Das Priesterseminar Cajamarca

Das Seminar San José, Cajamarca                                                Padre Miguel Garnett

Gegen Ende der siebziger Jahre entschloss sich Bischof José Dammert, der Bischof von Cajamarca, das Priesterseminar wieder zu eröffnen, das vor vielen Jahren geschlossen worden war, weil es damals keine Priesteramtskandidaten gab. Hin und wieder hatte zwar ein Jugendlicher Interesse am Priesteramt gezeigt, aber diese Interessierten wurden dann zum Studium an andere Orte geschickt wie z.B. nach Trujillo, Lima oder Bolivien. Aber eines Tages geschah das Phänomen, dass auf einmal eine ganze Gruppe von Jugendlichen sich vorstellte, alle wollten Priester werden. Es waren mehrheitlich die Söhne von Landkatecheten.

Die Ausbildung von Katecheten für die weit abgelegenen Landzonen war ein wichtiger Bestandteil der pastoralen Arbeit von Don Pepe (wie wir ihn unter Freunden nennen). Aber man hatte nicht daran gedacht, dass diese Arbeit dazu führen würde, auch Berufungen zum Priesteramt für die nächste Generation zu wecken. Selbstverständlich lag es aber in der Logik der Sache, dass die Dinge sich so entwickeln konnten. Als nun verschiedene Jugendliche dem Bischof gegenüber den Wunsch äußerten, Priester werden zu wollen, sah sich dieser einem Dilemma gegenüber. Zweifellos würde die Ausbildung der Jugendlichen sehr teuer werden, andererseits - im Rahmen des sozialen Panorama des Landes - würde die Ausbildung für einen Jungen aus den Anden Perus in einem Seminar an der Küste von Peru zu einer Entfremdung führen.

Es war sehr wohl bekannt, dass das gesamte Erziehungssystem Perus, vor allem in den weiterführenden Schulen, dazu neigte, die ländliche Welt der Anden zu verachten und zurückzuweisen. Es ist traurig zu beobachten, wie ein einfacher und intelligenter Junge vom Land sich sehr leicht und schnell in einen kleinen Doktor („doctorcito“) verwandeln kann, der unfähig ist, sich die Hände mit manueller Arbeit zu beschmutzen und der sogar auf seine eigenen Eltern und Geschwister voller Verachtung herabschaut. Dies geschieht in den Universitäten und auch in den Priesterseminaren.

Don Pepe gefiel überhaupt nicht der Gedanke, dass die Söhne seiner Freunde, die Landkatecheten, zu - wie man hier sagt - kleinen Lackaffen („pituquitos“) werden könnten. Andererseits gab es auch noch die praktische Schwierigkeit, wie man die Türen des Seminars, das vor etwa zwanzig Jahren geschlossen worden war, wieder öffnen konnte. Denn die Räumlichkeiten waren vermietet, die Möbel und andere Einrichtungsgegenstände waren in alle vier Himmelsrichtungen verstreut und vor allem bestand die Notwendigkeit, Ausbilder und Lehrpersonal zu finden. Der Bischof entschied sich jedoch, das Abenteuer zu wagen.

Die Vision, die Don Pepe leitete, war das, was der hl. Augustinus im fünften Jahrhundert bereits verwirklicht hatte: die Bildung einer Gemeinschaft um den Bischof herum. Er entschied sich dafür, sein Werk im eigenen Bischofshaus zu beginnen. Don Pepe hatte nicht die Idee, zuerst die materielle Infrastruktur zu errichten und diese danach mit den Priesteramtskandidaten aufzufüllen, vielmehr nahm er die Kandidaten in den Räumen auf, die das Bischofshaus anzubieten hatte, mit der Möglichkeit, diese Räumlichkeiten später entsprechend den Bedürfnissen zu erweitern.

Im Bezug auf das Personal gab es für die Grundkurse, die zum Ziel hatten, die schulische Sekundarstufe abzuschließen bzw. zu vertiefen, keine größere Probleme. Denn in der Stadt Cajamarca gab es Lehrer und Lehrerinnen für die verschiedenen Fächer, die sehr gerne bereit waren, an dem Werk des Bischofs mitzuarbeiten. Schwieriger war es, die notwendigen Priester für die Ausbildung zu bekommen. Aber schon 1982 gab es ein kleines Team, das aus folgenden Personen bestand: Jorge López Vignand, Diözesanpriester aus Lima, Doktor des Kirchenrecht; der damalige Bruder (später Priester) Felipe Cogorno, Doktor der Soziologie, der an der Universität Cajamarca arbeitete; und der Verfasser dieses Artikels, Diözesanpriester von Westminster (London, Endland), Magister der Künste der Universität Oxford und Lizenziat in Philosophie an der Gregoriana in Rom. Während der Bischof die Funktion eines Rektors ausübte, war Padre Jorge der Vizerektor, Bruder Felipe war Studienleiter und ich war der geistliche Leiter (Spiritual).

Mir scheint, das Team war ziemlich ausgewogen und der Aufgabe angemessen. Wir teilten die Vision, eine ernsthafte akademische Ausbildung von hoher Qualität anzubieten - und meiner Meinung nach haben die späteren Resultate gezeigt, dass dies erreicht wurde. Wir zwei Priester hatten schon umfangreiche Erfahrungen in Pfarreien gemacht und sowohl das Leben einer Pfarrei in städtischen Elendsvierteln (Lima) als auch auf dem Land (Bambamarca) kennen gelernt. Im Bezug auf die spirituelle Bildung haben wir versucht, den Studenten eine breite Basis aus der lateinamerikanischen Kirche anzubieten, die ihrerseits integriert war in die konkrete Situation der peruanischen Anden.

