Entstehungsgeschichte einer Kirche der Armen

Auf dem Weg zu einer „Kirche Jesu Christi“ – eine Kirche der Befreiung

In dem Artikel geht es um die Entstehung einer befreienden Praxis - ausgehend von den Erfahrungen der Campesinos und angestoßen von dem Aufbruch infolge des Konzils. Auf die aktuelle theologische Diskussion bezogen geht es um eine den Armen gerecht werdende Interpretation des Konzils. Die peruanische Kirche, hier vor allem die Diözese Cajamarca, steht hier exemplarisch (nicht exklusiv) für den Aufbruch der Kirche in Lateinamerika infolge des Konzils. So gilt Peru als ein Ursprungsland der Theologie der Befreiung (Gustavo Gutiérrez, u.a.). Und hier war es besonders die Diözese Cajamarca, die in der Praxis (!) bereits seit 1963 das realisierte, was danach dann als Theologie bei uns bekannt wurde. Gustavo Gutiérrez hätte nach eigenen Aussagen seine „Theologie der Befreiung“ - zumindest so - nicht schreiben können, ohne die Erfahrungen aus Cajamarca, das er bereits in den 60-er Jahren und danach häufig besuchte. (Veröffentlicht in gekürzter Fassung in "imprimatur", 4/2017.) Siehe in 3/2017 Teil 1 : Glaube und Kultur der Menschen in den Anden. Darin wird geschildert, welche verheerenden Folgen die Eroberung (Missionierung?) für die indigenen Völker Amerikas hatte und hat, exemplarisch aufgezeigt an der andinen Kultur. Der 1. Teil endete mit: "Aber ausgerechnet in den Anden, exemplarisch u.a. in der Diözese Cajamarca, Peru, entstand seit 1962 eine „neue Kirche“, ausgehend von der befreienden Botschaft, dass Jesus der Christus inmitten der Indios „zur Welt kam“ und sich mit ihnen auf den Weg macht - hin zu einem Leben in Fülle, in Gemeinschaft mit Gott und der Menschen untereinander und in dem die Güter von Mutter Erde allen zugutekommen. Wie konnte dies geschehen?"

 


Vor allem durch seinen Bischof José Dammert Bellido (1962 - 1992) wurde Cajamarca zum Vorbild in Peru und auch darüber hinaus bekannt. Dammert war Präsident der „Kommission für Laien“ im CELAM und als solcher maßgebend an den Beschlüssen von Medellín beteiligt. Er war „Ziehvater“ und bester, väterlicher Freund von G. Gutiérrez und hat mit ihm in Medellín (1968) das wegweisende Kapitel 14 „Armut der Kirche“  durchgesetzt. Er war Mitbegründer und bis 1992 Motor und Koordinator der weltweit über 600 „Kleinen Bischöfe“, die sich im Geiste von Charles de Foucauld zum Abschluss des Konzils der Armut verpflichtet haben Katakombenpakt). In der Diözese Cajamarca gab es seit 1969 die weltweit ersten indigenen Katecheten/Innen mit weit reichenden Vollmachten (u.a. als Täufer, Gemeindeleiter). In Bambamarca, dem „Pilotprojekt“ der Diözese, entstand auch „Vamos Caminando“, das Glaubensbuch der Campesinos, über das bereits 1979 der damalige Erzbischof von München eine heftige und viel sagende Auseinandersetzung mit der Diözese Cajamarca anzettelte, die auch in Deutschland sehr engagiert kommentiert wurde. Diese Diözese wird heute von lateinamerikanischen Kirchenhistorikern und Theologen als die Diözese bezeichnet, in der der „Geist des Konzils“ am konsequentesten und erfolgreichsten in die Praxis umgesetzt wurde, nämlich als ein Mehr an der „Fülle des Lebens“ für die Ärmsten und bis dahin Ausgeschlossenen.

I. Teil: Analyse der Situation (Ausgangslage)

In Erinnerung und anknüpfend an den Artikel „Der Glaube und die Kultur der Menschen in den Anden“ (imprimatur 3/2017) folgende Zusammenfassung: „Das Unsrige zu vergessen und das Neue, das von den Weißen gebracht worden war, nachzuahmen um so dem Tod zu entrinnen, war über viele lange und schmerzreiche Jahre das Überlebensprojekt unserer Vorfahren. Von daher entstanden jene Arten und Weisen den Glauben zu leben, die wir heute ‚verborgene Riten’ nennen. Die stärkste Indoktrination war die ‚Ausrottung des Götzendienstes’, die ‚Reinigung unserer Kulturen’ und das Implantieren neuer Riten und Zeremonien, die niemals im Stande waren, die religiösen Bedürfnisse und Ansprüche unseres Volkes zu befriedigen. Dazu kamen das zwangsweise Überstülpen europäischer Kriterien der Aufteilung und Zersplitterung unserer Comunidades. Das Evangelium erreichte nicht unsere Leute, es sei denn durch ein brutales ‚Weißwaschen’ unserer Kultur, unserer Kosmovision und durch Verdunkelung unseres Andersseins. Dies bedeutete eine doppelte und ambivalente Verarmung. Einerseits wurde dadurch die christliche Botschaft selbst verstümmelt, andererseits konnte man nicht wahrnehmen, welche Reichtümer unsere Kultur anzubieten hatte. Und so entstand ein Vorurteil von der ‚Unfähigkeit der Indios in Sachen Gott und Religion’, das sich bis heute hartnäckig hält. In Wirklichkeit handelt es sich um die praktische Unfähigkeit eines großen Sektors der Kirche, ‚andersartigen’ und von den Europäern verschiedenen Menschen auch nur mit einem Minimum an Reife zu begegnen. Wir haben das Recht, anders als der Weiße zu sein und wir wissen, dass wir eine Bereicherung für die Kirche sind, wenn wir so akzeptiert werden, wie wir sind“. (Stellungnahme der Diözese Cajamarca vom März 1980, an der ich mitarbeitete).

Soziale Ausgangslage

„Unsere Familien leiden Hunger; unsere Kinder haben bei ihrer Geburt 1 Kilo weniger als das durchschnittliche Gewicht, weil die Mütter nicht ausreichend ernährt sind. Falls unsere Kinder in die Schule gehen können, schlafen sie nach einer Stunde ein oder weinen, weil sie morgens nicht gegessen haben. Die Krankheiten nehmen zu, die Tuberkulose breitet sich aus, das Wasser ist verseucht. Da die Preise für die Lebensmittel immer weiter steigen, können wir immer weniger dazukaufen. Für den Kauf von Le­bensmitteln müssen wir unsere Tiere verkaufen, doch danach haben wir noch weniger zu es­sen, erst recht reicht es nicht für Medikamente. Die Kinder leiden am meisten. Es gibt genügend Familien, in denen 3 oder 4 Kinder ge­storben sind. Es sterben immer mehr Kinder, 350 Kinder von 1.000 sterben, bevor sie 10 Jahre alt werden. Vielfach können unsere Kinder nicht die Schule besuchen, denn sie müssen zu Hause helfen. Andere Kinder müssen zum Betteln in die Stadt gehen, um etwas zum Essen zu haben, oder sie übernehmen harte Arbeiten und bekommen für zehn Stunden Arbeit am Tag einen Hungerlohn. Viele Mädchen arbeiten als Hausgehilfinnen in der Stadt und bekom­men dafür nur ein Essen und ein Lager für die Nacht und werden von ihren Herren misshan­delt. Unsere Lehmhütten haben kein Wasser und Licht. Sie sind sehr eng und bestehen meist aus einem Raum. Wir haben wenig Land, meist an steinigen Abhängen. Es gibt viele Familien, die gar kein Land haben, sie müssen als Tagelöhner arbeiten. Es gibt keine Arbeitsplätze. Viele müssen an die Küste oder in die Städte auswandern. Sie verlassen ihr Zuhause, vergessen ihre Art zu leben und in den Elendsvierteln geht es ihnen elender als zuvor“.[1]

