Das Nein zu Abel als Geschäftsmodell

Die bestehende Situation als geschichtliche Ausfaltung dieser Ursünde

„Das Nein zum Anderen ist die einzig mögliche Sünde; es ist die `Sünde der Welt`, die Ursünde. (…) Geschichtlich und real gesehen nimmt die Sünde seit dem 15. Jh. die konkrete Gestalt des Neins des nordatlantischen Zentrums zum Indio, Afrikaner, Asiaten, zum Landarbeiter, zum Außenseiter an“.[29] Der Europäer erobert die ganze Welt und sieht dies als legitime Ausfaltung seines Ich, seiner Welt und seiner Kultur an (siehe europäische Philosophie). Er leugnet damit die anthropologische Andersheit (z.B. den Indio) und die absolute Andersheit (Gott). Er bestätigt dadurch sich selbst und seine abendländische Zivilisation als „Gott“. Er erklärt seine Welt zur Welt schlechthin und erhebt die Herrschaft des Menschen über den Menschen zur „natürlichen Ordnung“ (Aristoteles). Das führt zu einer Spaltung der Welt in Herrscher und Beherrschte – in solche, die die Zivilisation und die Kultur besitzen und solche, denen man dies erst alles beibringen muss (bestenfalls). Die Anderen, andere Kulturen, andere Rassen, die „Barbaren“, schlägt man entweder tot oder man versucht sie mit Gewalt in die eigene, nämlich die europäisch christliche Welt zu integrieren. Im Namen Gottes, der in Wirklichkeit der von den „Fürsten dieser Welt“ geschaffene Gott war, in dem sie sich selbst anbeten konnten, zogen sie aus, die “Wilden“ zu zivilisieren und zu missionieren. Und weil dies im Namen Gottes geschah, im Namen der einzigen, der christlichen Zivilisation, fühlten sie sich nicht schuldig, sondern im wahrsten Sinne des Wortes als „Heilsbringer“. Falls sich der Heide nicht missionieren lassen wollte, durfte man ihm den Krieg erklären und zur Hölle schicken.

Die Totalisierung des neuzeitlichen Systems und der europäisch-griechischen Religion durch politische, wirtschaftliche und kulturelle Herrschaft beginnt im 15. Jh. und hat sich bis heute endgültig etabliert und stabilisiert. Nach den Eroberern und Missionaren kamen die Händler, Geschäftsleute und Bankiers, die sich mit Erfolg bemühten, die Kolonien Europas in gewinnträchtige Quellen für den Reichtum des Zentrums zu verwandeln. Der Reichtum Europas beruhte (und beruht) auf der systematischen Ausbeutung und Verelendung seiner Kolonien. Dieser Zustand wird bis heute gewaltsam aufrechterhalten. Das Zentrum (Europa und seine erwachsenen Söhne USA und UDSSR) pflegt heute noch dieselbe Ideologie und dieselbe Praxis, wenn auch in „verfeinerter Form“, wie oben beschrieben. Dieses Gebaren wird von der herrschenden Religion, Kultur und Philosophie abgesegnet oder bekommt zumindest die Absolution. Der amerikanische Präsident Johnson sagte 1966 zu Soldaten auf dem Weg nach Vietnam: „Vergesst nicht, dass wir 200 Millionen sind in einer Welt von drei Milliarden. Die wollen haben, was wir haben, aber wir denken nicht daran, es ihnen zu geben“.[30]

