José Dammert Bellido - ein Bischof mit Poncho und Sombrero

"In den Anden im Norden Perus begann vor vierzig Jahren in den Herzen der Gedemütigten eine Hoffnung zu keimen: eine Hoffnung auf ein Leben in Würde, in Gerechtigkeit und dass alle Menschen als Kinder des Einen Vaters ein Leben in Fülle haben mögen. Durch das Evangelium, das sie zum ersten Mal hörten, entdeckten sie, dass Gott selbst, Jesus Christus, mitten unter ihnen geboren wurde, um alle ihre Leiden und Hoffnungen mit ihnen zu teilen...."

Dies geschah in der gleichen Region, in der ein spanischer Priester eine Schlüsselrolle bei der Gefangennahme und Ermordung Atahualpas spielte. Und so begann damals die grausamste Epoche in der Jahrtausende alten Geschichte unseres Volkes von Cajamarca. Nach 430 Jahren voller Massaker, voller Verachtung, die wir erleiden mussten und in der man uns all das geraubt hatte, was uns gehörte, kam wieder ein Priester. Es kam ein Guter Hirte, der ein offenes Herz für die Campesinos hatte. Er lehrte sie mit seinem persönlichen Zeugnis der Bescheidenheit und Demut die authentische Botschaft von Jesus dem Christus.

Seine Ankunft in Cajamarca fiel zusammen mit dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils, zu dessen Eröffnung Johannes XXIII. zum ersten Mal von der Notwendigkeit einer Kirche mit den Armen und der Armen gesprochen hatte, und dies als die einzig authentische Art bezeichnete, die wahrhaftige Kirche Jesu Christi zu sein. Das Entstehen und der Weg dieser „Kirche mit Poncho und Sombrero“ zog sogar die Aufmerksamkeit von Christen in den reichen Ländern auf sich und weckte in ihnen ein Interesse und eine Solidarität mit den Ärmsten. Aber das Wichtigste war, dass sich die seit jeher Ausgestoßenen zum ersten Mal gehört und respektiert fühlten, sie fühlten sich als Gestalter ihres eigenen Schicksals. „Wir entdeckten, dass wir auch wer sind“. Der erste „Indiokatechet“ der Welt, mit der päpstlichen Erlaubnis zu taufen und die Botschaft vom beginnenden Reich Gottes zu verkünden, drückt es so aus: „Bischof Dammert hat mich gelehrt, dass ich eine Person bin, dass ich Christ bin und Peruaner“. Oder mit den Worten des Dichters Arguedas: „Er hat mich gelehrt, dass ein Christenmensch mehr Wert ist als ein Tier“. 

Die Bedeutung der Diözese Cajamarca und seines Bischofs
 
Bischöfe wie Dammert haben Wege in die Zukunft aufgezeigt, die auch der deutsche Kirche als Orientierung dienen können. Seine Option, seine Überlegungen zu den Aufgaben der Laien, den Aufgaben der Kirche allgemein, seine Analyse des jeweiligen zeitlichen und gesellschaftlichen Kontextes erscheinen sehr modern und in die Zukunft weisend - gerade auch angesichts der aktuellen und zukünftigen Situation in der deutschen Kirche. Was deutschen Gemeinden möglicherweise noch bevorsteht, eine radikale Reduzierung auf das Wesentliche (dies zu entdecken wird die eigentliche spirituelle Herausforderung sein) ist in der Diözese Cajamarca bereits seit den sechziger Jahren ausprobiert und praktiziert worden, einschließlich der damit einhergehenden Konflikte. Neben seinem persönlichen Zeugnis der Armut als Bischof der Indios, machen die in seiner Diözese gemachten Erfahrungen den Bischof von Cajamarca zu einem für die reiche Kirche notwendigen Diskussionspartner. Nimmt man Bischof Dammert (nicht) ernst, nimmt man auch die „Indios dieser Welt“ (nicht) ernst. Für die deutsche Kirche, für die Theologie und die konkrete Praxis in den deutschen Kirchengemeinden, kann es nicht gleichgültig sein, ob die „Indios“ und ihre Bischöfe in die Ecke gestellt werden oder in die Mitte, in der sie entsprechend dem Evangelium gehören.
 