Pastorale und  kirchliche Ausgangsposition

Als Bischof Dammert 1962 nach Cajamarca kam, fand er eine Situation in seiner Diözese vor, die all das, was er vorhatte, als aussichtslos erscheinen ließ. Wie er einmal auf einer Pastoralkonferenz in Cajamarca im März 1978 sagte, wäre es einerseits für einen Neubeginn leichter gewesen, wenn die Bevölkerung noch nie etwas vom christlichen Glauben gehört hätte, denn dann könnte man mit der Evangelisierung direkt anfangen und müsste nicht zuerst so viele Steine einer falschen Christianisierung aus dem Weg räumen. Andererseits konnte man aber doch an gewisse vorspanische Traditionen und Werte anknüpfen, nur galt es, diese im Lichte des Evangeliums neu zu deuten und zu integrieren. Für Dammert und die Mehrzahl peruanischer Theologen geht es nicht nur darum, die jeweilige Realität zu analysieren und zu beschreiben. Jede Beschäftigung mit einer Realität, die ja gewissermaßen schon „a priori“ (aufgrund des eigenen Glaubens) als eine den Menschen unwürdige Situation erfahren und definiert wird, impliziert den Willen, diese Realität zu verändern. Dies wiederum beinhaltet zugleich mit der Analyse auch einen Plan, wie dieser Realität begegnet werden kann, um sie menschenwürdiger, d.h. dem Evangelium gemäßer gestalten zu können.

Eine Analyse der Situation ergab für den Bischof folgendes Ergebnis (kirchenintern):

  • Eine eigentliche Evangelisierung fand nicht statt. Es herrscht eine religiöse Ignoranz in der christlichen Lehre, sowohl auf dem Lande als auch in der Stadt.
  • Die von Europa übergestülpten kirchlichen Strukturen, einschließlich der Ausbildung der Priester, sind für eine echte Evangelisierung wenig hilfreich, wenn nicht gar hinderlich.
  • Als Folge der mangelnden Evangelisierung gibt es keine pastoralen Mitarbeiter, die für die Evangelisierung der riesigen Gebiete entsprechend ausgebildet waren. Die bestehenden kirchlichen Strukturen und eine dem Evangelium wenig gemäße Praxis sind eine Folge der mangelnden Evangelisierung.

Mangelnde Evangelisierung - religiöse Ignoranz

Bischof Dammert weist auf eine Ursache der mangelnden Evangelisierung hin, die in der Literatur der Evangelisierung Lateinamerikas seiner Meinung nach nicht hinreichend beachtet wird. Man geht üblicherweise eher von dem aus, was offiziell in Glaubensdokumenten und Glaubensbüchern gelehrt wurde und setzt sich damit aus heutiger Sicht kritisch auseinander - auf geisteswissenschaftlich, theoretischer Ebene. Dabei wäre es aber viel naheliegender sich zuerst damit zu befassen, wie die Verkündigung der Frohen Botschaft bei den Adressaten ankam. Denn diese konnten nicht glauben, was sie hörten, weil sie im Alltag meist etwas anderes erlebten bzw. erleiden mussten. Es ist nicht das Wort, sondern das konkrete Verhalten, das die Menschen überzeugt oder auch nicht. Dies gilt umso mehr innerhalb einer indianischen Sicht der Welt, in der alle Erscheinungsweisen, menschliche Worte und Handlungen, stets auf einen gemeinsamen Ursprung und ein gemeinsames Ziel hinweisen und es höchste Aufgabe des Menschen ist, alle diese Erscheinungsweisen in ihrer Harmonie zu erkennen und darauf zu achten, dass diese Harmonie nicht zerstört wird. Die Indios konnten nie verstehen, wie die Europäer einerseits von einem Gott sprechen konnten, der alle Menschen liebt, sie andererseits aber täglich erleben mussten, wie dieselben Europäer ihnen - im Namen dieses Gottes - das Leben zur Hölle werden ließen. 

Kennzeichen der religiösen Ignoranz ist für Dammert die strikte Trennung zwischen Glaube und Leben, zwischen „himmlischem und irdischem Heil“ und dem sich daraus ergebenden Nichterkennen der sozialen Verpflichtungen gegenüber dem Nächsten. Grund der religiösen Ignoranz ist das Nichtkennen der Bibel. Die Menschen wurden zwar getauft, aber nicht auf die Taufe vorbereitet, geschweige auf die anderen Sakramente wie zum Beispiel die Eucharistie. Die Bibel war nicht die Grundlage der Verkündigung. Grundlagen waren vielmehr die Übernahme von Riten, Gebeten und des ungeschriebenen Grundgesetzes der damaligen Zeit, nach dem das irdische Leben als Vorbereitung für das eigentliche Leben im Himmel dient und der richtige Glaube die Voraussetzung zur Rettung der Seele ist. Da die Bibel nicht im Mittelpunkt stand, stand auch nicht Jesus der Christus im Mittelpunkt. Diese mangelnde Verkündigung, sei es die Botschaft Jesu von der Umkehr und der beginnenden Herrschaft Gottes, sei es die Erfahrung der ersten Christen mit Jesus dem gekreuzigten und auferstandenen Christus, war für Dammert letztlich die Ursache der religiösen Ignoranz. „Hauptursache der religiösen Ignoranz war das Fehlen einer christozentrierten Verkündigung“.[2]

Die Schwäche der kirchlichen Strukturen

„Die aktuellen kirchlichen Strukturen, wie sie uns übergestülpt worden sind, verhindern eine Evangelisierung. Die Pfarreien in ihrer jetzigen Form sind nicht geeignet zu evangelisieren. Eine Erneuerung der Strukturen ist schwierig, denn die Pfarrer sind in eben dieser Struktur und für diese Struktur vorbereitet und es fehlt ihnen eine Vision, um dies zu ändern".[3]Für Dammert war die Struktur der Pfarreien vor allem deshalb so skandalös, weil sie es verhinderte, dass sich eucharistische Gemeinschaften bilden konnten. In einer Pfarrei mit dieser Ausdehnung und mit 100.000 getauften Menschen wäre dies selbst bei bestem Willen seitens des Pfarrers nicht möglich gewesen. Ohne diese eucharistischen Gemeinschaften aber kann es keine Kirche geben.

