Zur "Theologie der Befreiung"

Zur "Theologie der Befreiung" (TdB)

Der Begriff "Theologie der Befreiung" stammt von Gustavo Gutiérrez - zuerst 1969 auf einem Kongress in Chimbote, Peru, dann als Titel seines Buches "Teología de la liberación" (1972). Wie er aber selbst immer wieder sagte, wäre er nicht zu dieser Theologie gekommen, wenn er nicht selbst bereits in einer befreienden Praxis gelebt und mitgewirkt hätte. Das heißt: er hat am eigenen Leib erfahren, was die Menschwerdung Gottes inmitten der Ausgestoßenen für diese bedeutet, ebenso ihre Passion, ihren gewaltsamen Tod (weil man sie um ihr das von Gott verheißene Leben bringt) und ihre Auferstehung als Mensch inmitten einer von Jesus dem Christus inspirierten Gemeinschaft, die um ihre Rechte und um die Würde jedes Einzelnen kämpft. Und diese vom Geist Jesu und seiner Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes geprägte befreiende Praxis hat er nicht nur in den Elendsvierteln Lima erfahren, sondern vor allem inmitten der Campesinos von Cajamarca. Denn dort war seit 1963 eine völlig neue Praxis der Kirche im Entstehen (siehe u.a. Cajamarca als Beispiel einer erneuerten Kirche und (u.a.) Medellín.

Bischof José Dammert, von 1962 -1992 in Cajamarca, war sein "geistiger Vater", bei dem er in die Lehre ging (wie er selbst sagte). Dammert war u.a. die treibende Kraft der Bewegung der "Kleinen Bischöfe" - siehe Katakombenpakt. In dieser Diözese wurden Geist und Beschlüsse des Konzils beispielhaft in die Praxis umgesetzt, eine erneuerte Kirche und auf der Seite und inmitten der Armen erschien "plötzlich" möglich..... (siehe "Bischöfe des Konzils" auf www.cajamarca.de).

Ich persönlich spreche eher von einer Praxis oder Kirche der Befreiung. Denn es ist nicht die Theologie die befreit, sondern eine ganz konkrete Praxis, die sich am Glauben und der Praxis Jesu orientiert, die sich z.B. mit allen Menschen, besonders den Bedürftigen an einen Tisch setzt und mit ihnen das Brot teilt, d.h. alles, was der Mensch zum Leben braucht und so selbst zum "Brot des Lebens" für andere wird. Es geht eher darum, die Theologie (in ihrem europäischen Kontext) zu befreien, also für eine "Befreiung der Theologie" zu kämpfen - eine Befreiung von ihrer Vergangenheit als Stütze und Rechtfertigung schlimmster Verbrechen im Namen des "christlichen Abendlandes". Und diese Geschichte reicht bis in die Gegenwart:

Da die Euro-Theologie notorisch weltfremd und apolitisch ist, kann und will sie nicht wahrnehmen, wer der eigentliche Gegner ist: ein von Menschen so gewolltes System, das die niedrigsten Instinkte, die Gier und das immer mehr Haben und Sein (Gott sein) wollen, zur obersten Maxime und Grundlage allen Handelns gemacht hat. Ihr Gott ist das Geld, bzw. sie selbst. Dieses weltweit und zuerst von christlichen Europäern (seit Beginn der Neuzeit) installierte System ist inzwischen so mächtig und weltweit „alternativlos“, dass es die ganze Menschheit in Geiselhaft nehmen kann. Medellín und die Theologie der Befreiung klagen dies an und verkünden wie Jesus und die Propheten eine befreiende Alternative – mit allen bekannten Konsequenzen für ihr Leben.

In unfertigen Stichworten:

1. Die TdB wird – oft auch von ihren Sympathisanten - reduziert auf exotische, anregende Folklore in armen Ländern. In Wirklichkeit ist sie aber Theologie in ihrer Ganzheit, in ihrer Fülle, sie ist DAS Original, vom Ursprung, dem Evangelium her, weil sie von der Praxis Jesu ausgeht und in der Tradition der ersten Martyrer und Zeugen der Auferstehung steht; weil sie prophetisch und solidarisch mit den Opfern ist (Anklage und Verkündigung).

