Gedanken zum Advent - 2020

Gedanken zum Advent - 2020 

Besinnung auf das Wesentliche - Zeit der Umkehr… . Doch was ist das Wesentliche, das was letztlich zählt? An was hängen wir - de facto - unser Herz und wer ist für uns „Gott“, d. h. das Wichtigste in unserem alltäglichen Leben? Und warum und wohin umkehren? Sind wir denn nicht alle schon getauft? Umkehr bedeutet ja nichts anderes als seinen Weg, sein bisheriges Leben, grundlegend zu verändern. „Kehrt um, denn das Reich Gottes steht vor der Tür, es beginnt jetzt.“ Mit diesen Worten beginnt und überschreibt Jesus seine Botschaft. Und als er dies auch bei seinem ersten öffentlichen Auftreten in der seinem Heimatdorf Nazareth sagt, geraten die „Leute der Synagoge“ in Wut und wollen ihn den Abhang hinabstürzen (Lk 4,16-29). Denn sie waren ja schon gottesgläubig, das auserwählte Volk, die Söhne Abrahams, schon beschnitten und besuchten regelmäßig den Tempel – und gingen an den Menschen vorbei, die unter die Räuber gefallen sind. Denn ihre Wege waren so angelegt, dass sie zum Tempel führten, zum kultischen Ritual und zum Sühneopfer.

 Die folgenden Artikel (1.Dez. – 24.Dez.) jeweils auch komplett auf meinen Webseiten

01. Dezember:  Advent - Adveniat „Dein Reich möge kommen“!

02. Dezember:  Ist Afrika noch zu retten?  (zur Misereor-Fastenaktion 2017)

03. Dezember:  Religion to green - Natur und Umwelt in den Religionen

04. Dezember:  Frieden jetzt! Bundesweite Eröffnung der Jahresaktion von Adveniat 2015

05. Dezember:  Ist Klima noch zu retten? (Klimakonferenz in Paris), 2015

06. Dezember:  Die Option für die Armen als Primat des Evangeliums

07. Dezember:  Wut - Voraussetzung für Veränderung (?!)

08. Dezember:  Zum Ende des Konzils

09. Dezember:  Frauen in der Kirche (von Ivonne Gebara, Vortrag in Sao Paulo)

10. Dezember:  Wachet auf....! Lasst uns den Weg weitergehen! 

11. Dezember:  Anfänge einer Theologie der Befreiung (1973)

12. Dezember:  Vom Herrschen und vom Dienen (Mk 10, 35-45)

13. Dezember:  Wider die Habgier (Lk 12, 13-21)

14. Dezember:  Der synodale Weg (2020)

15. Dezember:  Geleitwort zum Abitur

16. Dezember:  Anders leben, damit andere überleben (Misereor-Predigt, 1976)

17. Dezember:  Zur Logik von Waffenexporten

18. Dezember:  Fidei Donum - Geschenk des Glaubens (Priestertreffen in Lima, 2013) 

19. Dezember:  Ist Umkehr machbar? (Lebenswandel und Klimawandel)

20. Dezember:  Zum 50. Todestag von Camilo Torres - Sein Anliegen

21. Dezember:  Amazonien - Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie (Amazonas-Synode 2019)

22. Dezember:  Beitrag der Kirchen zur Entwicklungszusammenarbeit in BW

23. Dezember:  Eurozentrismus und „Teología india“ , u.a.: Der Glaube und die Kultur der Menschen in Cajamarca (in den Anden)

24. Dezember:  Die Geburt von Jesus, dem Messias - Conclusio


1. Dezember 2020: Advent - Adveniat „Dein Reich möge kommen“!

Besinnung auf das Wesentliche - Zeit der Umkehr… . Doch was ist das Wesentliche, das was letztlich zählt? An was hängen wir - de facto - unser Herz und wer ist für uns „Gott“, d. h. das Wichtigste in unserem alltäglichen Leben? Und warum und wohin umkehren? Sind wir denn nicht alle schon getauft? Umkehr bedeutet ja nichts anderes als seinen Weg, sein bisheriges Leben, grundlegend zu verändern. „Kehrt um, denn das Reich Gottes steht vor der Tür, es beginnt jetzt.“ Mit diesen Worten beginnt und überschreibt Jesus seine Botschaft. Und als er dies auch bei seinem ersten öffentlichen Auftreten in der seinem Heimatdorf Nazareth sagt, geraten die „Leute der Synagoge“ in Wut und wollen ihn den Abhang hinabstürzen (LK 4, 16-29). Denn sie waren ja schon gottesgläubig, das auserwählte Volk, die Söhne Abrahams, schon beschnitten und besuchten regelmäßig den Tempel – und gingen an den Menschen vorbei, die unter die Räuber gefallen sind. Denn ihre Wege waren so angelegt, dass sie zum Tempel führten, zum kultischen Ritual und zum Sühneopfer.

Nicht der Himmel oder das Leben nach dem Tod ist das Ziel, sondern ein menschenwürdiges Leben hier und heute für alle, besonders für jene, denen diese Würde vorenthalten oder gar - auch strukturell - geraubt wird. Denn diese Würde ist unantastbar. Und auf diesem Weg werden wir erfahren, was es bedeutet, ein „Leben in Fülle“ ….Doch was tun wir? Wir feiern Messopfer nach Messopfer, wir beten und beten! Doch wenn wir nicht zugleich radikal umkehren und den Weg zum leidenden Mitmenschen gehen, begehen wir ein Sakrileg. Wenn wir nicht bereit sind, den unter die Räuber Gefallenen wirklich zu helfen, verraten wir Christus in ihnen und in uns. Wir können auch mit unseren Gebeten und Opfern Christus kreuzigen. Bischof Fragoso aus Brasilien sagt: „Unsere Gottesdienste und Gebete können Atheismus sein, wenn wir sozialen Ungerechtigkeiten gegenüber gleichgültig bleiben. Wir können mit der Messe, mit den Sakramenten und der Liturgie Atheismus verkünden, wenn wir nicht für mehr soziale Gerechtigkeit einstehen. Die uns im Gotteshaus versammelt sehen, sehen sie uns auch Hand anlegen im Kampf um mehr Gerechtigkeit, damit alle unsere Brüder und Schwestern frei werden und in Würde leben können?“ („Helder Camara: Die beiden Lastkutscher“).

Advent - Adveniat: „Dein Reich möge kommen“! Und dann kam Jesu und sagte: Dieses Reich, diese „Herrschaft“ der Liebe und Gerechtigkeit, beginnt jetzt bzw. hat mit Jesus begonnen. In seinen Worten und Taten wird deutlich, was damit gemeint ist. In ihm können wir erfahren, wer und was Gott ist und was er mit uns werden will. Im Glauben der Christen ist er deshalb der Messias, das Bild Gottes unter den Menschen. Wenn ich schon an einen Gott glaube, dann nur an den Gott, wie er sich in Jesus geoffenbart hat (und auch an denselben Gott, der sein Volk aus der Sklaverei befreit und in das Gelobte Land führt).

Zur Zeit Jesu aber war das Land voller Wanderprediger, es wimmelte geradezu von Messiassen. Viele sammelten Jünger und die meisten wurden samt ihrer Anhänger von den Römern niedergemetzelt. Es war eine Ära apokalyptischer Erwartungen. Denn die Menschen litten unter einer doppelten Ausbeutung und Unterdrückung: Seitens der römischen Besatzungsmacht, die unbarmherzig und gewaltsam sehr hohe Abgaben (Steuern) eintrieb und seitens der eigenen Priesterschaft. In ihrer Not suchten die Menschen immer mehr Zuflucht in ihrer Religion und ihren religiösen Führern, die nun ihrerseits die Situation ausnutzten, um hohe Steuern und Abgaben für die Tempeldienste (u.a. Reinigungs- und Opferrituale) zu verlangen. Zudem arbeiteten sie mit den Römern zusammen. Im Volk wuchs daher die Sehnsucht nach dem verheißenen Messias, der all dem ein Ende bereiten sollte. Not und Verzweiflung waren noch nie so groß, wie zur Zeit Jesu. Wenn jetzt nicht der verheißene Messias kommen würde, wann dann?

Doch es gab völlig verschiedene Messiaserwartungen, von militanten Attentätern wie die Sikarier bis hin zu den Essenern, die in radikaler Askese die Ankunft des Erlösers erwarteten. Und Jesus von Nazareth? Er wuchs auf und lebte in dem winzigen und armseligen Kaff Nazareth, in einer Region, wo der Widerstand gegen die Römer und die herrschende Gottlosigkeit der eigenen Führer am größten war. Jesus kannte sicher die verschiedenen Widerstandsbewegungen und das Schicksal mancher „Messiasse“. Nicht zuletzt kannte er Johannes den Täufer und dessen Lehre und Schicksal. Jesu provokanter Einzug in Jerusalem (weil den pompösen Einzug des Statthalters verhöhnend), die dann folgende noch provokantere „Säuberung“ des Tempels und sein Passahmahl mit seinen engsten Freunden als Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei in einem geheimen Ort – vieles deutet darauf hin, dass Jesus damit rechnete, was ihm geschehen wird. Doch unabhängig davon, was seine Jünger*innen und auch seine Feinde von Jesu gehalten und wie sie seine Worte verstanden haben, eines bleibt eindeutig: Seine Botschaft und feste Überzeugung, dass mit ihm eine neue Zeit beginnen wird. Diese neue Zeit wird eine völlig andere (soziale und gesellschaftspolitische) Werteordnung haben. Oder umgekehrt gesagt: Die herrschenden Verhältnisse – Gewalt, Unterdrückung, Verelendung – sind unvereinbar mit dem Kommen des Reiches Gottes. Zeichen der neuen Zeit sind u.a.: Brotteilen, das heißt Tischgemeinschaften mit Ausgeschlossenen, sowie Barmherzigkeit, Vergebung, Austreiben der „Dämonen“ und die Seligpreisungen. Das bedeutet:  Jesus betrachtet und deutet die reale Welt aus der Perspektive der Hungernden, der Ausgegrenzten, der unter die Räuber Gefallenen…

Was bedeutet dies alles heute - zumal in Zeiten eines zunehmenden Fundamentalismus, wachsender Kluft zwischen arm und reich, Zerstörung des Planeten, des herrschenden Wachstums- und Machbarkeitswahns? Eigentlich wissen wir, aber verdrängen es oft: So kann es nicht weitergehen! Denn längst sind die planetarischen Grenzen erreicht. Auf einer begrenzten Erde ist unbegrenztes Wachstum nicht möglich – eine Binsenwahrheit. Selbst eingefleischte Kapitalisten bekennen, dass Kapitalismus ohne stetiges Wachstum (materialistisch im Sinne von Konsum, Verbrauch,) nicht funktionieren kann. Die Klimakatastrophe ist bereits voll im Gange, dennoch gibt es kein wirkliches Umdenken, nur Kosmetik. Würde jeder Erdenbürger so viele Ressourcen, Wasser und Energie verbrauchen wie ein Mensch in Baden-Württemberg, eine der reichsten Regionen der Welt, würde man schon jetzt 10 Erden brauchen. Und wir gehen immer noch wie selbstverständlich davon aus, dass es wohl unser eingeborenes Menschenrecht sei, das 100-fache an Ressourcen zu verbrauchen wie ein Mitmensch z.B. im Niger. Und diese Kluft zwischen arm und reich wird immer größer. Auch die innigsten Verfechter dieser Weltordnung ahnen ja vielleicht, dass dies ein schlimmes Ende haben kann. Und bevor die Party zu Ende geht, stürzt man sich umso heftiger auf die „letzten Ressourcen“. Wie Geier fallen Konzerne in die letzten Winkel der Erde ein, um noch zu holen, solange es noch etwas zu holen gibt: «Après nous le déluge! »


2. Dezember:  Ist Afrika noch zu retten?  (zur Misereor-Fastenaktion 2017)

Eigentlich – eigentlich ist Afrika südlich der Sahara reich an wertvollen Edelmetallen, an alternativen Energiequellen (Sonne, Wind, Wasser…), an Flüssen und fruchtbaren Böden und könnte laut Berechnungen der UN damit etwa vier Milliarden Menschen ausreichend und ausgewogen ernähren. Eigentlich! Doch knapp die Hälfte seiner Bevölkerung ist unzureichend und mangelhaft ernährt.

Warum das so ist und welche Möglichkeiten bestehen, dem entgegenzuwirken, ist das Thema der neuen Fastenaktion von Misereor und soll am Beispiel von Burkina Faso veranschaulicht werden. Burkina Faso zählt mit einem mittleren Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 204 Euro pro Kopf und Jahr zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsschwelle. Auf dem Index der menschlichen Entwicklung der UN liegt Burkina Faso auf dem Platz 177 der 182 bewerteten Staaten.

80% der Bevölkerung von Burkina Faso leben (noch) auf dem Land und leben - eigentlich - von Ackerbau und Viehzucht. Doch das wichtigste Exportgut des Landes ist Baumwolle. Baumwolle wird im großen Stil angebaut, verbraucht viel fruchtbares Land und sehr viel Wasser - und dies alles gehört nicht mehr den „kleinen Leuten“. Sie wurden vertrieben und ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Sie müssen sich nun als Wanderarbeiter und Tagelöhner auf den großen Plantagen verdingen, zu Löhnen, die bei weitem nicht zum Leben reichen. Daher müssen auch ihre Kinder „mithelfen“ (Stichwort: Kindersklaven). Die wenigen verbliebenen noch selbstständigen Viehzüchter müssen bald aufgeben, weil der Anteil an importiertem Milchpulver (Nestle!) beim allgemeinen Milchverbrauch auf 95% angestiegen ist, weil es viel billiger ist, als die im Land produzierte Milch (vergleichbar gilt dies für nahezu alle lebensnotwendigen Produkte).

Wenn die Lebensgrundlagen der Menschen in Afrika zum Vorteil von einigen Wenigen und letztlich von uns allen systematisch zerstört werden, dann ist dies - eigentlich - nicht mehr zu ertragen, erstrecht gilt dies für Christen (dies ist auch eine der Hauptaussagen der Botschaften von Papst Franziskus). Und diese Menschen werden sich auf den Weg machen (müssen) und an unsere Strände gespült werden….! Wie wir uns als Christen stattdessen zu ihnen auf den Weg machen und ihnen entgegenkommen können, ist das Hauptanliegen der Fastenaktion von Misereor. Anhand guter Beispiele kann gezeigt werden, was wir tun können, dass möglichst viele Menschen ein Leben in Würde führen können – in Afrika wie bei uns.

Hungertuch

“Ich bin, weil du bist“ ist der Titel des Hungertuchs zur Fastenaktion 2017 – der Künstler Chidi Kwubiri lädt damit ein zum Dialog über die Art und Weise, wie wir Menschen einander näherkommen und miteinander Zukunft gestalten können.

Willi Knecht, als Beitrag zu drs.global, dem Newsletter der Diözese Rottenburg-Stuttgart


3. Dezember:  Religion to greenNatur und Umwelt in den Religionen

„Der Einsatz für die Belange der Natur ist ein gemeinsames Anliegen der Religionen. Aufgrund ihrer jeweiligen Traditionen, Schriften, Lehren und Moralvorstellungen haben diese je besondere Perspektiven und Motivationen“. (Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Stiftung Weltethos und DA „Nachhaltige Entwicklung“). Aus der Ankündigung "Religions to green" in der Kath. Akademie Hohenheim)

Vorbemerkungen:

Es wird meist als selbstverständlich vorausgesetzt, dass das Christentum eine europäische Religion sei. Dabei käme eine Untersuchung über die geglückte oder nicht geglückte Inkulturation des Evangeliums als Zeugnis einer vorderasiatischen Religion in Europa zu überraschenden Ergebnissen. Dabei könnte auch die Frage aufgeworfen werden, ob das Evangelium z.B. dem Verständnis der indianischen oder afrikanischen Völker nicht viel näher als den Völkern Europas ist und ob daher das Evangelium nicht auf dem „Umweg“ über die nichteuropäischen Völker den Europäern verständlich gemacht werden könnte, selbstverständlich unter Beachtung interkultureller Kriterien.

Wir sind es gewohnt, die Welt und alles was in ihr geschieht, von dem Kontext aus wahrzunehmen und zu deuten, in den wir hineingeboren und erzogen worden sind. Dies gilt nicht nur individuell für die Eltern-Kind-Situation, sondern auch viel allgemeiner für den geschichtlich-kulturellen Kontext, so wie er sich seit Jahrhunderten herausgebildet hat. Unsere europäische Kultur ist zweifelsfrei geprägt von christlichen Vorstellungen, unabhängig davon wie wir heute zu ihnen stehen. Moral, Sitten und Gebräuche bis hin zu Wertvorstellungen, Weltanschauungen und Ideologien bilden einen Rahmen, der uns vorgegeben ist, der aber auch natürlich für Veränderungen und Entwicklungen offen ist. Diesem Kontext gegenüber haben wir uns zu verhalten und dies geschieht in sehr individueller Weise. Diese Kontexte oder auch Kosmovisionen genannt und deren kulturellen und religiösen Inhalte und ethisch- philosophische Werte sind weltweit verschieden.

Unsere westlichen Werte - auch osteuropäische, also europäischen Werte, haben ihren Ursprung in der griechisch-römischen Tradition. Römisch ist vor allem noch unser Rechtssystem mit seiner Betonung des im Gegensatz zu anderen Kulturen nahezu absoluten und individuellen Rechts auf Eigentum. Aber das christliche Abendland, selbst wenn es heute nicht mehr als überwiegend christlich wahrgenommen wird - hat es nicht seine Wurzeln in der Botschaft Jesu Christi, seinen Worten und Taten? Nun, spätestens im 4. Jh. wurden die Worte und Taten Jesu Christi, der seine Wurzeln im jüdischen Glauben hatte, uminterpretiert, übersetzt und implantiert in die Gedankenwelt und Terminologie der griechischen Philosophie, oder anders ausgedrückt: Nicht mehr die Worte und Taten des Jesus von Nazareth und der Propheten des AT standen im Mittelpunkt des Glaubens der Kirche, sondern die philosophischen Konstrukte und Definitionen der herrschenden griechischen Philosophie.

Seit ihrem Entstehen vor mehr als 2.500 Jahren begreift sich diese Weltanschauung aber als eine totalitäre Weltanschauung, denn sie bezeichnet andere Sichtweisen und Erfahrungen fremder Völker als „barbarisch“ und kann diese daher nicht als dialogfähig anerkennen. Der Andere wird in seiner Andersheit geleugnet und umgekehrt ergibt sich daraus automatisch ein Anspruch auf universelle Gültigkeit, die dazu führt, den Anderen nicht nur nicht anzuerkennen, sondern ihn noch nicht einmal als solchen wahrnehmen zu können. Er ist schlichtweg entweder nicht existent, wird vereinnahmt und zwangsweise in die eigene Welt integriert oder ausgelöscht.

Diese Sichtweise wurde dann noch verstärkt, durch den Absolutheitsanspruch der nun herrschenden Kirche mit ihren unfehlbaren Dogmen und rigiden Moralvorstellungen. Die Kirche begründete ihren Absolutheitsanspruch auf der griechischen Philosophie und dann in der "Heiligen Allianz" von Thron und Altar. Seit Beginn der Neuzeit und der Kolonialisierung der Welt wurde dieser Anspruch globalisiert und weltweit durchgesetzt. Ist es noch relativ leicht nachzuweisen, dass die europäischen Eroberer z.B. den Indio, den Andersfarbigen* und Andersartigen nicht als gleichwertigen Menschen mit eigener Kultur, Würde und Identität wahrnehmen konnten, so fällt die Einsicht, dass dies sich bis heute möglicherweise nicht wesentlich geändert hat, viel schwerer. Philosophie und gerade auch deutscher Theologie fällt es nicht leicht, nichteuropäische Entwürfe als gleichwertig anzusehen oder gar von ihnen zu lernen. Da gleichzeitig der Faktor der wirtschaftlich-politischen Abhängigkeit bei Theologen weitgehend unberücksichtigt bleibt, kann man nur schwer erkennen, dass die von Europa ausgehende realpolitische und wirtschaftliche Eroberung der Welt als konsequente Weiterführung einer totalitären Weltanschauung gedeutet werden kann.

Die räumlich und zeitlich begrenzten Erfahrungen bestimmter Menschen in einer bestimmten Gegend dieser Welt können aber nicht für alle Welt verbindlich gemacht werden. So haben z.B. bestimmte Voraussetzungen der abendländischen Geistesgeschichte wie die Trennung von Geist und Materie (Frauen gehören zum Bereich des Materiellen!), Subjekt und Objekt, Diesseits und Jenseits, heilig und profan etc. für die Menschen in anderen Kulturen keine Bedeutung und erscheinen gar als unsinnig, weil sie den Jahrtausende alten Erfahrungen dieser Menschen widersprechen. Die europäischen Konzepte konnten nur mit Gewalt und im Gefolge der Sieger durchgesetzt werden, nicht durch Überzeugung. Erst die Anerkennung anderer Konzepte und Weltanschauungen als eigenständige und Sinn stiftende Kulturen ermöglicht einen echten Dialog und kann helfen, die Einschränkungen der eigenen Kosmovision zu erkennen. Es geht um eine Wiederbesinnung oder gar Umkehr hin zu den ursprünglich christlichen Werten, den Worten der Propheten (der Stimme Gottes) und vor allem der Worte und Taten Jesu Christi.

Noch ein Hinweis auf „Laudato sí“: Für mich ist diese Enzyklika nicht zuerst eine ökologische, soziale, politische oder wie auch immer genannte Enzyklika, sondern ein Glaubenszeugnis voller jesuanischer und franziskanischer Spiritualität aus der Mitte der Botschaft Jesu heraus. Sie hat das Potential, einen Wendepunkt in der Kirchengeschichte festzuschreiben: Von einer europäischen (griech.- röm.) Kirche hin zu einer wahrhaft katholischen (allumfassenden) und evangelischen Kirche (das Evangelium als Fundament) - ausgehend von den Opfern der Geschichte und den Opfern der global herrschenden Wirtschaftsordnung. Die Geschichte des christlichen Abendlandes mit seiner weltweiten Dominanz bis hin zu in die letzten Winkel der Erde vorgedrungenen Ideals des „american way of life“ ist an seine Grenzen gestoßen, oder anders gesagt: ist nicht zukunftsfähig (nachhaltig).

„Reichtum bedeutet zu wissen, was wir nicht brauchen“ (Prof. Ott)

Wir sprechen zu sehr eudämonistisch (Eudämonie als eine gelungene Lebensführung nach den Anforderungen und Grundsätzen einer philosophischen Ethik und den damit verbundenen ausgeglichenen Gemütszustand, Suche nach individuellem Glück, Aristoteles). Es wird dabei vorausgesetzt, dass dieses geglückte Leben jeder erreichen kann und soll - vor allem durch moralische Appelle und phil. Einsicht. Aber moralisch-ethische Reflexionen allein können nicht die grundlegenden Probleme lösen, dies geht nur zusammen mit Politik und Wirtschaft.

Zur Interpretation des Schöpfungsberichts: Die bisher verstandene Bedeutung - Beherrschung der Natur - führt zur Zerstörung, sie ist zudem falsch, da sie die ursprüngliche Aussage völlig falsch verstanden hat. Sie wurde vom griech.- europäischen Denkmodell her verstanden und entsprechend übersetzt und gedeutet. Das europäische Denkmodell (Kosmovision) übersetzt z.B. das hebräische Schlüsselwort „kabash“ entsprechend der eigenen Denkweise mit unterjochen, erobern. Und diese Deutung wurde dann durch die Kolonialisierung globalisiert. Im hebräischen Denken - und damit in korrekter Übersetzung - bedeutet „kabash“ zum „Bereich Gottes gehörend“, allgemeiner: Die Schöpfung Gottes gehört nicht uns, den Menschen. Wir können nicht über sie verfügen, sie ist uns bestenfalls nur geliehen. Und das bedeutet im biblischen Denken: Wir müssen sie im Sinne des Eigentümers (Gott) gestalten: Im Dienst des Mitmenschen, besonders der Ausgegrenzten, in Beziehung mit den anderen Geschöpfen; die Güter der Erde sind für alle Menschen bestimmt und der Zugang zu den Gütern der Erde (Wasser, Land, Früchte...) muss allen Menschen offen stehen, denn sie dienen dazu, dass alle Menschen in Würde leben können, als Kinder Gottes, als sein Ebenbild. Das schließt natürlich das Leben zukünftiger Generationen mit ein.

Also: Eine orientalische Kultur wurde in die europäische Denkweise übersetzt und daher völlig verfälscht, weil - wie gesagt - in der griech.-röm. Denkweise der Mensch der absolute Herrscher über die Natur ist, er sie rücksichtslos ausbeuten darf, die Natur gar als feindlich betrachtet wird, die es zu zähmen gilt. In gleicher Weise wurden auch andere grundlegende Aussagen der Bibel, besonders der Worte Jesu, von einem europäischen Denken her gedeutet und damit verfälscht oder gar in ihr Gegenteil verkehrt. Im Verlauf der Kirchengeschichte (und bis heute) führte dies zu verheerenden Konsequenzen….

Wir sprechen zu oft von Idealen, statt von konkreten Handlungsoptionen. Reine Appelle an die Moral und nur an die Moral, führen zu keinen Verhaltensänderungen. Auch ist die ökologische Diskussion oft weit weg von den „Machern“ (geht über deren Köpfe hinweg). Visionen sind zwar notwendig, aber was ist machbar, in kleinen Schritten? Ausgehen von der politisch - wirtschaftlichen Realität und Umsetzbarkeit. Dafür ist wiederum eine gründliche Analyse des wirtschaftlich-pol. Kontexts und der Wirklichkeit notwendig. Doch wie kann dies geschehen, wo doch jeder Einzelne auf seiner eigenen Wahrnehmung besteht und diese ist wiederum abhängig von seinen Interessen und dem Kontext, in dem er lebt und arbeitet? Die Theologie ist als Hermeneutik zu verstehen: Wie sehe und deute ich die Welt! Laudato sí ist ein gutes Beispiel, denn sie ist aus einem Dialog heraus entstanden - einem Dialog mit verschiedenen Traditionen, mit den Erfahrungen indigener Völker und anderer Religionen. Das kath. Lehramt hat schon vor Franziskus auf unterscheidend christliche Aspekte hingewiesen: Z.B. in Populorum Progressio (1967) auf ganzheitliche Entwicklung und den Zusammenhang von Ökologie - Ökonomie - Soziale Frage; auf Konsumismus, den herrschenden Materialismus (Götzendienst) besonders der westlichen Welt, der sein Modell weltweit zum Maßstab machen will; auf die Bedeutung des Gemeinwohls als Priorität vor dem Individuellen. Auch die Stellungnahmen der Kirchen zu „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ seit 1983 haben wesentlich u.a. zu Rio 1992 beigetragen. Zu Gen1 und 2 (siehe auch Vortrag Ott), bisherige Deutung: Die Welt in der Hand des Menschen ist sehr gefährlich, auch deswegen, weil damit in der Hand der Interessen einzelner Interessengruppen, des Kapitals usw.

Außereuropäische Vorstellungen (u.a. auch Die Kosmovision andiner Völker - Cosmovisión andina)

China: Der Mensch als Brücke zwischen Himmel und Erde. Der Mensch hat den Auftrag, die Erde (weil Gott gehörend) zu schützen und die Güter der Erde gerecht zu verteilen. Es herrscht eine zyklische Zeitvorstellung - kein fundamentaler Gegensatz zwischen alt und neu (alles war schon einmal da), statt linearer Zeitvorstellung. Jeder hat seinen Platz und eine bestimmte Rolle an seinem Ort und innerhalb der Gesellschaft. Erfüllt er seine Aufgabe, ist er ein „guter“ Mensch und wird geachtet. Der Mensch steht in Beziehung mit allem Geschaffenen. Die Lehre von Konfuzius (551-479 v. Chr.) gewinnt unter chinesischen Intellektuellen und sogar staatlichen Stellen wieder stark an Bedeutung, besonders angesichts der wachsenden Umweltbedrohungen in China. Westliche Vorstellungen werden - auch politisch bedingt - eher als schädlich und nicht zielführend erfahren.

Buddhismus: Grundlage ist die Überwindung der in jedem Menschen innewohnenden Gier, die alles sinnvolle Zusammenleben zerstört und die den Menschen letztlich versklavt. Folge sind Konkurrenz aller mit allen, Ausbeutung auch der Erde wegen kurzfristiger Interessen. Diese Gier wurde von der westlichen Welt globalisiert und gar zur Grundlage ihres Geschäftsmodell gemacht. Alte Kulturen und Traditionen werden dadurch zurückgedrängt oder gar zerstört. Dagegen haben bisher alle Religionen und Kulturen versucht, diese Gier zu zähmen oder in den Griff zu bekommen (durch Moral, Gebote etc.). Doch die moderne Religion, der materielle Götzendienst, der Mammon – ausgerechnet vom christlichen Abendland (inklusive USA) befeuert - verführt immer mehr Menschen. Dies führt zur Katastrophe. Stattdessen: Wechselseitige Verbundenheit, Sein als Intersein, der Mensch als Knotenpunkt innerhalb einer Gemeinschaft, d.h. in Beziehung zu allem.

Die nachfolgenden Beiträge u.a. von Prof. Rademacher und Dr. Putz (Potsdam) drehten sich nach Darlegung der bekannten Ziele der SDGs und des Club of Rome vor allem um die Frage: Wie dieses Wissen „an die Leute“ bringen, erstrecht in Kirchengemeinden, usw. Denn wir wissen ja bereits (fast) alles. Und die immer selben Menschen wiederholen in unzähligen Vorträgen immer dasselbe. Trotzdem (oder deswegen?) scheint sich kaum etwas zu bewegen. Es wurde selbstverständlich auch davon geredet, dass wir uns besser vernetzen sollen, dass jede Gruppe oder Institution eher für sich meint alles machen zu müssen und die Neigung besteht, eher sein „Ding“ machen zu wollen als mit anderen zusammen. Noch eine Aussage von Prof. Rademacher: „Eher in z.B. Afrika in neue Energien investieren, als bei uns, denn dies hätte dort einen 20-fachen höheren ökologischen Effekt …“

Ausschnitte aus wichtigen, typischen Fragen aus dem Publikum:

  • Wir verstehen nicht diese wiss. Sprache und Diskussionen, sie gehen zudem oft an der Realität vorbei. 
  • Von 70 Kollegen (in kirchlicher Gebäudeverwaltung) zeigen nur 3 Interesse, in Kirchenpflege (Finanzen) und Kirchengemeinde (KGR) sind diese Themen kaum oder gar nicht präsent.
  • „Ich fühle mich als Einzelkämpfer in der Kirche“.
  • Kein Veränderungswille in den Kirchen, Verdrängen existentieller Fragen über das zukünftige und gegenwärtige weltweite Zusammenleben und Wirtschaften, erstrecht keine Systemkritik.
  • Kirche nimmt ihre Verantwortung weltweit nicht wahr, oft nicht glaubwürdig in Nachhaltigkeit …
  • Immer mehr Infos und Aufklärung? Fragwürdig, denn bei zu viel schaltet man ab, Überforderung
  • Das Wort „Umkehr“ wurde nie genannt, obwohl dies die zentrale Botschaft Jesu ist („Kehrt um, denn…).

Zum Abschluss einige Aussagen bzw. Fragen von Khushwant Singh, Vorsitzendes des Rats der Religionen, Frankfurt:

  • Es herrscht eine maßlose Überheblichkeit der Wissenschaft, des Intellekts (z.B. Machbarkeitswahn).
  • Wieso ist die Welt so schlecht, wenn 80% der Weltbevölkerung sich religiös nennen?
  • Wieso reden wir hierzulande so oft von Menschenrechten (oft identifiziert mit „westlichen Werten“) und treten sie de facto ständig mit Füßen - und sagen auch noch, wir sind religiös?
  • Wieso akzeptieren wir den Kapitalismus und berufen uns dabei gleichzeitig auf Jesus Christus, bzw. Gott? Verdrängen wir nicht auch, dass der Kapitalismus aus dem Christentum heraus entstanden ist?
  • Alles, was gesagt werden muss (z.B. „Gutes Leben“) ist schon gesagt! Und warum brauchen wir so viele Regeln, um religiös zu sein (Regeln sind doch eher etwas für kleine Kinder)?
  • Es gibt in der Welt und in anderen Religionen Weisheiten, von denen der Westen nichts weiß!

In Lateinamerika spricht man bereits von einer notwendigen „De-okzidentalisierung“, dem Ende des Zeitalters des „christlichen Abendlandes" und von dem Ende einer unipolaren Welt. Gleichzeitig befürchtet man, dass im Angesicht der bevorstehenden „Machtablösung“ und der zu Ende gehenden Ressourcen die Mächtigen dieser Erde alles unternehmen werden, um noch so viel wie möglich für sich herauszuholen… !

*Hinweis zu „weiße“ Menschen und „Andersfarbige“: Kein Mensch ist selbstverständlich besser oder schlechter aufgrund seiner Hautfarbe oder Herkunft, alles andere wäre Rassismus in Reinform. Gott steht aber deswegen eher auf der Seite der Armen, weil sie in der Bibel meist als Opfer von Ungerechtigkeit erscheinen - und nicht deswegen, weil sie bessere Menschen wären. Doch Europa (dann die USA) haben über Jahrhunderte von der von ihnen etablierten Aufteilung der Welt profitiert, andere Völker haben darunter gelitten. Wir sind heute nicht schuldig, weil wir Europäer oder „Weiße“ sind, sondern nur dann, wenn wir nicht gegen Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen aufstehen!

Willi Knecht, als Bericht und Vortrag im Diözesanausschuss "Nachhaltige Entwicklung" über die Tagung "Religions to green" in der kath. Akademie Hohenheim (7.- 9. Okt. 2016)


4. Dez.: Frieden jetzt! Bundesweite Eröffnung der Jahresaktion von Adveniat 2015: Frieden und Versöhnung

Die bundesweite Eröffnung der Adveniat-Jahresaktion 2015 fand am 29. November in Stuttgart statt. Das Thema der diesjährigen Jahresaktion lautet: „Frieden jetzt!“. Eingeladen hatte die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Aus diesem Anlass fand am Tag vorher im „Haus der katholischen Kirche“ eine Fachtagung statt, zu der Adveniat und die Diözese eingeladen haben. Als Gäste wirkten u.a. der Vorsitzende der kolumbianischen Bischofskonferenz und der nationalen Versöhnungskommission, Bischof Luis Augusto Castro und Bischof Julio Cabrera aus Guatemala mit, langjähriger Partner der Diözese Rottenburg-Stuttgart und in Guatemala entscheidend an der Versöhnungsarbeit in Guatemala beteiligt. Den Gastvortrag hielt Prof. Justenhoven. Die Bürgerkriegsländer Kolumbien (seit 1948) und Guatemala (1954 -1996, einschließlich Genozid in den 80er Jahren) standen im Mittelpunkt der Jahresaktion.

Über Geschichte und Gegenwart dieser Länder kann man – wenn man will – heute fast alles aus dem Netz abrufen. Ursachenforschung, Analysen, Deutungen, reine (?) Fakten, Folgen usw. – alles ist „abrufbar“. Doch warum soll man das alles wissen wollen? Was geht das uns an? Und vor allem: Was hat dies mit Umkehr, Beginn der Herrschaft Gottes, kurz: mit dem Glauben an Jesus den Christus zu tun? Zum Wissen: Kolumbien war bis zum Ausbruch des „Arabischen Frühlings“ das Land, das weltweit die meisten Binnenflüchtlinge hatte, zuletzt noch (2015) über 4 Millionen. Die Hälfte der Bevölkerung war und ist direkt oder indirekt (Familienangehörige) zum Opfer von Gewalt geworden.

Doch allein das „Wissen“ führt nicht zu Veränderung. Es kommt auf die Haltung an, auf den Standort, den Standpunkt. Aus welcher Perspektive und aus welchem Interesse deutet man z.B. die Zahlen und Fakten aus Kolumbien, Guatemala oder allgemein all das, was in der Welt geschieht?  War z.B. der Krieg gegen die Mayas mit hunderttausenden Toten ein notwendiger Kampf für den Erhalt der „Werte der westlichen Welt“, für unsere Freiheit und für die Demokratie? Oder sind alle diese „Werte“ vielmehr auf einer Lüge aufgebaut? Welcher Mythos liegt ihnen zu Grunde“?

Auf welchen Werten beruht ein Wirtschafts- und Gesellschaftmodell, das wohlwissend den Hungertod von Millionen Menschen Jahr für Jahr in Kauf nimmt, damit Reiche immer reicher werden und wir Früchte und Fleisch aus aller Welt zu Schleuderpreisen auf unseren eh schon reichlich gedeckten Tischen aufhäufen können?

Es waren Christen, die diese so eingerichtete Weltordnung seit 500 Jahren geschaffen haben, auf Kosten der Auslöschung ganzer Völker und Kulturen (Kolonisierung, Conquista, Sklaverei, usw.). Welchen Wert hatte und hat wohl eine solche Taufe?

Wir als Christen haben „eigentlich“ einen Standpunkt. Der erste Schritt zur Umkehr wäre die Einsicht in das eigene moralische bzw. weltanschauliche Koordinatensystem – das bedeutet: in die eigene möglicherweise falsche Kosmovision. Die Worte Jesu, seine Worte und Taten, und unserer Berufung in die Nachfolge Jesu (Taufe als Neu -Werden) ermöglichen Katharsis („Reinigung“) und Umkehr. Die Jünger*innen Jesu sind die neuen Menschen, die sich an dem neuen Wertesystem orientieren. Das bedeutet, sich für ein menschliches Zusammenleben und eine Gesellschaftsordnung einzusetzen, in der die Werte des Evangeliums zumindest nicht ständig und systembedingt mit Füßen getreten werden. (Dazu u.a. „Die Sünde der Welt“, Röm 8, der alte Mensch - der neue Mensch). 

Zurück zur Fachtagung und zum Thema Versöhnung und „Frieden jetzt“: Kann ein Opfer schwerster Gewalt dem Täter je vergeben – und wenn ja, wie? Es liegt allein am Opfer selbst, ob er vergeben kann, vergeben will und wie er vergibt. Das ist seine freie Entscheidung, sie muss freiwillig sein. Es gibt keinen Zwang zum Vergeben. Erstrecht können das nicht Menschen, die selbst nie Opfer von Gewalt waren bzw. die sich allein aufgrund z.B. einer Weihe in besonderer Weise berufen fühlen, dies von den Opfern einfordern. Im Glauben an die „größere Liebe Gottes“, im Nachvollzug der Hingabe Jesu an die bedrängten Menschen und als Gnadengeschenk kann Vergebung aber vom Opfer verstanden werden und dann auch geschehen. (Damit soll nicht gesagt sein, dass man gläubig sein muss, um wirklich vergeben zu können).  

Man kann unterscheiden (eher nur theoretisch) zwischen einer Versöhnung um der Wahrheit willen und einer Versöhnung um der Gerechtigkeit willen. Eine wahrheitsgerechte Versöhnung, kann auch von Außenstehenden angeregt werden, indem man die Täter und Opfer an einen Tisch bringt. Hier gilt es vor allem, aber nicht nur, um Fakten. Am Ende kommt es dann meist zu einer Amnestie der Täter, gewissermaßen zu einem Tauschhandel. Die Täter räumen ihre Taten ein und erhalten dafür Straffreiheit – aber ohne notwendigerweise ihre Schuld wirklich einzusehen. Sie halten an ihrem alten Weltbild fest, was eine weitere Verhöhnung und Beleidigung für die Opfer darstellt.

Voraussetzung für eine echte Versöhnung ist, dass der Täter bekennt, dass er Teil des Systems war, das Menschen systematisch um ihr Leben gebracht hat. Und dass er durch sein Mitwirken (oder auch nur Angepasstsein) persönliche Schuld auf sich geladen hat. Eine Versöhnung um der Gerechtigkeit willen erfordert Sühne und Bestrafung, wenn auch nicht notwendigerweise. Ein solcher Versöhnungsprozess kommt in Gang, wenn die Ungerechtigkeiten und Verbrechen aufgedeckt werden. Die Opfer müssen ihre Geschichten erzählen und über ihr Leiden sprechen dürfen. Sie sind die Subjekte. (Zur sogenannten „Theologie der Versöhnung“ (u.a. Johannes Paul II.) in der Opfer und Täter auf eine gleiche Ebene gestellt werden ohne über die Schuld der Täter zu sprechen, in einem weiteren Beitrag).

Leben wir nicht auch mit einer Systemlüge? Wir sind schuldig, ohne es (noch) wahrhaben zu wollen?

