Cajamarca: eine Diözese in den Anden Perus

In einer spanischen „Reisebeschreibung“ aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert, sich aber auf die Verhältnisse im Jahr 1532 beziehend, heißt es: „Die Provinz Cajamarca ist berühmt wegen dem Sieg von Pizarro und der Gefangennahme von Atahualpa, dem letzten Monarchen von Peru. Hier hatten die Inkas einen prächtigen Palast mit dem berühmten Sonnentempel und anderen königlichen Gebäuden. Der Boden ist sehr fruchtbar und der Ertrag des Weizens ist nicht weniger als in Sizilien. Es gibt Mais in Hülle und Fülle, ebenso Wurzeln (Kartoffel - Red.), die von den Einheimischen gegessen werden. Die Einheimischen sind sehr gutmütig und geschickt. Sie weben Tücher und veredeln Schafwolle („Ovejas del Perú - Alpakas, Red.), vergleichbar in ihrer Geschicklichkeit nur mit den flämischen Webern“.

Kurzfassung für den Sammelband: Die globale Verantwortung....S. 23 - 34

1. Der Kontext Peru (2001)

Peru ist mit einer Fläche von 1.285.215 km2 der größte Andenstaat Südamerikas und fast viermal so groß wie Deutschland. Mit 26 Millionen Einwohnern ist Peru wesentlich dünner besiedelt als Deutschland. Im Großraum Lima lebt ein Drittel der Bevölkerung Perus. Die geografischen Verhältnisse sind von einer markanten Ausprägung dreier sehr unterschiedlichen Zonen gekennzeichnet: die Küste - die Sierra (Anden) - die Selva (Tiefland des Amazonas). Die Hauptstadt Lima liegt inmitten einer Küstenwüste, die sich vom Norden Perus bis nach Chile erstreckt - unterbrochen von 52 Flusstälern (Flussoasen), von denen lediglich zehn das ganze Jahr hindurch Wasser führen.

Im durchschnittlich etwa 50 km breiten Küstenstreifen (11,8% der Staatsfläche) wohnt inzwischen über die Hälfte der peruanischen Bevölkerung. Bereits im 19. Jahrhundert verlagerte sich der wirtschaftliche Schwerpunkt des Landes von der Sierra an die Küste. Ursachen dafür waren die geringer werdende Bedeutung feudaler Strukturen (Wirtschaft auf der Basis von Großgrundbesitz) und eine wachsende Bedeutung der Exportindustrie, die auf den Reichtümern von Rohstoffen beruhte, die an der Küste Perus gewonnen wurden: Salpeter (weswegen England einen Krieg zwischen Chile und Peru/Bolivien anzettelte), Guano (Vogeldung) und Fischmehl. Über viele Jahrzehnte war Peru der weltweit größte Exporteur von Guano und Fischmehl. [1] Heute ist Peru der größte Exporteur von Spargeln auf der Welt. Der Spargelanbau ist an der Küste dank einer aufwendigen Bewässerung möglich. Größte Wachstumsbranche auf dem Agrarsektor ist seit 1998 der Anbau und der Export von Blumen.

Die Sierra, das andine Hochland und der subtropische Osthang der Anden, umfasst 42,2% des peruanischen Staatsgebietes. Die Hauptsiedlungszonen liegen auf einer durchschnittlichen Höhe von knapp 3.000 m. Die Sierra war das Kernland des Inkareiches und ist bis heute die Heimat der Campesinos (s.u.). Während der Inkazeit war die Sierra dichter bevölkert als heute. Zwölf bis vierzehn Millionen Menschen in den Anden Perus produzierten damals Nahrungsmittelüberschüsse, die in Vorratsspeichern gelagert und in Notzeiten an Witwen, Kranke und Waisen verteilt wurden. Grundlage einer blühenden Landwirtschaft waren hochentwickelte Bewässerungssysteme, Terrassenanbau und der Anbau von Grundnahrungsmitteln für die Bevölkerung.

Nach der Eroberung wurde die landwirtschaftliche Infrastruktur zerstört. Bis heute ist die Landflucht und das damit verbundene Anwachsen der Elendsviertel in den großen Küstenstädten (aber auch zunehmend in den Städten der Sierra) eines der Hauptprobleme Perus. Die Vernachlässigung der Sierra durch die peruanischen „Eliten“ führte u.a. dazu, dass z.B. in den achtziger Jahren 90% des Bedarfes an Getreide und Kartoffeln eingeführt werden mussten. Eng verbunden mit dieser Vernachlässigung (bzw. deren Ursache) ist die bleibende Verachtung der Landbevölkerung durch städtische Eliten.

Über die Zusammensetzung der Bevölkerung liegen sehr unterschiedliche Angaben vor. Das hängt mit der Schwierigkeit zusammen, den „Grad der Vermischung“ zwischen Europäern und einheimischer Bevölkerung genau zu bestimmen. Während das eine Extrem davon ausgeht, dass es - außer einigen Völkern in der Selva mit zusammen maximal 100.000 „Eingeborenen“ („Indígenas“) - keine reinrassigen Nachfahren der Inkas und anderer vorkolonialer Kulturen gibt und damit die überwiegende Zahl der Peruaner (etwa 90%) Mestizen (Mischlinge von Weißen und Indios) sind, geht das andere Extrem davon aus, dass die Mehrheit der Bevölkerung, weil sie überwiegend indianische Vorfahren hat, auch noch als indianisch bezeichnet werden kann. Ebenso schwer ist zu beurteilen, ob die Bewohner der Elendsviertel z.B. in Lima noch als „Campesinos“ oder „Indios“ bezeichnet werden können bzw. ob sie sich so verstehen wollen. In Cajamarca gilt: Wer auf dem Land lebt, ist Campesino und damit „Indio“ und wer in der Stadt lebt und dort einer Beschäftigung oder seinen Geschäften nachgeht, ist Städter.

Die Bezeichnung „Indio“ oder „Campesino“ ist nicht zuerst (aber auch) rassistisch zu verstehen, sondern bezeichnet eher einen soziologischen und kulturellen Status. In der Rang- und Werteordnung (die stets von oben her definiert wird) der peruanischen Gesellschaft gelten z.B. ausgeprägte indianische Gesichtsmerkmale immer noch als Zeichen für „primitive“ Herkunft und Unkultur. Umgekehrt gilt der Helligkeitsgrad der Haut (und blaue Augen) als Index für den sozialen Status - je heller, desto „vornehmer“. Etwa 8% der Bevölkerung sind Weiße, 2-3% sind Nachfahren afrikanischer Sklaven.[2] Die Bezeichnung „Indio“ ist bis heute sehr diskriminierend. Seit der Militärrevolution 1968 spricht man offiziell von „Campesinos“, die Diskriminierung aber bleibt bis heute bestehen.

