Oscar Romero - beim Papst 1979

San Romero de América
 
"In dieser Karwoche vor Ostern erinnern wir uns an die Ermordung von Bischof Oscar Romero, El Salvador, der am 24. März 1980, vor 25 Jahren, während der Eucharistiefeier am Altar ermordet wurde. Von Bischof Romero und seinem Zeugnis erhalten wir die Kraft, weiter für Gerechtigkeit und Frieden zu kämpfen. Aber Bischof Romero wurde nicht verstanden. Seine Seligsprechung hat noch keine Fürsprecher im Vatikan erhalten - im Gegensatz zu dem Gründer des Opus Dei, einem Befürwortes des Massenmordes an über 200.000 Menschen, der bequem in einem Bett starb und von Papst Johannes Paul II.heilig gesprochen wurde.  
 
Schlafzimmer von Oscar Romero
(Foto w. knecht, 2012)

Vereinen wir uns im Gebet im Gedenken an Bischof Romero, in dem das Leiden und die Auferstehung Jesu Christi auf aktuelle Weise gegenwärtig wird.

Der 24. März erinnert nicht nur an die Geschichte des blutigen Militärputsches in Argentinien, der am 24. März 1976 begann. Dieser Tag ist auch der Jahrestag der Ermordung von Padre Oscar Arnulfo Romero in El Salvador im Auftrag des Mayors des Heeres, Roberto D'Aubuisson. Dieser ist auch der Gründer der Partei ARENA, die bis heute das Land regiert. In der Folge wird der Dialog wieder gegeben, wie er zwischen dem gerade neu gewählten Papst Johannes Paul II. und Bischof Romero stattfand.

"Dialog" zwischen Bischof Oscar Arnulfo Romero und Johannes Paul II. (Ein Zeugnis von María López Vigil, aus "Piezas para un retrato", UCA Editores, San Salvador 1993)
 
- Verstehen Sie mich doch, ich brauche eine Audienz beim Heiligen Vater!
- Und verstehen Sie, dass Sie warten müssen, bis Sie an der Reihe sind, wie jeder andere auch.
Wieder wurde eine Tür des Vatikans vor seiner Nase zugeschlagen. Von San Salvador aus hatte Bischof Romero rechtzeitig und unter Beachtung aller bürokratischen Hürden um eine persönliche Audienz beim Papst gebeten. Und er reiste mit der Gewissheit nach Rom, dass alles bereits im Vorfeld geregelt war. Nun aber schienen sich alle seine Vorsichtsmaßnahmen in Luft aufzulösen. Die Kurienbeamten sagen ihm, dass sie von all dem nicht wüssten. Und so bittet er um die Audienz, indem in allen Büros und Amtszimmern seine Aufwartung macht.
- Das kann nicht sein, sagt er einem anderen, ich habe vor langer Zeit geschrieben und mein Brief muss doch hier irgendwo sein.
- Die italienische Post ist eine Katastrophe!
- Aber den Brief habe ich persönlich dem… mitgegeben.
 
Wieder eine verschlossen Tür. Und am nächsten Tag wieder eine. Die Kurie will nicht, dass er sich mit dem Papst trifft. Und seine Zeit in Rom, wohin er von einigen Ordensfrauen eingeladen worden war, die die Se- ligsprechung ihres Gründers feierten, neigte sich dem Ende zu. Aber er kann nicht nach San Salvador zurückkehren, ohne den Papst gesehen zu haben, ohne ihm alles erzählt zu haben, was dort geschieht.
- Ich werde weiterhin um diese Audienz betteln, gibt sich Bischof Romero selbst Mut.
 
