Studie und Promotion

„Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen“

Studie über die Aufbrüche in der Kirche Lateinamerikas infolge des Konzils

(aufgezeigt am Beispiel der Diözese Cajamarca, Peru)

Anlass der Studie

Die Campesinos und alle ausgegrenzten Menschen in der Diözese Cajamarca entdeckten während der Amtszeit von Bischof Dammert (1962 - 1992) und dessen Einsatz für die Armen, dass sie eine unvergleichliche Würde und unveräußerliche Rechte haben. Deutsche Gemeinden hatten das Glück, diese Menschen auf ihrem Weg hin zu einer gerechteren Welt begleiten zu dürfen.

Unmittelbarer Anlass der Studie war ein Brief des neuen Bischofs von Cajamarca (1993) mit der Aufforderung an alle Partnergemeinden in Deutschland, die Spenden an die Partnergemeinden ab sofort auf sein Konto zu überweisen. Bestärkt durch persönliche Besuche und durch Berichte aus den Partnergemeinden wurde im Laufe der Zeit immer deutlicher, dass der neue Bischof zerstören will, was seit 1962 aufgebaut wurde. Die Armen zählen nun nichts mehr. Die deutschen Gemeinden aber wollen den Kontakt mit den Armen nicht nur nicht aufgeben, sie wollen mit ihnen weiterhin den Weg gehen, der aus der Gefangenschaft und Sklaverei herausführt in eine Welt, in der jeder Mensch ein gleiches Recht auf die ihm von Gott verheißene Fülle des Lebens hat. Aus christlicher Sicht bedeutet dies, dass die Armen, ihre Bedürfnisse und ihr Hunger nach Gerechtigkeit und nach Gott im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen. Sowohl die Basisgruppen in Cajamarca als auch die deutschen Partnergruppen wollen es nicht einfach hinnehmen, dass ihnen dieser Weg verbaut wird. 

Inhalt und Zielsetzung

Am Beispiel der Diözese Cajamarca soll gezeigt werden, wie durch die Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Pastoral und Theologie entstand, die zu einem neuen Aufbruch in der lateinamerikanischen Kirche führte. Durch diese Studie soll im Sinne einer "memoria subversiva" das prophetische Zeugnis vieler Laien und Priester in Erinnerung gehalten werden: Die befreienden Erfahrungen der Armen als Orientierung für die Zukunft. 

Vieles, was seit 1962 in der Kirche Cajamarcas (und Lateinamerikas) geschah, ist ohne die Einflüsse und Anregungen von Europa nicht erklärbar, zumindest gibt es starke europäische Anteile an diesem Prozess der Befreiung. Diese meist partnerschaftlichen Beziehungen bilden das Fundament einer wahrhaft universellen Kirche. Die Studie soll dies begründen und dokumentieren.

Wenn unsere Partner eine solche Studie angesichts weitreichender und weltweiter Veränderungen in der Kirche für notwendig halten, dürfen wir sie nicht im Stich lassen. Wir sind es unseren Partnern schuldig, ihre Interessen zu Gehör zu bringen und ihnen weiterhin unsere Solidarität zu bezeugen.

Die Studie soll - auch aus deutscher Sicht - die Veränderungen in unseren Partnerkirchen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil dokumentieren und analysieren (darunter auch der Beitrag der deutschen Seite und deren Veränderungen innerhalb dieses Prozesses). Dies richtet den Blick auf die deutschen Partnergemeinden: Wie und was hat sich bei ihnen in und durch die Partnerschaft verändert, welche Bewusstseinsprozesse wurden ausgelöst, vor allem aber, ob und wie hat dies die Praxis im Gemeindealltag verändert? Die Studie soll eine praktische Hilfe („Handreichung“) anbieten für unsere Gemeinden - positive und negative Erfahrungen, Motivationen für die Partnerschaft, Bezug zur „Lebendigen Gemeinde“ und „Neuevangelisierung“, Verbindung von Glauben und Politik (Wirtschaft) etc. Ebenso soll auf dem Hintergrund der gemachten Erfahrungen eine theologische Begründung von Partnerschaften erarbeitet werden.