Wegen ihres ehemaligen Bischofs (1962 - 1992) eignet sich die Diözese Cajamarca daher in hervorragender Weise für eine exemplarische Darstellung des kirchlichen Aufbruchs in Lateinamerika seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Dies bezieht sich zum einen auf die Person des Bischofs selbst. Vor allem aber meint es die Campesinos, die in der Folge einer von Dammert und seinen Mitarbeitern ausgehenden Evangelisierung sich als „Kinder des einen Vaters “ (wie sie es ausdrücken) mit einer einzigartigen Würde und unveräußerlichen Rechten entdeckt haben. Die Diözese Cajamarca besitzt internationales Ansehen. Die Arbeit der Diözese Cajamarca wurde auch in Deutschland bekannt, Werke aus Cajamarca in Deutschland übersetzt. Spätestens seit den 70er Jahren hatte Bischof Dammert in Deutschland den Ruf, einer der entschiedensten Bischöfe Lateinamerikas auf der Seite der Armen zu sein. Die Sozialpastoral und die Kirche in Cajamarca gelten zusammen mit der in Recife (Helder Camara) und Riobamba (Leonidas Proaño) als Modell einer einheimischen Kirche auf der Seite der Armen.
 
Der peruanische Kirchenhistoriker Jeffrey Klaiber bezeichnet die sozialpastorale Arbeit in der Diözese Cajamarca als das beste Beispiel in Peru für die Umsetzung der Beschlüsse und vor allem des Geistes des Zweiten Vatikanischen Konzils. Als charakteristisches Merkmal der Erneuerungen des Konzils gilt in der Interpretation der Campesinos die Entdeckung der Kirche als das (unterdrückte) Volk Gottes, das sich im Kontext von Geschichte und Gegenwart auf dem Weg zu einer integralen Erlösung und Befreiung befindet. Das Glaubensbuch der Campesinos von Bambamarca „Vamos Caminando - Machen wir uns auf den Weg! Glaube, Gefangenschaft und Befreiung in den peruanischen Anden“ ist programmatisch für die sozialpastorale Arbeit in der Diözese Cajamarca und für das Selbstverständnis der Campesinos als Kirche Christi.
 
In Cajamarca werden seit 1993 die größten Goldvorkommen Amerikas und die profitabelsten der Welt abgebaut, mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung. Cajamarca ist ein geschichtlich einzigartiger Ort, an diesem Ort verdichtet sich die globale Geschichte der Eroberung und Zerstörung. Um des Goldes willen kamen 1532 die Europäer und mit ihnen das Evangelium nach Cajamarca und wegen der Goldminen von Cajamarca haben die Menschen heute angeblich eine erneute „Chance" auf ein besseres Leben.
 
Cajamarca steht für alle Orte dieser Welt, die seit Beginn der Neuzeit von den Europäern erobert und anschließend „zivilisiert“ wurden. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende. Über Jahrhunderte diente Cajamarca, wie andere Orte des Südens, als Quelle des Reichtums für die Europäer. Mit der Entdeckung und der Erschließung großer Goldvorkommen bei Cajamarca schließt sich der Kreis.
 
Bischof Dammert - seine Option für die Armen im Geiste des Konzils
 
Auf seine Initiative hin fand vom 1.- 9. August 1959 in Lima die erste Sozialwoche Perus statt. Zusammen mit Fachleuten machte er sich Gedanken, welche Aufgaben die Kirche ange­sichts des zunehmenden Elends des Volkes hat. Schon damals erhob er seine Stimme zu­ Gunsten der Armen und Rechtlosen: „Während wir unsere Kräfte damit vergeuden, den äuße­ren Prunk für den Kult zu vermehren, leiden viele Kinder Gottes um uns herum an Hunger, Krankheiten und Elend. Der Prunk ist nicht vereinbar mit dem gleichzeitigen Elend des Vol­kes. Wir müssen verstehen, dass das Christentum den ganzen Menschen betrifft. Wir können das Leben der Frömmigkeit nicht trennen vom alltäglichen Leben. Jemand ist nicht dann ein guter Christ, wenn er zwar täglich die Sakramente empfängt, aber nicht für soziale Gerechtig­keit eintritt“. Als Weihbischof von Lima hatte er als erster Bischof mit Sandalen und zu Fuß die neu entstehenden Elendsviertel besucht und stieß damit beim älteren Klerus auf wenig Verständnis.
 