Die reichen Länder hören und respektieren nicht die armen Länder und deren Andersheit (andere Kulturen, andere Werte, die Armen und Unterdrückten). Sie fahren fort, sie zu verneinen und handeln nur gemäß ihren eigenen Interessen. Es gelingt ihnen sogar, dieses Handeln als Wohltat oder gar Ausdruck christlicher Nächstenliebe zu verkaufen. Es ist ihnen tatsächlich fast ganz gelungen, diese ihre Ideologie weltweit zu verbreiten. Besonders die USA fühlen sich immer mehr berufen (denn sie haben noch mehr Kraft und Vitalität als der alte Kontinent), ihren Lebensstil weltweit als Maßstab zu etablieren, den „american way of life“. Ausgebeutete Menschen scheinen nichts anderes zu wünschen, als die gleichen Güter konsumieren zu können wie ihre Unterdrücker (oder Befreier?). Sie küssen ihren Unterdrückern aus Dankbarkeit die Hände, sie geben ihre eigene primitive Kultur auf um zu werden wie die Herren. Gott scheint auf der Seite dieser Herren zu stehen. Denn wie sonst könnten sie so erfolgreich, reich und allmächtig sein? Ausgebeutete Menschen geben sich selbst die Schuld an ihrem traurigen Schicksal, sie glauben an die von den Weißen erfundenen Mythen, ihr elendes Leben sei von Gott so gewollt und sie hätten nichts Besseres verdient. Die Armen, verführt von den angeblichen Segnungen der globalen Konsumgesellschaft ziehen in die Städte und werden dort noch ärmer und entwurzelter. Sie übernehmen die Religion ihrer Herrscher, wonach der Starke, der Clevere und Rücksichtslose alles erreichen kann. Dies scheint glaubwürdig, weil doch alles im Namen der Zivilisation, der Freiheit und des Fortschritts geschieht. Mitmenschen werden immer mehr als Konkurrenten z.B. im Kampf um einen Arbeitsplatz angesehen, im Kampf um einen Platz an der Sonne.

Die Vielen wollen wie die Wenigen werden. Unterentwickelte Länder wollen entwickelt werden und wie Europa sein. Die Totalisierung des neuzeitlichen Systems ist nahezu abgeschlossen. Es mag zwar noch einige „Wilde im Busch“ geben, die noch nicht wissen, wie Coca-Cola schmeckt, aber selbst deren Wildheit wird inzwischen erfolgreich vermarktet.[31] Heute sind keine Kolonialkriege oder direkte militärische Aggressionen, wie dies bis vor kurzem noch der Fall war, notwendig, um das System aufrechterhalten zu können. Denn die weltweit herrschende und von Europa ausgehende Wirtschaftsform reguliert – quasi automatisch – die Herrschaft des Zentrums über die Peripherie mit einer dem System immanenten Logik.

„In der politischen Position (Bruder – Bruder) herrscht heute die Herrschaft des Zentrums über die Peripherie; dieses Herrschaftsverhältnis reproduziert sich innerhalb der einzelnen Völker in der Hauptstadt, die das Landesinnere und die Provinzen ausbeutet, in der Oligarchenklasse, welche über die Arbeiter herrscht, in den Bürokratien, welche die Masse des Volkes gängeln, usw.“.[32] „Eine oligarchische Elite, die in den abhängigen Nationen das unterdrückte Volk beherrscht, erfüllt so schließlich die Parolen der Universalität der Kultur des Zentrums“.[33] Die Mehrheit der Bevölkerung, ausgebeutet und verführt von den „Fürsten dieser Welt“, leidet so unter einer doppelten Herrschaft. Unvorstellbares Elend für 2-3 Milliarden Menschen ist das Ergebnis.

Die Praxis der Herrschaft ist die Praxis des Nein zu Abel und sie beginnt da, wo der Andere verneint und das Ich verherrlicht wird. Und sie endet in der Herrschaft der Starken über die Schwachen. Die Praxis der Herrschaft, die Ursünde der Menschheit, herrscht heute weltweit – nicht zuletzt dank der christlich-abendländischen Zivilisation. Und es wird immer schwerer, sowohl für einzelne Länder als auch besonders für den Einzelnen, sich aus dieser Praxis der Herrschaft zu befreien.


[29] Dussel: Herrschaft und Befreiung, S. 339
[30] J. Gerassi: Gewalt, Revolutionen und Strukturveränderungen in Lateinamerika, in: Lateinamerika, ein zweites Vietnam? S. 75
[31] Ich persönlich halte die Religion des Kapitalismus mit ihren Dogmen, ihrem Kult und ihrer Verführungskraft mit ihren Appellen an die niedrigsten Instinkte des Menschen für die wirkmächtigste Religion unserer Zeit. Sie bedient geschickt uralte Sehnsüchte und verheißt ihren Jüngern ein Paradies auf Erden. Wer dies nicht schafft, ist selbst schuld und ein Versager. Wer sich dagegen auflehnt, gilt als Ketzer und wird mit allen Mitteln bekämpft.
[32] Dussel: Herrschaft und Befreiung; a.a.O., S. 397
[33] Dussel: Método para…. a.a.O. S., 227

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