Miteinander glauben - miteinander teilen

Leitartikel Kath. Kirchenblatt Ulm/Neu - Ulm/Blautal zum Tag der Weltmission, 28. 10. 1984.

 

„Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten“ (Mt 5, 13, aus dem heutigen Evangelium). Salz gehört in die Speise. Bleibt es im Topf, im Sack, ist es nutzlos. Es offenbart sein Wesen nur, wenn es tätig wird. Ebenso kann ein Christ nur Zeuge Jesu Christi sein, wenn er Christsein als Dienst an der Welt, als „Mission“ begreift. Sind wir aber Salz, fordern uns die weltweiten Probleme unserer Zeit heraus: die wachsende Verelendung in der Welt, die Bedrohung der Schöpfung, die steigende Rüstungsproduktion, die zunehmende Gewalt, die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher, der schwindende Glaube an Jesus Christus.... Wir müssen uns diesen Problemen stellen und nach alternativen - dem Evangelium gemäßen - Antworten suchen. Wenn wir zu all dem nichts zusagen haben, sind wir schales Salz, nutzlos.

 

Haben wir etwas zu sagen - und selbst wenn: wer hört uns noch? Wir leben in einer zunehmend heidnischen Gesellschaft. Die Zerstörung der Natur, unser eigenen Lebensgrundlage und der kommender Generationen, ist nur ein Beispiel und Symptom einer zutiefst atheistischen Grundeinstellung: nämlich sich selbst an die Stelle Gottes setzen wollen oder sich eigene Götter zu schaffen, die da sind: Profit, Habgier, Macht, materieller Wohlstand usw. Wenn diese Götzen angebetet werden, dann braucht man sich nicht mehr zu wundern, wenn ein blühender Handel mit menschlichen Embryonen existiert oder wenn man Millionen von Menschen in den Tod treibt, weil man ihnen mit Gewalt ihr Land genommen hat, um darauf dann Sojabohnen für unsere Schweine anzubauen.

 

„Ihr seid das Salz der Erde“. Müssen wir uns nicht fragen, ob wir uns beim Tanz um das Goldene Kalb nicht allzu sehr haben blenden und berauschen lassen? Dennoch: Wir Christen sind beauftragt, „Salz der Erde“ zu sein, Licht gerade in dieser Finsternis. Und wir können dies auch, Gott zumindest traut es uns zu. Dabei können wir auch voller Hoffnung auf Lateinamerika schauen, wo eine Kirche nach Jahrhunderte langer Agonie zu neuem Leben erwacht. Menschen, die im Elend leben, entdecken neu die befreiende Botschaft Jesu. Sie lesen zusammen die Bibel und entdecken, dass der Kreuzweg Jesu Christi ihr eigener Kreuzweg ist. Sie fragen aber auch, warum Jesus gekreuzigt wurde und warum sie selbst in solchem Elend leben müssen. Dabei lernen sie die Ursachen ihres Elend kennen, aber auch, dass Elend und Unterdrückung nicht dem Willen Gottes entsprechen. Ihr Elend ist die Folge von sündhaftem Verhalten und sündhaften Strukturen, die von den Mächtigen dieser Erde aus Habgier errichtet und gewaltsam aufrechterhalten werden. Sie vertrauen voll auf Gott, der dieses Unrecht nicht duldet.

Gott steht auf der Seite der Armen und in Jesus solidarisiert er sich mit ihnen bis zum Tod am Kreuz. Doch das Kreuz ist nicht das Ende. Gott hat ihnen, hat uns allen, sein Wort gegeben - über den Tod hinaus. Sie wissen, dass die Herrschaft Gottes schon jetzt aufleuchten soll. Dieses Reich Gottes nimmt konkrete Gestalt an im Einsatz gegen Elend und Unge rechtigkeit und überall dort, wo Menschen sich gemeinsam auf die Nachfolge Jesu einlassen. Ihnen, den Armen, gehören die Verheißungen eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Und die Reichen? Auch sie sind eingeladen und gerufen. Aber für sie ist es Ruf zur Umkehr und umzukehren ist sehr schwer für Reiche.

Wir gehören zu den Reichen. Sind wir verloren? Ja, wenn wir den Ruf der Armen nach Gerechtigkeit nicht hören, wenn wir uns verkriechen, mit den Wölfen heulen, Angst haben und kleingläubig sind. Nein, wenn wir die Götzen von ihrem Sockel stürzen und uns bedingungslos dem Gott des wahren Lebens anvertrauen. In einem wahrhaften Dialog mit der lateinamerikanischen Kirche können wir nichts verlieren - nur gewinnen. Es seien nur kurz erwähnt: die Erfahrungen von christlichen Basisgemeinschaften, die erfri schende Mitarbeit von Laien, eine Kirche des Volkes, in der Bischöfe und Priester wahre Diener des Volkes Gottes sind; Begeisterung und Hoffnung, Feier und Dank; die Erfahrung des Miteinandertei lens und Beschenktwerdens; die Einheit von Glaube und Alltag; das rückhaltlose Vertrauen auf den Gott der Liebe, der sein Volk nicht im Stich lassen wird. Das ist die Botschaft der Armen heute an uns. Zuhören und offen sein ist ein erster Schritt. Es könnte ein Anstoß sein zu einer Befreiung von den Dämonen dieser Zeit, von Zwängen und Ängsten, und zu einem Freiwerden für Gott und den Mitmen schen. Dazu sind wir gemeinsam herzlich eingeladen - gerade auch an diesem Tag der Weltmission.