Gegenwärtige Situation (1990 - 1999).

Fujimori gewann 1990 die Wahl, weil er im Wahlkampf versprochen hatte, nicht die Bedingungen des IWF [3] zu akzeptieren - im Gegensatz zu M. Vargas Llosa, der diese Bedingungen akzeptieren wollte, um Peru zu einem „modernen, kreditwürdigen Staat“ zu machen. Kaum war Fujimori an der Macht, setzte er genau das Programm um, gegen das er im Wahlkampf angetreten war. Es kam zum „Fuji - Schock“, deshalb so genannt, weil die Menschen wie gelähmt waren (viele Menschen erwarten von einem Austausch der Präsidenten immer wieder neu bessere Zeiten). Nach Verkündigung des Programms am 8. August 1990 fiel das Realeinkommen im August 1990 auf 60% und bis Juli 1991 auf 20% des Niveaus von 1974.

Weitere Anpassungen folgten. Ein wichtiger Erfolg hat diese Politik aber vorzuweisen: die Inflation wurde gestoppt, fast beseitigt. Insgesamt sieht aber das Ergebnis 1999 wie folgt aus: Peru hat inzwischen über 30 Milliarden Dollar Schulden, 1/3 der Exporterlöse werden für die Bezahlung von Zinsen aufgebracht (knapp 2 Milliarden Dollar im Jahr). Nur 9% der Erwerbsfähigen sind offiziell arbeitslos, aber über 85% sind ohne feste Arbeit, die Zahl der arbeitenden Kinder hat zugenommen, [4] ebenso die Kindersterblichkeit und die Zahl der Erkrankungen, die auf mangelnder Ernährung beruhen, z.B. Tuberkulose. Der Mittelstand verarmt zusehends. Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt unter dem Existenzminimum.

Neben der Bekämpfung der Inflation ist das Ende des Bürgerkrieges der größte Erfolg der gegenwärtigen Regierung. Zwischen 1980 und 1992 waren über 30.000 Menschen dem Terror des „Leuchtenden Pfades“ (Sendero Luminoso) und dem Gegenterror des Staates zum Opfer gefallen. Das Ende des Terrors war sicher mit entscheidend für die Wiederwahl Fujimoris. 1992 löste Fujimori das Parlament auf. Inzwischen bereitet er sich auf eine erneute (nicht legale) Wiederwahl im Jahre 2000 vor. Verfassungsrichter, die sich weigerten, dieses Vorhaben zu legitimieren, wurden entlassen. Verletzungen der Menschenrechte nehmen wieder zu. Der einzige TV-Kanal, der es wagte, die Regierungspolitik zu kritisieren wurde geschlossen bzw. dessen Besitzer unter fadenscheinigen Vorwänden angeklagt und des Landes verwiesen. [5]

Das BMZ/GTZ bescheinigt 1999 der peruanischen Regierung: „Seit dem Amtsantritt von Präsident Alberto Fujimori im Jahr 1990 durchläuft das drittgrößte Land Lateinamerikas einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Die seither verfolgte neoliberale Anpassungspolitik der Regierung erzielte bereits bedeutende Erfolge bei Inflation und Wachstum, konnte bisher jedoch nicht die fortschreitende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten verhindern“. Aufgrund der wirtschaftlichen Erfolge (Wachstumsraten, politisch-wirtschaftliche Rahmenbedingungen) werden der deutschen Wirtschaft günstige Bedingungen für rentable Investitionen in Aussicht gestellt. Die fortschreitende Verarmung ist als „vorübergehender Anpassungsprozeß“ in Kauf zu nehmen (vergleichbar mit den „Kollateralschäden“ der NATO im Kosovo).

2. Cajamarca [6]

a) allgemein:

Das Departement Cajamarca (36.418 km2) erstreckt sich von den Ausläufern der Küstenwüste bis zum Marañón, einer der wichtigsten Zuflüsse zum Amazonas, und grenzt im Norden an Ekuador. Es besteht aus dreizehn Provinzen, die wiederum in Distrikte aufgeteilt sind. Die kleinste Einheit bilden auf dem Land die „Caserios“ oder Comunidades, [7] in der Stadt sind es die jeweiligen Stadtviertel. Ein Drittel der Fläche besteht aus „Weideland“ (meist Ödland auf der Hochebene), knapp ein Viertel der Fläche wird landwirtschaftlich genutzt, davon können nur knapp 10% bewässert werden. Die Diözese Cajamarca ist nicht identisch mit der Fläche des gleichnamigen Departements. Die Diözese umfasst acht Provinzen, im Zentrum und im Süden des Departements. [8]

Die Stadt Cajamarca hat etwa 130.000 Einwohner, das gesamte Departement 1,6 Millionen und die Diözese Cajamarca um die 900.000 Einwohner. Der Anteil der Campesinos in der Diözese beträgt noch über 70 % (1961: 95%). Das Departement Cajamarca gehörte über Jahrhunderte hinweg zu den ärmsten Regionen der Anden. 1962 war es das zweitärmste Departement in Peru, 1994 lag es an vierter Stelle der Armutsskala. Es ist das dichtbevölkertste Departement in den Anden Perus und Boliviens und mit dem höchsten Anteil an Campesinos.

1962 wurde die staatliche Universität (Universidad Nacional de Cajamarca) gegründet. Sie hat acht Fakultäten, von denen die landwirtschaftliche Fakultät die wichtigste ist. Diese hat in Peru einen sehr guten Ruf. Auf landwirtschaftlichen Musterflächen werden im Kontakt mit Campesinos u.a. bessere Anbaumethoden erprobt. Neben der Universität ist die Pädagogische Fachhochschule die größte Ausbildungsstätte. In vier Jahren werden Lehrerinnen und Lehrer für die Kindergärten (die„educación inicial“ ist in Peru der Schule gleichgestellt), die Grundschule („primaria“ mit fünf Jahren) und die weiterführenden Schulen („secundaria“, weitere fünf Jahre) ausgebildet. [9] 1998 erhielten nach bestandenem Examen für den Unterricht an der Grundschule von 320 Abgängern fünfzehn eine Lehrerstelle (wobei die Prüfungsnoten nicht immer die wichtigste Rolle spielten). Gleichzeitig bleiben Lehrerstellen wegen „Lehrermangel“ unbesetzt und Schulen stehen leer (ausschließlich auf dem Land).