Er trug keine Insignien bischöflicher Macht, nur einige Male konnte er es nicht vermeiden, die Mitra aufsetzen zu müssen, das „Zeichen der Pharaonen“, wie er sie nannte. Ein bischöfliches Wappen lehnte er ab, weil die Zeit der Kreuzzüge vorbei sei. „Einer Situa­tion des Elends gegenüber müssen wir ein Zeugnis tatsächlicher Armut ablegen. Wir Kleriker müssen herausragen aufgrund einer Askese der Armut und wir müssen der Gesellschaft ein Beispiel für die Verwirklichung von großen Werken geben, ohne viel Geld dafür auszugeben. Wir wollen uns vergleichen mit staatlichen Stellen und Institutionen durch den äußeren An­schein von Büros, durch eine Multiplizierung der Versammlungen und Reisen, ohne deren tatsächliche Wichtigkeit zu evaluieren. Wir geben den Anschein, reich zu sein, aber in Wirk­lichkeit sind wir arm, wenn wir die bischöfliche Würde mit sozialem Prestige oder äußerem Pomp verwechseln. Denn wir sind Nachfolger von einigen armen Fischern aus Galiläa“.
 
Im Beispiel seiner Eltern (seine Mutter war u.a. die Gründerin der Acción Católica für Frauen in Peru) liegt der Ursprung seiner Option für die Armen. Diese Haltung wurde entscheidend beeinflusst und vertieft durch die Lektüre sämtlicher Schriften von und über Charles de Foucauld, mit deren Lektüre er bereits im Alter von 15 Jahren begann. Schon in seiner Jugend wuchs in ihm die Vorstellung von einer Kirche auf der Seite der Armen. Und im Geiste von Charles de Foucauld war es für ihn selbstverständlich, dass dies glaubwürdig nur geschehen kann, wenn die Kirche selbst arm ist und auf Reichtümer und Macht verzichtet. Diese Armut lebte er als Bischof vor, sei es im Verzicht auf persönlichen Besitz, sei es, dass er den Besitz der Diözese den Armen zugänglich machte. So galt er schon als Weihbischof von Lima nicht nur als Bischof der Armen, sondern als ein „armer Bischof“, der keinen Wert auf Äußerlichkeiten legte.
 
Seine Überzeugung wurde bestätigt und bekräftigt durch seine Begegnungen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in dessen Vorfeld Johannes XXIII in einer Radioansprache am 11.9.1962 sagte: „Die Kirche will eine Kirche für alle sein, vor allem aber eine Kir­che der Armen“. Das bedeutete in der Interpretation Dammerts, dass die Kirche nicht nur eine Kirche auf der Seite der Armen ist, sondern dass sie selbst arm sein soll. Auf dem Konzil fand er bald Kontakt zu Bischöfen, die vom gleichen Geist erfüllt waren und er war eine der trei­benden Kräfte der Gruppe der so genannten „Kleinen Bischöfe“, die sich am Rande des Kon­zils trafen und sich verpflichteten, im Geiste von Charles de Foucauld ein persönliches Zeug­nis evangelischer Armut zu leben und dies auch als Bischof öffentlich zu vertreten. An den Treffen nahmen Bischöfe aus 18 Nationen teil, darunter der damalige Weihbischof von Essen, Julius Angerhausen. Laut Zeugnis von Bischof Luigi Bettazzi aus Ivrea (Italien) war Bischof Dammert nach dem Konzil die treibende Kraft für den Zusammenhalt dieser bischöflichen Gemeinschaft, er war deren Koordinator und Seele. 
 