Es ist Sonntag. Der Papst steigt zum großen Empfangssaal hinunter, wo ihn die Massen zur großen traditionellen Generalaudienz erwarten. Bischof Romero ist früh aufgestanden, um einen Platz in der ersten Reihe zu erhalten. Und als der Papst grüßend vorbeigeht, ergreift er seine Hand und lässt sie nicht mehr los. Heiliger Vater, ruft er mit der Bestimmtheit eines Bettlers, ich bin der Erzbischof von San Salvador und ich bitte Sie um eine Audienz. Der Papst stimmt zu. Endlich hat er es erreicht, am nächsten Tag soll sie sein. Es ist das erste Mal, dass sich der Erzbischof von San Salvador mit dem Papst Karol Wojtyla treffen wird, der seit knapp einem halben Jahr erst Papst ist. Er nimmt die sorgfältig vorbereiteten Unterlagen mit, Informationen über die Vorgänge in El Salvador, damit der Papst sich ein Bild machen kann. Und da soviel passiert ist, sind es sehr viele Unterlagen. Bischof Romero hat sie in einer Schachtel sorgfältig geordnet und er zeigt sie voller Spannung dem Papst vor Beginn der Unterredung.
 
 
Papst und Erzbischof auf dem Petersplatz (Bildquelle: Bischofskonferenz San Salvador)
 
- Heiliger Vater, hier können sie lesen, wie alle Verleumdungen gegen die Kirche vom Präsidentenpalast selbst ausgehen.
Der Papst rührt nicht ein einziges Papier an und auch nicht seinen Notizblock. Er stellt auch keine Frage. Er beklagt sich lediglich.
- Ich habe euch schon oft gesagt, dass ihr nicht mit einem solchen Haufen von Papieren kommen sollt! Hier haben wir keine Zeit, um so viel Zeug zu lesen!
Bischof Romero erzittert, aber er versucht den Schlag wegzustecken. Und er hakt nach: es muss sich um ein Missverständnis handeln. In einem extra Umschlag hat er dem Papst ein Bild von Octavio Ortiz mitgebracht, dem Priester, den die Nationalgarde zusammen mit vier Jugendlichen vor einigen Monaten getötet hatte. Das Foto ist ein Bildausschnitt mit dem Gesicht des toten Octavio. In dem vom Panzer zermatschten Antlitz sind noch indianische Züge auszumachen und das Blut verzerrt diese noch mehr. Es ist deutlich der Schnitt einer Machete am Hals zu sehen.
- Ich kannte Octavio sehr gut, Heiliger Vater, er war ein vollendeter Priester. Ich habe ihn geweiht und ich wusste von all dem, was er tat. An jenem Tag hat er den Jugendlichen des Armenviertels das Evangelium erklärt.
Er erzählt dem Papst alles - seine Version als Erzbischof und die Version, die die Regierung verbreitete.
- Sehen Sie, wie Sie sein Gesicht zertrümmert haben!
Der Papst starrt auf das Foto und fragt nicht nach. Er schaut danach in die feuchten Augen des Erzbischofs und zieht die Hand zurück, als wollte er die Dramatik des vergossenen Blutes vergessen machen.
- Wie grausam sie ihn doch getötet haben und dann sagen sie auch noch, er war ein Guerrillero …
- Und war er vielleicht keiner? - antwortet kühl der Papst.
Monseñor Romero nimmt das Foto zu sich, von dem er so viel Mitgefühl erwartet hatte. Etwas lässt ihn die
Hand zittern: es muss sich um ein Missverständnis handeln.
Die Audienz geht weiter. Während sie sich gegenüber sitzen, beharrt der Papst auf einer einzigen Idee:
- Sie, Herr Erzbischof, müssen sich um eine bessere Beziehung zur Regierung ihres Landes bemühen! Monseñor Romero hört ihm zu und seine Gedanken schweifen nach El Salvador und er denkt daran, was die,Regierung seines Landes mit dem Volk seines Landes anstellt. Die Stimme des Papstes bringt ihn zur Wirklichkeit zurück.
- Eine Harmonie zwischen Ihnen und der Regierung von El Salvador ist das, was Christen in dieser Zeit der Krise am meisten befolgen müssen.
Der Bischof hört weiter zu. Es sind Argumente, mit denen er bis zum Überdruss schon von anderen kirchlichen Würdenträgern angegriffen worden war.
- Wenn Sie die Differenzen mit der Regierung beheben könnten, wäre dies ein christlicher Beitrag zur Erlangung des Friedens.
Der Papst besteht so hartnäckig darauf, dass der Erzbischof beschließt, nicht mehr weiter zu zuhören und bittet um das Wort. Er spricht schüchtern, aber überzeugt:
- Aber, Heiliger Vater, Christus sagt uns im Evangelium, dass er nicht nur gekommen ist, um den Frieden zu bringen, sondern auch das Schwert.
Der Papst fixiert Romero mit seinen Augen:
- Übertreiben Sie nicht, Herr Erzbischof!
Es gab keine weiteren Argumente und die Audienz war zu Ende.
 