2. Das Konzil wird als Übergang von der „Reichskirche“ des letzten Jahrtausends und als Anknüpfen an die verschütteten, verdrängten, authentischen Überlieferungen der ersten 3 Jahrhunderte verstanden. Die 2. Lateinamerikanische Bischofskonferenz in Medellín 1968 gilt als die Weiterführung und Konkretisierung des Konzils inmitten eines ganz konkreten Umfelds (Unterdrückung, Elend usw.). Die daraus entstandene TdB ist die Weiterentwicklung des Konzils im neuen Kontext, im Kontext unterdrückter Völker, der Opfer und der Ausgestoßenen. Sie hat auch Gültigkeit und ist Maßstab für die "reichen Völker" und die europäische Kirche - nicht nur weil wir immer zuerst als Kirche Jesu Christi eine katholische (weltweite) Kirche sind und wir diese Welt, ihre Wirtschafts- und Finanzordnungen aus der Perspektive der Opfer zu betrachten haben, sondern auch weil wir als Europäer (christliches Abendland inklusive das "weiße" Amerika) für die Zerstörung von Mensch und Natur vorrangig verantwortlich sind.

3. Die Tdb ist die erste nichteuropäische Theologie (von vorderasiatischen und afrikanischen Ursprüngen abgesehen). Ihr Ausgangspunkt ist nicht der Standort der Sieger, der Eroberer und der "Fürsten dieser Welt". Sie ist die Theologie (eher Aufschrei und Ruf nach Gerechtigkeit und Respekt) des Volkes Gottes, das sich auf den Weg der Befreiung aus der Sklaverei befindet. Sie steht in der Tradition der Propheten, von Moses bis zu dem Messias und gegen die Herrschaft der Tempelpriester, der Theokratie Jerusalems und Roms (damals und heute) Denn für Jesus den Christus stand nicht „Jerusalem und der Tempel “ im Mittelpunkt, sondern der konkrete Mensch, der unter die Räuber gefallen ist, denn dieser der wahre Tempel Gottes. Die Tdb ist daher nicht kompatibel mit der Theologie der Schriftgelehrten und des Hohen Rates, der Kollaborateure mit dem Imperium Romanum (Americanum) - damals wie heute.

4. Eine Analyse aus der Sicht der arm Gemachten und Unterdrückten und eine entsprechende Deutung im Lichte des Evangeliums zeigt, dass die herrschende Unordnung in dieser Welt von ganz bestimmten Menschen (darunter viele "Christen") aus ganz bestimmten Interessen genau so gemacht wurde, wie sie ist: als ein Monster, das immer mehr Menschen und ganze Völker verschlingt. Es ist eine Situation, "die zum Himmel schreit", eine "strukturelle Sünde" (Bruch mit Gott und der menschlichen Gemeinschaft, Medellín 1969). Diese Situation hat sich bis heute verschärft und erheblich beschleunigt - spätestens seit Beginn der 80er Jahre durch die gezielte Entfesselung der (Finanz-) Märkte und deren Verehrung als oberste Gottheit - absolut und alternativlos.

5. Die klassische europäische Theologie (von Augustinus, über Thomas von Aquin, die Conquista und Kolonialisierung bis zum 20. Jh.) diente stets der Rechtfertigung von Macht und Herrschaft, von Kriegen, Eroberungen und Zerstörung anderer Kulturen - bis hin zu Völkermord. Ihre Theologen wurden so und sind es noch zu „Hoftheologen des Pharao“. Denn die europäische Theologie bewegt sich immer noch im Kontext des "Imperiums", der reichsten Länder, wie zu Zeiten Konstantins und Augustinus. Deswegen ist sie nicht in der Lage, die herrschenden Götzen (siehe oben) als solche zu entlarven, geschweige zu bekämpfen. Denn sie ist Teil desselben. Zudem befindet sie sich aktuell in "römischer Gefangenschaft". Denn Rom (Papstkirche) denunziert alle als gottlos, die gegen die herrschenden Missstände und gegen diesen Götzendienst und gegen die Mächte des Todes aufstehen - weil sie angeblich aus eigener Kraft eine bessere Welt errichten wollen. Wie sollen aber diese Hoftheologen des Pharao (mit Mitra) dem versklavten Volk Gottes den Weg in die Befreiung weisen können?

