Ronda campesina

Die Ronda

„Gott hat mir die Ohren lang gezogen und hat mir gesagt: Hör mal, warum sitzt du hier untä- tig herum und hörst nicht diese arme Frau, wie sie schreit, weil man ihre einzige Kuh, ihr einziges Schaf weg nimmt! Also machte ich mich auf und organisierte mit anderen die Ronda, um die Armen und Schwächsten zu verteidigen. Die Ronda ist ein Geschenk Gottes” (1).
Die befreienden Erfahrungen der Campesinos von Bambamarca fanden in der Ronda ihren sichtbarsten Ausdruck und es ist auch die Ronda, in denen diese Erfahrungen nicht nur weiter leben, sondern immer mehr Verbreitung und Kraft finden. Dies ist heute umso wichtiger, weil die Campesinos von Bambamarca seit 1997 die Pfarrei in ihrer kirchlich-offiziellen Struktur nicht mehr als ihre Heimat erleben und sogar ausgeschlossen wurden. Das Beispiel der Ronda kann als exemplarisch für die globale Situation verstanden werden. Es weist auf die herrschende Situation hin und zeigt, was geschieht, wenn die Menschen vom Rand sich basis-demokratisch organisieren, sich gegen die „Räuber“ verteidigen und ihre Rechte einfordern. Es werden dabei hoffnungsvolle Zeichen und Alternativen sichtbar.

Entstehen der Ronda (bis 1985)

Schon in den Zeiten der Hazienda gab es Rondas. Der Begriff lässt sich am besten von dem Verb „rondar“ her erklären, das bedeutet: um etwas in einer Gruppe im Kreis herumlaufen. Um ihren Besitz zu schützen, stellten Großgrundbesitzer Wachen auf, um an den Grenzen des Großgrundbesitzes Wache zu halten und Streife zu laufen, besonders in der Nacht. Größere Hazienden wurden von professionellen Wachmannschaften geschützt. Zum Schutz kleinerer Hazienden rekrutierte der Großgrundbesitzer die Wachen aus seinen Campesinos. Diese Wachen hatten eine unbestrittene Polizeigewalt und es gibt zahlreiche Fälle, in denen solche Rondas Schuldige und gegebenenfalls auch Unschuldige und Aufrührer auf Befehl ihres Auftraggebers töteten.

Die Staatsgewalt griff nicht ein, im Gegenteil: dies geschah im Einvernehmen und im Interesse des Staates, dessen Hauptaufgabe darin bestand, die bestehende feudale Ordnung zu schützen. Auch die Kirche sah in dieser Privatpolizei einen Ordnungsfaktor und auch kirchlicher Besitz wurde von solchen Rondas beschützt. Formal gesehen wurde dieses Recht von dem Recht auf Eigentum und dessen notwendigen Schutz abgeleitet, das auch in der Verfassung Perus verankert war und ist. In Bambamarca ist die Erinnerung an diese alten Rondas noch wach: „Vorher, als uns der Großgrundbesitzer als sein Besitz behandelte, mussten wir die ganze Woche um seine Hazienda herum Wache halten und wir mussten seinen Reichtum beschützen, während unsere Familie ohne Schutz blieb. Diese Rondas waren für die Campesinos nichts Gutes, sondern nur für den Großgrundbesitzer“ (2). Gelegentlich wurde diese Ronda auch eingesetzt, um unliebsame Personen zu töten.

Etwa seit 1961 tauchten auch in eher abgelegenen Gebieten, in denen einige freie Campesinos kleine Landstücke besaßen, erstmals Rondas auf, die mit denen der Großgrundbesitzer nichts mehr gemein hatten. So geschehen 1961 in der Comunidad Lucma la Unión: eine angesehene Familie der Comunidad war vom Viehdiebstahl besonders hart getroffen. Spontan erklärten sich Nachbarn und Freunde bereit, Nachtwachen aufzustellen und auf Streife zu gehen. Die Viehdiebe wurden abgeschreckt und erschienen nicht mehr. Danach löste sich diese Ronda wieder auf. Gelegentlich wurden in einigen Comunidades auch zur Erntezeit Wachen aufgestellt, um z.B. die Maisernte zu beschützen, so 1965 in der Comunidad Frutillo.

In den siebziger Jahren nahmen die Viehdiebstähle und Plünderungen auf dem Land drastisch zu. In den Jahren 1975 und 1976 litten die Campesinos von Bambamarca zudem unter einer großen Dürre. Die Art und der Grund der Viehdiebstähle erreichte eine bis dahin nicht gekannte neue Qualität. Immer mehr straff organisierte und mit modernen Waffen ausgerüstete Banden suchten die Landgebiete von Bambamarca und Chota heim. Diese Banden handelten im Auftrag großer Fleischbetriebe, die in den großen Städten der Küste einen immer größeren werdenden Bedarf an Fleisch abdecken mussten. Diese Agrarbetriebe, wenn auch im kleineren Maßstab, gab es auch schon zu Zeiten der Hazienda. Damals hatten die Großgrundbesitzer direkte Beziehungen zu den Abnehmern an der Küste, systematische Plünderungen auf dem Land waren daher nicht notwendig.

Durch die Landreform sank die Produktion von Fleisch landesweit, bei gleichzeitig wachsendem Bedürfnis nach Fleisch und Fleischprodukten in den großen Städten. Kommt es dann auch noch zu einer Dürre, ziehen die Preise für Fleisch stark an. Großgrundbesitzer konnten sich aufgrund großzügiger staatlicher Entschädigungen für den Verlust ihrer Hazienda in große Betriebe an der Küste einkaufen und wurden nun selbst zu Abnehmern und Verwertern landwirtschaftlicher Produkte. So musste es dazu kommen, dass immer mehr Betriebe an der Küste darauf angewiesen waren, möglichst billigen Nachschub an Fleisch zu bekommen. „Die Plünderungen und Raubzüge nahmen zu, weil auf den Märkten an der Küste der Bedarf an Fleisch drastisch zunahm. Also begannen die großen Räuber, sich mit den kleinen Räubern in den Comunidades zu verbünden, die nun dazu herhalten mussten, den fremden Eindringlingen den Weg zu zeigen und ihnen Informationen zu geben. Dafür erhielten sie eine Belohnung“ (3). 