Von Beginn an war sich Don Pepe bewusst, dass es unmöglich sein würde, die gesamte Breite der philosophischen und theologischen Ausbildung allein in Cajamarca anzubieten, denn es gab in der Diözese nicht ausreichend Priester, die alle dafür notwendigen Voraussetzungen mitgebracht hätten. Also haben wir uns für die philosophische und biblische Ausbildung entschieden, die wir vor Ort anbieten konnten. Und wir hatten die Hoffnung, dass damit ein entscheidendes Fundament dafür gelegt wurde, um den „Versuchungen“ standhalten zu können, die auf die Kandidaten während ihrer theologischen Ausbildung an der Küste lauerte.

Dies, so scheint mir, ist uns gelungen. Ich erinnere mich an einen Brief von einem der Studenten, der mich schmunzeln ließ, denn er schrieb: „Du, Miguel, kannst dir sicher nicht vorstellen, wie schrecklich eine so große Stadt wie Lima ist!“ Scheinbar hatte der junge Mann vergessen, dass ich in einer sehr großen Stadt aufgewachsen bin! Ja, für das Studium der Theologie schickten wir die Schüler zum ISET (Höheres Institut für Theologische Studien). Dies war ursprünglich gegründet worden um den Mitgliedern von Ordensgemeinschaften eine akademische Ausbildung anzubieten. Das ISET machte einen Leidensweg durch, während unsere Schüler dort waren. Trotzdem haben sich die jungen Männer aus Cajamarca dort gut behauptet. Die Schüler aus Cajamarca lebten während der Ausbildung im „Haus der Diözesen“ mit Jugendlichen aus Huacho (Küste), Sicuani (südliche Anden) und Pucallpa (Amazonas) zusammen und bildeten mit ihnen eine Gemeinschaft. Wir hofften, dass dieses Zusammenleben für alle eine Bereicherung war und ich glaube, das war es auch mehrheitlich.

Ich möchte nun näher auf zwei Probleme eingehen, die möglicherweise die ausschlaggebenden Faktoren dafür waren, dass das Projekt von Don Pepe, Priester für Cajamarca weitgehend in Cajamarca selbst auszubilden, zum Scheitern verurteilt war. Das erste dieser Probleme war die mangelnde Unterstützung einiger Mitglieder des einheimischen Klerus und einiger einflussreicher Bischöfe. Das zweite Problem war ein Zusammenwirken von Einschätzungen sowohl hinsichtlich der Herkunft der Priesteramtskandidaten als auch der Rolle und Erscheinungsbildes eines Priesters in den Anden. Wenden wir uns diesen beiden Problemen im einzelnen zu.

Hinsichtlich des ersten Problems, der Unterstützung für das Seminar seitens der kirchlichen Hierarchie und des Diözesanklerus gab es zwar die Unterstützung einiger Personen, die die Vision und die Ideen von Don Pepe teilten. Es ist aber kein Geheimnis, dass es auch jene Personen gab, die mit großem Misstrauen auf das schauten, was immer auch Don Pepe anfasste. Der vielleicht bemerkenswerteste Zwischenfall diesbezüglich ereignete sich während der Feier des silbernen Bischofsjubiläum von Don Pepe. Zu dieser Feier stellte sich in Cajamarca der Erzbischof von Trujillo ein, Bischof Manuel Prado Perez-Rosas, der auch Vorsitzender der bischöflichen Kommission für die Priesterseminare war. Einige Tage davor hatte mir Don Pepe einen Brief überreicht, der von Bischof Prado geschrieben war. Dieser Brief enthielt eine Serie von Anschuldigungen gegen das Team der Ausbilder im Seminar. Nachdem ich den Brief gelesen hatte, kommentierte ich: „Wer nicht sündigt, weil er unerwünscht ist, sündigt aus Dummheit und umgekehrt“. Offensichtlich stammten die Anschuldigungen aus dem eigenen Diözesanklerus. Gleichzeitig offenbarte sie auch eine ziemliche Unwissenheit über die Vita der Mitglieder des Teams. Auf meine Person bezogen stand z.B. in dem Brief, dass ich lediglich „ein einfacher Landpfarrer“ sei.. .

Ich erwähne diese Begebenheit um deutlich zu machen, mit welcher Oberflächlichkeit und Leichtigkeit sich Angriffe gegen die von Don Pepe ausgewählten Mitarbeiter lancieren ließen, Angriffe, die sofort und gerne vom dem besuchenden „Metropolit“ aufgegriffen und akzeptiert wurden. Dieses Umfeld (Ambiente) währte bis zur endgültigen Schließung des Seminars als „Seminario Mayor“ Ende des Jahres 1994. Ich glaube, es ist keine Übertreibung zu sagen, dass es eine Mischung aus Neid und Kurzsichtigkeit war, die das Seminar umgab und dies war, meiner Meinung nach, nichts anderes als ein getreues Spiegelbild für alle Aktivitäten, die gegen die Person von Don Pepe selbst gerichtet waren.

Möglicherweise könnte man sagen, dass woanders „der Hund begraben lag“, dass es nämlich im Grunde um die Theologie der Befreiung ging, ein lästiger Stachel im Fleisch der Etablierten. Wie bei so vielen Konflikten in der Kirche, wenn man fürchtet, dass man den Boden unter den Füßen verliert oder wenn man „um der Sache Gottes willen“ zu kämpfen glaubt, werden die Spielregeln einer zivilisierten und offenen Debatte außer Kraft gesetzt und auf Methoden zurückgegriffen, die einen an die „Heilige Inquisition“ denken lassen. Ich zweifle nicht, dass jene Personen, die sich der Arbeit von Don Pepe widersetzten, dies aus edlen Gründen heraus taten.

Aber leider haben die Methoden, die sie benutzten, nichts zur Klärung beigetragen, vielmehr haben sie ein Ambiente voller Misstrauen und Zweifel geschaffen. Erst viel später, als Bischof Angel Francisco als Apostolischer Administrator im Jahre 1992 nach Cajamarca kam, erfuhr ich von der Unmenge von Anschuldigungen, die in der Nuntiatur in Lima vorlagen. Er selbst hat es mir gesagt, als er die erste Nacht in Cajamarca verbrachte und ich ihn im Seminar ein Zimmer gegeben hatte.
 