Mangel an pastoralen Mitarbeitern

Die mangelnde Evangelisierung, die damit verbundene religiöse Ignoranz sowie künstliche kirchliche Strukturen und eine Konzentration auf den Klerus mussten dazu führen, dass es nur wenige engagierte christliche Laien gab. Die Priester blieben überwiegend in den städtischen Zentren und widmeten sich dem Kult und den Riten. Sie waren ausgefüllt mit ihrer Rolle als „Servicestation“, vorrangig für die Bedürfnisse des wohlhabenden Teils der Bevölkerung. Die Pfarrer sahen aufgrund ihrer kirchlichen und gesellschaftlichen Sozialisierung gar keine Notwendigkeit, in den Getauften ein missionarisches Bewusstsein zu erwecken. Wie sie später als Reaktion auf die Reformen von Dammert zu verstehen gaben, sahen sie die Ausbildung von Laien als kontraproduktiv an, weil sie dadurch ihre Existenzberechtigung als Priester im Sinne einer Exklusivität in Frage gestellt sahen. Dammert: „Es steht fest, dass wir wenige Laien haben, die aufgrund ihrer Ausbildung pastorale Führungsaufgaben übernehmen könnten. Die Gründe dafür in der Betrachtung der Religion nur unter dem Aspekt der individuellen Frömmigkeit; weil die Priester sich nicht darum gekümmert oder es nicht gelernt haben, fähige Führungspersönlichkeiten für die apostolische Ausbildung zu entdecken; dazu kommt noch die riesige Ausdehnung der Pfarreien und das Fehlen von Ausbildungszentren in der Diözese“.[4]Wenn es dennoch vereinzelt zur Ausbildung von Laien kam, so bestand diese darin, Hilfspersonal für den Priester und geeignetes Personal für die Durchführung von Festen und Prozessionen zu finden. Diese Ausbildung war auf den reibungslosen Ablauf des Kultes und des Status quo ausgerichtet.

Diese erlebte und erlittene Wirklichkeit ist der Ausgangspunkt für die sozialpastorale Arbeit, wie sie mit der Ankunft von Bischof Dammert im Jahr 1962 in Cajamarca begann. Er kam zwar auch aus der Ferne, doch begab er sich mitten hinein in die Wirklichkeit, die für die meisten Menschen in Cajamarca eine leidvolle war. Die Annäherung gelang und diese Grundhaltung ermöglichte ihm, die Armen als Opfer zu sehen, die „unter die Räuber gefallen sind“. Das Sehen allein reicht aber nicht aus. Im Gleichnis vom Barmherzi­gen Samariter sahen auch der Levit und der Priester den Menschen im Straßengraben. Doch entsprechend ihrer Option bzw. Theologie hatten sie andere Prioritäten gesetzt. Der Tempel war wichtiger, weil sie dort Gott zu begegnen glaubten. So konnten sie den unter die Räuber Gefallenen zwar sehen, konnten sich aber nicht mit ihm solidarisieren, weil sie Wichtigeres zu tun hatten. Der Samariter aber hat ein „Herz“ und er lässt „sich bewegen“. Er lässt alles liegen und stehen und geht auf den Menschen im Straßengraben zu, weil er in ihm nicht nur das Op­fer, sondern auch den Menschen entdeckt, in dem er Gott begegnet. Für den Samariter be­deutet „sehen“, die Situation des unter die Räuber Gefallenen zu erkennen und sich davon be­rühren zu lassen. Dies bedeutet für ihn, sich in seine Lage hinein zu versetzen. Er teilt mit ihm das Leid und dadurch können die Wunden geheilt werden. Die unter die Räuber gefallenen Menschen sind der wahre Tempel Gottes. Ihnen ein „Barmherziger Samariter“ zu sein und ihnen zu ihrem Recht und Würde zu verhelfen, ist wahrer Gottesdienst.

 

II. Teil: Von einem Gott der Weißen zu einem Gott mit uns

Im Januar 1963 fand in Cajamarca eine von dem Soziologen und Kanonikus Abbé Boulard (Frankreich) geleitete erste Pastoralwoche statt. Als Weibischof von Lima hatte Dammert Abbé Boulard bereits während der Sozialwochen in Lima (1959) und Arequipa (1961) kennen gelernt und ihn dann wieder auf dem Konzil getroffen. Abbé Boulard war als einziger „einfacher“ Priester zum Konzil als Berater berufen worden. Boulard und Dammert waren sich einig, dass die Kirche nur dann vor den Herausforderungen der Zeit bestehen kann, wenn sie sich zuerst selbst als Kirche erneuert. Diese Erneuerung betrifft sowohl das äußere Gewand der Kirche wie Strukturen, Organisationsformen und Kirchenrecht, als auch die Art der Evangelisierung, das Entdecken der eigentlichen Botschaft Jesu und deren Relevanz für die Situation, in der die heutigen Menschen leben. Erst muss sich die Kirche selbst erneuern, um nach außen, in die Gesellschaft hinein, ihrer Aufgabe gerecht werden zu können. Die Erneuerung der Kirche ist möglich, wenn sie die Anforderungen von außen wahrnimmt und sie als konstruktive Herausforderung begreift. Kommt es erst einmal zu einem Dialog zwischen außen und innen, dann verändert sich auch die Kirche. Die Kirche kann nur Veränderungen anstoßen, wenn sie sich selbst verändert - oder mit den Worten von Johannes XXIII., indem sie die Fenster öffnet und frischen Wind einlässt.

Nach übereinstimmenden Aussagen der Befragten, die an dieser ersten Pastoralwoche teilnahmen, bildeten die dort gewonnenen Erkenntnisse und gefassten Beschlüsse die Grundlage für die folgende dreißigjährige Amtszeit Dammerts. Der Pastoralkurs fand vom 22.- 25. Januar 1963 in Cajamarca statt. Eingeladen waren alle Priester, Ordensleute und Seminaristen der Diözese Cajamarca, sowie ausgesuchte Laien aus der Stadt, die Interesse an einer Mitarbeit gezeigt hatten. Abbé Boulard als Leiter, Bischof Dammert und Alois Eichenlaub hatten eine Woche zuvor an der nationalen Pastoralwoche, zusammen mit Kardinal Landázuri und 200 weiteren Priestern in Lima, teilgenommen (Delegierte aus allen Diözesen, etwa 10% der Priester in Peru). Das Thema in Lima lautete: „Erneuerung der Pastoralarbeit im Hinblick auf die Heranbildung von verantwortlichen Laien“. Das Thema und die Inhalte dieses Kurses trafen nach der Auffassung Bischof Dammerts exakt die Notwendigkeiten für seine eigene Diözese und sie zeigen den Hintergrund auf für das, was dann in Cajamarca geschah.

Es war eher ein Zufall, dass die Pfarrei Bambamarca zum Zentrum der nun beginnenden Erneuerung wurde. Denn 1962 war der bisherige Pfarrer von Bambamarca, Daniel Zárate, verstorben. Er stammte aus der mächtigsten Familie der Region, die u.a. Besitzer der größten Hazienda in der Region war. Gleichzeitig fanden sich drei Priester der Diözese bereit, mit Dammert zusammen einen Neuanfang in Bambamarca zu wagen. Zur Pfarrei gehörten damals etwa 100.000 Campesinos „hinter den Bergen“ und 5.000 Mestizen, die in der Provinzstadt Bambamarca wohnten. Bemerkenswert ist, dass die drei Priester sofort nach ihrer Ankunft in Bambamarca zuerst aufs Land gegangen waren, um sich dort nach Menschen umzusehen, die eventuell Interesse und Fähigkeiten besaßen, mit den Priestern zusammen zu arbeiten. Nach den ersten 10 Tagen hatten sie bereits 17 Comunidades besucht und waren auf viel Interesse gestoßen. Danach wurde jeweils nach der Sonntagsmesse um 11 Uhr ein Bibelkurs abgehalten. In diesen Treffen wurden dann die ersten Kurse geplant. Bald nahmen immer mehr Campesinos an den Kursen teil.

