafte Strukturen, denen Unschuldige zum Opfer fallen. Das Elend in Lateinamerika (und weltweit) ist die Folge eines sündhaften Verhaltens von Menschen gegenüber ihren Mitmenschen. Was ist Sünde? „Sünde ist eine soziale und geschichtliche Tatsache. Sie besagt entzweite Brüderlichkeit, enttäuschte Liebe, zerbrochene Freundschaft mit Gott und den Menschen und somit auch innere Spaltung der menschlichen Person“.[2] Schonenberg definiert Sünde so: „Sünde ist eine Weigerung gegenüber der Berufung, gegenüber unser aller Zukunft in der Geschichte, in die Gottes Heil eingetreten ist und in der er sich immer mehr verwirklichen will. Man hat die Sünde als Übertretung eines Gesetzes verstanden; besser definiert man sie als Weigerung, sich in der Geschichte des Heils zu engagieren“.[3] Auch die lateinamerikanischen Bischöfe sprechen von einem Zustand der Sünde, wenn sie sich auf die aktuelle Situation in Lateinamerika beziehen: „Wenn wir von einer Situation der Ungerechtigkeit sprechen, beziehen wir uns auf die Realitäten, die einen Zustand der Sünde ausdrücken“.[4] Sünde also als Bruch unter den Menschen und mit Gott, als Weigerung, sich in der Geschichte des Heils zu engagieren, als Situation der Ungerechtigkeit, in der einige wenige Menschen auf Kosten anderer Menschen leben, indem sie deren Lebensgrundlagen rauben. Die Geschichte in unseren Tagen erweist sich als Geschichte des Unheils, basierend auf fundamentaler Ungerechtigkeit und Ablehnung des Anderen.
Wie im vorhergehenden Kapitel beschrieben, bringt das herrschende Weltwirtschaftssystem auf der einen Seite materiellen Wohlstand für Wenige und auf der anderen Seite Elend für Viele hervor. Die Menschheit wird so mindestens in zwei Klassen geteilt und die Mehrheit der Menschheit wird beherrscht und muss diese Herrschaft scheinbar ohnmächtig erleiden. Das bedeutet eine systematische und gezielte Spaltung der Menschheit, einen Bruch der der von Gott gewollten brüderlichen Gemeinschaft unter den Menschen und damit ein Abfall vom Heilsplan Gottes. Dieser Bruch der Menschen untereinander und mit Gott wird von den Herrschenden, die ja selbst wie Gott sein wollen, gewaltsam aufrechterhalten, von den Reichen und Mächtigen, den „Fürsten dieser Welt“. Diese sind damit verantwortlich für die strukturell sündhaften Zustände und die Armen sind die Opfer dieser Sünde. In den armen Ländern wirkt sich diese Sünde zwar am brutalsten aus, aber eigentlich leben die reichen Länder in einem noch größeren Zustand der Sünde und der Schuld, denn sie sind die Verursacher und sie tun es aus freiem Willen und in voller Absicht (subjektiv ist dies sicher nicht allen bewusst). Diese reichen Länder sind nun nicht nur ein geographischer Begriff, sondern in ihnen wohnen Menschen, die sich christlich nennen.
Diese Menschen, ob Christen oder nicht, unterstützen nun mit überwältigender Mehrheit (offensichtlich legitimiert durch alle staatstragenden Parteien) diese Aufteilung der Welt. Denn sie sind Teil dieses System, sie unterstützen es, sei es aktiv oder passiv, wissentlich oder unwissentlich. Und christliche Kirchen in diesem System profitieren anteilmäßig von dem stetigen Wachstum, der auf der stetig wachsenden Expansion und der Ausbeutung von Natur und Mensch beruht. Sie rechtfertigen damit dieses System und verurteilen alle, die dagegen aufstehen als „gottlos“. Diese Mehrheiten in Gesellschaft und Kirche wollen nichts von ihrem Wohlstand abgeben (Almosen bestätigen bestenfalls nur den Status quo), geschweige denn einsehen, dass ihr Wohlstand auf der Unterdrückung der Ärmsten dieser Welt beruht. Eigentlich sind sie es, die Reichen und die Satten, die der Befreiung und Erlösung am meisten bedürfen, da sie sich von Gott und ihren Mitmenschen am weitesten entfernt haben.