Bischof José Dammert („Don Pepe“) als Motor einer Kirche, die frei macht
 
Während und nach dem Konzil war Dammert der treibende Motor innerhalb der peruanischen Bischofskonferenz, um diesen Geist des Konzils in die Praxis umzusetzen, sei es im persönli­chen Lebensstil, sei es in der diözesanen Arbeit. So war er auch der Hauptautor des gemein­samen Hirtenbriefes nach dem Ende der ersten Sitzungsperiode. In einem Hirtenbrief für die eigene Diözese schrieb er am 8.11.1964: „Zur Eröffnung des Konzil sagte der Papst, dass die Kirche eine Kirche aller Menschen sei und im Besonderen eine Kirche der Armen. Kardinal Montini ergänzte: denn der Arme ist das Bild Christi, er ist wie das lebendige, leibhafte Sak­rament. Lercaro fügte hinzu: Wir müssen in das Zentrum und als Seele unserer kirchlichen Doktrin und Legislative das Geheimnis Christi in den Armen, den Armen selbst und seine Evangelisierung stellen. Aus diesem Grund verkünden wir der Welt Jesus Christus, den Die­ner der Armut“.
 
Nach dem Konzil schrieb er aus Rom an seine Priester in Cajamarca: „Am Ende des Konzils haben 10 Kardinäle und 600 Bischöfe den berühmten Pakt in den Katakom­ben unterschrieben, in dem sie sich verpflichten, auf Reichtümer, Titel und entsprechende Kleidung zu verzichten, ebenso, sich um eine bessere Verteilung des Besitzes in ihrer Diözese zu kümmern“. Diesen Pakt sah Dammert als einen seiner größten Erfolge an.
 
In einem Vortrag anlässlich eines Besinnungstags am 22. Mai 1965 in Cajamarca werden die tragenden Fundamente seiner Arbeit und Spiritualität deutlich: „Wir leben in einer Zeit der Euphorie wegen dem Konzil, denn wir spüren, dass die Be­schlüsse des Konzils zu einer fruchtbaren Erneuerung führen werden. Das Evangelium hat auch heute noch seine Dringlichkeit und Aktualität wie vor 2000 Jahren. Denn es gab immer Ungerechtigkeiten und die Sünde, aber im Herzen der Menschen brannte auch immer die Sehnsucht nach einer gerechteren Welt, der Durst nach Liebe, Verständnis und Vergebung. Es war kein Zufall, dass Gott Mensch wurde inmitten eines armen Volkes, in einer armen Frau, die sicher nichts Außergewöhnliches war und wie alle armen Frauen eines armen Volkes. Gott wurde geboren noch nicht einmal in einer Herberge, sondern in einem Stall, auf dem Lehmboden bzw. in einer Futterkrippe, arm unter Armen, verachtet. So ist er mitten unter uns in der Form eines geistigen Brotes, damit dieses Brot auch ein materielles Brot für alle werde und damit dieses Brot unter allen seinen Geschwistern gerecht verteilt werde. Die Glieder des Leibes Christi sind speziell die, die leiden, die Verachteten, die Armen. Solange es sie gibt, leidet Jesus weiter. Solange wir nicht für das Reich Gottes eintreten, solange wir diese Wun­den am Leib Christi nicht heilen, werden diese Wunden ewig ans Kreuz genagelt bleiben.
 
Wenn wir nicht für mehr Gerechtigkeit in der Welt eintreten, verraten wir Christus und die dreißig Silberlinge als Lohn des Verrats sind heute unsere Gleichgültigkeit und die Suche nach einem bequemen Leben, während gleichzeitig zwei Drittel der Menschheit im Elend le­ben. Wenn wir die Welt analysieren, in der wir leben, so ist sie gekennzeichnet durch eine Trennung in Arme und Reiche. Der Reiche ist der, der mehr hat, als er zum Leben braucht. Die Armen sind die, die noch nicht einmal das Notwendigste zum Leben haben und deren fundamentalste Menschenrechte verletzt werden. Heute handelt es sich auch nicht mehr um Arme als Individuen, sondern um ganze Völker“. In diesem Text ist bereits all das enthalten, was für seine Arbeit als Bischof von Cajamarca Maß gebend war. Die dann folgende Entwicklung in Cajamarca ist von daher zu verstehen.
 
