Gott oder das Gold - an wen glaubst du?

Gott oder das Gold – an wen glaubst du?

„Es geschah, dass ein Häuptling alle seine Leute zusammenrief. Jeder sollte an Gold mitbringen, was er hatte, und alles sollte dann zusammengelegt werden. Und er sagte zu seinen Indianern: Kommt, Freunde, das ist der Gott der Christen. Wir wollen vor ihm singen und tanzen, dann fahrt auf das Meer hinaus und werft es hinein. Wenn sie dann sehen, dass wir ihren Gott nicht mehr haben, werden sie uns in Ruhe lassen.“ (Bartolomé de Las Casas, 1552)

Spanische Theologen des 16. Jahrhunderts bezeichneten das Gold als ein Geschenk Gottes, der in seiner göttlichen Vorsehung die heidnischen Völker mit unvorstellbaren Goldvorkommen ausgestattet hat, damit auf diese Weise die Christen den Weg zu diesen Völkern finden, um die Heiden zu taufen und sie so vor der Hölle zu bewahren. „Dorthin, wo es sie gibt, das Evangelium im Fluge und um die Wette kommt, während dort, wo es sie nicht gibt, sondern nur Arme, dies ein Mittel der Zurückweisung ist, denn dorthin kommt das Evangelium niemals...“. (Aus dem „Gutachten von Yucay“, das entscheidenden Einfluss auf die damalige Theologie und Politik hatte).

Standardsatz christlich-abendländischer Theologen im 16. - 17. Jh. war sinngemäß: Damit sind die Bergwerke bei diesen Barbaren eine gute Sache. Denn Gott hat sie gegeben, damit sie ihnen zu ihrer Rettung Glauben und Christenheit brächten. „Das Gold wird so zum Vermittler der Anwesenheit Gottes, es nimmt die Stelle von Jesus ein. Letztlich steht das Gold, wo sonst Christus steht: als Mittler der Liebe des Vaters. Denn aufgrund des Goldes könnten die Indianer den Glauben empfangen, während sie ohne ihn verdammt würden.“ (Gustavo Gutiérrez).Diese „Kosmovision des christlichen Abendlandes“ hat auch noch heute seine Gültigkeit. Gemäß dieser Logik dürfen sich die Menschen des Irak darüber freuen, dass ihnen Gott Erdöl geschenkt hat. Deswegen kommen nun die christlichen US-Amerikaner und bringen ihnen Freiheit und Demokratie.

Ohne die Anwesenheit und die Religion der Europäer - heute: die Goldminen mit ausländischen Kapital und Knowhow - würden die Barbaren (Indios; Afrikaner) wieder ihrem Götzendienst verfallen, nämlich aus der Sicht des Totalen Marktes: Rückkehr zur Subsistenzwirtschaft, staatliche Programme zur Sicherung der Grundbedürfnisse, Vorrang der Grundnahrungsmittel und Ernährungssicherheit, kostenlose medizinische Grundversorgung, etc. Oder wie ein hoher Beamter des Auswärtigen Amtes bei seinem Besuch in Lima sinngemäß sagte: „Peru geht es heute so schlecht, weil es noch zu viele Indios gibt. Statt sich in den Weltmarkt zu integrieren, wollen sie weiterhin ihre Kartoffeln und ihren Mais anbauen und diesen auch noch selbst aufessen!“

Diese Alternative, Gott oder das Gold, hat bis heute seine Gültigkeit. Nach dem „Evangelium der Herren dieser Welt“ verdanken es die armen Länder nur dem Gold (stellvertretend für alle Rohstoffe und „Kolonialwaren“), dass dort heute die moderne Zivilisation Einzug halten kann. Ausländisches Kapital wird zum Segen für die Menschen in den armen Ländern. Es bringt Wohlstand und Fortschritt.