Im Jahre 1991, als Don Pepe bereits Präsident der peruanischen Bischofskonferenz war, haben wir Besuch vom Erzbischof von Concepción, Chile, bekommen. Er war beauftragt, alle Seminare im Norden Perus zu besuchen, während ein argentinischer Bischof die Seminare im Südens besuchte. Mir wurde später gesagt, dass der Erzbischof die Schließung des Seminars empfohlen hat, obwohl ich diesbezüglich nie ein Dokument gesehen habe. Auch der gegenwärtige Bischof von Cajamarca, der gleiche Bischof Angel Francisco, der Don Pepe zunächst als Administrator seit Dezember 1992, dann als Bischof von Cajamarca nachfolgte, hat mir nichts davon gesagt. Es könnte aber sehr wohl die Wahrheit sein. Ich fühlte, dass uns der Erzbischof als ein „Nest der Theologie der Befreiung“ betrachtete. Dass dies unsere eigentliche „große Sünde“ war, wurde spätestens im März 1995 bestätigt, als ich eine sehr unangenehme Unterhaltung mit dem Apostolischen Nuntius hatte.

In der aktuellen innerkirchlichen Diskussion wird das Thema der Theologie der Befreiung sehr unsauber und sehr oft auch vollkommen verfälscht dargestellt. Es wird behauptet, dass die Theologie der Befreiung nur die sozio-politische Befreiung im diesseitigen Leben propagieren würde; dass sie keinerlei Spiritualität hätte; dass sie dem Zölibat keine Existenzberechtigung zuweise; dass sie die Basisgemeinden und die Kirche des Volkes (iglesia popular), wo kein Bischof mehr gebraucht würde (oft auch nicht einmal ein Priester), als allein gültige Form von Kirche und gelebtem Glauben betrachten würde... und weitere Dinge in diesem Stil.

Ich persönlich sah, und sehe, diese Deutung als eine Wortverdrehung und die damit verbundene strikte Ablehnung dieser Elemente als eine Verfälschung der christlichen Lehre. Die Befreiung von Sünden hat natürlich auch eine sozio-politische Dimension, aber sie erschöpft sich nicht darin. Diese Dimension zu leugnen ist genau so schädlich, wie sie zu verabsolutieren. Eine Spiritualität, die die konkrete Situation des Menschen nicht wahrnimmt, ist allzu sehr losgelöst von der Wirklichkeit und ist illusorisch. Dies hat schon Franz von Sales in der Einführung seines Werkes „Das devote Leben“ erklärt. Auch die Annahme, dass das Thema des Zölibates ein für alle mal geklärt sei und über das nicht mehr diskutiert werden dürfte, bedeutet letztlich nur, wie Vogel Strauß den Kopf besonders tief in den Sand zu stecken.

Den großen Wert der  Basisgemeinden und der Kirche des Volkes nicht anzuerkennen bedeutet, eine Sekte von Eliten zu schaffen und jene Weisheit zu missachten, die im folgenden Sprichwort ihren Ausdruck findet: „Vox populi, vox Dei“. Außerdem hat schon der große Kardinal John Newman im vergangenen Jahrhundert über die Notwendigkeit und den Wert einer Befragung der Gläubigen gesprochen, wenn es um den Glauben und die Glaubenslehre geht. Auch zu Zeiten der Kirchenväter hatten die einfachen Gläubigen Gelegenheit, den authentischen Glauben der Kirche mitzuformulieren und ihn so zu bewahren - eine Praxis, die in den unendlichen Diskussionen der „Weisen“ verloren gegangen ist.

Was ich versucht habe im Seminar zu lehren, finden wir im Evangelium: „Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Reiches Gottes geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes herausholt“ (Mt. 13,52). Wir hatten nicht nur die authentische Glaubensüberlieferungen (Depositum Fidei) und die Verkündigungen des kirchlichen Lehramtes zu lehren, sondern wir mussten auch die Sitten, Gebräuche und Traditionen, die wir in unseren Pfarreien und Andengemeinschaften vorfanden, respektieren und zu begreifen suchen. Zugleich aber war es auch notwendig anzuerkennen, dass wir im ausgehenden 20. Jahrhundert leben und nicht mehr im 12. Jahrhundert. Wir mussten offen sein für die verschiedenen Strömungen innerhalb der Wissenschaft und Philosophie oder statt dessen den Preis bezahlen, falls wir uns einschließen: uns in eine Sekte von seltsamen und anachronistischen Menschen zu verwandeln.

Was das zweite Problem betrifft, das eines gründlichen Verstehens der sozio-psychologischen Situation unserer Schüler, so glaube ich, dass selbst das Team der Ausbilder, dem ich von Anfang bis Ende angehörte, seine eigene Art der Blindheit hatte. Keiner von uns war von sehr armer Herkunft oder kam von den Bergen in den Anden. Natürlich wussten wir viel von dem Image insbesondere des andinen Priesters, so wie es in der Literatur z.B. von Clorinda Matto de Turner oder von Manuel Gonzáles Grado projektiert wird - das total negatives Bild einer ignoranten Persönlichkeit, voller Laster und immer wieder seine Stellung missbrauchend.

Da dieses Image bzw. Projektion überhaupt nichts mit unserer eigenen Erfahrung zu tun hatte, so glaube ich heute, widmeten wir den konstitutiven Elementen des familiären und sozialen Hintergrundes zu wenig Aufmerksamkeit. Auch berücksichtigten wir nicht hinreichend genug Charakterzüge und die Persönlichkeit jedes Schülers, die eventuell auf zukünftige Laster und Missbrauch hätten hinweisen können, falls der Betreffende erst einmal Priester sein würde. Natürlich ist es nicht meine Aufgabe, jemanden zu kritisieren. Aber wenn wir den Entwicklungsprozess jedes einzelnen Schülers, nachdem er erst einmal zum Priester geweiht worden war, verfolgen, dann treffen wir auf eine Geschichte von Missbrauch von Geldern, von abusiven Handlungen gegen Laien und Ordensfrauen und von Pflichtverletzungen und moralischem Umfallen im persönlichen Betragen.