Die Studie hat die drei Grundintensionen:

  • Angesichts der Veränderungen in der lateinamerikanischen Kirche geht es darum, ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen und auch unsere Partner darin zu bestärken.
  • Aus Treue unseren Partnern (Option für die Armen!) gegenüber sind wir verpflichtet, ihnen unsere - auch wissenschaftliche - Hilfe anzubieten, ihre Stimme zu sein.
  • Unsere Gemeinden brauchen - wollen sie „Licht auf dem Berge“ sein - die Zeugnisse gelebten Glaubens, als Gemeinde und individuell.

Beteiligte

  • Die Studie entsteht in enger Zusammenarbeit mit den Gemeinden hier und dort, sie ist nicht zuerst „universitär“, sondern sie hat ihr Fundament in der Basis. Hier wie dort werden Gemeinden befragt, begleitet, motiviert. Dazu werden Archive ausgewertet (Briefwechsel etc.), ebenso die entsprechenden Dokumente der Kirche. Erfolge und Misserfolge der Partnerarbeit sollen analysiert werden. Von entscheidender Bedeutung ist die Stimme der Betroffenen, der Campesinos. Sie selbst sollen zu Wort kommen und uns den Grund ihres Leidens und den Grund ihrer Hoffnung mitteilen.
  • Den wissenschaftlichen Rahmen der Studie bilden die Universitäten Würzburg (Fundamentaltheologie, Prof. Dr. Elmar Klinger), Tübingen (Praktische Theologie, Prof. Dr. Ottmar Fuchs) und das Instituto Bartolomé de Las Casas in Lima, Leitung Gustavo Gutiérrez, wiss. Mitarbeiter: Luís Mujica, Lima.
  • Koordinator der Studie und Verfasser der Abschlussarbeiten: Willi Knecht z.Z. als wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie in Würzburg.

„Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen in Peru“

LIT Verlag, 360 Seiten, Preis: 29,90 Euro: http://www.lit-verlag.de/isbn/3-8258-8900-9  - Inhaltsangabe und  Buchumschlag

Unter diesem Titel ist am. 25 Oktober 2005 mein Buch über „die Kirche von Cajamarca“ erschienen. Zugrunde liegt meine Dissertation bei Prof. Dr. E. Klinger, Fundamentaltheologie, Würzburg. Neben einer Präsentation der Diözese Cajamarca, einem Kapitel  über Glaube und Kultur der Menschen von Cajamarca und einem Kapitel über Bischof Dammert und seine soziale und pastorale Arbeit, steht die Gemeinde San Carlos de Bambamarca im Mittelpunkt meiner Arbeit. Bambamarca war das Pilotprojekt von Bischof Dammert. Hier zeigt sich konkret, wie alles begann, was der Ausgangspunkt, die Methoden und die Zielsetzungen waren, wie sich das Leben vieler Menschen änderte, ihr Gottes- und Weltbild, wie sie von Objekten zu Subjekten wurden, wie neue  Glaubensgemeinschaften entstanden und sich Kirche bildete. Dies lässt sich u.a. daran aufzeigen, was als logische Konsequenz aus der Begegnung mit der Bibel (z.B. die Entdeckung, dass Gott unter den Campesinos von Bambamarca Mensch wurde, dass er mit ihnen lebt und leidet) entstanden ist. Zuerst eine Kooperative; dann das Entstehen von basisgemeindlichen Strukturen überall auf dem Land mit über 200 beauftragten Katecheten; der „Despertar“, aus dem heraus sich die Idee eines Glaubensbuches (Vamos Caminando) entwickelte; das Entstehen der Ronda; der Landbibliotheken; der Campesinoschule „Alcides Vásquez“  und von über 100 Frauengruppen auf dem Land. Es folgt ein chronologischer Überblick über die Jahre 1962 - 1992 in Bambamarca. 