Seine internationale Bedeutung
 
Exemplarisch für seine Arbeit in nationalen und internationalen kirchlichen Strukturen und Gremien steht sein Einsatz für und in Medellín. Für die Vorbereitung auf Medellín war für Dammert die enge Zu­sammenarbeit mit der Diözese Riobamba von Bedeutung. Die Bischöfe Dammert und Proaño hatten bereits während des Konzils ein sehr enges Verhältnis und über die Konferenzen des CELAM und die freundschaftlichen Kontakte hinaus kam es zu einem regen Austausch von praktischen pastoralen Erfahrungen. Dammert war auch Präsident der „Kommission für Laien“ des CELAM. Daher hatte er eine besondere Verantwortung für die Generalversamm­lung der lateinamerikanischen Bischöfe.
 
In der Folge oblag es beiden Bischöfen, die vorbe­reitenden Versammlungen zur zweiten Bischofsversammlung von Medellín zu koordinieren und auch inhaltlich zu gestalten. Die im engsten Kontakt mit den Campesinos gemachten pastoralen Erfahrungen fanden so unmittelbaren Eingang in die Dokumente von Medellín. Dammert hatte erkannt, dass nur mit den Laien die notwendige Erneuerung der Kirche ge­leistet werden konnte. Die Ausbildung von Laien und die Heranbildung der ersten Landkate­cheten in seiner Diözese hatten bereits erste Früchte getragen. Er wurde durch die Erfahrun­gen in der Praxis bestärkt, dass die Mitarbeit von Laien und die Bildung von kleinen christlichen Gemeinschaften sich nicht nur aus innerkirchlichen oder strukturellen Gründen als notwendig erwies, sondern aus fundamentalen Gründen, abgeleitet aus dem Evangelium.
 
Diese Erfahrungen und Erkenntnisse konnte er daher glaubhaft in Medellín einbringen. Bischof Dammert trug in Medellín die entscheidende Vorlage zur Armut vor, die dann von der Konferenz approbiert wurde. Beim Thema „Armut“ erreichte er die lehramtliche Zu­stimmung. Das Thema war von Gustavo Gutiérrez ausgearbeitet worden, aber es wurde von Dammert als sein eigener Beitrag vorgetragen. Es war das zentrale Thema von Medellín.
 
Unterstützt von Kardinal Landázuri war Dammert die treibende Kraft, um die Beschlüsse von Medellín in Peru umzusetzen. Gutiérrez schreibt in seinem Beitrag zum Sammelband „Die globale Verantwortung“: „In enger Zusammenarbeit mit Kardinal Landázuri war Pepe einer der Bischöfe, der am meisten dazu beigetragen hat, dass das Zweite Vatikanische Konzil und Medellín die pastoralen Aktivitäten der peruanischen Kirche inspiriert haben. Er hat das ernst genommen, was die bestimmende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts, Johannes XXIII., die Kirche der Armen nannte“. Wenn auch in Medellín schon die Erfahrungen Dammerts vor allem in der Landpastoral, in der Ausbildung von Laien und sein persönliches Zeugnis der Armut eingeflossen waren, so war dies für viele peruanische Bischöfe noch etwas Neues. Dammert konnte sich aber nun zu Recht von den Beschlüssen von Medellín bestätigt fühlen - auch in seiner eigenen Diözese. Die herausragende Stellung Dammerts innerhalb des peruani­schen Episkopats wurde durch Medellín gestärkt.
 
Der Geist von Medellín bestärkte seine Ar­beit in der Diözese und darüber hinaus. Dammert (1978): „Diese Beteiligung verpflichtete den peru­anischen Episkopat und dessen Engagement fand seinen ersten Ausdruck im Januar 1969 in den Dokumenten über ‚Gerechtigkeit in der Welt’ und 1973 über ‚Evangelisierung’. Ich glaube, dass das Konzil und Medellín für lange Zeit viele wertvolle Perspektiven eröffnet haben. Trotz der Kampagnen gegen Medel­lín, unter dem Vorwand eine abendländische Christenheit zu verteidigen, müssen wir auf den vom Konzil eröffneten Wegen weitergehen“.
 