Ich glaube, wir bildeten uns ein, dass die Ideale, die im Dienst des Priesteramtes enthalten sind, alle Arten von Charakterdefiziten überwinden würden. Ich sage dies auch deswegen, weil einer der Schüler, der in der Debatte im April 1995 (über die ich später schreiben werde) als Priesteramtskandidat zurückgewiesen wurde und der später im Dominikanerorden Aufnahme fand, dies mir so bestätigt hat. Wir waren nicht blind gegenüber dem Problem des Zölibates in den abgelegenen Pfarreien der Anden (und auch an anderen Orten), aber wir bildeten uns ein, dass der Jugendliche, der zum Priester geweiht werden wollte, die „Spielregeln“ akzeptieren würde.

Don Pepe selbst sagte mir einmal, nachdem er nicht mehr Bischof von Cajamarca war: „Obwohl wir vom Zölibat gesprochen haben, haben uns die Schüler das nie geglaubt“. Außerdem haben wir dem Problem der Verwaltung von Geldern nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet. Schüler, die aus bescheidenen und armen Verhältnissen kommen, sahen sich plötzlich nach der Priesterweihe mit der Möglichkeit konfrontiert, ein Auto zu besitzen und Projekte zu leiten, die vom Ausland finanziert wurden. In der Praxis hat dies eine Situation geschaffen, in der sich das Sprichwort erfüllt: „Vor dem offenen Geldschrank wird sogar der Gerechte schwach“.

Während der gesamten Zeit, in der ich im Seminar war, war es unsere Politik, die Schüler als verantwortliche Erwachsene zu behandeln und mir scheint, dass dies ein Irrtum war. (Dies sei nur nebenbei gesagt, denn ich weiß nicht, wie die Alternative aussehen könnte. Die Seminaristen einzusperren und sie zu behandeln als müssten sie wie kleine und schwache Pflanzen in einem künstlichen Beet beschützt werden, führt nachweislich auch nicht zu positiveren Ergebnissen). Wir setzten ein Niveau von Reife und emotionaler Stabilität voraus, welche die Schüler möglicherweise nicht besaßen. Und später hat dies sehr ernste Probleme im Leben vieler provoziert.

Während wir die erwähnten Defizite unsererseits nicht bemerkten, war es so, dass die angenehme Atmosphäre im Seminar, sowohl als Leben in der Gemeinschaft als auch in einer mit der Zeit immer angenehmeren räumlichen Ausstattung, unseren Irrtum verdeckte. Ein Besucher sagte mir 1993: „Tolle Umgebung“! Ich glaube, im allgemeinen waren die Schüler glücklich und viele haben danach berichtet - vor allem jene, die nicht geweiht wurden - dass die Zeit im Seminar eine Zeit voller Freude war und zum eigenen Vorteil gereichte. Außerdem wurde dank der Hilfe von Adveniat und einiger Freunde, nach und nach eine materielle Umgebung von einer einfacher Schönheit geschaffen, die sogar die Bewunderung vieler Einwohner Cajamarcas errang. Der Architekt der Gebäude war Herbert Eichenlaub, Deutscher, der es verstand, moderne Technologie mit sehr traditionellen Elementen der andinen Bauweise zu verbinden.

Als das Seminar neu eröffnet wurde und in den ersten Jahren seines Bestehens, war einer der stärksten Kritiken, die gegen das Seminar erhoben wurden, dass die Gebäude nicht für ein Priesterseminar geeignet waren. Und in der Tat waren wir über lange Zeit sehr beengt und wir teilten die Räumlichkeiten nicht nur mit dem Bischof, sondern auch mit Caritas. Es war nicht leicht eine Atmosphäre zu schaffen, die zum Studium und der Besinnung einlud, während gleichzeitig die Gesänge der nebenan versammelten Campesinos zu hören waren und der Rauch des Backofens für das Brot durch alle Ritzen drang. Wir konnten dies jedoch akzeptieren als eine Form, Mitglied einer Kirche der Armen zu sein. Selbstverständlich stieß sich dies mit der Einstellung von Personen, die für eine andere Form der Kirche optierten.

Als sich dem Bistum eher zufällig die Gelegenheit bot, einige Nachbargrundstücke des Bischofshauses zu kaufen - es sei nebenbei bemerkt, dass diese Nachbargrundstücke im 18. Jahrhundert bereits der Kirche gehörten, sie waren von dem großen Bischof Jaíme Martínez Compañón für den Bau eines Priesterseminars vorgesehen - änderte sich alles. Nach und nach wurden die nicht mehr bewohnbaren Gebäude auf dem Nachbargrundstück abgetragen, aus der zu Tage gekommenen Erde wurden Lehmziegel hergestellt und es wurde mit dem Bau von harmonischen Gebäudekomplexen begonnen, die den Bedürfnissen des Seminars entsprachen. Die Schüler haben selbst an dieser Arbeit teilgenommen, so wie sie auch auf dem Grundstück San Luís mitarbeiteten, das der Diözese gehörte und außerhalb der Stadt Cajamarca lag.

Auf diesem Grundstück wurden Kartoffeln und Gemüse angebaut und es gab einige Milchkühe. Es wurden nicht nur neue Gebäude errichtet, sondern Schwester Zelma aus Kanada lehrte z.B. die Seminaristen, wie sie aus einfachsten und alltäglichen Materialien kleine Kunstwerke herstellen konnten um so das Leben und die tägliche Umgebung zu verschönern. Ergebnis war, dass die Schüler Weihnachtskrippen aus Steinen, die sie im Flussbett gefunden hatten, herstellen konnten. Ebenso konnten sie Schaukästen und gläserne Schreine für die Kapellen herstellen, aus Glas, das sie als Scherben auf der Straße oder auf dem Müll der Stadt gefunden hatten. Auch Postkarten, Transparente und Schmuckgegenstände für die Feste und die liturgischen Feiern konnten sie produzieren.