Die drei Priester hatten vor allem deswegen einen so schnellen Erfolg, weil die Campesinos spürten, dass sie mit Respekt behandelt wurden. Sie stellten fest, dass sie die Priester gleichberechtigt behandelten und sie ihnen zuhörten. Sie spürten, dass die Priester ihre Realität als ungerecht wahrnahmen und dass sie bereit waren, diese Realität mit ihnen konkret zu teilen. Dies war für die Campesinos so neu, dass sie bis heute noch davon erzählen und als entscheidenden Grund für die Akzeptanz der neuen Lehre nennen. Ein Ausdruck, der häufig in den Berichten der Campesinos genannt wird und schwer zu übersetzen ist, heißt: „se confundían con ellos“. Das bedeutet, dass sie sich derart unter die Leute mischten, sich mit ihnen an denselben Tisch setzten und das gleiche Brot aßen, dass sie nicht mehr von diesen Leuten zu unterscheiden waren. „Wir haben einen großen Enthusiasmus angetroffen, der uns selbst schnell ansteckte. Die Priester wollten unsere Realität kennen lernen, sie haben uns in den Comunidades besucht und haben dort Gruppen organisiert. Sie haben mit uns ihr Leben geteilt. Sie haben uns gelehrt, uns als Campesinos etwas zuzutrauen“.[5]

Während die Priester den Anstoß gaben, waren es dann vor allem die Katecheten, die den Neubeginn in Bambamarca ermöglichten. In der „Geschichte der Pfarrei San Carlos de Bambamarca“ legen 19 Katecheten ein ausführliches Zeugnis ihrer bisherigen Tätigkeit ab. Diese Zeugnisse ähneln sich stark, sie legen besonderen Wert auf den Anfang, den Grund und das Ziel ihrer Tätigkeit und nennen die Veränderungen in ihrem Leben „Bekehrung“ bzw. „in die Kirche eintreten“. Auch die persönliche Begegnung mit Bischof Dammert war für einige Katecheten von entscheidender Bedeutung. Im Jahre 1964 besuchte Bischof Dammert erstmals Bambamarca. Einige angehende Katecheten, darunter auch Neptalí Vásquez, hatten den Bischof zuvor auf Diözesankursen in Cajamarca kennen gelernt. Nun lag es an ihnen, den Bischof zu empfangen und ihn in ihre Comunidades zu führen. Noch nie hatte ein Bischof den Weg zu ihnen gefunden. Reihenweise warfen sich die Frauen vor ihm nieder, um ihm die Füße zu küssen. Doch er sagte nur: „Nein, nein, ich bin ein Mensch wie jeder von euch auch, ich möchte nicht, dass ihr meine Füße anbetet. Was ich will ist, dass ich mit euch reden und eure Sorgen kennen lernen möchte“.[6]Seine Botschaft war ganz einfach: dass die Ehemänner ihre Frauen gut behandeln und für ihre Kinder Verantwortung übernehmen sollten, dass schließlich alle in gleicher Weise Menschen seien und an den gleichen Gott glauben würden.

a) Die Bibel als Fundament

Mit der Entdeckung der Bibel als eine „Frohe Botschaft“, die den Beginn einer neuen Zeit verkündet, rückt sowohl das Leben und die Botschaft des Jesus von Nazareth in den Mittelpunkt, als auch dessen Verkündigung als Christus durch seine Jünger gemäß dem Zeugnis und der Praxis der ersten Christen. Jesus von Nazareth und der auferstandene Christus sind für die Campesinos eine untrennbare Einheit, die nicht zur Disposition steht. Die Geburt Jesu „draußen vor den Toren der Stadt“, unter den Indios, und die weiteren Umstände der Geburtsgeschichten werden für die Campesinos zur aktuellen Botschaft: Jesus ist mitten unter uns geboren, in unser Elend und unsere Ausweglosigkeit hinein. Doch dieser Jesus ist für sie nicht irgendwer, er ist „Gott unter den Menschen“. Dies ist die eigentliche Entdeckung: dass Gott so ist, wie ihn Jesus durch seine Botschaft und sein Zeugnis gelebt hat. „Mit der Ankunft der neuen Pastoral hat die Situation der Ausgrenzung eine neue Sinndeutung erhalten: Jesus, Gott selbst, kam auch auf den Feldern von Bambamarca zur Welt. Er wuchs mit den Windeln aus Wolle auf, so wie sie unsere Kinder tragen; er rannte über die schlammigen Wege; er schwitzte, als er in den Mais- und Kartoffelfeldern arbeite; er ging in die Stadt hinunter, um die Leute zu trösten, die im Tausch ihrer Produkte immer betrogen wurden. Der Campesino Jesus sang und tanzte auch in froher Runde auf den Festen und Geburtstagsfeiern mit seinem Volk. Und er wurde traurig, als er von den Problemen hörte, die die Arbeit mit sich brachte. Aber vor allem teilte er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Campesinos von Bambamarca. Jesus hat sich so sehr mit seinen Leuten identifiziert, ist eins und Fleisch geworden mit ihnen, dass die Polizisten, als sie ihn gefangen nehmen wollten, ihn nicht von seinen Freunden unterscheiden konnten. Daher musste ihnen der Verräter ein Zeichen geben. Dieses Gefühl der Identifizierung hat alle, die an der Ausbildung der neuen Pastoral teilnahmen, überwältigt“.[7]In diesem Bekenntnis ist das, was in der Theologie mit Inkarnation bezeichnet wird, auf eine authentische Weise ausgedrückt. Es ist die Menschwerdung Gottes inmitten der „Indios dieser Welt“ (der „Hirten von Bethlehem“), inmitten der misshandelten Kreatur und Schöpfung, die zusammen mit der sich daraus ergebenden Auferstehung das wesentlich und unterscheidend Christliche ausmacht - im Unterschied zu jeder anderen Religion. Dieses Einswerden Jesu mit seinen Leuten ist es, dass „diese Leute“ hat entdecken lassen, dass es Wege aus der Sklaverei gibt, weil der Gott des Lebens ihnen den Weg weist und sie führt.  

"Geburt Jesu", aus "Vamos caminando - Machen wir uns auf den Weg!" Glaube, Gefangenschaft und Befreiung in den peruanischen Anden (Equipo Pastoral de Bambamarca, Zeichnung von Lucy Jochamowitz) - und zur Vorgeschichte und Kontext von Vamos caminando; siehe: El Despertar - Wacht auf!"

Im Zuge der neuen Pastoral konnten nun auch Weihnachten und Ostern gefeiert werden. Weder Weihnachten noch Ostern wurde bis dahin von den Campesinos gefeiert. Die Karwoche und die damit verkündete Botschaft war das allein Wichtige, sinngemäß: „Wegen eurer Sünden, eurem Aberglauben und eurer abgrundtiefen Verderbtheit musste Jesus sterben. Euer Leben muss daher eine einzige Buße sein, euer Elend der verdiente Lohn“.  Die Einführung des Weihnachtsfestes auf dem Land ist ein Ergebnis der neuen Pastoralarbeit. Im Glauben der Campesinos bedeutet dies, dass ihr Schicksal als Indios nicht naturgegeben und nicht von Gott gewollt ist, sondern dass der tödliche Kreislauf von Unterdrückung, Armut und Hoffnungslosigkeit durchbrochen wird. Auferstehung ist für sie eine „logische“ (hier: eine nicht mehr näher zu begründende Erfahrung) Konsequenz der Geburt Jesu als Sohn Gottes. Die Menschwerdung und Gegenwart Gottes sprengt notwendigerweise alle scheinbar unüberwindlichen Fesseln. Historisch gewachsene Gegebenheiten, wie Unterdrückung, Ungerechtigkeit und die Rolle der Religion, werden als solche erkannt und relativiert, d.h. sie werden entmythologisiert und nicht mehr als allmächtig und unveränderlich angesehen. Die Campesinos haben am eigenen Leib erfahren, dass über Jahrhunderte fest zementierte Zwänge überwunden werden können. Wenn der Gott des Lebens mitten unter den Menschen „wohnt“, dann ist auch die Zukunft offen und eine bessere Welt ist möglich. Wie aber Jesus selbst erfahren musste, so erfahren auch die Campesinos, dass sie auf diesem Weg verfolgt, verleumdet und eingesperrt werden. Doch weil der Weg Jesu nicht am Kreuz zu Ende war und er heute mitten unter ihnen lebt und sie begleitet, deswegen wird das Kreuz nicht das letzte Wort sein - sonst wäre Gott ja tot. Sie aber haben erfahren, dass er mitten unter ihnen lebt. Das bedeutet für die Campesinos Auferstehung.