Auf der Suche nach Gold sind die Europäer bis in die letzten Winkel der Erde vorgestoßen und haben dabei ganze Völker in den Abgrund gestoßen. Es war die Suche nach den sagenhaften Goldvorkommen, weshalb spanische Söldner schließlich auch nach Peru kamen und das mächtige Reich der Inkas im Handstreich zerstörten. Es war das Gold, das die Europäer nach Amerika trieb. Gold steht als Sammelbegriff für alle Reichtümer, als Inbegriff aller Schätze dieser Welt. 

Am Beispiel der Diözese Cajamarca lässt sich exemplarisch zeigen, was der Glaube an Gott oder das Gold konkret bedeutet bzw. wie sich dies konkret auf die Menschen auswirkt. In Cajamarca traf das Abendland erstmals auf die andine Kultur, was die Auslöschung dieser Kultur zur Folge hatte. In Cajamarca gibt es heute (seit 1993) die profitabelsten Goldminen der Welt. Die Folgen für Mensch und Umwelt sind verheerend. Die Diözese Cajamarca war die Diözese, in der weltweit beispielhaft der Geist des Konzils und einer Kirche der Armen in die Praxis umgesetzt wurde. Cajamarca ist daher ein geschichtlich einzigartiger Ort, an diesem Ort verdichtet sich die globale Geschichte der Eroberung und Zerstörung. Über Jahrhunderte diente Cajamarca, wie andere Orte in der „Dritten Welt“, als Quelle des Reichtums für die Europäer (und danach auch der USA).

Mit der Entdeckung und der Erschließung großer Goldvorkommen bei Cajamarca schließt sich der Kreis. So kann der Verband der Minenbetreiber in Peru frohlocken, der auf seinen Webseiten die Frohe Botschaft verkündet: „Während er mit seinem Schwert in den Sand eine Linie markierte, sagte Pizarro zu seiner Truppe:  `Von hier aus nach Norden geht es nach Panama und damit in die Armut und hier geht es nach Peru, wo man reich werden wird`. Denn er kannte die unerschöpflichen Goldvorräte, über die unsere Heimat verfügte. Die ausländischen Investitionen haben es erlaubt, dass sich in Peru auch in unserer Zeit unermessliche Möglichkeiten ergeben. Das private Kapital hat hier ein vertrauenswürdiges Umfeld gefunden, das es ermöglichte, Peru an die erste Stelle der Goldproduktion in Lateinamerika zu bringen“. Das vertrauenswürdige Umfeld bedeutet: garantierte Steuerfreiheit, Staat schafft die Infrastruktur und hilft bei der Vertreibung der Landbevölkerung, Verzicht auf Umwelt- und Sozialstandards, etc., etc. Die Konzessionen für die Mine Yanacocha besitzt mehrheitlich die „Newmont Mining Company“ (USA, mit Anteilen auch der Weltbank). Die absolute Armut ist in Cajamarca von 1993 bis 2013 von 46% auf 54% angestiegen, mehr als sonst in Peru.  

An dieser Stelle kann nicht auf die  Auswirkungen vor allem für die Campesinos eingegangen werden. Über den Besuch von einem der führenden Umweltwissenschaftler Perus in der Diözese Speyer steht im Diözesanblatt von Speyer: „Als hoch problematisch bewertet der Wissenschaftler das Freihandelsabkommen zwischen den USA und mehreren lateinamerikanischen Ländern wie Peru. Dieses Abkommen mache einen erfolgreichen Kampf gegen die nordamerikanischen Bergbaukonzerne fast unmöglich. Die Bauern aus der Region von Cajamarca sind wegen der umweltzerstörerischen Pläne trotzdem auf die Barrikaden gegangen. Sie mussten einen hohen Preis bezahlen - es gab Tote, Verhaftungen, Aktivisten der Umwelt- und Menschenrechtsbewegung wurden unter Druck gesetzt.“ (Der Pilger, vom 27. Mai 2014). An gleicher Stelle: „Weihbischof Otto Georgens betonte bei dem Pressegespräch den Auftrag der Kirche. `Wenn Lebensgrundlagen der Menschen zerstört werden, kann die Kirche nicht schweigen, dann ist – im Fall der Goldminen von Cajamarca - ihr Platz an der Seite der Bauern, deren Existenz bedroht ist`.“