In der Tat, das Seminar entwickelte sich zu einem der kreativen Zentren der Stadt. Die jährliche Theateraufführung zog viel Publikum an und das hohe Niveau der Aufführung wurde kommentiert. Die Gruppe der Musiker nahm an den Treffen der Folkloregruppen der Region teil. Und auch die Teilnahme an sportlichen Veranstaltungen wurde nicht vernachlässigt. Ich persönlich war der Meinung, dass es wichtig war, dass das Seminar nicht nur ein tragendes Element des geistigen Lebens der Stadt war, sondern auch des kulturellen Lebens. Ich glaube, Don Pepe hat diese Auffassung geteilt.

Die spirituelle Dimension schloss die tägliche Eucharistiefeier ein, die Laudes und das Abendgebet, die Meditation, die geistliche Lesung, das Rosenkranzgebet und die Anbetung des Allerheiligsten. Die Seminaristen nahmen auch an den liturgischen Feiern in der Kathedrale teil. Freitags wurde immer die feierliche Eucharistie zelebriert, damit die Schüler ein Gespür für die Fülle und den Reichtum des römischen Ritus bekommen würden. Danach gingen sie an den Wochenenden in die Pfarreien um dort in der Liturgie und der Katechese zu helfen. Zweimal im Jahr - normalerweise während der Karwoche und um Allerheiligen herum - gingen alle Seminaristen in die abgelegenen Zonen der Diözese um eine pastorale Praxis und Erfahrung zu gewinnen. So hatten wir gehofft, eine Integration der akademischen Studien mit der praktischen Pastoralarbeit zu erreichen.
 
Da es in Cajamarca verschiede weiterführende Schulen gibt, hielt ich es für wichtig, dass das Seminar mit ihnen in Beziehung tritt. Don Pepe sprach immer von seiner eigenen Erfahrung, wie er seine priesterliche Berufung innerhalb der Mitarbeit in der „Katholischen Aktion“ in den dreißiger Jahren gefunden hatte und er erwähnte mit viel Respekt einige Laien und auch Prominente seines Landes, die von einem tiefen Glauben geprägt waren und eine bewundernswerte religiöse Praxis lebten. Er selbst hat immer sehr gute Beziehungen zur Universität von Cajamarca  gepflegt und dank der Bemühungen von Padre Felipe Gogorno gelang es, ein Abkommen zwischen der Universität und dem Seminar zu schließen, das die gegenseitige Anerkennung der Studien beinhaltete und auch die gegenseitige Benutzung der wissenschaftlichen Einrichtungen wie z.B. der Bibliotheken.

Die Bibliothek des Seminars befand sich in einem Gebäude, das dank der wirtschaftlichen Hilfe der Diözese Köln, Deutschland, gebaut werden konnte. Wir waren darauf bedacht, gute Bücher zu besitzen. Wir widmeten einige finanzielle Mittel der Bezahlung einer jungen Frau, die nur damit beschäftigt war, einen wissenschaftlich ausgearbeiteten Katalog anzubieten und wegen der Übereinkunft mit der Universität eröffneten wir einen kleinen Lesesaal, der zur Straße hin zugänglich war. Dies ermöglichte den Studenten der Universität den Zugang zur Bibliothek ohne in das Seminar hineingehen zu müssen. So hofften wir unseren Teil der Übereinkunft zu erfüllen und auch einen kleinen Dienst der Öffentlichkeit anzubieten.

Zusammengefasst kann man sagen, dass es immer mein Wunsch war, dass das Seminar ein integraler Bestandteil des geistlichen und kulturellen Lebens der Stadt Cajamarca war. Einer der Themen, die ich immer wieder mit den Seminaristen vertiefte, war das Thema der Beziehung des Christen mit der „Welt“. Ich wies darauf hin, dass nach dem Johannesevangelium der Christ in der Welt leben muss, aber nicht von dieser Welt sein darf; und dass ich aber, leider, in vielen Fällen Christen gesehen habe - vor allem Priester und Ordensleute - die außerhalb der Welt lebten, aber allzu sehr weltliche Werte und Handlungsweisen an den Tag legten.

Ich wollte verwirklichen, was der Autor des Briefes an Diognetius schreibt, wenn er sagt: „Die Christen unterscheiden sich nicht von den übrigen Menschen, weder durch den Ort an dem sie leben, weder durch ihre Sprache, weder durch ihre Sitten.... Sie leben in griechischen Städten und in fremden Städten, sie haben die gleichen Sitten wie die Bewohner des Landes, sowohl was die Kleidung betrifft als auch den gesamten Lebensstil und dennoch führen sie ein bewundernswertes Leben und nach dem Urteil aller, ein unglaubliches Leben..... Sie leben im Fleisch, sie leben aber nicht gemäß dem Fleisch. Sie leben auf der Erde, aber ihre Heimat ist im Himmel... Um es in wenigen Worten zu sagen: die Christen sind in der Welt das, was die Seele im Körper ist“.