Gleichzeitig ist nicht auszuschließen, dass enteignete Großgrundbesitzer es weiterhin als ihr natürliches Recht ansahen, über den Viehbestand auf dem Lande zu verfügen. Für die Campesinos stellt sich freilich die Situation anders dar. Für die meisten Campesinos ist der Besitz von Tieren die wichtigste Lebensgrundlage. „Ein Tier zu verlieren ist so, wie wenn man mir das tägliche Brot entreißt“ (4). Die Banden fühlten sich inzwischen so sicher, dass es zu immer mehr Diebstählen sogar am helllichten Tag kam. Wenn ein Campesino den Diebstahl bemerkte, wagte er es nicht, Alarm zu schlagen oder sich zu verteidigen, denn die Diebe waren gut bewaffnet und sie machten von den Schusswaffen Gebrauch. Sie hatten es nicht nur auf Vieh abgesehen, sondern es ging ihnen auch darum, immer mehr Angst zu verbreiten und ihre Macht zu zeigen: „Sie sind nicht nur gekommen, um unsere Tiere zu rauben. Sie haben auch unsere Häuser ausgeplündert und die Frauen vergewaltigt. Sie kannten kein Erbarmen“ (5).

Gleichzeitig stellten die Campesinos fest, dass Polizei und Richter nichts unternahmen, im Gegenteil: sie stellten den Dieben Bescheinigungen aus, dass das Vieh den Dieben gehörte, obwohl sie wussten, dass es geraubtes Vieh war. Campesinos wurden sogar wegen übler Nachrede eingesperrt, wenn sie es wagten, ihnen bekannte Diebe und Vergewaltiger beim Namen zu nennen. Je nach Situation und Auftrag wurde das geraubte Vieh in Herden an die Küste getrieben oder noch in Bambamarca in den Schlachthöfen geschlachtet und auf bereitgestellten Lastwagen an die Küste gebracht. Die örtlichen Händler erhielten auf diese Weise einen ansehnlichen Anteil an diesem Geschäft.
„Auf diese Weise wurden auch die Händler und lokalen Behörden zu Dieben. Es waren die
feinen Herren, mit Anzug und Krawatte, die den größten Teil der Beute bekamen. Für die kleinen Diebe blieben nur die Abfälle“ (6).

Diese Geschehnisse sind im Kontext der übrigen Entwicklungen in Bambamarca zu sehen. Im Despertar wurde entsprechende Aufklärung betrieben, die Comunidades waren in ihrer Mehr- heit bereits gut organisiert und die Katecheten waren in den Comunidades als Autoritäten anerkannt. In jener Zeit wurde unter den Katecheten auch darüber diskutiert, ob die sprunghafte Zunahme der Diebstähle und Überfälle nicht in einem engen Zusammenhang mit der Emanzipation und Organisation der Campesinos stehen könnte und ob man die Campesinos vielleicht nicht doch noch in den Griff zu bekommen glaubte, indem man ein Klima des Terrors schafft und versucht, den Campesinos die Lebensgrundlage zu entreißen.

Es war aber nicht in Bambamarca, sondern in der Provinz Chota, wo die erste Ronda entstand. In der Comunidad Cuyumalca, im Grenzgebiet zur Pfarrei Bambamarca, wurde am 29. 12. 1976 die erste Ronda in der heutigen Form gegründet. Ein Jahr später, am 21. 12. 1977 wurde die erste Ronda in San Antonio gegründet. Diese Comunidad gehört zur Pfarrei Bambamarca und liegt in unmittelbarer Nähe von Cuyumalca (7). In San Antonio wurden auch die ersten Regeln für die Ronda aufgestellt: jede Streife muss aus mindestens sechs Personen bestehen; die Nachtwache beginnt um 19.30 und endet um 5.00 morgens; der Leiter der Gruppe soll den Militärdienst absolviert haben; alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren werden aufgerufen; alle Personen, die nicht unter diese Vorgaben fallen, werden gebeten, einen finanziellen Beitrag zu leisten, damit auch ihr Gelände und Vieh geschützt wird. Am 25. Januar 1978 geht die Ronda von San Antonio (Bambamarca) zum ersten Mal auf Streife.

Am Anfang gab es noch viele Probleme: es war unklar, wer in welche Gruppe eingeteilt wurde; nicht alle konnten in gleicher Weise teilnehmen; wem noch nichts gestohlen worden war, war weniger bereit, mitzumachen; um die Müdigkeit und Kälte der Nacht zu vertreiben, wurde viel Alkohol konsumiert; der Leiter der Gruppe war nicht demokratisch gewählt, wor- unter seine Autorität litt; jeder tat, was er wollte. Die ersten Rondas wurden praktisch von einer entschiedenen Minderheit der ängstlichen und zögernden Mehrheit aufgedrängt. Noch im Laufe des Jahres 1978 entstanden in etwa 30 weiteren Comunidades ebenfalls Rondas. Nach den ersten Erfahrungen wurden bald die Regeln angepasst und noch im Jahr 1978 wurde beschlossen, Vertreter und Sprecher der Rondas demokratisch zu wählen. Es wurden überall Komitees gewählt, die sich stets vor der Vollversammlung der Comunidad zu verantworten hatten. Bereits im März 1978 hatten sich die verschiedenen Comunidades des Sektors von San Antonio in einem übergeordneten Komitee zusammengeschlossen.

Dieses Komitee wurde am 8. März 1978 von den Behörden in Bambamarca anerkannt. Von Anfang an bemühten sich die Campesinos um eine offizielle Anerkennung, die sie zu Beginn leichter erhielten, weil die Behörden diese Bewegung zuerst unterschätzten. Dieses Komitee, in dem Neptalí Vásquez zum Schriftführer gewählt worden war, war in den nächsten Monaten der Ausgangspunkt für eine rasche Ausbreitung der Rondas in allen Zonen der Pfarrei Bambamarca. Zwei unterschiedliche Berichte zeigen die Aufbruchstimmung, aber auch die Probleme der Anfangszeit.

Ein Bericht aus San Antonio (Pfarrei Bambamarca): „Im Augenblick sind bereits in 25 Ortschaften unserer Zone Streiftrupps unterwegs. Es sind zwei, drei, ja bis zu sechs Gruppen je nach der Größe des Ortes, die Nacht für Nacht für die Gemeinschaft Wache halten. Wachsender Diebstahl brachte die Campesinos zu dieser Maßnahme. Den Dieben sollte das Handwerk gelegt werden, weil es sonst gerade die Armen getroffen hätte. In diesen Tagen feierte die Ronda einen Triumph. Ohne polizeiliche Hilfe haben sie vier Räuber mitsamt dem Diebesgut - sieben Maulesel, eine Kuh und Hausrat - erwischt. Die gesamte Gemeinschaft versammelte sich auf dem Dorfplatz, um sicher zu gehen, dass die Räuber bestraft werden. Denn ob eine Familie ihren Kindern die Milch einer Kuh geben kann oder nicht, entscheidet gegebenenfalls über Gesundheit und Leben. Der Polizei ist diese Organisation der Campesinos schon lange ein Dorn im Auge. Es hat sich bisher ganz gut von den Bestechungsgeldern freigelassener Diebe leben lassen. So fuhr nun die Polizei im Jeep vor, um die Räuber abzutransportieren. Aber vor der versammelten Menge musste die Polizei zurückweichen.