Solange die Aufteilung der Menschheit in zwei sich gegenüberstehende Teile besteht, getrennt und gespalten durch tiefe Abgründe, kann es auch keinen Frieden geben. Da die Unterdrückten sich (noch) nicht gegen die herrschende Gewalt wehren können, scheint Frieden zwischen den Unterdrückern und den Unterdrückten zu herrschen. Das ist aber nichts anderes als der Frieden eines Friedhofes. Denn dieser „Frieden“ fordert gar zu viele Tote und Verstümmelte. „Der Friede mit Gott ist das tiefste Fundament des inneren Friedens und des sozialen Friedens. Darum wird überall dort, wo dieser soziale Friede nicht existiert, überall dort, wo man ungerechte soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Ungleichheiten findet, die Friedensgabe des Herrn, mehr noch, der Herr selbst zurückgewiesen“.[5] Nicht nur die menschliche Familie ist gespalten, auch innerhalb der einzelnen Völker gibt es einen unüberbrückbaren Abgrund, was wiederum besonders deutlich in Lateinamerika sichtbar wird (laut UN-Untersuchungen ist die soziale Kluft in Lateinamerika weltweit am größten).
Hier spiegelt sich lokal wider, was global geschieht, stehen doch beide Ebenen in einem ursächlichen Zusammenhang - nicht notwendigerweise, aber innerhalb der bestehenden Wirtschaftsstrukturen. Weil natürlich zuerst die lokalen Unheilstrukturen sichtbar, erlitten und fassbar werden, wenden sich die Bischöfe in Medellín zuerst gegen diese und bezeichnen sie als Sünde. Diese Sünde wird am greifbarsten in den ärmsten Ländern, da sie es ja sind, die zum Opfer geworden sind. „Sünde wird greifbar in unterdrückerischen Strukturen, in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, in der Beherrschung und Versklavung von Völkern, Rassen und sozialen Klassen. Sünde erscheint so vielmehr als fundamentale Entfremdung und Wurzel einer Situation, die durch Ungerechtigkeit und Ausbeutung gekennzeichnet ist“.[6]Die Spaltung der Menschheit als Ganzes und die Spaltung innerhalb der einzelnen Völker in Arme und Reiche, bringt auch gespaltene Menschen hervor (und umgekehrt: gespaltene Menschen, im inneren Widerstand gegen ihre Berufung als Kind Gottes, verursachen Spaltung und zerstören Gemeinschaft). Das wird besonders deutlich in den reichen Ländern (kann aber hier nur angedeutet werden).
Welche Chancen hat z.B. ein Kind, das in eine Gesellschaft hineingeboren wird, in der Profit, Gier nach Macht und Besitz die höchsten Werte sind, ein Mensch zu werden, der andere Menschen als Mitmenschen erkennt und behandelt? Und welche Chancen hat ein Erwachsener, der versucht, aus diesem System auszubrechen? Wird er nicht als Aussätziger oder bestenfalls als armer Irrer angesehen? Kann man, eingeschlossen in eine derart eindimensionale und materialistische Gesellschaft, deren höchste Werte diametral dem Evangelium vom anbrechenden Reich Gottes entgegenstehen, überhaupt das Wort Gottes und des Anderen hören oder gar erfahren? Wie die Geschichte lehrt, wird normalerweise ein Mensch, der in einer solchen Gesellschaft lebt und „standesgemäß“ erzogen wird, deren Werte mehr oder weniger übernehmen – von der grundsätzlichen Möglichkeit einer radikalen Umkehr wie z.B. bei Franziskus abgesehen. Nicht der biblische Gott wird ihr Herr sein, sondern ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte, die Macht und der Besitz. Denn diese „Götter“ verheißen dem Menschen alles, wonach ihm begehrt. Der Mitmensch wird zuerst als Konkurrent erfahren oder als potentielles Opfer betrachtet. Und nun beginnt das Spiel von vorne und endet dort, wo diese Arbeit begann: beim Elend von 2/3 der Menschheit.
