Die Kosmovision der indigenen Völker Europas

Abendländische und andine Kosmovision – ein Vergleich

Vorbemerkung:

Es wird meist als selbstverständlich vorausgesetzt, dass das Christentum als eine europäische Religion verstanden wird. Dabei wäre eine Untersuchung über die geglückte oder nicht geglückte Inkulturation des Evangeliums als Zeugnis einer vorderasiatischen bzw. morgenländischen (!) Religionskultur in Europa vermutlich dringlicher und spannender als die entsprechenden Untersuchungen in Bezug auf Amerika. Dabei könnte die Frage aufgeworfen werden, ob das Evangelium dem Verständnis der indianischen (auch afrikanische, etc.) Völker nicht viel näher ist als den Völkern Europas und ob daher das Evangelium nicht auf dem „Umweg“ über die nichteuropäischen Völker die Europäer lernen könnten, das Evangelium unter Beachtung interkultureller Kriterien besser zu verstehen bzw. neu zu entdecken.

Wir sind es gewohnt, die Welt und alles was in ihr geschieht, von dem Kontext aus wahrzunehmen und zu deuten, in den wir hineingeboren und erzogen worden sind. Dies gilt nicht nur individuell für die Eltern-Kind-Situation, sondern auch viel allgemeiner für den geschichtlich-kulturellen Kontext, so wie er sich seit Jahrhunderten herausgebildet hat. Unsere europäische Kultur ist zweifelsfrei geprägt von christlichen Vorstellungen, unabhängig davon, wie wir heute zu ihnen stehen. Moral, Sitten und Gebräuche bis hin zu Wertvorstellungen, Weltanschauungen und Ideologien bilden einen Rahmen, der uns vorgegeben ist, der aber auch natürlich für Veränderungen und Entwicklungen offen ist. Diesem Kontext gegenüber haben wir uns zu verhalten und dies geschieht in sehr individueller Weise. Diese Kontexte, oder auch Kosmovisionen (Weltanschauungen) genannt und deren kulturellen und religiösen Inhalte und ethisch- philosophische Werte, sind weltweit verschieden.

A. Die abendländische Kosmovision

Unsere westlichen Werte, auch osteuropäische, also europäischen Werte, haben ihren Ursprung in  der griechisch-römischen Tradition. Römisch ist vor allem noch unser Rechtssystem mit seiner Betonung des im Gegensatz zu anderen Kulturen nahezu absoluten und individuellen Rechts auf Eigentum. Aber das christliche Abendland, selbst wenn es heute nicht mehr als überwiegend christlich wahrgenommen wird - hat es nicht seine Wurzeln in der Botschaft Jesu Christi, seinen Worten und Taten? Nun, spätestens im 4. Jh. wurden die Worte und Taten Jesu Christi, der seine Wurzeln im jüdisch-hebräischen Glauben hatte, uminterpretiert, übersetzt und implantiert in die Gedankenwelt und Terminologie der griechischen Philosophie, oder anders ausgedrückt: Nicht mehr die Worte und Taten des Jesus von Nazareth und der Propheten des AT standen im Mittelpunkt des Glaubens der Kirche, sondern die philosophischen Konstrukte und Definitionen der herrschenden griechischen Philosophie.

Seit ihrem Entstehen vor mehr als 2.500 Jahren begreift sich diese Weltanschauung insofern als eine totalitäre Weltanschauung, als sie andere Sichtweisen und Erfahrungen fremder Völker als „barbarisch“ bezeichnet und daher nicht als dialogfähig anerkennen kann. Der Andere wird in seiner Andersheit geleugnet und umgekehrt ergibt sich daraus automatisch ein Anspruch auf universelle Gültigkeit, die dazu führt, den Anderen nicht nur nicht anzuerkennen, sondern ihn noch nicht einmal als solchen wahrnehmen zu können. Er ist schlichtweg entweder nicht existent oder er wird vereinnahmt und zwangsweise in die eigene Welt integriert oder ausgelöscht.

Diese Sichtweise wurde dann noch verstärkt, durch den Absolutheitsanspruch der nun herrschenden Kirche mit ihren unfehlbaren Dogmen und rigiden Moralvorstellungen. Die Kirche begründete ihren Absolutheitsanspruch auf der griechischen Philosophie und dann in der "Heiligen Allianz" von Thron und Altar. Seit Beginn der Neuzeit und der Kolonialisierung der Welt wurde dieser Anspruch globalisiert und weltweit durchgesetzt. Ist es noch relativ leicht nachzuweisen, dass die europäischen Eroberer z.B. den Indio, den Andersfarbigen und Andersartigen nicht als gleichwertigen Menschen mit eigener Kultur, Würde und Identität wahrnehmen konnten, so fällt die Einsicht, dass dies sich bis heute möglicherweise nicht wesentlich geändert hat, viel schwerer. Philosophie und gerade auch deutscher Theologie fällt es nicht leicht, nichteuropäische Entwürfe als gleichwertig anzusehen oder gar von ihnen zu lernen. Da gleichzeitig der Faktor der wirtschaftlich-politischen Abhängigkeit bei Theologen weitgehend unberücksichtigt bleibt, kann man nur schwer erkennen, dass die von Europa ausgehende realpolitische und wirtschaftliche Eroberung der Welt als konsequente Weiterführung einer totalitären Weltanschauung gedeutet werden kann.

Diese Weltanschauung findet ihre aktuelle Konkretisierung (quasi ihre „Inkarnation“, sie wird Fleisch und Blut) in der von den weißen Eliten ausgehenden Definition und Gestaltung einer Globalisierung, die - wie schon seit Beginn der Moderne um 1.500 - den Rest der Welt in maßloses, nicht nur materielles, Elend stürzt. Der Ausschluss der Armen erweist sich als konsequente Weiterführung dieser Art von Philosophie und Theologie. Wer ideell die Andersheit nicht erkennen kann oder sie bewusst ausschließt, liefert den Anderen der Gefahr auch der realen physischen Vernichtung aus. Eine exklusive abendländische Theologie rechtfertigt de facto diesen Tatbestand oder sie kann sich zumindest nicht glaubhaft dagegen wehren, wenn sie eventuell auch gegen ihren Willen von den Herrschenden dazu benutzt wird.