Die Existenz der Goldminen beunruhigt derzeit am meisten die Bevölkerung (von der sozialen, wirtschaftlichen Situation und dem Kampf ums Überleben abgesehen). [10] Man befürchtet eine erhebliche Verschlechterung, ja schleichende Vergiftung des Trinkwassers und einen möglichen Dammbruch des Auffangbeckens („See“ oberhalb Cajamarcas). Die Verunsicherung nimmt auch deshalb zu, weil keine objektiven Messergebnisse vorliegen, sondern nur beschwichtigende Stellungnahmen der Minengesellschaft. [11]

Seit der Inbetriebnahme der Minen 1993 wird auch eine stark steigende Kriminalität, ein überdurchschnittliches Ansteigen der Preise, eine Überfremdung durch „Auswärtige“ und eine zunehmend moralische Dekadenz (Prostitution, Drogen etc.) registriert. Diese Verunsicherung wird noch verstärkt durch die Existenz eines neu gebauten Hochsicherheitsgefängnisses für Terroristen am Rande der Stadt. Die Minen und das Gefängnis sind sicher nicht für alle Missstände verantwortlich, aber an ihnen werden zunehmend Ängste „materialisiert“.

b) Geschichte

„Als Atahualpa mit 40.000 Kriegern auf dem Weg nach Cusco war, betrat Francisco Pizarro die Bühne. Er nahm Atahualpa gefangen und tötete ihn in einer Stadt namens Caxamalca. Und hier fand das glorreiche Imperium der Inkas sein Ende. Dies ist eine sehr lange Geschichte voller Schmerz und es macht sehr traurig, sie zu erzählen“. So schreibt Bartolomé de Las Casas in seiner „Apologética Historia“. [12] Es soll hier nicht diese Geschichte erzählt, sondern daran erinnert werden, dass Cajamarca ein Ort ist, in dem sich Weltgeschichte ereignet hat. In einer spanischen „Reisebeschreibung“ aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert, sich aber auf die Verhältnisse im Jahr 1532 beziehend, heißt es: „Die Provinz Cajamarca ist berühmt wegen dem Sieg von Pizarro und der Gefangennahme von Atahualpa, dem letzten Monarchen von Peru.

Hier hatten die Inkas einen prächtigen Palast mit dem berühmten Sonnentempel und anderen königlichen Gebäuden. Der Boden ist sehr fruchtbar und der Ertrag des Weizens ist nicht weniger als in Sizilien. Es gibt Mais in Hülle und Fülle, ebenso Wurzeln (Kartoffel - Red.), die von den Einheimischen gegessen werden. Die Einheimischen sind sehr gutmütig und geschickt. Sie weben Tücher und veredeln Schafwolle („Ovejas del Perú - Alpakas, Red.), vergleichbar in ihrer Geschicklichkeit nur mit den flämischen Webern“. (a. a. O.)

Über die Kolonialzeit lässt sich zusammenfassend sagen, dass für die Spanier [13] Cajamarca eine Quelle des Reichtums war. Der Reichtum basierte auf der Arbeit in den „Obrajes“, [14] der Viehzucht, dem Anbau von Weizen und zuletzt auf dem Bergbau. Für die „Indios“ bedeutete die Anwesenheit der Spanier eine derartige Verelendung, wie sie nie zuvor in der Jahrtausende alten Geschichte der Region vorzufinden war. Mit der Eroberung wurden die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen geschaffen, die über 400 Jahre das Leben der Menschen entscheidend bestimmt haben.

Die Encomienda war die Grundlage für das spätere System der Hazienda und des Großgrundbesitzes. Dennoch konnten während der Kolonialzeit einige Comunidades, einschließlich eines Rechtsansprüchen auf Land und eigenständige Verwaltung, bestehen bleiben bzw. standen unter dem direkten Schutz der Krone und vereinzelt der Kirche (mehr im Süden als im Norden Perus).

1770 wurden Silbervorkommen in Hualgayoc, 90 km nördlich von Cajamarca entdeckt, damals die ergiebigsten Perus. Für die Campesinos von Cajamarca bedeutete diese Entdeckung eine neue Form der Sklaverei: die Arbeit in den Minen. Für die Spanier erschloss sich eine neue und noch größere Einnahmequelle. Als Alexander von Humboldt 1802 auf dem Weg von Quito über Cajamarca nach Lima auch die Silberminen in Hualgayoc besichtigte, war er über das Elend der dort lebenden und arbeitenden Bevölkerung schockiert. Er konnte nicht glauben, dass bei so viel gefördertem Reichtum gleichzeitig so viel Elend herrschen konnte (er war Naturwissenschaftler und Humanist und kein Wirtschaftsexperte).

Am 13. Januar 1821 wurde in Cajamarca die Unabhängigkeit (zuerst am 29. 12. 1820 in Trujillo, am 28. Juli 1921 in ganz Peru) proklamiert. Die Unabhängigkeit bezog sich zuerst auf die Befreiung des Marktes (und der weißen Oberschicht, den Kreolen - in Amerika geborenen Europäern) von spanischer Vormundschaft. Die Verkündigung der Menschenrechte und der Freiheit (wie in den USA) bezog sich auf die Freiheit einer weißen Minderheit, ihre eigenen und individuellen Interessen nun ohne die Fesseln eines veralteten feudalen Systems rücksichtsloser als je zuvor durchsetzen zu können.

Die Mehrheit des Volkes (Indios, afrikanische Sklaven) blieb weiterhin ausgesperrt (oder wurde nahezu ausgerottet wie z.B. in den USA). Sie bildete (aus der Sicht „von oben“) eine dumpfe, unwissende und unwissend zu haltende Masse, dazu bestimmt, wenigen von Gott Auserwählten (den Weißen) ein Leben in Freiheit, Unabhängigkeit, Bildung und Kultur zu ermöglichen. Die Rechte der Comunidades wurden endgültig zerschlagen. Sie standen dem individualistischem Denken und der damit verbundenen Wirtschaftsweise im Wege.

Die wichtigste Veränderung für die Campesinos in Cajamarca im 19./20. Jahrhundert (bis 1962) war die Abschaffung der „Manufakturen“ (Zwangsarbeit für Campesinos), die sich gegen die industrielle Konkurrenz vor allem englischer Produkte (die ebenfalls auf Sklavenarbeit z.B. in Indien beruhte) nicht halten konnten. Auch die Arbeit in den Silberminen wurde zu einem zu vernachlässigendem Faktor, weil die Minen bald ausgebeutet waren. Die Lage der Campesinos wurde aber nicht besser. 1914 kam es auf der Hazienda Llaucán (Bambamarca) nach einem Protest der Campesinos zu einem Massaker mit über 200 Toten unter den Campesinos.