In der Stadt wurde dann in friedlicher Verhandlung beschlossen, die Gefangenen der öffentlichen Gerichtsbarkeit auszuliefern unter der Bedingung, dass sie gerecht bestraft würden. Die Ronda würde mit ihrer gesamten Organisation - und das sind Tausende von Männern - darüber wachen, dass die Räuber sich nicht wie früher durch Bestechungsgelder frei kaufen könnten. Inzwischen sind die Diebstähle tatsächlich fast beseitigt. Aber die Nachtstreifen haben mehr als das gebracht. Folgendermaßen beschreiben die Beteiligten ihre Erfahrungen: ‚Bei der Nachtstreife macht man was mit! Es sind viele Leiden: die Kälte, der Raureif, Schlamm. Wenn ich nicht dran bin, habe ich Mitleid mit den anderen’. ‚Schon beim Weggehen von zu Hause ist man sich klar, dass man unterwegs einem bewaffneten Übeltäter begegnen kann. Man geht entschlossen, hat Mut und keine Angst. Es gibt Leute, die aus Not stehlen. Aber andere sind Gewohnheitsdiebe. Das ist ein Laster.

Es geht nicht an, dass sich einige auf Kosten anderer ein schönes Leben machen’. ‚Das Gute bei den Nachtstreifen ist, dass einer für den anderen aufpasst. So kann man ruhiger schlafen und muss nicht mehr mitten in der Nacht aufstehen. Jetzt sind alle zufrieden’. ‚Wir haben Interesse daran, auch andere Orte zu überzeugen. Das Beispiel hat schon Kreise gezogen. Das ist eine Sache, die wächst, wenn natürlich auch mit Leiden verbunden’.
In einer der wöchentlichen Versammlungen der Ronda wollten diesmal alle über das Gebet re- den, denn alle gehören zur Ronda und gleichzeitig zu unserer christlichen Gemeinschaft. Ich glaube, das ist das vollkommenste Gebet: mein Geist bringt sich in Einklang mit dem Geist Gottes. Wenn man sich an Gott wendet, dann wird er uns auch hören. Und noch etwas: das Tiefste im Gebet, nicht nur für sich selbst zu bitten, sondern für alle Notleidenden’. ‚Das Wesentliche ist, dass ein Mensch nicht nur Körper, sondern Geist ist. Wie der Körper Nahrung braucht, so auch der Geist das Gebet.’ So redeten wir über eine Stunde und jeder erzählte von seinen Erfahrungen mit dem Gebet. Am anderen Tag hatten wir unsere Jahresfeier: ein Jahr der Ronda! Alle waren begeistert dabei, ebenso bei der Messfeier. Die Bibeltexte waren von den Teilnehmern ausgelegt worden“ (8).

Einen weiteren Einblick in die Problematik der Anfangszeit zeigt ein Beispiel aus der Partnerschaft zwischen St. Georg, Ulm und San Pedro, Cajamarca aus dem Jahr 1982/83. Dabei ist aber zu beachten, dass in den meisten Landzonen um die Stadt Cajamarca herum bis dahin keine Pastoralarbeit geleistet werden konnte wie in Bambamarca und es auch länger dauerte, bis zuerst vereinzelt einige Rondas gebildet wurden. Die Comunidad Catache, eine von 24 Comunidades, die zur Pfarrei San Pedro gehören, hatte 1982 noch keine Ronda organisiert, es gab noch keine verantwortlichen Katecheten, die Partnerschaft und damit eine entsprechende Pastoralarbeit standen erst am Anfang.

Um die Jahreswende 1982/83 war ich wieder einmal zu Besuch in der Partnergemeinde und habe zum ersten Mal - in Begleitung der damaligen Koordinatorin der Partnerschaft, Anné Centurión, von Pfarrer Lorenzo Vigo und von Segunda Torres - Catache besucht. Mir war von den Vorkommnissen in Catache vorher ausführlich berichtet worden. Ein Besuch in dieser Comunidad sollte in Absprache mit Bischof Dammert sowohl der Polizei deutlich machen (sie hat die Zugänge überwacht), dass die Vorfälle nicht mehr länger verheimlicht werden konnten, als auch den Betroffenen in Catache zeigen, dass sie nicht allein gelassen wurden. Nach meiner Rückkehr schrieb ich einen Bericht für die Gemeinde und später für die Presse (hier leicht gekürzt).

„Vor mehr als zwei Jahren gelang es den Campesinos erstmals, drei Viehdiebe zu überraschen, zu überwältigen und gefangen zu nehmen. Am nächsten Morgen brachte ein Gruppe von Campesinos die Viehdiebe gefesselt in die Stadt, um sie dort der Polizei zu übergeben. Als die Campesinos am nächsten Morgen nach Catache zurückgehen wollten (sechs Stunden Fußweg), sahen sie die Viehdiebe wieder auf freiem Fuß. Ein Jahr später gelang es den Campesinos wieder - die Viehdiebstähle hatten inzwischen noch zugenommen - zwei Viehdiebe gefangen zu nehmen. Wieder wurden sie der Polizei übergeben und von dieser gleich wieder freigelassen. Nun wandten sich die Campesinos direkt an den Bischof. Dem gelang es nach einiger Zeit herauszufinden, wer hinter den Viehdiebstählen steckte: eine riesige, gut organisierte Bande, deren Chefs in der Hauptstadt Lima saßen und Besitzer großer Fleischbetriebe sind. Sie machen äußerst profitable Geschäfte mit dem Fleischhandel. Ein Kilo Fleisch kostet soviel, wie ein Landarbeiter in zehn Tagen verdient. Im Oktober 1981 gelang es den Campesinos von Catache zum dritten und letzten Mal, zwei Viehdiebe zu überwältigen. Dies ist umso bemerkenswerter, da sie keine Schusswaffen haben, während die Banditen mit modernen Schusswaffen ausgerüstet waren. Inzwischen gab es von den ursprünglich etwa 300 Kühen in Catache noch 17 Kühe.

Dazu muss man folgendes wissen: Stiehlt man einem Campesino eine Kuh, so stiehlt man ihm seine Lebensgrundlage. Deshalb war inzwischen die Kindersterblichkeit in Catache stark angestiegen, Krankheiten grassierten; es kam auch bei Erwachsenen zu vielen Todesfällen, vor allem wegen Tuberkulose. Und nun hatten die Campesinos zwei Viehdiebe - die Verursacher ihres Elends - in ihrer Gewalt. Sie wussten, dass es in Peru keinen Richter geben würde, der es wagen könnte, die Viehdiebe und vor allem deren Hintermänner zur Rechenschaft zu ziehen. Also was tun? Nach zweitägigen Beratungen verurteilte die Comunidad einstimmig die beiden Viehdiebe zum Tode.