Es gab und gibt Menschen, die wirklich glaubten, dass weiße Menschen wertvoller sind als schwarze Menschen, germanische Völker allen anderen haushoch überlegen sind, usw. Oder in harmloserer Form: Dass das Gesellschaftssystem der DDR die Spitze der Menschlichkeit darstellte. Glaubten nicht auch viele gutgläubige und tief überzeugte Christen, dass es für die Afrikaner und Ureinwohner Amerikas ein Segen war, dass sie erst durch ihre Unterwerfung zum Christentum bekehrt werden mussten, weil sie nur so gerettet werden konnten? Dafür müssten sie eigentlich dankbar sein! Das glaubte auch noch seine Heiligkeit, als „sie“ 2007 von Rom nach Brasilien (Aparecida) reiste.

Leben wir nicht auch mit einer Systemlüge? Wir sind schuldig, ohne es (schon) wahrhaben zu wollen?

Wie werden künftige Generationen über unsere nun zu Ende gehende Epoche urteilen, über unser moralisches Koordinaten- und Wertesystem? Wir alle ahnen oder wissen gar, dass es nicht so weitergehen kann: Es gibt kein unbegrenztes Wachstum auf einer begrenzten Erde. Eine primär (ausschließlich?) auf Vermehrung des Kapitals ausgerichtete Gesellschafts- und Wirtschaftsform wie der Kapitalismus kann aber ohne Wachstum (wie es heute noch verstanden wird) nicht existieren. Wir laufen Gefahr, unseren Enkeln eine verwüstete Erde zu hinterlassen. Wir nehmen in Kauf, dass auf der Jagd nach dem „immer mehr“ unsere „Seelen“ und das menschliche Zusammenleben in Solidarität und Gerechtigkeit zerstört werden. Und dies, obwohl heute im Unterschied zu vergangenen Zeiten, für alle Menschen ein Leben in Würde möglich wäre (ausreichende Ernährung, Zugang zu Bildung, Krankenheilung, usw.). Und unsere Nachkommen werden fragen: Warum wolltet ihr nicht sehen und hören, warum habt ihr geschwiegen und warum habt ihr keinen Widerstand geleistet?  Es wird sicherlich noch manche Jahrzehnte dauern, bis sich die Überzeugung durchsetzen wird, dass die Menschheit die falschen Götter angebetet hat.

Die Einsicht in die von Europa ausgehende falsche Kosmovision mit ihren vielen Opfern wäre die Voraussetzung für eine Umkehr, für Versöhnung und für einen globalen Neuanfang (der im lokalen beginnt). Wir Christen haben die entsprechende Botschaft, auch immer wieder konkrete Beispiele einer befreienden Praxis.  In der Runde fragte ich, ob diese Art von Umkehr und anstehender Versöhnungsarbeit nicht eine der zentralen Aufgaben und Herausforderungen von Theologie und Kirche wäre. Die Antwort von Prof. Justenhoven. „Das muss man so sehen. Da stehen wir aber erst völlig am Anfang!“

PS: Der Präsident der kolumbianischen Bischofskonferenz (ein Kompromisskandidat zwischen fundamentalistischen Ultras und jüngeren, offeneren Bischöfen) sprach von dem Problem der Rückführung der Binnenflüchtlinge in ihre alte Heimat, nach dem Friedensabkommen. Denn ihr bisheriges Land, wofür sie keine Eigentumstitel hatten, ist nun in der Hand von neuen Eigentümern (u.a. Konzerne, etc.) und da könne man als Kirche nicht daran rütteln.

Ich schlug vor, sich an die kath. Soziallehre zu erinnern: „Die Erde ist uns nur geliehen. Sie ist geschaffen, dass alle Kinder der Erde, Anteil an ihren Früchten haben. Das absolute und unbeschränkte Recht auf Befriedigung fundamentaler menschlicher Bedürfnisse für alle steht über dem Recht auf maßlose Aneignung Einzelner auf Kosten des Volkes. Dies ist für uns als Christen und als Kirche nicht verhandelbar!“

Am darauffolgenden Sonntag, der feierlichen Eröffnung der Adveniat-Jahresaktion, formulierten und sprachen Vertreter von kirchlichen Partnergemeinden die Fürbitten. Für die Kirchengemeinde St. Georg in Ulm habe ich folgende Fürbitte vorgetragen:

„In der Partnerschaft mit Campesino-Gemeinschaften in San Pedro, Cajamarca, hören und erfahren wir, was Gottes Botschaft heute für uns und diese Welt bedeutet. Wenn wir uns mit ihnen auf den Weg machen, können wir lernen, Auswege aus unserer Gefangenschaft im „Goldenen Käfig“ zu finden. Wir lernen, die Bibel und die Welt - Wirtschaft und Politik - mit den Augen derer zu betrachten und zu deuten, die ausgeschlossen werden. Diese neue Perspektive hilft uns, im gekreuzigten Mitmenschen Jesus dem Christus zu begegnen und ihm zu folgen. Wenn wir das Brot mit denen teilen, denen das tägliche Brot vorenthalten oder gar geraubt wird, werden wir als Gemeinschaft der Gläubigen zu einem Zeichen des Heils für diese Welt werden. Als Zeichen der Partnerschaft bringen wir einen Poncho und einen Sombrero, beides das Symbol einer einheimischen Kirche („Una Iglesia de poncho y sombrero“), in deren Mittelpunkt diejenigen stehen, mit denen Jesus Christus sich vorrangig identifiziert. Die Kirche von Cajamarca in Peru versteht sich seit 1962 als eine Kirche mit und inmitten der Armen. Herr des Lebens, wir bitten dich: Gib uns den Mut und die Kraft, Jesus Christus zu folgen, um so zum Brot des Lebens für andere und für die ganze Welt zu werden.“


5. Dezember:  Ist Klima noch zu retten? (Vor einem Jahr in Paris)   

Gemeinsame Delegationsreise der Kirchen zum Weltklimagipfel in Paris, am 5./6. Dezember 2015.

Die ökumenische Delegation der Kirchen von Baden-Württemberg und dem Elsass bestand aus je 5-6 Vertreter*innen der badischen und württembergischen Landeskirche, den beiden Diözesen Freiburg und Rottenburg-Stuttgart, sowie einer Delegation aus dem Elsass. Dafür gab es Vorbesprechungen und wir fuhren ab Straßburg in einem reservierten Waggon nach Paris. Ich wurde gebeten, im Sonntagsgottesdienst in der deutschen kath. Kirchengemeinde in Paris die Predigt zu halten, wenn möglich mit Impulsen von „Laudato si“. Der kath. „Teil“ der Delegation wurde von der kath. Gemeinde eingeladen, der ev. „Teil“ von der ev. Kirchengemeinde in Paris.

Meine Predigt mit einem Impuls zu Laudato sí (in der deutschen Gemeinde, in Stichworten)

1) Bisher einmalig: 98% der Weltbevölkerung einigen sich auf einen gemeinsamen Entwurf bzw. auf einen Klimabericht. Stichworte: Dekarbonisierung - 1,5 Grad? - Klimaschäden (Haftung, Finanzierung)

Vorgeschichte: UN-Generalsekretär U Tant: Tag der Erde 1969, ohne Echo in EU – dann 1972 Club of Rome – Ökologiebewegung – Kairos (1989 Basel) > Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

2) Zur Papstenzyklika: Generelle Einschätzung aus der Perspektive der (Basis-) Kirchen des Südens:

  • Geistig-moralische, kulturelle Wende – andere Kosmovision – globale Zusammenschau aller Probleme
  • Weder nur grün, sozial, ökologisch, ökonomisch, sondern zutiefst spirituell-theologisch – Neuer Geist!
  • Abkehr von einer europäischen Kirche (griechisch-römisch) und von griechischer Philosophie und röm. Recht (absoluter Vorrang des Privateigentums) zu einer katholischen Kirche
  • Europäische Kosmovision als Sonderweg der Weltgeschichte: Trennungen, Abspaltungen, Zerrissenheit des menschlichen Seins und seiner Ganzheit (Ratio, materiell, irdisch, körperlich, Seele, Mann-Frau, etc.)
  • Natur, deren Güter werden zum bloßen Objekt, zum (feindlichen) Gegenüber, muss beherrscht werden. Damit auch: der Nächste wird zum Gegenüber, zum Objekt, zum Konkurrenten, muss besiegt werden (Turmbau zu Babel) > Zitat des Papstes. Dagegen andine Kosmovision: Gott hat die Erde uns allen geliehen, alle Güter für alle, Relationalität.

3) Konzil: Arme Kirche (Abbild des Gekreuzigten, der sich hingab und entäußerte um der Nächsten willen > Gott begegnen und erfahren im gekreuzigten Nächsten. 1968 in Medellín (Weiterführung des Konzils, ausgehend von der Situation in Lateinamerika): Schrei der Hungernden nach Brot und Gerechtigkeit, als der Ruf Gottes an uns heute: Strukturen der Sünde (z.B. in Landbesitz und Agrarpolitik heute) > Systematischer Ausschluss, Hunger ist gemacht – Götzendienst – Ursünde (mehr sein und haben wollen als der Nächste, „Ich an Gottes Stelle"

4) Umkehr: neue Perspektive (Geburt Jesu – Menschwerdung – neue Prioritäten): Leben in Fülle für alle, das Zeichen dafür: Die Eucharistie, reales Zeichen der Gegenwart der neuen Zeit unserer Mitte; Brotteilen (alle satt) als Zeichen der Vorwegnahme des Reich Gottes.

Begegnungen – Stichworte (Samstag, 5. 12.)

Berichte von Klimazeugen aus den Philippinnen und von Vertreter von NGO:

Z.B. Merkel sagt: Dekarbonisierung bis 2100 und Obama: Saubere Energien, z.B. Atomenergie; insgesamt bisher sehr enttäuschend, vor allem auch im Blick auf die ärmsten Länder; Merkel könnte Messlatte höher legen, tut es aber nicht. EU verhandelt aus Rücksicht auf USA (um diese mit ins Boot zu nehmen), USA im Bündnis mit China verhandelt alles herunter (minimalste Standards), Saudis zählen sich zu Länder des Südens, EU sehr schwach, vor allem Polen blockiert (auch andere Ostländer), Deutschland stützt USA; ärmste Länder fordern mehr Unterstützung für Umsiedlungen, Schutzmaßnahmen, Fluchtvermeidung – aber ohne Echo. USA fordern Blankoscheck, dass nie Entschädigungen (Klimaschäden) verlangt werden können.

Samstag wurde der Vertragsentwurf offiziell übergeben, Bewegung von 2 zu 1,5 Grad; Frage der Finanzierung bleibt offen (100 Milliarden jährlich nötig), einer der Hauptstreitpunkte: wer, wie und für was Entschädigungen?  Pavlovic, europäische Bischofskonferenz in Brüssel: Große Frage der Transformation (aber nur bei Energie); Zum 1. Mal: es geht nicht nur um Klima, sondern um die Zukunft der Welt. Es ging auch um Fragen der Religion, Ethik, Glaube (Laudato si wurde mehrmals erwähnt) – aber politisch keine Bereitschaft, über die Große Transformation sprechen zu wollen; Klimaveränderung ist nicht nur ein Umweltthema, sondern eine moralische Herausforderung. Forderung der NGO: Totale Dekarbonisierung bis 2050 und alle Klimaberichte der Länder nach den gleichen Kriterien

Meine 1. Frage: Wurde auch die Frage gestellt, ob die genannten Klimaziele innerhalb der real existierenden globalen Wirtschaftsordnung überhaupt je erreicht werden können (d. h. ohne dieses System grundsätzlich in Frage zu stellen? Der Klimarat und fast alle NGO gehen noch von einem weiter notwendigen Wachstum aus, nur so sind bestimmte Ziele zu erreichen (weil nur so finanzierbar).

Meine 2. Frage: Spielte ÖRK – z.B. Erklärungen von Busan eine Rolle? Wurde die Enzyklika des Papstes wirklich verstanden, oder nur als Alibi benutzt? Sollen die Opfer auch noch die Zeche bezahlen („Gürtel enger schnallen“, auch die Armen bei uns)?

Insgesamt: Klimawandel zu isoliert im Mittelpunkt, fast alle reduzierte sich auf die CO2-Frage – und diese könnte man technologisch in Griff bekommen, ist beherrschbar und machbar > Machbarkeitswahn, wir haben alles im Griff....


6. Dezember:  Die Option für die Armen als Primat des Evangeliums

Die Option für die Armen als Primat des Evangeliums

„Seitens der Kirche müssen wir aufzeigen, dass wir mit der Armut kein ‚weltliches Problem’ vor uns haben, sondern ein theologisches Problem. Gott will alle Menschen in der Welt lieben und nicht nur die 25%, die in den reichen Ländern leben. Das Beispiel Jesu zeigt, dass Gott die Armen liebt“ (1).

Die Geschichte des Glaubens an den einen Gott, der sein Volk befreit und mit ihm einen Bund geschlossen hat, beginnt mit der Erfahrung eines kleinen Volkes, das seine Befreiung aus der Sklaverei diesem Gott zuschreibt und ihm Treue gelobt hat. Die Propheten haben im Auftrag Gottes dieses Volk immer wieder gemahnt, nicht von diesem Weg abzukommen. Allein schon die Existenz von Armen war für die Propheten ein Zeichen des Abfalls von Gott. Gerechtigkeit für die Armen zu schaffen ist der Wille Gottes, sich dafür einzusetzen ist wahrer Gottesdienst.

Die Option Gottes für die Ausgestoßenen konkretisiert sich („wird Fleisch und Blut“) in der Geburt Jesu „im Stall von Bethlehem“ und es waren die „Hirten von Bethlehem“ denen zuerst diese Frohe Botschaft verkündet wurde und die den Weg zu Jesus fanden. In seinem ersten öffentlichen Auftreten verkündet Jesus den Beginn einer neuen Zeit, den Anbruch des Reiches Gottes: Lahme werden gehen, Blinde werden sehen und Gefangene werden befreit werden. Diese neue Zeit steht denen zuerst offen, die im Verhungernden und den seiner Kleider Beraubten den Mensch gewordenen Gott entdecken. Doch eine solche Botschaft ist absolut unvereinbar mit der weltweit herrschenden Praxis in Wirtschaft und Politik. Jesus wird zum Tode verurteilt. Doch Gott identifiziert sich mit dem „Gotteslästerer“ und bestätigt die Wahrheit seiner Botschaft. Derjenige, der als Gesetzesbrecher von den Mächtigen dieser Welt ausgestoßen wurde, wird zum Gericht über diese und zur Hoffnung für alle, die heute und in Zukunft ausgestoßen werden und denen gewaltsam vorenthalten oder geraubt wird, was sie zum Leben brauchen. Von diesem Standpunkt aus, aus der Sicht der Opfer, ist für Christen die Welt und alles, was sich in der Welt ereignet, zu deuten und zu beurteilen. Diese Option ist die Option Gottes. In der Bibel ist diese Option das zentrale Thema - angefangen von der Schöpfungsgeschichte bis hin zum Auftrag an die Jünger Jesu, diese Botschaft bis „an die Grenzen der Erde“ zu verkünden. Diese Deutung der Geschichte und der heutigen Welt ist ein Glaubensakt und der Mensch kann sich dafür entscheiden oder dagegen. Es ist eine Entscheidung für das Leben, vor allem für die, „die sterben, bevor sie gelebt haben“ und gegen den täglichen Tod.

Der Begriff „Option für die Armen“ beinhaltet schon in der Formulierung, dass dieser Begriff nicht von den Armen selbst stammt. Er stammt von Menschen, die ihre Mitmenschen als Arme erst entdecken (2). Die Bedeutung von Medellín liegt auch darin, dass spätestens dort einige Bischöfe nach ihren eigenen Aussagen gelernt haben, die Armen und die Realität, in der diese leben, zu hören und zu sehen. Das heißt mit anderen Worten, dass ihnen als Priester und Bischöfe das Hören und Sehen verloren gegangen war und nun erst wieder neu entdeckt werden konnte. Dabei haben ihnen aber die Armen geholfen. Der Begriff „Option für die Armen“ wird von den Armen selbst nicht benutzt, nur von Nicht- Armen. Diese Beobachtung ist vergleichbar mit der schon erwähnten Entdeckung der Methode "Sehen - Urteilen - Handeln". Priester und Theologen entdecken die Welt der Armen (3). Diese hat es aber schon immer gegeben. Das bedeutet nichts anderes als eine Rückkehr bzw. Umkehr zu den Quellen des Christentums. Dabei ist es für die Praxis unerheblich, ob diese Umkehr zuerst durch die reale Begegnung mit den Armen angestoßen wurde und dann zu einer Theologie führte oder ob erst über eine Neuinterpretation der Bibel der Weg zu den Armen geöffnet werden konnte.
Die Kirche ist im Verlauf der Geschichte wie das Volk Israel vom Weg Gottes mit seinem Volk abgewichen. Propheten wie Las Casas haben diese Missstände als Abkehr vom Evangelium angeklagt. Das Zweite Vatikanische Konzil (ansatzweise) und dann vor allem Medellín haben wie die Propheten die Armen in den Mittelpunkt gestellt (4). Dies geschah um der Kirche selbst und um ihrer Botschaft willen. Option für die Armen bedeutet, den Kern der christlichen Botschaft zu erkennen, Jesus nachzufolgen und (besonders für Nicht-Arme) Christus im Armen zu begegnen. Diese Erkenntnis ist ein Akt tiefer Spiritualität und gelebter Praxis. Ein Blick auf die Spiritualität von Franz von Assisi kann hier hilfreich sein. „Wenn Franziskus dadurch, dass er den Leprakranken umarmt, dem Glauben das zurückgibt, was ihm nach dem Evangelium entspricht, dann müssen wir heute eine ganz entschiedene Option für die neuen ‚Leprosen’ treffen. Ihre Stigmata sind Ausschluss, Marginalisierung und Armut, eine ergreifende und schreckliche Armut“ (5).

Das Verhalten Jesu zu den Aussätzigen seiner Zeit kann als exemplarisch für die Einstellung Jesu gelten. Auch heute trifft die Rede von den Aussätzigen den Kern der Sache in doppelter Weise. Die Zuneigung Jesu gilt den Menschen, die buchstäblich „ausgesetzt“ werden: dem Elend, der Gewalt, dem Tod. Und sie werden bewusst isoliert und ausgesetzt, sie vegetieren „vor den Toren der Stadt“, die die Zivilisation bedeuten. „Draußen vor den Toren“ aber leben immer mehr Menschen, so wie auch Josef und die schwangere Maria keine Herberge in der Stadt fanden und Jesus daher im Stall „zur Welt kam“.

Die Option für die Armen beinhaltet notwendigerweise eine Option für eine bestimmte Praxis. Diese geht von einer Analyse der Situation und deren Deutung aus. Die Armut wird zuerst verstanden als ein von Menschen verursachter Zustand, der fundamental der Würde des Menschen als Kind Gottes widerspricht und damit Gott selbst. Davon muss die Armut unterschieden werden, die von Nicht-Armen freiwillig aus Solidarität mit den Armen gewählt wird. „Konkret heißt arm sein: Hungers sterben, Analphabet sein, von den anderen ausgebeutet werden, dabei noch nicht einmal wissen, dass man ausgebeutet wird, ja sogar nicht ahnen, dass man Mensch ist“ (6). Diese Feststellung muss aber gedeutet werden: „Arme gibt es, weil es Menschen gibt, die Opfer in der Hand anderer Menschen sind“ (7). Und theologisch gedeutet: „Das Bestehen von Armut spiegelt einen Bruch in der Solidarität der Menschen untereinander und in ihrer Gemeinschaft mit Gott, Armut ist Ausdruck von Sünde, d.h. der Verneinung von Liebe. Deshalb ist sie unvereinbar mit der Herrschaft Gottes, die ein Reich der Liebe und der Gerechtigkeit inauguriert“ (8).

Dies führt zu einer konkreten Glaubenspraxis: existentielles Engagement gegen die Ursachen der Armut und gegen jede Form von Ungerechtigkeit und für die Überwindung der Abgründe zwischen den Menschen und Leben in einer Gemeinschaft, die ein Zeichen Gottes in dieser Welt ist. Die Propheten bezeichnen dies als den „wahren Gottesdienst“ (Amos 5, 21-27). Eine solche Option ist unmissverständlich. Sie ist nicht neutral, weil Gott nicht neutral ist, sondern Partei ergreift. Sie ist auch nicht zu verwechseln mit Mildtätigkeit (Almosen) oder Betreuung von Armen im Stil von Mutter Teresa (deren vorbildlicher subjektiver Einsatz dennoch unbestritten bleibt). Erst recht meint sie nicht, dass im Grunde auch die Reichen oder alle Menschen - spirituell - arm seien. Denn Jesus und die Propheten sprechen eindeutig von den Armen als Opfer der herrschenden Ungerechtigkeit. Die Reichen sind aber nicht ausgeschlossen. Annehmen der Botschaft Jesu bedeutet für sie Umkehr, eine Bekehrung zu den Armen. Wenn die Kirche von den Armen ausgeht, ist sie für alle Menschen da. Arme sind auch alle Menschen, die dies nicht nur im wirtschaftlichen Sinne sind, sondern alle, die aus rassistischen, kulturellen, sexistischen, politischen Motiven gewaltsam daran gehindert sind, in Würde als Mensch zu leben - biblisch gesprochen: denen die Fülle des Lebens bewusst, persönlich oder strukturell, vorenthalten wird.

Die Geschichte Jesu Christi geht weiter in Menschen wie Oscar Romero, die mit ihrem Einsatz für die Armen Zeugnis ablegen von der Botschaft Jesu: „Die Welt, der die Kirche dienen muss, ist die Welt der Armen und die Armen entscheiden, was es für die Kirche heißt, wirklich in dieser Welt zu leben. Die Kirche wird verfolgt, weil sie die Armen verteidigt. Was sie tut, ist nicht mehr und nicht weniger als das Unglück der Armen zu teilen. Die Armen sind der Körper Christi heute. Durch sie lebt er heute, in der Geschichte“. „Als Hirte ist es meine Aufgabe, mein Leben zu geben für diejenigen, die ich liebe, für das ganze Volk von El Salvador, selbst für diejenigen, die mich töten wollen. Mein Tod wird ein Beweis der Hoffnung für die Zukunft sein, und für mein Volk will ich sterben. Ein Bischof wird sterben, aber die Kirche Gottes, das ist die Kirche des Volkes, wird nie verschwinden“ (9).

Anmerkungen:

(1) Dammert: „Santo Domingo - Herausforderung an die Kirche Lateinamerikas“, am 18. 6. 1992 des 91. Deutschen Katholikentags vom 17. - 21. 6. 1992 in Karlsruhe.

(2) Der folgende Text unterstreicht dies: „Unsere Zeit ist von einem gewaltigen historischen Ereignis geprägt: dem Hereinbrechen der Armen, d.h. der neuen Gegenwart derjenigen, die tatsächlich in unserer Gesellschaft und in der Kirche ‚abwesend’ waren. ‚Abwesend’ heißt unbedeutend“. Gutiérrez, Gustavo: Die Armen und die Grundoption. In: Mysterium liberationis, Band 1. Luzern: Edition Exodus, 1995, S. 293. Eine Ausnahme dürfte Bischof Proaño sein. Seine Eltern flochten Strohhüte und waren Campesinos

(3) Gutiérrez überträgt dies auf die Theologie und stellt heraus, wer in Theologie und Kirche das Recht des ersten Wortes hat: „Diejenigen, die die theologischen Texte unterschreiben, dürfen nicht vergessen, dass die wahren Zeugen der lateinamerikanischen Kirche nicht sie sind (nicht notwendigerweise, um genauer zu sein). Es sind jene, die ihr pastorales und soziales Engagement in ihrem Alltag praktizieren und mitunter dabei ihr Leben riskieren“. Gutiérrez, Gustavo: ¿Dónde dormirán los pobres? Lima: CEP, 2002, S. 49. An gleicher Stelle schreibt er über die Option für die Armen: „Die bevorzugte Option für die Armen und Ausgeschlossenen, der Kern der biblischen Botschaft, ist heute ein wesentliches Element christlicher und kirchlicher Identität. Sie bezieht sich direkt auf den himmlischen Vater, der uns das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit schenkt. Die genannte Option konstituiert christliche Identität“ (ebd. S. 55). In meiner Interpretation bedeutet dies: die Option für die Armen hat ihren eigentlichen Ursprung in einer tiefen Gottesbeziehung, in Gott selbst.

(4) Hier insbesondere Dok. 14: Die Armut der Kirche: Lateinamerikanische Realität - Begründung aus der Lehre der Kirche - Pastorale Leitlinien. Zu beobachten ist der methodische Dreischritt, der alle Kapitel durchzieht. In Puebla wurde dann von der „vorrangigen Option“ gesprochen (opción preferencial), weil es zu Missverständnissen gekommen war. Bedeutet eine Option für die Reichen den Ausschluss der Reichen? Natürlich nicht! Deshalb der Versuch einer Präzisierung in Puebla: die Kirche kümmert sich vorrangig (aber nicht ausschließlich) um die Armen, weil auch Jesus sich zuerst den Armen zuwandte bzw. einer der ihren war (siehe besonders in 1141, 1142 - 4. Teil, Kap.1). Im Grunde genommen bedeutet die Bezeichnung „vorrangige Option“ aber eine Abschwächung, denn damit kann man einen nur graduellen Unterschied meinen, nach dem Motto: Arme sind wir ja alle - mehr oder weniger! Genau dies ist aber nicht gemeint, sondern es handelt sich um einen qualitativen Unterschied. Daher werde ich stets von einer „Option für die Armen“ sprechen und nicht einer „vorrangigen Option“.

(5) Frontini, Pedro: Eine Utopie vor den Toren der Stadt. In: Arntz, Norbert u.a. (Hrsg): Werkstatt „Reich Gottes“ - Befreiungstheologische Impulse in der Praxis. Frankfurt, 2002.

(6) Gutierrez, Gustavo: Theologie der Befreiung, S. 271. Gutiérrez wird aus heutiger Sicht oft vorgeworfen, dass er Arme zu sehr oder gar ausschließlich als wirtschaftlich Arme definiert und dabei die Ausbeutung der Frau als Frau, des Indio als Indio etc. vergisst (sexistische, rassische, kulturelle Diskriminierung aufgrund des „Anderssein“, etc.). Das ändert aber nichts an seiner grundsätzlichen Aussage. Nachfolgende Ergänzungen und die Entdeckung neuer Dimensionen des Armseins bezeichnet er selbst als notwendig. In der konkreten Praxis der Pastoralarbeit in Cajamarca waren diese angeblich fehlenden Aspekte von Anfang an aber schon präsent (bei manchen nur theorisierenden Befreiungstheologen offenbar nicht).

(7) Ebd. S. 274.
(8) Ebd. S. 277.

(9) Beide Zitate aus „Wendekreis“, Missionsgesellschaft Bethlehem, Immensee; Nr. 2/1986, 91. Jahrgang, S. 20. Das erste Zitat ist aus der Ansprache von Oscar Romero an der Universität Löwen, aus Anlass der Verleihung des Ehrendoktors im Februar 1980. Das zweite Zitat ist aus einem Interview mit der mexikanischen Zeitschrift „Excelsior“, kurz vor seiner Ermordung an Ostern 1980.

Aus meiner Dissertation: Die Kirche von Cajamarca – Die Herausforderung einer Option für die Armen (2004). Prof. Dr. Elmar Klinger bezeichnete diese Definition von einer „Option für die Armen“ als richtungsweisend und maßgebend.

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Moderation als Leiter des Workshops*: Option für die Armen - anlässlich von 50 Jahre Weltkirche Diözese Rottenburg-Stuttgart (01. 07. 2017)

Hinführend drei Stichworte (im lateinamerikanischen Kontext, Sprachgebrauch)

  • Im spanischen Original heißt es: „Opción por los pobres“. „Por“ bedeutet: „um der … willen“ oder „wegen“. Das war von den Bischöfen auch so gemeint. Nicht gemeint ist: „Für die Armen“, denn sonst müsste es heißen „para los pobres“. Das bedeutet aber einen wesentlichen Unterschied: „Für die Armen“ wird oft als caritative Hilfe für Arme verstanden (Almosen).
  • Eine „Opción por los pobres“ bedeutet solidarisch werden und die Situation derer teilen, mit denen man sich solidarisiert. Das Beispiel schlechthin ist Jesus, der nicht für unsere Sünden, sondern wegen unserer Sünden („Ursünde“, Götzendienst, Egoismus, Leben auf Kosten anderer, etc.) hingerichtet wurde. Diese Option zu leben hieße wahre Nachfolge, „Imitatio Dei“.
  • Volk - Pueblo - Kirche als „Volk Gottes“ und Kirche des Volkes. Dies hat in Lateinamerika eine viel tiefere Bedeutung als bei uns. Dieser Begriff beinhaltet in sich schon eine Option. Denn mit „pueblo“ ist die Mehrheit der Bevölkerung gemeint, die weitgehend ausgegrenzt ist bzw. in prekären Verhältnissen lebt.

Meine Einleitung - Statement

„Der Reiche tut Unrecht und prahlt noch damit, der Arme leidet Unrecht und muss um Gnade bitten. Bist du ihm (dem Reichen) nützlich, ist er um dich bemüht, brichst du zusammen, lässt er dich im Stich“. (Jesus Sirach Kap.13, 3-4)

Kurz vor der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils sprach Johannes XXIII. am 11.9.1962 zum ersten Mal von einer Kirche der Armen: „Die Kirche will eine Kirche für alle sein, vor allem aber eine Kirche der Armen.“ Im Konzil selbst sprachen dann einige Bischöfe (u.a. Kardinal Lercaro) von der Notwendigkeit einer Kirche mit den Armen und der Armen und bezeichneten dies als die „authentischste Art, die wahrhaftige Kirche Jesu Christi zu sein“ (siehe auch der Katakombenpakt von 16. 11. 1965 – eine Selbstverpflichtung der Bischöfe, kein Programm.)

Bischof Dammert von Cajamarca, übrigens Koordinator der Bischöfe des Paktes in Lateinamerika, trug danach in Medellín die entscheidende Vorlage zur Armut vor. „Bei dem Thema ‚Armut’ erreichte ich die lehramtliche Zustimmung. Das Thema war von Gustavo Gutiérrez ausgearbeitet worden, aber es wurde von mir als mein eigener Beitrag vorgetragen. Es war das zentrale Thema“. (Armut - Kap 14, das folglich aus einer befreienden Praxis heraus entstand).

Schon in Medellín werden die weltweit herrschenden Strukturen als „institutionalisierte Gewalt“ (Kap 2, 16) bezeichnet. In Lateinamerika spricht man von der „Sünde der Welt“ oder den „Strukturen der Sünde“, wie es selbst Johannes Paul II. (1987) formulierte. Es sind Strukturen, die dem Menschen seine Würde rauben, weil sie den Mammon über den Menschen stellen. Dies alles ist im Wesen dessen begründet, was die Bibel als Götzendienst und als die „Ursünde“, die Versuchung schlechthin, bezeichnet. Papst Franziskus knüpft wieder daran an und führt es weiter.

Puebla, 1979: „Der Auftrag der Kirche muss der sein, den Jesus Christus vorgelebt hat: Solidarität mit den Bedürftigsten. Sie sind als Gottes Ebenbild geschaffen und als seine Kinder. Deswegen, nicht weil sie per se bessere Menschen wären, sondern weil sie Opfer von Ungerechtigkeit sind, ergreift Gott Partei. Daher sind sie die ersten Adressaten seiner Liebe und unseres Auftrags als Kirche. (Kap. 1141, 1142). Den Armen zu dienen ist die privilegierteste, wenn auch nicht ausschließliche Art und Weise, Christus nachzufolgen. Die vorrangige Option für die Armen bedeutet, Christus als unseren Erlöser/Befreier („Salvador“) zu verkünden (Kap. 1153). In Bezug auf Medellín und Puebla: Es geht nicht nur um Werke der Barmherzigkeit („caridad“), sondern es geht vor allem darum, Gerechtigkeit zu üben, die Ursachen und Mechanismen der Armut und Ausgrenzung zu entlarven („solidaridad“). Eine Situation der Ungerechtigkeit und extremer Armut widerspricht fundamental der Botschaft des Evangeliums.   

Oscar Romero: „Die Welt, der die Kirche dienen muss, ist die Welt der Armen und die Armen entscheiden, was es für die Kirche heißt, wirklich in dieser Welt zu leben. Die Kirche wird verfolgt, weil sie die Armen verteidigt. Was sie tut, ist nicht mehr und nicht weniger als das Unglück der Armen zu teilen. Die Armen sind der Körper Christi heute. Durch sie lebt er heute, in der Geschichte“ (März 1980, kurz vor seinem Tod)

* 35 Teilnehmer, darunter 6 Bischöfe aus Afrika und Indien; die Diözese Rottenburg hatte 1967 als erste Diözese in Deutschland eine „Hauptabteilung Weltkirche“ eingerichtet. Erster Leiter war Prälat Mühlbacher.

Die „Römische“ Interpretation einer Option für die Armen (2004)

Obwohl man sich in Puebla noch gegen Missverständnisse wehrte, so war in der Folge dennoch immer mehr der Begriff „Option für die Armen“ Missverständnissen ausgesetzt bzw. er verlor in der Praxis der Kirche zunehmend an Bedeutung. So wird die „Option für die Armen“ im so genannten Weltkatechismus Roms (1997) noch nicht einmal erwähnt. Diese Auseinandersetzungen können hier nicht geführt werden. Es soll aber an einem besonders drastischen Beispiel gezeigt werden, wie die Option für die Armen bewusst umgedeutet wird und unter Berufung auf diese Option die Armen ausgegrenzt werden.

Bei einem Besuch und Gesprächen mit Bischof Simón (1993) fragte ich ihn auch danach, wie er es mit der Option für die Armen zu halten gedenke. Er erklärte mir, dass sein Vorgänger, Bischof Dammert, zwar immer von dieser Option geredet, aber genau das Gegenteil gemacht habe. Da Dammert - laut Simón - nur „Politik betrieben und sich nur um soziale Aspekte gekümmert habe“, habe er die geistige Dimension des Christentums völlig vernachlässigt. Die Menschen hätten sogar das Beten verlernt und würden nicht einmal das Vater Unser kennen. Dadurch hätte man ihnen aber die Chance auf das Ewige Leben genommen und sie damit letztlich dem Tod und der Verdammnis überlassen.  Er aber - Bischof Simón - würde nun dafür sorgen, dass die Armen wieder die Sakramente der Kirche empfangen könnten.  Damit würde ihnen die Möglichkeit gegeben, das Ewige Leben in der Vollendung mit Gott zu erhalten. Wer würde also in Wirklichkeit mehr für das Heil der Armen tun, Bischof Dammert oder Bischof Simón? (1).

Die Interpretation von Bischof Simón (Bischof von Cajamarca von 1992 – 2004) ist dem System immanent und daher logisch. Die Aussagen von Priestern und Bischöfen über das Evangelium bzw. zentrale Anliegen und Bestandteile des Evangeliums sind daher darauf hin zu überprüfen, von welchem Standpunkt aus sie getroffen werden. Prüfstein ist auch hier ihre jeweilige Praxis, ihr Umgang mit den Armen und generell mit den Mitmenschen. So kann es vorkommen, dass ein Bischof von seinem Standort her, die Botschaft Jesu in seinem gegenteiligen Sinn versteht, z.B. als Rechtfertigung seiner machtvollen Position. Derartiges ist auch schon im Evangelium selbst zu beobachten. Jesus und diejenigen, die ihn dem Tod auslieferten, glaubten formal an den gleichen Gott und hatten die gleiche Heilige Schrift. Doch Jesus und die Mehrzahl der Schriftgelehrten und Hohen Priester zogen daraus gegenteilige Schlüsse: Jesus optierte für die Menschen ohne Macht, auch für die eigene Ohnmacht. Diejenigen, die im Besitz der Macht waren, optierten in der Mehrheit für die Macht bzw. für das Gesetz, das diese Macht rechtfertigt und stützt.

Je machtvoller sich kirchliche Instanzen aufführen, desto tödlicher ist dies für das Evangelium und für die Menschen, die sich am Evangelium ausrichten. Am Beispiel von Cajamarca wird deutlich, dass diese Bischofsernennung als gezielte Option gegen die Armen zu verstehen ist (2). Sie ist daher gegen das Volk Gottes gerichtet, gegen die Kirche Jesu Christi.

Herausforderung und Orientierung
Wenn - wie schon erwähnt - es ein Anliegen dieser Arbeit ist, aus der Sicht der Campesinos und von ihrem Glauben her einen Dialog mit den Christen „auf der anderen Seite des Abgrundes“ zu ermöglichen, dann sind Konflikte von vorneherein programmiert. Dies liegt in der Natur der Sache und die Konflikte dürfen daher nicht unter den Teppich gekehrt werden. Meine Arbeit ist daher notwendigerweise konfliktiv, denn es geht um verschiedene Standorte. Der Standpunkt der Armen kann logischerweise nicht überall oder zumindest nicht in gleicher Weise akzeptiert werden. Andererseits wird der Konflikt nicht um des Konflikts willen gesucht. Vielmehr wird aus der Sicht der Campesinos und im Diskurs mit europäischer Theologie und Kirche nach Möglichkeiten gesucht, diesen Konflikt zu überwinden. Das kann aber nur auf der Basis der Wahrheit geschehen und ohne den Campesinos von Cajamarca untreu zu werden.

Zu erinnern ist an die Frage von Las Casas: „Und was, wenn ich Indio wäre“? („y sí yo fuera indio“ - wie Dammert dies des Öfteren mündlich zitierte). Dies ist der bleibende Ausgangspunkt und das bleibende Kriterium für Kirche, Theologie und jeden Einzelnen. Ein solcher Standpunkt verbietet auch jede Neutralität. Diese wird stets von denen in Anspruch genommenen, die im Namen der Einheit und Versöhnung selbst felsenfest auf einer Seite stehen und sich von daher vehement gegen jede Veränderung wehren.

Anmerkungen:

(1) Nach persönlichen Tagebuchaufzeichnungen des Gesprächs am 04.08.1993 mit Bischof Simón; in der Folge habe ich in Predigten und Radioansprachen des Bischofs dieselben Begründungen hören können. Vor allem aber wurde mir aus den Treffen des diözesanen Klerus mit dem Bischof von einzelnen Priestern mehrfach berichtet, dass die auch mir gegenüber aufgeführten Argumente des Bischofs einen zentralen Stellenwert in seiner Pastoral einnehmen. Allerdings mit dem Unterschied, dass er inzwischen nun doch nicht mehr von der Option für die Armen spricht, sondern diese als rein politische Ideologie bewertet.

(2) Die rasche Ablösung von Bischof Dammert wurde gezielt betrieben. Sein Nachfolger wurde - wie er selbst stets betonte - mit dem besonderen Auftrag zum Bischof von Cajamarca ernannt, die von Bischof Dammert gesetzte Pflanze einer erneuerten Kirche der Armen als Unkraut zu deuten und daher auszureißen. Bischof Dammert hat dafür Belege, die er aber nie veröffentlichen würde, weil darin mehrere namentlich genannte Bischöfe eine unwürdige Rolle spielten. Er hat mir im Kontext unserer gemeinsamen Studie diese Belege gezeigt. Von den Armen her wäre zu überprüfen, wie Bischofsernennungen auch in anderen Diözesen zu bewerten sind. Bischof Simón selbst spricht öffentlich von seiner "Mission", die Irrwege des Konzils zu korrigieren. Wenn ich dies hier wiedergebe, so handelt es sich folglich nicht um eine Diffamierung, sondern es ist der Wille des Bischofs, diese seine Mission überall und jederzeit zu verkündigen. Einige deutsche Prälaten haben dagegen versucht, diese unsere Studie mit allen Mitteln zu verhindern oder zumindest zu diffamieren.

Aus meiner Dissertation: Die Kirche von Cajamarca – Die Herausforderung einer Option für die Armen (2004, als Buch: 2005).