In den abgelegenen Zonen der Anden kann man auch heute noch den Ausspruch hören: „Ich bin doch ein Christ“. Ein Christ zu sein bedeutet, Kultur und Rechte zu haben, sowie die Möglichkeit, in der Stadt leben zu dürfen und alles das haben und sein zu können, was ein „zivilisierter Mensch“ als selbstverständlich besitzt. So zumindest wurde dies mit Taten und Worten von der Kirche vermittelt und führte zu einem entsprechend entfremdenden Bewusstsein bei den Adressaten. Der christlichen Verkündigung scheint es gelungen zu sein, Menschsein mit Christsein gleichzusetzen, sowie Christentum mit Kultur und Religion schlechthin. Eine bestimmte Weltauffassung, die in einer kleinen Ecke dieser Welt entstanden ist, wird zum absoluten Maßstab erhoben. Die Erfahrungen der Chinesen und der Mayas werden dann bestenfalls als Objekte studiert und der „Indio“ und seine Welt werden bestenfalls zu einem folkloristischen Gegenstand, den man gesehen haben muss, um als moderner Weltbürger zu gelten. Außerhalb des Abendlandes gibt es demnach kein Menschsein - so zumindest die Erfahrung und die Interpretation der Adressaten dieser Botschaft.

Die räumlich und zeitlich begrenzten Erfahrungen bestimmter Menschen in einer bestimmten Gegend dieser Welt können aber nicht für alle Welt verbindlich gemacht werden. So haben z.B. bestimmte Voraussetzungen der abendländischen Geistesgeschichte wie die Trennung von Geist und Materie (Frauen gehören zum Bereich des Materiellen!), Subjekt und Objekt, Diesseits und Jenseits, heilig und profan etc. für die Menschen in anderen Kulturen keine Bedeutung oder erscheinen gar als unsinnig, weil sie den Jahrtausende alten Erfahrungen dieser Menschen widersprechen. Die europäischen Konzepte konnten nur mit Gewalt und im Gefolge der Sieger durchgesetzt werden, nicht durch Überzeugung. Erst die Anerkennung anderer Konzepte und Weltanschauungen als eigenständige und Sinn stiftende Kulturen ermöglicht einen echten Dialog und kann helfen, die Einschränkungen der eigenen Kosmovision zu erkennen. Es geht um eine Wiederbesinnung oder gar Umkehr hin zu den ursprünglich christlichen Werten, den Worten der Propheten und vor allem der Worte und Taten Jesu Christi.

1. Beispiel - aus der Bibelwissenschaft

Zur Interpretation des Schöpfungsberichts: Die bisher verstandene Bedeutung - Beherrschung der Natur - führt zur Zerstörung, sie ist zudem falsch, da sie die ursprüngliche Aussage völlig falsch verstanden hat. Sie wurde vom griech.- europäischen Denkmodell her verstanden und entsprechend übersetzt und gedeutet. Das europäische Denkmodell (Kosmovision) übersetzt z.B. das hebräische Schlüsselwort „kabash“ entsprechend der eigenen Denkweise mit unterjochen, erobern. Und diese Deutung wurde dann durch die Kolonialisierung globalisiert. Im hebräischen Denken - und damit in korrekter Übersetzung - bedeutet „kabash“ zum „Bereich Gottes gehörend“, allgemeiner: Die Schöpfung Gottes gehört nicht uns, den Menschen. Wir können nicht über sie verfügen, sie ist uns bestenfalls nur geliehen. Und das bedeutet im biblischen Denken und biblischer Weisheit: Wir müssen sie im Sinne des Eigentümers (Gott) gestalten: Im Dienste des Mitmenschen, besonders der Ausgegrenzten, in Beziehung mit den anderen Geschöpfen;  denndie Güter der Erde sind für alle Menschen bestimmt und der Zugang zu den Gütern der Erde (Wasser, Land, Früchte...) muss allen Menschen offen stehen, denn sie dienen dazu, dass alle Menschen in Würde leben können, als Kinder Gottes, als sein Ebenbild. Das schließt natürlich das Leben zukünftiger Generationen mit ein.

Also: Eine orientalische Kultur wurde in die europäische Denkweise übersetzt und daher völlig verfälscht, weil - wie gesagt - in der griech.-röm. Denkweise der Mensch der absolute Herrscher über die Natur ist, er sie rücksichtslos ausbeuten darf, die Natur gar als feindlich betrachtet wird, die es zu zähmen gilt. In gleicher Weise wurden auch andere grundlegende  Aussagen der Bibel, besonders der Worte Jesu, von einem europäischen Denken her gedeutet und damit verfälscht oder gar in ihr Gegenteil verkehrt. (Dies zu klären und aufzuarbeiten kann an dieser Stelle nicht geschehen). Im Verlauf der Kirchengeschichte (und bis heute) führte dies zu verheerenden Konsequenzen….

Noch ein Hinweis auf „Laudato sí“: Für mich ist diese Enzyklika nicht zuerst eine ökologische, soziale, politische oder wie auch immer genannte Enzyklika, sondern ein Glaubenszeugnis voller jesuanischer und franziskanischer Spiritualität aus der Mitte der Botschaft Jesu heraus. Sie hat das Potential, einen Wendepunkt in der Kirchengeschichte festzuschreiben: Von einer europäischen (griech.- röm.) Kirche hin zu einer wahrhaft katholischen (allumfassenden) und evangelischen Kirche (das Evangelium als Fundament) - ausgehend von den Opfern der Geschichte und den Opfern der global herrschenden Wirtschaftsordnung. Die Geschichte des christlichen Abendlandes mit seiner weltweiten Dominanz bis hin zu in die letzten Winkeln der Erde und der Seelen vorgedrungenen Ideals des „american way of life“ ist an seine Grenzen gestoßen, oder anders gesagt: ist nicht zukunftsfähig.