„Über die Situation des lateinamerikanischen Menschen gibt es viele Studien. In allen wird das Elend beschrieben, das große Menschengruppen in die Randzonen des Gemeinschaftslebens drängt. Dieses Elend als Massenerscheinung ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit“.[7]
Ungerecht sein heißt Gott verneinen und ist daher praktizierter Atheismus. „Die Bischöfe sagen unter anderem, dass die Verwirklichung von mehr Gerechtigkeit unter den Menschen das Kernstück der biblischen Botschaft ist. Gerechtigkeit üben heißt Gott erkennen und somit ihn lieben“.[8] Elend und Armut drohen den Menschen zu entmenschlichen. Leben in biblischer Bedeutung ist mehr als Überleben. Strukturelle Ungerechtigkeiten wie mangelnde Bildung, mangelnde medizinische Versorgung, keine ausreichende Ernährung u.v.m. berauben den Menschen der Möglichkeiten, die in ihm angelegt sind und zu denen er berufen ist. Ein solcher Mensch wird seiner Würde beraubt und das ihm verheißene „Leben in Fülle“ wird ihm verwehrt. Armut ist eine Beleidigung Gottes. „Mit einem Wort gesagt: das Bestehen von Armut spiegelt einen Bruch in der Solidarität der Menschen untereinander und in ihrer Gemeinschaft mit Gott. Die strukturelle Existenz von Armut ist Ausdruck von Sünde, d.h. Verneinung von Liebe. Deshalb ist sie unvereinbar mit dem Kommen der Herrschaft Gottes, die ein Reich der Liebe und der Gerechtigkeit inauguriert“.[9]
2. Das Nein zum Anderen als Ursünde
Weil der Mensch, auch der schon erlöste und befreite Mensch, immer schon (noch) ein Sünder ist, eben weil er Mensch ist und nicht Gott, kann er auch nicht aus sich heraus eine völlig befreite und erlöste Welt schaffen. Seit es Menschen gibt und solange es Menschen geben wird, leben sie in der Versuchung, wie Gott sein zu wollen, über andere Menschen zu herrschen, mehr sein und mehr haben zu wollen und ihr eigenes Leben ohne Rücksicht auf andere genießen zu wollen. Theologen können das meist leicht und theoretisch und biblisch erklären und schreiben dicke Bücher darüber. Aber dies geschieht meist sehr abstrakt (als ob sich je ein Mensch ernsthaft überlegen würde: will ich sein wie oder nicht?) und geschichtslos. Erstrecht wird z.B. Missbrauch durch ökonomische Macht nicht aufgedeckt oder die Schuldigen oder Verursacher von Hunger nicht namentlich genannt. Zudem wird die Sünde meist immer noch als etwas rein Innerliches und Privates angesehen - als eine Angelegenheit zwischen „meinem Gott“ und mir. Das ist aber nicht gemeint, wenn in dieser Arbeit wie in der Bibel von „der Sünde der Welt“ gesprochen wird. Vielmehr gilt es zu zeigen, warum sich ausgerechnet im christlichen Europa ein derartiges Herrschaftsgebaren entwickeln konnte, eine „Kultur und Praxis des Todes“ die geprägt ist von der Gier nach mehr haben wollen und Macht über den Nächsten. Es gilt den Zusammenhang aufzuzeigen zwischen der heute bestehenden Situation in der Welt (Spaltung etc.) und der Ursünde, die sich dank der Herrschaft der Europäer, ihrer Kultur und Mentalität, weltweit etabliert hat.