7. Dezember:  Wut - Voraussetzung für Veränderung (?!)

Wut - Leben in Würde

Evangelische Zeitung - für Hamburg und Schleswig-Holstein, 19. April 2012, Ausgabe 16/2012, von Willi Knecht

Würde statt Wut

Als ich 1976 zum ersten Mal nach Peru kam, holten mich Ordensschwestern in Lima ab. Vom Flughafen führten sie mich direkt dorthin, wo das Elend der Menschen und die herrschende Ungerechtigkeit besonders drastisch zu sehen waren. Ich sah Tausende von Hütten aus Bambus, mitten in der Wüste provisorisch errichtet, ohne Wasser, ohne Straßen. Einige hundert Meter weiter eine hohe Mauer mit Stacheldraht, dahinter Villen inmitten von blühenden Parkanlagen und mit Dauerberieselung des Rasens. Ich fragte die Schwestern, warum die Menschen in den Hütten nicht die Mauer niederreißen und sich das holen, was sie zum Leben brauchen – Wasser und Brot. Ihre Antwort: „Die Wut dieser Menschen ist noch nicht groß genug! Sie fühlen sich ohnmächtig, hilflos, ohne Schutz und ohne Perspektiven. Doch wir wollen dies ändern!“

Eine solche Wut kann sich nur entwickeln, wenn man weiß, dass es nicht so sein darf, wie es ist und wenn man zudem weiß, wie es anders und besser sein müsste und könnte. Woher weiß man dies aber? Woher kommen welche Maßstäbe – z.B. für ein besseres Leben, für ein Leben in Würde?
Dann kam ich als pastoraler Mitarbeiter in die Diözese Cajamarca, in die Pfarrei Bambamarca - mein "Bestimmungsort". Es war zu jener Zeit eine Gemeinde mit 100.000 Getauften, ohne Priester, aber mit bereits über 200 ehrenamtlichen Katecheten und Katechetinnen. Diese hatten die Vollmacht zu taufen, das Wort Gottes zu verkünden und die Gemeinde zu leiten. Denn seit 1962 und in der Folge des II. Vatikanischen Konzils war eine Kirche der Armen entstanden.

In den Anden im Norden Perus begann seit den Jahren 1962/63 in den Herzen der Gedemütigten eine Hoffnung zu keimen: eine Hoffnung auf ein Leben in Würde, in Gerechtigkeit und dass alle als Kinder des Einen Vaters ein Leben in Fülle haben mögen. Durch das Evangelium, das sie zum ersten Mal hörten, entdeckten sie, dass Gott selbst, Jesus Christus, mitten unter ihnen geboren wurde, um alle ihre Leiden und Hoffnungen mit ihnen zu teilen. Aber das Wichtigste war, dass sich die seit jeher Ausgestoßenen zum ersten Mal gehört und respektiert fühlten, sie fühlten sich als Gestalter ihres eigenen Schicksals. Der erste Indigena -Katechet der Welt drückt es so aus: Bischof Dammert hat mich gelehrt, dass ich eine Person bin, dass ich Christ bin und Peruaner“.

Einer meiner engsten Mitarbeiter, ein junger Campesino, erinnert sich: „Mit Wut im Bauch erinnerten wir uns daran wie zum Beispiel ein Campesino durch die Straßen ging, während ein Städter, vor seinem Haus sitzend, ihn kommen sah. ‘He Indio, geh und hole mir einen Eimer Wasser!’ – ‘Aber, Herr…’. Der Städter gab dem Campesino ein paar Fußtritte und zwang ihn das Wasser zu holen. Der Campesino musste gehorchen, wenn nicht, diese Städter konnten ihn wegen irgendwas anklagen, niemand hätte ihn verteidigt und sie konnten ihn sogar ins Gefängnis werfen.“

"Warum hat der Campesino so viel ertragen, hat er nichts im Hirn, um zu bemerken, was los ist?  Niemals gab es jemanden, der uns begreiflich machte, dass wir auch so viel wert sind wie die in der Stadt. Niemand hatte uns erklärt, dass Väterchen Gott uns alle gleich geschaffen hat. Vielmehr predigten sie uns, dass Gott mit den Mächtigen ist, die dem Pfarrer gut zu essen geben, mit dem Besitzer der Hazienda, der sich darum kümmerte, dass wir zum Pfarrer gingen, damit er uns unsere Sünden vergebe. So waren wir überzeugt, dass wir viel weniger wert sind als ein Krawattenträger.“

Die Opfer dieser Geschichte hatten im Laufe der Jahrhunderte ihre Unterwerfung verinnerlicht. Ihres Glaubens und Identität beraubt, fühlten sie sich minderwertig und gaben sich selbst die Schuld an ihrem Schicksal. Vom theologischen Standpunkt aus betrachtet, handelt es sich um die Entdeckung einer neuen Religion, bzw. um eine Revolution: aus einer Religion, die Gewalt, Rassismus und Unterdrückung rechtfertigte, wurde eine Gemeinschaft von Christus-Gläubigen, die genau diese Mechanismen der Herrschaft aufdeckte und die bisher verkündeten Götter als Götzen entlarvte, die den Menschen den Tod bringen. Im Mittelpunkt der „neuen“ Bewegung (Kirche) steht das Volk Gottes, mit dem Gott einen Bund geschlossen hat. Dieses Volk konstituiert sich von den Menschen am Rande her. Denn diese werden von Jesus in den Mittelpunkt seiner Verheißungen gestellt.

In den biblischen Geschichten erkennen die Armen ihre eigene Geschichte bzw. sie interpretieren ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Spiegel der Erfahrungen des Volkes Gottes und der Bibel. Diese „Geschichten“ sind für sie aktuell und geschichtlich real. Gott gibt sich seinem Volk, das in Sklaverei lebt, als der Gott zu erkennen, der sein Volk aus der Sklaverei befreit und in das Gelobte Land führt. Erst als das Volk dies auch glaubt und dem von Gott „Gesandten“ (Mose) vertraut, wagt es den Aufbruch. Doch das Volk Gottes kam vom rechten Weg ab, verehrte fremde Götter und unterdrückte Arme und Schwache. Die Propheten klagten dies an und verkündeten den Willen Gottes. Nicht Tempelpriester und Schriftgelehrte fanden den Weg zu Jesus in der Krippe, sondern die damals am meisten verachteten Menschen – die „Hirten auf dem Felde“. In ihrer Mitte „kam Gott zur Welt“, wurde Mensch und identifiziert sich vorrangig mit den „Aussätzigen“.

Im Mittelpunkt der Botschaft Jesu steht: „Kehrt um, denn das Reich Gottes steht vor der Tür!“ Zeichen der jetzt beginnenden Herrschaft Gottes sind Tischgemeinschaften, Brot teilen etc. Jesu Solidarität mit den Opfern, seine radikale Kritik am Tempelkult, an den Schriftgelehrten und Pharisäern (u.a.) führt zur Verurteilung und zum Tod Jesu. In der Auferstehung bestätigt Gott Jesus als den Messias. Nachfolge Jesu bedeutet, diesen Weg Jesu konsequent zu gehen.
Diesen Weg zu gehen, erfordert eine tiefe Spiritualität. Spiritualität bedeutet aus der Sicht der Armen, Gott inmitten ihres Leides und ihrer Hoffnungen als ein Gott des Lebens in Fülle zu entdecken, der mit ihnen ist und sie führt. Aus der Sicht der Reichen bedeutet Spiritualität, im leidenden Nächsten, das Antlitz des Gekreuzigten zu entdecken, sich mit dem Armen auf den Weg machen und mit ihnen zusammen seine Sehnsucht nach dem Reich Gottes zu formulieren und diesem im Hier und Heute Gestalt zu verleihen.

Die Kirche Jesu Christi ist eine prophetische Kirche. Sie klagt die herrschenden Missstände an („Elend und Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreien“) und verkündet einen neuen Himmel und eine neue Erde. Kennzeichen einer solchen Kirche ist das Brotteilen (all dessen, was der Mensch zum Leben braucht) und der bedingungslose Einsatz für eine Welt, in der jeder Mensch – Ebenbild und Kind Gottes – in Würde leben kann und einen gerechten Anteil an den Gütern der Schöpfung hat. Der Schrei der Armen nach dem täglichen Brot und nach Gerechtigkeit ist der Ruf Gottes heute an uns. Im Hungernden und unter die Räuber Gefallenen offenbart sich Gott und sagt uns, wer er ist und was er von uns erwartet. Es geht um eine authentische Interpretation dieser Frohen Botschaft, in Treue zum Zeugnis der ersten Christen und der Märtyrer bis heute.
Zeichen einer authentischen Interpretation ist ein Mehr an Fülle des Lebens und an Menschwerdung, besonders für die unter die Räuber Gefallenen. Sie können uns helfen, die eigentliche Frohe Botschaft wieder neu zu entdecken. Sie zeigen uns den Weg! Doch die Kirchen scheinen davon sehr weit entfernt oder haben dies gar ganz vergessen.

Der Theologe und Pädagoge Dr. Willi Knecht war als Religionslehrer und wiss. Mitarbeiter an der theologischen Fakultät der Uni Würzburg tätig; er lebt in Ulm.


8. Dezember:  Zum Ende des Konzils

Zum Ende des Konzils vor 50 Jahren (8. Dezember 1965)

Schriften über das Konzil, dessen Rezeption, Auswirkungen, inneren Widersprüche usw. füllen Bibliotheken. Und das ist gut so. Aber entscheidender ist die vom Konzil her entstandene Praxis. In unseren Breitengraden sind das zuerst die Liturgiereform und die Mitsprache der Laien (Räte). Die theologischen Fundamente sind die Wiederentdeckung des Volkes Gottes als Träger der Evangelisierung, die Hinwendung zur Welt (ad extra) und die Abkehr von einer „societas perfecta“, einer Gesellschaft, die aus sich heraus alles hat, was sie zum Leben braucht, also autark ist. Im 4. Jh. nach Chr. wurde dieser Begriff auf die Kirche übertragen und bis ins 20. Jh. so definiert, dass der Kirche von Gott alles gegeben wurde, was sie zu ihrer Existenz braucht. Sie braucht „die Welt“ nicht, sie ruht in sich und für sich. Sie regelt alles aus sich selbst heraus. Nach dem Konzil dürfen wir sagen: Das war eine Sackgasse. Das war und ist nicht kompatibel mit der Botschaft von Jesus dem Christus.

Welche Auswirkungen in der Praxis diese „alte Lehre“ hatte, wird deutlich im folgenden Glaubenszeugnis eines Campesino aus Peru. Darin wird auch deutlich, zu welch umwälzenden Veränderungen das Konzil vor allem bei den bis dahin am meisten verachteten Menschen führte, den „Hirten von Bethlehem“, als die sich die nun neu evangelisierten Campesinos selbst verstehen. Aus einer Kirche auf der Seite der Macht wurde eine Kirche auf Seite der Ohnmächtigen. Vor allem diejenigen Bischöfe (aber nicht nur), die den berühmten Katakombenpakt initiiert und am 16. 11. 1965 unterschrieben haben, haben in ihren Diözesen begonnen, zusammen und inmitten der Ohnmächtigen, die Kirche im Geiste der Frohen Botschaft zu erneuern. Dies mag auch ein Zeichen dafür sein, dass das Konzil einen Übergang markiert: Aus einer europäischen Kirche - im Zentrum der Macht und oft mit der Macht - wird eine katholische Kirche, die sich von der Peripherie her konstituiert, von den „Rändern dieser Welt“. 

Wer mit Recht vom Konzil als Beginn einer neuen Epoche spricht, mag bitte auch bedenken, was dieser Aufbruch der Kirche gerade für die am meisten Benachteiligten weltweit bedeutet hat. Die Bedürfnisse, Bedrückungen und Sehnsüchte dieser Menschen zum Maßstab nehmen, bedeutete für Millionen Menschen, dass sie zum ersten Mal als Menschen und Kinder Gottes, ausgestattet mit einer unendlichen Würde, wahrgenommen wurden – hierzu das folgende Glaubenszeugnis: Lasst uns den Weg weitergehen! 

„In den Anden im Norden Perus begann seit den Jahren 1962/63 in den Herzen der Gedemütigten eine Hoffnung zu keimen: eine Hoffnung auf ein Leben in Würde, in Gerechtigkeit und dass alle als Kinder des Einen Vaters ein Leben in Fülle haben mögen. Durch das Evangelium, das sie zum ersten Mal hörten, entdeckten sie, dass Gott selbst, Jesus Christus, mitten unter ihnen geboren wurde, um alle ihre Leiden und Hoffnungen mit ihnen zu teilen.

Dies geschah in der gleichen Gegend, wo ein spanischer Priester eine Schlüsselrolle bei der Gefangennahme und Ermordung Atahualpas spielte. Und so begann die grausamste Epoche in der Jahrtausende alten Geschichte unseres Volkes von Cajamarca. Nach 430 Jahren voller Massaker, voller Verachtung, die wir erleiden mussten und in der man uns all das geraubt hatte, was uns gehörte, kam wieder ein Priester. Es kam ein Guter Hirte, der ein offenes Herz für die Campesinos hatte. Er lehrte sie mit seinem persönlichen Zeugnis der Bescheidenheit und Demut die authentische Botschaft von Jesus dem Christus. Seine Ankunft in Cajamarca fiel zusammen mit dem Beginn des II. Vatikanum, zu dessen Eröffnung Johannes XXIII. zum ersten Mal von der Notwendigkeit einer Kirche mit den Armen und der Armen gesprochen hatte, und dies als die einzig authentische Art bezeichnete, die wahrhaftige Kirche Jesu Christi zu sein.“

                                       

                                         Die „Kirche der Nacht“                                und die "Kirche Jesu Christi"

 

                                          

    Gemälde von José  EspirituCampesino, Katechet und Maler aus Cajamarca, Peru

Das Wichtigste war, dass sich die seit jeher Ausgestoßenen zum ersten Mal gehört und respektiert fühlten, sie fühlten sich als Gestalter ihres eigenen Schicksals. „Wir entdeckten, dass wir auch wer sind“. Der erste „Indiokatechet“ der Welt, mit der päpstlichen Erlaubnis zu taufen und die Botschaft vom beginnenden Reich Gottes zu verkünden, drückt es so aus: „Bischof Dammert hat mich gelehrt, dass ich eine Person bin, dass ich Christ bin und Peruaner“. Oder mit den Worten des Dichters Arguedas: „Er hat mich gelehrt, dass ein Christenmensch mehr Wert ist als ein Tier“.

Diejenigen, die am meisten verachtet werden, die Hirten von Bethlehem und von den Anden, sind die Ersten, die die Botschaft von einem Neuen Himmel und einer Neuen Erde hören. In der finsteren Nacht einer langen Geschichte öffnet sich der Himmel und steigt zur Erde hinab, das Licht dringt in die Herzen der Menschen ein und zeigt ihnen den Weg. Sie folgen dem Stern und sie gelangen zu einer Hütte, und dort entdecken sie in einer Krippe ihren Retter und Befreier - während die Weisen von Jerusalem und die Mächtigen von Rom und deren Statthalter weder diese Botschaft hören noch den Stern sehen können, weil sich selbst für das Licht halten. 

Willi Knecht, veröffentlicht in "Der geteilte Mantel", 2015, dem Magazin zur Weltkirchlichen Arbeit der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Info: Von verschiedenen katholischen Bewegungen und Initiativen werden Vorbereitungen getroffen, das Ende des Konzils vor 50 Jahren in Rom zu feiern – einschließlich der Unterzeichnung des Katakombenpakts am 16.11.65. Ansprechpartner ist das Institut für Theologie und Politik, Münster.

Aus der Ankündigung: „Vom 11.- 17. November: `Katakombenpakt erinnern und erneuern!´

Unsere Versammlung ist Teil einer größeren Dynamik zur Konzilserinnerung. Gemeinsam mit anderen Reformgruppen laden wir im Herbst nach Rom ein, um dort mit mehreren Veranstaltungen präsent zu sein und Zeichen zu setzen – für eine prophetische Kirche im 21. Jahrhundert…“

Als Teilnehmer haben zugesagt: Die Bischöfe Erwin Kräutler, Luís Flavio Cappio (beide aus Brasilien), Luigi Bettazzi, der letzte Konzilsvater, Raul Vera (Mexiko), der Theologe Jon Sobrino (El Salvador) u.a.


9. Dezember:  Frauen in der Kirche (von Ivonne Gebara, Sao Paulo)

Ivonne Gebara: „Frauen in der Kirche”

Kontinentaltreffen der in Lateinamerika tätigen deutschsprachigen Priester (Fidei-Donum-Priester) vom 21.9 - 28.9.2016 in Brasilien, Sao Paulo. Als Gastgeber begrüßte Kardinal Odilo Scherer die Teilnehmer (darunter 6 Frauen im pastoralen Dienst) und hielt einen Einführungsvortrag zum Thema des Treffens: "Kirche im Aufbruch - Horizonte der Hoffnung und Selbstwidersprüche am Beispiel von Papst Franziskus". Dazu sprach im Laufe des Treffens auch der Generalsekretär der bras. Bischofskonferenz, Dom Leonardo Steiner. Unter den Referenten und Teilnehmern waren u.a. Leonardo Boff, Paolo Suess und Ivonne Gebara. An dieser Stelle in Stichworten das Referat von Ivonne Gebara, das ich persönlich für den wichtigsten Beitrag hielt.

Sie sprach über „Frauen in der Kirche": Es geht um ein sehr widersprüchliches Thema. Es wird je nach kulturellen Kontexten verschieden verstanden und diskutiert - z.B. in Brasilien anders als in Deutschland.

  • Es geht bei diesem Thema auch um Macht, um Machismo usw. Das Thema ist in Brasilien und ganz Lateinamerika sehr aktuell. Nach 40 Jahren Feminismus gibt es heute mehr Gewalt gegen Frauen als je zuvor - in allen Klassen, sowohl häusliche als auch öffentliche Gewalt.
  • Auch in der Theologie von Papst Franziskus gibt es viele Widersprüche. Zwar bringt er eine sehr gute Beschreibung ökologischer Themen, aber in Wirklichkeit handelt es sich bei ihm noch um eine vorökologische Theologie, denn der Mensch ist bei ihm nach wie vor die „Krone der Schöpfung“.
  • Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit: „Alle sind gleich“, aber in Wirklichkeit sind nicht alle gleich. Solche Widersprüche sind stets vorhanden, sie gehören zum Wesen unserer Sprache und unserer Denkmuster und man muss sie entsprechend berücksichtigen.
  • Es gibt politische, kulturelle, soziale, ideologische usw. Widersprüche. Die Herausforderung besteht darin, diese als solche zu erkennen und zu überwinden.
  • Nun zu den Widersprüchen in Theologie und Kirche: So der Widerspruch zwischen der Theologie, Lehre und Praxis, aber auch innerhalb der Theorie selbst und innerhalb der gelebten Praxis. Die Widersprüche finden sich auf allen Ebenen, selbst in mir selbst.
  • Auch in den Pfarreien gibt es Widersprüche: Man spricht von einer vorrangigen Option für die Armen, aber in Wirklichkeit dreht sich fast alles um Kult und Sakramente. Es handelt sich um eine Theologie des Kultes. Das reale Leben bleibt außen vor. (Beispiel: Als Ivonne in eine Pfarrei zu einem Vortrag eingeladen wurde, kam auch der römische Nuntius mit dem Einspruch: „Warum eine Frau hier, die nur Verwirrung stiftet?“).
  • In Wirklichkeit entsprechen wir in unserem Handeln den Anforderungen des Apparats und dem, was von uns erwartet und gefordert wird. Dies gilt es zu erkennen und zu hinterfragen. Es gibt „etwas“, das die gleichberechtigte Präsenz der Frau in der Kirche verhindert. Das steckt ganz tief in uns und wir merken dies oft nicht – Kirchenleitungen schon gar nicht.
  • Frauen dienen in der Kirche vor allem dazu, dem herrschenden System zu dienen und es zu stabilisieren. Es handelt sich um ein „vorinstalliertes“ hierarchisches System, das fest sowohl in Geschichte, Kultur und Kirche als auch in unseren Denkstrukturen (Synapsen) verankert ist. (Nötig wäre eine Formatierung der „Festplatte“ - Gehirn). Gender wird verteufelt und damit die Vielfalt und der Pluralismus der Identitäten und Geschlechter.
  • Freud, Nietzsche u.a. sprechen von einem anderen System und analysieren die Paranoismen des herrschenden Systems. Kardinal Odilo Scherer verbot als Beispiel die Einrichtung eines Lehrstuhls mit dem Namen „Michel de Foucauld“, da Atheist. Das neue Konzept menschlichen Seins und von Mann und Frau findet keinen Eingang in das Denken der Kirche. Freud, Nietzsche und Marx waren der Ausgangspunkt für das Entstehen des Feminismus.
  • Es gibt kein Vorverständnis von Menschsein, der Papst spricht aber ständig von vorgegebenen göttlichen Offenbarungen und Ordnungen, z, B. von Gott, der die Menschen liebt, usw., als ob Gott ein Mensch (Mann) wäre. Und göttliche Ordnungen, oft mit dem Naturrecht gleichgesetzt, können vom Menschen nicht geändert werden bzw. müssen befolgt werden. Dies widerspricht aber sämtlichen wiss.-modernen Erkenntnissen.
  • Kirche: Sie spricht diejenigen schuldig, die diesem modernen Selbstverständnis anhängen. Sie verdammt auch die fem. Exegese und behauptet, Gott will keine Frauen als Priester. Vor allem im Verständnis von Sexualität gibt es unüberbrückbare Gegensätze. Sie behaupten völlig willkürlich, dass Jesus angeblich keine Frauen als Priesterinnen wollte und verbieten gar, darüber auch nur zu diskutieren.
  • In den Emotionen zeigen sich in besonderer Weise die Widersprüche. Das Bild von Gott als Mann ist über Jahrhunderte wie fest zementiert in unseren Gehirnen. Es ist die unerlässliche Voraussetzung für ein hierarchisches System. So fällt es der Kirche auch schwer, gegen die permanente Gewalt gegen Frauen glaubwürdig - wenn überhaupt - Stellung zu nehmen.
  • Auf linker Seite gibt es viele Bewegungen wie Option für Arme, Landlosenbewegung etc., aber in der Frauenfrage sind auch linke Bewegungen noch sehr „macho“ (männlich geprägt) - trotz oft theoretischer Sympathie für den Feminismus.
  • Existentialismus: Wir kommen als unbeschriebenes Blatt auf die Welt, wir müssen uns selbst „erschaffen“, unser Leben selbst entwerfen, ohne göttliche Vorgaben. Diese dagegen führen zu einer existentiellen Entfremdung und zu einem Leben jenseits der real existierenden Wirklichkeit.
  • Kirche: Immer die anderen müssen sich ändern, denn „wir haben die Wahrheit, die absolute, immerwährende Wahrheit“. Es ist patriarchalisches Denken, wenn wir sagen „Gott macht uns frei“. Doch Freiheit ist als kollektive Freiheit zu verstehen, die gemeinsam erkämpft wird, z. B. die Freiheit, das tägliche Brot zu haben. Freiheit ist nicht zuerst eine Idee. Es ist nicht mein Körper, der sich den kirchlichen „Wahrheiten“ anpassen muss, er wird sonst zum Gefängnis und dies führt zu völliger Entfremdung und Selbstverleugnung.
  • Auch wurde z.B. Dorothee Sölle in der ev. Kirche nie respektiert, wie andere Frauen auch nicht, wie auch nicht Luise Schottroff, der man den Lehrstuhl der ev. Theologie entzog, weil sie die Gleichnisse Jesu sachgerecht (!) interpretierte.
  • Die Wahrheit ist exklusiv Männern vorbehalten. Dies dient als Vorwand, um den weiblichen Körper zu beherrschen. Frausein - so das Weltbild der Kirche - definiert sich über die Körperlichkeit, Mannsein über sein „Geistsein“.
  • Das (griechische, nichtbiblische) Weltbild der Kirche ist dualistisch und spaltet den Menschen in Geist und Materie, unsterbliche Seele und sterblicher Körper, usw.
  • Papst Franziskus: Auch er hat eigentlich Angst vor den Frauen. „Feminismus, das geht gar nicht“. Auch die Genderfragen lehnt er ab. Er ist (noch) tief verwurzelt im patriarchalischen Denken. Er weicht den eigentlichen Problemen aus.

Fragen aus dem Forum: Wohlgemerkt: 48 Priester, 6 Frauen (2 Ordensschwestern) und 2 Laientheologen

Frage nach dem Modell von Kirchesein? Nach Diakoninnen wie in ersten Jahrhunderten? Wo es Ordinierte gibt, gibt es auch Subordinierte - ewiges Modell der Kirche? Kann Kirche ihre Position radikal ändern, ohne endgültigen Bruch mit orientalischen Kirchen?

Antwort (in Stichpunkten): Viele Frauen in der Kirche haben schon darüber nachgedacht über ihre Rolle als Frau. Doch Männer, auch der Papst, denken nicht über ihre Rolle als Mann nach. Der Papst hat noch nie darüber gesprochen, wer Gott für ihn ist als Mann. Männer denken stets Gott als Mann, aus einer Position der Macht heraus: Gott kann alles, macht alles. Doch es geht darum, dass Frauen Theologie (auch) ausgehend von ihrem Körper betreiben, doch die Männer verstehen dies nicht und falls doch: Sie dulden es nicht.

Diakonat der Frau: Franziskus macht einen Schritt, aber er sagt, die Diakonissen der ersten Jahrhunderte hatten eine andere Rolle als die, wie sie heute gefordert wird. Sie hatten typisch frauliche Funktionen, das ist nicht feministisch. In der päpstlichen Kommission sind zwar Frauen vertreten, aber keine Feministinnen, sondern eher traditionell eingestellte Frauen. Man schafft damit viele Illusionen und Hoffnungen, die aber enttäuscht werden.

Ordination: Es gibt bereits viele christliche Gemeinschaften, die sich davon unabhängig organisieren, vor allem ökumenisch, oder „Ärzte ohne Grenzen“, eine Gemeinschaft, die Leben rettet, ohne irgendwelche „Ordinierte“ zu fragen und ohne „Segen der Kirche“. Was meinen wir, wenn wir „Kirche“ sagen? Papst, Bischöfe? Wer ist Kirche? Lebe ich in einer Gemeinschaft des Glaubens, was ist eine Gemeinschaft des Glaubens? Brauche ich dazu die Kleriker, Ordinierte? Kirche als Gemeinschaft der Jünger*innen Jesu in der Nachfolge Jesu. Kein Mensch ist sub-ordiniert!

Orientalische Kirchen (u.a.): Multikulturelle Gesellschaft, Dialog in Respekt vor dem Anderssein der anderen ist notwendig, ohne Vorbedingungen. Aber laut Johannes Paul II. ist kein gleichberechtigter Dialog möglich, weil nur die kath. Kirche im Besitz der Wahrheit ist. Göttliches Recht, was heißt das? Auch die Zeugen Jehovas leiten wie die Kath. Kirche das „göttliche Recht“ von der Bibel ab und setzen es mit Naturrecht gleich. Doch es gibt Menschenrechte, wie z. B das Recht auf ein Leben in Würde, unabhängig vom jeweiligen Glauben (Bibel) und Religionen.

Ihr Schlusswort: Jede Generation in den verschiedenen Kulturen wird sich stets nach Liebe und Gerechtigkeit sehnen - egal, ob einige Kirchen, der Vatikan und Institutionen untergehen oder nicht. Unsere Hoffnung besteht nicht darin, absterbenden Institutionen neues Leben einzuhauchen. Vielmehr geht es darum, unser Mitgefühl weiter zu entwickeln und mit allen Menschen zusammen an einer neuen Welt zu arbeiten, in der jeder Mensch - unabhängig von Geschlecht, Rasse, Religion usw. - in Würde leben kann. Es gibt viele Auswege für die Frauen, die Jugend, die Völker. Jesus hat ja auch nicht den Tempel erneuert. Sondern er hat am Tempel vorbei allen Menschen eine Frohe Botschaft verkündet.

Ivonne Gebara bedankte sich für die Einladung, denn in Brasilien hat sie kaum noch eine Möglichkeit, zu sprechen und zu veröffentlichen. Sie gilt als eine der führenden Vertreterinnen einer befreienden, feministischen Theologie weltweit. (Feministische Theologie aus dem "Süden", den Rändern der Welt, bedeutet nicht unbedingt dasselbe wie feministische Theologie in Deutschland...)!  

Dom Leonardo Steiner, Generalsekretär der CNBB:  “Die Umsetzung des päpstlichen Lehramtes in der Ortskirche“

Einführung: Dank für den Einsatz der Fidei-Donum-Priester für die Menschen in Brasilien und Lateinamerika und Dank an den Papst für seine Schreiben und Ansprachen. Beschränkung im Vortrag auf Evangelii Gaudium (EG). Er sagte, dies sei eigentlich nichts Neues. EG greift lediglich auf und führt weiter, was in Aparecida und von den beiden Vorgänger-Päpsten zugrunde gelegt wurde. Sein Vortrag, wie der von Kardinal Scherer, wurde zwar protokolliert, ging aber an den Erwartungen der Teilnehmer vorbei. Doch ergaben sich danach einige Fragen, mit aufschlussreichen Antworten.

Fragen:

- Welche Position hatte die CNNB (bras. Bischofskonferenz) angesichts der Absetzung von Dilma Rousseff? Die CNNB ist für Respekt vor der Verfassung und für Demokratie. Große Sorge, denn die Armen drohen, nun noch ärmer zu werden.

- Es scheint immer stärkeren Gegenwind gegen den Papst zu geben - stimmt das? Viele Leute sind zufrieden, eher politischer Gegenwind, auch von Laien. Der Traditionalismus ist noch sehr stark. In der Bischofskonferenz gibt es zwar verschiedene Meinungen, aber viel Kollegialität.

- Stichwort Transformation: Wie kann sich die Gestalt der Kirche so ändern, dass die Armen nicht auf der Strecke bleiben? Die Antwort: Eine barmherzige Kirche, die zu den Menschen geht und gleichzeitig offen sein für alle, die kommen. Ein Modus Vivendi der Barmherzigkeit ist das Christsein - dem verlorenen Sohn entgegengehen, sich der „Wegwerfmenschen“ und der Obdachlosen annehmen.

- Absetzung von Bischöfen? Dies ist bei Franziskus nun leichter möglich (2 brasilianische Bischöfe als Beispiel). Bei neuen Bischofsernennungen in Brasilien sind die meisten nicht auf der Linie des Papstes, warum werden diese ernannt? Dies ist auch abhängig vom Nuntius und den Orden, der Papst kann nicht alle kennen.

- Warum ernennen die nationalen Bischofskonferenzen nicht selbst ihre Bischöfe, ist die Kurie so stark? Antwort: Stärker als viele denken! Gefahr der Spaltung ist zu bedenken, Papst kann nicht alles auf einmal durchsetzen. Sein Text über die Synodalität ist phantastisch.

- Wie arbeitet die vom Papst eingesetzte Gruppe der Kardinäle? Es geht um eine Reform der Kurie. Es gibt neu die Kongregation für Familie, für Medien, vieles ist in Planung. Aber es geht langsamer, als man dachte. Es gibt in der „Gruppe der 8“ verschiedene Meinungen.

- Junge Priester wollen oft nichts von sozialer Arbeit wissen? Antwort: Wichtiger ist, dass viele Neupriester nicht so gut mit Laien zusammenarbeiten können. Wir versuchen, dies in der Ausbildung zu vertiefen. Hier ist besonders die Bewegung des Neukatechemunats zu nennen.

- Welche Rolle wird in Zukunft von den Orden im Hinblick auf die zukünftige Rolle und Gestalt der Kirche erwartet? Die Orden haben immer eine wichtige Rolle gespielt. Die Ordensleute sind in der Bischofskonferenz vertreten. Weil es immer weniger Ordensfrauen gibt verschwinden Schulen, Krankenhäuser.... Aber auch in der Pastoralarbeit fehlen Ordensleute. Es gab Ordensschwestern, die „Pfarrer“ waren. In Zeiten des Wandels gibt es immer Schwierigkeiten, z.B. schon im Mittelalter. Danach kam es zu einer Blüte der Kirche.

- Ordensleute werden vermehrt zu Bischöfen ernannt und damit den Orden weggenommen, das ist ein Problem. Antwort: Ja, damit können sogar Ordensprovinzen zerstört (aufgelöst) werden. Frage und Forderung: Das Ordensleben muss einen eigenständigen Weg gehen können. Stattdessen werden die Orden als Lückenbüßer für die Ortskirchen benutzt. Appell: „Lasst uns Ordensleute sein“!

Protokolliert und "übersetzt" von Willi Knecht, als einer der Protokollanten des Treffens.


10. Dezember: Wachet auf....!   Lasst uns den Weg weitergehen! Ein Aufruf, treu zu bleiben!  (Jesus Flores de La Loma)

"In den Anden im Norden Perus begann seit den Jahren 1962/63 in den Herzen der Gedemütigten eine Hoffnung zu keimen: eine Hoffnung auf ein Leben in Würde, in Gerechtigkeit und dass alle als Kinder des Einen Vaters ein Leben in Fülle haben mögen. Durch das Evangelium, das sie zum ersten Mal hörten, entdeckten sie, dass Gott selbst, Jesus Christus, mitten unter ihnen geboren wurde, um alle ihre Leiden und Hoffnungen mit ihnen zu teilen...." Dies geschah in der gleichen Gegend, wo ein spanischer Priester eine Schlüsselrolle bei der Gefangennahme und Ermordung Atahualpas spielte. Und so begann die grausamste Epoche in der Jahrtausende alten Geschichte unseres Volkes von Cajamarca. Nach 430 Jahren voller Massaker, voller Verachtung, die wir erleiden mussten und in der man uns all das geraubt hatte, was uns gehörte, kam wieder ein Priester. Es kam ein Guter Hirte, der ein offenes Herz für die Campesinos hatte. Er lehrte sie mit seinem persönlichen Zeugnis der Bescheidenheit und Demut die authentische Botschaft von Jesus dem Christus. Seine Ankunft in Cajamarca fiel zusammen mit dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils, zu dessen Eröffnung Johannes XXIII. zum ersten Mal von der Notwendigkeit einer Kirche mit den Armen und der Armen gesprochen hatte, und dies als die einzig authentische Art bezeichnete, die wahrhaftige Kirche Jesu Christi zu sein.

Das Entstehen und der Weg dieser „Kirche mit Poncho und Sombrero“ (siehe Vamos Caminando - Machen wir uns auf den Weg) zog sogar die Aufmerksamkeit von Christen in den reichen Ländern auf sich und weckte in ihnen ein Interesse und eine Solidarität mit den Ärmsten. Aber das Wichtigste war, dass sich die seit jeher Ausgestoßenen zum ersten Mal gehört und respektiert fühlten, sie fühlten sich als Gestalter ihres eigenen Schicksals. „Wir entdeckten, dass wir auch wer sind“. Der erste „Indiokatechet“ der Welt (mit der päpstlichen Erlaubnis zu taufen und die Botschaft vom beginnenden Reich Gottes zu verkünden) drückt es so aus: „Bischof Dammert hat mich gelehrt, dass ich eine Person bin, dass ich Christ bin und Peruaner“. Oder mit den Worten des Dichters Arguedas: „Er hat mich gelehrt, dass ein Christenmensch mehr Wert ist als ein Tier“.

Diejenigen, die am meisten verachtet werden, die Hirten von Bethlehem und von den Anden, sind die Ersten, die die Botschaft von einem Neuen Himmel und einer Neuen Erde hören. In der finsteren Nacht einer langen Geschichte öffnet sich plötzlich der Himmel und steigt zur Erde hinab, das Licht dringt in die Herzen der Menschen ein und es zeigt ihnen den Weg. Sie folgen dem Stern und sie gelangen zu einer Hütte, und dort entdecken sie in einer Krippe ihren Retter und Befreier - während die Weisen von Jerusalem und die Mächtigen von Rom und deren Statthalter weder diese Botschaft hören noch den Stern sehen können, weil sich selbst für das Licht halten.

Heute erzählen sie uns, das wir in einer anderen Welt leben und dass sich seit damals und den Zeiten des Konzils alles geändert hat. Ja, es gibt Veränderungen: An Stelle von zwei Polen eines wirtschaftlichen Materialismus und der Macht in der Welt, gibt es heute nur noch ein Zentrum, stärker und anmaßender als jemals zuvor, und es gibt noch mehr Arme, mehr Ungleichheit, mehr Ungerechtigkeit und weniger Perspektiven für die Armen. Sie zählen heute nicht mehr, sie geben noch nicht einmal Anlass zur Beunruhigung. Wenn in dieser modernen Zeit z.B. der gesamte Kontinent Afrika von einem Tag auf den anderen im Meer verschwinden würde, niemand in den Sälen der Börsen dieser Welt würde dies bemerken, es würde noch nicht einmal interessieren.

Sie erzählen uns, dass es in den Zeiten der Globalisierung mehr Freiheit und vieles mehr gibt. Ja, gewiss, denn jeder kann sein Geld verschwenden wie und wo er will ... vorausgesetzt er hat genug davon, und wenn nicht, so ist das sein Pech, er hat selbst Schuld. Und währenddessen gibt es täglich immer weniger Kinder, die sich in Freiheit ein Leben aussuchen können, das zumindest die fundamentalsten Bedürfnisse befriedigt. Die Globalisierung wird als die neue, absolute Religion verkauft und statt der Zehn Gebote herrschen die Gebote des nackten Egoismus, das Recht des Stärkeren und des permanenten Kampfes des Einen gegen den Anderen.

Sie erzählen uns von einer ständig besseren Kommunikation und Verständigung untereinander, und dass Jeder, der kein Handy hat, nicht auf der Höhe der Zeit ist, während man gleichzeitig von seinem Nachbarn nebenan immer weniger weiß. Es herrscht eine weltweite „Kommunion“, die in der Präsentation künstlicher und Gewalt verherrlichender Vergnügungen besteht, in der Präsentation nackter Ärsche auf so vielen Titelseiten und darin, überall und zu jeder Zeit Hamburger verschlingen zu können, hergestellt auf der Basis von vergiftetem Fleisch. Und all das geschieht, um die Menschen immer mehr zu verblöden und zu vergiften. Und als Krönung allen Übels gibt es noch kirchliche Prälaten, die sich berufsmäßig über die moralische Dekadenz beklagen, während sie gleichzeitig nicht schnell genug zu den Banketten und Festmählern eilen können, zu denen sie von den „Herren der Unmoral“ und den Autoren dieser Globalisierung eingeladen werden. Wie sagt doch ein „moderner“ Pfarrer aus Cajamarca: „Gesegnet sei die Globalisierung, denn dies ist das Zeichen einer neuen und universellen Kirche“. Wenn er wüsste, wie Recht er damit hat!

Wir haben als Christen die Pflicht, der Welt eine Alternative zu präsentieren: die Alternative einer anderen „Kommunion“ - in dem wir das tägliche Brot mit den Opfern teilen, denn sie sind die Ersten, die von Gott zu seinem Festmahl eingeladen sind, in dem ihr Hunger nach Brot und nach Gerechtigkeit gestillt wird. Man teilt das tägliche Brot dann, wenn man für eine Welt kämpft, in der jede Schwester das Notwendige hat, damit sie in Würde und in Gemeinschaft mit dem Nächsten leben kann.

Aber nach den Bekenntnissen engagierter Gruppen sowohl in den Elendsvierteln der Stadt als auch auf dem Land, sucht die „Kirche der Autoritäten“ nur ihre eigenen Interessen und die eigenen Bequemlichkeiten. „Sie wollen nichts mehr von uns wissen, sie haben uns vergessen. Und das Traurigste, sie vergessen so ihren Herrn Jesus Christus, der unter den Armen lebt“. „Wir jedoch, wir sind die Kirche Jesu Christi, weil wir das Brot und das Wort Gottes untereinander teilen; wir versammeln uns und feiern die Gegenwart des Herrn, seiner Leiden, seines Todes und seiner Auferstehung in unserer Mitte“.

Gegenüber diesen Veränderungen in der kirchlichen Hierarchie: Was tun? Sollen wir uns auseinanderdividieren und isolieren lassen? Oder uns damit trösten zu sagen, dass das, was in Cajamarca oder Puno und in vielen anderen Orten passiert, zwar etwas seltsam ist, aber eben nicht typisch - obwohl in so vielen anderen Orten genau dasselbe passiert, weil es sich um das gleiche System und die gleiche Politik handelt? Oder wenn Jemand seine Arbeit von heute auf morgen verliert (nachdem er sich dreißig Jahre lang im Dienst einer Kirche der Armen aufgeopfert hat und er dann unter den lächerlichen und erfundenen Vorwänden rausgeworfen wird), sollen wir dann nur mit den Schultern zucken und sagen, da kann man doch nichts machen?