b) Kirche werden – Kirche sein

Für die Campesinos ist Kirche daher lebensnotwendig: Zum einen, um das Wort Gottes überhaupt hören und dann verkünden zu können, zum anderen, weil nur in einer Organisation Gleichgesinnter, die im Glauben eine enge Gemeinschaft bilden, das Wort Gottes auch in die Tat umgesetzt werden kann. Eine solche Gemeinschaft ist dann Kirche, wenn sie das tut, was ihr Glaube an Jesus zu tun befiehlt. Sie hat das Wort Gottes von Menschen gehört, die diese Worte im Auftrag einer schon vorhandenen Institution verkündet haben und in deren Namen zu ihr kamen um mit ihr zu leben. Indem sie nun die Botschaft hört, nimmt sie diese Botschaft nicht nur an, sondern sie wird selbst zu Verkünderin der Botschaft. Es drängt sie, das Wort Gottes mit allen teilen zu wollen. Dieser Wunsch, das Wort Gottes zu teilen, wird zu dem Bedürfnis, nicht nur allen mitzuteilen, was geschehen ist, sondern auch konkret das miteinander zu teilen, was sich als Folge aus der „Guten Nachricht“ ergibt: ein erneuertes Leben in Gemeinschaft. Zu den unverzichtbaren Erfahrungen der Campesinos gehört es, dieses neue Leben in ihrer Familie, in ihrer Comunidad und ihre neue Rolle innerhalb der Gesellschaft nur in Gemeinschaft in Angriff nehmen zu können, oder wie sie es nennen: in Union (hier: Einheit, zusammenhalten) und Organisation (hier: sich zusammenschließen). Diesen Prozess nennen sie „Kirche bilden“ („formar iglesia“ - der im Namen Jesu Zusammengekommenen und Versammelten eine Form geben). Die Art und Weise, wie sie dies dann in eine befreiende Praxis umsetzen, nennen sie „Kirche sein“ oder „Kirche werden“. Der Anstoß hierfür ist zwar von außen gekommen, aber was und wie sie nun dies umsetzen, liegt zuerst in ihrer Verantwortung. Es liegt allein an ihnen, wie Kirche ist, welche Prioritäten sie setzt, welche Aufgabe und Probleme sie hat, wie man miteinander umgeht. Die Organisation der Kirche erwächst aus den inhaltlichen Vorgaben der Botschaft Jesu heraus und wird von diesen her bestimmt - und nicht umgekehrt. Dies ist zugleich die Antwort auf die Frage, wie Kirche sein muss, um die Kirche Jesu zu werden. Die Organisation wächst organisch aus der Mitte des Volkes Gottes heraus und sucht sich notwendigerweise eine ihr entsprechende Form, die so verstanden nur eine demokratische sein kann. Eine dann auf diese Weise entstandene Hierarchie und Leitungsform wird von den Campesinos als selbstverständlich anerkannt, weil diese Form der Organisation von ihnen ausgeht und sich vor dem Volk verantworten muss.

So ist für die Campesinos eine Frage, was sie z.B. von der Kirche halten, eher unverständlich und die Antwort darauf für die von außen kommenden Fragesteller höchst irritierend - aber auch bedenkenswert. So schreiben deutsche Besucher, die in Bambamarca an einem Kurs und den Gruppenarbeiten teilnahmen: „Was uns noch mehr beeindruckt, ist die Haltung der Leute. Sie haben nichts von der unterwürfigen Art, die uns sonst so oft begegnet ist. Besonders deutlich wurde das während einer Gruppenarbeit über die Frage, welche Aufgaben die Kirche übernehmen muss, um zu einer besseren Evangelisierung und größeren Befreiung zu kommen. Die Campesinos redeten davon, was sie selbst als ihre Aufgabe sahen: ‚Wir müssen einig sein, unseren Glauben vertiefen, unserem Engagement treu bleiben...’ Wir warteten dagegen in unseren Gruppen ständig auf Sätze wie: ‚Die Kirche muss... die Kirche sollte ...’ - vergebens. Auch von keiner der anderen Gruppen war so etwas zu hören. Zunächst meinten wir, die Campesinos hätten die Frage nicht richtig verstanden, bis wir endlich merkten: ‚Kirche’ ist für sie nicht eine Institution, ‚Kirche’ sind sie selber! Zugleich verstehen sie sich selbstverständlich als Teil der weltweiten katholischen Kirche. ‚Wir sind Kirche’, darüber reden wir jetzt oft. Sind wir, die Gemeinden in Deutschland, gegenüber diesen einfachen Campesinos nicht etwas unterentwickelt“?[8]

 

III. Teil: Glaubensbekenntnis (Theologie) der Campesinos

Die Kirche von Bambamarca hat nach ihrem eigenen Selbstverständnis keine Theologie entwickelt und sie würde daher ihre inhaltlichen Aussagen nicht „Theologie“ nennen. Ihre Aussagen verstehen sich vielmehr als Glaubensbekenntnisse. Der griechisch-europäische Begriff „Theologie“ trifft nicht das, was die Campesinos meinen. Der Begriff lässt sich nicht in die andine Welt übersetzen, aus zwei Gründen: Der griechisch-europäische Gottesbegriff drückt etwas anderes aus, als das, was die Campesinos unter Gott verstehen, erleben und erfahren; zum anderen ist es in den Anden nicht der Logos, von dem her ein Zugang zur Wirklichkeit, die immer auch eine göttliche Wirklichkeit ist, gewonnen werden kann, sondern es sind das Fest, die Riten und vor allem die gelebte Erfahrung innerhalb der Comunidad. Das „Wort Gottes hören“ bedeutet hier, sich seiner Verpflichtung gegenüber der Comunidad, der Natur, dem Kosmos und sich seiner Stellung (Standort) und Verantwortung innerhalb dieses Netzwerkes bewusst zu werden bzw. sie neu und christlich zu interpretieren: als Berufung von Gott, Vater und Ursprung (Mutter) aller Menschen. Diese ursprünglich andine Sicht steht nicht im Gegensatz zu der neuen Glaubenspraxis in Bambamarca, sondern vertieft diese.

Ausgangspunkt für die Kirche von Bambamarca ist die Erfahrung der Menschwerdung Gottes in einer täglich erlittenen Realität von Ungerechtigkeit und Ausgrenzung. Die grundlegende Entdeckung der Campesinos ist, dass Gott mitten unter ihnen „zur Welt kam“ wurde. Er offenbart sich als ein Gott des Lebens, als dessen Kinder sie sich erfahren. Als Kinder Gottes haben sie eine einzigartige Würde und unantastbare Rechte. Sie haben Hunger nach Gott und nach Brot und dieser Hunger wird nun ansatzweise und zeichenhaft gestillt. Dies ermöglicht ihnen, ihre seit dem Schock der Eroberung unerklärliche Abhängigkeit von den Weißen neu zu deuten: als Bruch der ursprünglichen Harmonie, unter der sie selbst, die gesamte Wirklichkeit und auch alle göttlichen Kräfte leiden. Die Botschaft Jesu ermöglicht ein neues Leben in allen seinen Dimensionen. Dieses neue Leben beginnt jetzt, hier und heute. Der Glaube an Jesus und an seine bleibende Gegenwart inmitten der Armen befähigt sie zu einer befreienden Praxis. Aufgrund ihres Glaubens setzen sie sich für eine gerechtere Gesellschaft ein. Dieser Einsatz kann zu Verfolgung führen, erst recht, wenn sie aufgrund ihres Glaubens die herrschenden Mächte und die herrschende Religion als falsche Götter entlarven. Doch Jesus ist als Christus mit ihnen und deswegen geht ihr Weg weiter. Diese Wegegemeinschaft ist die Kirche Jesu Christi.