Welche Option die Kirche hat, ist keine akademische Frage. Die Praxis derer, die sich Christen nennen, offenbart, an wen sie glauben. Und umgekehrt: Ein bestimmter Glaube führt zu einer entsprechenden Praxis. Das folgende Beispiel zeigt exemplarisch, um was es geht. Denn nach einem Bischof auf der Seite der Campesinos (von 1962 - 1992) folgte ein Bischof, der in Theorie und Praxis das Rad zurückdrehte, hin zu einer vorkonziliaren Kirche auf der Seite der Mächtigen.  

…. Als nun auch noch der letzte Wasserkanal ausgetrocknet war und alle Proteste gegen willkürliche Landvertreibungen, polizeiliche Gewalt usw. ohne Folgen blieben, entschlossen sich die Campesinos, die Zugänge der Mine zu blockieren. Sie wollten unbedingt einem Vertreter der Minengesellschaft ihre Lage vortragen. Der Bischof von Cajamarca seinerseits verurteilt alle Proteste der Betroffenen als Aufstand gegen die von Gott eingesetzten Autoritäten, als Abfall vom Glauben. Gleichzeitig ist er aufs Engste mit den Betreibern der Mine und in gleicher Weise mit den politisch Mächtigen verbunden.

Also bat die Minengesellschaft den Bischof, mäßigend auf die Campesinos einzuwirken und sie dann nach Hause zu schicken. Nach längeren Verhandlungen ließen diese sich auf das Angebot des Bischofs ein. Dieser hatte angeboten, dafür zu sorgen, dass Vertreter der Minengesellschaft bereit seien, mit einer Delegation der Campesinos zu sprechen. Das Treffen sollte im Bischofspalast in Cajamarca stattfinden, mit ihm als Vermittler.

Als am nächsten Morgen wie verabredet eine Delegation von 10 gewählten Vertretern der Campesinos im Bischofshaus ankam, warteten dort der Staatsanwalt und Polizisten, die die Campesinos sofort verhafteten und abführten. Sie wurden verprügelt, einige wurden schwerverletzt. Monate später wurden sie zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt. Noch am selben Tag zogen einige zehntausend Campesinos in die Stadt Cajamarca und hielten die Plaza de Armas über 6 Tage lang besetzt (3.- 9. März 2001). Einige Frauen, darunter engagierte Mütter aus San Pedro, der Partnergemeinde von St. Georg, Ulm, ketteten sich an die vergitterten Tore und Fenster des Bischofspalastes. Über dem Eingang wurde ein riesiges Poster angebracht mit dem Spruch:  

„Herr Bischof, verehre den wahren Gott - nicht das Gold von Yanacocha!“  

Auch die Kirche in Deutschland darf sich der Aufforderung der Campesinos stellen, den wahren Gott zu verehren oder eher ihre Kraft darauf zu verwenden, ihre Privilegien und Strukturen zu verteidigen. Auch sie steht wie der Bischof und wie jeder Christ vor der entscheidenden Frage, wem sie letztlich mehr vertraut - dem biblischen Gott des Lebens oder Mammon, dem Gott, der zum Tode führt.

Willi Knecht 

Veröffentlicht in Der geteilte Mantel", 2015, das Magazin der weltkirchlichen Arbeit der Diözese Rottenburg-Stuttart.

Info:„Gott und Gold – Wie viel ist genug“. Unter diesem Thema steht das Hungertuch für die Misereor- Fastenaktion 2015 und 2016 (siehe den gleichlautenden Artikel in diesem Heft). „Die Beschäftigung mit dem Hungertuch kann uns befähigen, der Vergötzung des Marktes zu widerstehen und unsere eigenen unguten Abhängigkeiten zu durchschauen.“  (Aus den Materialien zur Misereor-Fastenaktion)

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