Vier Wochen später kamen 50 schwer bewaffnete Polizisten nach Catache, trieben alle
Männer zusammen, nahmen 37 Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren gefangen und brachten sie nach Cajamarca ins Gefängnis. Die Anklage lautet auf Mord. Es hatte sich inzwi- schen herausgestellt, dass die beiden getöteten Viehdiebe Polizisten waren, die sich als Cam- pesinos verkleidet hatten. Die Rache der Polizei ist furchtbar. Die Gefangenen werden täglich misshandelt, tagelang bekommen sie kein Essen, es gibt keine Toiletten etc. Einige sind bereits schwer erkrankt, gestorben ist bisher noch keiner.

Obwohl es in Catache nichts mehr zu holen gab, suchte die Polizei weiter Catache heim: Menschen wurden misshandelt, sogar die Kochtöpfe wurden mitgenommen, Frauen wurden vergewaltigt. Als einer der wenigen verbliebenen jungen Männer eines Tages zu den Polizisten sagte: ‚Was wollt ihr denn noch, wir haben doch nichts mehr’, wurde er erschossen. Heute ist das Elend in Catache unvorstellbar groß. Doch nun zeichnet sich eine Lösung ab. Der Bischof ist der einzige, der es wagen kann, dieses Unrecht öffentlich zu brandmarken und sogar im Ausland wurden die Vorfälle bekannt. So gelang es dem Bischof, eine Art ‚Kuhhandel’ mit der Polizei und Justiz abzuschließen: Als Gegenleistung dafür, dass der Bischof ‚endlich Ruhe gibt’, will die Polizei im Laufe des Jahres 1983 die Gefangenen frei lassen, die ab sofort auch besucht und mit Essen versorgt werden dürfen. Nur drei willkürlich ausgewählte Männer müssen bleiben und werden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt werden. Im März 1983 bekam ich die Nachricht, dass neun Männer freigelassen wurden, die anderen - bis auf drei - sollen bald folgen. Mit Hilfe der Pfarrei San Pedro, des Bischofs von Cajamarca und der Pfarrei St. Georg soll nun die Basis für einen Wiederaufbau in Catache geschaffen werden“ (9).

Die schnelle Ausbreitung und die damit zusammenhängende Organisation der Ronda in Bambamarca konnte deshalb so schnell erfolgen, weil auf dem Gebiet der Pfarrei Bambamarca die entsprechenden Strukturen bereits vorhanden waren, vor allem aber, weil es Campesinos gab, die aufgrund ihrer Ausbildung in der Pfarrei und ihres christlichen Engagements geeignet waren, der Ronda richtungsweisende Impulse und Inhalte zu geben. Es war kein Zufall, dass vor allem erfahrene Katecheten in die jeweiligen Komitees gewählt wurden. Die Katecheten ihrerseits sahen es als ihre Aufgabe an, die Ronda zu evangelisieren, d.h. dafür einzutreten, dass die Ronda im christlichen Geist handelt.

Die Katecheten sahen ihre Mitarbeit in der Ronda als eine katechetische Aufgabe und Herausforderung an. Die übergeordneten Komitees waren Garant einer effektiven Vernetzung. Diese Vernetzung war den Campesinos auch deswegen selbstverständlich, weil sie die entsprechenden Erfahrungen bereits mit dem Pfarrgemeinderat gemacht hatten. Die gewählten Vertretungen der Rondas nannten sich Ende des Jahres 1978 in „Komitee zur Verteidigung der bürgerlichen Rechte“ um. 1981 wurde die „Federación Provinzial de Campesinos de Bambamarca“ gegründet, d.h. die Vereinigung aller Comunidades von Bambamarca. Die Rondas geben sich den Namen „Rondas Campesinas“.

Zusammenfassend zur Anfangsphase einige Zeugnisse von Beteiligten: „Das Komitee hat die Aufgabe, die Zusammenarbeit mit allen Comunidades zu suchen und überall Rondas anzuregen“. „Es geht nicht nur darum, unser Eigentum zu verteidigen, sondern wir haben angefangen, Gerechtigkeit zu schaffen. Und damit begannen die Probleme mit den Behörden“. „Wir haben die Diebe und Verbrecher zur Rechenschaft gezogen. Dies geschah in Übereinstimmung mit der Vollversammlung. Wir hatten eine sehr starke Disziplin innerhalb der Gruppen. Das war auch notwendig“. „Zu Beginn hatten wir kein System, wie wir die Rondas organisieren sollten. Es war die Comunidad selbst, die mit der Zeit die beste Organisations- form für sich entdeckt hatte“. „Nachdem in San Antonio die ersten Diebe gefasst worden waren und die Diebstähle zurückgingen, haben uns auch andere Comunidades um Rat gefragt. Andere Comunidades haben sich allein organisiert. 1979 gab es bereits Rondas in allen Comunidades“. „Zu Beginn war es einfach, die öffentliche Anerkennung zu erhalten. Denn die Behörden glaubten nicht, dass die Campesinos eine Organisation gründen könnten, die länger als zwei Tage Bestand hat“ (10).

Schon in der Anfangszeit zeigten sich Ansätze aber auch Probleme, die sich dann besonders nach 1985 zuspitzen sollten, vergleichbar mit der Entwicklung von „El Despertar“: das Problem der Anerkennung (Legalität), nachdem die Ronda sich nicht nach zwei Tagen wieder aufgelöst hatte; damit verbunden die Feindschaft derer, die bisher von der Ausbeutung profi- tiert haben; die Ronda wird zu einer politischen Kraft; sie beschränkt sich nicht auf die Verteidigung gegen Viehdiebe. Die Campesinos waren sich bewusst, dass nach einer ersten Phase des Aufbaus nun eine zweite Phase beginnen musste, in der eine umfassende Bildung und Ausbildung auf der Basis moralischer Prinzipien und des persönlichen Zeugnisses angestrebt werden musste. „Mit den Viehdieben sind wir fertig geworden, nun beginnt erst der eigentliche Kampf: dass der Campesino als Mensch respektiert wird“ (11).

Das Selbstverständnis der Ronda Campesina

Die Organisation der Ronda erforderte ein hohes Maß von Organisationsfähigkeit innerhalb der Comunidades und der Comunidades untereinander. Nicht vergessen werden darf, dass es bis wenige Jahre vor dem Entstehen der ersten Rondas keine frei organisierten Campesinos gab, weder eine Organisation innerhalb der Comunidades noch zwischen den Comunidades. Zwar gab es schon immer Nachbarschaftshilfe, gemeinsame kommunale Arbeiten (Minga) und auch die Organisation von Patronatsfesten. Diese Formen der Organisation bezogen sich aber auf punktuelle und zeitlich begrenzte Aufgaben und fanden innerhalb eines ihnen von außen auferlegten Korsetts statt. Die anfängliche Reaktion der Städter auf die Ronda zeigt, dass sie sich eine unabhängige und dauerhafte Organisation der Campesinos nicht vorstellen konnten, eben weil es diese bisher nicht gab. Umso mehr überrascht und ärgerlich waren sie dann, als sich die Ronda als lebensfähig erwies.