6. Ihren aktuellen Höhepunkt und Krönung findet diese Art europäischer Theologie in Josef Ratzinger (Papst „Benedikt der Weiße“) und seinen Hofpredigern. Konkret bedeutet dies, dass Propheten wie Helder Camara, Oscar Romero, viele andere und Millionen von "namenlosen" Christen buchstäblich zum Abschuss freigegeben wurden und werden. Denn Johannes Paul II. und sein Chefideologe haben bewiesen, dass sie lieber mit kriminellen Geheimdiensten und deren Killern als mit den Märtyrern zusammen arbeiten. Siehe u.a.: Zum 30. Todestag der Ermordung von Oscar Romero und En memoriam Oscar Romero (mit Fürbitte für Johannes Paul II.). auf www.cajamarca.de

7. Die Papstkirche hat vor allem deswegen (u.a.) jede Autorität verloren. Ihr Sprechen z.B. von Tod und Auferstehung Jesu Christi ist angesichts ihrer Praxis eine Gotteslästerung (siehe auch die "Jesusbücher von Ratzinger). Um zu ihren eigentlichen Aufgaben zurückzukehren, müsste sich die europäische Theologie zuerst von dieser unheilvollen Vergangenheit und immer noch aktuellen Komplizenschaft mit den Mächtigen befreien (auch verschämtes Schweigen bedeutet Komplizenschaft!). Es geht um eine „Befreiung der Theologie“. Es ist nicht mehr hinnehmbar, dass seriöse Theologen, die um den heidnisch-griechischen Ursprung der Theologie Ratzingers wissen, nicht dagegen aufstehen.

8. Theologie als TdB ist die Reflexion über eine befreiende Praxis (siehe Genese der Lehre von der Praxis und den Ursprüngen her). Eine „europäische Theologie der Befreiung“ ist daher immer nur eine abgeleitete Theologie und keine authentische Theologie, wenn sie nicht ihren Standort wechselt. Nichts desto weniger wäre sie gerade auch bei uns notwendiger denn je - angesichts einer zunehmenden und systembedingten Verkommerzialisierung bis in die letzten Winkel der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes hinein (und dies korrespondiert mit einem Vordringen bis in die letzten Winkel der Erde). Wenn eine Theologie aber keine Grundlage in einer befreienden Praxis hat, kann sie bestenfalls berichten und hat aus sich heraus keine Autorität. So wird z.B. das Gerede über die Frage, warum Jesus getötet wurde, zum hohlem Geschwätz derer, die noch nicht mal die geringste Ahnung davon haben, was es bedeutet, die Gerechtigkeit Gottes inmitten einer zutiefst ungerechten Welt zu verkünden. Sie hätte daher diese Autorität und Glaubwürdigkeit nur als Stimme bzw. im Auftrag der Armen - was immerhin ein erster Schritt wäre.

9. Eine Kirche der Armen bzw. Kirche der Befreiung ist eine wahrhaft katholische, weltweite Kirche, da von allen Armen dieser Welt ausgehend. Deswegen ist sie als Kirche der Armen auch die Voraussetzung für die „Rettung (Heil) der Reichen“. Die Kirche der Armen ist zwar nicht identisch mit der "Einen Kirche Jesu Christi", aber die Kirche der Armen ist authentisch in der Kirche Jesu Christi vertreten ("subsistit in"). Sie steht in der direkten Nachfolge Jesu und zeigt so, wie und was Kirche (die Gemeinschaft all derer, die an Jesus den Christus glauben) ist. Denn sie geht von den weltweit Ausgegrenzten aus, von denen, die unter die Räuber gefallen sind. Sie stellt die Menschen in den Mittelpunkt, mit denen sich Jesus vorrangig solidarisierte. Deshalb werden die Armen uns, den Reichen, zum Heil, weil sie schon doch ihre bloße Existenz die bestehende Ungerechtigkeit aufdecken und zur Umkehr auffordern und diese ermöglichen.

10. Die Reichen, inklusive Theologie und Kirche im Kontext der Reichen, werden nicht ausgeschlossen, vielmehr aufgefordert zu HÖREN und in der „Mitte des Monsters“ für weltweite Gerechtigkeit zu kämpfen. Ihre Option ist die Umkehr (Standortwechsel). Es sind die Menschen, mit denen sich Jesus vorrangig solidarisierte, die uns den Weg zeigen. Und sie wollen und können dies auch, weil Gott mitten unter ihnen Mensch wurde, mit ihnen feierte, trauerte, konsequenterweise getötet und deshalb von Gott auferweckt wurde. Sie sind daher die authentischen Zeugen der Gegenwart Gottes unter den Menschen, seines Leidens, seines Todes und seiner Auferstehung. Sie sind die Offenbarung Gottes heute, ihr Schrei nach Gerechtigkeit ist der Ruf Gottes an uns (siehe "Kirche der Armen"). Dies zu hören und in der gepeinigten Kreatur das Antlitz des Gekreuzigten zu erkennen - das wäre dann wahrhaft christliche Spiritualität.

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