B. Einige Grundelemente der andinen Kosmovision

Ausgangspunkt der andinen Kosmovision ist die gelebte und erlebte Erfahrung der real existierenden Menschen und nicht zuerst ein Logos oder eine übernatürliche Offenbarung. Diese Erfahrungen werden gewonnen aus der Beobachtung der Natur und der kosmischen Ordnung, von Krankheiten und Ursachen des Todes und der Art und Weise des Zusammenlebens. Diese Erfahrungen sind existentiell. Der andine Mensch hat zu diesen Erfahrungen einen überwiegend emotionalen Zugang. Rein objektive Erfahrungen kann es nach seinem Verständnis gar nicht geben, denn jede Erfahrung ist gebunden an eine ganz konkrete Wirklichkeit, die wiederum von z.B. so zufälligen Gegebenheiten wie Klima und Geographie abhängig ist. Aus den gemeinsam erlebten Erfahrungen bildet sich ein kollektives Bewusstsein, das seinerseits dazu führt, neue Erfahrungen von diesem Bewusstsein her zu deuten und einzuordnen. Erfahrungen werden von der Wirklichkeit geprägt und sie helfen gleichzeitig, diese Wirklichkeit zu deuten. Gemäß dieser Wirklichkeit zu leben und einen Sinn darin zu finden, ist vernünftig - in europäischer Begrifflichkeit ausgedrückt. Vernunft und Rationalität bedeutet für den andinen Menschen, in der Mitwelt, in der er lebt, seinen rechten Ort zu finden.

Der wichtigste Aspekt in der andinen Kosmovision ist die Erfahrung und Gewissheit, dass alles Existierende miteinander in einer Beziehung steht. Es handelt sich um das Prinzip der Relationalität. Die Beziehung ist die Basis für alles und das Gegenteil für die Beziehung ist das Nichts und nicht etwa das „Absolute“, das aus sich selbst heraus existieren könnte. Eine solche Weltsicht hat konkrete Folgen für die Auffassung von der Natur, vom Menschen und von Gott. Denn der gesamte Kosmos ist nichts anderes als Beziehung. Es gibt verschiedene Hauptachsen, die den Kosmos und die Wirklichkeit zusammenhalten. Oben und Unten als räumliche und Vorher und Nachher als zeitliche Achse sind die wichtigsten. Diese beiden Achsen sind nicht zu verwechseln mit den europäischen Vorstellungen von horizontal und vertikal. Für den andinen Menschen ist im Oben jeweils auch das Unten präsent, das Vorher im Nachher usw. Von daher ergibt sich, dass z.B. Tod und Leben keine unvereinbaren Gegensätze darstellen, sondern sich gegenseitig ergänzen. Tod bedeutet immer auch das Entstehen von neuem Leben. Es gibt grundsätzlich keine sich gegenseitig ausschließende Gegensätze, es gibt weder „das Böse“ noch „das Gute“. Es gibt keine absoluten Wahrheiten, und nie ist etwas völlig falsch. Im alltäglichen Leben zeigt sich dies z.B. darin, dass ein Campesino nie strikt Nein sagt oder etwas völlig ablehnt. Eine strikte Verneinung bedeutet nämlich nichts anderes, als dass zu dem Verneinten keine Beziehung mehr möglich wäre, was aber nicht sein kann. Es gibt nichts, was aus dem Netz der allgemeinen Verbundenheit herausfallen könnte.

Die Knotenpunkte in diesem Netz heißen Chakanas. Sie gleichen Brücken, sie vermitteln und setzen die verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit miteinander in Beziehung. Wichtige Knotenpunkte wie die Bergspitzen, der Blitz und der Regenbogen halten das Netz zusammen und symbolisieren den Zusammenhang zwischen „Unten und Oben“. Vor allem die Gipfel der Berge als Sitz der Apus (der Geister) haben eine große Bedeutung. Auf den Berggipfeln werden Kreuze aufgestellt, sie repräsentieren die Schnittstellen und verbinden die verschiedenen Bereiche des Kosmos. Der Mensch ist in diesem Geflecht keine unverzichtbare, aber eine sehr wichtige Chakana. In ihm berühren und kreuzen sich verschiedene Bereiche der Wirklichkeit und er hat die Fähigkeit, mit allen Bereichen der Wirklichkeit Kontakt aufzunehmen. Jeder Mensch hat seinen ganz bestimmten Ort im kosmischen Geflecht und seine größte Aufgabe ist, diesen Ort so gut auszufüllen, dass er zu einer beständigen Brücke für andere und zu anderen wird. Gelingt ihm dies, gilt er als ein weiser Mensch und er hat Autorität. Aus dieser Verflechtung zu allem Seienden ergibt sich, dass ihm das Seiende in allen seinen Erscheinungsformen nicht als etwas Fremdes gegenübertritt. Die Natur ist ihm nicht wesensfremd und er unterscheidet sich von ihr nicht wesensmäßig. Die Natur wird damit auch nicht zu einem Objekt und damit zur Beute des „überlegenen“ Menschen, sondern der Mensch wird zum Diener, zu einer Brücke, und je besser er diese Funktion ausfüllt, desto harmonischer lebt er in seiner Umwelt. Es ist für ihn selbstverständlich, dass er existentiell von der Natur abhängig ist - und entsprechend behandelt er sie.

Die Natur wird dem Menschen am Vertrautesten in der Mutter Erde, der Pachamama. Pachamama hat wie alle lebenden Wesen ihre ganz eigenen Bedürfnisse und Launen. Sie will gehegt und gepflegt werden, sie hat Durst, sie zürnt dem Menschen, der Mensch verdankt ihr sein Leben. Er ist aber nicht nur Hüter seiner Pachamama, sondern in dem Behüten und Kultivieren der Pachamama ist er zugleich Behüter aller Lebensgrundlagen für sich selbst und den gesamten Kosmos, die sich in der Pachamama bündeln - auch für die Tiere, Pflanzen und alle Phänomene der Natur. Dieses Kultivieren ist eine kultische Aufgabe, in christlicher Ausdrucksweise: es ist ein Gottesdienst. Die Natur als Ganzes ist ein lebendiger Organismus und der Mensch hat die Aufgabe, diesen Organismus nicht nur am Leben zu erhalten, sondern er ist auch für die Harmonie zwischen allen Bereichen verantwortlich. Leidet Pachamama, leidet der Mensch und leidet der Mensch oder die Beziehung der Menschen untereinander, dann leidet der ganze Kosmos. Bringt der Mensch die Harmonie durcheinander, dann können große Katastrophen die Folge sein.