Warum haben wir so viel Angst vor denen, die so viel von Liebe reden und vom Himmel und von der Hölle, ohne die geringste Ahnung zu haben, was all dies bedeutet? Wir sollten allen Leuten auf korrekte und bescheidene Art erklären, was Kirche wirklich bedeutet und wir dürfen nicht das Feld einigen unglückseligen Geschöpfen überlassen (die ihrerseits ob ihrer Erbärmlichkeit Erbarmen verdienen). Wir haben alle Argumente auf unserer Seite: die Ergebnisse einer modernen Theologie und Exegese, die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils und der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen, die Erfahrungen eines befreienden Glaubens....! Und warum fragen wir nicht einfach die Leute, welche Art von Kirche sie wollen und dass sie dann vergleichen: eine Kirche, die sich für ein menschenwürdiges Leben einsetzt, ein Leben in Gemeinschaft, gegenseitigem Respekt usw. - oder eine Kirche im Stil der vergangenen Jahrhunderte und in Heiliger Allianz mit den „Fürsten dieser Welt“.

Sie sagen uns, dass wir die Kirche spalten wollen oder dass wir eine Parallelkirche schaffen wollen. Aber es sind die Mütter in den Elendsvierteln, die ihre Pfarrer und den Bischof bitten, sie sollten sie doch besuchen, sie begleiten und ihnen das Wort Gottes verkünden. Es sind die Campesinos und ihre Katecheten, die die Einheit mit den Priestern wünschen, in dem sie Priester für ihre Gemeinschaften wünschen, Priester, die aufs Land gehen. Niemand jedoch hört diesen Schrei. Und wenn eine Delegation der Mütterklubs zum Bischofshaus geht und beim dritten Versuch erreicht, wenigstens in das erste Vorzimmer einzutreten, wirft man sie dann sofort hinaus und schreit sie an, sie würden mit ihren dreckigen Füßen die Teppiche, die gerade frisch aus Spanien importiert wurden, verschmutzen. Und wenn sie zu ihrer Pfarrkirche gehen, um an der Aussetzung des Allerheiligsten Altarsakramentes teilzunehmen, wirft man sie ebenfalls hinaus und man sagt ihnen, sie sollen nicht die vornehmen Damen mit ihrer Anwesenheit belästigen......

Das Volk Gottes geht seinen Weg weiter, aber es fühlt sich von seinen Hirten verlassen. Wenn wir das Volk Gottes auf seinem Weg begleiten wollen, auf der Basis der offiziellen Dokumente der Kirche, der Zeugnisse so vieler Märtyrer und des Zeugnisses der Armen selbst (von der Bibel ganz zu schweigen), wenn die „Kirche der Autoritäten“ jedoch einen anderen Weg sucht, einen Weg mit den anderen „Autoritäten“ und angezogen von den Götzen der Macht und des Geldes - wer verlässt dann wen, wer spaltet und wer bildet eine sektiererische Kirche?

Die Armen laden ihre Hirten an ihren Tisch, sie wollen das Brot mit ihnen teilen und mit allen. Aber es gibt Hirten, die die Bankette der „Herren und Könige dieser Welt“ bevorzugen und die das Brot der Armen verachten. Sie sind es, die sich nicht mit dem Volk Gottes an einen Tisch setzen wollen, sie wollen nicht „kommunizieren“, sondern höchstens unter ihresgleichen. Somit schließen sie die Mehrheit aus, diese wird „exkommuniziert“. Sie respektieren nicht mehr den Glauben und die Kultur des Volkes, treiben einen Handel mit Sakramenten und drohen mit der Hölle, wenn die Leute nicht bei ihnen beichten. Sie sprechen zwar viel von Kommunion, aber sie wollen nicht das tägliche Brot teilen. Wer „exkommuniziert“ hier wen bzw. sich selbst?

Den Schrei des verlassenen Volkes hören und die Berufung zu akzeptieren, Stimme des Volkes Gottes zu sein, wäre ein authentisches Zeichen von Demut. Dies wäre auf jeden Fall ein mutigeres Zeichen, als die Schläge und Gemeinheiten eines römischen Bischofs zu erdulden und hinunterzuschlucken (individuell und jeder für sich), der den Schrei des Volkes nicht hören kann und nicht hören will. Mit der Kirche Jesu Christi zu sein und in dieser Kirche sein bedeutet zuerst, mit all denen zu sein, die an den Tisch des Herrn berufen sind, insbesondere mit den Ausgegrenzten in aller Welt, in deren Mitte Gott selbst Fleisch und Blut geworden ist, wo er lebt, leidet und aufersteht. Im Vergleich dazu, ist es etwas Wichtiges aber Sekundäres, mit den Bischöfen zu sein.

Wir müssen dem Volk, das leidet und das alle seine Hoffnungen in Jesus Christus setzt, treu sein. Wir müssen dem Volk Gottes treu bleiben, das schon die Wege der Befreiung kennen gelernt hat und das diesen Weg weiter gehen will. Wem muss man mehr gehorchen? Mit welchem Recht können wir sagen, dass es besser sei zu schweigen (des „lieben Friedens“ willen), zu erdulden und noch obendrein sich als Opfer zu fühlen, wenn die christliche Gemeinschaft von Tag zu Tag mehr verlassen ist, immer mehr verspottet wird und in Gefahr gerät, die Orientierung auf seinem Weg zu verlieren? Gibt es keine Propheten mehr? Wir sind es, die den Armen mit den Worten der Propheten gelehrt haben zu singen: „Ich muss für Gerechtigkeit kämpfen, Gott hat mich berufen - Wehe mir, wenn ich dies nicht tue...“ Und in der Stunde der Wahrheit wollen wir von all dem nicht mehr wissen - unter dem Vorwand, dass wir klug sein müssen...!

In Bezug auf die universelle (katholische) Kirche war und ist die „Kirche mit Poncho und Sombrero“ ein Zeichen der Hoffnung. Die Pfarreien von außerhalb, die eine wahrhaftige Kommunion mit einer peruanischen Pfarrei suchen, wollen einen direkten Kontakt mit den Armen haben. Sie wollen einer Kirche zur Seite stehen (und nicht nur helfen, sondern Kirche sein), in der die Laien, besonders die Frauen und die Katecheten, eine Stimme haben. Die engagierten Gruppen und christlichen Gemeinschaften sind das Fundament einer Pfarrei und der Kirche. Sie sind Kirche! Pfarrer und Bischöfe kommen und gehen, die christliche Gemeinschaft, die Menschen, das Volk Gottes, sie bleiben. Das lehrt uns die Bibel und das Beispiel der ersten Christen.

Oder können wir einfach dulden, dass ein Bischof - einfach so - sagen kann (neben vielen anderen „witzigen“ Dingen), dass die Frauen z.B. nicht würdig sind, die Bibel in die Hand zu nehmen und noch weniger sie zu interpretieren, weil sie unrein seien; dass ein Bischof, wer immer das auch sei, sich über die Armen lustig machen kann, weil sie eine gerechtere Welt anstreben; dass jeder beliebige Prälat in Peru oder anderswo, besessen von der Lust auf Macht, sich über das Konzil stellen und dass er einen totalen Gehorsam fordern kann, so als ob er Gott selbst wäre? Zusammenfassend: wollen wir akzeptieren, dass die Kirche (im Namen von uns allen) in die fünfziger Jahre und noch viel weiter zurückkehrt - eine Kirche des „reinen Kultes und der vollen Fleischtöpfe“ anstatt einer Kirche als Volk Gottes und mit dem Volk?

In der Art einer Schlussbetrachtung: Wir müssen treu sein, treu unserem Gewissen, unserem christlichen Engagement, der Lehre der Kirche, wie sie in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils und in den lateinamerikanischen Bischofskonferenzen seit 1968 in Medellín ausgedrückt wird; wir müssen den Armen treu bleiben, dem gläubigen Volk, das seine Hoffnungen in eine Kirche der Armen gesetzt hat. Zuletzt und vor allem aber müssen wir der Botschaft Jesu Christi treu bleiben, der unter den Armen geboren wurde, der mit ihnen gekreuzigt wird und der mit ihnen auferstehen wird - und deswegen werden diese auch leben und sie werden den Weg weitergehen.

Als der aktuelle Bischof von Cajamarca zum ersten Mal im Januar 1993 nach Bambamarca kam und er sagte, dass er gekommen sei, um mit all diesen „Schweinereien“ der letzten dreißig Jahre aufzuräumen, erhob sich ein alter Katechet und antwortete ihm: „Mehr als 400 Jahre haben uns die Spanier unterdrückt. In den letzten dreißig Jahren jedoch haben wir entdeckt, wer wir sind, dass wir auch Menschen sind und dass wir Kirche sind. Und wenn jetzt wieder ein Spanier kommt und uns all dies wegnehmen will, wird es ihm nicht gelingen, denn wir lassen uns nicht noch einmal unterwerfen“. Und alle 200 versammelten Katecheten stimmten das Lied aus Vamos Caminando an: „Man kann das Licht nicht ‚beerdigen’...“ Mögen die Campesinos von Bambamarca den „Weisen und Gelehrten“ der Städte und Zentren dieser Welt als Beispiel dienen!

*Jesus Flores ist ein Pseudonym, so heißt die Hauptfigur von Vamos Caminando (Machen wir uns auf den Weg! Glaube, Gefangenschaft und Befreiung in den peruanischen Anden, Bambamarca). Der Aufruf richtet sich an alle, die am Aufbau einer Kirche mit Poncho und Sombrero“ aktiv beteiligt waren, auch berühmte Theologen, die es aber heute für klug halten, zu schweigen (abgefasst von Willi Knecht, nach intensiver Absprache mit den Campesinos von Bambamarca, im November 1999).

Zu "Vamos Caminando" (darin auch die Auseinandersetzung von Josef Ratzinger - 1978 (!) damals Erzbischof von München - mit der Kirche der Armen, einer Kirche der Befreiung:

Zu: El Despertar: "Wacht auf, Campesinos"! - Die Zeitung der Campesinos von Bambamarca (1972 - 1989)

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11. DezemberAnfänge einer Theologie der Befreiung (1973, im Original)

Auszug aus meiner Seminararbeit im WS 73/74 in Frankfurt- St. Georgen, SJ): Von einer Praxis der Herrschaft zu einer Praxis der Befreiung - eine "barbarische Theologie" (ausgehend von den "Barbaren").

PS: Im SS 1972 hatte sich in St. Georgen der erste "Studienkreis Theologie der Befreiung" in Deutschland gebildet, noch vor Erscheinen der deutschen Ausgabe des Buches "Theologie der Befreiung" von Gustavo Gutiérrez. Er wurde von lateinamerikanischen Mitstudenten (Doktoranden, mit konkreten Erfahrungen aus LA) initiiert und getragen. Einzige deutsche Mitarbeiter waren Christian Herwartz (heute Obdachlosenpriester in Berlin) und ich. Pater Semmelroth und Pater Grillmeier waren kritische Begleiter.

Ausgangspunkt der Theologie der Befreiung ist das Evangelium, die gute und befreiende Botschaft für alle Menschen, besonders aber für die 2/3 der Menschheit, die das Opfer der Gewalt, das Opfer der Reichen und Mächtigen dieser Erde sind. Das Evangelium ist die Grundlage unseres Glaubens an Jesus den Christus. Jesus Christus und sein Leben, sein Leiden, Tod und Auferstehung, sind der Ausgangspunkt jeder christlichen Theologie. Das ist eigentlich selbstverständlich, muss aber dennoch gelegentlich betont werden. Ist aber das Evangelium zuerst eine frohe Botschaft zuerst für die Armen und Unterdrückten dieser Erde, und wenn es stimmt, dass das Evangelium den Menschen auch für das diesseitige Leben etwas zu sagen hat, so muss jede Art von Theologie und Verkündigung von der Situation ausgehen, in der diese 2/3 der Menschheit leben.

"Wenn die historische Situation der Abhängigkeit und Beherrschung von 2/3 der Menschheit mit ihren 30 Millionen Toten, die jährlich an Hunger und Unterernährung sterben, nicht zum Ausgangspunkt jedweder christlichen Theologie von heute wird, so wird die Theologie ihre fundamentalen Themen nicht in die Geschichte einbringen und konkretisieren können. Ihre Fragen werden keine wirklichen Fragen sein. Sie werden am wirklichen Menschen vorbei gehen“. Alle mir bekannten Vertreter der Theologie der Befreiung stimmen der Aussagen von Assmann zu: „Es gibt fast eine Einstimmigkeit in den bisher veröffentlichten Texten: der Ausgangspunkt der Theologie der Befreiung ist die historische Situation der Abhängigkeit und Beherrschung, in der sich die Völker der Dritten Welt befinden“. [2]

Aber auch das eine Drittel der Menschheit, das weniger arm ist oder das auf Kosten der Armen weltweit immer reicher wird, muss von der herrschenden Situation ausgehen, die sie ja selbst nach ihren Interessen gestaltet haben. Wenn diese Menschen zudem noch Christen sein wollen, so können sie dies nur, wenn sie ihre Situation und ihren Standpunkt als unvereinbar mit der Botschaft Jesu erkennen und umkehren. Gerade sie bedürfen der Befreiung, denn sonst verfehlten sie ihr Menschsein und erst recht ihre Berufung, Kinder Gottes zu sein.

Die bisherige europäische Theologie (und es gab ja nie eine andere Theologie, die hellenistische Theologie in Alexandria und anderswo war ja auch europäisch) ging und geht nicht von den Armen aus, geschweige dass sie sich ihren Standpunkt zu Eigen machen kann. Sie kann das so lange nicht, wie Theologie und „Wahrheit“ von denen gemacht werden, die in dem reichen und herrschenden Teil der Welt wohnen, der die Mehrheit der Menschheit beherrscht und aussaugt. Mehr noch: sie wohnen nicht nur in diesem Teil der Welt, sondern sie sind tragendes und stützendes Teil dieses unmenschlichen Systems. Sie profitieren selbst davon und sind wie die europäische Kirche als Institution Garant und „Schutzpatron“ eines wirtschaftlichen und militärischen Systems, das spätestens seit Beginn der Neuzeit die ganze Erde erobert und dabei viele Völker vollkommen ausgerottet hat. [3]

Die Theologie der Befreiung dagegen ist der erste größere Versuch, in dem sowohl die Vertreter der armen und unterdrückten Völker selbst zu Wort kommen, als auch in dem die Lebenssituation und die geschichtliche Realität, in diese Menschen leben müssen, ausreichend berücksichtigt wird. Die Untersuchung und Analyse der bestehenden Situation in Lateinamerika, der Dritten Welt allgemein [4] und gleichzeitig in den reichen Ländern - da zusammengehörende Pole derselben Entwicklung – wird mit Hilfe der Humanwissenschaften durchgeführt,, ist aber bereits Bestandteil der Theologie. Das Elend in der Welt, zumindest so wie es ist, ist keine unveränderliche Naturgegebenheit und erstrecht kein Zufall, sonders das geschichtliche Ergebnis ganz bestimmter und so gewollter wirtschaftlich – politischer – sozialer Prozesse, so geplant und gemacht von Menschen mit einem ganz bestimmten Interesse.

Um keine Sisyphos – Arbeit zu leisten, was weiterhin den gewaltsamen Tod von Millionen Menschen bedeuten würde, müssen Menschen, die sich aus ihrem Elend befreien wollen, die wahren Gründe ihres Elends und die Funktionsweise der Unterdrückung kennen lernen. Ohne Analyse der bestehenden Verhältnisse geht das nicht. Weiterhin bloße „europäische Theologie“ treiben zu wollen, wäre blanker Zynismus gegenüber dem zum Himmel schreienden Elend der Menschen – und gegenüber Gott in den Menschen.

Bis in die Mitte der 60er Jahre glaubte man, die Probleme Lateinamerikas mit den Mitteln einer Entwicklungsstrategie meistern zu können, anders formuliert: man braucht nur genügend Geld in die Dritte Welt hinein zu pumpen, um den Patienten zu heilen. Diese Entwicklungsideologie, ein anderer Name für die Schaffung neuer Abhängigkeiten und für die bewusste Verschleierung der wahren Ursachen, hat sich aber als total unfähig erwiesen, die echten Probleme und die Ursachen des Elends in Lateinamerika zu sehen, geschweige denn zu beseitigen. Eine Entwicklung innerhalb des derzeit bestehenden Weltsystems ist nicht möglich, sondern führt zu immer größerer Abhängigkeit und Armut. „Seit einiger Zeit setzt sich in Lateinamerika ein anderer Gesichtspunkt durch. Man sieht immer klarer, dass die Situation der Unterentwicklung das Ergebnis eines Prozesses ist und deshalb in einer geschichtlichen Perspektive, d.h. im Verhältnis zu Entwicklung und Expansion der großen kapitalistischen Länder studiert werden muss. Die Unterentwicklung der armen Völker als globaler sozialer Tatbestand zeigt dann erst sein wahres Gesicht. Er ist ein geschichtliches Subprodukt der Entwicklung anderer Länder. Denn in der Tat führt die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft zur Errichtung eines Zentrums und einer Peripherie und bringt zur gleichen Zeit Fortschritt und Reichtum für die Minderheit und soziale Unausgeglichenheit, politische Spannungen und Armut für die Mehrheit. In einem solchen Kontext wurde Lateinamerika geboren und nimmt seinen Lauf. … Die Situation der Abhängigkeit und Unterdrückung ist also der Ausgangspunkt für ein sachgemäßes Verstehen der Unterentwicklung in Lateinamerika“. [6]

Würde man daher christliche Praxis und Theologie betreiben wollen, ohne diese Tatsache der Abhängigkeit und Unterdrückung in Lateinamerika und weltweit zu berücksichtigen, liefe man Gefahr, eine heidnische Praxis und eine heidnische Theologie zu betreiben. Denn zum Wesen des Christentums gehört der Glaube, dass Gott inmitten der unterdrückten Mehrheit Mensch geworden ist und sich zuerst mit denen solidarisiert, die in der Folge von Menschen errichteten sündhaften Strukturen unter die Räder kommen. Es kann hier nicht im Ganzen dargestellt werden, wie diese Abhängigkeit im Einzelnen funktioniert, auch nicht, wie es zu den Ergebnissen kommt, die die Dependenztheorie gefunden hat. Deshalb seien hier nur einige Grundaussagen dieser Theorie genannt, die unumstritten bei allen Vertretern der Dependenztheorie sind – seien sie liberal, nationalistisch oder marxistisch eingestellt.[7]

a) Die wirtschaftliche Situation der Entwicklungsländer kann nur verstanden werden, wenn der Faktor der äußeren Abhängigkeit berücksichtigt wird. Denn die Sozialstrukturen in Lateinamerika sind wesentlich geprägt durch die Dominanz ausländischer Mächte. In Lateinamerika begann die Abhängigkeit, als der erste Spanier amerikanischen Boden betrat. In der Folgezeit wurde Lateinamerika in das bestehende Weltsystem zwangsintegriert und musste von nun an ausschließlich den wirtschaftlichen und politischen Interessenseiner „Herren“ dienen. (siehe u.a. Rolle der USA). Die Unabhängigkeit von Spanien und Portugal brachte für Lateinamerika nur die Abhängigkeit von noch stärkeren Mächten. Lateinamerika wurde zum Hinterhof der USA (bzw. deren Herrschaft der Weißen). Die Geschichte Lateinamerikas ist lediglich das Negativ der Geschichte Europas und in der Folge der USA (als auf Amerika ausgedehnte Herrschaft der Europäer bei gleichzeitiger Vernichtung der Urbevölkerung im Norden Amerikas).

b) Die Unterentwicklung ist kein der Entwicklung zeitlich vorausgehendes Stadium, sondern beide sind gleichzeitige, funktional aufeinander bezogene Seiten desselben historischen Prozesses der Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems. „Wirtschaftliche Entwicklung und Unterentwicklung sind zwei Seiten einer Medaille. Beide sind notwendiges Ergebnis und gleichzeitig Manifestation der inneren Widersprüche im kapitalistischen System“. [8] Der Kapitalismus wird als globales, die Welt beherrschendes System gesehen, mit zwei antagonistischen Polen, dem Zentrum und seiner Peripherie. Beide stehen in einem dialektisch abhängigen Verhältnis zueinander. Dabei hat die Peripherie die Aufgabe, das Zentrum zu nähren, wobei sie selbst immer ärmer wird, das Zentrum aber immer reicher. Das Zentrum bestimmt, was in der Peripherie zu geschehen hat. Alles, was in den ausgebeuteten Ländern geschieht, wird bestimmt und ausgerichtet auf das, was Europa und den USA nutzt.
Das, was in Lateinamerika geschieht „wird sowohl den Interessen der dominierenden Zentren als auch den Erfordernissen der Systemerhaltung untergeordnet“. [9] Die Armut in Lateinamerika stellt sich so als das Ergebnis von Ausbeutung und Herrschaft auf Weltmaßstab dar. Es handelt sich um einen weltweiten Klassengegensatz (der zudem noch rassistisch bestimmt ist). „Deshalb würde die Theorie der Abhängigkeit ihren Weg verfehlen und zum Irrtum führen, wenn man ihre Analyse nicht im Kontext des weltweiten Klassenkampfes ansiedelt“. [10]

c) Die Unterentwicklung ist zwar extern begründet, ihre Auswirkungen sind aber interner Art und hat verheerende Folgen für die Mehrheit der Menschen in den abhängig gehaltenen Ländern. Dass das Elend in Lateinamerika die direkte Folge des allein am Kapital und dessen Vermehrung bestehenden Herrschaftssystems ist, wird auch von den Bischöfen des Nordosten Brasiliens so gesehen. Sie schreiben in einem gemeinsamen Hirtenwort: „Die in Brasiliens herrschenden Sozial- und Wirtschaftsstrukturen sind auf Unterdrückung und Ungerechtigkeit errichtet, die aus einer Situation des von den großen internationalen Marktzentren abhängigen Kapitalismus hervorgehen. Innerhalb unseres Landes bemühen sich kleine Minderheiten, Komplizen des internationalen Kapitalismus, mit allen möglichen Mitteln ihm zu dienen, um eine für sie günstige Position zu bewahren.

So entstand ein unmenschlicher Zustand, der sicherlich nicht christlich ist“. [11] Und die peruanischen Bischöfe schreiben: „Wir teilen mit den Nationen der Dritten Welt das Schicksal, Opfer von Systemen zu sein, die unsere wirtschaftlichen Reichtümer ausbeuten, unsere politischen Entscheidungen kontrollieren und uns die kulturelle Vorherrschaft ihrer Werte und ihre Konsumzivilisation aufdrängen. Diese von den lateinamerikanischen Bischöfen in Medellín angeprangerte Situation bleibt bestehen und festigt sich aufgrund der internen Struktur unserer Länder, einer Struktur der wachsenden wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Ungleichheit und der politischen Perversion, die nicht dem Wohle aller, sondern einiger weniger dient“. [12]
Was sich auf globaler Ebene an Ungerechtigkeit und Unterdrückung abspielt, spiegelt sich und wird besonders deutlich innerhalb der einzelnen Länder Lateinamerikas. Denn innerhalb der einzelnen Länder gibt es die gleiche Aufteilung in Zentrum und Peripherie, in Unterdrücker und Unterdrückte, mit der gleichen Rollenverteilung wie oben beschrieben. Die herrschende Oberschicht in den armen Ländern paktiert mit den Interessen des internationalen Kapitals auf Kosten der Armen, der Mehrheit des Volkes. Als Gegenleistung unterstützt das internationale Kapital die Macht der Oberschicht und des Status quo zu deren und im eigenen Interesse. Um die Herrschaft der Marionettenregierungen abzusichern und z.B. um wirklich demokratische Entwicklungen zu verhindern, schrecken die reichen Länder unter der Führung der USA auch nicht vor militärischen Interventionen zurück – ausgerechnet im Namen der Freiheit und der Demokratie und beseelt von der Überlegenheit der christlich-abendländischen Zivilisation. Die Armen, die überwiegende Mehrheit des Volkes, leiden so unter einer doppelten Fron. Auch die Klassenherrschaft zeigt sich auf doppelte Weise. Nämlich global im Gegensatz der reichen zu den armen Ländern und innerhalb der armen (und zunehmend auch selbst der reichen) Länder in der Spaltung zwischen Oberschicht und Volk.

d) Katalog wirtschaftlicher Abhängigkeit im Rahmen und als Folge eines kapitalistischen Systems: Angewiesensein auf ausländische Geldgeber (Kredite für Großprojekte zum Nutzen der einheimischen Oberschicht) und der Transfer der Profite in die Geberländer; Auslandsverschuldung, einseitiges technische Know-how sowie Lizenz- und Patentgebühren; Diktat der Weltmarktpreise, Zollschranken etc.; das ausländische Kapital beherrscht alle Grundbereiche der einheimischen Wirtschaft, der Industrie und des Finanzwesens, den gesamten Handel und die Dienstleistungen. Was produziert wird bestimmt das Ausland, deshalb Produktion und Export auf die Bedürfnisse der reichen Länder und der eigenen Oberschicht abgestimmt, aber nicht auf die notwendigsten Bedürfnisse und Notwendigkeiten der eigenen Bevölkerung (z.B. Grundnahrungsmittel). Die reichen Länder kontrollieren die Währung, die Presse, die öffentliche Meinung, das Militär und die Politik der abhängigen Länder. Dabei ist eine allzu sichtbare Kontrolle meist nicht notwendig (z.B. allzu offene Militärpräsenz). Die Kontrolle geschieht vielmehr mit Hilfe des verlängerten Arms des internationalen Kapitals, der einheimischen Oberschicht. Diese muss buchstäblich mit aller Gewalt an der Macht gehalten werden, denn nur so ist die ungehemmte Ausbeutung ganzer Völker weiterhin möglich.

An dieser Stelle nur ein einziges Beispiel aus der Landwirtschaft: Kuba, eines der fruchtbarsten Länder der Welt, musste bis 1959 über Jahrzehnte hinweg Bohnen und Reis einführen, die Grundnahrungsmittel schlechthin für die Kubaner. Auf den fruchtbarsten Böden wurde stattdessen vor allem Rohrzucker angebaut. Dadurch kamen vornehmlich die USA zu billigem Zucker und Rum und die weißen Großgrundbesitzer zu viel Geld. Gleichzeitig galt Kuba sowohl als billiges Ferienparadies und als größtes Bordell der USA als auch als eines der ärmsten Länder der Welt (permanente Unterernährung der Mehrheit, Analphabetismus, keine medizinische Versorgung etc.).

Lateinamerika wäre nach Berechnungen der FAO (Unterabteilung der UNO für Ernährung) in der Lage, mehr als eine Milliarde Menschen ausreichend und ausgewogen zu ernähren, wenn die Landwirtschaft auf die Bedürfnisse des Volkes hin ausgerichtet wäre (1972).

Das Elend in Lateinamerika, das „zum Himmel schreit“ (Medellín), hat also seinen Ausgangspunkt in der Herrschaft der reichen Länder über die armen Länder, genauer: in einem kapitalistischen System, das systemimmanent logisch als höchsten, gar absoluten Wert die Vermehrung des Kapitals hat und das gemäß seiner Natur auf globale Herrschaft ausgerichtet ist. Seine kulturelle (auch anthropologische) Grundlage ist die Gier nach immer Mehr und es definiert Menschsein und Menschwerdung als ein immer mehr Haben. Die „Nichthabenden“ können so nicht als Menschen wahrgenommen werden, die die gleichen Rechte und die gleiche Würde haben. Der Kapitalismus beruht systembedingt darauf, die Völkergemeinschaft zu spalten, den Menschen sich selbst (künstliche Bedürfnisse zu schaffen) und dem Nächsten zu entfremden und systematischen Raubbau an der Natur zu betreiben (permanentes Wachstum ist absolut notwendig bei gleichzeitig begrenzten und rapide abnehmenden Ressourcen, siehe Meadows: Grenzen des Wachstums, 1972).

Dieses Elend hat in den letzten Jahren noch zugenommen, sowohl weltweit als auch in dem „Wirtschaftswunderland“ Brasilien, das unter der aktuell herrschenden Militärdiktatur laut Berichten des IWF so floriert wie noch nie zuvor. Die Schere zwischen reichen und armen Ländern und zwischen Oberschicht und Volk in den armen Ländern ist größer geworden. Und das Elend wird noch größer werden, solange das kapitalistische System sich ungebremst ausbreiten kann. Ob und wie lange es dies noch kann, hängt nicht nur von den Menschen in der Dritten Welt ab, sondern im besonderen Maße auch von den Menschen (und Christen!), die in den reichen Ländern wohnen. Zuletzt noch ein Zitat aus dem schon erwähnten Hirtenbrief der brasilianischen Bischöfe und Ordensoberen: „Diese Wirklichkeit des Elends ist weit davon entfernt, eine unausweichliche Wirkung einer unzureichenden Natur zu sein, sondern sie ist vor allem die Folge eines Prozesses, der durch Menschen, die mit dem internationalen Kapitalismus verstrickt sind, fixiert wurde. Das macht den Aufbau einer ungerechten Gesellschaft möglich und erhält ihr das erdrückende Gewicht, ihre Privilegien zu verteidigen und zu vermehren. Die aus dieser Situation entstandene Ungerechtigkeit hat ihre Grundlage in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, die unausweichlich zu einer Klassengesellschaft führen, gekennzeichnet durch Diskriminierung und Ungerechtigkeit“.[13]

[2] Hugo Assmann: Teología desde la praxis de la liberación; Salamanca 1973, S. 40. Assmann spricht hier als Theologe, der sich Sorgen um die Theologie macht. Aber es geht um Tausende von Menschen, die täglich ums Leben gebracht werden, um Söhne und Töchter Gottes, denen Gott selbst ein „Leben in Fülle“ versprochen hat. Diese Menschen um ihr Leben zu bringen bedeutet, Gott ans Kreuz zu nageln.
[3] Natürlich gab und gibt es Ausnahmen: Franziskus und viele andere, doch auch diese wahrhaft Heiligen konnten grundsätzlich nichts ändern, denn sie hatten nie die ganze Macht - ähnlich wie im AT die Propheten und immer wieder vereinzelt mutige Männer und Frauen, die den Glauben an den wahren Gott des Lebens bezeugten.
[4] In dieser Arbeit steht Lateinamerika im Mittelpunkt, dennoch gibt es bei aller Verschiedenheit mit anderen Kontinenten (und auch innerhalb von Lateinamerika selbst) grundlegende Gemeinsamkeiten: die von Europa ausgehende Unterwerfung, Kolonialisierung, die Verachtung fremder Kulturen etc. und die heute auf dem Höhepunkt angelangte Dominanz wirtschaftlich-politischer Strukturen der Abhängigkeit und Ausbeutung.
[5] Alle Statistischen Angaben aus: Dokument der Bischöfe und Ordensoberen des brasilianischen Nordostens vom 6. Mai 1973; Erklärung der peruanischen Bischofskonferenz vom Juni 1971. Ergänzend: Armando Cordova: Strukturelle Heterogenität und wirtschaftliches Wachstum, Frankfurt 1973; Armando Cordova/Hector Silva Michelena: Die wirtschaftliche Struktur Lateinamerikas, Frankfurt 1969; T.T.Evers-P.von Wogau: „Dependencia“ - Lateinamerikanische Beiträge zur Theorie der Unterentwicklung, in: Das Argument, Ausgabe Nr. 79/1973
[6] G. Gutiérrez, Theologie der Befreiung, S. 77,78
[7] ff nach Evers-Wogau: „Dependencia“ in: Das Argument 73, Nr. 79, S. 400-454). Zur Verwendung dieser Theorie (Versuch einer Erklärung): Hierbei handelt es sich lediglich um ein Hilfsmittel, um einen theologisch klaren Standpunkt verständlicher und in der Sprache weltlicher Wissenschaft auszudrücken. Außerdem ist zu beachten, dass bei der Darstellung von Ursachen der Armut sehr viele Dimensionen zu berücksichtigen wären (Kultur, Geschichte, Religion, Traditionen, äußere Gegebenheiten etc.).
[8] A. Córdova: Strukturelle Heterogenität…. S. 146
[9] A. Córdova: a.a.O., S. 29
[10] G. Gutiérrez: a.a.O., S. 83
[11] Dokument der Bischöfe Nordostbrasiliens, Mai 1973, in: Katholizismus in Lateinamerika, Wien, S. 27
[12] Erklärung des peruanischen Episkopats 1971; a.a.O., S. 30.
[13] Katholizismus in Lateinamerika; a.a.O., S. 28


12. Dezember: Vom Herrschen und vom Dienen (Mk 10, 35-45)

Die Situation

Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Jesus sagt, er wird ausgeliefert und getötet werden. Nach seinem Auftreten in Galiläa, der Verkündung seiner Botschaft und der Sammlung seiner Jünger*innen wagt er sich nun in die „Höhle des Löwen“, in das Zentrum der Macht. Und die Jünger spüren: „Jetzt geht es los“, jetzt geht es um die Entscheidung. Dabei denken sie sehr weltlich, sie denken eher an die Befreiung von der Besatzungsmacht und an eine neue politisch-gesellschaftliche Ordnung. Die aktuell bedrückende Herrschaft wird untergehen bzw. besiegt werden und es wird eine neue Herrschaft beginnen. Doch diese neue Herrschaft (Reich Gottes) denken sie noch in „alter Weise“, wie üblich! Sie träumen von machtvollen, herrschaftlichen Posten im neuen Reich. Sie wollen „oben sitzen“, denken wohl an damit verbundene Privilegien, etc. Sie haben offenbar keine Ahnung, was Jesus wirklich meint, wie er tickt - und das nach alldem, was sie ja bisher schon von ihm gehört hatten. Doch sie haben das Gehörte von ihrem „alten“ Standpunkt heraus verstanden, z.B. als Aufstand und Errichtung einer neuen politischen Ordnung. Jakobus und Johannes wurden von den anderen Jüngern daraufhin hart kritisiert. Sie waren sehr ärgerlich, aber eher deswegen, weil die Beiden „heimlich“ beim Meister vorgeprescht waren und die höchsten Posten unter sich aufteilen wollten, ohne die anderen miteinzubeziehen. Viele waren wahrscheinlich Anhänger der Zeloten, die in Galiläa ihr Zentrum hatten. Zumindest wussten sie von deren Anliegen und haben vermutlich auch damit sympathisiert. Jesus aber weist sie sehr hat zurecht. Jesus spricht von einer von Gott verheißenen neuen Ordnung, die der heute herrschenden Ordnung - den „Gesetzmäßigkeiten dieser Welt“ - völlig widerspricht. „Bei euch soll es nicht so sein“: Kein Missbrauch der Macht wie bisher üblich; zum Diener und zum „Sklaven“ der „Ohnmächtigen“, der „Wegwerfmenschen“ und der Unterdrückten werden; die Bereitschaft, dafür sein Leben einzusetzen, zu leiden und verfolgt zu werden.

Beispiele und Gleichnisse

Jesus hat vor allem in Gleichnissen stets vom Alltag der Zuhörer erzählt, die ihn deshalb auch verstanden haben. Der Alltag der Menschen, des Volkes, war geprägt vom täglichen Kampf ums Überleben. Der großen Mehrzahl der Menschen war die Erfahrung von Rechtlosigkeit, Willkür, Gewalt und Ausbeutung sehr vertraut. Man weiß, auch anhand römischer Quellen, über die Lebensverhältnisse im Palästina der damaligen Zeit sehr gut Bescheid. Jesus sprach in seinen Gleichnissen von solch alltäglichen Erfahrungen. Er ging von dieser Lebenswirklichkeit der Menschen aus, nahm deren Standort und Perspektive ein – was ihm auch deshalb nicht schwerfiel, weil er ja selbst in solchen Verhältnissen aufgewachsen war – und kam zum Schluss: So kann es nicht weitergehen, bei euch soll alles anders sein, das ist nämlich nicht so, wie sich Gott das Zusammenleben der Menschen vorstellt. Schon die „alten“ Propheten haben immer wieder die zum Himmel schreienden Missstände im Volk Gottes aufgedeckt und Gottes Gericht angekündigt. Doch die Stimme der Propheten wurde nicht gehört, sie wurden zum Schweigen gebracht. Jesus kannte natürlich die Botschaften der Propheten und als er bei seinem ersten öffentlichen Auftreten in seinem Heimatdorf aus dem Buch des Propheten Jesaja vorlas und erklärte, wie wenig das Volk bisher auf die Propheten gehört hat, wollte man ihn einen Abgrund hinabstürzen. Jesus wusste also, was ihm bevorstand, und er wusste auch um das Schicksal von Johannes dem Täufer. 

1. „Herren der Welt“

„Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen“. Bei uns (weil getauft!) aber soll es anders sein! Dazu drei Beispiele, die in dieser Woche in den Schlagzeilen waren (geschrieben am 20.06.20) und die zeigen, welche Werte heute in dieser unserer Welt dominieren.

a) Seit vielen Jahren ist bekannt (für den, der es wissen will), unter welchen Umständen weltweit und hierzulande Lebensmittel produziert werden, welche Auswirkungen dies auf unsere unmittelbare Umwelt hat, wir kennen die Arbeitsbedingungen, usw. Steuerkriminalität, Bereicherung über Wettbewerbsverstöße und systematische Ausbeutung von Arbeitern sind eher die Regel als die Ausnahme – vom Leiden der Tiere ganz zu schweigen. Die Missstände werden selten geahndet. Wird dann z.B. durch Vireninfektionen in den entsprechenden Betrieben die Öffentlichkeit informiert, geben politisch Verantwortliche sich schockiert. Die Betriebsbedingungen dieser industriellen Landwirtschaft, siehe Viehfutter, Pestizide, Gülle, etc. werden als systemrelevant erklärt. Also in welchem System, in welcher Gesellschaft leben wir denn? Ein einzelner kath. Pfarrer hat dies stets angeklagt – als „Rufer in der Wüste“. Im TV sprach er nun von einer „Mafia", von „Sklaven" und von „Sklaventreibern", von Opfern und Tätern, von „kriminellen Subunternehmern" und von Profiteuren auf dem Wohnungsmarkt, die selbst „mit erbärmlichen Wohnungen sehr viel Geld verdienen, wenn sie nur genügend Arbeitsmigranten hineinstecken können“ („Plasberg“, 22.6.).

b) Rassismus und Sklaverei. Da ich mehrere Jahre in indigenen Gemeinschaften gelebt und gearbeitet habe, könnte ich dazu viel sagen, würde aber an dieser Stelle zu weit führen. Ich möchte auch nicht über eine individuelle Schuld sprechen, sondern fragen, welchen Lebensstil wir uns leisten und auf wessen Kosten das geschieht. Am Beispiel der Lieferketten lässt sich dies anschaulich verdeutlichen. Kaum bekannt, aber eine der wichtigsten Initiativen mit Beteiligung der Kirchen besteht darin, unsere Mit-Verantwortung an der zunehmenden Verwüstung und an dem sich weltweit wieder ausbreitenden Hunger einzugestehen und uns verändern zu wollen. Viele deutsche Unternehmen lassen ihre Produkte in Ländern des Globalen Südens herstellen, oder verarbeiten Rohstoffe aus diesen Ländern in ihren Produkten. Sie profitieren dabei von billigsten Arbeitskräften und niedrigen Umweltauflagen. Schäden an Mensch und Umwelt gehören zum Geschäftsmodell. Für den Profit der Unternehmen bezahlen vor allem die Menschen vor Ort in Form von Ausbeutung, Unterdrückung von Gewerkschaften, Hungerlöhnen, Vertreibungen und Umweltverschmutzung. Deutsche Unternehmen verlagern nicht nur ihre Produktion ins Ausland, sondern auch ihre unternehmerische Verantwortung und die Schäden, die mit der Produktion einhergehen. An unzähligen Beispielen und auch bei Besuchen vor Ort selbst gesehen und erlebt, lässt sich zeigen, dass unser Wohlstand mit auf (neo-) kolonialer Ausbeutung und moderner Sklaverei beruht.

c) Deutsche Waffenexporte: Am Montag dieser Woche bombardierten saudische Kampfjets u.a. ein Zivilfahrzeug im Nordjemen und töteten alle 13 Insassen, darunter vier Kinder. Seit über fünf Jahren stehen derartige Massaker auf der Tagesordnung – und Deutschland gehört mit seinen fortgesetzten Waffenlieferungen in diesem Angriffskrieg zu den größten Komplizen dieser Verbrechen. Aus dem am 19. Juni erschienenen Rüstungsexportbericht 2019 geht hervor, dass die Bundesregierung im vergangenen Jahr mit Rüstungsgütern im Wert von über 8 Milliarden an 131 Länder so viel genehmigte wie seit 25 Jahren nicht mehr. Über 1,2 Milliarden gingen allein an die acht Länder der Anti-Jemen-Koalition. Dazu passt, dass ebenfalls in diesen Tagen diskutiert wurde, ob wir uns noch mehr als bisher - zu unserer eigenen Sicherheit - an einer atomaren Kriegsführung aktiv beteiligen sollten.