Da Bambamarca das Pilotprojekt von Bischof Dammert war, steht diese Gemeinde unter dem Titel  Das Evangelium der Bauern von Bambamarca  im Mittelpunkt dieser Arbeit. Wichtigstes Kriterium meiner nun vorliegenden Arbeit war, dass die Campesinos selbst authentisch zu Wort kommen. Ich konnte seit 1997 die Campesinos von Bambamarca stetig begleiten (nachdem ich bereits als Pastoralreferent von 1977 - 1980 in Bambamarca war), sie überließen mir bis 2002 ihre gesammelten Dokumente und eigenen Umfragen und umgekehrt konnte ich sie in ihrem Bemühen unterstützen, selbst ihre eigene Geschichte zu schreiben. Dieser ihr eigener Beitrag liegt nun vor (wird von mir übersetzt werden).

Meine Arbeit über „die Kirche von Cajamarca“ hat bereits erste Früchte getragen. In Peru und darüber hinaus wird zunehmend die Bedeutung der Entwicklung in Cajamarca unter Bischof Dammert gesehen und gewürdigt. Lateinamerikanische Kirchenhistoriker und Theologen werten die Arbeit in der Diözese Cajamarca als eine exemplarische Umsetzung des Anliegens und des Geistes des Konzils (und Medellíns). Meine Arbeit über Bischof Dammert wurde in verschiedenen lateinamerikanischen Zeitschriften veröffentlicht. Dies ist nun umso wichtiger, da nun genau 40 Jahre nach Beendigung des Konzils und unter einem deutschen Papst, zunehmend das Konzil in Frage gestellt wird (siehe vorhergehenden Beitrag). Daher gilt es anhand konkreter Beispiele zu zeigen, was eine Erneuerung der Kirche im Sinne des Konzil konkret für die Menschen „bringt“, bzw. was es gerade für die Ärmsten bedeutet, wenn z.B. die zentrale Option für die Armen (und damit die Praxis Jesu) nicht mehr im Mittelpunkt steht. Es gibt weder in Peru noch in Deutschland eine Arbeit, in der derart ausführlich, konkret und von den Armen ausgehend aufgezeigt wird, zu was eine authentische Verkündigung der Botschaft von Jesus dem Christus führt.


Zur Bedeutung der Kirche von Cajamarca - dazu mehr in:

Die Diözese Cajamarca unter der Leitung ihres Bischof Dammert besaß internationales Ansehen. Die Arbeit der Diözese Cajamarca wurde international bekannt, Werke aus Cajamarca u.a. in Deutschland übersetzt (z.B. Vamos Caminando). Die Sozialpastoral und die Kirche in Cajamarca gelten zusammen mit der in Recife (Helder Camara) und Riobamba (Leonidas Proaño) als Modell einer einheimischen Kirche auf der Seite der Armen. Der peruanische Kirchenhistoriker J. Klaiber bezeichnet die sozialpastorale Arbeit in der Diözese Cajamarca als das beste Beispiel in Peru für die Umsetzung der Beschlüsse und vor allem des Geistes des Zweiten Vatikanischen Konzils. CEHILA (Zentrum für lateinamerikanische Kirchengeschichte) wählte für eine neue Dokumentation (Nueva Patrística de América Latina) Bischof Dammert und die Diözese Cajamarca als Beispiel gebend für den ganzen Kontinent aus. Als charakteristisches Merkmal der Erneuerungen des Konzils gilt in der Interpretation der Campesinos die Entdeckung der Kirche als das (unterdrückte) Volk Gottes, das sich im Kontext von Geschichte und Gegenwart auf dem Weg zu einer integralen Erlösung und Befreiung befindet - begleitet und geleitet von Jesus dem Christus, der inmitten der Armen „zur Welt kam“, unter ihnen lebt, leidet und aufersteht. 