Der Campesino kennt die unfruchtbaren Tage und die besonders fruchtbaren Tage der Mutter Erde. Er bittet sie um Erlaubnis, wenn er ihr etwas entnimmt und gibt dies wieder in symbolischer Gabe zurück. Tiere und Pflanzen sind Teil der Mutter Erde, sie sind die natürlichen Gefährten des Menschen. Dennoch kommt es immer wieder zu Störungen im Gleichgewicht der Natur. Dann hat der Mensch als Chakana die heilige Aufgabe, durch symbolische Handlungen im Rahmen einer Feier das Gleichgewicht wieder herzustellen. In der Feier und durch die Feier kann die aus den Fugen geratene Schöpfung wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. In dieser Aufgabe liegt die eigentliche Bedeutung des Menschen innerhalb der kosmischen Ordnung. 

Man mag sich ausdenken, welche Bedeutung die Menschwerdung Christi in dieser Kosmovision hätte: Als DIE einzigartige Chakana, die Brücke in die Vergangenheit zu unseren Ahnen, die Brücke in die Zukunft für die kommenden Generationen, die Brücke von „Oben und Unten“ und der Messias als DER Garant für die Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit allem, was existiert, letztlich zu Gott selbst. Jesus Christus ermöglicht bzw. garantiert gar das lebensnotwendige Gleichgewicht in der Schöpfung Gottes. Dadurch ermöglicht er für alle Menschen ein „gutes Leben“, d.h. ein Leben in Würde als Kinder Gottes. Das ist unsere Berufung und unsere Verheißung – eine befreiende Botschaft. 

Mensch – Gott – Gemeinschaft

Trotz der Bedeutung des Menschen ist der Mensch nicht Mittelpunkt oder gar die „Krone der Schöpfung“. Der Mensch als Individuum, das sich kraft seiner Vernunft aus den Verstrickungen mythologischer Mächte und den Fesseln der Natur emanzipiert, hat in der andinen Kosmovision keinen Platz. Besser gesagt: es kann dieses so verstandene Individuum gar nicht geben. Der Mensch findet seine Begründung nicht aus sich selbst heraus, sondern in der Beziehung zur Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit dem gesamten Kosmos. Ein Mensch ohne Beziehung ist tot. Die Gemeinschaft ist seine Lebensgrundlage und die oben erwähnten Aufgaben kann er nur innerhalb und mit der Gemeinschaft erfüllen. Die Gemeinschaft ist das eigentliche Subjekt, die Beziehung ist der Ursprung von allem. Die Beziehung verleiht dem Menschen seine Identität. Diese Beziehung ist nicht nur eine Beziehung zwischen Personen und auch nicht nur die Beziehung zwischen Mann und Frau. Sie bezieht sich auf alles, was existiert, weil der Mensch ja Teil eines Netzes ist, das alle Bereiche umfasst. Wer sich aus dieser Einheit ausklingt, schadet der Gemeinschaft und setzt gar deren Überleben aufs Spiel.

Ausgehend von der Erfahrung und Gewissheit, dass alles Existierende miteinander in einer Beziehung steht, kann es auch nicht den konstruierten Gott der europäischen Philosophen geben. Die europäische Konzeption von Gott geht ja gerade davon aus, dass das Wesen Gottes darin besteht, dass Gott absolut transzendent ist, d.h. auch, dass er nicht auf Beziehungen, sei es zur Schöpfung insgesamt, sei es zu den Menschen, angewiesen ist und er vielmehr aus sich heraus existiert. Die Bibel sagt zwar etwas anderes, denn Gott ist Beziehung, in sich selbst und mit den Menschen. Doch hier soll gesagt werden, dass der Gott der Philosophen in der griechisch-christlichen Theologie oft die Oberhand über den biblischen Gott gewonnen hat und dass dadurch die Botschaft Jesu verdunkelt oder gar in ihr Gegenteil verkehrt wurde.

Jede Tätigkeit des Menschen hat automatisch eine sakrale Dimension. Wenn z.B. ein Campesino die Erde bearbeitet, dann steht er mit Gott und allen göttlichen Mächten des Universums in einer unmittelbaren Beziehung. Die Erde ist für ihn nicht nur eine Mutter. Über seine Arbeit steht er mit dem gesamten Universum und damit auch mit allen Menschen in Beziehung. Schließlich bezieht er seine eigene Identität aus der Erfahrung, Teil eines sinnvollen und Sinn stiftenden Ganzen zu sein. Es gibt keine Trennung von profan und sakral, weltlich und überweltlich - und damit im christlichen Sinne von sozial und pastoral. Das bedeutet nicht, dass alles unterschiedslos gleichgesetzt werden kann. Es gibt bestimmte Zeiten, Orte und Tätigkeiten, die mehr das Profane oder das Sakrale (in europäischer Sprechweise) hervorheben, aber dies geschieht nicht in Abgrenzung zum jeweils anderen, sondern in Einheit. In der andinen Kosmovision ist die christliche Vorstellung der „Fleischwerdung Gottes“ sehr nahe liegend: Himmel und Erde werden eins, Gott wird Mensch, und der Mensch hat dadurch Teilhabe am Göttlichen. Der leidende und mitfeiernde Gott ist für den andinen Menschen eine Realität, die im Alltag und jeden Tag neu erfahren wird.

Gott ist immer jemand (im bereits christianisierten Verständnis von Gott als Person), der mitleidet, mitfeiert und dem das Schicksal der Welt und des Menschen gar nicht gleichgültig sein kann. Denn wenn der Mensch leidet, leidet auch Gott. Auch von der andinen Kosmovision her lässt sich sagen: Jesus als der Messias ist das Bild Gottes für den Menschen, als Mensch repräsentiert er Gott und Gott zeigt durch ihn, wie sein Verhältnis und seine Beziehung zu den Menschen ist. Durch Jesus zeigt Gott den Menschen, dass er der Garant einer guten und gerechten Ordnung ist. Er garantiert, dass das Gleichgewicht und die Harmonie immer wieder neu hergestellt werden und dass damit die universale Gerechtigkeit - gerechter Austausch, Brot teilen am Tisch der Gemeinschaft und Teilhabe an allem - garantiert wird. Die Botschaft Jesu hat wesentliche Berührungspunkte mit der andinen Kosmovision (Gemeinschaft, Schöpfung, soziale Verantwortung, „Brot“ teilen, etc.).