Die zwanziger und dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts waren vor allem im Norden der Diözese (Bambamarca) geprägt vom „Banderolismo“ (Bandenwesen). Erst in den sechziger Jahren begann für die Campesinos eine Zeit der Hoffnung. Wichtigste Bausteine waren die Hoffnungen auf eine umfassende Landreform, der Positionswechsel der Kirche von Cajamarca auf die Seite der Campesinos und die erstmalige Beteiligung an demokratischen Wahlen (1980).

Von politisch - wirtschaftlicher Bedeutung ist, dass 1855 das Departement Cajamarca mit der Stadt Cajamarca als Hauptstadt geschaffen wurde. 1882 besetzten und plünderten die Chilenen Stadt und Region. Eine befahrbare Straße von der Küste nach Cajamarca wurde erst 1940 vollendet. Der Bau dieser Straße verringerte die Bedeutung der Stadt als Handelszentrum.[15] Eine geplante Eisenbahn bis nach Cajamarca wurde nie gebaut.

3. Die Kirche von Cajamarca [16] (Strukturen)

a) Rückblick

Bischof Dammert schrieb 1963 an Adveniat: „95% der Katholiken in meiner Diözese sind Campesinos. Die Missionierung dieser Campesinos bestand nur in einem Umwandeln der kultisch-indianischen Gebräuche in christliche. Eine eigentliche Evangelisierung erfolgte nicht. Völlige religiöse Unwissenheit, Aberglaube, heidnische Gebräuche sind die Folge, auch wenn, oberflächlich betrachtet, die Bevölkerung religiös zu sein scheint. Außerdem vollzieht sich zur Zeit auf dem Lande der so notwendige sozial-kulturelle Strukturwandel, der aber leider verbunden ist mit materialistischen und kommunistischen Ideen. Diesen ist die Bevölkerung unvorbereitet und widerstandslos ausgeliefert“. Die Religiosität der Campesinos bestand darin, ihren jeweiligen Dorfheiligen zu verehren, ihm (oder Maria) Opfer zu bringen und den Seelen (Geistern) der Toten die Ehre zu erweisen.

Die Missionierung der Campesinos von Cajamarca war die Aufgabe der Franziskaner. Sie errichteten im 16. Jh. den Konvent San Antonio an der Plaza de Armas. San Antonio von Padua war und ist der Schutzpatron der Stadt. Die Kirche San Antonio war bis zur Unabhängigkeit die wichtigste Kirche der Stadt. Von hier aus wurde die Indiomission organisiert. Sie bestand noch im 19. Jahrhundert vornehmlich darin, dass die Mönche im Rhythmus von etwa zehn Jahren eine ländliche Zone besuchten, alle neugeborenen Kinder der Indios tauften (deren Anwesenheit wurde befohlen) und reichlich belohnt mit Schafherden und Naturalien nach Cajamarca zurückkehrten.

Um 1750 wurde an der Stelle der alten Kirche San Antonio eine neue, prächtige Kirche gebaut, danach San Francisco genannt. Heute leben drei Franziskaner im noch bestehenden Konvent. [17] Gegenüber dem Konvent, auf der anderen Seite der Plaza de Armas, wurde 1680 mit dem Bau einer Kirche begonnen, exklusiv für die Spanier (im Gegensatz zu der Kirche der Indiomission, San Antonio). Diese Kirche, Santa Catalina, wurde später zur Kathedrale und ist bis heute - nach einer Interimsperiode von 1962 bis 1992 - Kirche für die „Spanier“. Die dritte bedeutende Kirche von Cajamarca ist Belén, ebenfalls im ausgehenden 17. Jh. errichtet.

Sie war als „Hospitalskirche“ von großer Bedeutung für die Betreuung der Kranken und Armen der Stadt. Dieses Hospital war noch bis 1970 in Betrieb, musste aber wegen fehlendem Personal aufgegeben werden, zumal es nun ein städtisches Krankenhaus gab. Als vierte wichtige Kirche ist „La Recoleta“ zu nennen, um 1750 noch außerhalb der Stadt gelegen und errichtet als „Recolección Franciscana“. Sie liegt heute inmitten des Viertels San Sebastián und trägt diesen Namen. Sie ist heute eine Pfarrei, ebenso wie Santa Catalina.

Die Diözese Cajamarca wurde durch eine päpstliche Bulle von Pius X. im Jahr 1908 gegründet. Damals umfasste die Diözese das gesamte Departement Cajamarca. 1946 wurde die nördlichste Provinz Jaén, die an Ekuador grenzt, zu einer eigenen Prälatur erhoben und zehn Jahre später wurde die Prälatur Chota geschaffen. Der Schutzheilige (Patron) der Diözese ist Toribio de Mogrovejo, Erzbischof von Lima im 16. Jahrhundert. Die durchschnittliche Ausdehnung einer Pfarrei beträgt 511 km². Die flächenmäßig kleinsten Pfarreien befinden sich naturgemäß in der Stadt, die größte Pfarrei umfasst über 1.000 km² (Bambamarca). Die territoriale Ausdehnung der Diözese beträgt 15.333 km². 1999 zählt die Diözese 31 Pfarreien. Beim Amtsantritt Bischof Dammerts gab es 24 Pfarreien. Bischof Dammert schuf sechs neue Pfarreien, bis auf eine Ausnahme alle in der Stadt Cajamarca bzw. in deren unmittelbaren Einzugsbereich. Dies war eine Reaktion auf die stark zunehmende Zuwanderung vom Land in die Stadt. Die letzte Pfarrei wurde 1995 errichtet.

b) Die Amtszeit von Bischof Dammert (1962 - 1992)

Es gab beim Amtsantritt von Bischof Dammert 23 einheimische Weltpriester, keinen ausländischen Priester und sieben Ordenspriester. Kurz nach dem Amtsantritt des Bischof kam Alois Eichenlaub [18] aus der Diözese Speyer nach Cajamarca. Von den dreißig Priestern ließen sich fünf Priester von dem Reformkurs Bischofs Dammerts begeistern, drei davon gingen nach Bambamarca. Die übrigen einheimischen Priester lehnten etwa zur Hälfte den Kurs von Bischof Dammert strikt ab, die andere Hälfte nahm es hin, ohne sich aktiv daran zu beteiligen. Die Reformen Bischof Dammerts fanden von Anfang an nur wenig Rückhalt bei den Priestern der Diözese und standen somit auf einer sehr schmalen und brüchigen klerikalen Basis.