Ihr Glaube findet in der gemeinsamen Feier der Tisch- und Mahlgemeinschaft als Zeichen der anbrechenden Herrschaft Gottes seinen Höhepunkt und dichteste Ausdrucksform - andin: eine Wiederherstellung der kosmischen Ordnung, in der alle Elemente des Kosmos in einem ausgewogenen Verhältnis und einer gegenseitigen Beziehung leben und in der niemand Hunger leidet. Diese Feier bezieht ihre zentrale Bedeutung nicht daher, ob ein geweihter Priester die Feier leitet, sondern sie hat deshalb eine zentrale Bedeutung, weil eine Gemeinschaft in der Praxis des Brotteilens die Gegenwart Gottes erfährt und von daher die Kraft empfängt, Leben und Welt zu verändern. In der Feier selbst ist die gesamte Wirklichkeit bzw. das, was sie bezeichnet, auch tatsächlich enthalten und präsent. Die Erfahrungen des Volkes Israels mit seinem Gott, der es aus der Sklaverei befreite, die Erfahrungen der ersten Christen mit dem auferstandenen Christus und viele Zeugnisse engagierter Männer und Frauen, die ihr Leben hingaben, damit andere in Würde leben können, begleiten sie auf ihrem Weg und geben ihnen Halt und Orientierung. Es ist ein Weg, den schon andere vor ihnen gegangen sind und die ihnen nun als Brücke zur Gegenwart den Weg weisen.

Diese Glaubensgemeinschaft ist durch das Hören des Wortes Gottes entstanden und verwirklicht sich in der Nachfolge Jesu, z.B. so mit einander umzugehen, wie es Jesus vorgelebt hat. Angesicht ihrer konkreten Situation ist es zentrale Aufgabe dieser Glaubensgemeinschaft, gegen die herrschende Gewalt und für eine Gesellschaft, in der alle Kinder Gottes ein Leben in Fülle haben werden, zu kämpfen. So überwinden sie die tödliche Spaltung der Menschheit und sind so als Kirche Jesu ein Sakrament des Heils für alle Menschen. Sie sind Zeugen der Auferstehung und stehen in der Tradition der Apostel und der ersten Christen. Sie haben am eigenen Leib erlebt, was es heißt, wenn durch völlige Missachtung grundlegender Prinzipien die göttliche Ordnung gestört ist.

Theologie 

Es ist müßig, z.B. in „Vamos Caminando“ explizite Begründungen für theologische Aussagen oder solche Fragestellungen zu suchen, die vor allem theologisch gebildete Leser bei uns bewegt. Zum Beispiel hat das Brotteilen, die Eucharistie, hat für die Campesinos sowohl eine ganz konkrete Bedeutung - die Campesinos teilen wirklich das, was sie zum Leben brauchen - als auch eine sakramentale, zeichenhafte und ekklesiologische (Gemeinschaft stiftende) Dimension. Und dies alles hat sein Fundament in Jesus Christus, der mitten unter ihnen geboren wurde, mit ihnen lebt und leidet („kämpft und sich hingibt“ - in der Sprache der Campesinos), mit ihnen aufersteht und so zum Brot für alle wird. Die Eucharistie ist für die Campesinos die kondensierte Form einer Praxis, in der das Gleichnis vom Festmahl als Grundlage und Leitvision praktischen Handelns dient. Wenn die Menschen sich an einen Tisch setzen und geschwisterlich Essen und Trinken teilen, werden das Reich Gottes zeichenhaft sichtbar und das endgültige Hochzeitsmahl vorweggenommen. Die Gewissheit der Verheißung und die Erfahrung der Gegenwart Gottes im Vollzug des Brotteilens gibt den Campesinos die Kraft, ihr Leben in den Dienst des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit zu stellen. Mit ihren Katechet*innen haben sie in ihren Gemeinschaften dies auch so in diesem Sinne gefeiert und als sakramentale Eucharistie verstanden.

In Bambamarca war es auch nicht notwendig, über die soziale Dimension des Glaubens und die Einheit von Sozial und Pastoral zu theoretisieren oder einen erst mühsam zu begründeten Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis, zwischen Mystik und Politik, Spiritualität und gesellschaftliches Engagement und zwischen Befreiung und Erlösung herzustellen. Alle diese rationalen Verkomplizierungen gehen am realen Glauben der Campesinos und der Armen (und auch der Praxis Jesu) vorbei. Sie sind eher ein Symptom dafür, dass man in den reichen Kirchen die Mitte und damit die Orientierung verloren hat. Das heißt nicht, dass man sich nicht mit diesen Fragestellungen beschäftigen könnte, sondern vielmehr, dass diese von außen heran getragenen Fragestellungen, Konzepte und Begrifflichkeiten wenig hilfreich sind, um einen Zugang zu den Glaubenserfahrungen der Campesinos und zum Evangelium insgesamt zu finden. Wenn dieser Zugang möglicherweise für Außenstehende schwerer ist, so ist dies nicht das Problem der Campesinos, sondern das Problem der Außenstehenden, die vielleicht nicht den Vorzug erleben durften, Kreuz und Auferstehung existentiell erfahren zu haben. Deshalb fällt es ihnen schwerer, sich mit den Armen wirklich an einen Tisch zu setzen und mit ihnen ihren Hunger nach Gerechtigkeit und das Brot zu teilen, um so Christus erkennen zu können. Es bleibt offen, ob die strukturelle Schwierigkeit der Außenstehenden, die geschilderten Glaubenserfahrungen zu verstehen, nicht die Frage aufwerfen muss, ob es nicht für sie noch viel schwieriger ist, das Evangelium angemessen zu verstehen, das räumlich, zeitlich und vor allem in einem inneren Sinne noch weiter weg ist, als es die Campesinos sind. Von der Geschichte des versklavten Volkes Gottes her gesehen haben die reichen Kirchen (und ihre „Prälaten und Schriftgelehrten“) eher ihren Standort bei denen, die als Herrscher dieser Welt die Mehrheit der Menschen in Schuldknechtschaft und Abhängigkeit halten. Die Campesinos dagegen verstehen die Verkündigung von der Menschwerdung Gottes in ihrer Mitte, indem sie anfangen, an „einem Neuen Himmel und einer Neuen Erde“ zu arbeiten. Und sie tun dies, weil es ihnen verheißen ist.