Fazit: Die von uns zu unserem Vorteil errichtete Weltordnung (Kolonialismus, Rassismus, Kapitalismus) muss verteidigt werden. Im Namen solcher Werte wie Freiheit, Menschenrechte und Demokratie wird die Kluft (global und lokal) zwischen Reichen und Armen immer größer. Das Römische Reich beutete seine Kolonien (u.a. Palästina) gnadenlos aus - gestützt auf eine effektive Finanzwirtschaft, ein Rechtssystem, das Privateigentum für unantastbar erklärt und einen überlegenen Militärapparat. Der Unterschied zu heute besteht darin, dass diese Verhältnisse im Laufe der letzten 500 Jahren ausgehend von Europa globalisiert werden konnten. Und es gibt einen weiteren Unterschied: Im röm. Reich wurden zwar auch z.B. riesige Wälder abgeholzt, aber die Menschheit stand nicht unmittelbar vor ihrem Ende. Heute haben wir aber keine 2000 Jahre mehr Zeit, vielmehr geht die Verwüstung beschleunigt weiter. Unsere imperiale Lebensweise erschwert/verhindert möglicherweise das wahre Hören, verhindert zu verstehen und braucht daher die Rechtfertigung einer imperialen Theologie, deren Basis das Konstrukt einer dualistisch-griechischen Philosophie ist, nicht aber die Botschaft Jesu im Kontext seiner Zeit ist.

Wir haben uns als Menschheit in eine Lage manövriert, in der uns nur noch eines bleibt: Umkehr, radikale Veränderung oder wir werden nicht mehr sein. Aber es besteht eine Chance: Erstmals ist weltweit ein neues, eine gemeinsames Narrativ möglich, weil notwendig. Denn es geht um das Überleben der Menschheit als Spezies. Dies wird nur möglich sein mit einer gemeinsamen Basis und einem gemeinsamen Ziel: Ein Leben in Würde für alle, (christlich) vorrangig der „Aussätzigen“, im Rahmen der planetarischen Grenzen. Wir als Christen sollten dabei vorangehen, denn uns ist eine befreiende Botschaft geschenkt.

Das Schwerpunktthema von „nachhaltig predigen“ für das Kirchenjahr 20/21 lautet „abgebrannt…“. Und ja, der Menschheit ist es gelungen, viele für das permanente Wachstum lebensnotwendige Ressourcen buchstäblich zu verbrennen, der Treibstoff für die rasante Entwicklung der letzten 200 Jahre geht zu Ende, vor allem aber haben wir damit unseren Planeten derart „ins Schwitzen“  gebracht“, dass die Menschen und viele Tierarten dies nicht mehr ertragen können. Abgebrannt aber auch im übertragenen Sinn: Unser vorwiegend westlich geprägtes Lebensmodell, die Kosmovision weißer Menschen mit ihrem Wachstumswahn und ihrem extrem übersteigerten Individualismus, ist an seine Grenzen gestoßen bzw. hat sie schon überschritten. Die Verheißungen der Propheten und die Botschaft Jesu können uns die Kraft und den Mut geben, umzukehren. Die Beispiele vieler Menschen in der Nachfolge Jesu lehren uns, dass wir das schaffen können.

2. Vom Dienen und bedient werden

Wie gesagt, fast alle Gleichnisse Jesu handelten von diesen Ungerechtigkeiten. Seine Botschaft lautet: Dies wird ein Ende haben und wir stehen am Beginn einer neuen Zeit (siehe u.a. Lk 4,16-30), die mit Jesus dem Christus beginnt. Jesus nennt dafür auch immer wieder eine Voraussetzung: Hören – radikal umkehren – nachfolgen in Gemeinschaft. Das gilt auch für die Kirche als Organismus. Er spricht von einer neuen „Sitzordnung“ – die Letzten (nach den Werten dieser Welt) werden die Ersten sein, siehe auch das Beispiel von Lazarus, u.v.a. Welche Menschen werden im „neuen Reich“ die Ersten sein, die Vorbilder, die uns möglicherweise vorangehen? Die Antwort Jesu ist eindeutig: Wer bereit ist, seinen Weg mitzugehen, ihm nachzufolgen, bereit ist „Diener aller zu sein“ (um der Armen willen) und bereit ist, mitzuleiden und persönliches Leid zu riskieren.

Waren die Jünger*innen Jesu Priester? Ihr Auftrag von Jesus (wenn man schon zu Recht die 12 Apostel als Symbol für die 12 Stämme Israels verstehen will) lautet: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ und geht hinaus in alle Welt. Damit ist das gesamte Volk Gottes gemeint, alle Getauften. Das ist ihr Auftrag: zu dienen, mitzuleiden, dem Nächsten die Füße zu waschen, sein Leben riskieren. In der Nachfolge Jesu haben Menschen ihr Leben riskiert. Nicht nur Bischöfe wie Oscar Romero wurden zu Märtyrern. In diesen Tagen und mehr als zuvor werden (am häufigsten in Kolumbien und Brasilien) engagierte Jünger*innen ermordet, die sich in beispielhafter Weise für ihre mitleidenden Nächsten, ihre christliche Basisgemeinde und für eine intakte Umwelt einsetzen. Sie werden ermordet, weil sie Gerechtigkeit fordern und ein Leben in Würde. Ein persönliches Beispiel, nicht ich selbst, damit kann ich leider nicht dienen, sondern zu Valíco, einem indigenen Katecheten. Valíco, ein junger Katechet und Gesundheitshelfer, von der Gemeinde ausgebildet und vom Bischof beauftragt, hat mich oft auf den langen Wegen begleitet. Eines Tages wurde er verhaftet (wie des Öfteren andere Aktive der Campesino-Gemeinde auch), man fesselte ihn ans Kreuz, mit dem Kopf nach unten und brach ihm Arme und Beine. Nach 6 Monaten wurde Valíco entlassen, schwer gezeichnet. Wir rieten ihm, sich vorerst nun etwas zurückzuhalten. Doch entrüstet lehnte er ab. „Wie könnte ich in dieser Situation meine Brüder und Schwestern im Stich lassen? Gott hat mich berufen. Ich kann nicht anders, als meinen Weg mit meiner Gemeinschaft weiterzugehen. Es gibt keine Alternative zu dem Einsatz für eine gerechtere Welt“. Und er machte weiter und mit ihm viele andere Menschen…

In der 1. Lesung von heute spricht der Prophet Jesaja vom Gottesknecht (Jesaja 53, 10-11) der bereit ist, sein Leben in den Dienst des Nächsten zu stellen und mit den Ausgegrenzten ihr Leid und ihr Schicksal zu teilen. Er teilt mit ihnen aber auch die Hoffnung, ja die Gewissheit auf eine bessere Welt, damit der Plan des Herrn durch ihn gelinge. Dadurch wird er selbst zur Hoffnung und zum Licht in der Finsternis für alle, die sich nach Befreiung sehnen (dies wäre die wahre „imitatio dei“) „Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis“.

Brauchen wir denn einen Klerikerstand? Jesus hat keine Menschen zu Priestern geweiht. Das Wort „Klerus" taucht im Neuen Testament nicht auf. Dieser Begriff wurde wahrscheinlich im 3. Jahrhundert von einigen christlichen Schriftstellern eingeführt. Unter „Klerus" wurde eine Gruppe von „privilegierten" Menschen verstanden, privilegiert, weil sie von Steuerlasten und anderen Verpflichtungen befreit waren, die der Kirche gewährt wurden - insbesondere ab dem Jahr 313, anlässlich der sogenannten Bekehrung von Kaiser Konstantin. Diese „Privilegierten" verstanden sich nun als die Führer der Kirche. Kurz gesagt, der Klerus hob sich damit wie selbstverständlich vom gemeinen Volk ab. So ist und bleibt es seit dem 4. Jh. Wenn es jedoch eine Sache gibt, die in den Evangelien klar ist, dann ist es dies, dass Jesus in seiner Gemeinschaft der „Anhänger" und Jünger*innen weder Privilegierte noch Privilegien wollte, siehe das Beispiel von Jakobus und Johannes. Und vor allem gab Jesus seinen Aposteln beim Abschiedsessen das Beispiel des Lebens, das sie führen sollten: Die Füße anderer waschen (Joh 13,12-15). Das bedeutete, dass sie ihr Leben nicht als abgehobene Kaste, als „Privilegierte“, sondern als „Sklaven“ im Dienst des Nächsten führen sollten.

Die Fußwaschung war in den Gemeinden des NT ein Frauendienst. Es ist also das Beispiel der Frauen, das Jesus als Leitbild für seine Nachfolge wählt. Die Männer des Evangeliums stehen dagegen in seltsamen Kontrast zu diesen Frauen. Es sind ausschließlich Männer, die geheilt werden müssen oder die Jesus nicht verstehen. Sie sind es, die der Heilung bedürfen. Sie sind blind und lahm, sterben fast oder sind schon tot. Außerdem: Sie hören das Wort Gottes (die Frohe Botschaft), verstehen es aber nicht und das Entscheidende: Jesus ist auferstanden, er lebt, er ist mitten unter uns, aber sie sind taub und blind. Es ist eine Frau, die voller Liebe ist und die deswegen versteht, dass Jesus lebt und die dann seinen männlichen Jüngern die Augen öffnet. Wenn also doch von den „Ersten im Reich Gottes“ die Rede sein sollte, dann von Menschen wie Maria Magdalena (Maria von Bethanien?) oder wie Valíco, dem Campesino-Katecheten - statt von Männern in römischen Gewändern (und wohl auch römischer Gesinnung) und gar mit einem Mitra auf dem Kopf, dem Hoheitszeichen der Pharaonen, der Sklavenhalter. „Wenn wir alle diese Aspekte berücksichtigen, so ist der/die Evangelistin (Ev. nach Johannes) daran interessiert, Maria von Bethanien als die wahre Jüngerin und Amtsträgerin zu schildern. Maria nimmt Jesu Gebot, als Zeichen der Agape-Praxis wahrer Nachfolge einander die Füße zu waschen, vorweg“. (Fiorenza Schüssler)

Dr. Willi Knecht, für die Diözese Rottenburg-S. und Redaktionsteam „nachhaltig-predigen“ 

(„Nachhaltig predigen“ – www.nachhaltig-predigen.de – ist eine ökumenische Initiative, die von evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümern getragen wird. Es ist an Predigtanregungen gedacht, wie eventuell aus dem jeweils vorgegebenen Sonntagsevangelium Bezüge zu Bewahrung der Schöpfung, weltweiter Gerechtigkeit und Friede hergestellt werden können).


13. Dezember:  Wider die Habgier

– Die Geschichte vom reichen Kornbauer (Lk 12, 13-21)

Eigentlich eine ganz einfache Geschichte, oder doch nicht? Jesus warnt, wie so oft, vor der Habgier. Denn sie versperrt den Weg zu Gott und den Mitmenschen. „Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier“ (Vers 15). Zur Erläuterung erzählt er die Geschichte von einem reichen Bauern. Er besaß viel Land und hatte zudem dieses Jahr das Glück, eine überdurchschnittlich reiche Ernte einfahren zu dürfen - so reich, dass seine bisherigen Vorratslager nicht ausreichten. Er will nun noch größere Scheunen bauen. In einem „Dialog“ mit sich selbst spricht er sich Mut zu, sinngemäß: „Nun habe ich ausgesorgt und kann in Ruhe leben“. Gottes Antwort: „Du Narr!“ Als Narr gilt in der Bibel ein egoistisch denkender Mensch, der seine Nächsten und damit auch Gott vergisst, genauer: der auf Kosten anderer immer mehr Reichtümer anhäuft und somit meint, mehr zu sein als der Andere.

Drei zufällige Meldungen von heute (geschrieben am 21.06.18):  

1. Zehn-Stunden-Schichten ohne Pause, ohne Wasser und Essen, schutzlos auf gespritzten Feldern - unter solchen Bedingungen müssen Arbeiterinnen weltweit für unsere Lebensmittel schuften. Vor allem deutsche Handelsketten schneiden laut einer Studie schlecht ab. Es gibt Arbeiterinnen, die auf Feldern und Plantagen das Essen für den Überfluss in unseren Supermärkten produzieren, aber selbst hungern müssen, weil ihre Löhne zum Leben nicht reichen.

2. Die Griechenlandkrise hat Deutschland einen ordentlichen Gewinn beschert. Seit dem Jahr 2010 hat die Bundesrepublik insgesamt rund 2,9 Milliarden Euro an Zinsen erhalten – Reingewinne aus Ankäufen griechischer Staatsanleihen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor.

3. Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg hat Deutschland am Donnerstag wegen Verletzung von EU-Recht verurteilt, weil die Bundesregierung zu wenig gegen Nitrate im Grundwasser unternommen hat. Ein Übermaß an Nitraten, die meist aus Düngern der Landwirtschaft stammen, schadet der Umwelt und birgt Gesundheitsrisiken.

Was haben diese Meldungen mit den Gleichnissen und der Botschaft Jesu zu tun, gar mit dem, was die Bibel sein will: eine „gute, weil befreiende Nachricht“? Es sind Meldungen, die man in dieser oder ähnlichen Form täglich lesen und hören kann. Sie berichten von dem, wie „diese Welt“ funktioniert und welche Gesetze und Maßstäbe in ihr herrschen. Und so tickten die Menschen schon zur Zeit Jesu, die Welt war keine andere als die heutige und umgekehrt. Denn wenn nicht, dann wäre das Evangelium die Botschaft aus einer anderen Welt. Es ist aber eine aktuelle Botschaft für diese unsere Welt, für uns Menschen heute. Sie hilft uns, die Welt, unser Verhalten und unsere Werte zu analysieren, zu deuten und dann im Geiste Jesu zu verändern.    

Die vier Evangelien entstanden bekanntermaßen aus der Lebenswirklichkeit der neuen christlichen Glaubensgemeinschaften heraus. Sie bildeten sich eher am „Rande der Gesellschaft“ und deuteten ihre Situation im Lichte der Worte und Taten Jesu. Dies war und ist umso leichter, als Jesus selbst von den „Rändern“ kam, sich mit den „Wegwerfmenschen“ (Papst Franziskus) identifizierte und aus der Perspektive derer, die unter die Räuber gefallen sind, seine Botschaft von einer besseren Welt unter die Menschen brachte. So waren z.B. die Gefängnisse zu Jesu Zeiten überfüllt – nicht von Rebellen wider Rom, sondern von kleinen Bauern, die von Großbauern in Schuldknechtschaft gestürzt worden waren, ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten und deswegen ihr Land verloren hatten.

Wir wissen nicht, worum der reiche Bauer in unserer Geschichte so reich geworden war. Man kann es aber vermuten, andere Beispiele Jesu und die Worte der Propheten geben uns entsprechende Hinweise. In dieser Geschichte setzt Jesus einen anderen Schwerpunkt: Obwohl - oder weil? - der Bauer so reich ist, denkt er nur an sich, führt Gespräche mit sich selbst und es kommt ihm nicht im Geringsten in den Sinn, etwas von seinem Reichtum mit anderen zu teilen. Dies ist laut Bibel nicht nur eine Torheit, sondern ein solcher Mensch verfehlt sein Leben, denn er „ist vor Gott nicht reich“ (Vers 21). Er hängt sein Herz an vergängliche Dinge, er kennt gar nicht anderes und andere und macht sich und seine eigenen Bedürfnisse und Interessen zum absoluten Maßstab, zu seinem Gott. Das ist praktizierter Atheismus, mehr noch, es ist Götzendienst.

Wenn man die vorliegende Geschichte, wie alle Gleichnisse Jesu, nicht wie gewohnt individualistisch verstehen und deuten will, sondern als Erzählung über die Welt, so wie sie von Menschen gemacht worden ist, dann steht der reiche Kornbauer für ein bestimmtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Die drei genannten Beispiele bilden nur einen winzigen, aber repräsentativen Ausschnitt dieses Systems ab. Eine industrielle Landwirtschaft, hoch subventioniert von der Allgemeinheit, zerstört Lebenswelten und Artenvielfalt, vergiftet Böden, Wasser und quält Tiere. Sowohl in reichen als auch besonders in arm gemachten Gesellschaften schuften Heerscharen von Arbeitssklavinnen dafür, damit wir möglichst billig einkaufen und quasi alles haben können. Solche unmoralischen Geschäftsmodelle, die nur deswegen einen so hohen Profit abwerfen, weil meist noch nicht einmal - wenn überhaupt - Mindestlöhne bezahlt werden und Menschenrechte systematisch verletzt werden, sind die Regel und keine Ausnahmen. Und eine globale Finanzwirtschaft sorgt dafür, dass die „Finanzströme“ von den Armen in die Kassen (oder „Verstecke“) weniger Reichen fließen.

Wie der reiche Kornbauer können auch wir uns sagen: „Freu dich des Lebens, Hauptsache es geht uns gut“. Wir reden dann nur mit uns selbst und können daher den Schrei der Armen nach Gerechtigkeit und nach dem täglichen Brot nicht hören. Eine der häufigsten Fragen, die ich bei gutgläubigen Christen dann höre ist: „Was hat das alles mit meinem Glauben zu tun?“ Der Schrei der Armen nach Gerechtigkeit ist der Ruf Gottes an uns Satte (II. Lateinamerikanische Bischofskonferenz in Medellín 1968). An was glauben wir eigentlich? „Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“ (Lk 12, 32). Solange die große Mehrheit unserer Bevölkerung - gerade auch der Christen - noch Spargel, Mangos und Bananen zu jeder Jahreszeit und möglichst billig auf dem täglich schon überreich gedeckten Tisch haben will, wird diese Spirale sich weiterdrehen können. Und die Flüchtlingsströme werden noch weiter zunehmen, weil die Lebensgrundlagen so vieler Menschen zerstört werden - von uns und unserer imperialen Lebensweise.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Nachhaltigkeit“?

Nachdem man sich über Jahrtausende hinweg bemüht hat, wenn auch oft vergebens, die Gier und den Egoismus zu zähmen, so wird nun der nackte Egoismus gar zum Prinzip erhoben und zum Motor jeder menschlichen Entwicklung gemacht. Papst Franziskus benutzt dafür oft einen zentralen biblischen Begriff, der in unseren Ortskirchen aber kaum zu hören ist: Götzendienst! Die Geschichte des christlichen Abendlandes mit seiner weltweiten Dominanz und seinem Ideal des „american way of life“ ist an seine Grenzen gestoßen. Es ist nicht mehr tragbar, weder für die Menschen, noch für die Erde. „Der Tanz um das Goldene Kalb wird zum Totentanz für Mensch und Natur“. (Aufruf des deutschen kath. Missionsrats, 2011).

In „Laudato si“ (u.a.) weist Papst Franziskus auf die Zusammenhänge und Ursachen hin und erinnert an die ganzheitliche, biblische Perspektive: Angefangen von der Ursünde wie Gott sein zu wollen, dem Tanz um das Goldene Kalb, dem Turmbau zu Babel und der Botschaft der Propheten: Die in jedem Menschen innewohnende Versuchung, mehr sein und haben zu wollen als der andere, sich selbst und seine eigenen Interessen zum obersten Maßstab zu machen und selbstgeschaffene Götter anzubeten, führt zum Bruch der Menschen untereinander, mit der Schöpfung und mit Gott. Die satanische Versuchung, wie Gott sein zu wollen, ist in der bestehenden Weltordnung nun erstmals global installiert, sie ist „Fleisch geworden“. Strukturen, die von Menschen gezielt so eingerichtet wurden, dass einige Wenige sich hemmungslos auf Kosten anderer bereichern können, werden als nicht hinterfragbares Dogma verkündet. Die Anbetung der neuen Götter und Götzen verspricht uns alle Reichtümer dieser Welt, eine unbegrenzte Macht über Menschen und eine totale Verfügbarkeit über die Güter dieser Erde – eine gefährliche, schreckliche Versuchung!

Dieser (Aber-) Glaube jedoch führt in den Abgrund. „Erkennen wir, dass dieses System die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken? Wenn es so ist, sagen wir es unerschrocken: Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen; die Campesinos ertragen es nicht, die Arbeiter ertragen es nicht, die Gemeinschaften ertragen es nicht, die Völker ertragen es nicht … Und ebenso wenig erträgt es »unsere Schwester, Mutter Erde«, wie der heilige Franziskus sagte“ (Papst Franziskus, Ansprache beim 2. Welttreffen der Volksbewegungen in Bolivien, 9. Juli 2015).

„Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Aufgrund seines Glaubens hielt er sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten“ (Hebr. 11, 8-9, aus der 2. Lesung zum Evangelium). Was hindert uns aber daran auszuziehen? Die Fleischtöpfe des Imperiums? Glauben wir uns schon am Ziel? Oder glauben wir vielleicht gar nicht an das, was wir vorgeben zu glauben, an die Worte der Propheten, der Stimme Gottes? Die biblischen und heutigen Propheten halten dem Volk Gottes (den Kirchen?) den Spiegel vor. Doch sie wurden und werden verstoßen, denn sie sagen: „Aber Gott hat sein Volk, das Haus Jakob, verstoßen. Denn ihr Land ist voll Silber und Gold, und ihrer Schätze ist kein Ende. Auch ist ihr Land voll Götzen; sie beten an ihrer Hände Werk. Und mit den Götzen wird's ganz aus sein. An jenem Tage wird jedermann wegwerfen seine Götzen, die er sich hatte machen lassen aus Gold und Silber, um sie anzubeten, zu den Maulwürfen und Fledermäusen.“

So spricht der Prophet Jesaja (2, 6-20) und damit ist genau das gemeint, was Papst Franziskus in heutiger Sprache ausdrückt. Der evangelische Lesungstext für diesen Sonntag ist aber Jes. 2, 1-5. So heißt es in Vers 3 und 4: „Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Ein Aufruf zur radikalen Umkehr, zu der man aber wohl nur aufbrechen kann, wenn man an diese Verheißungen Gottes glaubt und dafür gar sein Leben riskiert.

Die Weisung Gottes steht der Habgier zentral entgegen: Der Gier nach Macht und Herrschaft über andere Menschen und Völker, der Gier nach unendlichem Besitz, der Gier, sich die Erde zu unterwerfen. Gott weist die Richtung unserer Wege, die dem Pfad der Gerechtigkeit, des Friedens und der Versöhnung folgen. Dann haben alle Menschen teil an den Gaben von Gottes Schöpfung. Denn Gottes Weisung führt zu einer Teilhabe, die Menschen das Leben in Fülle ermöglicht.

Auch das Schwerpunktthema für 2018/19 von nachhaltig-predigen, „Teilhabe“, käme aus biblischer Perspektive dann zur vollen Geltung, wenn die „Ausgegrenzten und Verdammten dieser Erde“ in den Mittelpunkt unseres Glaubens, das bedeutet auch unserer Wirtschaft und Politik, gestellt würden. Kein Geringerer als Jesus der Messias hat das getan und es uns aufgetragen.  

Beitrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur Reihe „nachhaltig-predigen“, eine ökumenische Initiative der ev. Landeskirchen und kath. Diözesen Deutschlands. Sie dienen als Predigthilfe für die jeweiligen Prediger. Im Rahmen der festgelegten Sonntagsevangelien und Lesungen im 3-Jahresrythmus (Perikopen) werden die jeweiligen Texte nach Hinweisen auf die Themen „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ abgeklopft.

Dr. theol. Willi Knecht, Diözese Rottenburg-Stuttgart


14. Dezember: Der synodale Weg (2020)

– aus der Perspektive unserer Partner im globalen Süden

„Papst Franziskus fordert uns auf, eine synodale Kirche zu werden und unseren Weg gemeinsam zu gehen. Es soll ein Weg der Umkehr und der Erneuerung sein, der dazu dient, einen Aufbruch im Lichte des Evangeliums zu wagen und dabei über die Bedeutung von Glauben und Kirche in unserer Zeit zu sprechen“. (Kardinal Marx zum Start am 1.12.19). Was soll der „Synodale Weg“ sein und wohin soll er führen? Zwar ist es erfreulich, dass Laien und ihre Vertretungen, Bereitschaft zum Mitmachen bekundet haben. Das ändert aber nichts daran, dass Beschlüsse derartiger Versammlungen bisher einfach nicht beachtet wurden. Aber was wurde denn eigentlich beschlossen? In unserer Diözese gab es einen Dialogprozess, darauf aufbauend (?) eine Kirchenerneuerung namens „Kirche am Ort“ - und nun schon wieder ein neuer Aufbruch? Dienen vielleicht all diese Erneuerungsprogramme eher dazu, dem Volk Gottes mehr Geduld und Resilienz einzuüben, damit es die klerikalen Zumutungen weiterhin und besser ertragen kann?

Dazu zuerst einige Fragen. Denn der „Synodale Weg“ ist nur dann sinnvoll, wenn er ein verbindliches Ziel vor Augen und wegweisenden Charakter hat:

  • Wie verbindlich können/dürfen Beschlüsse sein – bzw. können überhaupt Beschlüsse gefasst werden?
  • Umkehr: sind wir denn angeblich nicht schon umgekehrt - reingewaschen durch die Taufe, „in Gottes Hand“?
  • Was meinte Jesus, wenn er zur Umkehr aufrief, was bedeutete dies für die Menschen seiner Zeit - und heute?
  • Er hat das ganze Volk Gottes gemeint, das vom Weg abgekommen ist, immer wieder, schon im Verlauf des Exodus und es hat nicht auf die Propheten gehört, sondern sie zum Schweigen gebracht.
  • In welche Sackgasse sind wir nun geraten - als Kirche und als Menschheit?
  • Erneuerung und Aufbruch: von einer (weißen) europäischen, imperialen und kolonialen Kirche hin zu einer armen, solidarischen und befreienden Kirche (Gemeinschaft der Jünger*innen Jesu)?
  • Kirche in unserer Zeit; gibt es denn bei uns eine Analyse wie in Lateinamerika („Strukturen der Sünde“)?
  • Welche Wirtschafts-Finanz- und Kirchenstrukturen haben wir zu verantworten, auf wessen Kosten leben wir?

Analyse

„Synode“ meint Zusammenkommen, gemeinsam sich des Weges vergewissern und sich auf den Weg machen. Jesus der Christus fordert seine Jünger*innen auf, umzukehren und ihm nachzufolgen. Kirche Jesu Christi sein bedeutet demnach die Gemeinschaft derer, die sich im Namen Jesu versammeln und gemeinsam aufbrechen. Dieser Wege - Gedanke setzt Ursprung und Ziel des Weges voraus. Am Anfang des Weges steht die Umkehr. Das bedeutet zu erkennen, dass wir bisher auf dem falschen Weg waren. Und in der Tat: Das Bewusstsein wächst, dass wir in einer Sackgasse gelandet sind. „Erkennen wir, dass dieses System die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken? Ja, so ist es, ich beharre darauf, sagen wir es unerschrocken: Wir wollen eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen; die Campesinos ertragen es nicht, die Arbeiter ertragen es nicht, die Gemeinschaften ertragen es nicht, die Völker ertragen es nicht… Und ebenso wenig erträgt es die Erde. (Papst Franziskus, Ansprache beim Treffen der Volksbewegungen, 2015).

Wenn wir von „katholischer Kirche“ sprechen, meinen wir immer auch die weltweite, allumfassende Kirche als Einheit, also Aufbruch weltweit. Der Ausgangspunkt ist allen gemeinsam: das Evangelium, das Ziel ebenfalls: die Herrschaft Gottes, die jetzt schon in den Taten und Worten Jesu und seiner Jünger*innen aufleuchtet und sichtbar wird. Die Ausgangslage für einen weltkirchlich gemeinsamen Weg ist aber verschieden. Denn wenn wir Eucharistie feiern, dann feiern wir dies immer auch im Namen der weltweiten Kirche. Wie können wir uns aber gemeinsam mit denen an einen Tisch setzen, für die noch nicht einmal die Brosamen übrigbleiben, die von unserem überreich gedeckten Tisch fallen? Wir können nicht miteinander Eucharistie feiern, während oder falls wir gleichzeitig bemüht sind, unseren schon üppig gedeckten Tisch noch üppiger zu decken - und dafür in Kauf nehmen, dass immer mehr Menschen um ihr Leben gebracht werden. Christlicher Glaube zeigt sich aber darin, dass wir im Namen Gottes und in der Nachfolge Jesu das Brot, die Früchte unserer Mutter Erde und unser Leben miteinander teilen.

Ermutigende Zeichen bei uns - aber in unseren Kirchengemeinden und Kirchenleitungen kaum präsent?

Spätestens seit Anfang der 80-er Jahre führte das Bewusstsein, dass das Überleben der Menschheit als Ganzes in Frage gestellt ist, europaweit zu einer ökumenischen Bewegung: „Kairos - Die Zeichen der Zeit erkennen“. Der Glaube lehrt uns, die Zeichen der Zeit zu erkennen, in ihnen spricht Gott zu uns. Die Zeichen der Zeit müssen im Lichte des Evangeliums gedeutet werden, so sagt es auch schon das Konzil. Die Initiative „Prophetische Kirche“, hervorgegangen aus dem Deutschen Katholischen Missionsrat, veröffentlichte 2011 einen Aufruf, dem sich bundesweit viele Menschen anschlossen. „Wir erleben unsere Welt im krassen Widerspruch zu der Botschaft des Evangeliums: `Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben`. Wir erleben die Zerstörung unseres Planeten, wir sehen das Elend von einer Milliarde hungernder Menschen, die Hoffnungslosigkeit einer Jugend ohne Zukunftsperspektive. Dazu können wir als Christ/innen und Kirchen nicht schweigen. Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Die Zeit ist reif für ein grundlegendes Umdenken: `Kehrt um!` Der Tanz um das goldene Kalb wird zum Totentanz für Mensch und Natur“ (Aus: „Leben in Fülle für alle! – Aufruf für eine prophetische Kirche“).

Eine neue Initiative, in der auch das Ökumenische Netzwerk Württemberg (u.a.) stark vertreten ist, will den Kairos - Gedanken neu aufgreifen: Aus dem Aufruf: „Im ökumenisch-konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung haben die Kirchen die Überlebensfragen der Menschheit zu ihren eigenen gemacht. Die Überlebensfragen haben inzwischen deutlich an Dramatik zugenommen. Die Zeit ist reif, die Fragen des konziliaren Prozesses neu aufzugreifen.“ (Die Zukunft die wir meinen - Leben statt Zerstörung).

Es gibt zwar einige wegweisende Stellungnahmen sowohl von Papst Franziskus (u.a.) als auch vom Weltkirchentag (ÖRK, letzte Vollversammlung in Busan 2013, zunächst in Karlsruhe 2022), doch was davon ist in unseren Kirchengemeinden angekommen? Dabei stellte sich heraus, dass ausgerechnet in Deutschland diese zentralen und wegweisenden weltkirchlichen Botschaften entweder kaum bekannt sind oder nicht ernst genommen werden.

Liegt dies vielleicht daran, dass die deutschsprachigen ev. und kath. Kirchen die mit Abstand die reichsten Kirchen weltweit sind - mit einer bestens ausgestatteten Infrastruktur und Kirchenapparaten, (noch) viel Personal meist mit Pensionsanspruch (auch ich), und theol. Fakultäten wie sonst an keinem Ort der Welt. Ist dies vielleicht auch ein Grund, warum deutsche Theologen sich immer noch anmaßen, die ganze Welt zu belehren und Schulnoten für ihnen „fremdartige“ Entwürfe aus ehemaligen Kolonialländern zu verteilen? (So hat die ehemals renommierte theol. Reformzeitschrift „imprimatur“ meinen Beitrag über die befreiende Praxis in christlichen Basisgemeinden in Peru mit der Begründung abgelehnt, „Indianermärchen“ würden uns in Deutschland auch nicht weiterhelfen …). Stimmt wohl!

Aus der Perspektive der Partner

So ist in der deutschen Kirche, erst recht in Reformkreisen, das Schreiben des Papstes („Querida Amazonia“) zur Amazonassynode überwiegend mit großer Enttäuschung aufgenommen worden. Die Erwartung war, dass die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt für verheiratete Männer und dann auch Frauen zumindest gelockert werden. Doch bei der Amazonassynode geht es vor allem um ganz andere Themen. Es geht um das Überleben ganzer Völker, nicht nur in Amazonien, es geht um unsere gemeinsame Zukunft als Menschheit. Aber in unseren Kirchengemeinden sorgen sich oft die Gläubigen (diejenigen, die nicht schon längst weg sind) eher darum, noch einen „eigenen“ Pfarrer zu bekommen, statt sich selbst zu organisieren. Das Ziel ist wohl eine Kirche als „Wellnessverein“, in der man allerdings noch einige „alte Zöpfe“ wie Zölibat und die exklusive Männerherrschaft abschaffen muss, um sich dann auch wirklich wohlfühlen zu können. Dieser Blick ad intra (kirchenintern) trübt oder verhindert gar den Blick ad extra - den Blick auf das von uns mitverursachte Elend weltweit. Dennoch: Man darf und kann „ad intra und ad extra“ nicht gegeneinander ausspielen. Denn nur eine Kirche, in der es innerhalb gerecht zugeht (Mann - Frau, demokratisch, u.a.) kann nach außen glaubwürdig sein.

Auch unsere Partner im Süden (ich konzentriere mich hier auf Lateinamerika) hatten sich vom Papstschreiben mehr erhofft, zumal die Vorschläge auf der Synode in Rom zumindest eine Offenheit bei den Zulassungsbedingungen zum Priesteramt erwarten ließen. Hauptargument: Das Recht von christlichen Gemeinschaften und Kirchengemeinden auf die Feier der Eucharistie steht über den zeitlich bedingten Vorschriften der Zulassung zum Priestertum. Dennoch sieht man das Schreiben des Papstes etwas gelassener. Denn einerseits gibt es in zunehmendem Maße wieder Gemeinden, die ganz gut ohne Priester im herkömmlichen Sinn auskommen, in denen Frauen Gemeinde leiten, Gottesdienste feiern, etc. und die sowohl von ihrem Bischof und der Gemeinde selbst dazu berufen wurden.

Andererseits interpretiert man das Schreiben sehr kreativ. Der Papst hat die Tür für neue Wege nicht zugeschlagen, alles ist offen. Da Papst Franziskus sich immer wieder sehr kritisch über Klerikalismus, Selbstreferentialität des Klerus und entsprechende Privilegien etc. äußert, fühlt man sich ermutigt, dagegen etwas zu tun und genauer hinzusehen. Brauchen wir wirklich noch mehr der Keuschheit verpflichtete („reine“) Männer als Priester? Hat denn Jesus Priester geweiht und das „Sakrament“ der Priesterweihe gestiftet? Davon steht nichts in der Bibel. Vielmehr haben sich die ersten christlichen Gemeinschaften „von unten“ gebildet und entsprechend den vorhandenen Charismen organisiert. Die beauftragten „Koordinator*innen“ der Gemeinschaft leiteten auch die Gottesdienste. Mit der Taufe (als bewusste Entscheidung erwachsener Menschen) wird man Mitglied einer christlichen Gemeinschaft. Mit der Taufe haben wir alle in gleicher Weise teil an der Sendung und in der Nachfolge Jesu.

Es gab bis ins 4. Jahrhundert keinen eigenen Klerus als Stand. Erst in der „Reichskirche“ seit Kaiser Konstantin wurden die bis heute geltenden Hierarchien und Machtstrukturen geschaffen. Umkehr bedeutet daher an dieser Stelle (ad intra): Rückkehr zu einer dem Evangelium gemäßen Kirche. Und für unsere Partner im Süden bedeutet ad extra: Gerechtigkeit und ein Leben in Würde. Wäre beides nicht eine Vorlage für unsere Synode?

III. Gemeinsam auf dem Weg - Richtung und Ziel des gemeinsamen Weges

Wir scheinen vor einem Epochenwechsel globalen Ausmaßes zu stehen: Über Tausende von Jahren hinweg hat die Menschheit bestimmte Verhaltensregeln entwickelt, um die destruktiven Seiten des Menschen einigermaßen zu zähmen und die Gleichheit aller Menschen zu entwickeln. Doch nun steht dies zur Disposition: „Immer mehr, jeder für sich und einer gegen alle, wer etwas hat, der hat Recht und wer nichts hat, hat bestenfalls Pech gehabt oder ist selbst schuld“, das wird zur Grundregel unseres Wirtschaftens und Zusammenlebens erklärt - ohne jede Alternative. Im Zuge der Kolonialisierung seit dem 16. Jh. wurde dieser Irrweg globalisiert und damit als erste Regionalkultur universalisiert.

Anmerkung: Diese Theorie und Praxis des „christlichen Abendlandes“ - einschließlich des weißen Amerika - hat natürlich seinen Ursprung nicht in der Bibel, sondern in deren Auslegung aus der Perspektive einer spätestens seit dem 4. Jh. imperial gewordenen Kirche, anstelle einer Auslegung aus der Perspektive der „Aussätzigen“, der versklavten und in Schuldknechtschaft lebenden Menschen zur Zeit Jesu, die zudem unter dem unbarmherzigen Joch eines brutalen Imperiums litten. Ein Beispiel für eine derart pervertierte Auslegung ist u.a. das „Gleichnis von den anvertrauten Talenten“ (Mt 25, 14-30). Darin wird ein Sklave belohnt, der das eh schon große Vermögen seines Herrn (woher das wohl kam?) in kurzer Zeit verdoppelt hat, während der Sklave, der entsprechend der Weisung der Tora mit dem ihm anvertrauten Vermögen verantwortungsvoll umgegangen ist - also die Talente nicht auf Kosten seiner Mitmenschen vermehrt hat - aufs Schärfste bestraft. „Er hat sich so verhalten, wie es Jesus in der Bergpredigt gelehrt hat. Er hat nicht dem Mammon gedient“ (Luise Schottroff). Mt 25, 26-28: „Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!“  Das ist die Logik dieser Welt. Das nachfolgende Gleichnis vom Endgericht erklärt dagegen, wie es eigentlich sein sollte und was der eigentliche Maßstab für den Menschen und vor Gott ist. Diese beiden Gleichnisse stehen als Gegenpole am Ende des öffentlichen Auftretens Jesu – gewissermaßen als Zusammenfassung seiner Botschaft: Einerseits wie die Welt ist - andererseits wie die Welt sein sollte und sein wird, wenn wir als seine Jünger*innen gemeinsam mit ihm aufstehen und in seinem Geiste die Welt verändern.

Wenn man dagegen in seinem über Jahrhunderte tradierten Weltbild („Narrativ) verhaftet bzw. gefangen bleibt, wird man alles, vor allem alles Fremde (das „Andere“) stets so verstehen, wie man es gewohnt ist bzw. wie es alle innerhalb desselben Kosmos verstehen. Notwendig wäre es daher, unsere „Festplatte“ zu formatieren*, was allerdings sehr schwer sein dürfte. Denn was bleibt dann noch? Wie sollten wir sehen und unterscheiden können, was eigentlich nur noch „Folklore“ ist und in wessen Dienst unsere Ideologie und unser Glaube (an was?) steht. „Die auf Herrschaft ausgehende Expansion der griechisch-lateinisch-germanischen Christenheit formuliert dementsprechend eine auf Herrschaft ausgerichtete Theologie. … Schließlich ermöglichte die Expansion des Kapitalismus und Neokapitalismus den darin beheimateten Christen des Zentrums, bestenfalls eine Theologie des Status quo und einen Ökumenismus der friedlichen Koexistenz zu formulieren, um desto besser über die Peripherie herrschen zu können“ (E. Dussel, 1973).

Ein Anstoß von „außen“, unseren Standort wechseln, eine neue „Brille“ aufsetzen, neu sehen und hören lernen - das ist eigentlich das, was Jesus von uns fordert und das Gott uns auch zutraut. Es sind die Armgemachten, die uns helfen können, ein neues Programm aufzuspielen, nämlich die Botschaft Jesu und der Propheten neu zu verstehen und im Schrei der Mutter Erde und den Schrei der Menschen nach Gerechtigkeit und dem „täglichen Brot“ als den Anruf Gottes zu verstehen, umzukehren. „Die Armen evangelisieren uns“ heißt ein Slogan aus den Anfängen der Theologie der Befreiung. Denn es ist ein hermeneutisches Privileg der Armgemachten, die Nutznießer der westlichen Herrschaft aufzufordern, sich als Reiche in der Umkehr zu üben, auch zu deren eigenem Heil, weil dies ein zentrales Thema der biblischen Botschaft ist.