Es waren dann vor allem ausländische Priester, die dann zu den tragenden Kräften der Erneuerung wurden. In den siebziger Jahren nahm die Zahl der ausländischen Priester stark zu, von zwei im Jahre 1964 auf neun im Jahre 1974. Sie kamen aus Deutschland (3) Belgien, England, Irland, Frankreich und Spanien (Mallorca). [19] Im Jahre 1988 war der Anteil der ausländischen Priester am höchsten (13, einschließlich Ordenspriester). Im gleichen Jahr war auch die Zahl aller aktiven Priester am höchsten (41).

In den Augen der Einheimischen (Priester und städtische Oberschicht) wurde die Erneuerung der Kirche von Cajamarca damit zu einem „ausländischen Projekt“. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die Geldspenden aus Deutschland. Als letzter ausländischer Priester wurde Alois Eichenlaub 1996 von Bischof Simón unter Anwendung massiven Drucks zum „freiwilligen“ Rückzug aus Cajamarca gedrängt, wo er aber bis heute noch als „Pensionär“ lebt und um das „Überleben seiner Werke“ (u.a. Sonoviso (Medienstelle), Druckerei, das Projekt für Straßenkinder) kämpft. Miguel Garnett ist nach eigenem Verständnis kein Ausländer, er ist peruanischer Staatsbürger, aber noch Priester der Erzdiözese London. 1964 kamen auf einen Priester 11.000 Gläubige (1992: 15.000 Gläubige). Bischof Dammert weihte insgesamt 22 Priester.

Genaue Angaben über die Zahl aller Ordensfrauen liegen nicht vor. Nach den diözesanen Handbüchern waren es mindestens 83, wahrscheinlich über 100 Ordensfrauen, die während der dreißigjährigen Amtszeit Dammerts in der Diözese tätig waren. Von diesen 83 Ordensfrauen im Jahre 1988 waren 51 ausländische und 32 peruanische Ordensfrauen. Deutsche Ordensfrauen waren und sind nicht in der Diözese beschäftigt. [20] Seit Ende 1992 kamen sechszehn neue Schwesterngemeinschaften in die Diözese Cajamarca, vorwiegend kontemplative Orden. 1998 gab es 26 Schwesterngemeinschaften in der Diözese, bis 2001 ist die Ankunft von zehn weiteren Ordensgemeinschaften geplant.

Männliche Ordensgemeinschaften sind weniger stark vertreten. Zur Zeit Dammerts kam nur eine Ordensgemeinschaft nach Cajamarca, die Redemptoristen, die aber am Ende der Amtszeit Dammerts die Diözese wieder verließen. Vorher gab es bereits die Franziskaner und die „Hermanos Marista“. Vinzentiner und Claretiner waren bis in die fünfziger Jahre stark vertreten, verließen aber 1955 bzw. 1956 die Diözese.

Am Ende der Amtszeit Dammerts gab es nach persönlichen Angaben Dammerts insgesamt 129 Angehörige geistlicher Berufe (40 Priester, 85 Ordensfrauen, 3 Ordenspriester, 1 Diakon). Dies bedeutet, dass auf eine geistliche Berufung etwa 7.000 Gläubige kamen. In zwölf Pfarreien waren Ordensfrauen tätig. In vier Pfarreien hatte Bischof Dammert die Leitung der Pfarrei Ordensschwestern übertragen.

Angesichts des Priestermangels und der Ausdehnung der Pfarreien, der mangelnden Evangelisierung insbesondere auf dem Land, vor allem aber auch aus theologischen und ekklesiologischen Gründen, stand die Ausbildung und Begleitung von (Land-) Katecheten in der Prioritätenliste Bischof Dammerts an erster Stelle. Es gab bis 1992 über 400 gut ausgebildete und in ihrer jeweiligen Comunidad verwurzelte Katecheten (etwa 10% Frauen). [21] Diese Katecheten, von ihrer Comunidad mit ausgewählt, bildeten die Basis einer „Kirche mit Poncho und Sombrero“, wie sie z.B. in dem Glaubensbuch „Vamos Caminando“ zur Sprache kommt und die von deutschen Gruppen und Gemeinden mehrheitlich als Partner gewünscht wird.

Zu Zeiten Bischof Dammerts gab es - de facto - keine Dekanate, keine Kommissionen, keinen Priesterrat und auch keinen Diözesanrat (jeweils in institutioneller Form). Es gab keine Beratung für Fragen der Partnerschaft (einschließlich einer Beratung für den verantwortlichen Umgang mit Spendengeldern) und es gab kein (institutionalisiertes) Team, das dem Bischof beratend zur Seite stand. Dies wird hier als Mangel gesehen, im Nachhinein als ein gravierender Mangel. Das wichtigste diözesanweite Ereignis war die jährliche Pastoralwoche, die meist im März stattfand. Alle Gruppierungen, Basisgruppen, Vertreter der Gemeinden, Organisationen und Mitarbeiter Bischof Dammerts trafen sich zum Austausch, zur Evaluation und dem Besprechen neuer Vorhaben und Prioritäten.

c) die aktuelle Situation (seit 1993)

1998 ist die Zahl der Priester nahezu identisch wie 1962. Genauere Angaben sind schwer möglich, weil die Zahlen der Priester, die ihr Amt aufgeben und der Priester, die von außerhalb Cajamarcas angeworben [22] werden, stark fluktuieren. Einschließlich der Priester im Ruhestand und der Ordenspriester sind zur Zeit etwa 40 Priester in der Diözese. In der Liturgischen Agenda der Diözese Cajamarca von 1998 sind dreißig Pfarreien aufgeführt, in sieben Pfarreien ist die Stelle des Pfarrers nicht besetzt. Alle Pfarreien, mit denen die vierzehn deutschen Kirchengemeinden Beziehungen unterhalten, haben (mindestens) einen Pfarrer. Zwei Priester sind als Sekretär des Bischofs (derselbe seit 1958) und als Leiter von Caritas Cajamarca tätig. Sechs Priester leben im Ruhestand.

Eine Gruppe um den Sekretär des Bischofs spielt seit 1958 eine sehr einflussreiche und verhängnisvolle Rolle. Dem Sekretär ist es schon gelungen, den Amtsvorgänger Dammerts unter falschen Anschuldigungen aus dem Amt zu drängen. Unter Bischof Dammert liefen bei ihm alle Fäden der „Opposition“ zusammen und die Gruppe um ihn herum war die zuverlässigste „Informationsquelle“ u.a. für die jeweiligen römischen Nuntien in Lima.