Fazit: Umbruch und Neubeginn

1. Für die Campesinos waren das Kennenlernen der Botschaft und die Veränderung in ihrem Leben gleichbedeutend mit dem Eintritt in eine neue Glaubensgemeinschaft, die Kirche - als eine „Kirche der Befreiung“. Kirchenbildung war eine logische Konsequenz der Verkündigung der „Guten Nachricht“. Als Mitglied dieser neuen Gemeinschaft, als Christ, weil man Christus und seine messianische Botschaft kennengelernt hat, übernimmt man notwendigerweise Verantwortung. Die Gemeinschaft lebt nur dann, wenn jeder Einzelne sich dafür verantwortlich fühlt und sich voll dafür einsetzt. Weil man selbst erfahren hat, was das Evangelium bedeutet, möchte man dies unter allen Umständen auch allen anderen mitteilen und verkünden, man hat Feuer gefangen und möchte andere daran teilhaben lassen bzw. anstecken. „Unser Leben veränderte sich, als wir Kirche wurden“. Besonders die Katecheten fühlten sich von Gott berufen und dieser Ruf Gottes ließ sie - trotz häufiger Entmutigung - nicht mehr los. Alle befragten Katecheten erzählen Berufungsgeschichten. Ihre Mission, die Verkündigung der Botschaft Jesu, konnte aber nur gelingen, weil sie selbst durch ihr Beispiel zu Zeugen der befreienden Botschaft wurden. Von daher ist es selbstverständlich, dass die sozialen Belange in Familie, Comunidad und Gesellschaft als Konsequenz des Glaubens in den Blickpunkt rücken, gilt es doch vom Glauben her neue Formen des Zusammenlebens zu suchen und die Gerechtigkeit als zentrales Thema der Bibel zu entdecken.

2. Zwei Aspekte spielten in der Pastoralarbeit eine entscheidende Rolle: Der Enthusiasmus der ersten „Missionare“ (1963) und andererseits die schon vorhandene religiöse Sehnsucht, der Hunger nach dem Wort Gottes seitens der Campesinos:  Sie haben einen unersättlichen „Hunger nach dem Wort Gottes und dem täglichen Brot“, vielleicht, weil man ihnen bisher nichts von all dem gegeben hat. Hier wurde zugrunde gelegt, was dann durch den Besuch von Papst Johannes Paul II. am 05.02.1985 in Villa El Salvador, einem Elendsviertel bei Lima, weltweite Aufmerksamkeit erfuhr: der Hunger des leidenden Volkes nach Gott und nach Brot. Ein Ehepaar sprach, stellvertretend für das arm gemachte Volk, zum Papst: „Heiliger Vater, wir haben Hunger. Wir leben im Elend, uns fehlt Arbeit, wir sind krank, das Herz zerbrochen vom Schmerz, unsere Kinder sterben oder haben keine Zukunft. Aber trotz allem glauben wir an den Gott des Lebens und an die Fülle dieses Lebens. Wegen diesem Glauben kämpfen wir gegen den Tod. Der Hunger nach Gott und der Hunger nach Brot kennzeichnen unser Volk“.

3. Der Umbruch bestand in der Ablösung der alten Religion durch eine Bewegung, in der Jesus Christus der Maßstab ist. Das entscheidend und unterscheidend Christliche ist eben, sowohl den Glauben Jesu als auch den Glauben der ersten Christen an Jesus den Christus zu teilen. Die Praxis des Einzelnen und der Kirche sowie die Theologie müssen sich daran messen lassen. Die Wahrheit der jeweiligen Religion zeigt sich in den jeweiligen konkreten Konsequenzen für die Menschen, besonders für die Armen: Befreit der Glaube an Jesus Christus zu einem neuen Leben und zu einer gerechteren Gesellschaft oder dient er der Rechtfertigung des Bestehenden bzw. einer Sanktionierung der von Menschen geschaffenen Verhältnisse?  Der Maßstab und (ein) Kern der Botschaft Jesu ist der „nackte“, der gekreuzigte, vertriebene Mensch, das hungernde Kind - bzw. wie wir uns demgegenüber verhalten. Dies zu glauben bedeutet eine Revolution ... eine radikale Umkehr (Mt 25). Dies ist auch die Grundlage einer neuen, jesuanischen Spiritualität: Die Erschütterung, im gekreuzigten Gegenüber das Antlitz des gekreuzigten Gottes zu entdecken und sich bedingungslos mit ihm zu solidarisieren. Dieses Alleinstellungsmerkmal der Kirche, vom Standort der Ausgegrenzten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu analysieren und zu deuten, Missstände anzuklagen und die befreiende Botschaft zu verkünden, ist ein Geschenk und ein Versprechen für die Zukunft.

4. Es kann eine direkte Linie von den Erfahrungen der ersten Christen zu den Erfahrungen der Campesinos und allen „Indios dieser Welt“ gezogen werden. Der Umweg über die europäische Theologie - speziell im Kontext der Eroberung - und europäische Art von Kirchesein erweist sich als Sackgasse. In der Praxis der Diözese Cajamarca zeigten sich erstmals die Umrisse eines nichteuropäischen Christentums, ausgehend von den Rändern dieser Welt und von den Menschen, die unter die Räuber gefallen sind. Diese Erfahrungen der Campesinos führten zu den Beschlüssen von Medellín und zu dem, was später unter dem Namen „Theologie der Befreiung“ bekannt wurde, der ersten nicht kolonialen Theologie.

Schlusswort und Epilog

Im Mittelpunkt von Kirche und Theologie steht der Glaube Jesu an den Gott von Abraham und Moses und an Jesus den Christus. Ausgehend von dieser Erfahrung entwickeln sie eine befreiende Praxis und eine entsprechende Theologie als das reflektierende, methodisch geleitete Erhellen und Entfalten dieser Erfahrung. In der Begegnung mit Menschen, die schon etwas von der Offenbarung gehört hatten, konnten sie ihre Erfahrungen einordnen, deuten und in einen ihnen bisher unbekannten Zusammenhang stellen. Doch letztlich waren sie es, die daraus entsprechende Lehren zogen und diese Konsequenzen oft bitter erleiden mussten. Die Lehren der Campesinos, ihre Überlegungen und manchmal auch nur Versuche, ihren Glauben auf dem Hintergrund ihrer als leidvoll erfahrenen Realität als befreienden Glauben zu deuten und zu praktizieren, ist authentische Theologie. Sie sind die Subjekte dieser Theologie, sie haben das erste Wort. Menschen - besonders arm gemachte Menschen - die sich auf der Basis gemeinsamer Erfahrungen mit Jesus dem Christus versammeln und ihren Glauben in die Tat umsetzen, werden durch ihr Zeugnis zu einem Zeichen des Heils für diese Welt und für ihre Mitmenschen. Sie sind dies auch dann, wenn sie von einigen Vertretern einer abendländisch geprägten römischen Institution, die sich ebenfalls auf diesen Jesus Christus beruft, nicht als solche anerkannt oder noch nicht einmal wahrgenommen werden.

Es ist aber gerade die Aufgabe und die Chance von europäischer Theologie und Kirche, mit ihren Mitteln und ihren immer noch beträchtlichen Möglichkeiten, die Campesinos auf die Bühne zu stellen und ins Rampenlicht zu rücken. Die am Rande stehen müssen in die Mitte gestellt werden - um der Armen und der Botschaft Jesu willen. Dies ist auch um der Institution und der europäischen Kirche selbst willen zu geschehen, quasi zu deren eigenen „Heil und Rettung“. Denn wie könnte sie die Menschwerdung Gottes im „Stall von Bambamarca“ und ähnlichen Orten leugnen, ohne sich selbst aufzugeben? Wenn das so ist, dann muss sich die Kirche auf den Weg zur „Krippe im Stall“ machen und zu den Menschen, die um die Krippe herum sich versammeln. Doch die Option für die Armen ist immer noch nicht institutionell verankert. Daher ist sie beliebig veränderbar. Die Indios dieser Welt ins Zentrum zu rücken wäre freilich für die europäische Kirche nur der erste Schritt. Der dem Evangelium gemäße Schritt wäre, selbst die eigene Mitte am Rand, in der Ohnmacht und bei den scheinbar Ohnmächtigen zu finden. Das gilt auch für die Theologie. So wie die Kirche als Ganzes, findet die europäische akademische Theologie dann zu ihrer eigenen Mitte, wenn sie aus der Mitte der Armen heraus entsteht.