„Das Sein ist, das Nichtsein ist nicht“. „Denken und Sein sind dasselbe“. Um diese zwei Sätze des Parmenides kreist die gesamte griechische klassische Philosophie, insbesondere die Dialektik des Aristoteles. Für den gebildeten Griechen war seine Welt, seine Polis, das Sein schlechthin. Seine Kultur und seine Polis waren der Maßstab, mit dem er die ganze Welt maß. Und entsprechend diesem Maß unterteilte er die Welt und die Menschen. Was außerhalb dieser seiner Welt lebte, war das Nichts (der Nicht-Mensch). Das waren die Barbaren, die Sklaven und alles, was jenseits des griechischen Denkhorizontes lag. Auf diese Weise vergöttlichte der Grieche seine Welt und tötete damit die Anderen als Andere, bzw. er nahm sie überhaupt nicht zur Kenntnis. Eine solche Ontologie ist per se unterdrückerisch und imperialistisch – von einem Menschen der Peripherie, vom Standpunkt eines Barbaren her betrachtet. Diese Welt „außerhalb“ kann daher entweder nur völlig ignoriert (nicht existent), oder vernichtet oder völlig vereinnahmt werden.[10]
Von dieser Philosophie ist das gesamte abendländische Denken bis heute beeinflusst. Descartes sagte: „Ich denke, also bin ich“. Das ist der Ausgangspunkt und der Endpunkt seines Denkens und bis heute auch der europäischen Philosophie. Selbst J. P. Sartre, der für sich in Anspruch nimmt, die bisherige abendländische Philosophie überwunden zu haben, bleibt in dieser Subjektivität, des Kreisens um sich selbst, gefangen (wenn auch mit guten Ansätzen, diese zu überwinden). Für Fichte ist das Ich das Absolute und durch sich selbst Gesetzte. Die Grundlage seiner Philosophie ist das „Ich bin Ich“, das Ich als Totalität. Das Ich wird nicht von wo andersher, z.B. von einem anderen Menschen her konstituiert, sondern von der eigenen „Ichheit“ – im Gegensatz und in Abgrenzung zum Anderen. Fichte ist zwar ein besonders exponierter Denker dieser Art von Subjektivität, aber im Grunde bleibt auch die klassische deutsche Philosophie in diesem Ansatz gefangen. Dieser Ansatz wird z.B. von Hegel wiederholt und weitergeführt. Für ihn ist das Ganze das Eine. Die hegelianische Dialektik geht vom Ich aus und setzt sich dabei zwar einem Objekt gegenüber, aber dieses Gegenüber ist vom eigenen Ich her gedacht und konstruiert. Dieser scheinbar dynamische Prozess, der eigentlich ja über den eigenen Standpunkt hinausführen könnte und müsste, geschieht innerhalb einer Totalität und eines geschlossenen Denkhorizontes, den man nur als absolute Subjektivität bezeichnen kann. Bei Hegel und Gefolge wird diese Totalität mit dem eigenen ontologischen Horizont identifiziert, d.h. mit dem europäischen Denken, der europäischen Kultur und der europäischen (Eroberungs-) Geschichte, die so verhängnisvoll für die übrige Welt waren und noch sind. So sprechen Hegel, Fichte, Goethe u.v.m. und selbst Marx von den Menschen in Afrika und den Indianern in Amerika wie selbstverständlich von den Wilden, die bestenfalls die unterste Stufe des Menschseins erreicht haben – wenn überhaupt. (Ein nützlicher Hinweis auf die Kraft der menschliche Vernunft und dem Wissen und dem Anspruch der selbst ernannten Intellektuellen, die auch heute angesichts des Zustandes der Welt jämmerlich versagen). Der Andere wird nicht als der Andere gesehen, er wird nicht als (gleichwertiger) Mensch geachtet und respektiert. Er wird getötet, in seiner Identität ausgelöscht. „Das Schwerwiegendste ist, dass die besagte Ontologie die europäische und auf Eroberung ausgerichtete Subjektivität vergöttlicht.