Mit Papst Paul VI. war Bischof Dammert freundschaftlich verbunden. Im Jahre 1969 hat Paul VI.dem Bischof von Cajamarca persönlich die Vollmacht gegeben, die Katecheten zu be­vollmächtigen, das Sakrament der Taufe zu spenden. Aus Rom berichtet Dam­mert über seine Begegnung mit dem Papst: „Er ermutigte mich von ganzem Herzen, mit mei­ner bisherigen Arbeit fortzufahren, trotz aller Schwierigkeiten. Er drängte mich, einige Experimente weiterzuführen, ein Ritus für die Taufe durch ländliche Katecheten auszuarbei­ten, ebenso einen Katechismus, angepasst an die Mentalität und das Verständnis der Campe­sinos. Er hielt mich an, das Verständnis des Priestertums in einer andinen Umgebung neu zu entwickeln und zu entdecken“. Die Katecheten wurden dafür vom Bischof in Übereinstimmung mit der Comunidad ausgesucht. Zuvor sollten sie die Eltern und die Paten richtig auf die Taufe vorbe­reiten. Schließlich wurden die Katecheten auch beauftragt, in geeigneter Form die Spendung des Ehesakramentes kirchlich zu bezeugen. Ebenfalls bereiteten sie auf die Firmung vor.
 
Kurz vor dem Tod Pauls VI. stellte der Papst Bischof Dammert mündlich in Aussicht, bald erfah­rene Katecheten erst zu Diakonen und dann zu Priestern weihen zu dürfen. Bereits 1971 sprach Dammert von der Notwendigkeit, verheirateten Katecheten die Priesterweihe zu spen­den. Dabei ging er von dem Bedürfnis lebendiger christlicher Gemeinschaften aus, die Eucha­ristie feiern zu dürfen - als Zeichen und Höhepunkt ihres gemeinschaftlich gelebten alltägli­chen Glaubens. „Ich denke schon, dass es in Zukunft lebendige Comunidades geben wird, die die Eucharistie fordern werden, obwohl es keine Priester in ihrer Mitte gibt. In diesem Fall könnte man verheiratete Männer weihen, insofern sie die Voraussetzungen erfüllen, die der hl. Paulus in seinen Pastoralbriefen gefordert hat. Theologisch sehe ich keine Schwie­rigkeiten“.
 
Zur III. Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Puebla wurde Dammert als Vizepräsident der Bischofskonferenz nicht als Delegierter der peruanischen Bischöfe entsandt. Bereits im Vorfeld zu Puebla kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Dammert und dem Nuntius in Lima. Auch die Auseinandersetzung um die Theologie der Befreiung spielte eine Rolle. Hauptgrund für seine Nichtwahl dürfte aber gewesen sein, dass er im Vorfeld von Puebla öf­fentlich gegen die Versuche von Kardinal López Trujillo (u.a.) protestierte, CELAM de facto zu entmachten und das Vorbereitungsdokument für Puebla in Rom auszuarbeiten. Dieses sollte dann nur noch den lateinamerikanischen Bischöfen zur Abstimmung vorgelegt werden. In einem internen Dokument nennt er im Rückblick auf Puebla und im Vorfeld von Santo Domingo die Vorgänge und die dahinter stehende Gruppe beim Namen. Am Ende dieses Do­kumentes schreibt er: „Deswegen muss man klar sehen, dass es Dank der opportunistischen Strategie dieser Gruppe der CAL (Kommission für Lateinamerika in Rom) gelingen könnte, die Autonomie der CELAM zu Fall zu bringen“. Dammert sollte Recht behalten. Für die IV. Lateinamerikanische Bischofskonferenz in Santo Domingo waren die Vorgaben aus Rom noch stärker und im Unterschied zu Puebla gelang es einigen lateinamerikanischen Bischöfen nicht mehr, diese römische Vorlage zu ignorieren.
 