Epilog

In Anlehnung an das Gleichnis vom Sämann lässt sich der Befund einer befreienden Pastoral in einem Bild ausdrücken, das vielleicht eher als eine rein analytische Betrachtung den Kern des Problems trifft. Das biblische Gleichnis vom Sämann ist bei den Campesinos sehr populär, ebenso das Bild von dem Weizenkorn, das sterben muss, damit daraus Nahrung und Leben für eine menschliche Gemeinschaft entstehen kann. Diese biblische Sprache gleicht der alltäglichen Sprache der Campesinos und der Wahrheitsgehalt dieser Bilder erweist sich in ihren alltäglichen Erfahrungen - sei es direkt in der Natur oder im Leben jedes einzelnen Menschen.

So ist in der Diözese Cajamarca und noch mehr in Bambamarca heute die Rede von einem Sämann sehr verbreitet, der eine frohe Botschaft gebracht hat und dessen Saat sowohl auf fruchtbaren als auch auf steinigen Boden gefallen ist. In einen Topf guter Erde wurden Samenkörner gelegt. Sie wurden gehegt und gepflegt und aus den Samenkörnern wurden Pflanzen, die eine reiche Ernte verhießen. War der Topf anfangs notwendig, um die Erde und den Samen zu schützen, so erwies er sich bald als zu klein und drohte, die schnell wachsenden und blühenden Pflanzen am weiteren Wachstum zu hindern. Ein Umpflanzen in einen weit größeren und durchlässigen Topf, oder am besten ein Einpflanzen in die freie und weite Erde, hätte das Wachstum der Pflanzen und das Reifen der Früchte ermöglicht. Stattdessen droht Gefahr, dass viele der noch jungen Pflanzen und Blüten verwelken, bevor sie überhaupt zur Reife gelangen konnten. Es fehlen ihnen Luft und Wasser wegen der Enge des Topfes. Einige Pflanzen aber werden überleben und noch widerstandsfähiger sein als zuvor - vielleicht gerade deswegen, weil sie die Kraft hatten, die harte Schale des Topfes zu zerbrechen und Wurzeln schlagen konnten in der Erde, die als Mutter aller Menschen diese nährt und sie wachsen und reifen lässt. Denn dafür wurde sie von Gott geschaffen. Wird der Topf aber zum Selbstzweck oder gar zum absoluten Maßstab, dann ist man aus einer Angst heraus, der Topf könnte Schaden nehmen, schnell bereit, die Pflanzen herauszureißen, um den Topf zu retten. Ist dieser Topf auch noch mit lieblichen Blumenmustern und sonstigen Schnörkeln versehen, besteht zudem die Gefahr, die Dekoration mit dem Inhalt zu verwechseln bzw. diesen als gefährliche Konkurrenz zu deuten und dann auch entsprechend zu behandeln. Die gegenwärtigen Ereignisse in der Kirche von Bambamarca und in der Diözese Cajamarca lassen den Schluss zu, dass die beschriebene Gefahr eingetreten ist und der Glaube der Armen als Unkraut definiert wird, das herausgerissen und verbrannt werden muss.

Willi Knecht, als „agente pastoral“ 1976 - 1980 in Bambamarca, von 1997 - 2004 Studie über „Kirche der Befreiung“. Veröffentlicht in gekürzter Fassung in "imprimatur", 4/2017. Siehe in 3/2017 der 1. Teil: Glaube und Kultur der Menschen in den Anden. Darin wird geschildert, welche verheerenden Folgen die Eroberung (Missionierung?) für die indigenen Völker Amerikas hatte und hat, exemplarisch aufgezeigt an der andinen Kultur. Der 1. Teil endete mit: "Aber ausgerechnet in den Anden, exemplarisch u.a. in der Diözese Cajamarca, Peru, entstand seit 1962 eine „neue Kirche“, ausgehend von der befreienden Botschaft, dass Jesus der Christus inmitten der Indios „zur Welt kam“ und sich mit ihnen auf den Weg macht - hin zu einem Leben in Fülle, in Gemeinschaft mit Gott und der Menschen untereinander und in dem die Güter von Mutter Erde allen zugutekommen. Wie konnte dies geschehen?" 

Literatur:

Elmar Klinger, Willi Knecht, Ottmar Fuchs, (Hrsg.): „Die globale Verantwortung – Partnerschaften zwischen Pfarreien in Deutschland und Peru“, Echter, 2001.

Willi Knecht: „Die Wehklagen derer, die leiden, lassen mich nicht ruhen“, José Dammert Bellido: In: Meier, Johannes (Hrsg.): „Die Armen zuerst - Zwölf Lebensbilder lateinamerikanischer Bischöfe“. Mainz, 1999.

Willi Knecht: „Die Kirche von Cajamarca – die Herausforderung einer Option für die Armen“, (Dissertation), LIT 2005.



[1] „Donde está tu hermano*?“, Beitrag der Diözese Cajamarca für die 5. Bischofskonferenz der nördlichen Andenregionen, 08.03.1980). *“Wo ist dein Bruder?“

[2] Dammert: Brief an die peruanischen Bischöfe zur Vorbereitung auf Puebla. April 1978. Sowohl das Archiv der Diözese als auch besonders das sehr umfangreiche Privatarchivs Dammerts standen mir exklusiv zur Verfügung, daraus auch die meisten Zitate. 

[3] Dammert: Aus seinem ersten Hirtenbrief als Bischof von Cajamarca, 21. März 1963

[4] ebd.

[5] Katecheten von Bambamarca: Geschichte der Pfarrei San Carlos de Bambamarca, Textsammlung, 1998. Diese Aussage zeigt, was mit Solidarität und einer Option um der Armen willen gemeint ist. Das Bestehen von Armut spiegelt einen Bruch in der Solidarität der Menschen untereinander und in ihrer Gemeinschaft mit Gott. Armut ist Ausdruck von Sünde, d.h. der Verneinung von Liebe. Deshalb ist sie unvereinbar mit der Herrschaft Gottes, die ein Reich der Liebe und der Gerechtigkeit inauguriert. Dies führt zu einer konkreten Glaubenspraxis: existentielles Engagement gegen die Ursachen der Armut und gegen jede Form von Ungerechtigkeit und für die Überwindung der Abgründe zwischen den Menschen und Leben in einer Gemeinschaft, die ein Zeichen Gottes in dieser Welt ist. Die Propheten bezeichnen dies als den „wahren Gottesdienst“ (Amos 5, 21-27).

[6] Ebd.

[7] Herrera, Leonardo: „Wach auf, Campesino!“; im Sammelband „Die globale Verantwortung“.

[8] Rundbrief von Bärbel und Richard Haug, beide evangelische Pfarrer, nach einem längeren Besuch 1978 in Bambamarca. Der Ausdruck „Wir sind Kirche“ deutet darauf hin, dass dieses Thema mit einer Verspätung von 20 Jahren auch in Deutschland angekommen ist. Man könnte aber nur dann von einer im ursprünglichen Sinn „katholischen“ Kirchenvolksbewegung sprechen, wenn damit gemeint sein sollte, sich in der Tat solidarisch mit den Ausgegrenzten dieser Erde auf einen gemeinsamen Weg zu machen.

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