Daher sind Aussagen des Nuntius in Peru (März 2005), die ja im Zusammenhang mit der Praxis sowohl von Bischof Dammert als auch von Bischof Simón zu sehen sind, von exemplarischer Bedeutung. Es geht schlicht und einfach darum, welche Bedeutung dem Konzil und den nachfolgenden und Weg weisenden Beschlüssen der lateinamerikanischen Kirche seitens der römischen Administration (seit 1978) noch beigemessen wird. Bereits 1979 kam es im Zusammenhang mit "Vamos Caminando" zu einer heftigen Konfrontation zwischen der Diözese Cajamarca (Dammert) und Kardinal Ratzinger (siehe: Kardinal Josef Ratzinger und der Glaube der Campesinos). Gerade auch deswegen ist das Beispiel Bambamarca von aktueller Bedeutung.

Der Nuntius in Peru (wohl in Stellvertretung) nimmt die Ergebnisse einer erneuerten Kirche als Folge des Konzils nicht nur nicht wahr, sondern er dämonisiert sie, ohne sie wirklich zu kennen. Er bringt den „Zerfall“ der Kirche von Cajamarca unter Dammert direkt mit den Erneuerungen des Konzils in Zusammenhang, als direkte Folge des Konzils. Er stellt sich mit seinen Aussagen daher gegen das Konzil und feiert einen Bischof (Simón Piorno), der mit dem expliziten Auftrag (eigene Aussage von Bischof Simón) nach Cajamarca geschickt wurde, in der Kirche von Cajamarca die - vorkonziliare - Ordnung wieder herzustellen. Die neuen Priester von Bambamarca, im Auftrag des Bischofs: „Wir müssen alles ausreißen, was von Dammert gesät wurde“. 

Stand moderner Theologie ist aber, dass das Konzil die höchste Autorität der Kirche ist, es quasi dogmatischen Charakter hat (in seinen Grundanliegen und Grundaussagen, besonders die dogmatischen Konstitutionen „Gaudium et Spes“ und „Lumen Gentium“) - und dies gilt für jeden Bischof und auch für den Bischof von Rom. Es scheint aber, dass Kardinal Josef Ratzinger das II. Vatikanum nicht wirklich verstanden und nachvollzogen hat. Nun will und kann er als Papst den Restaurationsprozess der katholischen Kirche abschließen, um das Werk seines Vorgängers zu vollenden (wie er es gerade selbst gesagt hat, Interview am 20. 10. 2005). Er hat nun die Mittel, seine rein persönliche Interpretation des Konzils gegen alle seine theologischen Widersacher (Bischöfe und Theologen, besonders in Deutschland) durchzusetzen. Dazu fühlt er sich von seinem Vorgänger direkt unterstützt, quasi direkt vom Himmel aus.

Doch das „Programm“ eines Bischofs ist nicht beliebig. Es geht nicht um irgendeinen Bischof, das wäre rein personalistisch gedacht, sondern es geht um die Grundausrichtung der gesamten Kirche. Diese hat sich im Konzil neu ausgerichtet und daran hat sich jeder Bischof zu halten. Nur wer sich daran hält, ist der Kirche treu. Wer auf diesem Weg hin zu einer größeren Gerechtigkeit und Barmherzigkeit mit den Armen geht bzw. sich von ihnen den Weg zeigen lässt (weil Jesus mit ihnen auf dem Weg ist), der ist dieser Kirche, der Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu, treu. Wer dieser Gemeinschaft, besonders aber den Ärmsten, Steine in den Weg legt, sie gar de facto ausschließen will oder sie zumindest nicht wahrnehmen kann oder will, der wird dies vor seinem Gott verantworten müssen. Jesus als Christus und die Armen wissen, wer sie auf ihrem Weg begleitet.

Im "Kreuzweg von Bambamarca" wird deutlich, wie dieser Weg aussieht, welches Fundament er hat und wohin er führt.