Seit der imperialistischen Ausdehnung im 15./16. Jh. macht sich diese daran, die Welt zu erobern. ´Das Sein ist, das Nichtsein ist nicht´. Das Sein ist die europäische Vernunft, das Nichtsein sind die anderen Menschen. Lateinamerika und die gesamte Peripherie werden deshalb als das Nichtsein definiert, als das Irrationale, das Barbarische, das Nichtexistente. Die Ontologie der Identität der Vernunft und Göttlichkeit mit dem Sein endet darin, die imperialistischen Kriege eines Europas zu begründen, das die anderen Völker, errichtet als Kolonien und Abhängige, in allen ihren Lebensgewohnheiten beherrscht. Die naive hegelianische Ontologie endet so darin, die gelehrte Begründung des Völkermords an den Indianern, Afrikanern und Asiaten zu sein. Die Subjektivität des ´ego cogito ´verwandelt sich so in den Willen zur Macht“, zum Willen, den Anderen zu vernichten.“[11]
Von Parmenides führt ein direkter Weg über Descartes, Hegel, Marx und Heidegger bis in die Gegenwart. „Das Bedenkliche ist, dass der Andere, der andere Mensch als der Andere (der Indio, der Afrikaner, der Asiat, die Frau usw.) zu einer Idee, zu einem Objekt, zu dem Sinn wird, der von einem ´konstituierendem Ur-Ich´ konstituiert wird: der Andere wird zu einem bloßen ´cogitatum´ ent - identifiziert, verdinglicht und entfremdet“.[12] Die Europäer, in ihrem So-Sein gerechtfertigt durch die europäische Philosophie (und ihrem Gefolge ihre Religion und Moral – oder zuerst Religion?) erhoben ihre Art zu leben, zu denken und zu glauben zum absoluten Maßstab und vergöttlichten somit sich selbst und die Ganzheit in der sie lebten. Gott als der ganz Andere, der Analektische, wurde damit getötet, ebenso alle, die nicht zu diesem System gehörten oder es nicht anerkannten. Nach biblischem Glauben wird dort, wo Gott getötet wird, auch der Mensch getötet (und umgekehrt). Menschen, die den Christus, kreuzigen, kreuzigen die gesamte Menschheit. Und überall dort, wo Menschen um der Habgier willen um ihr Leben gebracht werden, da wird Christus gekreuzigt. „Der moderne Mensch, indem er den Anderen verneint, den absolut Anderen, nämlich Gott, die absolute Andersheit, bleibt mit seinem ´Ego ´allein. Und in dem in seinem ´Ego ´ allein bleibt, ist das Schlimmste nicht, dass er auch ohne Gott bleibt, sondern dass er sich selbst als Totalität konstituiert“.[13] Diese Nein zu Gott und dem Mitmenschen kann man als die Ursünde schlechthin bezeichnen.
I
n der Bibel wird das gerade gesagte verdeutlicht, u.a. in dem Beispiel von Kain und Abel. Kain tötet den Anderen, seinen Bruder, und macht sich dadurch zum alleinigen Maßstab, zur Totalität. Wenn die Andersheit ausgelöscht oder verleugnet wird, ist das, was bleibt, das Eine und das Ganze. Und dieses Eine und Ganze verabsolutiert sich, notwendigerweise. Es vergöttlicht sich, weil es sich selbst zum Ausgangspunkt und Ursprung von allem macht und sich damit an die Stelle Gottes setzt, wie Gott sein will. Das ist zugleich die Urversuchung der Menschheit und aller Menschen. Denn sie sind frei, ob sie Gott als den Ursprung allen Lebens anerkennen oder sich selbst für den Ursprung halten wollen. Die Schlange sagt zu Adam: „Ihr werdet sein wie die Götter“. Kann es eine größere Versuchung geben? Doch die Geschichte der Menschheit zeigt, gerade auch die Geschichte Israels, wohin es führt, wenn der Mensch dieser Versuchung erliegt. Wer den Gott des Lebens tötet und sich an seine Stelle