Die herausragende Aufgabe für jeden Menschen ist es, seinen je eigenen Platz im Rahmen einer größeren Ordnung und einer größeren Gemeinschaft zu finden und zu erkennen. Je mehr ihm das gelingt, umso weiser ist er. Weisheit und Wissen bedeutet nicht, durch intellektuelle Bemühungen sich abstraktes Wissen anzueignen, sondern im Strom der über Jahrhunderte angesammelten kollektiven Weisheit und Erfahrungen wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen. Sein Zugang zur Wirklichkeit geschieht zuerst über die Sinne, auch über die üblichen fünf Sinne hinaus. Bildlich gesprochen (für Europäer bildlich, für die Campesinos real) hört der andine Mensch, „das Herz der Mutter Natur schlagen“ und er spürt auch, wenn sie leidet. Die kultische Feier ist die dichteste Weise, um die Wirklichkeit zu begreifen und sich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu erleben. Die Feier eines aus europäischer Sicht nur symbolisch gedachten Geschehens ist für die andinen Menschen ein Eintauchen in das Geschehen selbst, das dadurch wirklich und gegenwärtig ist. Eine Feier ist deshalb nicht zuerst eine Erinnerung, sondern sie ist eine stets neue und kreative Neuschöpfung, in der sich der Mensch stets neu seiner Beziehung zu Natur, Mitmensch und Gott vergewissert. In einer solchen Feier zeigt sich auf verdichtete Weise die sonst auch im Alltag gelebte und erfahrene Beziehung des Einzelnen bzw. der Comunidad zur gesamten Wirklichkeit. Was würde das bedeuten, wenn man die Eucharistie als Grundsakrament von Kirchesein in dem genannten Kontext neu oder gar besser verstehen könnte?

Von diesem Verständnis her lassen sich für die christliche Auffassung von Gott und der Welt drei Grundsätze ableiten, die für christliche Theologie und Glauben von höchster Bedeutung sind: 

  • Die Welt (und jedes Teil von ihr, der Mensch) ist heilig, sie ist das „Sakrament des Göttlichen“.
  • Die christliche Lehre von der Menschwerdung Gottes gewinnt von daher eine neue Bedeutung.
  • Die Bedeutung von Gemeinschaft (z.B. die Eucharistie als Feier im andinen Verständnis)und sozialer Verantwortung für Mitmensch und Natur, d.h. auch für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“.

Reziprozität als weitere Grundlage andiner Kultur und Religion 

Seit Jahrtausenden und über verschiedene Kulturepochen hinweg existiert in den Anden das Prinzip der Reziprozität, des wechselseitigen Gebens und Nehmens. Es hat seine Grundlage in der wirtschaftlichen Notwendigkeit des Warenaustausches und der gegenseitigen Hilfe. Die geografischen Notwendigkeiten in den Anden führten dazu, dass bestimmte Produkte nur in einem eng begrenzten Raum angebaut werden konnten. Nicht weit davon entfernt wurden aufgrund anderer Bedingungen wiederum andere Produkte angebaut. Es kam notwendigerweise zu einem Austausch und einer Verteilung der Produkte auf der Basis einer freien Übereinkunft nach den Regeln von Angebot und Nachfrage - allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze, die nicht überschritten werden durfte. So war bei einem Ausfall der Ernte oder generell in Notzeiten der Austausch sozial verträglich. Im Interesse der Gesamtheit und im Einklang mit den natürlichen und göttlichen Kräften mussten Notleidende, die unverschuldet keinen entsprechenden Gegenwert liefern konnten, dennoch mit Gütern versorgt werden und der sonst übliche Tauschwert konnte symbolisch verrechnet und verbucht werden. Solche Gaben an Notleidende hatten denselben Stellenwert wie die Gaben an die Mutter Erde. Die Mitversorgung eines Waisenkindes war genauso notwendig wie der Dank an die Mutter Erde, deren Güter schließlich allen Menschen zur Verfügung stehen sollten. Auf dieser Basis konnte weder eine Comunidad, noch eine Großfamilie oder ein Einzelner in den Ruin getrieben werden. Es gab keine Insolvenz. Weil jeder lebendiger Bestandteil eines kreativen Netzwerkes war, konnte auch jeder - auch die alte Witwe und das Waisenkind - etwas beitragen und einbringen. Unter einem Totalausfall (z.B. Hungerstod) hätte die gesamte Gemeinschaft, ja sogar der ganze Kosmos gelitten. Schon allein deswegen war es undenkbar, ein Mitglied der Gemeinschaft dem Hungerstod zu überlassen.

Geld oder vergleichbare Zahlungsmittel waren bis zur Ankunft der Spanier nicht bekannt. Gold diente nur zur Verehrung der Götter, vor allem dem „Vater Sonne“, der die Mutter Erde befruchtet. Der Wert eines Produktes im materiellen Sinne und eines Geschehens im rituellen und spirituellen Sinne war daher unmittelbar erfahrbar und für alle transparent und einsichtig. Innerhalb der Comunidades war das Prinzip der gegenseitigen Verpflichtung die Grundlage des sozialen Zusammenlebens auf der Basis der erwähnten Sozialverträglichkeit. Das Prinzip der Reziprozität war das ethische Grundprinzip. Diese Verpflichtungen und Handlungen sind nicht zuerst Ergebnisse einer individuellen ethischen Selbstverpflichtung und somit nicht als individuelle moralische Handlungen aufgrund einer freien und souveränen Entscheidung eines individuell geformten Gewissens klassifizierbar, sondern der andine Mensch versteht sein Handel als Teil der kosmischen Ordnung, ohne die diese Ordnung zusammenbrechen und er seine Existenzberechti­gung verlieren würde. Dies schließt eine persönliche Verantwortung nicht aus, doch ist diese Verantwortung gebunden an eine dem Menschen vorgegebene kosmische Ordnung, deren Sinn ja gerade darin besteht, dem Menschen das Leben zu ermöglichen und innerhalb des Netzwerks des Lebens seinen Ort und seine Orientierung zu finden. 