Brief an Publik-Forum mit der Bitte um Buchhinweis (blieb ohne Antwort):

Seit ziemlich genau 30 Jahren bin ich mit Cajamarca/Peru „verheiratet“, seit ich Ende 1976 nach Cajamarca (genau: in die Pfarrei Bambamarca) kam. In „spätem“ Alter habe ich 2004 promoviert (Fundamentaltheologie bei Elmar Klinger, Würzburg), die Dissertation erschien Ende 2005 als Buch:

„Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen in Peru.“

In dem Buch geht es um die Entstehung einer befreienden Praxis - geschrieben aus eben dieser Praxis heraus und nicht über - ausgehend von den Erfahrungen der Campesinos und angestoßen von dem Aufbruch infolge des Konzils. Auf die aktuelle theologische Diskussion bezogen geht es um eine den Armen gerecht werdende Interpretation des Konzils. Deutlich wird der Konflikt zwischen einem europäisch inkulturiertem Christentum der Sieger und einer Praxis und Option, die ausgehen von den Opfern an den "Rändern der Welt". Oder: der Konflikt zwischen einem verkürzten und einseitigen philosophischen Konstrukt griechischer Prägung (Ratzinger) und dem gelebten Glauben derer, unter denen Jesus Christus Mensch geworden ist, mit denen er lebt, leidet und aufersteht.  Diese Konflikte werden anhand konkreter Beispiele aus der Praxis aufgezeigt und es wird deutlich, dass es hier nicht um "theologische Spielereien" geht, sondern um Leben und Tod. Denn die Wahrheit einer Lehre zeigt sich in der Praxis an einem „Mehr“ an der „Fülle des Lebens“ besonders für diejenigen, denen diese Fülle, ja das Leben selbst, vorenthalten wird.

So wie die Arbeit des ehemaligen Bischofs von Cajamarca (1962 - 1992) als exemplarisch für die Aufbrüche in ganz Lateinamerika, vor allem Peru, gelten kann, so können die Praxis und „Theologie“ der aktuellen Bischöfe von Cajamarca (1992 - 2004 und seit 2004) und so vieler  Bischöfe in Lateinamerika als typisch für die heute weltweit herrschende und von Rom geförderte Theologie und kirchliche Praxis gelten. Es ist eine Theologie, die das Evangelium und selbst die Tradition und Lehre der Kirche verkürzt bzw. sehr einseitig auslegt (wenig Inkarnation, wenig interkulturell, nicht weiblich etc.). Und dies führt logischerweise zu einer Praxis, die immer mehr Menschen ausschließt - ausgerechnet die Mehrheit der Armen, (und der Frauen) die eigentlichen „Schätze der Kirche“ und die ersten Adressaten der Worte und Taten Jesu Christi.

Mein Buch entstand auch auf Bitten der Campesinos, weil sie selbst nicht all das sagen können, was sie bedrückt. Eine „Heilige Allianz“ zwischen neuer Kirchenführung (Opus Dei und Sodalitium), der reichsten Goldgesellschaft der Welt und den bisher Mächtigen (einschließlich Presse) in Peru bedroht massiv besonders die Campesinos und deren Grundlagen.

Das Schicksal der weltweit meisten Christen, die unter die Räuber gefallen sind - wird es auch in der reichsten Kirche der Welt noch von Interesse sein?  Ohne Mahlgemeinschaft mit den unter die Räuber Gefallenen werden der deutsche Kirche die Basis, die Mitte und die Visionen fehlen, um den Menschen heute und in Zukunft - und gerade auch bei uns - eine befreiende und glaubwürdige Alternative zu den „Götzen des Todes“ aufweisen zu können - so meine These und meine Erfahrung. 

 Dazu einige Stichpunkte:

  1. Peru ist das Ursprungsland der Theologie der Befreiung (Gustavo Gutiérrez u.a.). Und hier war es besonders die Diözese Cajamarca, die in der Praxis bereits seit 1963 das realisierte, was danach dann als Theologie bei uns bekannt wurde. Gustavo Gutiérrez hätte nach eigenen Aussagen seine „Theologie der Befreiung“ - zumindest so - nicht schreiben können, ohne die Erfahrungen aus Cajamarca, das er bereits in den 60-er Jahren und danach häufig besuchte.
  2. Zur Bedeutung der Kirche von Cajamarca: Vor allem durch seinen Bischof José Dammert Bellido (Bischof von Cajamarca von 1962 - 1992) wurde Cajamarca zum Vorbild in Peru und auch darüber hinaus bekannt. Dammert war Präsident der „Kommission für Laien“ im CELAM und als solcher maßgebend an den Beschlüssen von Medellín beteiligt. Er war „Ziehvater“ und bester, väterlicher Freund von G. Gutiérrez und hat mit ihm die „Option für die Armen“ in Medellín durchgesetzt (mit Dom Helder Camara und Leónidas Proaño). Er war Mitbegründer und bis 1992 Motor der weltweit über 600 „Kleinen Bischöfe“ und 10 Kardinäle, die sich im Geiste von Charles de Foucauld zum Abschluss des Konzils der Armut verpflichtet haben.
  3. In der Diözese Cajamarca gab es seit 1969 die weltweit ersten Campesino-Katecheten/Innen  mit weit reichenden Vollmachten; es entstanden eine Medienstelle, die zum Vorbild für ganz Peru wurde; die „Rondas“, eine Art Basisdemokratie der „Indios“ mit heute nationalem Vorbildcharakter u.v.m.  Schließlich „Vamos Caminando“, das Glaubensbuch der Campesinos, über das bereits 1979 der damalige Erzbischof von München eine heftige und viel sagende Auseinandersetzung mit der Diözese Cajamarca anzettelte, die vor allem von PuFo (u.a.) damals sehr engagiert begleitet wurde.
  4. Diese Diözese wird heute von lateinamerikanischen Kirchenhistorikern und Theologen als die Diözese bezeichnet, in der der „Geist des Konzils“ am konsequentesten und erfolgreichsten in die Praxis umgesetzt wurde: als ein „Mehr“ an der „Fülle des Lebens“ für die Ärmsten.
  5. Natürlich stand und steht deshalb die Diözese Cajamarca im Zentrum der „Gegenrevolution“. Der Nachfolger von Dammert hatte den gezielten Auftrag, alles zu zerstören, was im Geist des Konzils gesät worden ist. Und der Nuntius in Lima erklärt 2004 öffentlich (ist alles belegt und dokumentiert), dass das Konzil selbst schuld ist an allen „Missständen“, wie sie in Cajamarca unter Dammert und in vielen anderen Orten in Lateinamerika als Folge des Konzils geschehen sind. War Peru „Wiege der Theologie der Befreiung“, so ist Peru heute deswegen Zentrum der Reaktion - und alle diese neuen Bischöfe berufen sich natürlich auf den Papst.
  6. Dies alles wird in meiner Arbeit dokumentiert, analysiert und gedeutet - gerade auch auf die deutsche Kirche hin (der reichsten der Welt) und vom Standort der Armen aus. Eine solche Arbeit gibt es sonst in der deutschen (und wohl europäischen) Literatur nicht und weist Wege in die Zukunft.
  7. Es handelt sich um ein einzigartiges Beispiel der Zusammenarbeit von universitärer Theologie und der Basisarbeit engagierter Partner- und Solidaritätsgruppen, auf deren Anregung hin diese Studie entstand. Es ist eine Arbeit im Auftrag Bischof Dammerts und Kirchengemeinden in Deutschland und Basisgruppen in Peru; eine internationale Zusammenarbeit mit der Kath. Universität Lima (PUCP) dem Instituto Bartolomé de Las Casas, IBC in Lima (gegründet von G. Gutiérrez) der  DFG (unter der Leitung von Ottmar Fuchs und Elmar Klinger), zuerst finanziert durch drei bayrische Diözesen und mit mir als Koordinator und Verfasser.
  8. Wichtigste Basis sind die Zeugnisse der Campesinos selbst, sowie das Archiv von Bischof Dammert, dem besten und umfangreichsten in Peru und darüber hinaus (selbstverständlich auch Archivarbeit bei Misereor, Adveniat, Caritas - International, deutsche Partnergemeinden etc.). Eine einzigartige Dokumentation, Analyse und Deutung auf deutsche Kirche hin, ausgehend von einer Praxis der Befreiung, beginnend vor (!) dem Entstehen einer Theologie der Befreiung und bis in die aktuellste Gegenwart hinein…. 
  9. Es wird hier besonders deutlich und in der Praxis erfahrbar, wohin eine bestimmte Theologie und Art von „Kirchesein“ führt (Aufbruch bzw. Verwüstung) - speziell angesichts einer weltlosen, weil nicht inkarnierten Theologie, wie von Rom (Ratzinger) bevorzugt. Siehe den Konflikt zwischen Kardinal Ratzinger und „Vamos Caminando“ in meinem Buch. Denn ein Gott, der nicht wirklich Mensch geworden ist unter den Ärmsten, dessen Leiden, Tod und Auferstehung kann auch nicht verstanden werden. Die Campesinos aber sind Zeugen der Menschwerdung und der Auferstehung!
  10. Campesinos kommen hier direkt zu Wort, wie sonst nicht. Meine Arbeit verstehe ich als Übersetzer, als Angebot an die deutsche Kirche und Theologie, mit den “Indios“  (Ausgeschlossenen) dieser Welt ins Gespräch zu kommen (in meiner Sprache: die „Hirten von Bethlehem und den Anden“).
  11. Dies alles geschieht im Kontext der profitabelsten Goldmine der Welt, die seit 1993 in Cajamarca tätig ist. Denn wegen des Goldes kamen die Christen nach Cajamarca, das ist der Ort des „Zusammentreffens“ zwischen dem Inka Atahualpa und Pizarro. Und heute schließt sich der Kreis: des Goldes wegen geraten immer Menschen unter die Räder…  Und theologisch: die Campesinos von Cajamarca ketteten sich 2003 an den Bischofspalast des Bischofs von Cajamarca - nachdem dieser wieder einmal die Campesinos verraten hatte - und riefen: „Herr Bischof, glaubst du an den wahren Gott oder an das Geld (Gold) der ausländischen Mine“?
  12. Und darum geht es: an welchen Gott glauben wir? Und welchen Gott verkündet und lebt die Kirche? Das Thema der Globalisierung wird in meiner Arbeit folgerichtig thematisiert.