Inzwischen war aber Dammert zum Präsidenten der peruanischen Bischofskonferenz gewählt worden. Damit war er von Amts wegen Teilnehmer in Santo Domingo. Hier hatte er dann auch seinen letzten couragierten Auftritt auf internationaler Ebene und als amtierender Bi­schof. Zu dieser Zeit war sein Rücktrittgesuch bereits angenommen, Dammert aber noch nicht darüber informiert worden. Er war Mitglied der Kommission 26 („Kommission einheimische Kulturen“) und bat am 19.10.1992 im Namen der Kommission, an die Indios und Afroame­rikaner eine Bitte um Vergebung zu richten.
 
„Seit Beginn der Verkündigung des Evangeliums in diesem Kontinent wurde weder ein Dialog mit der einheimischen Kultur gesucht, noch ver­suchte man, deren Mentalität kennen zu lernen. Im Laufe der Jahrhunderte hat man nicht ver­sucht, ihr Gedankengut und ihre Kosmovision zu verstehen. Man hat sie als Primitive und Barbaren behandelt, die sich nicht auf der Höhe der Europäer befinden... Letztendlich for­dere ich im Namen aller Mitglieder der Kommission 26, dass wir im Schlussdokument der Konferenz die Indígenas und Afroamerikaner um Vergebung bitten“. Doch diese Bitte wurde nicht angenommen. Bischof Dammert und seine Freunde standen auf verlorenem Posten. Wie seine Ernennung zum Bischof von Cajamarca im Jahre 1962, so markiert auch sein letztes Auftreten als Bischof von Cajamarca im Jahr 1992 einen epochalen Umbruch, diesmal mit umgekehrten Vorzeichen.
 
Ergänzende biographische Daten und persönliches Bekenntnis
 
Die wichtigsten Daten in Stichworten: Er wurde am 20. August 1917 in Lima geboren. Sein Großvater war aus Deutschland ausgewandert und gehörte dann durch Heirat zur erweiterten peruanischen Oberschicht. Dammert hatte daher als Kind und Jugendlicher alle Chancen, die ihm seine Herkunft boten. Mit 17 Jahren hatte er bereits die Möglichkeit, in Italien zu studie­ren. In Pavia und Rom studierte er Jura und Römisches Kirchenrecht; zu Beginn seines Studi­ums hatte er 1934 Deutschland besucht. 1938 kehrte er nach Lima zurück, wo er ein Jahr später zum Generalsekretär an der Katholischen Universität berufen wurde, gleichzeitig wurde er Professor für Römisches Recht, später auch noch für Kirchenrecht und Kirchengeschichte an der gleichen Universität. Insgesamt lehrte er 19 Jahre lang an der Universität, gleichzeitig war er Präsident der „Katholischen Jugend“ der Erzdiözese Lima. Nebenher begann er 1941 mit dem Theologiestudium im Seminar Santo Toribio in Lima. Er wurde am 21. 12. 1946 in Lima zum Priester geweiht. Von 1952 bis 1958 war er Vizerektor der Universität. Am 15. Mai 1958 erhielt er in Lima die Bischofsweihe und wurde einer der Weihbischöfe von Lima. Bereits ein Jahr davor war er zum ersten Generalsekretär der peruanischen Bischofskonferenz berufen worden (bis 1962). Als Verantwortlicher der Katholischen Aktion (Acción Católica) vertrat er Peru 1952 auf den Generalversammlungen der Acción Católica in Chimbote (Peru), 1961 in Guadalajara (Mexiko) und 1965 in Buenos Aires (Argentinien). Er war Vorsitzender der zum ersten Mal in Peru organisierten Sozialwochen, 1959 in Lima und 1961 in Arequipa.
 