Unter Bischof Simón, inzwischen durch jüngere Priester verstärkt, hat diese Gruppe an erheblicher Bedeutung gewonnen bzw. der Bischof selbst ist nun Teil dieser Gruppe. [23] Die Mitglieder dieser Gruppe leben in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Einige von ihnen betreiben offen Kindesmissbrauch, ohne dass dies von der Kirche und von der staaatlichen Behörden unterbunden wird.

Seit Ende 1992 kamen sechzehn neue Schwesterngemeinschaften in die Diözese Cajamarca. Eine Gemeinschaft wurde noch von Bischof Dammert eingeladen, es sind kanadische Schwestern, die in der Pfarrei Ichocán die Gemeindeleitung übernommen haben. Nur noch in der Pfarrei Ichocán dürfen die Katecheten den Aufgaben nachgehen, für die sie ausgebildet und beauftragt wurden. Die Schwestern widersetzen sich den Anweisungen des Bischofs, bleiben aber nach eigenem Bekunden nicht mehr lange in Ichocán. Die anderen neuen Schwesterngemeinschaften stimmen mit der pastoralen Linie des Bischofs überein.

Allerdings haben drei mexikanische Schwestern, die von Bischof Simón in die Diözese geholt wurden, nach einer Eingewöhnungszeit in Tembladera begonnen, sich der Landpastoral zu öffnen und mit Pfarrer Victorino Guerra gut zusammenzuarbeiten. Im Frühjahr 1999 wurde ihr Vertrag dann wegen „Geldmangel“ nicht mehr verlängert und sie sind inzwischen in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Partnergemeinde in Herzogenaurach wäre bereit gewesen, die Schwestern finanziell zu unterstützen. [24]

Mit der Rückkehr der Schwestern fiel auch die Stelle des Schuldekans unwiderruflich an den Staat zurück. Dem Pfarrer von Tembladera wurde diese Stelle vom Bischof verweigert. [25] Allein 1999 ist es Bischof Simón gelungen, sechs weitere Schwesterngemeinschaften für die Mitarbeit in der Diözese zu gewinnen, die in nächster Zeit ihre Arbeit beginnen werden.

Zwei Schwesterngemeinschaften (in Bambamarca und Porcón) arbeiten 1999 noch eng mit den Campesinos zusammen. Sie mussten sich auf Betreiben des Bischofs vor ihren Generaloberinnen (in Lima/Paris und in Rom) deswegen rechtfertigen, wurden aber von ihrer Ordensgemeinschaft darin bestärkt, ihre bisherige Linie und Arbeit fortzusetzen.

Die Priester sind in ihrer großen Mehrheit verunsichert, weil ihr Bischof immer wieder neue Versetzungen ankündigt und manchmal auch realisiert. Die Pfarrer werden nicht zu „residierenden“ Pfarrern ernannt. Sie werden als Pfarrverweser eingesetzt und können daher beliebig abgelöst und versetzt werden. Diese Tendenz ist auch auf nationaler Ebene zu beobachten.

Die Versorgung der Priester ist in Cajamarca (und Peru) nicht verbindlich und transparent geregelt. Unter Bischof Dammert wurde allen Priestern ein monatliches Mindesteinkommen von hundert Dollar garantiert. Dies war möglich, weil ein deutscher Diözesanpriester aus Hildesheim, der achtzehn Jahre lang als Pfarrer in der Diözese arbeitete, seinen gesamtem (deutschen) Pfarrergehalt dem Bischof zu diesem Zweck zur Verfügung stellte. Die Diözese Hildesheim übernahm diese Verpflichtung, als der deutsche Pfarrer nach Hildesheim zurückkehrte. Einige Priester, die ein Einkommen (z.B. als Lehrer) oder sonstige Pfründe hatten, wurden nicht zusätzlich aus diesem Fond bezahlt.

Dies führte zu einigen „Missverständnissen“, zumal die Versorgung der Priester auch zu jener Zeit nicht immer transparent und einvernehmlich geregelt war. Bischof Simón fühlt sich aber für die Versorgung seiner Priester entgegen dem Kirchenrecht nicht zuständig, besonders nicht für diejenigen, die „ihre Zeit auf dem Land verschwenden und nur Sozialarbeit machen“ (wörtlich). Bischof Simón: „Wenn sie Probleme haben, sollen sie sich doch an ihre deutschen Partner wenden!“ [26]

Im September 1998 fand eine Diözesanversammlung statt („Asamblea Diocesana“), auf der die Restrukturierung der Diözese das zentrale Thema war. Eingeladen waren alle Priester, Ordensleute und je zwei Delegierte der Pfarreien. Die altbewährten Katecheten und die Basisgruppen waren nicht informiert worden und wussten nichts von der Versammlung. Es wurden elf Kommissionen beschlossen, die auf Diözesanebene für folgende Themen verantwortlich sein sollen: Pastoral indígena (man spricht nicht mehr von Campesinos); Apostolat der Laien; Acción social; Familie; Jugend; Liturgie; Kommunikation; Mission; Berufungen; Kultur und Denkmalschutz; Katholische Erziehung. Es wurde auch die Einrichtung von „Regierungsgremien“ angekündigt, um die Diözesanleitung effizienter gestalten zu können. Einzelheiten konnten noch nicht genannt werden. Außerdem wird die Diözese in Dekanate aufgeteilt und es soll ein Diözesanrat gebildet werden. [27]

Neben den Strukturfragen stand als inhaltlicher Schwerpunkt das Thema der Neuevangelisierung auf der Tagesordnung. Bischof Simón kündigte an, dass nach einer „Zeit der Dürre“ (wörtlich) nun die Lehre der Kirche bis in die letzten Winkel der Diözese getragen werden soll. In seiner Abschlussansprache auf der Asamblea beklagte er, dass die monatliche Beichte noch nicht in allen Gemeinden sichergestellt sei und in manchen Gemeinden noch nicht einmal der Versuch unternommen wurde, die Lehre der Kirche durchzusetzen. Dafür sind die Pfarrer verantwortlich.


Anmerkungen:
 
[1] Nach einer Meldung der größten peruanischen Zeitung (El Comercio) am 4. 12. 1999 nimmt Peru weltweit wieder den ersten Platz in der Ausfuhr von Fischmehl ein.

[2] Eine wirtschaftlich bedeutende Gruppe stellen die Nachfahren der im 19. Jahrhundert eingewanderten Ostasiaten dar (die damals vorwiegend im Bau der Eisenbahnstrecken eingesetzt wurden), obwohl sie weniger als 1% der Bevölkerung ausmachen. Diese Menschen werden „Chinos“ genannt. Der aktuelle peruanische Präsident ist ein „Chino“.