Für die Organisation der Ronda gab es keine Vorbilder in der europäisch dominierten Gesellschaft, weder auf lokaler noch auf nationaler Ebene. Es gab aber Anknüpfungspunkte in der andinen Tradition der Selbstverwaltung der Comunidades in vorkolonialer Zeit. Diese Anknüpfung musste aber erst wieder vermittelt werden, denn sie war nicht mehr in bewusster Form lebendig. Diese Pädagogik leistete die Pastoralarbeit, wie sie sich zum Beispiel im Despertar und Vamos Caminando darstellte. Ist erst einmal die grundsätzliche Entdeckung gemacht worden, dass die Campesinos doch fähig sind, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und dass sie sich ihrer Herkunft und Geschichte nicht schämen müssen, dann können sie sich auch voller Stolz auf die Werte ihrer Vorfahren besinnen und sie als Orientierung für die Herausforderungen der Gegenwart kreativ einsetzen. Dies geschah mit der Organisation in der Comunidad (12).

So wie in vorkolonialen Zeiten die Comunidades feste Regeln aufstellen mussten, um z.B. das Wasser (Kanalsystem, Bewässerung, Trinkwasser etc.) zum bestmöglichen Nutzen aller gerecht zu verteilen, so mussten nun unter möglichst gerechten Kriterien die Wachen organisiert werden: die Zusammensetzung der nächtlichen Streifen, der Ausgleich unter Nachbarn, die Verteilung der Lasten und Zeiten etc. Über diesen technischen Ablauf hinaus musste besprochen werden, was mit den gefangenen Dieben zu geschehen hatte. So war z.B. anfangs eine eigene Kommission damit beauftragt, die Gefangenen der Polizei zu übergeben und zu beobachten was dann geschieht; eine andere Kommission war beauftragt, dem Geschädigten die Diebesbeute zurückzugeben bzw. zu eruieren, welcher Schaden entstanden ist. Eine regelmäßige Vollversammlung musste etabliert werden, um gerechte Urteile fällen zu können. Eine weitere Kommission war für den Kontakt und die Absprache mit benachbarten Comunidades und später zur zentralen Leitung zuständig. Zudem mussten immer wieder neu auftauchende Probleme in der Vollversammlung diskutiert und entschieden werden.

Diese Formen der Organisation erhielten eine neue Qualität, als der Ronda wie von selbst immer neue Aufgaben zufielen. Im Selbstverständnis der Campesinos war die von ihnen aufgebaute Organisation ein Beispiel lebendiger Demokratie, die von unten ausgeht, die Gerechtigkeit schafft und die sich von den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der Ärmsten innerhalb einer Gemeinschaft leiten lässt. „Die Ronda ist auch dazu da, uns in Demokratie zu üben. Alles soll entschieden werden unter gleichberechtigter Mitsprache aller. Vor allem,
wenn es um die Sprecher und Vertreter der Comunidad oder der Ronda geht, sollen alle ihre Meinung abgeben, damit wir uns alle daran gewöhnen, Entscheidungen zu treffen. Die kom- munale Organisation muss ein festes Fundament haben, sie muss wie ein einziger Körper sein und sie muss sich in eine ‚natürliche’ Autorität verwandeln, die von allen anerkannt wird“ (13).

Eine große Herausforderung an das Selbstverständnis der Ronda war der Umgang mit den gefassten Verbrechern. Zu Beginn hatten die Rondas die auf frischer Tat ertappten Täter der Polizei oder dem Richter in der Stadt übergeben. Bald aber bemerkte man, dass es sinnlos war, dies weiterhin zu tun. Es bestand sogar die Gefahr, zum Gespött der Stadt zu werden und die Rondas wären bald auch von innen her auseinander gefallen, wenn es weiterhin zu Diebstählen gekommen wäre. Sehr schnell kamen die Rondas zur Einsicht, dass es nur Gerechtigkeit geben kann, wenn sie selbst Recht sprechen. Rechtsfindung und Rechtssprechung waren Aufgabe der gesamten Comunidad; auch dies war ein Anknüpfen an alte Traditionen. Wollte der Gefangene nicht sprechen, trat ein Verteidiger des Angeklagten auf, der versuchte, sich in die Motive des Angeklagten hinein zu versetzen und bat um Verständnis, besonders wenn es sich um einen der kleinen Diebe handelte, der aus einer benachbarten oder gar der eigenen Comunidad stammte.

Der Schuldspruch selbst war leicht zu finden, da es sich nahezu ausschließlich um Täter handelte, die auf frischer Tat ertappt wurden. Schwieriger war es jedoch herauszufinden, in wessen Auftrag sie jeweils handelten. Auch über das Strafmaß wurde oft lange diskutiert. Jede Comunidad war frei, ihre eigene Art der Bestrafung zu finden. Im Prinzip gab es zwei Arten von Strafen: Mitarbeit an gemeinnützigen Arbeiten oder körperliche Züchtigung, oder beides zusammen. Die häufigsten Urteile bestanden darin, dass der Schuldige verpflichtet wurde, an kommunalen Arbeiten teilzunehmen - über das gewohnte Maß hinaus und ohne Recht auf Gegenleistung. Im Einzelfall konnte der Schuldige auch verurteilt werden, einen Monat lang jede Nacht an der Nachtwache teilzunehmen. Körperliche Strafen bestanden vorzugsweise darin, den Gefangenen mit Agavenblättern auszupeitschen, ihn in eiskaltes Wasser zu tauchen oder Spießrutenlaufen.

Vereinzelt wurde der Gefangene auch zu regelrechter Haft verurteilt - bei Wasser und wenig Brot und auf einen Zeitraum von drei bis 30 Tagen. Dies war nur dort möglich, wo es einen sicheren Raum gab, der zusätzlich noch bewacht werden musste. Es war nicht immer einfach, das gerechte Strafmass zu finden und es kam auch zu Überschreitungen und Missbrauch der Macht. Dies wurde in den Komitees stets thematisiert und es wurde alles getan, um solche Übergriffe möglichst gering zu halten. Gerade hier zeigte sich die Notwendigkeit einer guten Pädagogik mit festen Grundsätzen. „Man spricht davon, dass einige Rondas zu hart bestrafen. So soll es vorgekommen sein, dass man dem Gefangenen ein scharfes Gewürz in die Nase steckte oder dass man einem Dieb, der seine Mittäter nicht nennen wollte, mit Nadeln in die Fingerkuppen gestochen hat. So etwas darf unter keinen Umständen geschehen, denn unter Christen sind wir verpflichtet, andere Maßstäbe des Umgangs untereinander anzuwenden.