Zwei exemplarische Unterschiede bzw. verschiedene Zugänge zu „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“

a) Diese Auffassung von der Wirklichkeit Gottes und der Welt ist für Eu­ropäer schwer zu durchschauen und zu verstehen. Man ist als Außenstehender stets geneigt festzustellen, dass es entweder nur so oder so sein kann, nie aber beides zugleich (vielleicht bringt uns die Quantenphysik diesbezüglich noch einige Überraschungen). Denn das würde der Logik widersprechen. Aus der Sicht der andinen Kultur ist ein solch logisch-euro­päisches Denken nicht nachvollziehbar, weil es die Wirklichkeit und damit lebensnotwendige Zusammenhänge („das Gewebe allen Lebens“) zerreißt, in „Einzelteile zerlegt und dadurch zerstört. Die Wirklichkeit besteht nun einmal aus „unvereinbaren“ Gegensätzen, darin besteht ihre Dynamik. Und sie ist größer, als wir sie je fassen können. Es gibt keine Wirklichkeit „an sich“, genau so wenig wie eine Wahrheit „an sich“.

b) Diese andine Auffassung hat auch einen anderen Zugang zu dem, was Europäer Wahrheit zu nennen pflegen. Es gibt nicht die eine Wahrheit, die etwas anderes ausschließt, das notwendigerweise selbst ein Teil des Ganzen ist. Wie könnte Gott - so der Glaube der Indios - etwas ausschließen oder zerstören, das er selbst geschaffen hat und in dem er selbst gegenwärtig ist? So war von Anfang an der Anspruch der Missionare, den allein wahren Gott zu verkünden, für die Indios eine unzumutbare und nicht verstehbare Anmaßung. Die Verkündigung einer absolut wahren Lehre stieß auf taube Ohren, weil für das andine Denken der Erwerb und die Kenntnis abstrakter Theorien ohne wesentliche Bedeutung sind. Von Bedeutung ist vielmehr, eine als tragfähig und Sinn stiftend erfahrene und erlebte Erkenntnis von Gott und der Welt zu leben, weiterzugeben und in Gemeinschaft zu feiern. (Außerdem machten sie die schreckliche Erfahrung, dass Christen in Wirklichkeit an ganz andere Götter und Götzen glaubten und für die deren Verehrung sie bereit waren, über Leichen zu gehen… , und daran hat sich nicht viel geändert).

Fazit: Die Botschaft Jesu hat wesentliche Berührungspunkte mit der andinen Kosmovision (Gemeinschaft, Schöpfung, soziale Verantwortung, „Brot“ teilen, etc.). Am Beispiel der Christologie (der Messias als „Chakana“) und der Eucharistie (Danksagung, Feier, Erinnerung und Zukunft und soziale Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft) sollte andeutungsweise gezeigt werden, welche Bereicherung die gleichberechtigte Dialog mit anderen Kulturen und Kosmovisionen sein könnte.

Die Inkulturation einer morgenländischen Kosmovision (Glaube und Kultur) in eine abendländische Kosmovision kann dagegen als Beispiel einer äußerst missglückten Inkulturation angesehen werden. Denn die aus einer anderen Kultur und Lebensweise stammende Botschaft wurde von den eingeborenen Völkern Europas in ihre Vorstellungen eingehegt und grundlegend umgestaltet. Dies könnte man auch noch verstehen, nicht aber, dass dann diese neu gewonnenen und nicht biblischen Konstruktionen nun zum absoluten Maßstab für alle Völker der Erde erhoben wurden – für alle Zeiten!

Die indigenen Völker Europas haben den aus einem fremden – zuvor eroberten – vorderasiatischen Kulturraum stammenden Glauben in ihre eigene Denkweise eingeordnet, in ihr Gegenteil verkehrt und mit Gewalt globalisiert.

2. Beispiel – aus der Praxis: Feier der Eucharistie: Erinnerung – Danksagung - Vorwegnahme der Herrschaft Gottes

Ein praktisches Beispiel aus Bambamarca[1]: Bischof Dammert[2] erreichte 1969 in Gesprächen mit Papst Paul VI., dass seine Diözese unter Missionsrecht (Ius missionale) gestellt wurde.[3] Dies ermöglichte es, dass das Kirchengesetz gemäß den regionalen Notwendigkeiten ausgelegt werden konnte und Laien, Männer und Frauen, zu Gemeindeleitern, Täufern und allgemein zu pastoralen Diensten (Eheschließung, Bußandachten, etc.) beauftragt werden konnten. „Der Papst ermutigte mich von ganzem Herzen, mit meiner bisherigen Arbeit fortzufahren, trotz aller Schwierigkeiten. Er drängte mich, einige Experimente weiterzuführen, ein Ritus für die Taufe durch ländliche Katecheten auszuarbeiten, ebenso einen Katechismus, angepasst an die Mentalität und das Verständnis der Campesinos. Er hielt mich an, das Verständnis des Priestertums in einer andinen Umgebung neu zu entwickeln“.

In den meisten der etwa 200 Comunidades („Indiogemeinden“) der Pfarrei Bambamarca wurden regelmäßige Versammlungen abgehalten und priesterlose Gottesdienste gefeiert, in einigen Regionen wöchentlich, in anderen monatlich und nicht notwendigerweise an einem Sonntag. Ein solcher Gottesdienst dauerte 4 - 6 Stunden. Die Familien brachten je nach Möglichkeit Essen und Trinken mit. Gesang, Begrüßung, Grund des Zusammenseins, Rückblick und Ausblick auf gemeinsame Aufgaben, Hören der Frohen Botschaft und das Sprechen über das Gehörte im Lichte der eigenen Sorgen und Hoffnungen gehörten zum „Inventar“ des Treffens. Höhepunkt war das gemeinsame Mahl. Alle hatten schon zu Beginn ihre mitgebrachten Speisen (manchmal war auch an Ort und Stelle gemeinsam gekocht worden) auf ausgebreitete Tücher oder Ponchos abgelegt. Der Leiter und Katechet der Gemeinde nahm nach einer Einführung ein Brot, zeigte es allen und sprach die Worte, die Jesus im Abendmahl sprach. Wenn wir das alles miteinander teilen als Zeichen für all das, was wir für ein Leben in Würde brauchen, dann ist Jesus mitten unter uns und wir werden selbst zu „Brot und Wein“ für andere. Danach ging das Fest weiter und es endete mit einem gemeinsamen Segen. Ein solcher Gottesdienst wurde als Krönung dessen verstanden, was im Alltag gelebt wurde: Leben und arbeiten, säen und ernten in Gemeinschaft, Beistand für Kranke und Bedürftige, usw. Die Gegenwart des Auferstandenen wurde leibhaftig erfahren.