setzt, der zerstört die menschliche Familie, die Gemeinschaft unter den Menschen und die Schöpfung Gottes als Ganzes. Wenn der Andere ausgelöscht wird, wird das eigene Ich notwendigerweise sakralisiert und zum Götzen. Und indem man nun diesen Götzen anbetet, betet man sich selbst an oder das Werk der eigenen Hände. Wenn die Bibel von Götzendienst spricht und diesen verurteilt, so meint diesen Götzendienst. „Derjenige, der den Anderen tötet, muss sich selbst als göttlich anbeten. In diesem Fall ist der Götzendienst, dessen Fetischisierung mit der Ungerechtigkeit des Brudermords oder dem Tod des Anderen begann, als Atheismus gegenüber dem Schöpfergott zu betrachten“.[14]
- Synode
Das Volk Gottes ist stets als Gemeinschaft unterwegs. Dieses Volk ist in verschiedenen Gruppen organisiert, den Gemeinden weltweit. Die Gemeinde als überschaubare Gemeinschaft von Menschen, die den Ruf Gottes hören, sich mit anderen Gemeinden auf den Weg machen, das Brot miteinander brechen und sich so als Tischgemeinschaft erfahren, repräsentiert stets auch die gesamte Kirche, sie ist Kirche im Vollzug, sie ist Kirche. Sie ist diese Kirche umso authentischer, wenn sie in ihrem Vollzug und in ihrer Praxis die anderen Gemeinden in der Welt nicht ausschließt (was sie per definitionem gar nicht kann), sondern wenn sie gerade diejenigen in ihr konkretes Leben miteinschließt, die sonst nach den global herrschenden ökonomischen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt ausgeschlossen werden. Dem ausgegrenzten Volk offenbart Gott seinen Namen und als das Volk Gottes auf den Ruf hört und sich auf den Weg macht, erfährt es diesen Gott als Gott der Befreiung, der sein Volk nicht im Stich lässt, sondern der immer da ist.
Erfreulicherweise wird - auch auf Grund sich zuspitzender Krisen - der Wunsch nach einem neuen „Narrativ“ weltweit immer deutlicher formuliert. Wir als Christen haben ein Angebot: die Worte und Taten Jesu. Die Kirche bzw. wir als Christen haben die DNA für die notwendige radikale Umkehr im Sinne der Botschaft Jesu. Kennen wir eigentlich unsere eigene DNA nicht (mehr)? Das Brot-Teilen, das Teilen aller Früchte unserer gemeinsamen Mutter Erde, ist wesentlicher Bestandteil dieser DNA. Ohne diese Umkehr - so auch die stete Ermahnung von Papst Franziskus - stehen wir der uns versprochenen Verheißung von einer „neuen Erde und einem neuen Himmel“ selbst im Weg. Die Wiederentdeckung unserer eigenen DNA impliziert auch das Anerkennen der Schattenseiten unserer „angeborenen DNA“: Wie Gott sein zu wollen, mehr sein und mehr haben zu wollen als der Nächste. Die Verabsolutierung der eigenen Bedürfnisse, ein Leben auf Kosten der Mitmenschen und der Natur (u.v.m.) führt uns alle in den Abgrund. Doch dieser „alte Mensch“ aber kann überwunden werden, er hat nicht das letzte Wort. In der Nachfolge Jesu wird uns die Chance gegeben zu dem „neuen Menschen“ (Paulus) zu werden, wie er schon bei den Propheten und dann vor allem von Jesus dem Christus verkündet und vorgelebt wurde. Für diesen „neugeborenen neuen Menschen“ ist der notleidende Nächste der Maßstab. Barmherzigkeit, Dienst in und an einer Gemeinschaft, das Teilen des täglichen Brotes, ebenso das Teilen von Trauer und Angst, von Hoffnung und Sehnsucht sind Kennzeichen der Jüngerinnen Jesu. Die Enzyklika von Papst Franziskus „Fratelli tutti“ kann uns helfen, dieses neue/alte Narrativ neu zu entdecken und neu zu buchstabieren.