Es gibt die Rondas, um gemeinsam Probleme zu lösen und nicht, um noch mehr Hass untereinander zu erzeugen. Die Komitees haben hier eine große Verantwortung. Sie müssen sich stets um bessere Lösungen bemühen und haben die Aufgabe, sich gegenseitig zu korrigieren. Geschieht dies nicht, kann dies dazu führen, dass wir uns von der Angst beherrschen lassen, anstatt unser Gewissen zu stärken und zu trainieren“ (14). Wichtigstes Ziel war, nicht Rache zu üben, sondern den Täter zur Einsicht zu bringen und ihm die Chance zu geben, wieder vollwertiges Mitglied einer Comunidad zu werden.

Neben den christlichen Motiven spielt in dieser Pädagogik die andine Kosmovision eine große Rolle, der es immer zuerst darum geht, scheinbare Gegensätze, die es in jedem Menschen gibt, zusammenzuführen und zu einem Ausgleich zu kommen. Dieser Ausgleich ist aber nur möglich auf der Basis von Gerechtigkeit, d.h. ausgehend vom Opfer und der Bekehrung der Täter (Umkehr und Wiedergutmachung).

Der Erfolg einer solchen Pädagogik war beachtlich: aus allen Comunidades wird berichtet, dass es eher die Regel als die Ausnahme war, dass ein kleiner Dieb nach Verbüßung seiner Strafe nicht mehr seine frühere Tätigkeit aufnahm. Auch wenn es sich dabei nicht immer um eine Umkehr handelte, sondern dies auch aus pragmatischen Gründen geschah (angesichts geringerer Erfolgsaussichten, sich z.B. mit Viehdiebstahl weiterhin seinen Lebensunterhalt zu verdienen), so beweist dies nur, dass zu einer erfolgrei- chen Pädagogik auch eine Autorität und Macht gehört, die ihre Autorität und Legitimation aus sich selbst und einem gemeinsamen Anliegen (gesellschaftlicher Konsens) heraus erhält. Selbst die öffentliche Bestrafung wird als Teil der Erziehung angesehen. „Es ist sinnvoll, die Diebe öffentlich zu verurteilen und zu bestrafen, damit sie sich ihrer Tat schämen und damit diejenigen, die zusehen, in ihrem guten Vorsatz, nie stehlen zu wollen, bestärkt werden. Den Dieben geben wir eine Chance, sich zu korrigieren und ihr Leben zu ändern“ (15).

Bald hatten die Rondas in allen Comunidades eine breite demokratische Basis. Von daher war es ein logischer Schritt, dass der Ronda immer mehr Aufgaben und Pflichten zuwuchsen, die für das Leben in einer Gemeinschaft notwendig sind. Die Organisation der gesamten Comunidad aufgrund der Herausforderungen der Ronda wurde zu einer allgemein akzeptierten gemeinsamen Plattform für alle weiteren kommunalen Aufgaben und Herausforderungen. Die Ronda selbst war in der Comunidad aufgegangen und die Comunidad hatte ihre sichtbare Gestalt in der Form der Ronda gefunden. Obwohl die Zahl der Viehdiebstähle und anderer Übergriffe sehr stark zurückgegangen war, wussten die Campesinos, dass ein Nachlassen in der Wachsamkeit gefährlich war.

Trotzdem geriet mit wachsendem Erfolg der Ronda die ursprüngliche Zielsetzung etwas mehr in den Hintergrund und es eröffneten sich neue Betätigungsfelder und Herausforderungen. „Jetzt sind wir nicht nur organisiert, um uns gegen Diebe zu verteidigen, sondern wir sind verantwortlich für alle kommunalen Arbeiten. Mit der durch die Rondas geschaffenen Organisation ist es leichter, kommunale Aufgaben durchzuführen. So kümmern wir uns um die Schulen, um die Verbesserung der Wege, der Kapellen, wir haben ein Gemeinschaftshaus der Ronda, wir planen und organisieren Projekte wie zum Bei- spiel eine bessere Wasserversorgung, usw. Die Rondas verwandeln sich in einen Organismus der Entwicklung für die gesamte Comunidad. Wir kümmern uns um die Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion und um eine bessere Ernährung; das bedeutet, wir kämpfen für das Wohlergehen der Comunidad. In einigen Comunidades gibt es schon Trinkwasser“ (16), Kranke werden betreut, vom Wind abgedeckte Dächer werden von der Ronda wieder instand gesetzt und alte Menschen regelmäßig aufgesucht. Während der Patronatsfeste garantieren die Rondas die öffentliche Ordnung, die vorher durch viele Betrunkene und durch damit zu- sammenhängende Streitigkeiten stets gefährdet war. „Unsere Organisation ist die Seele aller unserer Aktivitäten in der Comunidad“ (17). 

Selbst Lehrer, die ihren pädagogischen Verpflichtungen nicht ausreichend nachkommen und z.B. erst am Dienstagnachmittag aus der Stadt kommen und sich am Donnerstag bereits wieder auf den Weg in die Stadt machen, müssen mit einer Verwarnung der Ronda rechnen - allerdings wurde noch kein Lehrer eingesperrt oder körperlich bestraft. Sie mischen sich sogar in Angelegenheiten ein, die für Außenstehende aus der Stadt und aus Deutschland als reine Privatangelegenheiten angesehen werden. Wenn ein Ehemann sich zu oft betrinkt, sich daher wenig um die Kinder kümmert und sogar seine Frau verprügelt, dann muss er mit dem Besuch der Ronda rechnen bzw. er wird vor die Vollversammlung zitiert. Er wird öffentlich ermahnt, es wird ihm eine Frist gesetzt und wenn dies alles nicht hilft, dann muss er mit den gleichen Strafmaßnahmen wie ein Viehdieb rechnen. Im extremen Fall wird er sogar für eine Zeit aus der Comunidad verwiesen (nur mit Zustimmung der Ehefrau). Auch Ehebruch wird nicht geduldet und ein Vater, der sich nicht um seine Kinder kümmert, wird zur Rechenschaft gezogen.

Die Ronda ist nicht nur zu einer demokratischen, sondern auch zu einer moralischen Instanz geworden. Die Mitglieder der Comunidad wenden sich inzwischen in allen Streitfällen an die Ronda, d.h. an ihre eigenen gewählten Vertreter, und bitten um Rat und Hilfe. „Wir haben uns organisiert, um jede Art von Problemen angehen zu können und damit jeder Einzelne seine Rechte und Pflichten in der Gemeinschaft kennen lernt und respektiert. ... Diese Art der Organisation dient in besonderer Weise dazu, dem Ärmsten zu helfen, die vor der Existenz der Ronda den Misshandlungen der Mächtigen hilflos ausgeliefert waren. Sie verwirklicht den Spruch: alle für einen, einer für alle... Sie gibt uns eine Orientierung für ein Leben, so wie es Jesus wollte, der uns aufgetragen hat, das Wohl aller und besonders der ‚unter die Räuber Gefallenen’ zuerst zu suchen“ (18).