[3] Internationaler Währungsfond: Seine Aufgabe besteht darin, armen Ländern zu helfen, die Integration in die bestehenden finanz- und wirtschaftspolitischen Strukturen zu erleichtern. Diese Integration ist an Bedingungen gebunden, die von den reichen Ländern (als Modell) vorgegeben werden.

[4] El Comercio am 6. 12. 1999: Die Zahl der arbeitenden Kinder hat die Zwei - Millionen - Marke überschritten.

[5] Am 27. 12. 1999 gibt Fujimori offiziell bekannt, dass er als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen 2000 antritt. Im Vorfeld wurden alle juristischen Bedenken „ausgeräumt“. Die Präsidentschaftswahlen heizen das innenpolitische Klima derart auf, dass Vergleiche mit deutschen Wahlkämpfen nur bedingt möglich sind. Während für etwa die Hälfte der Peruaner Fujimori als Retter des Vaterlandes gilt (vor allem wegen des Erfolges gegen den Terrorismus und der Inflationsbekämpfung) erhofft sich eine zersplitterte zweite Hälfte von einem neuen Präsidenten grundlegende Verbesserungen. Bis zum Ende 1999 haben sich die oppositionellen Kräfte nicht auf einen gemeinsamen Gegenkandidaten einigen können.

[6] Unter der Webadresse „www.cajamarca.de“ sind ausführliche Artikel zum Thema zu finden, so z.B. „Das Gold von Cajamarca“ und alle Artikel, die im Rahmen dieses Sammelbandes nicht veröffentlicht werden können.

[7] In der Folge werden diese kleinsten Einheiten (falls von Landzonen die Rede ist), Comunidades genannt. Zu einer Comunidad zählen etwa 30 bis 300 Familien. Sie leben in der Regel „über das Land verstreut“ in einfachen Lehmhütten, die sie in unmittelbarer Nähe ihres kleinen Landbesitzes errichtet haben. Distrikte könnten am ehesten mit Land- und Stadtkreisen und Provinzen mit Regierungsbezirken in Deutschland verglichen werden

[8] Den Norden des Departements Cajamarca teilen sich die Prälaturen von Chota und Jaén. Weitere Angaben zur Diözese Cajamarca in dem Artikel von Luís Mujica.

[9] Ab 2000/01 wird nach einem neuen Schulgesetz die Gymnasialzeit um zwei Jahre verlängert, um den Gymnasialabschluss internationalen Standards anzugleichen. Der bisherige Abschluss wird z.B. in Deutschland nicht als Zulassung für ein Universitätsstudium anerkannt.

[10] siehe auch den Artikel: „Die Goldminen von Yanacocha“. Die nachweisbaren Goldvorkommen um Cajamarca gelten als die ergiebigsten in Amerika. Dies gilt auch für den erzielten Gewinn in Relation zur Investition. Ausführliche Informationen im Artikel „Das Gold von Cajamarca“ im Internet (s.o.)

[11] Am 11.11.99 kam es in Cajamarca zur ersten massiven Demonstration gegen die Mine, an der etwa dreißig Organisationen teilnahmen. Inzwischen liegen erste Daten (u.a. vom Gesundheitsministerium) vor, nach denen im Trinkwasser Schwermetalle weit über den zulässigen Grenzwerten enthalten sind, besonders Quecksilber. Zwei Tage vor dieser Demonstration, die sich u.a. auch gegen die städtischen Behörden und den Bischof richteten, besuchte der deutsche Botschafter Herbert Beyer Cajamarca und sagte im lokalen Fernsehen: „Ich bin auf Einladung meines Freundes Roque Benavides gekommen. .. Ich habe lange mit den Leuten der Mine Yanacocha gesprochen und ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Mine mit großer Sorgfalt arbeitet und dass keine Verschmutzung des Wassers und keine Gefahr für die Umwelt vorliegt“. (Roque Benavides ist der Großaktionär des peruanischen Anteils der Mine). Diese Erklärung, die auch von den Zeitungen Cajamarcas veröffentlicht wurde, löste große Verärgerung in der Bevölkerung aus.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass nach den neuesten bekannt gewordenen (aber von vorneherein beabsichtigten) Plänen der Minengesellschaft auch in dem Bereich Gold gefördert werden wird, in dem 70% der Trinkwasservorräte für Cajamarca „gespeichert“ sind und der in unmittelbarer Nähe der Stadt liegt (der betroffene Berg Quilish wirkt geologisch gesehen wie ein Schwamm, der den größten Teil des auf Cajamarca zufließenden Wassers speichert). So besteht als zweite Gefahr, dass das Trinkwasser für Cajamarca nicht nur vergiftet, sondern dass es auch immer knapper wird. In einer öffentlichen Erklärung der Minengesellschaft wurde die Bevölkerung von Cajamarca u.a. mit dem Hinweis beruhigt, dass selbst wenn es zu Verschmutzungen des Trinkwassers - was ja unwahrscheinlich sei - kommen sollte, sich die Bevölkerung von Cajamarca keine Sorge machen müsste, weil dann die verschmutzten Wasser Richtung Bambamarca abgeleitet würden. (Um Bambamarca herum leben über 100.000 Campesinos; die Umleitung wäre auch technisch kaum zu realisieren).

Vom 16.- 18. 11 fand an der Universität Cajamarca ein vielbeachtetes Seminar statt, das von der neu entstandenen Bürgerbewegung („Ecovida“) zur Verteidigung der Umwelt organisiert wurde. In dem abschließenden Podiumsgespräch sagten die Vertreter der Mine in letzter Minute ab. Von den ausländischen NRO war nur eine holländische Organisation anwesend. Gegen den Willen des Bischofs waren auf dem Seminar als Mitorganisatoren die Priester Marco Arana (als Referent) und Francisco Centurión (Pfarrei Guadalupe) vertreten. Als vorläufig letzter in einer Reihe von „Zwischenfällen“ kam es am 2. 6. 2000 zu schweren Vergiftungen bei 112 Menschen (in der Mehrzahl Kinder), als ein LKW der Mine, beladen u.a. mit Quecksilber, verunglückte. Boden und Wasser sind weiträumig verseucht. Die Mine Yanacocha leugnet jede Verantwortung und leistet keinen Schadensersatz, weil die LKW-Transporte an Subunternehmer vergeben sind.

[12] (zitiert in José Dammert: „La Fama de Caxamalca“, Seite 14).

[13] Weltwirtschaftlich gesehen haben vor allem England und Holland von diesem Handel profitiert, während Spanien bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts immer mehr an den Rand gedrückt wurde. Es verpasste den Anschluss an die moderne Zeit des Kapitalismus, weil es nicht zu inneren Reformen in der Lage war und die Reichtümer aus den eroberten Ländern zuerst konsumierte, anstatt sie in neue Technologien und Märkte zu investieren.