So in etwa war meine Utopie, und wie schon gesagt, dies war ziemlich naiv von mir. Ich hatte immer gehofft, dass man mit Wahrhaftigkeit und Offenheit Fehler korrigieren und Probleme lösen könnte. Jedes Mal wann ich zu den Versammlungen der Rektoren aller Seminare in Peru ging, hörte ich die Klage über die mangelnde Offenheit und Ehrlichkeit der Seminaristen. Dies verstand ich im Kontext der strengen Ausbildung in den übrigen Seminaren und ich habe in den Versammlungen gesagt, dass die Ausbildung, die ich selbst erhalten hatte darauf hinauslaufen musste, ein perfektes System von Heuchelei zu produzieren. Eine Struktur von Regeln, die nicht verstanden werden, führt dazu, dass sie nicht als Orientierung und Hilfe verstanden werden, sondern als Hindernisse. Und dies wiederum führt zu einer Haltung der Heuchelei. Ich dagegen hatte gehofft, dies vermeiden zu können, indem ich den Seminaristen die Augen dafür öffnen wollte, dass während der Ausbildungszeit es nahezu unvermeidbar sei, Irrtümer zu begehen, dass man diese aber im offenen Dialog überwinden könnte.

Heute bin ich mir bewusst, dass ich mich in vielen Fällen täuschen ließ und mir etwas vorgespielt wurde.

Etwa um die Zeit des Bischofswechsel in der Diözese Cajamarca herum, bemerkte ich, dass es mit einigen jungen Priestern nicht gut lief. Ich fühlte, dass eine Instanz fehlte, um den frisch Geweihten zu helfen. Es gab Probleme, die in einigen Fällen durch die Unverträglichkeit der verschiedenen Charaktere hervorgerufen wurden; es gab eine wirtschaftliche Situation, die für einige Priester von Übel war, sie mussten sich mit lächerlichen Einnahmen in ihrer Pfarrei begnügen und andere dagegen hatten Zugang zu den Geldern für Projekte, es gab auch das Problem des Terrorismus, das einige sehr starke Spannungen bei einigen Priestern schuf. Und es gab in der Diözese keine Organisation oder einzelne Person, um bei der Lösung dieser Probleme helfen zu können.

Der Bischof war Präsident der peruanischen Bischofskonferenz und war oft erschöpft. Ich selbst unternahm hin und wieder den Versuch, etwas zu tun und versuchte wenigstens, den Priestern zuzuhören, die gekommen waren um zu sprechen. Aber das war nicht ausreichend und die Probleme haben zugenommen. Ich fühlte, dass das Innere des Seminars eine Insel der Ruhe und relativer Glückseligkeit war im Vergleich zu der Situation außerhalb. Später, zu spät, wurde mit bewusst, dass wir Passagiere Erster Klasse auf einer „Titanic“ waren. Es war genau der Zeitpunkt, als wir mit dem Eisberg kollidierten, wie beim Kapitän jenes transatlantischen Schiffes, als mit bewusst wurde, dass es zu spät war, das Steuer herumzureißen - und das Schiff ging unter.
 
Dem Anschein nach ging alles nach dem Bischofswechsel in gleicher Weise im Seminar weiter und ich arbeite noch zwei weitere Jahre an der Spitze der Institution. Wir bauten auch noch weiter und als ich im Januar 1995 aufhörte, waren die Bauarbeiten immer noch nicht fertig. Zu Beginn seiner Tätigkeit in der Diözese, wohnte Bischof Angel Francisco im Seminar und ich versicherte ihm, dass ich stets zu seiner Verfügung stehen würde.  
Zu Beginn des Jahres 1993 gab es einen großen Schreck, als mir der Bischof sagte, dass ihn der Nuntius informiert hatte, dass das Seminar geschlossen werden müsse. Dies geschah jedoch nicht.

Ich war nach Lima mit der Absicht gereist, den Bischof bei seinem Besuch beim Nuntius zu begleiten. Aber es ergab sich, dass der Bischof alleine mit dem Nuntius sprach. Danach sagte er mir, dass ich mir keine weiteren Sorgen machen müsse. Im Laufe des gleichen Jahres kam der Nuntius nach Cajamarca und besuchte das Seminar. Es war in seiner Gegenwart, in der Nacht vor Corpus Christi, als das Seminar sein letztes Theaterstück, „Das große Welttheater“ von Calderón de la Barca, im Theater von Cajamarca aufführte.

Im darauf folgenden Jahr,1994, fand ich mich schließlich allein als Priester und Ausbilder im Seminar. Das ursprüngliche Team von 1982 hielt ungefähr sechs Jahre, obwohl Felipe Gogorno einen Teil dieser Zeit in Frankreich verbrachte. Danach, gegen Ende 1988, kehrte Padre Jorge López nach Lima zurück und ich wurde zum Vizerektor. Padre Demetrio Byrne, Irländer und Priester der Diözese Cajamarca, kam, um mich zu begleiten. Er blieb bis Ende 1990.

Im Jahre 1991 wurde ich zum Rektor des Seminars, mit Padre Jorge León Zevallos als Vizerektor und Padre Felipe Gogorno als Leiter der Studienprogramme. Im Laufe des Jahres kam noch Padre Segundo Valladares zum Team dazu. Doch wegen einer Serie von Umständen - aber nicht wegen eines Problems innerhalb des Teams - zogen sich alle zurück, bis ich 1994 wieder alleine war. Es war offensichtlich, dass diese Situation in keiner Weise aufrechterhalten werden konnte und sie zudem gegen das Kirchenrecht verstieß. In den Jahren 1993 und 1994 hatte ich jedoch noch die Begleitung von Pedro Terán Malca und danach von Walter Cruz Cruz (beide zur Zeit Priester der Diözese) als Verwalter.
 
In meinen Gesprächen mit dem Bischof habe ich die Notwendigkeit eines Wechsels vorgetragen. Ich sprach auch davon, dass es Zeit für mich wäre, eine andere Aufgabe zu übernehmen. Nach zwölf Jahren im Seminar fühlte ich mich erschöpft und zum Wohle des Seminars und auch zu meinen eigenen Wohle sollte nun ein neues Team die Arbeit weiterführen. Der Bischof gab mir zu verstehen, dass er in Gesprächen diesbezüglich stehe, gleichzeitig sprach er mit mir über die Möglichkeit, eine Instanz zu schaffen, die den jungen Priestern die Möglichkeit geben sollte, ihnen in ihren Schwierigkeiten zu helfen und ihrem priesterlichen Dienst treu zu bleiben. Das letzte Treffen zu diesem Thema fand im Juli 1994 im Bischofshaus in Chachapoyas statt - Bischof Angel Francisco war lediglich der Apostolische Administrator von Cajamarca und weiterhin Bischof von Chachapoyas.