Kommentar der Campesinos von Bambamarca: „Auf den ersten Blick gibt es einen Unterschied zwischen dem Mahl Jesu mit seinen Freunden und unserem Festmahl. Auf dem Land haben wir keinen Tisch zum Essen. Der Tisch ist der Boden. Wenn die Menschen sich versammeln, wird ein Poncho oder je nach der Anzahl der Leute (meist 80 - 100 Menschen) mehrere Tücher auf den Boden gelegt, darauf werden die mitgebrachten Gaben ausgebreitet und die Leute setzen sich darum herum. Jesus trägt einen Sombrero und einen Poncho, denn Jesus ist mit den erniedrigten und den einfachen Menschen, er wird mit ihnen identifiziert. Denn Gott ist Mensch geworden inmitten der Ärmsten. Er benutzt als Kelch einen einfachen Krug aus Erde, aus der Erde, aus der wir alle stammen. In der Kirche der Weißen und der Reichen benutzt man einen Kelch aus Gold. Die Schale für das Essen ist ebenfalls aus unserem Alltag, aus Holz geschnitzt, sehr verschieden zum Hostienteller in der traditionellen Kirche. Denn Jesus ist Teil unseres Alltages, er lebt mit und unter uns, den Armen. Er ist einer von uns. Er macht sich zum Campesino. Er wählt die Ärmsten und Kleinsten aus. Wenn wir alle unsere Kraft und unsere Opfer in eine gemeinsame Arbeit einbringen, dann folgen wir Jesus, der sein Leben für uns gegeben hat. Dieses Beispiel schweißt uns zusammen. In der gemeinsamen Arbeit und diesem Festmahl in Gemeinschaft hat die Arbeit und hat das Essen keinen Preis, hier geschieht alles aus der Liebe, die uns vereint. Bei uns auf dem Land widmen wir alle unsere Kraft und Anstrengung unseren Nachbarn. Das gemeinsame Essen repräsentiert diese Liebe, die unter uns herrscht“. (aus: Der Kreuzweg der Campesinos

Die Speisung der Fünftausend (Mt 14, 13-21)

Im Zentrum der Botschaft Jesu steht die Verkündigung der Herrschaft Gottes, die jetzt und mit ihm beginnt. In der Herrschaft Gottes gelten ganz andere Gesetze, nämlich Liebe und Gerechtigkeit. Dies ist mit dem, was in unserer Welt geschieht, völlig unvereinbar. Denn in der „alten Welt“ herrschen die Gier nach Gold und Geld. Wen kümmert es da, wenn das einfache Volk bis aufs Blut geschunden wird, wenn es unter die Räuber fällt und selbst die „Frommen des Tempels“ ungerührt an den Opfern dieser politischen und wirtschaftlichen Strukturen (die von den Mächtigen zu ihrem Vorteil genau so eingerichtet wurden) vorbeigehen, weil sie nur um ihr eigenes Heil besorgt sind?

Jesus hat uns durch seine Worte und Taten gezeigt, wie dieses neue Zusammenleben der Menschen aussehen könnte und welche Prioritäten dabei gesetzt werden. In vielen Gleichnissen, Heilungen und Bildworten erklärt er uns seine Botschaft und wer er ist. Er geht zu den Aussätzigen und führt sie in die Gemeinschaft zurück, vergibt Zöllnern und feiert Mahlgemeinschaften mit den Ausgestoßenen und allen, die in den Augen der Frommen jener Zeit verdammt waren. Diese Festmähler sind ein Zeichen dafür, dass in der beginnenden neuen Zeit alle Schranken aufgehoben sind, alle sind zum gedeckten Tisch einzuladen und allen wird das Brot und der Wein des Lebens gereicht. Deutlich wird dies auch in dem Wunder der Brotvermehrung. Das Wunder von der Speisung der Fünftausend ist das einzige Zeichen, das in allen vier Evangelien erwähnt wird (Mt 14,13-21; Mk 6,34‑44; Lk 9,10-17). Es hat deshalb eine beispielhafte Bedeutung.

Jesus hat Schauwunder als „Beweis“ seiner Sendung (Messias) strikt abgelehnt, vielmehr geht es ihm um eine völlig neue Einstellung. Die vielen Menschen, die Jesus zuhörten, waren hungrig geworden, manche hatten Vorräte dabei, andere nichts. Jesus forderte die Jünger auf, alle ihre Vorräte mit den Menschen zu teilen und diejenigen, die etwas übrighatten, teilten mit denen, die nichts hatten. So wurden alle satt. Sie hatten ja die Botschaft Jesus gehört, ließen sich bewegen - ihr Herz war gerührt - und entdeckten so ihren Not leidenden Nächsten. Die Zeichen der Herrschaft Gottes gelten heute genauso wie damals. Leben wir wirklich in einer so verschiedenen Zeit wie damals? 

Selbst seine Jünger haben ihn immer wieder missverstanden. „Schick doch diese Menschen weg, sie sollen sich selbst essen kaufen!“ sagen die Jünger! Und Jesus: „Gebt IHR ihnen zu essen!“ Denn er sah die Not der Menschen und litt mit ihnen. (Maria von Magdala hätte diese Not wohl auch gesehen). Und was tun wir als seine „Jünger und Jüngerinnen“? Es wird z.B. eine Überfülle an Nahrungsmitteln produziert und weggeworfen, während täglich weltweit Tausende verhungern. Es würde für alle reichen, wenn es den Menschen - und allen voran den Christen - gelingen würde, viel mehr solcher Zeichen der Herrschaft Gottes zu setzen. Es wird zwar nie die vollkommene Gerechtigkeit auf Erden geben, dies ist ein Geschenk Gottes, aber Jesus sagt uns: „Beginnt schon mal, macht euch auf den Weg in die neue Zeit, ich bin bei euch“. Er gibt uns die Kraft und den Mut, uns für eine gerechtere, eine friedvollere, eine menschlichere Welt einzusetzen. Es hängt an jedem von uns Einzelnen, wie diese Welt und unser aller Leben in Gemeinschaft aussehen wird. Jesus will uns nicht als staunende Betrachter wunderbarer Zaubereien, vielmehr traut er uns zu, die Welt zu verändern. Er geht uns auf diesem Weg voraus. Er ist die Erfüllung aller Verheißungen Gottes, der Messias ist mitten unter uns! Und was feiern wir eigentlich im Abendmahl bzw. in unseren „heiligen Messen“?