Am 19. März 1962 wurde er zum Bischof von Cajamarca ernannt. Auf dem Konzil nahm er an allen vier Sitzungsperioden (1962 - 1965) teil. Von 1963 bis 1969 war er Vorsitzender des „Rates für die Laien“ des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM), seit 1965 Mitglied der „Päpstlichen Kommission für die Erneuerung des Kirchenrechts“ und Mitglied der Römi­schen Synoden als Delegierter der peruanischen Bischofskonferenz in den Jahren 1967, 1971, 1977, 1980. Als Delegierter der peruanischen Bischofskonferenz war er 1968 in Medellín und 1992 in Santo Domingo dabei, für Puebla 1979 wurde er nicht gewählt. Seit 1974 war er Vi­zepräsident der peruanischen Bischofskonferenz. 1990 wurde er zum Präsidenten der peruani­schen Bischofskonferenz gewählt, deren Präsident er bis zu seiner Ablösung am 1. 12. 1992 war. Er verabschiedete sich offiziell als Bischof von Cajamarca am 9./10. 12. 1992. Seit März 1993 hat er Cajamarca nie mehr besucht. Bis 1999 war er Mitarbeiter des Instituto Bartolomé de Las Casas (IBC) und veröffentlichte bis zu dieser Zeit drei Bücher zur Kirchengeschichte Perus und Cajamarcas.
 
Inzwischen (2007) ist Bischof Dammert an den Rollstuhl gefesselt und er entkam einige Male nur knapp dem Tod. Er lebt bei seiner Schwester Laura Dammert in Lima und wird von ihr seit einigen Jahren gepflegt. Über Umwälzungen in seiner ehemaligen Diözese seit 1993 hat er nie öffentlich gesprochen, seit einigen Jahren bekommt er davon auch nichts mehr mit (was seinem Seelenfrieden gut tut). Im Herbst 1993 war er zum letzten Besuch in Deutschland. Vom 26. September bis 2. Oktober 1993 war er zum letzten Mal in Ulm, wie immer bei uns zuhause. Dank meiner Frau Amelia, bis zu unserer Hochzeit 1980 eine enge Mitarbeiterin des Bischofs, fühlte er sich hier Cajamarca und seinen Menschen besonders nahe. Im Wissen um seinen letzten Aufenthalt bat er uns, ihn ganz nach außen abzuschirmen, er wollte noch einige Tage in vertrauter Umgebung ausruhen.
 
Seit 1997 durfte ich zum letzten Mal mit ihm zusammenarbeiten. In seinem Auftrag und angestoßen von deutschen Partnergemeinden durfte ich bis 2003 ein Forschungsprojekt machen, um die Geschichte einer befreienden Sozialpastoral in der Diözese Cajamarca zu dokumentieren, zu analysieren und zu deuten (inklusive der Partnerschaften deutscher Gemeinden mit Cajamarca). Er stellte mir dafür sein gesamtes - auch privates Archiv - zur Verfügung. Entstanden ist eine daraus eine Arbeit, wie sie in dieser Ausführlichkeit und Tiefe - laut Gutachten - bisher nicht gibt. Wichtig war vor allem die enge Zusammenarbeit mit den Basisgruppen in Cajamarca. Zusammengefasst ist diese Arbeit in den beiden Büchern: „Die globale Verantwortung - Partnerschaften zwischen Pfarreien in Deutschland und Peru“ (Hg. Klinger, Knecht, Fuchs) und in „Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen“ (auf der Basis meiner Dissertation).
 
Daneben und begleitend sind noch weitere Artikel von mir in verschiedenen Medien erschienen. Höhepunkt war, dass ich zu einem internationalen theol. Seminar in Mexiko eingeladen wurde, um dort die Arbeit von Bischof Dammert als beispielhaft für die Aufbrüche in Lateinamerika in der Folge des Konzils vorzustellen. Mehr als je fühle ich mich ihm und seinem Auftrag verbunden: Aus der Perspektive der Armen die Welt zu sehen, zu deuten und mit ihnen den Weg zu gehen, den sie mit Jesus Christus in ihrer Mitte angefangen haben zu gehen…
 
Willi Knecht, Ulm, den 07.02.07 (aus Anlass der 25 - jährigen Partnerschaft von St. Georg, Ulm mit der Gemeinde San Pedro in Cajamarca).

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