Im September des gleichen Jahres wurde bekannt, dass nach meinem Abschied aus dem Seminar gegen Ende des Jahres, das Seminar geschlossen werden würde und dass die Seminaristen nach Jaén geschickt würden. Diese Nachricht überraschte mich und da ich dem Bischof gerade wegen einer anderen wichtigen Sache schreiben musste, habe ich auch diese Nachricht erwähnt, die ich als einer der üblichen Gerüchte, die immer in Cajamarca erzählt wurden, auffasste. Außerdem sagte ich ihm, falls dies doch wahr sein sollte, es offensichtlich war, dass er kein Vertrauen mehr in meine Person hatte und dass dies ein schlechtes Omen sei für meine weitere Zukunft in der Diözese Cajamarca. Niemals habe ich irgendeine Antwort bekommen.

Aber in den nächsten Monaten wurde es immer offensichtlicher, dass das Seminar geschlossen werden sollte und die Seminaristen nach Jaén geschickt würden. Der Bischof bat mich, einen Bericht über jeden Seminaristen zu verfassen und ich beendete diese Aufgabe im Januar 1995, im gleichen Monat verabschiedete ich mich aus dem Seminar.

Im Februar traf ich mich kurz und zufällig mit meinem Nachfolger im Seminar - das inzwischen in ein Proseminar umgewandelt worden war - Padre Manuel Alvarez Zerpa. Er sagte mir, dass er den Verdacht habe, dass nur wenige unserer Seminaristen im Seminar in Jaén zugelassen würden. Und genau so geschah es im Monat April. Wie sagte ein Seminarist danach: „Sie empfingen uns wie an Palmsonntag und sie behandelten uns wie an Karfreitag“. Das Traurige dabei ist nicht so sehr, dass nur wenige aufgenommen wurden, sondern dass dies schon von Anfang an so geplant war.

Die Zurückgewiesenen hingen so in der Luft, denn im April war es bereits zu spät, um die Aufnahme in irgendein anderes Studienzentrum, sei es kirchlich oder weltlich, zu beantragen. Außerdem waren die Auswahlkriterien sehr schwer zu verstehen. Es wurde z.B. ein Seminarist akzeptiert, der ganz klar gesagt hat, dass er keine priesterliche Berufung verspüre und der nur deswegen im Seminar geblieben war, weil der Bischof ihn bedrängte. Andere dagegen, bei denen es viele Anzeichen für eine Berufung gab, wurden zurückgewiesen.

Alles schien ein zynisches und grausames Manöver mit einigen Jugendlichen zu sein, auf deren Rücken die unterschiedlichen ideologischen Vorstellungen oder die kirchenpolitischen Änderungen, die mit dem Bischofswechsel in Cajamarca verbunden sind, ausgetragen wurden. Mit Leichtigkeit hätte man es ihnen schon Ende 1994 sagen können, dass ihr Dasein als Seminaristen in Cajamarca nun ein Ende gefunden hatte. Logischerweise wäre dies auch hart gewesen, aber es wäre auf jeden Fall sauberer und ehrenwerter gewesen als das, was dann geschah.

Vereinfacht gesagt erscheint es mir so, als ob es eine Art von Groll gegen alles gab, was das Seminar San José ausgemacht hat. Als z.B. einige der in Jaén abgewiesenen Seminaristen versuchten, sich in der ESER (Höheres Institut für religiöse Studien) in Cajamarca zu immatrikulieren um Religionslehrer zu werden, wurden sie dahingehend informiert, dass die Studien im Seminar keinen Wert hätten und dass sie alle Kurse wiederholen müssten. Dies gelangte zu einem solch lächerlichen Extrem, dass ein Student mir sagte, dass das, was er bei mir in einem Jahr gelernt hatte, in den Augen des Instituts keinen Wert hatte und dass er statt dessen einen Nachholkurs machen müsse, der auf zwei Wochen Dauer ausgelegt war. Wie merkwürdig, denn unsere Studien waren problemlos in Rom akzeptiert worden!

Bis auf den heutigen Tag kann ich nicht verstehen, warum es eine so tiefe Ablehnung des Seminars gab. Während meiner schon erwähnten wenig angenehmen Unterhaltung mit dem Nuntius im Februar 1995, sprach er von seinem Besuch in Cajamarca im Oktober des vorhergegangenen Jahres. Der Bischof war neu in diesem Amt und er hatte den ersetzt, der uns 1993 besucht hatte.

Als nun der neue Bischof im Oktober nach Cajamarca kam, befanden sich sowohl ich als auch die Seminaristen außerhalb der Stadt Cajamarca. Es war die Zeit der pastoralen Praktiken auf dem Land und ich hatte erst von dem Besuch erfahren, als alle Planungen für den Besuch der Landzonen schon abgeschlossen waren. Es war unmöglich, den Zeitplan unserer Besuche zu ändern und so war niemand von uns da, als der Nuntius kam. Er selbst hat mir später gesagt: „Padre, ich bin nicht nach Cajamarca gekommen mit der Absicht, das Seminar zu überprüfen. Der Bischof hatte nämlich schon vorher beschlossen, es zu schließen und ich bin vollkommen damit einverstanden, denn während meines Besuches in Cajamarca beklagte sich alle Welt über das Seminar“.