Aus: „Brot für alle – weltweit!“ Ein Beitrag zu: www.nachhaltig-predigen.de, eine ökumenische Initiative von ev. Landeskirchen und kath. Bistümern, von Dr. theol. Willi Knecht, Diözese Rottenburg-Stuttgart, Predigtanregung für den 26.06.2019 (Fronleichnam), als „agente pastoral“ in den 70er Jahren in Bambamarca.

Nachtrag (26. Juni 2019): Papst Franziskus deutet Wundererzählung: (auf katholisch.de)

Jesus hat kein Brot vermehrt – er lehrte Menschen zu teilen. Auch sollten sie teilen und nicht für sich selber anhäufen, mahnte er. In der Erzählung von der sogenannten Brotvermehrung, die am Fronleichnamsfest gelesen wird, komme das Wort "vermehren" gar nicht vor, so Franziskus auf dem Platz vor der Kirche „Santa Maria Consolatrice" (Maria Trösterin). Jesus habe aus fünf Broten nicht 5.000 gemacht; im Bibeltext gehe es allein um die Worte "brechen, geben, austeilen". Wörtlich sagte Franziskus: „Es ist wichtig: Jesus betreibt keine Magie, er verwandelt die fünf Brote nicht in fünftausend, um dann zu sagen: 'Verteilt sie jetzt.'" Stattdessen würde Jesus beten, die Brote segnen und beginnen, sie im Vertrauen auf den Vater zu brechen. „Und diese fünf Brote gehen nicht mehr aus. Das ist nicht Magie, es ist Vertrauen auf Gott und auf seine Vorsehung." Dagegen werde überall sonst nach Vermehrung des Gewinns und nach Umsatzsteigerung gesucht. „Aber zu welchem Zweck? Zum Geben oder zum Haben? Zum Teilen oder zum Anhäufen?", fragte das Kirchenoberhaupt. Die 'Ökonomie' des Evangeliums hingegen vermehre durch Teilen; „sie befriedigt nicht die Gefräßigkeit der Wenigen, sondern sie gibt der Welt Leben".

1. Station – Kreuzweg der Campesinos (siehe Kreuzweg auf diesen Seiten)

 Der Text auf dem Gemälde: In der ersten Station sehen wir, wie Jesus von Nazareth, der Verteidiger der Armen, einen Tag vor seinem Tod mit seinen zwölf vertrautesten Freunden das letzte Abendmahl einnimmt. Jesus fühlt eine unvergleichliche Liebe zu seinen Freunden. Er selbst gibt sich in Gestalt von Brot und Wein als Nahrung hin. Mit dem Zeichen der Fußwaschung lehrt Jesus, dass niemand sich als der Wichtigste fühlen darf, sondern dass wir uns alle als Gleiche fühlen, dass wir uns gegenseitig lieben und wir uns gegenseitig dienen, der eine dem anderen. Heute noch lebt diese Liebe in uns, dieses Beispiel des Miteinanderteilens, dieses Beispiel der Hingabe aus Liebe an die anderen.

Hier in den ländlichen Gebieten von Bambamarca lebt diese Liebe unter uns weiter - trotz unser traurigen Wirklichkeit, in der wir leben. Bei vielen Gelegenheiten feiern wir noch dieses traditionelle Abendmahl, das uns immer eint, das Kraft gibt und das uns immer ermutigt, uns gegenseitig bei den dringendsten Arbeiten zu helfen. Dieses traditionelle Abendmahl realisiert sich in der gemeinsamen Fertigstellung eines Hauses, in einer Trauerfeier, einem Heiligenfest und bei anderen Versammlungen. In diesem Abendmahl gibt es keine Diskriminierung von Kindern, Jugendlichen, alten Menschen und Behinderten; es gibt keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, Eingeladenen und Nichteingeladenen.

„Gebt allen etwas vom Essen und von der Chicha. Sorgt dafür, dass niemand ohne Essen bleibt“.

Bild und Text von José Espíritu,  ein Campesino-Katechet, von seiner Comunidad ausgewählt und vom Bischof vorbereitet und beauftragt.

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[1] Die Pfarrei Bambamarca (etwa 100.000 Katholiken, 95% Campesinos) war das Pilotprojekt der Diözese Cajamarca und wurde über Peru hinaus zum Vorbild einer befreienden Kirche und Pastoral, siehe auch „Vamos caminando“, das Glaubensbuch der Campesinos. G. Gutiérrez ging dort nach eigenen Angaben „in die Lehre“. Bischof Dammert (1962-1992) brachte, ausgehend von den bereits in seiner Diözese eingeführten Praxis, mit G. Gutiérrez diese Erfahrungen aus der Praxis dann in Medellín ein. So wurde das berühmte Kap.14. „Die Armut der Kirche“ von beiden verfasst.

[2]  Er war Mitbegründer und bis 1992 Motor der weltweit über 600 „Kleinen Bischöfe“ und 10 Kardinäle, die sich im Geiste von Charles de Foucauld zum Abschluss des Konzils der Armut verpflichtet haben. (Katakombenpakt). In der Diözese Cajamarca gab es seit 1969 die weltweit ersten Campesino-Katecheten/Innen mit weitreichenden Vollmachten. Die Diözese wird von lateinamerikanischen Kirchenhistorikern und Theologen als die Diözese bezeichnet, in der der „Geist des Konzils“ mit am konsequentesten und erfolgreichsten in die Praxis umgesetzt wurde: Als ein „Mehr an der Fülle des Lebens“ für die Ärmsten.

[3] Lateinamerika als Missionsgebiet – nach 400-jähriger „Missionierung“ und fast alle dennoch getauft? Wie sieht es in Deutschland (Europa) aus? Wäre es nicht an der Zeit, Deutschland nun auch zum Missionsgebiet zu erklären?

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