[14] „Obraje“ - Verarbeitungsorte (von Wolle); entspricht in etwa den Manufakturen. Bereits im 16. Jahrhundert kam es zur Einführung der Manufakturen. Kinder ab acht Jahren und Erwachsene wurden in einen Raum eingesperrt, die Füße in Ketten gelegt. Sie mussten vierzehn Stunden am Tag (falls keine Beleuchtung möglich war „nur“ zehn bis zwölf Stunden) eine vorher festgelegte Quote an Wolle verarbeiten

[15]Siehe den Artikel von Jorge Trigoso: „Multis, Markt und Dritte Welt“.

[16]Siehe den Artikel W. Knecht/H. Heidenreich: „Die Wehklagen derer, die leiden, lassen mich nicht ruhen“, in „Die Armen zuerst!“, Grünewald 1999

[17] Am 30. Oktober 1999 erklärte Pater Luís Ayala OFM in einem offenen Brief an Bischof Simón den sofortigen Rücktritt von allen seinen Ämtern. Padre Ayala war erst kurz zuvor nach Cajamarca gekommen und im Mai 1999 als Nachfolger von Jorge León zum Generalvikar der Diözese ernannt worden. Padre Ayala erregte Aufsehen, weil er als erster Franziskaner seit Menschengedenken den Konvent den Armen öffnete und in couragierten Predigten die Reichen (die gewohnheitsmäßig zu den Franziskanern kamen) zur Umkehr aufrief. Zum Konflikt mit dem Bischof kam es, als er u.a. die vornehmen Damen der Stadt kritisierte, die für den Schmuck und den Umhang der „Segensreichen Schmerzensmutter Maria“ sehr viel Geld ausgaben und gleichzeitig die Armen nicht an der Anbetung teilnehmen lassen wollten. Ayala: „Maria ist die Mutter aller Menschen....“

Als sich Bischof Simón mit den vornehmen Damen solidarisierte und Padre Ayala öffentlich brüskierte, warf dieser dann „den Bettel hin“. In den kirchennahen und traditionell frommen Kreisen der Stadt erregte dies um so mehr Aufsehen, weil es 1999 schon der zweite Generalvikar war, der sein Amt unter spektakulären Unständen aufgab und weil in einem offenen Brief die Dinge so geschildert wurden, wie sie sich tatsächlich zugetragen haben.

[18] Die Rolle ausländischer Mitarbeiter (Priester, Entwicklungshelfer) und damit verbundener „Entwicklungshilfe“ ist einer der Schwerpunkte des zweiten Teils der Studie. Alois Eichenlaub war der erste Mitarbeiter Bischof Dammerts und von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung einer befreienden Pastoralarbeit in der Diözese.              

[19] Ausländische Priester, die Spuren hinterlassen haben, in zeitlicher Reihenfolge: Alois Eichenlaub, René Fromment, Hans Hillenbrand (1971 laisiert und bis heute in Cajamarca lebend), Rudi Eichenlaub, Victor Marit, Miguel Garnett, John Medcalf, Juan und Miguel Paret, Jaime Pons, Pedro Fons, Vicente Tur, Mateo Kenelly, Demetrio Byrne.

[20] Dagegen waren seit 1963 - 1989 insgesamt 21 deutsche kirchliche Entwicklungshelfer in der Diözese Cajamarca tätig. 18 von ihnen nahmen an einer Befragung im Rahmen dieser Studie teil. Über die „Rolle der Deutschen“ wird in einem zweiten Teil der Studie ausführlich eingegangen.

[21] Nachdem diese Katecheten von dem Nachfolger Dammerts nicht mehr anerkannt werden (siehe dazu den Artikel über die Partnerschaft zwischen St. Georg, Ulm und San Pedro), hat dies für die Pastoral- und Sozialarbeit auf dem Land und den Randzonen der Städte verheerende Folgen. Sie wird erheblich erschwert und ist oft nur gegen den Widerstand des Bischofs möglich. Zudem wurde dieser Arbeit die gesamte Infrastruktur (Kurszentren etc.) entzogen.

[22] Aussage von Pfarrer Rolando Estela, Verantwortlicher für die Landpastoral auf Diözesanebene: „In den letzten drei Jahren sind mindestens sechs neue Priester in die Diözese geholt worden, die keinen Kontakt mit mir und anderen Priestern, die auf dem Land arbeiten, haben wollen. Bischof Simón als Vorsitzender der Kommission für den Klerus der peruanischen Bischofskonferenz holt Priester in die Diözese, die in anderen Diözesen nicht mehr akzeptiert werden konnten“.

[23] Über die „Aktivitäten“ dieser Gruppe liegen authentische Berichte und Zeugenaussagen vor, auf die im Rahmen dieses Sammelbandes nicht eingegangen werden kann, weil es hier weder um eine Kriminalberichterstattung noch um die Wertung des moralischen Verhaltens einzelner Personen geht.

[24] Zur Situation in den Partnergemeinden und deren Pfarrer siehe den Hauptartikel: „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit“.

[25] Siehe den Artikel: „Die Partnerschaft von Herzogenaurach mit Tembladera“.

[26] Als Vorsitzender der bischöflichen Kommission für den Klerus in Peru (und damit zuständig für die Versorgung der Priester) hat Bischof Simón im Jahre 1999 eine kircheninterne Pflichtversicherung zur sozialen Absicherung im Alter in seiner Diözese eingeführt. Der monatliche Beitrag beträgt etwa hundert DM. Besonders die engagierteren Pfarrer können diese Summe nicht aufbringen und sie wollen es auch nicht, weil sie keine Gegenleistung erwarten. Bei der Ausarbeitung der Regeln für die Priesterversorgung und deren soziale Absicherung (und dann wohl auch Finanzierung) ist Adveniat behilflich. Der gegenwärtige Stand der Entwicklung kann auf der Homepage der peruanischen Bischofskonferenz verfolgt werden

[27] Von den angekündigten Strukturveränderungen war bis Ende 1999 nichts zu sehen. Einige Priester erfuhren erst nach langer Zeit und  zufällig, dass sie zum Vorsitzenden einer Kommission ernannt wurden. Einige Kommissionen hatten zwar inzwischen ihre konstituierende Sitzung, aber in mindestens drei Fällen ging der zum Vorsitzenden ernannte Pfarrer nicht zu dieser Sitzung, entweder weil er nichts davon erfahren hatte oder weil er eine solche Sitzung für Zeitverschwendung hielt.

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