Schlusswort: „Sie erzählen uns, dass es in den Zeiten der Globalisierung mehr Freiheit und vieles mehr gibt. Ja, gewiss, denn jeder kann sein Geld verschwenden wie und wo er will ... vorausgesetzt er hat genug davon, und wenn nicht, so ist das sein Pech, er hat selbst Schuld. Und währenddessen gibt es täglich immer weniger Kinder, die sich in Freiheit ein Leben aussuchen können, das zumindest die fundamentalsten Bedürfnisse befriedigt. Die Globalisierung wird als die neue, absolute Religion verkauft und statt der Zehn Gebote herrschen die Gebote des nackten Egoismus, das Recht des Stärkeren und des permanenten Kampfes des Einen gegen den Anderen. Sie erzählen uns von einer ständig besseren Kommunikation und Verständigung untereinander, und dass Jeder, der kein Handy hat, nicht auf der Höhe der Zeit ist, während man gleichzeitig von seinem Nachbarn nebenan immer weniger weiß. Es herrscht eine weltweite „Kommunion“, die in der Präsentation künstlicher und Gewalt verherrlichender Vergnügungen besteht, in der Präsentation nackter Ärsche auf so vielen Titelseiten und darin, überall und zu jeder Zeit Hamburger verschlingen zu können, hergestellt auf der Basis von vergiftetem Fleisch. Und all das geschieht, um die Menschen immer mehr zu verblöden und zu vergiften. Und als Krönung allen Übels gibt es noch kirchliche Prälaten, die sich berufsmäßig über die moralische Dekadenz beklagen, während sie gleichzeitig nicht schnell genug zu den Banketten und Festmählern eilen können, zu denen sie von den ‚Herren der Unmoral’ und den Autoren dieser Globalisierung eingeladen werden.
Wir haben als Christen die Pflicht, der Welt eine Alternative zu präsentieren: die Alternative einer anderen „Kommunion“ - in dem wir das tägliche Brot mit den Opfern teilen, denn sie sind die Ersten, die von Gott zu seinem Festmahl eingeladen sind, in dem ihr Hunger nach Brot und nach Gerechtigkeit gestillt wird. Man teilt das tägliche Brot dann, wenn man für eine Welt kämpft, in der jede Schwester das Notwendige hat, damit sie in Würde und in Gemeinschaft mit dem Nächsten leben kann. Wir jedoch, wir sind dann die Kirche Jesu Christi, wenn und weil wir das Brot und das Wort Gottes untereinander teilen; wir versammeln uns und feiern die Gegenwart des Herrn, seiner Leiden, seines Todes und seiner Auferstehung in unserer Mitte“.
Jesus Flores de La Loma, in: Die Globale Verantwortung - Partnerschaften zwischen Pfarreien in Deutschland und in Peru”, S. 35: “Lasst uns den Weg weitergehen...!”
_________________________________________
[2] G. Gutiérrez; a.a.O., S. 169
[3] Piet Schonenberg: Sünde und Schuld, in: Herders Theologisches Taschenlexikon Band 7, S. 176
[4] Dokumente der II. Lateinamerikanischen Bischofskonferenz, Medellín 1968; Abschnitt Frieden I,1.
[5] Dokumente von Medellín, Kapitel Frieden II, 14.
[6] G. Gutiérrez; a.a.O., S. 169
[7] Dokumente von Medellín, Kapitel Gerechtigkeit I, 1.
[8] Erklärung des peruanischen Episkopat5s 1971, a.a.O., S. 33
[9] G. Gutiérrez; a.a.O., S. 277
[10] Die Welt des „ganz Anderen“, Gott, der von außerhalb diese geschlossene Welt aufbricht und dies gerade dadurch, dass er unter den Barbaren, den Ausgestoßenen, Mensch wird, kann in der griechischen Philosophie nicht einmal ansatzweise gedacht werden. Dass dann gerade eine solche Philosophie mit ihrer Begrifflichkeit zum „Geburtshelfer“ des Glaubens an Jesus den Messias und der im 4. Jh. entstandenen Christologie werden konnte, kann als die Ursünde des Christentums bezeichnet werden. Denn sie verhindert, die wesentliche Botschaft des Christentums zu erkennen: Die Menschwerdung Gottes, Leiden, Tod und Auferstehung Jesu und dessen Frohe Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes. Diese Botschaft stellt das komplette Kontrastprogramm zur griechischen Philosophie dar. Diese genannte Ursünde wirkt bis heute weiter, nun unter römischem Gewand.
[11] Enrique Dussel: Método para una filosofía de la liberación; Salamanca 1974, S. 114 (eigene Übersetzung)
[12] Dussel: Herrschaft – Befreiung, in Concilium 1974, 6/7, S. 402
[13] Dussel: Método para…. a.a.O., S 265
[14] E. Dussel: a.a.O., S. 247