Ein letzter Punkt: Was bedeutet Weltkirche? - Globalisierung von unten?

Durch eine Herausstellung dieser unserer Arbeit (des Buches, das aber nur ein Teil dieser Arbeit ist), würde dem Anliegen einer „Kirche im Geiste des Konzils“ einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Die Campesinos, die als Kirche des Volkes Gottes so sehr von „ihren Hirten“ bedrängt werden, würden dies als Ermutigung erfahren. Zu wissen, dass sie nicht allein sind, dass sie nicht vergessen sind, würde sie ermutigen weiter ihren Weg zu gehen. Vor allem würde dies eine so notwendige Übersetzung und Verbreitung des Buches in Peru und Lateinamerika eher wahrscheinlich machen. Gerade weil es in Peru fast keine wirkliche (universitäre) Theologie mehr gibt, wäre das Zeugnis der Campesinos so notwendig. (Siehe den Artikel: „Lasst uns den Weg weitergehen…!“).

Wichtiger für uns hier in Deutschland wäre, ins Bewusstsein zu rücken, dass es noch eine Welt und eine Kirche „jenseits der eigenen Befindlichkeit“ und der sonst hier üblichen Diskussionen und Rotationen um sich selbst gibt. Viele Initiativen, Partnergemeinden, Theologen u.a. sind einst angetreten, aus der Perspektive von unten und dem Standpunkt der Armen zu informieren, deren und unsere Situation zu analysieren und zu deuten. Sie wurden daher in den 70er und 80er Jahren von den Armen als wertvolle Weggefährten erfahren.

Heute ist diese Solidarität wichtiger denn je, gerade weil die Armen immer mehr aus dem Blickfeld geraten sind - erst recht auf dem Hintergrund der letzten zwei „Papstjahre“ voller Papstfeierlichkeiten und entsprechender Berichterstattung in allen Medien. Es gibt sie noch, die Armen, und sie werden nicht weniger…. Auch das Konzil gibt es noch und eine Frohe Botschaft für die Armen - oder?

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