All das hat mir Bischof Romero am 11. Mai 1979 in Madrid erzählt, er weinte dabei. Er kehrte gerade über Madrid überstürzt in sein Land zurück, konsterniert von der Nachricht eines Massakers in der Kathedrale von San Salvador. (María López Vigil)
 
Nachtrag - Ergänzung:
In dem Film „Romero - „Tod eines Erzbischofs“ (Rena und Thomas Giefer, Con.Voi Filmproduktion, 2003) ist das Foto des getöteten Priesters zu sehen. Dort auch die Begegnung während der Generalaudienz, als Romero die Hand des Papstes ergriff und sich vorstellte. Ehe er mehr sagen konnte, warnte ihn der Papst: „Hüten Sie sich vor dem Kommunismus“! „Aber…“ Und der Papst erneut: „Hüten sie sich vor dem Kommunismus!“ Mehr nicht (Augenzeuge: Bischof Jesús Delgado). Am nächsten Tag kam es zur geschilderten Audienz.
Ein weiterer Höhepunkt des Krieges gegen das Volk, in dem die Parole galt „Wenn du etwas für dein Vaterland tun willst, dann töte einen Priester“ und in dem der Besitz einer Bibel für den Besitzer den Tod bedeuten konnte, war die Ermordung von sechs Jesuiten in San Salvador (1989). Einer der Getöteten war ein Studienfreund von mir.
 
Zwei Zitate von O. Romero:„Die Welt, der die Kirche dienen muss, ist die Welt der Armen und die Armen entscheiden, was es für die Kirche heißt, wirklich in dieser Welt zu leben. Die Kirche wird verfolgt, weil sie die Armen verteidigt. Was sie tut, ist nicht mehr und nicht weniger als das Unglück der Armen zu teilen. Die Armen sind der Körper Christi heute. Durch sie lebt er heute, in der Geschichte“.
„Mein Leben wurde schon mehrmals bedroht. Als Christ glaube ich nicht an den Tod ohne Auferstehung. Wenn sie mich töten, werde ich auferstehen im Volk von El Salvador. Als Hirte ist es meine Aufgabe, mein Leben zu geben für diejenigen, die ich liebe, für das ganze Volk von El Salvador, selbst für diejenigen, die mich töten wollen. Sollte Gott das Opfer meines Lebens annehmen, hoffe ich, dass mein Blut zum Samen der Freiheit wird und zum Zeichen, dass unsere Hoffnung bald verwirklicht wird. Mein Tod wird ein Beweis der Hoffnung für die Zukunft sein, und für mein Volk will ich sterben. Ein Bischof wird sterben, aber die Kirche Gottes, das ist die Kirche des Volkes, wird nie verschwinden“.
 
Beide Zitate aus meiner Dissertation: „Die Kirche von Cajamarca - Die Herausforderung einer Option für die Armen“.  Dr. theol. Willi Knecht, Ostern 2005.
 
Nachtrag zum Tod von Johannes Paul II: "Auch der Papst wird sich nun vor seinem Gott verantworten müssen - wie jeder von uns. Und er wird diesem Gott, dem Gott von Abraham und von Jesus, erklären müssen, warum er Menschen wie Bischof Romero seinen Mördern überließ und warum er einen Befürworter von Massenmorden - Josemaría Escrivá - zum Heiligen erhebt. Menschen wie Oscar Romero und alle Ausgestoßenen dieser Welt mögen bei Gott dann Fürsprache für Karol Wojtyla einlegen. Möge ihm Gott seine Gnade erweisen und ihn bei sich aufnehmen! " (Fürbitte Willi Knecht)

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