Nach allen Berichten aus den Comunidades ist dies vor allem deshalb möglich geworden, weil die meisten der gewählten Vertreter der Ronda in der Pfarrei Bambamarca ausbildet wurden und ihre Aufgabe von einem christlichen Engagement her begründen, das sich auch in der Praxis bewährt. Das neue Verständnis von Religion zeigte sich konkret darin, dass man bei einem Viehdiebstahl früher in die Kapelle ging um eine Kerze in der Hoffnung auf ein Wunder anzuzünden und dass der jeweilige Heilige die Kuh wiederbringen möge. Jetzt ging man auch noch in die Kapelle, nun aber um gemeinsam zu überlegen, wie man den Betroffenen helfen kann. Das Wunder bestand darin, dass durch den gemeinschaftlichen Einsatz die Kuh tatsächlich den Bestohlenen zurückgegeben werden konnte, worauf man sich wieder in der Kapelle traf, um Gott für seinen Beistand zu danken.

Ist die Ronda - wie zitiert - die „Seele der Comunidad“, so waren und sind in den meisten Fällen die Katecheten die „Seele der Ronda“. Die Zusammenarbeit der Rondas mit der Pfarrei San Carlos de Bambamarca war bis 1992 sehr eng. Dennoch haben sowohl der Pfarrgemeinderat (die Mehrzahl der gewählten Pfarrgemeinderäte waren auch führende Vertreter der Ronda) als auch die jeweiligen Pfarrer darauf geachtet, dass die Unabhängigkeit der Ronda in keiner Weise beeinträchtigt wurde. Die Pfarrei stellte der Ronda auch ihre Infrastruktur (Versammlungszentren etc.) zur Verfügung. Der Despertar war über viele Jahre hinweg auch ein Sprachrohr der Ronda - ohne ein Instrument der Ronda zu sein - und Vamos Caminando war für alle Ronderos (Mitglieder der Ronda) das Buch, das sie auf der Nachtwache begleitet hat und dessen Lieder sie gesungen haben.Auch die „Zehn Gebote des Ronderos“ sind direkt aus der pastoralen Arbeit her abgeleitet. Diese Gebote wurden Mitte der achtziger Jahre gemeinsam formuliert und werden bis heute auf jeder Versammlung neu in Erinnerung gerufen. Sie bilden die ethische und moralische Grundlage der Ronda, man könnte sie auch als ihre Verfassung bezeichnen (19).

Zehn Gebote des Ronderos

„Die Gebote des Rondero sind Grundsätze, die uns den Weg weisen, auf dem wir zu gehen haben. Es sind Normen und Werte, die ihr Fundament in einer neuen Moral haben, die im un- eigennützigen Dienst an allen Einwohner unseres Vaterlandes steht. Wir wollen für eine Gesellschaft eintreten, in der Friede, Gerechtigkeit, Solidarität und Moral die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens sind. Diese zehn Gebote lauten:

I. Fortführung des befreienden Werkes Christi sowie aller Märtyrer und Helden, damit aus unserem Peru eine Gesellschaft wird, in der Demokratie, Recht und Würde herrschen.
II. Die Ronderos sollen die Ersten in der Arbeit sein und die Letzten, wenn es darum geht, sich zu vergnügen. Die gewählten Leiter sollen ein Vorbild in ihrem persönlichen
Verhalten und in ihrer Treue und Gefolgschaft zur Organisation sein.
III. Unter keinen Umständen stehlen - weder eine einzige Nähnadel, noch ein einziges Blatt einer Pflanze oder ein einziges Stück Brennholz; arbeitsam sein, keine Lüge dulden, weder heucheln noch sein Wort brechen.
IV. Verurteilen der Korruption, der Bestechung und Bestrafen derer, die das tun.
V. Konsequent demokratisch sein: alles mit dem Volk tun und nichts ohne es. Autoritäre
Praktiken unterlassen, nicht opportunistisch sein, kein Caudillo und kein Macho sein wollen. Bestätigung der Gleichheit aller Rechte zwischen Mann und Frau.
VI. Jeder Einzelne unterwirft sich den Beschlüssen der Vereinigten Rondas, die
Minderheiten unterstützen die Beschlüsse der Mehrheit; ebenso unterstützen die un- tergeordneten Gremien die übergeordneten und diese wiederum die Zentrale.
VII. Wir müssen unsere Organisation der Ronda mehr als uns selbst lieben und sie niemals
verraten! Wir dürfen unser Gewissen nicht verraten, weder für Gold noch für Silber, und wir sollen für die Organisation arbeiten ohne dafür eine Belohnung zu erwarten.
VIII. Als Campesinos vereint erreichen wir viel. Zusammen mit den Brüdern und
Schwestern aus der Stadt können wir viel mehr erreichen!
IX. Beschütze die Familie, vor allem die Frau, die Kinder und die Alten!
X. Beschütze die Arbeit, das Vieh, die Saat, unsere natürlichen Ressourcen: Boden; Wasser, Berge und Weiden und alles, was dem Campesinos heilig ist. Achte darauf,
dass ‚NIEMAND MEHR DER CHOLO VON NIEMAND MEHR SEI’. Außerdem wollen wir unsere alten andinen Sitten wieder beleben wie die Minga, die Feste, unsere alte Sprache - die Fundamente unserer peruanischen Nation“ (20).

Der erste Erfolg der Ronda war, dass die Überfälle auf die Landbevölkerung sehr schnell und drastisch zurückgingen. Offensichtlich war den von Kaufleuten bezahlten Dieben das Risiko zu groß geworden. Die kleinen Diebe aus der eigenen Comunidad wurden sehr rasch gestellt und die meisten von ihnen wurden wieder anerkannte Mitglieder der Comunidad. „Die Diebstähle auf dem Land sind fast vollständig verschwunden. Es gibt keine Angst mehr, dass unser Vieh verloren geht oder dass unsere Häuser überfallen werden“ (21). Über diesen unmittelbaren und messbaren Erfolg hinaus, hat die Ronda noch viel mehr erreicht.

Durch die neue Organisation und der damit einhergehenden Erziehung und Katechese wurde sogar die noch vorhandene Angst vor den Geistern der Toten, der Berge etc. überwunden. Wenn man die ganze Nacht, die für die Campesinos immer noch etwas Unheimliches hatte, in der Gemeinschaft Gleichgesinnter verbracht und gut bewaffnete Banden gefangen genommen hat, dann hat man auch keine Angst mehr vor den Mächten der Nacht. „Mit der Ronda und ihrer Erziehung haben wir alte Glaubensweisen überwunden, den Glauben an die umherschwirrenden und bösartigen Seelen, die bösen Geister, die Zauberer... Andererseits haben wir durch die Ronda gute, alte Traditionen unseres Volkes wieder entdeckt: unsere Musik, Tänze, Theater, alte Erzählungen, gemeinschaftliche Arbeit“. Und schließlich: „Wir haben entdeckt, dass wir Ronderos alle der gleichen Schicht angehören, die arm ist, weil sie unterdrückt wird. Wir haben auch entdeckt, dass wir alle Christen sind. Und wir bilden eine Mehrheit. Daher sind wir dazu aufgerufen, eine radikale Veränderung in Peru herbeizuführen und eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen“ (22).