* „Festplatte formatieren“: Das könnte zu einem neuen Begriff für „Umkehr“ werden. Bisherige Denk- Verhalten- und Lebensweisen (Kultur, Weltbild, Organisationsformen, Praktiken, etc.) verhindern, neue Herausforderungen bewältigen zu können bzw. sie sind nicht in der Lage, diese Herausforderungen als solche zu erkennen. Etwas als „Irrweg“ zu erkennen kann man ja nur dann, wenn man eine Vorstellung davon hat, wie es eigentlich sein könnte. Es kann aber auch sein, dass über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg die ursprünglich sinnvoll programmierte Festplatte derart zugemüllt wurde, dass das ursprüngliche Programm nicht mehr funktioniert. Da hilft nur löschen und ein neues   Programm aufspielen. Und, wir als Christen haben ein Programm, es wurde uns geschenkt: Eine befreiende Botschaft, eine „Gute Nachricht“, die Worte und Taten des Jesus von Nazareth, in der Tradition der biblischen Propheten (s.o).

Mit Papst Franziskus werden die zentralen Themen des Evangeliums wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Dies betrifft auch die Kirche selbst. Themen wie eine „Kirche der Armgemachten“ bzw. eine (materiell) arme Kirche sind eine prophetische Herausforderung gerade auch an unsere Diözesen und Landeskirchen - an uns alle. Eine jesuanische Spiritualität, die uns in ausgegrenzten und leidenden Menschen den gekreuzigten Christus entdecken lässt, wird zu einem radikalen Umdenken führen und Welt und Kirche erneuern. „Wir können mit der Messe, mit den Sakramenten und der Liturgie den Atheismus predigen, wenn wir uns nicht für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen. Die uns im Gotteshaus versammelt sehen, sehen sie uns auch Hand anlegen beim Kampf um die Gerechtigkeit, damit alle unsere Geschwister in Würde leben können?“ (Bischof Fragoso 1973, Brasilien). Bischof Fragoso wurde wie andere wegen diesem seinen Glauben eingesperrt und misshandelt - solche Frauen und Männer sind daher die wahren Zeugen des Todes und der Auferstehung Jesu Christi.

Eine wirkliche Umkehr und damit auch eine Erneuerung der Kirche wird es daher ohne eine vertiefte Spiritualität bzw. eine Vertiefung des Glaubens an Jesus den Christus nicht geben. Eine jesuanisch geprägte Spiritualität hat aber nichts zu tun mit der bei uns üblichen Suche nach Spiritualität, wo es oft zuerst um meine Seele, „meinen“ Gott oder um die eigene Befindlichkeit geht. Eine biblisch-jesuanische und somit eine unterscheidend christliche Spiritualität besteht darin, im gekreuzigten Nächsten das Antlitz des gekreuzigten Christus zu erkennen und an der Seite der Gekreuzigten darum zu kämpfen, dass immer weniger Menschen den global agierenden Räuberbanden zum Opfer fallen.

Die „weiße“ Theologie, ihre Worte und Phrasen gleichen dagegen oft noch eher einer Kunstwährung, die durch nichts mehr gedeckt ist, hohl, unglaubwürdig, und doch das Verkündigungsmittel einer kleinen Elite, die - wenn überhaupt noch in Beziehung - nur noch auf sich selbst bezogen ist, die fern von dem Geist des Evangeliums und fern den Menschen und ihren tiefen Bedürfnissen, nur noch selbstgefällig um sich kreist und die alles in ihrer Machtstehende unternimmt, um diesen sinnlosen Leerlauf und diesen hohlen Apparat am Leben zu erhalten.

Im „Goldenen Käfig“ und innerhalb einer Gesellschaft, deren Wohlstand teilweise immer noch auf der Ausbeutung ganzer Völker beruht, wird es schwer sein, eine jesuanische Spiritualität zu entwickeln, aber es ist nicht unmöglich, weil es nicht unmöglich wäre auszubrechen und aufzustehen! Das Beispiel vieler Menschen, die in der Nachfolge Jesu bereit waren, ihr Leben dafür einzusetzen, kann uns Mut machen. Der Weg mit Jesus ist ein Weg der Solidarität mit den Armen und Bedrängten aller Art. Wenn wir mit ihnen das Brot brechen und teilen, dann werden wir zur wahren Gemeinde Jesu Christi, dann werden wir selbst - als Gemeinde und als jeder Einzelne - zum Brot des Lebens für andere.

Zusatz: „Nach Corona“

Die Bereitschaft zu unbegrenztem Wachstum auf Kosten der Übernutzung unserer Mutter Erde und der damit verbundenen Gleichgültigkeit gegenüber Armut und Elend liegt in der DNA unserer sogenannten Leistungsgesellschaft. Wir wissen – eigentlich - auch, dass dies die ökologischen Grundlagen, d.h. die Lebensgrundlagen aller Menschen zerstört. Vorher schon hat dies die Ungleichheit und zunehmend immer mehr die Spaltung der Menschheit sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene gefördert. Zur vorherigen „Normalität“ zurückzukehren (Business as usual) würde eine Situation verlängern, die unsere eigene Zerstörung implizieren könnte. Zur berühmten TINA (Es gibt keine Alternative), der Kultur der unbegrenzten Kapitalvermehrung, müssen wir uns einer neuen Alternative stellen, so Leonardo Boff. Das bis jetzt herrschende Narrativ war geleitet und beseelt von Profitmaximierung, dem freien Markt, von stets notwendigem Wachstum und der Beherrschung der Natur und Ausbeutung von Menschen. Das neue Narrativ wird ein radikal anderes sein müssen: Es erfordert eine radikale Abkehr von den unser Wirtschaften und Lebensweisen bislang dominierenden kapitalistischen Triebfedern Wachstum und Profit und die Hinwendung zu einer das Gemeinwohl und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen in den Mittelpunkt stellenden Ökonomie. Das Leben mit seinen vielen Kulturen und Traditionen - auch innerhalb der Kirche - wird eine neue Lebensweise ermöglichen, in Gemeinschaft mit allen Lebewesen und in unserem gemeinsamen Haus dem „Casa común“.

Dr. theol Willi Knecht

Veröffentlicht - ohne die „Anmerkung“ und Zusatz „Corona“ - am 01.07.2020 in „Der Geteilte Mantel“, dem weltkirchlichen Magazin der Diözese Rottenburg-Stuttgart; wird verschickt an die Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen, Verbände, etc. Das Jahresthema 2020 in „Der geteilte Mantel“ lautet „Aufbruch?!“


15. Dezember: Geleitwort zum Abitur

Geleitwort zum Abitur - Abi-Zeitung 2006 (Anna-Essinger-Gymnasium Ulm)

Ob man sich nach (mindestens) 13 Jahren noch ein Leben ohne Schule vorstellen kann? Schließlich war man in der Zeit davor noch im Kindergarten und irgendwie gut aufgehoben. Nun muss man aber das „Leben danach“ erst entdecken. Und das geht mitunter schneller und brutaler als mensch sich das vorstellen kann und will. Aber auch das Gegenteil kann eintreffen: man findet die Eingangstür nicht, oder sie ist gar verriegelt. Wie wird das Leben danach aussehen? Ist man gut ausgerüstet (worden), ist der ursprüngliche Entdeckergeist (kindliche Neugier) eher gefördert oder gründlich ausgetrieben worden?

Wenn man sich die neuen und staatlich verordneten Leitbilder und neu zu erlernenden Kompetenzen ansieht (sachliche, soziale, personale…; Medien- Methodenkompetenzen etc. etc.) - welch glänzende Zukunft steht uns da offen! Einfach phantastisch! Denn wenn man diesen neuen (aber auch schon ungefähr 2.587 Jahre alten) Leitlinien glauben darf, dann ist die Schule und speziell das Gymnasium (!) die denkbar beste Vorbereitung auf das wirkliche Leben. Mal davon abgesehen, dass diese Konzepte, Lehrpläne etc. von Menschen ausgeheckt wurden, die selbst seit dem Kindergarten kaum etwas anderes kennen, als das Leben in der Schule - welche Fähigkeiten brauchen wir aber wirklich? Eigentlich könnte man diese Frage auch außer Acht lassen, wo man doch ohne all dies (…) sogar Präsident der USA oder italienischer Ministerpräsident werden kann. Also alle Bildung - intellektuell und moralisch - auf den Müll werfen oder die Schule so schnell als möglich vergessen?

Gerade die gegenwärtigen und zukünftigen Abiturienten stehen vor einer großen Herausforderung und sie haben eine große Verantwortung - vielleicht mehr als andere Generationen je zuvor. So könnte doch die Jugend von heute die letzte Generation sein, die noch halbwegs frei entscheiden kann, wohin der Weg dieses Planeten und seiner Bewohner führen soll. Die Widersprüche in dieser Gesellschaft (und weltweit) sind gewaltig: Immer mehr Menschen müssen immer mehr arbeiten, während gleichzeitig die Arbeit (Lohnarbeit) immer weniger wird; es gibt immer mehr Kommunikationsmittel und die Menschen verstehen sich immer weniger; es gibt immer mehr Informationen über alles und doch wissen die Menschen immer weniger; es gibt immer weniger Kinder und die wenigen die es gibt, werden eher als Last oder als störend empfunden… Und global: Immer mehr Dinge werden produziert, doch immer mehr Menschen haben immer weniger. Nahrungsmittel werden im Überschuss produziert und verschleudert, aber immer mehr Menschen verhungern - usw. usw. Die Erde wird zur Wüste. …

Wir scheinen vor einem Epochenwechsel globalen Ausmaßes zu stehen: über Tausende von Jahren hat die Menschheit bestimmte Verhaltensregeln entwickelt, um die destruktiven Seiten des Menschen einigermaßen zu zähmen und die Gleichheit aller Menschen zu entwickeln (Kultur, Humanismus, Menschenwürde). Doch nun scheint dies zur Disposition zu stehen: jeder für sich und einer gegen alle; wer etwas hat, der hat Recht und wer nichts hat, hat bestenfalls Pech gehabt oder ist selbst schuld. Zurück in die Steinzeit im Namen des Fortschritts? Das Sprechen von Solidarität oder gar Fordern nach mehr Gerechtigkeit gelten schon als Zeichen von Senilität. Ihr Gott ist das Geld und die Gier nach immer mehr Besitz und Macht ist die weltweit herrschende Religion. Die Schule lehrt dies natürlich nicht so, im Gegenteil. Doch haben in der Schule diese Fragen nach der Zukunft, nach Werten und Orientierung ihren gebührenden Platz? Und selbst wenn: mit welcher Glaubwürdigkeit und mit welcher Kompetenz (!) kann sie etwas glaubwürdig vermitteln? Und haben wir denn in der Schule gelernt, wie diese Welt (- Wirtschaft) wirklich tickt und was in Wahrheit unser Leben bestimmt?

In Zeiten der Beliebigkeit (manche nennen das „Postmoderne und sind auch noch stolz darauf) ist der Bedarf an Orientierung größer als je zuvor. Nichts gilt mehr und doch suchen alle nach einem Halt. Weit und breit scheint es anstelle der „alten Autoritäten“ (die zu Recht auch obsolet geworden sind) keine Alternativen zu geben. Doch meine Erfahrung ist diese: Es gibt Alternativen - Alternativen zu dieser barbarischen „neuen Weltordnung“, die auf Gewalt gegründet ist, auf hemmungsloser Ausbeutung aller Güter der Schöpfung, dem Recht des Stärkeren (oft „individuelle Freiheit“ genannt), auf der Zerstörung solch kultureller Errungenschaften wie Humanismus und Solidarität zwecks Bereicherung einer selbst ernannten Elite.

Man muss diese Alternativen nur suchen wollen! Neun Jahre Gymnasium haben - so bin ich überzeugt - trotz aller Wenn und Aber - ein Grundgerüst vermittelt, um sich auf diese Suche machen zu können. Denn die Schule besteht auch aus Lehrern, Frauen und Männer wie alle anderen auch, die Erfahrungen eines humanen und menschenwürdigen Umgangs miteinander haben, die Sehnsüchte haben, die bereit sind, diese den nächsten Generationen weiter zu vermitteln und die mit jungen Menschen zusammen ebenfalls von einer besseren Welt träumen und sich auch dafür einsetzen - „neue“ Schulreformen, neue Verwaltungsstrukturen, neue und alte Kompetenzen hin oder her!

Zum Schluss: Dieser „Geleitbrief“ zum Abitur 2006 enthält viele Fragen, vielleicht wenige Antworten. Doch mir ist wichtiger, viele Fragen zu stellen, auch manches immer wieder in Frage zu stellen, als gar keine Fragen zu haben. Oder auf alles immer nur dumme und vorgefertigte Antworten zu erhalten, auch auf Fragen, die man gar nicht gestellt hat (als Reli-Lehrer weiß ich, wovon ich rede…). Macht euch also auf die Suche, auf den Weg, denn jenseits der ausgetrampelten Pfade findet man oft die schönsten Früchte. Es geht um eure Zukunft und von jedem von uns hängt es ab, wie diese Zukunft sein wird. Macht das Beste daraus, denn ihr könnt es... und das wünsche ich euch!
Dr. theol. Willi Knecht

Als Reaktion - was sonst bisher nicht üblich war - kam es zu einigen sehr positiven Rückmeldungen von Eltern (und auch Lehrern), u.a. stellvertretend die folgende: Guten Tag Herr Dr. Knecht (Ulm, den 4. Juli 2006 - Ihr Vorwort in der ABI-Zeitung 2006), als alleinerziehender Vater des Schülers …. habe ich heute Ihr Vorwort in der ABI-Zeitung gelesen. Dieses Vorwort ist so reich und inspirierend, dass es in unserer von Wahn und Gier regierten Zeit Hoffnung macht, Hoffnung, dass in unserem Bildungssystem Menschen ihre Arbeit tun, welche ihr Herz und ihre Seele offen halten für das Wesentliche und welche junge Menschen aufrufen, sich selbst und damit den Kern der Schöpfung zu finden.

Ich habe das Entstehen der ABI-Zeitung miterlebt, da die „Redakteure“ allesamt diese Zeitung in unserem Büro außerhalb der Arbeitszeiten erarbeiteten. Ich war von der Art angetan, mit der diese jungen Menschen daran gingen und mit wie viel Achtung sie versuchten, das Projekt zu erschaffen. Ich erinnere mich an die Diskussion, wie weit eine Veralberung der Lehrer gehen dürfe. Mit dieser Diskussion wurde mir klar, die Younsters haben echt etwas gelernt und haben eine Sicht, welche die Welt braucht, um aus dem derzeitigen Sog der Inhaltslosigkeit und der Herzlosigkeit herauszukommen.  Lese ich heute Ihr Vorwort, so scheint es mir, als zeige dies eine Richtung an, eine Richtung, die ich in der Art der ABI-Zeitung wiedererkenne. Ich danke Ihnen für dieses wundervolle Vorwort und die damit verbundene innere Haltung den jungen Menschen gegenüber und hoffe, dass diese Art des Lichtes sich weiter ausbreiten möge.
In Achtung und Dank …


16. Dezember: Anders leben, damit andere überleben (Misereor 1976)

"Kann es vielleicht sein, dass unser Sprechen von der Not der Welt, unsere Sorge für die so weit entfernten Nächsten, nur zur Ausrede wird für unser Versagen hier untereinander? Wie sollen wir denn Menschen in der Dritten Welt helfen können, wie ihnen Bruder und Schwester sein, wenn es so schwerfällt, uns hier auch nur die Hände zu reichen? Warum fällt dies uns aber so schwer, uns, die wir doch dem Namen nach eine Gemeinschaft sind, eine Familie, Brüder und Schwestern? Was hindert uns denn daran? Um das beantworten zu können, müssen wir uns erst einmal bewusst werden, wie wir denn in Wirklichkeit leben. Leben wir denn überhaupt? ....

Predigt zur Eröffnung der Misereor-Fastenaktion am 07.03.1976 in der Kirchengemeinde Karl Borromäus, Winnenden

Ich habe mir lange überlegt, mit welcher Anrede ich die Predigt beginnen soll. „Meine lieben Brüder und Schwestern“? Es wäre schön, ich könnte so sagen - aber wäre es nicht vielleicht eine leere Floskel, ohne Bezug zur Realität? Die ersten Christen nannten sich aber so - und sie waren es auch wohl in der Tat. Doch wir? Vermutlich kenne ich noch nicht einmal meinen Nachbarn, der zufällig neben mir sitzt. Sehen Sie ihn doch einmal an! Möchten Sie ihn nicht kennen lernen? Wenn ja, warum tun Sie es nicht? Es wäre schön, könnten Sie vielleicht ein paar nette Worte wechseln. Wäre es nicht einen Versuch wert? Aber es ist auch gut, einfach einmal nur da zu sein, ohne was tun zu müssen, einfach so…. Und am Ende der Predigt oder des Gottesdienstes gelingt es uns vielleicht, die Hand zu reichen, ganz „spontan“ und ohne lange nachzudenken. Wenn sich fremde Menschen die Hand reichen – nicht aus bloßer Routine versteht sich - beginnt etwas Neues zu wachsen, ein Anfang einer neuen Gemeinschaft, ein Anfang von einem anderen Leben für uns alle.

Das Motto dieses Gottesdienstes heißt nämlich - und Sie haben dies ja schon bemerkt: "Anders leben damit andere überleben"! Das ist auch das offizielle Motto der diesjährigen Misereorkampagne. Bei diesem Motto - zumal noch in Zusammenhang mit Misereor – denkt man unwillkürlich an die so genannte Dritte Welt. Und beim Thema „Dritte Welt“ denkt meist zuerst an Elend, Hunger…! Aber darüber möchte ich heute nicht reden, es zumindest nicht in den Mittelpunkt stellen. Das Elend dort will ich erst gar nicht beschreiben schon deshalb kann ich es nicht, weil es so unbeschreiblich groß ist. Sondern ich will fragen: was können wir tun, hier und jetzt, damit das Leben für alle Menschen auf der Welt etwas erträglicher wird. Wie und wo sollen wir, können wir anfangen? - Hier und jetzt und bei uns selbst!

Wir können nur etwas erreichen, wenn wir mit dem ersten Schritt beginnen. Was wir brauchen und uns hilft, ist eine andere Einstellung zum Leben und zu unseren Mitmenschen. Irgendwie wissen wir das ja auch, und ab und zu haben wie so eine Ahnung oder eine Sehnsucht danach, wie es sein könnte… Aber dann kommt der Alltag, das Geschäft, die Pflicht - und wie können da schon schöne Träumereien helfen? Sie sind eher schädlich, oder nicht? Aber es geht ja nicht nur um uns, sondern auch um andere, vor allem um solche Menschen, die nichts haben - zumindest bekennen wir das in unseren Gebeten und Gottesdiensten. Er wäre auch einfacher, der 2. Schritt: schöne Reden halten über die Not in der Welt und dann zufrieden nachhause gehen, nach dem Motto: schön, dass wir mal darüber geredet haben!

Kann es vielleicht sein, dass unser Sprechen von der Not der Welt, unsere Sorge für die so weit entfernten Nächsten, nur zur Ausrede wird für unser Versagen hier untereinander? Wie sollen wir denn Menschen in der Dritten Welt helfen können, wie ihnen Bruder und Schwester sein, wenn es so schwerfällt, uns hier auch nur die Hände zu reichen? Warum fällt dies uns aber so schwer, uns, die wir doch dem Namen nach eine Gemeinschaft sind, eine Familie, Brüder und Schwestern? Was hindert uns denn daran? Um das beantworten zu können, müssen wir uns erst einmal bewusst werden, wie wir denn in Wirklichkeit leben. Leben wir denn überhaupt?

In einem Theaterstück von Samuel Beckett gibt es folgende Szene: eine Frau steckt, fast bis Hals begraben, im Sand, nur die Arme sind frei. Und was tut sie? Sie redet und redet, ist sehr geschäftig, pudert sich die Nase - aber sie merkt gar nicht, wie tot sie ist. Sie kann keinen Kontakt mehr haben zu ihren Mitmenschen, sie ist nur mit sich selbst beschäftigt, ihre Hände benutzt sie nur, um ihre „Fassade“ herzurichten. Nach Beckett verdeckt sie mit ihrem nutzlosen Gerede und Getue nur ihre Angst und ihre Einsamkeit – ein Symbol für den modernen Menschen? Leben wir nicht auch so - zumindest oft?

Ich kann nur von mir selbst ausgehen: ich lebe mehr in Zwängen, als mir lieb ist und am besten ich tue so, als gäbe es diese Zwänge nicht. Oft funktioniere ich einfach nur noch, wie ein gut geschmiertes Rädchen im großen Getriebe – und mehr verlangt man ja auch nicht von mir! Oder? Und in Schule, Beruf und Ausbildung - habe ich denn da gelernt zu leben, mich und andere zu verstehen, einen Sinn im Leben zu sehen? Kaum. Vielmehr lernte ich, dieses tote Rädchen zu sein, das man bei Nichtfunktionieren einfach austauschen kann. Solche Menschen braucht unsere Wirtschaft! Wir merken manchmal – bewusst oder unbewusst – dass es eigentlich anders sein müsste, ganz anders. Dass wir nicht gemessen werden nach dem, was wir haben und leisten, sondern was wir wirklich sind. Doch wir sind darauf getrimmt, immer mehr haben zu wollen, immer mehr. Denn je mehr wir haben, desto mehr glauben wir zu sein.

Und auf dieser Jagd nach Besitz und Konsum geht das kaputt, was wir wirklich brauchen: Liebe - Vertrauen - Gemeinschaft. Doch wie soll sich dies entfalten können, wo vor allem Habgier, Rücksichtslosigkeit, äußerer, sichtbarer Erfolg, Karriere usw. gefragt sind? Aber in Wirklichkeit hungern wir alle nach mehr Liebe und Verständnis, um Respekt um unser selbst willen und nach Geborgenheit. Wir sind am Verhungern, doch wir bekommen ständig nur Steine vorgesetzt zum Essen. Kein Wunder, wenn da unser Herz zu Stein wird, dass wir damit unfähig werden, Liebe zu geben, Brot zu sein für andere. Und so sterben wir jeden Tag, an dem wir keine Liebe empfangen und keine Liebe geben, einen schrecklichen Tod.

So stirbt jeder allein vor sich hin - im Sand vergraben, ein übertünchtes Grab.

An dieser Stelle gibt es nun mindestens drei Möglichkeiten: das stimmt ja gar nicht, was da gesagt wird, ich habe doch alles, was ich brauche: Haus, Familie, Auto, meine Ruhe – was brauche ich mehr? Immer nur schön positiv denken, Augen zu und gerade so weiter! Die 2. Möglichkeit: es stimmt schon, aber so ist es halt eben, es war schon immer so und es wird immer so bleiben. Die Realität ist nun mal so traurig, und damit müssen wir uns abfinden. Das Beste ist dann eben, sich mit vorgefertigten Illusionen und Träumen voll stopfen zu lassen, um wenigstens hin und wieder Momente des Glücks zu spüren. Die 3. Möglichkeit wäre: es wagen, anders zu sein bzw. anders zu werden und neu anzufangen. Damit ist nicht gemeint, dass man sich jeden Sonntag z.B. im Gottesdienst darauf besinnt, wem man eigentlich sein Leben verdankt und zu welchem Leben jeder von uns berufen ist. Man kann auch nicht allzu häufig ein neues Leben anfangen.

Diese Umkehr ist vielmehr ein lebenslanger Prozess, auf dem man sich einlassen kann oder eben auch nicht. Und wir haben die Zusage, dass diese Umkehr gelingt: „Siehe, wir alle waren tot, doch nun leben wir!“ So sagt Paulus von sich und den ersten Christen. Und sind wir nicht auch Christen? Und selbst wenn wir dies nicht wären: Gott traut dieses neue Leben allen Menschen zu, gerade auch denen, die dies am meisten bezweifeln. Und vielleicht gelingt dies vielleicht gerade denen am besten, die am tiefsten spüren, dass sie an einem Nullpunkt angelangt sind und die gerade deswegen offen sind, für die ausgestreckte Hand Gottes.

Nach dem NT ist allein Jesus die Alternative zum schleichenden Tod. Jesus ist das Tor zu diesem neuen Leben. Er zeigt uns den Weg zum Leben, denn er ist das Leben. Überall, wo er hinkam, lernten die Menschen, die glaubten, wieder sehen. Sie lernten, worauf es ankommt im Leben. Sie waren nicht mehr blind für die Probleme ihrer Mitmenschen, sie erblickten und erkannten in ihren Mitmenschen Brüder und Schwestern. Wo er hinkam, lernten die Menschen, wieder zu hören, sie, die vorher taub waren für alles Neue, taub für die Botschaft der Liebe. Sie lernten wieder, die Sprache der Liebe zu sprechen und zu verstehen. Wo er hinkam lernten die Menschen wieder gehen, sie, die vorher gelähmt waren, vergraben in der Wüste ihrer eigenen Habgier, sie lernten wieder gehen und frei zu sein für andere. Das gilt gerade auch heute. Wir, die wir blind, taub und gelähmt sind, haben die Chance, wieder sehen und hören zu können, wenn wir es nur versuchen. Das meint Paulus, wenn er sagt: „Siehe, wir alle waren tot, doch nun leben wir!“

Wieso brachte Jesus dies alles fertig? Er konnte dies alles tun, weil er keine Angst um sich selbst zu haben brauchte. Er wusste, dass er von Gott, seinem Vater, geliebt wird – was immer ihm auch geschehen möge. Er konnte deswegen ganz von sich selbst absehen. Er brauchte sich nicht darum bemühen, in den Augen der anderen etwas zu gelten, sich ständig durchsetzen zu müssen, ständig etwas zu leisten und etwas zu beweisen. Er konnte es wagen, ohne Maske herumzulaufen. Vor allem konnte er es sich leisten, sein Leben nicht vom Haben, vom Besitz, von all dem, was man hat und angeblich braucht, abhängig zu machen.

An all das brauchte er sich nicht zu klammern - denn er wusste sich ja ganz in der Hand seines Vaters. Und so hatte er seine Hände frei für seine Mitmenschen und er konnte ganz für sie da sein, sich ganz hingeben, ohne Angst zu haben, sich dabei zu verlieren. Nur weil er sich ganz leer machte, konnte sein Herz voller Liebe werden, konnte er den Hunger der Menschen nach Liebe stillen - statt nur Steine zu geben. Der Vater von Jesus ist auch unser aller Vater. Und er ist genauso für uns alle da, für jeden Einzelnen von uns, wie er für Jesus da war - nur: Jesus glaubte daran und er hatte ein grenzenloses Vertrauen in seinen Vater und in seine Liebe.

„Siehe, wir alle waren tot, doch nun leben wir!“ Manchmal spüre ich eine Ahnung, was das heißt: ich war tot – doch nun lebe ich. Das aber geschah und geschieht am allerwenigsten durch meinen eigenen Verdienst, sondern allein durch die Gnade Gottes. Sie zeigt sich darin, dass ich Menschen begegnen durfte, die auf dem Weg zum wahren Leben sind und mir Mut machten, mit ihnen mitzugehen. Man kann diesen Aufbruch und diesen Weg ins Leben umso leichter wagen, wenn man sieht, dass auch andere Menschen diesen Weg gehen, dass man nicht alleine ist. Allein, ohne von anderen gestützt und getragen zu werden, ist die Versuchung groß, schnell zu resignieren, ja gar nicht erst aufzubrechen, sondern wieder schnell zu den vollen Fleischtöpfen im Sklavenhaus zurückzukehren, in seinen goldenen Käfig. Diese Versuchung ist umso größer, wenn man bei den ersten aufrechten Gehversuchen einen auf den Deckel bekam, enttäuscht wurde. Dass z.B. andere gnadenlos zuschlagen, wenn ich voller Vertrauen die Maske ablege und mich ihnen in meiner Schwäche und Hilfsbedürftigkeit zeige. Ich glaube, man kann so was nur dann verkraften, wenn man sein Urvertrauen in die Menschen nicht verloren hat und wenn man weiß, dass Jesus selbst mit uns auf dem Weg ist.

Neben dieser Erfahrung in der Gemeinschaft ist eine weitere Erfahrung nötig. Es ist die schon erwähnte Erfahrung Jesu, dass mein Wert nicht davon abhängt, wie gut ich mich verkaufen kann, was andere von mir denken und wie viel ich besitze. Sondern mein Wert wird davon bestimmt, dass Gott sich gerade an mich wendet und für mich da ist. Ich fühle mich als Kind Gottes und weiß mich von ihm getragen und gehalten - was soll mir da noch passieren? Wo ich den Tod doch schon hinter mir habe, ein unbegrenztes Leben aber vor mir! Aber auch zu dieser Erfahrung kann man kaum allein kommen. Ich kann daran glauben, wenn ich - wenigstens hin und wieder - eine hilfreiche Hand erlebe. Ist das aber nicht reines Wunschdenken, was ich da von mir gebe? Nun, ich kenne Menschen, die das erleben, danach leben und daher glücklich sind; und auch ich habe dies schon erlebt.

Wer damit wenig anzufangen vermag, dem sei wenigstens die Gegenfrage gestellt, ob es nicht ein noch größeres Wunschdenken ist, es könne genau so weiter gehen wie bisher. Fast alle Wissenschaftler, die sich mit der Zukunft und dem Überleben der Erde und der Menschheit befassen, bestätigen, dass es zu einem Zusammenbruch kommen wird, wenn es so weiter geht. Und Psychologen und Ärzte bestätigen, dass die Menschen innerlich zugrunde gehen, wenn immer stärkeres Konkurrenzdenken, Neid, Habgier, Machtstreben und Rücksichtslosigkeit die Menschen vollends zu Raubtieren machen wird, die sich gegenseitig in Stücke reißen. Schließlich wird die Erde ein Abfallhaufen sein, ein kahler Planet ohne Rohstoffe, ohne sauberes Wasser und das tägliche Brot wird immer mehr Menschen geraubt werden, weil einige Wenige damit ihre Schweine und sich selbst mästen wollen.

Das Motto der diesjährigen Fastenaktion: „Anders leben, damit andere überleben“ ist daher nicht nur eine zutiefst religiöse Forderung, sondern reine Notwendigkeit. Ich möchte nun wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren und den Kreis schließen. Die Frage lautete, was können wir tun, jeder von uns, damit das Elend in der Welt etwas geringer wird. Wir müssen bei uns anfangen, jeder bei sich selbst. Es ist verheißen worden, dass wir den Tod hinter uns lassen und ein neues Leben - das Leben im Geiste Gottes - beginnen können. Das ist unsere Berufung. Zum Leben übergehen heißt, dem anderen, dem Mitmenschen, Bruder und Schwester zu sein. „Wir wissen, dass wir aus dem Tod zum Leben übergegangen sind, weil wir die Brüder und Schwestern lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tode.“

So heißt es im 1. Johannes-Brief - und damit ist nicht irgendein vages „Leben im Himmel“ gemeint, sondern unser Leben hier und jetzt. Haben wir erst einmal diese Einstellung gewonnen, d.h. glauben wir wirklich an Jesus den Christus, dann können wir auch die Verhungernden und Leidenden dieser Welt als unsere Brüder und Schwestern erkennen. Erst wenn sich unser Herz aus Stein in Brot verwandelt hat, werden wir den anderen nicht mehr Steine geben. Und auch erst dann werden wir selbst zu Brot werden können für alle, die nach Liebe und Gerechtigkeit hungern.

Ich glaube an die Chancen der Liebe und an die Möglichkeit einer besseren Welt. Denn Gott hat es uns versprochen, dass es so sein wird. Er ist dieses Leben, und als unser aller Vater will er, dass auch seine Kinder das Leben haben werden - ein Leben in Fülle, wie es uns Jesus vorgelebt hat. Doch es liegt an uns, die ersten Schritte zu tun. Wir sind frei und wir können das Angebot Gottes annehmen oder auch nicht. Aber jeder wird auch die Verantwortung für seine Entscheidung zu tragen haben. Für mich selbst kann ich nur sagen, dass ich den Versuch wagen möchte, aufzubrechen, in Gemeinschaft mit möglichst vielen anderen. Wenn ich dann am Ende meines Lebens sagen kann: „durch mich ist etwas mehr Liebe in die Welt gekommen“, dann weiß ich, dass mein Leben einen Sinn gehabt hat. Etwas mehr Liebe in diese Welt bringen kann jeder von uns – wenn er es nur versucht und er auch einige Weggefährten findet. Versucht er es aber in Gemeinschaft mit anderen, verändert sich die Welt. Und immer mehr Menschen dürfen erfahren, was es heißt: in Würde zu leben.

Winnenden, kath. Kirchengemeinde Karl Borromäus 7. März 1976

Im Anschluss an die Predigt versammelten sich über 60 Jugendliche (der Gottesdienst war von Jugendlichen mit vorbereitet worden, ebenso die danach folgenden Aktivitäten und das Gemeindefest) um den Altar, reichten sich die Hände, brachen einen großen Laib von selbst gebackenem Brot und verteilten im Namen Jesu das Brot an die Gläubigen - nicht als „Konkurrenz“ zur Kommunion, aber als Symbol, das zum besseren Verständnis der Eucharistiefeier dienen sollte. Dies wurde von den Gläubigen auch so verstanden. 


17. Dezember: Zur Logik von Waffenexporten

"Waffenexporte sind nach dem Wertekatalog dieses Systems also nichts Unmoralisches. Man verkauft ja nur, was alle haben wollen (Angebot - Nachfrage), verdient dabei und liefert einen Beitrag zum BSP. Man kauft ja auch das Blut der Armen (die haben dann wenigstens für 1 Tag etwas zu essen) für 15 Pf. pro Liter, verkauft giftige Pillen in arme Länder, kauft Ländereien und Lizenzen in aller Welt usw. Man kann alles kaufen und verkaufen. Die Welt ist nichts anderes als ein großer Marktplatz und wer nicht mitmacht, kommt unter die Räder und ist selbst schuld. Es ist einfach dumm, nicht mitzumachen." Stichworte und Kurzvortrag zu einer Ausstellung in der VH Ulm, mit Beteiligung von St. Georg (Bilder, Texte etc.), über deutsche Waffenexporte, 1984 (verantwortlich W. Knecht).

I. Es gibt viele Götter, denen man dienen kann….

Welchen Göttern dienen wir? Was ist für uns das Wichtigste? Für ein Unternehmen ist es das Wichtigste, Gewinne zu machen, Profit. Und davon profitiert bekanntlich nach gängiger Überlieferung (Dogma des Freien Welthandels) auch die Allgemeinheit. Das Volk wird derart manipuliert, dass es freiwillig seinen Beitrag zu seiner eigenen Verarmung ohne Murren leistet. Dass die Schere zwischen arm und reich auch bei uns immer größer wird - wen stört es schon? Gut ist, was unserem Wohlstand nutzt.
Von welchen Werten lassen wir uns leiten? Man spricht davon, Besitzstände zu wahren, von Sicherheit, usw. Wer und mit welchen Mitteln bringt es zu etwas? Vielleicht nur eine rhetorische Frage, denn wenn wir uns unsere bedrohte Umwelt ansehen, die zunehmende Verelendung in der Dritten Welt usw., dann ist die Antwort klar: Der Mammon ist zum herrschenden Gott geworden und bestimmt unser Leben. Vielleicht gar nicht mal von jedem Einzelnen von uns, aber von uns als Gesellschaft, als Staat - vielleicht auch unserer Kirchen? Wir sind schon so weit gekommen, dass uns die potentielle Zerstörung der Schöpfung Gottes kalt lässt - von der Sorge um „unsere“ Wälder vielleicht mal abgesehen.

Was hat das mit Waffen zu tun? Wenn man viel besitzt, kann man viel verlieren. Man muss dies alles verteidigen. Da wir - bewusst oder unbewusst - unsere Seele dem Teufel verkauft haben (Mammon), sind wir bereit um jeden (!) Preis unseren Besitz, unsere Weltanschauung, die von uns so eingerichtete Weltordnung, unsere Wirtschaft und dessen Bestandsgarantie (den Staat) zu verteidigen. Selbst um den Preis einer völligen Vernichtung der Schöpfung, auf jeden Fall aber um den Preis eines millionenfachen Todes bereits jetzt (von uns verursachter Hunger, weltweite Kriege usw.). Wir können uns sogar unschuldig dabei fühlen, denn das System dispensiert uns von jeder Schuld und lässt uns sogar noch stolz werden auf unsere Leistungen und auf unsere „überlegene Zivilisation und Kultur“.

II. Waffenexporte sind daher nur eine logische Folge:

Es fällt von der Rüstungsproduktion eh einiges ab, das wir nicht mehr brauchen und billig verscherbeln können. Waffen lassen sich verkaufen - und das rechtfertigt alles. Es lassen sich stolze Gewinne erzielen, und das kommt uns allen zugute (Arbeitsplätze, technologischer Fortschritt, usw.).

Gezielte Waffenexporte tragen zur Verteidigung des „Freien Welthandels“ bei, zur Verteidigung dieser Freiheit - eine Freiheit für Haie und Wölfe (ohne diese Tiere beleidigen zu wollen)

Waffenexporte sind nach dem Wertekatalog dieses Systems also nichts Unmoralisches. Man verkauft ja nur, was alle haben wollen (Angebot - Nachfrage), verdient dabei und liefert einen Beitrag zum BSP und zu einem stabilen Weltfrieden. Man kauft ja auch das Blut der Armen (die haben dann wenigstens für Tag etwas zu essen) für 15 Pf. pro Liter, verkauft giftige Pillen in arme Länder, kauft Ländereien und Lizenzen in aller Welt usw. Man kann alles kaufen und verkaufen. Die Welt ist nichts anderes als ein großer Marktplatz und wer nicht mitmacht, kommt unter die Räder und ist selbst schuld. Es ist einfach dumm, nicht mitzumachen.

III. Zur sogenannten "Dritten Welt“.

In fast keinem Land der 3. Welt ist die Mehrheit des Volkes an der Macht (Demokratie). Viele Völker sind in ihrer großen Mehrheit ihren Regierungen hilflos ausgeliefert. Und das ist gut so - für uns! Wäre dem nicht so, so hätte das katastrophale Folgen für die Weltwirtschaft, die seit 500 Jahren so gut funktioniert: Anhäufung von immer mehr Besitz und aller Reichtümer in den reichen Ländern bei gleichzeitiger und davon abhängiger Verelendung der armen Länder. So sind die Regierungen der armen Länder willkommene (wenn auch nicht immer geliebte) Komplizen um die Ansprüche ihrer eigenen Völker niederzuhalten. Und ein Volk kann natürlich nur mit Waffen niedergehalten werden. So ergeben unsere Waffenexporte einen tieferen Sinn. Es sind nicht zufällig die großen weißen Nationen (USA, UdSSR, England, Frankreich, Deutschland), die am meisten Waffen liefern….

Nun mag man einwenden: Wir sind doch für Reformen in der 3. Welt, und für Demokratie sowieso. Richtig: Allzu blutige Tyrannen ekeln uns an, da können wir unsere ganze Liberalität und Fortschrittlichkeit dadurch demonstrieren, dass wir freie Wahlen wollen, Pressefreiheit usw. Wir fordern Wahlen - aber wehe, das Volk wählt falsch, z.B. eine Regierung, die die eigenen Bodenschätze selbst verarbeiten will, etc. Das geht natürlich nicht! Wir wollen Regierungen, die für eine engere Anbindung und Integration in den freien Welthandel eintreten, d.h. die ihre Märkte für unsere Produkte öffnen, freie Investitionen zulassen und ansonsten dafür sorgen, dass termingerecht die Zinsen für die Schulden bezahlt werden. Doch je mehr ärmere Länder in unser System integriert werden, desto reicher werden dort und bei uns die Oberschichten. Das alles ist ja auch der Sinn staatlicher Entwicklungshilfe. Und die Kluft zwischen reich und arm in den einzelnen Ländern und weltweit wird ständig größer.

Die Kosten für die Waffenkäufe in den armen Ländern durch deren Machthaber müssen die Armen aufbringen. Das Volk finanziert durch seine Arbeit seine eigenen Henker. Die Oberschichten der armgemachten Länder brauchen auch deswegen immer mehr Waffen, weil sie die immer strenger werden Forderungen des IWF erfüllen müssen: keine Streiks, gutes Investitionsklima, Kürzen des Staatshaushaltes (vor allem im sozialen Bereich und bei Bildung und Gesundheit) auf Kosten des Volkes, freier Zugang ausländischen Kapitals usw. Schließlich will man ja auch die reibungslose Zahlung der Zinsen für verliehene, oft aufgedrängte Kredite garantiert haben - und auch das geht nur, wenn die Machthaber gut mit modernsten Waffen versorgt sind, ihre Polizei gut ausgebildet ist, usw. Die brasilianischen Bischöfe sagen 1984: Die Erfüllung der Bedingungen des IWF kostet allein in Brasilien jährlich 2-3 Millionen Todesopfer. Da das Volk zunehmend unbotmäßiger wird, braucht man immer mehr und bessere Waffen. Schließlich werden damit auch "unsere" Investitionen (z.B. 2 Atomkraftwerke in Brasilien) vor dem Zorn des Volkes geschützt. Und eine Militärregierung kann dies nun mal am besten!