Niemals habe ich entdeckt, wer diese „alle Welt“ war. Bei verschiedenen Gelegenheiten, auf Diözesanversammlungen und Treffen des Klerus, hatte ich gebeten, wenn es irgendeine Klage gegen einen Seminaristen geben sollte, sie mir das bitte sofort sagen mögen um dann die Sache in die Hand nehmen zu können. Es gab vereinzelt eine Klage und ich habe jeden Fall untersucht. Ich könnte mir vorstellen, dass dem Nuntius jemand von „einigen betrunkenen Seminaristen“ gesprochen hat, diese aber mit einigen Studenten der UNEC (Nationale Union katholischer Studenten) verwechselt hat, denn es ist tatsächlich geschehen, dass diese während einiger Feste allzu sehr gefeiert hatten. Aber nun war es zu spät, um dieser Sache nachzugehen und aufzuklären. Ich verblieb mit diesem traurigen Gefühl, dass das Sprichwort: „Einen Stein werfen und dann die Hand verstecken“, eine Eigenschaft, die als Schwäche der Menschen von Cajamarca oft kritisiert wird, hier wieder seine Gültigkeit bewiesen hat.

So geschah es ja auch mit Don Pepe. Die Klagen gegen ihn gingen immer direkt an den Nuntius. Darin zeigt sich die Ignoranz einiger Katholiken, Priester oder Laien, ich weiß nicht, im Bezug auf das Prinzip der Subsidiarität, das zuerst von Papst Pius XI. aufgestellt wurde und nach dem man nicht auf der höchsten Ebene verhandelt, was man auch sehr gut auf niederer Ebene verhandeln kann. Leider kam niemand zu mir, um mit mir über die Probleme des Seminars zu sprechen. Und so kam es, dass alles zerstört wurde, statt eine einfache Lösung zu finden.

Nach dem Debakel in Jaén fühlte ich mich verpflichtet, den zurückgewiesenen Seminaristen im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen. Diese Möglichkeiten waren aber sehr begrenzt, denn vom Rektor des Seminars war ich inzwischen zum Kaplan dessen geworden, der vorher mein Vizerektor war. Ich konnte erreichen, dass einige der Seminaristen ihre Studien mit dem Ziel Priester zu werden fortsetzen konnten. Dies musste in fast geheimer Form geschehen, sehr zu meinem Bedauern, denn es liegt mir nicht, so handeln zu müssen. Doch die Umstände haben mich dazu gezwungen.

Als ich einem Seminaristen offen helfen wollte und damit auch mit dem Wissen des bischöflichen Ordinariats, war das Ergebnis dies, dass der Seminarist von heute auf morgen ohne jede Erklärung aus dem Seminar geworfen wurde, in dem er sich zu dem Zeitpunkt befand. Glücklicherweise kann er inzwischen woanders seine Vorbereitung auf das Priestertum fortsetzen. In einem Gespräch sagte er mir, dass sie ihm von einer „schwarzen Liste“ gesprochen haben, in der alle Seminaristen von Cajamarca aufgelistet waren.

Ich weiß, dass einer der Anschuldigungen gegen mich war, dass ich zu weich in der Leitung des Seminars gewesen sei. Ich würde zu meiner Verteidigung sagen, dass es mir unmöglich scheint, über die priesterliche Berufung eines Kandidaten definitiv bereits beim Eintritt ins Seminar zu entscheiden. Vielmehr ist das Seminar, vor allem in den ersten Jahren, ein Ort der Prüfung und der Unterscheidung der Geister. Wenn ich jemanden aufgenommen habe, der vorher in einem anderen Seminar war, habe ich immer um einen Bericht gebeten und diesen Bericht habe ich in Gegenwart des Kandidaten gelesen und ihm gesagt, dass er sich während der Zeit im Seminar „auf dem Prüfstand“ befinde.

Ich habe nicht alle, die in das Seminar wollten, akzeptiert und wenn ich jemanden getroffen habe, der ernsthaft die Normen des Betragens oder der Handlungen, die man von jedem Seminaristen erwarten durfte, verletzt hatte, habe ich keinen Moment gezögert, ihm den Auszug nahe zu legen. Ich verstehe vollkommen, dass in einem Land wie diesem, wo Arbeitslosigkeit und Armut herrscht, es Fälle von Personen gibt, die die Kirche und ihre Ausbildungszentren für eigene Zwecke ausnutzen möchten. Deswegen haben die Bischöfe und die Ordensoberen vollkommen recht, wenn sie dies möglichst vermeiden wollen  Aber wenn es der Preis dafür ist, dass aufrichtige Personen in ihrem Wunsch Priester zu werden, sehr schlecht behandelt werden oder dass gar echte Berufungen verloren gehen, dann erscheint mir der Preis zu hoch.
 
Selbstverständlich ist es für mich sehr traurig, so viele der Priester, die geweiht wurden nachdem sie im Seminar San José vorbereitet wurden, zu sehen, die den Dienst verlassen haben. Ob die Schuld dafür in der Ausbildung liegt, die sie empfangen haben - so wie es mir ganz klar der Apostolische Nuntius zu verstehen gegeben hat - oder in anderen Faktoren, ich glaube, nur Gott kann urteilen. Ich glaube, dass die Intuition, die Don Pepe hatte, als er die Tore des Priesterseminars wieder eröffnete und sein Stil, sein Priestertum zu leben, eine Gnade für die Kirche Cajamarcas war. Es ist bedauerlich, dass so wenige Personen diese Gnade in ihrer Fülle genutzt haben; aber vielleicht ist das immer so mit der Gnade Gottes....

Ich schließe diese kleine Erinnerung mit der Bitte, dass jene Jugendliche, die einige Jahre in dem Seminar verbrachten und sich jetzt in anderen Seminaren befinden, ihr Ziel erreichen und dass sie Priester sein werden, die sich des Beispiels, das ihnen Don Pepe gegeben hat, als würdig erweisen. Für jene Jugendliche, die nicht mehr weiterhin Priester werden wollen oder die das Priesteramt aufgegeben haben, mögen die Jahre, die sie innerhalb der Tore von San José verbracht haben, mit die schönsten Jahre ihres Lebens gewesen sein.

Miguel Garnett, im Juni 1999

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