Nun wieder zurück zu uns: Die Industrieländer verbrauchen 7/8 der Reichtümer der Erde. Und das soll so bleiben. Ein Kind, das in den USA geboren wird, hat von vorneherein einen ihm zugestandenen Energieverbrauch, der 200 - Mal höher ist als der eines in Angola geborenen Kindes. Höchstes Ziel der USA (und all seiner Satelliten) wird es daher sein, diesen Lebensstandard für seine Staatsbürger „für immer“ zu garantieren. Wir selbst brauchen uns die Hände dabei gar nicht schmutzig zu machen, dafür gibt es ja die bösen Diktatoren, über die wir uns dann zum Ausgleich so moralisch aufregen und abreagieren können. Diese Regimes verrichten dabei ganze Arbeit - so wie Schuldeneintreiber, in unserem Sinn. Der Papst sagte vor kurzem in Kanada (Edmonton 1984): "Die Länder der 3. Welt werden uns eines Tages zur Rechenschaft ziehen und ihr Gericht wird über uns kommen!"
(Recht hat er, der Johannes Paul II. - aber warum bekämpft und diffamiert er dann alle Befreiungsbestrebungen, die gegen diese herrschenden Zustände aufstehen und unterstützt de facto die Praxis verbrecherischer Militärregierungen und vor allem die Menschen verachtende Politik der USA - der Papst als Handlanger der Henkersknechte?)


18. Dezember:  Fidei Donum - Geschenk des Glaubens (Lima 2013)

Thema: Prophetische Herausforderungen des Zweiten Vat. Konzils.

Es war kein Zufall, dass das Treffen zum Konzilsjubiläum ausgerechnet in Peru stattfand. Bereits im Laufe des Konzils entstand zuerst in einigen Diözesen Peru das, was Papst Johannes XXIII. dem Konzil bereits vor dessen Eröffnung als Auftrag mit auf den Weg gegeben hatte: „Die Kirche will eine Kirche für alle sein, vor allem aber eine Kirche der Armen“ (Radioansprache 11.09.1962). Was im Konzil sich noch nicht durchsetzen konnte, wurde dann auf der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz 1968 in Medellín zum Hauptthema. Im Lichte des Glaubens deuteten die Bischöfe die in Lateinamerika und weltweit herrschende Ungerechtigkeit als „eine Sünde, die zum Himmel schreit“. Fidei Donum – Ein Geschenk des Glaubens Vom 11. – 19. Januar 2013 fand in Lima, Peru, das Kontinentaltreffen der in Lateinamerika tätigen deutschen Diözesanpriester statt. Das Thema: „50 Jahre danach – die prophetische Herausforderung des 2. Vatikanischen Konzils“.

Von über 120 Priestern waren etwa die Hälfte gekommen, dazu erstmals auch Weltpriester aus der Schweiz und Österreich. Mehrere peruanische Bischöfe sprachen Grußworte. Aktiv dabei waren auch einige „Ehemalige“, wie z.B. Pirmin Spiegel, Misereor und Bernd Klaschka, Adveniat. Auch vier Diözesanpriester von Rottenburg-Stuttgart waren bei dem Treffen dabei: Peter Mettenleiter (Guatemala), Josef Neuenhofer (Bolivien), Gerhard Vogt und Alwin Nagy (beide Argentinien); zwei weitere ließen sich entschuldigen bzw. mussten kurzfristig absagen. Als Gäste waren eingeladen, u.a.: Gustavo Gutiérrez (Peru) und Bischof Fritz Lobinger (Südafrika)

Fidei – Donum – Priester, ein Rückblick

Ein nicht zu unterschätzendes Element für das Selbstverständnis der Kirche als Weltkirche, der Katholizität der Kirche, ist das Entsenden deutscher Priester und Ordensleute in alle Teile der Welt. Anfänglich wurde dies sogar als das entscheidende Zeichen der neu entdeckten Weltkirchlichkeit gesehen. In der Enzyklika „Fidei Donum“ von Papst Pius XII. (21. 4. 1957) und noch mehr im Zweiten Vatikanischen Konzil (Lumen Gentium 23) wurde die Gesamtverantwortung der Bischöfe und Priester für die Weltkirche herausgestellt und angemahnt. Der Priestermangel in den armen Ländern war das entscheidende Motiv für die Entsendung von europäischen Missionaren.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass über Fragen wie z.B. die Frage nach den Ursachen der Armut, nur vereinzelt nachgedacht wurde. So stellen es heute zumindest die ersten ausgesandten Priester im Rückblick fest, eine entsprechende entwicklungspolitische Diskussion hatte noch nicht stattgefunden. „Vor 40 Jahren machte eine Gruppe deutscher Weltpriester einen Neuanfang und kam in verschiedene lateinamerikanische Länder. Es waren Fidei-Donum-Priester, die großherzig Antwort auf den Aufruf des Papstes gaben, ihre Heimat zu verlassen, um in Diözesen zu dienen, die nach Sprache und Kultur in einer ganz anderen Welt lebten. Sie waren Pioniere einer neuen Mission, die mit der Zeit eine Doppelspur hinterließ, einerseits bei denen, die auszogen, als auch andererseits bei jenen, die sie empfingen“. (Bischof Jorge Jiménez, Generalsekretär der lateinamerikanischen Bischofskonferenz, in: ….und sie machen einander reich“, eine Chronik der Fidei-Donum-Priester, Quito 1998, S. 11).

Von Emil Stehle, damals Geschäftsführer von Adveniat, stammt die Idee (1971), die in Lateinamerika tätigen Weltpriester nach dem Rundschreiben von Pius XII. nun „Fidei-Donum-Priester“ zu nennen. Die Kirche von Peru – weltweit ein Vorbild einer Kirche inmitten der Armen Es war kein Zufall, dass das Treffen zum Konzilsjubiläum ausgerechnet in Peru stattfand. Bereits im Laufe des Konzil entstand zuerst in einigen Diözesen Peru das, was Papst Johannes XXIII. dem Konzil bereits vor dessen Eröffnung als Auftrag mit auf den Weg gegeben hatte: „Die Kirche will eine Kirche für alle sein, vor allem aber eine Kirche der Armen“ (Radioansprache am 11. 09. 1962).

Was im Konzil sich noch nicht durchsetzen konnte, wurde dann auf der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz 1968 in Medellín (ursprünglich war Lima vorgesehen) zum Hauptthema. Im Lichte des Glaubens deuteten die Bischöfe die in Lateinamerika und weltweit herrschende Ungerechtigkeit als „eine Sünde, die zum Himmel schreit“. Besonders der Bischof von Cajamarca (Peru) und sein geistiger Schüler Gustavo Gutiérrez bereiteten für Medellín den Text über die Armut vor, der dann als Dokument Nr. 14 („Die Armut der Kirche“) lehramtlich bestätigt wurde. Daraus entwickelte sich die „Option für die Armen“ und bald darauf (1972) die „Theologie der Befreiung“ von Gustavo Gutiérrez (in der Folge einer Praxis der Befreiung in Cajamarca, u.a.).

Inhaltliche Schwerpunkte

Ein Höhepunkt des Treffens war für der Vortrag von Gustavo Gutiérrez. In großer geistiger Klarheit fasste er die wesentlichen Aussagen des Konzils und von Medellín zusammen, hier in Stichworten: Das Konzil hatte drei Schwerpunkte: Präsenz der Welt in der Kirche (und umgekehrt) – Ökumene – Armut. Letzteres wurde am wenigsten aufgenommen, war dann aber zentral in Medellín. Kardinal Larraín und Dom Helder Camara drängten darauf, das Thema Armut, das im Konzil angesprochen wurde, in Lateinamerika aufzugreifen, sonst bliebe das Konzil ohne Bedeutung für Lateinamerika.

In Medellín war die zentrale Herausforderung: Das Elend des Volkes – das ist die theologische und kirchliche Herausforderung; Armut ist nicht nur ein soziologisches Problem, sondern ist zentral theologisch und ekklesiologisch. Medellín ist aber in Europa nicht bekannt, d. h. zentrale Aussagen von Kirchesein sind nicht bekannt > die entsprechende Theologie ist nicht bekannt > das Konzil ist nicht bekannt bzw. wird verkannt. „Wenn man von Kirche spricht, dann aus der Perspektive der Armen“. Rahner, Congar, Chenu u.v.a. machen zwar „große Theologie“, aber ohne den Kontext des weltweiten Elends zu berücksichtigen, ohne von den Opfern her zu denken und zu handeln.

Theologie bedeutet immer im Dialog mit der Welt zu stehen, speziell mit der Welt der Armen und den Ursachen der Armut. Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit, Orthodoxie zeigt sich in einer konkreten Praxis und was daraus entsteht im Hinblick auf mehr an Würde und Rechten der Menschen. Dazu bedarf es einer erneuerten Spiritualität - in dem unter die Räuber Gefallenen das Antlitz des gekreuzigten Christus entdecken - und einer erneuerten Evangelisierung (von Galiläa ausgehend - den Ausgestoßenen - nicht vom Tempel in Jerusalem aus, denn dort wurde der Tod Jesu Christi beschlossen).

Dass dies nicht alles „bloße Theologie“ (Theorie) ist, zeigt sich im Blick auf eine konkrete Praxis, wie sie z.B. in Cajamarca inmitten der Campesinos gelebt wurde. Neben dem Vortrag von Padre Gustavo war dies ein weiterer Schwerpunkt des Treffens. Denn die Diözese Cajamarca eignet sich in hervorragender Weise für eine exemplarische Darstellung des kirchlichen Aufbruchs in Lateinamerika seit dem Konzil. Die Sozialpastoral und die Kirche in Cajamarca gelten zusammen mit der in Recife (Helder Camara) und Riobamba (Leonidas Proaño) als Modell einer einheimischen Kirche auf der Seite der Armen.

Als charakteristisches Merkmal der Erneuerungen des Konzils gilt in Lateinamerika die Entdeckung der Kirche als das (unterdrückte) Volk Gottes, das sich im Kontext von Geschichte und Gegenwart auf dem Weg zu einer integralen Erlösung und Befreiung befindet.

Laut Zeugnis von Bischof Luigi Bettazzi war Bischof Dammert nach dem Konzil auch die treibende Kraft für den Zusammenhalt der Bischöfe, die sich im Katakombenpakt verpflichtet hatten, im Geiste der Armut Zeugnis abzulegen für eine glaubwürdige und erneuerte Kirche. Er war deren Koordinator und Seele. Die gelebte und gut dokumentierte befreiende Praxis zeigt u.a., dass die Kirche aus sich heraus in der Lage ist, sich ausgehend vom Evangelium und daraus abgeleiteten Prioritäten rundum zu erneuern.

Länderberichte (grundlegende Gemeinsamkeiten in allen Ländern):

Jeden Tag standen die Berichte aus den verschiedenen Ländern auf dem Programm. Übereinstimmend wurde von zunehmender Ungleichheit, Zerstörung von Lebensgrundlagen für alle Menschen und wachsender Gewalt berichtet. Trotz (oder wegen) wirtschaftlicher Wachstumsraten nimmt die Ungerechtigkeit zu. Als die zwei dringendsten Probleme wurden genannt: Die Gier nach Rohstoffen und der Klimawandel. „Der Reichtum an Rohstoffen und Land machen uns arm“. Binnenkirchlich ist die Bilanz sehr zwiespältig. Einerseits wird berichtet, dass fast nur noch ausländische Priester in den sozialen Brennpunkten anzutreffen sind bzw. dass die Präsenz der Kirche unter den Armen, dem Volk, sehr schwach geworden ist. Gleichzeitig ist ein starkes Anwachsen meist fundamentalistischer Sekten zu beobachten, die das Evangelium ins Gegenteil verkehren (auffordern zu rücksichtslosem Streben nach Reichtum und Selbstverwirklichung, Arme gelten als Loser etc.). Andererseits wird die Arbeit der „ausländischen Missionare“ immer noch sehr geschätzt und die Kirche gilt in vielen Ländern als zuverlässiger Anwalt der Menschenrechte. Unter allen Beteiligten des Treffens ist die Zuversicht sehr groß, dass der Samen, den sie gesät haben, aufgehen wird….!

Willi Knecht, eingeladen als „Zeuge der Aufbrüche (und Brüche)“ in der peruanischen Kirche von 1976 – 2006.  Dieser Bericht wurde u.a. veröffentlich in drs.global 2/2013


19. Dezember: Ist Umkehr machbar? (Lebenswandel und Klimawandel)

Weltkirche vor Ort - Ist Umkehr machbar? (2016)

Kommt Bewegung in die internationale Klimaschutzpolitik? Der Weltklimagipfel in Paris im Dezember 2015 hatte sich auf die Reduzierung der Erderwärmung auf zwei, besser noch eineinhalb Grad verständigt. Die ermutigenden Vereinbarungen wurden von allen Teilnehmerstaaten unterschrieben. Ein Jahr später in Marrakesch: 47 besonders durch die Klimaerwärmung bedrohte Länder der südlichen Hemisphäre wollen ihren Energiebedarf zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien decken. Es sind vor allem arme Länder, die hier eine moralische Führungsrolle übernehmen. Und Europa? Die USA? Werden wir durch Trump ein Rollback erleben? Und wird sich die EU aus ihrer Halbherzigkeit befreien können? Was bedeutet Schöpfungsverantwortung für die Kirche?

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart erarbeitet seit Jahresbeginn 2016 ein „Integratives Klimaschutzkonzept“. Dieses ist verbunden mit der Klima-Initiative, die Bischof Gebhard Fürst 2007 für die Diözese initiierte. Es geht im Wesentlichen um die Erstellung einer Energie- und CO2-Bilanz der Diözese, um die bessere Nutzung erneuerbarer Energien und um einen Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Energie- und CO2-Bilanz. Denn der globale Klimawandel sei die wohl umfassendste Gefährdung der Lebensgrundlage der heutigen und kommenden Generation“ sagte Bischof Fürst am 14. Juni bei der Vorstellung des „Integrierten Klimaschutzkonzepts“ in Rottenburg. „Es ist die zentrale Frage der Glaubwürdigkeit für Christen, wie weit der Glauben an einen Schöpfergott in konkretes, umweltgerechtes Verhalten umgesetzt wird“, betonte er.

Neben diesen notwendigen Schritten lädt uns Papst Franziskus ein, den Blick auf die tieferen Ursachen und inneren Zusammenhänge zu richten, die schon jetzt Millionen Menschen um ein würdevolles Leben bringen und die das Leben der Menschheit insgesamt in Gefahr zu bringen drohen. Ein Blick von „außen“, den „Rändern der Welt“, auf unsere europäische Kosmovision, unsere Art zu leben, zu wirtschaften, zu denken, zu glauben und zu handeln, kann uns helfen, unsere eigenen blinden Flecken und Sackgassen - sowohl individuell als auch als Kirche - als solche zu erkennen. Aus der Perspektive der „Müllmenschen“, so der Papst, verschieben sich die Prioritäten.  

„Gerechtigkeit – Frieden – Bewahrung der Schöpfung“, so heißt es seit 40 Jahren. Es ist nun an der Zeit, dies immer mehr zusammenzudenken und als Einheit zu begreifen. Klimawandel, Hunger, Fluchtursachen, Waffenexporte… und generell: Verwüstung der Erde sowie Verrohung und Spaltung der Gesellschaften. Zu jedem der Einzelthemen wissen wir (potenziell) eigentlich alles – doch was hilft dies? In „Laudato si“ weist Papst Franziskus auf die Zusammenhänge und Ursachen hin und erinnert an die ganzheitliche, biblische Perspektive: Angefangen von der Ursünde wie Gott sein zu wollen, dem Tanz um das Goldene Kalb, dem Turmbau zu Babel und der Botschaft der Propheten: Die in jedem Menschen innewohnende Versuchung, mehr sein und haben zu wollen als der andere, sich selbst und seine eigenen Interessen zum obersten Maßstab zu machen und selbstgeschaffene Götter anzubeten, führt zum Bruch der Menschen untereinander, mit der Schöpfung und mit Gott.

Die satanische Versuchung, wie Gott sein zu wollen, ist in der bestehenden Weltordnung nun erstmals global installiert, sie ist „Fleisch geworden“. Strukturen, die von Menschen gezielt so eingerichtet wurden, dass einige Wenige sich hemmungslos auf Kosten anderer bereichern können, werden als nicht hinterfragbares Dogma verkündet. Die Anbetung der neuen Götter und Götzen verspricht uns alle Reichtümer dieser Welt, eine unbegrenzte Macht über Menschen und eine totale Verfügbarkeit über die Güter dieser Erde – eine gefährliche, schreckliche Versuchung! Dieser (Aber-) Glaube jedoch führt in den Abgrund. 

Ein „Weiter so!“ geht nicht – Umkehr ist „überlebensnotwendig“.

Eine kleine Delegation unserer Diözese, gebildet aus den Diözesanausschüssen „Eine Welt“ und „Nachhaltige Entwicklung“, war im Dezember 2015 zu Gast auf der Weltklimakonferenz in Paris. Trotz vieler guten Absichtserklärungen stellten wir folgende Fragen: Wurde auch überlegt, ob die beschlossenen Klimaziele innerhalb der real existierenden und globalen Wirtschaftsordnung überhaupt je erreicht werden können? Stattdessen gehen der Klimarat der UN und selbst die meisten Vertreter*innen der Zivilgesellschaft von einem weiteren Wachstum aus, weil nur so die finanziellen Aufwendungen finanzierbar seien. Die Frage des Klimawandels wurde zudem sehr isoliert betrachtet, fast die gesamte Diskussion reduzierte sich auf die CO2-Frage. Und diese könnte man ja wohl technologisch in den Griff bekommen, sie sei beherrschbar und machbar.

„Erkennen wir, dass dieses System die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken? Wenn es so ist, sagen wir es unerschrocken: Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen; die Campesinos ertragen es nicht, die Arbeiter ertragen es nicht, die Gemeinschaften ertragen es nicht, die Völker ertragen es nicht … Und ebenso wenig erträgt es »unsere Schwester, Mutter Erde«, wie der heilige Franziskus sagte.“ (Papst Franziskus, 2. Welttreffen der Volksbewegungen in Bolivien, 9. Juli 2015)

Willi Knecht, als Mitglied der beiden Diözesanausschüsse "Eine Welt" und "Nachhaltige Entwicklung", als Leitartikel für 1/2017) für drs.global, dem Newsletter der Diözese Rottenburg-S. (siehe auch: Klartext, auf weltkirche.katholisch.de)

Zusätzliche Meldungen: (2016)

Klimaerwärmung hat katastrophale Folgen (eine der vielen Meldungen, hier aus dem Jahre 2000, aus den letzten Jahrzehnten - und dennoch ein "immer weiter so"...?) Ein Expertengremium der Uno rechnet mit verheerenden Auswirkungen der globalen Klimaveränderung. Auch Europa sei zunehmend von Naturkatastrophen und Artensterben bedroht. Ein Expertengremium der Uno rechnet mit verheerenden Auswirkungen der globalen Klimaveränderung. Auch Europa sei zunehmend von Naturkatastrophen und Artensterben bedroht.

Wegen des ansteigenden Meeresspiegels sind in Küstenregionen Millionen von Menschen in Gefahr, weltweit können in trockenen Gegenden ganze Ernten der Dürre zum Opfer fallen. Krankheiten durch verseuchtes Trinkwasser breiten sich aus, Pflanzenarten gehen ein, Tierarten sterben aus. Dieses düstere Szenario entwirft ein Uno-Ausschuss aus mehreren hundert Wissenschaftlern, der am Montag in Genf seinen Bericht über mögliche Folgen der globalen Klimaerwärmung vorlegte. "Die meisten Menschen werden auf der Verliererseite stehen", sagte der Vorsitzende des Uno-Gremiums für Klimaveränderungen (IPCC), James McCarthy. Die Klimaveränderungen bedrohen dem Bericht zufolge Gletscher und alpine Ökosysteme, Korallenriffe, Mangroven, Nadel- und tropische Wälder sowie Feuchtgebiete und Steppen.

Wenn der Meeresspiegel in den nächsten 80 Jahren um 40 Zentimeter steigt, würden bis zu 200 Millionen mehr Menschen als heute von verheerenden Küstenstürmen bedroht, heißt es in dem Bericht. Die Folgekosten der Naturkatastrophen seien von jährlich rund vier Milliarden Dollar in den fünfziger Jahren auf 40 Milliarden Dollar im Jahr 1999 gestiegen. Auch die Ausbreitung der Dürreregionen bereitet den Experten Sorgen. Bereits heute leben 1,7 Milliarden Menschen in Regionen, in denen Trinkwasser knapp ist. Diese Zahl könne in den nächsten 25 Jahren auf fünf Milliarden steigen, schätzen die Wissenschaftler. Das Gremium fordert deshalb eine Erhöhung der Trinkwasserpreise, um die Wasserressourcen nicht weiter zu verknappen.

Der Bericht ist der zweite Teil eines umfassenden IPCC-Klimareports. Im ersten Teil, der im Januar in Schanghai veröffentlicht wurde, hatten die Experten von einer "potenziell katastrophalen Erwärmung" des Erdklimas um 1,4 bis 5,8 Grad in diesem Jahrhundert gesprochen. Der Meeresspiegel werde zwischen elf und 88 Zentimetern steigen.

Viele der Veränderungen, die die Wissenschaftler bei steigender Erwärmung erwarten, sind dem neuesten Bericht zufolge bereits sichtbar. Das arktische Eis sei um 10 bis 15 Prozent zurückgegangen, die Eisdecke auf Flüssen und Seen schmelze zwei Wochen früher als vor 150 Jahren. In Europa blühten Gartenpflanzen 1993 im Schnitt 10,8 Tage länger als 35 Jahre zuvor. Zugvögel ziehen später im Jahr in wärmere Gefilde und kommen früher zurück. Schmetterlinge, Käfer und Libellen finden sich in immer nördlicheren Regionen. Lediglich in nördlichen Breitengraden könne die Klimaerwärmung vorübergehend positive Folgen haben, heißt es in dem Report. In Nordeuropa könnten die Ernten besser werden und die Heizkosten sinken. Allerdings überwiegen auch in Europa die negativen Konsequenzen: Die Hälfte der Alpengletscher könne schmelzen, Flüsse könnten häufiger über die Ufer treten, in Südeuropa gäbe es mehr Dürren. Am stärksten seien die Folgen der Klimaveränderung jedoch in Entwicklungsländern zu spüren. Diese Länder hätten am wenigsten Geld, um sich auf die Veränderungen einzustellen. In vielen Regionen gehen die Ernteerträge zurück. In den Subtropen wird das Trinkwasser knapp, Cholera, Malaria und Dengue-Fieber breiten sich aus, mehr Menschen sterben an hitzebedingten Krankheiten.

Der dritte Teil des IPCC-Reports, der Anfang März 2001 in Ghana veröffentlicht wird, befasst sich mit Vorschlägen zur Reduzierung der Treibhausgase und den Kosten für eine Änderung der weltweiten Energiepolitik.


20. Dez.: Zum 50. Todestag von Camilo Torres - Sein Anliegen

Am 15. Februar 1966 wurde der Priester Camilo Torres von Einheiten der kolumbianischen Armee erschossen. Kurz zuvor, mit dem „Aufruf an das kolumbianische Volk“ vom 7. Januar 1965, hatte er sich der ELN (Ejército de la Liberación Nacional – Nationale Befreiungsarmee) angeschlossen, einer Guerillaorganisation, die bis heute noch aktiv ist.

Eine kurze Zusammenfassung seines Glaubens (im Stil von Camilo Torres):  Wenn das Wesen des christlichen Apostolats die Nächstenliebe ist, dann hat ein Christ in einem Land wie Kolumbien, in dem jede Viertelstunde ein Kind stirbt, die Pflicht, sich dafür einzusetzen, die Hungrigen zu speisen, die Durstigen zu tränken, die Obdachlosen zu beherbergen, die Nachbarn zu kleiden (Mt 25,31-46). Und wenn dieser Christ nun alles – aber auch wirklich alles – versucht hat, dieses oberste Gebot der Nächstenliebe mit legalen Reformen zu erfüllen und an der hartnäckigen Reformfeindlichkeit der herrschenden Oberschicht gescheitert ist, dann hat er die Pflicht, die Herrschaft dieser Oligarchie zu brechen, um der Mehrheit des Volkes das geben zu können, was es zum Leben braucht.

Wenn ein Priester seine Kirche immer wieder daran erinnert, welche Botschaft sie zu verkünden hätte, auf wessen Seite sie im Geiste Jesu stehen müsste und wie sie stattdessen Zeugnis von der Liebe und Hingabe Jesu Christi geben müsste – dies aber nicht tut. Was kann man als Priester dann noch tun, um seine Berufung zum Dienst am Nächsten zu leben? Hoffen auf Unterstützung die „Mitbrüder“? Die kolumbianische Kirchenhierarchie ignorierte nicht nur das soziale Elend der Mehrheit der Bevölkerung, sondern war aufs Engste mit den Herrschenden verbunden. Mit Gewalt eine Veränderung herbeiführen?

Die Gewalt existiert bereits, eine alltägliche und tödliche Gewalt. Den „Kindern dieser Erde“, den Kindern Gottes, das tägliche Brot vorzuenthalten, sie von jeglicher Bildung und Gesundheitsfürsorge auszuschließen, ihnen ihr Land zu rauben und ihre Lebensgrundlagen zerstören ist die tödlichste und häufigste Form von Gewalt, sie ist die „Gewalt Nr. 1“ (Helder Camara). Diese Gewalt ist dem System immanent, sie gehört wesensmäßig zur herrschenden Ordnung, denn darauf beruht ihre Macht und ihr Erfolg. Diese Gewalt zu überwinden ist eine priesterliche Pflicht. Allein die Herrschenden sind dafür verantwortlich, wenn zur Überwindung der Gewalt und der Tyrannei – als letztes Mittel – vorübergehend Waffengewalt gebraucht werden muss. Lehnt man dies von vorneherein ab, macht man sich zum Komplizen der herrschenden Gewalt und verstößt gegen das Gebot der Nächstenliebe. Die Kirche selbst hat immer auch Gewalt ausgeübt, auch kriegerische Gewalt. Und sie profitiert von der systembedingten Gewalt – wie in Kolumbien – und rechtfertigt sie.

Soweit das Leben, der Glaube und die Lehre von Camilo Torres.

Einige Daten zu Kolumbien (1965): 68 % der Bevölkerung leben in Lehmhütten (oder vergleichbares), 92,6 % der Landbevölkerung und Slumbewohner haben kein fließendes Wasser und WC in ihren Hütten, 95,8 % kein elektrisches Licht. Insgesamt gehen nur 50% aller Kinder in die Grundschule, 3% besuchen eine weiterführende Schule. Von den etwas mehr als 2 Millionen Einwohnern Bogotas sind 1 Million obdachlos. Aber zwischen 1951 und 1961 erhielten die USA für jeden importierten Dollar 4 Dollar zurück. (Dieser Teufelskreis der gezielten Verschuldung - einschließlich des horrenden Kapitalabflusses der einheimischen Oberschichten - wurde bei uns erst in den 90er Jahren entdeckt und dies zudem nur unzureichend analysiert – siehe erlassjahr.de).

2 Textausschnitte von Camilo Torres

a) Brief vom 24. Juni 1965 an den Kardinal von Bogotá mit der Bitte um Entbindung von den Pflichten des Priesteramtes (Ausschnitte): „Ew. Eminenz, als Zeugnis der Treue zur Kirche und zu dem, was ich für die wichtigsten Gebote des Christentums halte, scheint es mir notwendig, Eure Eminenz um Entbindung von den Pflichten des Priesteramtes zu bitten. … Euer Sohn in Jesu Christo.

Beigefügte Presseerklärung: „Wenn bestimmte Umstände es den Menschen unmöglich machen, den Geboten Christi zu folgen, dann hat der Priester die Aufgabe, diese Umstände zu bekämpfen, selbst auf Kosten der Möglichkeit, den eucharistischen Ritus zu zelebrieren, denn das kann nicht ohne die Nachfolge Christi geschehen. In der augenblicklichen Struktur der Kirche sehe ich mich nicht in der Lage, die Ausübung meines Priesteramtes in seinen äußeren Formen fortzusetzen. Das christliche Priesteramt besteht nicht allein im Zelebrieren der äußeren Riten. Der Gottesdienst, der den eigentlichen Inhalt des Priesteramts ausmacht, ist in ihrem tiefsten Sinn eine gemeinschaftliche Handlung. Die christliche Gemeinschaft kann jedoch das Messopfer nicht wirklich darbringen, wenn sie nicht vorher das hauptgebot der Nächstenliebe in wirksamer Weise erfüllt hat. Ich habe mich für das Christentum entschieden, weil ich in ihm die reinste Form des Dienstes am Nächsten sehe. Ich wurde von Christus zum lebenslänglichen Priesteramt berufen, weil ich mich vollständig der Liebe zu meinen Mitmenschen hingeben wollte.

Bei der Untersuchung der kolumbianischen Gesellschaft wurde mir immer klarer, dass eine grundlegende Veränderung notwendig ist, wenn man die Hungrigen speisen, die Durstenden tränken, die Nackten bekleiden und den Massen unseres Volkes ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen will. Ich vertrete die Ansicht, dass der revolutionäre Kampf ein christlicher und priesterlicher Kampf ist. Nur durch ihn können wir unter den konkreten Umständen unseres Landes die Liebe verwirklichen, die die Menschen ihren Mitschenken schulden. Ich opfere damit eines der Recht, an denen ich am meisten hänge, als Priester das Messopfer feiern zu können, um die Bedingungen schaffen zu können, durch die diese heilige Handlung erst ihren eigentlichen Sinn erhält. Ich bin bereit, alle Gefahren auf mich zu nehmen, die das Streben nach diesem Ziel mit sich bringt“.

b) Aufruf an die Christen (26. August 1965, Ausschnitte)

„An erster Stelle steht im Katholizismus die Liebe zum Nächsten. `Wer den Nächsten liebt, hat das Gesetz erfüllt`. Wenn diese Liebe echt sein soll, so muss sie auch versuchen, wirksam zu sein. Wenn Wohltätigkeit, Almosen, einige kostenfreie Schulen, einige Wohnungsprojekte, kurz das, was man Caritas nennt, nicht genügen, um die Mehrheit der Hungrigen zu speisen, die Mehrheit der Nackten zu bekleiden, die Mehrheit der Unwissenden zu unterweisen, dann müssen wir nach wirksameren Mitteln suchen.

Die privilegierten Minderheiten, die über die Macht verfügen, werden nicht nach solchen Mitteln suchen, denn dann müssten sie ihre Privilegien aufgeben. Wir müssen also den privilegierten Minderheiten die Macht nehmen und sie der Mehrheit der Armen geben. Das ist das Hauptziel der Revolution. Die Revolution kann friedlich vor sich gehen, wenn die Minderheiten keinen gewaltsamen Widerstand leisten. Die Revolution ist also die Form, zu einer Regierung zu kommen, die die Hungrigen speist, die Nackten bekleidet, die Unwissenden unterweist, die also die Werke der Caritas, der Nächstenliebe, nicht nur gelegentlich und vorübergehend, nicht nur an einigen wenigen, sondern an der Mehrheit unserer Nächsten erfüllt.

Daher ist die Revolution für die Christen, die in ihr die einzig wirksame und umfassende Möglichkeit sehen, die Liebe zu allen Menschen zu verwirklichen, nicht nur erlaubt, sondern sie ist seine Pflicht. Sicher, ‚Es gibt keine Gewalt außer von Gott‘ (Röm 13,1). Aber Thomas von Aquin schreibt, die Übertragung der Gewalt gehe vom Volk aus. Jede gegen das Volk gerichtete Gewalt ist illegitim und heißt Tyrannei. Wir Christen können und müssen gegen diese Tyrannei kämpfen. Die gegenwärtige Regierung ist tyrannisch, weil sie sich nur auf 20% der Wähler stützt und weil ihre Entscheidungen allein der privilegierten Minderheit nützen.

Die irdischen Mängel der Kirche dürfen uns nicht empören. Die Kirche ist menschlich. Wichtig ist es zu glauben, dass sie auch göttlich ist und dass wir die Kirche stärken, wenn wir unsere Pflicht der Nächstenliebe erfüllen. Ich habe die Pflichten und Rechte des Klerus aufgegeben, aber ich habe nie aufgehört, Priester zu sein.

Ich glaube, dass ich mich der Revolution aus Nächstenliebe verschrieben habe. Ich habe aufgehört die Messe zu lesen, um die Nächstenliebe im weltlichen – im wirtschaftlichen und sozialen – Bereich verwirklichen zu können. Wenn mein Nächster nichts mehr gegen mich vorzubringen hat, werde ich nach Vollendung der Revolution wieder das Messopfer darbringen, wenn Gott es mir erlaubt. Ich glaube, dass ich auf diese Weise dem Gebot Christi folge, das da heißt: ‚Wenn du also eine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder oder deine Schwester etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und gehe hin und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder und deiner Schwester. Dann komme und opfere deine Gabe‘ (Mt 5, 23-24). Nach der Revolution werden wir Christen wissen, dass wir ein Gesellschaftssystem aufbauen wollen, in dem die Nächstenliebe der höchste Wert ist.“

Persönliches Fazit:

Ich möchte mir nicht anmaßen, über den Entschluss von Camilo Torres, sich der bewaffneten Revolution anzuschließen, zu urteilen. Ich halte es aber mit Dom Helder Camara, der sinngemäß über Camilo Torres sagte: „Ich selbst habe einen anderen Weg gewählt. Wenn aber ein Mitbruder alles in seiner Macht stehende versucht hat, die primäre Gewalt zu überwinden und die Situation der Ärmsten nachhaltig zu verändern, ohne eine ebensolche Veränderung erreichen zu können und dann zur Waffe greift – Wer bin, dass ich ihn deswegen verurteilen könnte? Ich habe sehr großen Respekt vor einem Menschen, der bereit ist aus Liebe zum notleidenden Nächsten sein Leben hinzugeben“.

Im Jahre 1966 habe ich mein Abitur gemacht und bin bereits 1967 mit Camilo Torres und seinem Anliegen „begegnet“. Seine Schriften und sein Weg haben mich sehr beeindruckt und schließlich – neben anderen Einflüssen – dazu geführt, erst Pädagogik und dann Theologie zu studieren und Priester zu werden. In St. Georgen, SJ.

Anexo:  Klassenkampf als Kampfbegriff - oder: wer hat hier welches Interesse?

(aus einer Seminararbeit „Theologie der Befreiung als neue Theologie?“ , WS 1973/74)
Klassenkampf, Gewalt, also Bruch der menschlichen Gemeinschaft in mindestens zwei entgegen gesetzte Pole widersprechen fundamental der christlichen Botschaft von Liebe, Solidarität und Einheit. Der Klassenkampf wird von vielen Christen geleugnet bzw. wenn sie doch davon hören, verstehen sie gewohnheitsgemäß dies: Angestiftet von kommunistischer Propaganda werden die Massen aufgewiegelt, gegen die bestehende Ordnung zu kämpfen, auch mit Waffengewalt. Dies sei äußerst verwerflich, erstrecht, weil man die bestehende Ordnung mit westlicher Zivilisation und christlichem Abendland gleichsetzt. Dies ist die übliche Sichtweise in den reichen Ländern, auch in den reichen Kirchen, besonders in der reichsten Kirche der Welt, der westdeutschen Kirche.

Doch vom Standpunkt der Christen in den ärmsten Ländern sieht dies genau umgekehrt aus. Sie erleiden entsetzliches und tägliches Elend, weil ein permanenter und systematischer Krieg gegen sie geführt wird, weltweit und bereits seit Jahrhunderten, ausgehend von den „christlichen“ (und weißen) Ländern des Nordens. Sie sind die Opfer des weltweiten Klassenkampfes, gleichzeitig wissen sie deshalb Jesus auf ihrer Seite. Diese Sichtweise wird „natürlich“ von den vielen Christen hierzulande geleugnet, denn sie müssen ihn ja nicht erleiden, sondern sie profitieren davon (auch Nichtwissen entschuldigt nicht). Dabei ist gerade ihr Wohlstand ein Beleg dafür, dass es diesen Klassenkampf gibt. Das herrschende, kapitalistische Weltwirtschaftssystem (dem auch der „Ostblock“ verfallen ist) produziert notwendigerweise und systemimmanent immer mehr Arme und immer weniger Reiche. Es ist zudem „auf Leben und Tod“ auf ständiges Wachstum angewiesen, das immer mehr die überlebensnotwendigen Ressourcen der Erde und damit die Zukunft der Menschheit gefährdet.

Der Klassenkampf wird von oben nach unten geführt, die Ungleichheit und Ausbeutung werden mit militärischer Gewalt aufrechterhalten, von den reichen Ländern eingesetzte und gestützte Marionettenregierungen in den meisten armen Ländern verschleudern den natürlichen Reichtum ganzer Erdteile und der „zivilisierte Westen“ unterstützt grausamste Diktatoren und bekämpft mit brutalsten Mitteln die Sehnsüchte der Völker nach Teilhabe und Gerechtigkeit. Dies alles geschieht unter dem Deckmantel - ausgerechnet - der Demokratie und der Zivilisation. Für Christen in den armem Ländern besonders bestürzend: dies alles wird von den reichen Kirchen in der Regel nicht nur legitimiert, sondern diese sind Teil des Tod bringenden Systems und profitieren auch noch davon.

Noch einmal: Wer wie die Made im Speck lebt, redet nicht von Klassenkampf (man ist ja so edel, hilfreich und gut) und wenn doch, dann voller Abscheu von den Barbaren, die mit Gewalt alles ändern wollen. Klassenkampf aber wird von denen erlitten, die an den Rand gedrängt werden und die auch in der Kirche (Hierarchie) keine Stimme haben. Weil sie keine Stimme haben, werden sie auch nicht gehört bzw. wenn doch, dann völlig missverstanden. Daher wird der Klassenkampf selbst von bürgerlichen Christen guten Willens nicht zur Kenntnis genommen.

Wer vom Klassenkampf spricht, stellt nur eine Tatsache fest, er propagiert ihn nicht. Er ist ja schon längst da, ausgeübt von den Mächtigen, die mit Gewalt an ihren Privilegien festhalten. Die Theologie der Befreiung propagiert nicht den Klassenkampf, sondern sie sucht Wege, ihn zu überwinden. Sie steht auf der Seite der Unterdrückten, der Opfer, nicht um die immer größer werdende Spaltung der Menschheit zu vergrößern, sondern um sie zu überwinden (zumindest Brücken zu bauen). Ziel ist ja eine Gesellschaft, in der es weder Unterdrücker noch Unterdrückte gibt (immer unter dem Vorbehalt, dass es in jedem Menschen und zu aller Zeit die Versuchung geben wird - der man auch leicht erliegt - mehr zu sein und zu haben als der „Nachbar“ und sich selbst zum absoluten Maßstab zu machen).

Wer dagegen den Klassenkampf leugnet oder sich aus ihm heraushalten will, schlägt sich in Wahrheit auf die Seite der Herrschenden und Profiteure. Aber wie steht es mit „Einheit“ und „Liebe“? Tatsache ist, dass die menschliche Familie (alle Menschen als Kinder des einen Vaters) aufs Tiefste gespalten ist. Wer hier von Einheit redet, ohne die Realität wahrzunehmen, ergreift Partei für die Mächtigen, hilft mit, die bestehenden Abgründe zu rechtfertigen oder gar noch zu vertiefen. Er bemäntelt unter religiösem Vorwand (Missbrauch der Religion) seine eigenen egoistischen Interessen und ein gottloses, rein materialistisches System, das per se Götzendienst ist.

Für die Kirche bedeutet dies: sie ist gespalten in Christen, die von den „Vorzügen“ dieses Systems profitieren und auf Kosten ihrer Mitbrüder und Mitschwestern leben und denen, die das alles erleiden müssen. Dies könnte man als Manifestation der Ursünde bezeichnen. Der Abfall von dem Gott des Lebens, der ein Leben in Fülle für alle seine Kinder will und die Verehrung von fremden Göttern, führen zu Elend und zum Tod (Vertreibung aus dem „Paradies). Es ist ein System, das den Brudermord zum Prinzip erhebt. Die direkte Folge ist der Hungertod von 40 Millionen Kindern im Jahr. Die herrschende Aufteilung der Welt ist die geschichtliche Ausfaltung der Ursünde.

Nebenbei: Ökumene würde bedeuten, dass Christen gemeinsam dagegen aufstehen würden. Denn der eigentliche Skandal und Zeichen der Spaltung der Kirche ist, dass es Christen gibt, die auf Kosten anderer Christen leben. Und dies meist ohne Skrupel und in der schönen Illusion (Halluzination?) leben, sonntags beim Kommunionempfang durch den bloßen Empfang einer Hostie Jesus Christus zu empfangen, ohne wirklich das tägliche Brot (und das, was der Mensch zum Leben braucht) zu teilen. Christus ist vor allem aber dort real gegenwärtig, wo tatsächlich im Namen Jesu das tägliche Brot geteilt wird.


21. Dez.: c) Erneuerung der Kirche (aus: Zur Amazonas-Synode…, 2019)

Es geht um eine Erneuerung, die innerkirchlich sehr umstritten ist. Seit dem 2. Vatikanum kam es schon zu wichtigen Reformen. Doch vieles bleibt – wesensgemäß - noch bruchstückhaft, nie vollkommen, Kirche auf dem Weg. Auf der einen Seite stehen die, denen die Kontinuität sehr wichtig ist. Damit meinen sie aber vor allem eine Kirche, die von einem Zentrum aus geleitet und geführt wird. Dieses Zentrum ist und bleibt Rom. Im Vorbereitungsdokument wird gesagt, dass dieses Modell nicht mehr der Wirklichkeit mit seiner zunehmenden Dynamik gerecht wird. Stattdessen, wie oben ausgeführt, gilt es mehr als je zuvor, die Zeichen der Zeit zu sehen und als Zeichen der Offenbarung zu verstehen. Das Beharren auf dem Bisherigen lässt uns blind werden vor den notwenigen Herausforderungen unserer Zeit, erstrecht angesichts der zunehmenden sozialen Verwerfungen und ökologischen Katastrophen. Es gilt gewohnte strukturelle Sicherheiten und Gewohnheiten aufzugeben und hinauszugehen zu jenen, die auf der Strecke bleiben oder überflüssig gemacht wurden. Auf diesem Weg sind die Frauen unverzichtbar, mehr noch: sie sind die ersten Zeugen der Auferstehung und bis heute diejenigen, die besonders in prekären Situationen standhafter und oft mutiger sind als Männer, die in ihrem Machowahn meinen, davonlaufen oder sich betrinken zu müssen. 

Wir müssen den „Reichtum der Verschiedenheit“ entdecken. Und selbst die Bischofssynoden sollten zuerst ein Ort des Zuhörens werden (dazu müsste man natürlich diejenigen einladen und sprechen lassen, die auch etwas zu sagen haben).

Auf dieser Ebene gibt es einige Aspekte des Kanonischen Rechts, das dem (noch) im Wege steht, z.B. gleichberechtigte Mitwirkung der Frauen. Das Kanonische Recht ist nicht Teil der Offenbarung, und wenn es uns hindert, die Zeichen der Zeit zu erkennen, dann müssen wir es ändern, um Raum zu schaffen für den notwendigen Wandel. „Hoffentlich gelingt es uns, einen Samen der Bekehrung zu säen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und den Kairos zu nutzen. Dann werden wir fähig sein, auf prophetische Weise der schweren sozio-ökologischen Krise gewachsen zu sein und sie im Geist der Märtyrer des Amazonas überwinden zu können“ (IL). Anmerkung: Warum findet aber diese Bischofssynode in Rom statt? Wäre es nicht viel glaubwürdiger, sich in der Amazonasregion zu treffen?

Hören den Schrei der Armgemachten nach Gerechtigkeit und den Schrei der verwundeten Mutter Erde

Es ist sicherlich notwendig, den Amazonas, seine geographische Ausdehnung, seine Bewohner, den Reichtum seines Bioms und seiner Flüsse und die Vielfalt seiner Kulturen zu sehen und zu kennen. Nun will die Kirche in der Synode einen weiteren Schritt tun, nämlich dem Amazonas-Volk zuhören, sich von seinem Schrei nach Gerechtigkeit und von der Geschichte ihres Leidensweges erschüttern lassen. Franziskus bittet den Heiligen Geist, den Teilnehmern der Synode die Gabe des Zuhörens zu geben. Denn im Schrei der „Wegwerfmenschen“ spricht Gott selbst zu uns. Er offenbart sich und identifiziert sich mit den Ausgestoßenen, Verfolgten, den Opfern der Geschichte. Schon bei seinem Besuch in Puerto Maldonado im Januar 2018 wollte er nicht als Erster sprechen, sondern er wollte hören, was ihm die indigenen Völker zu sagen hatten. Deshalb stand auch vor der Ausarbeitung des Vorbereitungsdokuments ein ausführliches Zuhören und eine Beratung durch die indigenen Völker.

Und was hören wir von den Ureinwohnern? Es ist ein vom Tod bedrohtes Volk, ein Volk, das durch die Konzessionen zum Abholzen der Wälder, durch Megaprojekte wie Wasserkraftwerke, Ölbohrungen, Bergbau, Drogenhandel, Landraub und Vertreibung, durch Kriminalisierung und Ermordung ihrer Anführer in ihrer Existenz als Volk bedroht ist. Noch nie waren die Amazonasvölker so bedroht wie heute. Die Völker bedauern auch, dass die Kirche trotz ihrer großen Hilfe immer noch sehr distanziert wirkt, sich oft noch kolonial und klerikal zeigt und ihre Sprachen, ihre Kulturen und ihre Spiritualität nicht kennt. Sie ist eher zu Besuch als präsent.

Nur wenn wir dem Amazonas-Volk zuhören, können wir ihre Wahrheit kennenlernen, eine Wahrheit, die nicht zuerst rationaler Ausdruck ihrer Weltanschauung ist, sondern Ausdruck ihrer Gefühlswelt, ihres Lebens und ihres Leidens.

Nur wenn wir dem Schrei des Amazonasvolkes zuhören, können wir prophetisch die Ungerechtigkeit der Mächtigen anprangern und eine umfassende ökologische Bekehrung der Gesellschaft und der Kirche anstreben, um eine Amazonaskirche mit indigenem Antlitz zu errichten, um so den Amazonas und den Planeten Erde zu retten.

Die Gläubigen der jüdisch-christlichen Tradition sollten sich nicht wundern über dieses Bedürfnis, den Schrei des Volkes zu hören: Das Blut Abels schreit zum Himmel (Gen 4,10), der Schrei des Volkes Israel, das in Ägypten ausgebeutet wird, erhebt sich in den Himmel, der HERR hört diesen Schrei und er ruft Mose, damit er das Volk befreie (Ex 3,7-10). In den Evangelien hört Jesus den Schrei der Armen, der Kranken, der Ausgegrenzten, der Frauen (Lk 18,35-43). Die biblische Wahrheit ist keine hellenistische oder rein rationalistische Wahrheit. Das biblisch-semitisches Wissen stammt aus dem Hören auf das, was aus dem Innersten des Menschen kommt und das aus dem Leiden der Menschen geboren wird. Als Pilatus Jesus fragt, was die Wahrheit ist (Joh 18,38), antwortet Jesus ihm nicht und gibt ihm keine philosophische Antwort. Die Wahrheit entsteht aus dem Schrei des Gekreuzigten, die Wahrheit entsteht aus den Gekreuzigten der Geschichte, aus den Opfern der Ungerechtigkeit. Der christliche Glaube erwächst aus dem Hören auf das Wort Gottes.

Man vergleiche dies mit Karl Rahner „Hörer des Wortes“, daraus: „Der Mensch als Geist ist in seiner Transzendenz offen für das in sich lichte und unendliche Sein alles Seienden. Offenbarung als besondere Erfüllung dieser Offenheit ist damit grundsätzlich möglich". Der von mir sehr geschätzte Karl Rahner, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jh., fasst hier eine seiner Grundaussagen zusammen. Das war in seiner Zeit ein großer Schritt nach vorn. Bleibt man aber im „Ontologischen“ stecken, vermag man keine Antwort zu finden darauf (bzw. man glaubt, diese gar nicht finden zu müssen), wie und unter welchen Umständen (Kontexten) man das Wort Gottes hören kann oder auch nicht. Die simple Antwort findet sich in der „Frohen Botschaft“: Jesus der Christus, das Fleisch gewordene Wort Gottes, identifiziert sich in der Tradition der biblischen Propheten mit den „Verdammten dieser Erde“ (Mt 25, 35-46). Wer im „Metaphysischen“ verharrt, übersieht allzu leicht das „Physische“ - die Verdammten dieser Erde. Europäische Theologen laufen Gefahr, bequemerweise im „Metaphysischen“ zu verharren und sich daher auch noch für besonders kompetent zu halten.

Unsere scheinbar so weise – „katholisch“ und alles umfassende – Theologie erweist sich als „weiße“ Theologie, solange sie nicht die Theologie der „Nicht-Weißen“ als zumindest gleichberechtigt ansehen kann und/oder will. („Weißsein“ bedeutet hier nicht nur die Farbe der Haut, sondern vielmehr ein sozio-kulturelle Konditionierung). Eine solche Theologie ist auch genuin sexistisch. Macht und Herrschaft werden damit begründet, an Gottes Stelle (und seinem Sohn!) Macht ausüben zu „müssen“. Und auch die Erlösung allen Übels wird allen Menschen verheißen, wenn sie sich dieser Macht und sich dieser von schwülen Männerphantasien erfundenen Gotteslehre unterwerfen… (siehe auch Dostojewski: Der Großinquisitor, aus „Die Brüder Karamasow“).

Eine imperiale Lebensweise und Herrschaftsform gebiert eine imperiale Theologie - und umgekehrt. Wir sonnen uns gerne darin, auf der richtigen Seite zu stehen, wenn wir uns nur emotional und rational ausreichend betreffen lassen (was sicherlich meist sehr ernst gemeint ist und tatsächlich die Voraussetzung für echtes Engagement, Umkehr und Widerstand ist), leben aber weiterhin auf Kosten der „Müllmenschen“ weltweit (auch lokal).

Wir sind auch Teil einer globalen Bildungselite, die sich auch in der Tat in der Welt umsehen können - Früchte der herrschenden Globalisierung, die einer Minderheit ermöglich „frei und flexibel“ ihr Leben gestalten zu können, u.a. weil uns auch nahezu unbegrenzt alle Ressourcen zur Verfügung stehen, während der großen Mehrheit der Menschen eben dies nicht möglich ist. Was eben die einen zu viel haben, können die anderen nicht auch haben.

Ein Beispiel aus der aktuellen Diskussion um die Amazonas-Synode: Es ist erstaunlich, dass viele Medien sich lediglich auf die Nr. 129 (b) des IL stürzen, in dem es darum geht, ob erfahrene verheiratete indigene Männer zu Priestern geweiht werden können, während sie die übrigen 146 Kapitel übergehen bzw. verschweigen. Warum sind diese Medien so an der eucharistischen Seelsorge im Amazonasgebiet interessiert und verschweigen den Schrei der vom Tod bedrohten Menschen? Ist das nur Zufall? Ist dies nicht ein Ignorieren der Wahrheit? Aber was ist denn die Wahrheit? Wir können nur antworten: Den Schrei der Erde und der Armen hören. Nach der klassischen Theologie (siehe K. Rahner) ist grundsätzlich dies jedem Menschen grundsätzlich möglich. Das ist die Wahrheit des Amazonas.

Welche Folgen es hat, wenn man nicht von den Worten und Taten Jesu ausgeht, sondern von seinen eigenen theologischen Theorien, zeigt sich am Beispiel der „Lehre“ über die Eucharistie und deren aktuelle Praxis:

a) Wir „feiern“ ein rituelles „Mahl“, losgelöst vom Alltag und oft auch von Verpflichtungen gegenüber den Mitmenschen, „ontologisiert“ und daher beliebig. Und weil das Fest der Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei und an das Leben und Leiden Jesu und der Märtyrer in das rein „Innerliche“ oder das „Außerirdische“ abgeschoben wurde, braucht man deswegen einen extra geweihten Mann, ob rein oder unrein, der nun „im göttlichen Auftrag“ und an Gottes Stelle das Brot bricht.

b) Das Leben und Leiden Jesu, seine Worte und Taten, werden eingesperrt in einen goldenen Tabernakel, verbannt zudem in eine dunkle Ecke. Und wer hat den Schlüssel zu diesem goldenen Tresor? Eben…!

Der komplette Artikel: Amazonien – Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie


22. Dezember: Beitrag der Kirchen zur Entwicklungszusammenarbeit in BW

Ein geistlicher Impuls: *

Was kann der spezifisch christliche Beitrag der Kirchen sein? Das, was das Wesen des Christentums ausmacht! Nicht mehr und nicht weniger. Doch was heißt das? Jesus als den Christus bekennen, der uns zur Nachfolge ruft, zu einem Leben in Fülle, das uns allen verheißen ist. Der aufsteht gegen „die Sünde der Welt“ (Götzendienst, sich selbst und seine Bedürfnisse zum absoluten Maßstab machen usw.) und der deswegen konsequenterweise von den „Fürsten der Welt“ gekreuzigt wird. Die eine Kirche Jesu Christi ist die Gemeinschaft all derer, die diesen Jesus als Christus bekennt und ihm nachfolgt. Einige Zitate aus der Kirche der Armen, was damit gemeint sein könnte: „Während wir unsere Kräfte damit vergeuden, den äußeren Prunk für den Kult zu vermehren, leiden viele Kinder Gottes um uns herum an Hunger, Krankheiten und Elend. Der Prunk ist nicht vereinbar mit dem gleichzeitigen Elend des Volkes. Wir müssen verstehen, dass das Christentum den ganzen Menschen betrifft. Wir können das Leben der Frömmigkeit nicht trennen vom alltäglichen Leben. Jemand ist nicht dann ein guter Christ, wenn er zwar täglich die Sakramente empfängt, aber nicht für soziale Gerechtigkeit eintritt“. (1959) „Der Mensch als Kind Gottes steht über der Wirtschaft. Diejenigen, die wirtschaftliche Prinzipien über die Würde des Menschen stellen, hören auf, Christen zu sein“. (1961)

„Einer Situation des Elends gegenüber müssen wir ein Zeugnis tatsächlicher Armut ablegen. Wir Kleriker müssen herausragen aufgrund einer Askese der Armut und wir müssen der Gesellschaft ein Beispiel für die Verwirklichung von großen Werken geben, ohne viel Geld dafür auszugeben. Wir wollen uns vergleichen mit staatlichen Stellen und Institutionen durch den äußeren Anschein von Büros, durch eine Multiplizierung der Versammlungen und Reisen, ohne deren tatsächliche Wichtigkeit zu evaluieren. Wir geben den Anschein, reich zu sein, aber in Wirklichkeit sind wir arm, wenn wir die bischöfliche Würde mit sozialem Prestige oder äußerem Pomp verwechseln. Denn wir sind Nachfolger von einigen armen Fischern aus Galiläa“ (1967 an die peruanische Bischofskonferenz).

„Wir leben in einer Zeit der Euphorie wegen dem Konzil, denn wir spüren, dass die Beschlüsse des Konzils zu einer fruchtbaren Erneuerung führen werden. Das Evangelium hat auch heute noch seine Dringlichkeit und Aktualität wie vor 2000 Jahren. Denn es gab immer Ungerechtigkeiten und die Sünde, aber im Herzen der Menschen brannte auch immer die Sehnsucht nach einer gerechteren Welt, der Durst nach Liebe, Verständnis und Vergebung. Es war kein Zufall, dass Gott Mensch wurde inmitten eines armen Volkes, in einer armen Frau, die sicher nichts Außergewöhnliches war und wie alle armen Frauen eines armen Volkes. Gott wurde geboren noch nicht einmal in einer Herberge, sondern in einem Stall, auf dem Lehmboden bzw. in einer Futterkrippe, arm unter Armen, verachtet. So ist er mitten unter uns in der Form eines geistigen Brotes, damit dieses Brot auch ein materielles Brot für alle werde und damit dieses Brot unter allen seinen Geschwistern gerecht verteilt werde.

Die Glieder des Leibes Christi sind speziell die, die leiden, die Verachteten, die Armen. Solange es sie gibt, leidet Jesus weiter. Solange wir nicht für das Reich Gottes eintreten, solange wir diese Wunden am Leib Christi nicht heilen, werden diese Wunden ewig ans Kreuz genagelt bleiben. Wenn wir nicht für mehr Gerechtigkeit in der Welt eintreten, verraten wir Christus und die dreißig Silberlinge als Lohn des Verrats sind heute unsere Gleichgültigkeit und die Suche nach einem bequemen Leben, während gleichzeitig zwei Drittel der Menschheit im Elend leben. Wenn wir die Welt analysieren, in der wir leben, so ist sie gekennzeichnet durch eine Trennung in Arme und Reiche. Der Reiche ist der, der mehr hat, als er zum Leben braucht. Die Armen sind die, die noch nicht einmal das Notwendigste zum Leben haben und deren fundamentalste Menschenrechte verletzt werden. Heute handelt es sich auch nicht mehr um Arme als Individuen, sondern um ganze Völker“ (1965).

Solche Worte mögen uns heutzutage wieder etwas vertrauter erscheinen – Gott sei Dank! Aber es sind keine Worte von Papst Franziskus, sondern von Bischof Dammert, Peru, aus den 60er Jahren. (Bischof José Dammert Bellido, Weibischof in Lima von 1958 - 1962 und Bischof von Cajamarca 1962 – 1992. Bischof Dammert war Erstunterzeichner des Katakombenpakts und danach der entscheidende Motor dieser Bewegung der „kleinen Bischöfe“, der sich weltweit 600 Bischöfe per Unterschrift verpflichtet fühlten.) Dieser Bischof hat dies auch gelebt und darum hat man ihm geglaubt. Und aus einer Kirche auf der Seite der Mächtigen wurde eine Kirche der „Ohnmächtigen“ – und gerade so zu einem ernstzunehmenden Faktor zugunsten der Ausgegrenzten. Aus einer gotteslästerlich reichen Kirche auf der Seite der Mächtigen wurde eine Kirche der Befreiung…..!

Und wie sieht es mit der Standortbestimmung der deutschen Kirche im globalen Kontext aus? Woran hängt ihr Herz?

Ermutigende Zeichen bei uns:

1.  Spätestens seit Anfang der 80er Jahre führte das Bewusstsein, dass das Überleben der Menschheit als Ganzes in Frage gestellt ist, europaweit zu einer ökumenischen Bewegung: „Kairos - Die Zeichen der Zeit erkennen“. Der Glaube lehrt uns, die Zeichen der Zeit zu erkennen, in ihnen spricht Gott zu uns. Die Zeichen der Zeit müssen im Lichte des Evangeliums gedeutet werden. In der Ausstellung „Kirche der Befreiung“ der Gemeinde St. Georg, Ulm aus dem Jahre 1983 heißt es: „Die bestehende Weltordnung basiert auf dem Recht des Stärkeren und der absoluten Vorherrschaft des Kapitals. Der wirtschaftliche Kreislauf wird allein von den Interessen der reichen Länder bestimmt und führt zu mehr Reichtum unsererseits und zu immer mehr Elend weltweit.“
Wir scheinen vor einem Epochenwechsel globalen Ausmaßes zu stehen: Über Tausende von Jahren hinweg hat die Menschheit bestimmte Verhaltensregeln entwickelt, um die destruktiven Seiten des Menschen einigermaßen zu zähmen und die Gleichheit aller Menschen zu entwickeln (Religionen, Humanismus, Menschenwürde). Doch nun steht dies zur Disposition: „Immer mehr, jeder für sich und einer gegen alle, wer etwas hat, der hat Recht und wer nichts hat, hat bestenfalls Pech gehabt oder ist selbst schuld“, das wird zur Grundregel unseres Wirtschaftens und Zusammenlebens erklärt - ohne jede Alternative. Zurück in die Steinzeit im Namen des Fortschritts? Ihr Gott ist das Geld und die Gier nach immer mehr Besitz und Macht ist die weltweit herrschende Religion.

2.  Die Initiative „Prophetische Kirche“, hervorgegangen aus dem Deutschen Katholischen Missionsrat, veröffentlichte 2011 einen Aufruf, dem sich bundesweit viele Menschen anschlossen. „Wir erleben unsere Welt im krassen Widerspruch zu der Botschaft des Evangeliums: `Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben`. Wir erleben die Zerstörung unseres Planeten, wir sehen das Elend von einer Milliarde hungernder Menschen, die Hoffnungslosigkeit einer Jugend ohne Zukunftsperspektive. Dazu können wir als Christen/-innen und Kirchen nicht schweigen. Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Die Zeit ist reif für ein grundlegendes Umdenken: `Kehrt um!` Der Tanz um das goldene Kalb wird zum Totentanz für Mensch und Natur“. (Aus: „Leben in Fülle für alle! – Aufruf für eine prophetische Kirche“)

3. Eine neue Initiative, in der auch das Ökumenische Netzwerk Württemberg (u.a.) stark vertreten ist, will den Kairos - Gedanken neu aufgreifen: Aus dem Aufruf: „Im ökumenisch-konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung haben die Kirchen die Überlebensfragen der Menschheit zu ihren eigenen gemacht. Die Überlebensfragen haben inzwischen deutlich an Dramatik zugenommen. Die Zeit ist reif, die Fragen des konziliaren Prozesses neu aufzugreifen.“ (Aus: Die Zukunft die wir meinen - Leben statt Zerstörung:  Zur Notwendigkeit einer Ökumenischen Versammlung)

Mit Papst Franziskus werden diese zentralen Themen des Evangeliums wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Dies betrifft auch die Kirche selbst. Themen wie eine „Kirche der Armen“ bzw. eine (materiell) arme Kirche sind eine prophetische Herausforderung an unsere Diözese und an uns alle. Eine jesuanische Spiritualität, die uns in den ausgegrenzten und leidenden Menschen den gekreuzigten Christus entdecken lässt, wird zu einem radikalen Umdenken führen und Welt und Kirche erneuern.

Wir brauchen mehr Theologie/Spiritualität, um von daher die richtige Perspektive gewinnen zu können und seinen eigenen Standort zu überdenken (so auch einer der Erkenntnisse von Busan 2013, ÖRK). Denn Jesus der Christus identifiziert sich mit denen, die aus wirtschaftlichen Interessen um ihr Leben gebracht werden. Ihr Schrei nach Brot und nach Gerechtigkeit ist das Wort Gottes an uns heute.

  • Bedingungslose Option für die Armen (opción por…um der Armen willen) – gegen alles aufstehen, was den Menschen versklavt.
  • Prophetische Kirche: Anklage des Götzendienste - Missstände aufdecken – Verkündigung einer neuen Welt.
  • Wir sind nur glaubwürdig, wenn als arme Kirche der Armen, auf der Seite der Ohnmächtigen; nur wenn es uns als Kirche (Gemeinschaft) gelingt, aus unserem goldenen Käfig auszubrechen und selbst frei zu werden, werden wir als eine Kirche der Befreiung zu dem werden, zu dem uns Jesus der Christus berufen hat: zu Inseln des Lebens inmitten des Todes – zu einem Zeichen des Heils für alle Menschen.

Zum Abschluss das Zitat eines brasilianischen Bischofs. „Wir können mit der Messe, mit den Sakramenten und der Liturgie den Atheismus predigen, wenn wir uns nicht für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen. Die uns im Gotteshaus versammelt sehen, sehen sie uns auch Hand anlegen beim Kampf um die Gerechtigkeit, damit alle unsere Geschwister in Würde leben können?“ Bischof Fragoso wurde wie andere Frauen und Männer eingesperrt und misshandelt – sie sind daher die wahren Zeugen des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. 

Beitrag der Kirchen zur Entwicklungszusammenarbeit in BW – eine abschließende Betrachtung (Schlusswort)

Stichworte: Dass es einen solchen Tag überhaupt gibt, ist sehr gut. Wir kamen zu Ergebnissen und Absprachen. Nicht jeder muss immer wieder alles neu erfinden. Gemeinsame Überlegungen, nicht jeder für sich.

  • Eigentlich wissen wir alles, will heißen, die Probleme sind bekannt. Eigentlich müssten wir vieles anders machen. Doch scheint eine große weltweite Lähmung alles zu überdecken. Was sind die Ursachen für diese Lähmung?
  • Wie können wir uns als Kirchen Gehör verschaffen (nicht um der Kirchen willen, sondern um der Menschen und deren Überleben willen)? In welchem wirtschaftlich-gesellschaftlich-politischen Kontext leben und reden wir als Kirchen?
  • Sind wir als Kirchen denn von der Gesellschaft und ihren herrschenden Werten noch zu unterscheiden? (Oder sollten wir uns ausgerechnet im Thema Sexualmoral unterscheiden, obwohl davon nichts in der Bibel steht)? Und wenn nicht – wer braucht uns denn noch? Es gäbe stattdessen sehr viele grundlegende Bereiche, wo wir uns unterscheiden müssen, wollen wir glaubhaft die Kirche Jesu Christi sein (siehe Impuls von heute Morgen).
  • Das wäre z.B. eine radikale Abkehr von dem herrschenden Wachstumswahn. Stattdessen profitieren die Kirchen (in Deutschland) von dem Zwang, immer mehr produzieren zu müssen, auf Kosten von Mensch und Natur.
  • Eine Kirche (und Theologie), die – de facto – Geld und Finanzen als ihre eigentliche Grundlage sieht, betreibt Götzendienst. Sie ist dem gleichen Wahn verfallen, der zum Untergang führt. Wie glaubwürdig wäre denn eine solche Kirche?
  • Eine Kirche der Armen (wie ansatzweise seit dem Konzil) hat gezeigt, dass durch eine konsequente Verkündigung der befreienden Botschaft und eine entsprechende Praxis die Kirche (die Gemeinschaft aller Menschen, die an Jesus den Messias glauben) zu dem wird, zu dem sie berufen ist: zum Brot des Lebens für alle die hungern und dürsten, sowie zum „Zeichen des Heils“ für alle Menschen.
  • Dafür müssen wir gemeinsam einstehen und handeln. Stattdessen herrschen immer noch parallele oder gar sich ausschließende Strukturen. Angesichts der großen Überlebensfragen der Menschheit und im Kampf für ein „Leben in Fülle“ für alle, interessiert es da noch, was denn nun typisch evangelisch oder typisch katholisch ist? Die wahre Spaltung der Kirchen besteht darin, dass die einen Christen auf Kosten der anderen Christen leben oder auch, dass einige Gruppierungen den Gott Mammon anbeten, während andere, die dagegen aufstehen, verfolgt werden.
  • Lassen wir uns diesen Tag als einen kleinen Schritt auf dem Weg betrachten, den uns Jesus gezeigt hat. Wir dürfen mit ihm gehen (ihm nachfolgen) in der Gewissheit, dass er uns nie im Stich lassen wird.

*Am 11. März 2014 kamen Delegierte der 4 Landeskirchen in Baden-Württemberg (Badische und Württembergische Landeskirche, die Erzdiözese Freiburg und Diözese Rottenburg-S.) in Karlsruhe zusammen. Ich vertrat die Diözese Rottenburg-Stuttgart, zusammen mit dem Missio-Referenten und der Vorsitzenden des Diözesanausschusses "Eine Welt", und wurde gebeten einen geistlichen Impuls und die Abschlussworte zu gestalten.

Im Januar 2013 fand das erste Strategietreffen in Stuttgart statt. Es entstand im Kontext der entwicklungspolitischen Leitlinien der neuen Landesregierung. Bei deren Ausarbeitung spielten die Kirchen eine herausragende Rolle.          Willi Knecht, 19. März 2014


23. Dez.: Eurozentrismus und „Teología india“

Als Koordinator der Studie (1996 - 2004) über die Aufbrüche der Kirche in Lateinamerika wurde ich von der CEHILA, der bischöflichen Kommission der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz für Kirchengeschichte in Lateinamerika, zu einem internationalen Colloquium eingeladen, um die Ergebnisse der Studie vorzustellen. Aus Brasilien nahmen u.a. Paolo Suess und José Oscar Beozzo teil. Das Colloquium fand vom 28.10.–1.11.2002 in Cuernavaca, Mexiko, statt. Dabei wurde die sozialpastorale Arbeit in der (Campesino-) Diözese Cajamarca, sowohl als beispielhaft für die Entwicklung einer befreienden Pastoral in Lateinamerika als auch als notwendig und richtungsweisend für die zukünftige kirchliche Entwicklung herausgestellt und im Schlussdokument entsprechend gewürdigt. Es gab bisher kaum eine wiss. Arbeit zur Kirchengeschichte, in denen die Campesinos im Mittelpunkt stehen oder gar selbst zu Wort kommen. Gerade dies aber ist ein Anliegen von CEHILA. Dies ist umso bedeutsamer, als es sich in der Mehrheit um „Indiogemeinden“ handelte (Campesinos). Die Campesinos haben Geschichte bisher überwiegend „erlitten“ und waren ohne Stimme geblieben. Nun aber wollen sie selbst „Geschichte schreiben“. Dies wurde in den Jahren 1962 - 1992 zusammen mit Bischof Dammert grundgelegt. Dasselbe geschah in gleicher Weise und in enger Verbundenheit (u.a.) in den Diözesen Riobamba, Ekuador (Bischof Leónidas Proaño) und Chiapas (Bischof Samuel Ruiz).

Mein Bericht vom Treffen in Cuernavaca, 2002, zu Zeiten des Hl. Johannes Paul II., mit wörtlichen Auszügen:

-  Man spricht hier oft von der „Iglesia Romana“; die „Theologie“ Roms ist nicht zuerst Theologie. Denn sie steht (bzw., wird missbraucht) im Dienst der Macht, es ist oft eher eine Praxis der Macht und nicht der Theologie.

-  Wir bestehen auf einem wahrhaften Dialog, ohne dass die Europäer die Regeln des Dialogs (oder Diskurses) bestimmen. Wenn z.B. die „Indígenas“ von Gott reden, dann dürfen wir keine Regeln aufstellen, in welcher Form und gemäß welcher Terminologie dies zu geschehen hat - aber genau dies geschieht.

-  Wir sind das Volk und wir machen Theologie; Theologie entsteht aus der Gemeinschaft heraus. Basisvertreter sagen: Theologie an den Universitäten hat oft nichts mit der Realität zu tun, in der das Volk lebt und leidet.

-  Der eigentliche Konflikt mit der „teología índia“ ist der Konflikt zwischen Herrschern und Beherrschten; was nicht eingegliedert (beherrscht) werden kann, ist eine Bedrohung, wird bekämpft - aus Angst. Gleichzeitig wird Geschichte der Conquista nicht aufgearbeitet.

-  Die römische Kirche scheint eher ein Hindernis als ein Verbündeter auf dem Weg zu einer gerechteren Welt zu sein (Widerstand gegen Neoliberalismus). Sie geht nicht von den Opfern aus, bzw. sie thematisiert dies nicht.

-  P. Suess: Die Kirche hat Angst vor dem „Anderen“, vor den Laien, vor den Frauen, vor der Realität (um sie nicht ändern zu müssen) und Angst, ihre Privilegien zu verlieren (auch Angst um die Rolle des Priesters). Kirchliche Neurose“: man malt sich die Realität entsprechend seiner jeweiligen Traumata aus.

-  Die Welt mit den Augen des „Anderen“ und der Opfer sehen; wir sind keine (neutralen) Richter, sondern wir sind „Teil von“ (parteiisch) und stehen in einem bestimmten Kontext.

-  CEHILA will eine Geschichtsforschung aus der Perspektive des Volkes, der Beherrschten (derer ohne Stimme) machen - im Unterschied zur „offiziellen“ Geschichtsschreibung, die eher eine Geschichte der Sieger ist.

-  Das europäische Konzept von Theologie, Philosophie (u.a. dualistisch; entweder - oder; eine Verkündigung von abstrakt abgeleiteten Prinzipien etc.) widerspricht völlig dem Leben und auch der Kosmovision der „Indígenas“. 

Nach einem Besuch in Chiapas, Mexiko 1999, kritisierte der damalige und inzwischen zum „Heiligen“ erhobene Papst die „Teología india“. Diese wurde in der Diözese Chiapas, eine der wichtigsten Zentren dieser Theologie, von Msgr. Samuel Ruiz praktiziert. Der Papst: "Heute denken wir viel darüber nach, die Theologie der Befreiung durch eine indigene Theologie zu ersetzen, was eine andere Version des Marxismus wäre."

Zum 6. Treffen von CELAM, Arbeitsgruppe „Teología india“, am 22. Mai 2019 in Paraguay schrieb aber Papst Franziskus: "Das Christentum kennt nicht nur einzige Kultur, in der die sie die Botschaft verkünden kann. In den verschiedenen Völkern, die die Gabe Gottes je nach ihrer eigenen Kultur hören und leben, drückt die Kirche ihre wahre Katholizität aus und zeigt die Schönheit dieses vielgestaltigen Gesichts. Jede Kultur trägt positive Werte und Gestaltungsformen bei, die die Art und Weise bereichern können, wie das Evangelium verkündet und gelebt wird" (EG 116).

Der Skandal der Inkulturation?

In der Folge des Konzils wurde das Thema der Inkulturation neu gesehen. Die Bischofssynode von 1985 (anlässlich von 20 Jahren Konzilsende) definierte Inkulturation bereits als „eine intime Transformation authentischer kultureller Werte durch ihre Integration in das Christentum und die Etablierung des Christentums in allen menschlichen Kulturen." Dies klang ganz gut und war gut geeignet, in Schubladen abgelegt zu werden. Aber in diesem Jahr wird die Kirche eine Synode über die Herausforderungen des Amazonas abhalten. Die Synode will neue Wege finden, um diese Mission zu vertiefen. Bisher verstand man unter Inkulturation, unsere (abendländische) Theologie den Indigenen verständlich zu machen, immerhin. Aber: „Wir haben versucht, eine indigenistische Kirche zu sein, die indigene Völker als pastorales Objekt betrachtet, aber noch nicht als Protagonisten ihrer eigenen Glaubenserfahrung. Aber das reicht nicht aus. Wir wissen jetzt, dass wir noch einen Schritt weiter gehen müssen: Wir müssen eine indigene Kirche fördern." (Kardinal C. Hummes, Generalberichterstatter der Synode, Interview mit „La Civiltá Cattolica“).

Inkulturation und Menschwerdung, beides hängt ganz eng zusammen und die Menschwerdung Gottes ist ein zentraler Inhalt christlichen Glaubens. Die Erkenntnis, dass "keine Kultur das Geheimnis der Menschwerdung und Erlösung Christi erschöpft" ist unvereinbar mit dem bisherigen Eurozentrismus in der Theologie und der weltkirchlichen Praxis. Was heißt „europäische Kultur“? Benedikt XVI.: "Die Kultur Europas wurde aus der Begegnung zwischen Jerusalem, Athen und Rom geboren; der Begegnung zwischen dem Glauben an den Gott Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem rechtlichen Denken Roms." Sokrates, Cicero und Jesus als Grundlage unseres Glaubens? Es war die „Pax Romana“, der Jesus und viele seiner Anhänger zum Opfer gefallen sind. Mit der Kolonialisierung der Welt hat sich diese Kultur dann in der ganzen Welt verbreitet und von daher kommt ihr Anspruch auf eine angebliche Universalität.

Im Kapitel mit dem Titel „Ein Volk mit vielen Gesichtern" begründet EG theologisch die Möglichkeit eines multikulturellen Christentums und weist mit Nachdruck ein monokulturelles Verständnis zurück. Sinngemäß: Wir können nicht so tun, als ob die Völker aller Kontinente, indem sie den christlichen Glauben zum Ausdruck bringen, die Wege, die die Völker Europas an einem bestimmten Punkt der Geschichte gefunden haben, übernehmen müssten. Denn der Glaube kann nicht in die Grenzen des Verständnisses und Ausdrucks einer Kultur eingeschlossen werden (EG 116-118). Vieles deutet daraufhin, dass viele Widerstände gegen Franziskus und die Synode darauf beruhen, nicht von diesem Eurozentrismus lassen zu können. So ist man z.B. eher bereit, christlichen Gemeinschaften die Feier der Eucharistie vorzuenthalten, als die „Kleiderordnung“ zu ändern.

Selbstverständlich können und wollen indigene Kulturen und Lebensweisen ebenfalls nicht den Anspruch auf universelle Gültigkeit erheben. „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es reichlich haben", sagte Jesus (Joh10,10). Die Ureinwohner des Amazonas haben mit ihrer angestammten Weisheit eine Lebensweise gefunden, die sie das "gute Leben" nennen. Wie das Vorbereitungsdokument hervorhebt, ist es ein Verständnis des Lebens, das durch die Verbindung und Harmonie der Beziehungen zwischen Wasser, Territorium und Natur, Gemeinschaftsleben und Kultur, Gott und den verschiedenen spirituellen Kräften gekennzeichnet ist. Und auch für diese Kultur gilt: Erst Christus führt das indigene "gute Leben" zur Vollendung, ein Christus mit indigenem Gesicht, der indigenen Weisheit, der alle Möglichkeiten "guten Lebens" verkörpert und diesen Menschen eine Gemeinschaft anbietet, die dieses "gute Leben" zu einem Leben in der verheißenen Fülle des Lebens werden lässt.

(Siehe auch den meinen Beitrag in „imprimatur“ 3/2017: „Der Glaube und die Kultur der Menschen in den Anden“ (Cosmovisión andina). Im Vorwort der Redaktion heißt es: „In seinem Beitrag wirft Willi Knecht u.a. die Frage auf, inwieweit die spirituellen Grundlagen der andinen Kultur Auswege aus der Sackgasse aufweisen könnten, die uns die „Kosmovision“ (Philosophie, Theologie, Wirtschaft) des christlichen Abendlandes weltweit geführt hat.

Dazu mehr auf meinen Webseiten: Der Glaube und die Kultur der Menschen in Cajamarca (in den Anden)

Achtung: 2. Kapitel (55 Seiten, mit 101 Anmerkungen) aus meiner Dissertation (2004).


24. Dez.: Die Geburt von Jesus, dem Messias

            Conclusio: (als eine Art Schlussfolgerung)

a)  Diejenigen, die am meisten verachtet werden, wie die Campesinos von Bethlehem, sind die Ersten, die die Botschaft von einem Neuen Himmel und einer Neuen Erde hören. Sie brechen auf, machen sich auf den Weg und entdecken ihren Retter und Befreier. Das heißt: Menschwerdung (seiner Berufung gerecht werden) in der Nachfolge Jesu.

b)  Menschwerdung und Auferstehung: Die Gemeinschaft der Jünger*innen von Jesus dem Christus entlarvt die herrschenden Götzen und deren Diener. Im Widerstand und Aufstehen gegen die Menschen verachtenden Ungerechtigkeiten geschieht Auferstehung. Ziel: Ein Leben in Würde für alle - vorrangig für diejenigen, denen diese Würde vorenthalten bzw. geraubt wird – im Rahmen der planetarischen Grenzen unserer „Mutter Erde“.

„Diejenigen, die am meisten verachtet werden, die Hirten von Bethlehem, sind die Ersten, die die Botschaft von einem Neuen Himmel und einer Neuen Erde hören. In der finsteren Nacht einer langen Geschichte öffnet sich ihnen der Himmel und steigt zur Erde hinab. Das Licht dringt in die Herzen der Menschen ein und zeigt ihnen den Weg. Sie folgen dem Stern und sie gelangen zu einer Hütte. Dort entdecken sie in einer Krippe ihren Retter und Befreier - während die Weisen von Jerusalem und die Mächtigen von Rom und deren Statthalter weder diese Botschaft hören noch den Stern sehen können, weil sie sich selbst für das Licht halten.“ (Willi Knecht, 1999)

   Geburt Jesu           >              Leonardo

Lucy Jochamowitz: Geburt Jesu                               Leonardo Herrera: Auferstehung in “Vamos Caminando” (1976)                                  (Bambamarca 1978)

Oscar Romero: * „Ich denke, wir haben das Evangelium sehr verstümmelt. Wir haben versucht, ein sehr angenehmes Evangelium zu leben, ohne unser Leben aufzugeben, in selbstverliebter Frömmigkeit, ein Evangelium, das uns selbst gefiel.“ (Predigt, 19. 6. 1977). *zu Oscar Romero: Zum 30. Todestag seiner Ermordung und Oscar Romero beim Papst