Ein Rondero sagte 1989: „Wir haben 10 Jahre lang für die Ronda gelitten - und wir sind stolz darauf“. Er weist damit auf die große Hingabe und Opferfähigkeit hin, die notwendig war, um die Ronda zu etablieren. Zehn Jahre - und inzwischen sind es 25 Jahre - lang gehen Männer und Frauen mindestens einmal pro Woche auf Nachtwache. „Wenn man die Mühen sieht, die es gekostet hat, sich zu organisieren, alle Bewohner der Zone von der Dringlichkeit des Aufbaus der Rondas zu überzeugen, dies bei allem Unverständnis, den Einwänden und der Unverschämtheit der Behörden zu tun; und wie sie dann zehn Jahre lang Woche für Woche eine Nachtwache übernommen haben, um ihre Familie, ihr Land und ihre Ernte und ihre Tiere zu verteidigen, da stellt man fest, dass es ein wirkliches Leiden war“ (23). 

Auf den Nachtwachen haben die Ronderos ihr Leben riskiert. Meist nur mit Holzstöcken und Macheten bewaffnet, standen sie gut organisierten und ausgerüsteten Banden gegenüber, die ohne Skrupel von der Schusswaffe Gebrauch machten (24). Andere Ronderos wurden wegen Aufruhr angeklagt und mussten ins Gefängnis oder sie wurden - falls sie einmal in die Stadt kamen - von Polizisten verprügelt. Es ist vielleicht der größte Sieg der Ronderos, dass die Ronda trotz allem nicht nur bald wieder von der Bildfläche verschwand, sondern immer stärker und größer wurde.

In den Jahren 1987 und 1988 führten Spaltungsversuche seitens der Regierungspartei APRA zu einer großen Verunsicherung unter den Rondas. Durch falsche Versprechungen, z.B. neue Projekte in der Comunidad, ließen sich einige Comunidades von der APRA manipulieren. Spätestens im September 1988 merkten auch diese Comunidades, dass es der Regierung nicht wirklich um die Interessen der Campesinos ging. Im September 1988 dekretierte die Regierung neue Sparmaßnahmen, die besonders die Campesinos trafen.25 Im Oktober kam es in Bambamarca zu dem bis dahin größten Protest seit 1978. Mehr als 10.000 Campesinos versammelten sich am 26. Oktober auf der Plaza de Armas und als Erfolg dieses Protestes wurde die Einsicht bestärkt, dass die Campesinos nur dann eine Chance haben, auch politisch wahrgenommen zu werden, wenn sie sich nicht auseinander dividieren lassen. Noch während des Protestes wurde eine eigene Kommission gewählt, die eine verbesserte Plattform als Grundlage für alle Comunidades ausarbeiten sollte.

Der Streik der Landbevölkerung dauerte 13 Tage und hat gezeigt, welche Macht die Campesinos hatten. Während dieser Zeit waren das öffentliche Leben und vor allem der Handel in Bambamarca lahm gelegt. Diese Kommission - man könnte sie mit einer verfassungsgebenden Versammlung vergleichen - rief im Namen aller Comunidades zu einem Kongress aller Rondas ein, in der die neue Einheit besiegelt werden sollte. Der Kongress fand vom 28.-31. Mai 1989 in Bambamarca statt. Die Leitung des Kongresses lag in den Händen der Kommission, die neben der Ausarbeitung der neuen Grundlagen auch für das Zustandekommen des Kongresses zuständig war. Es kamen Delegierte aus allen 11 Zonen, insgesamt 296 stimmberechtigte Delegierte aus 124 Comunidades, 61 Delegierte aus benachbarten Regionen und 50 eingeladene Gäste. Der Kongress war dem Andenken von vier Märtyrern gewidmet, die im Einsatz für die Freiheit und die Rechte der Campesinos ihr Leben ließen (darunter Túpac Amaru II. und Erzbischof Oscar Romero von El Salvador). Einer der beiden Präsidenten des Kongresses war Neptalí Vásquez, weitere erfahrene Katecheten spielten auf dem Kongress eine wichtige Rolle. Sie waren die treibenden Kräfte für die Wiederherstellung der Einheit. Ein Einblick in den Kongress zeigt das Anliegen, die Herausforderungen und Aufgabenstellungen der Ronda:

„Ein sehr ernstes Problem für unsere Rondas war, uns spalten oder uns mit den so genannten ‚Rondas Pacíficas’ der Regierung vereinigen zu wollen. Dahinter stand die Absicht vor allem der APRA, die Rondas als unabhängige Organisation zu zerstören. Aber unsere Ronda gehört grundsätzlich keiner Regierung, Partei oder gar einer Sekte. Die Regierung wollte uns kaufen, in dem sie uns einen zinslosen Kredit anbot. Doch erst kamen die Kredite nicht an und danach bekamen sie nur diejenigen, die schon genug Geld hatten oder sie verschwanden gleich in den Taschen der Funktionäre. Die wirklich Armen haben nie etwas erhalten. Sie haben uns Brotkrümel angeboten, aber selbst diese Almosen wären nichts anderes als unser eigenes Geld, denn wir zahlen Steuern. Dasselbe geschieht mit der Verteilung der Lebensmittel. Dies wird nur gemacht, um die Kontrolle über die Campesinos zu gewinnen und sie zu ‚zähmen’.

Mit dem Dekret vom 5. 12. 1988 werden nur noch die ‚Rondas Pacíficas’ als legale Rondas anerkannt. Doch diese Rondas gibt es nicht bei uns; wir werden auch nie zu Handlangern der Militärs werden wollen. Am 12. 3. 1989 haben sie uns ein Ultimatum gestellt: innerhalb von 30 Tagen sollten wir die Bedingungen der Regierung akzeptieren oder wir würden als ‚Terroristen’ angesehen. Aber seither sind 30 Tage, 60 Tage, 120 Tage vergangen und es werden noch viele Jahre vergehen, ohne dass sie ihr Ziel erreichen. Wie sollten wir je für etwas sein, was objektiv gegen unsere Interessen gerichtet ist? Sie erschrecken, wenn wir Armen uns organisieren und unsere Rechte verteidigen. In acht Kommissionen wurden insgesamt 44 Beschlüsse zu acht Bereichen vorbereitet und der Vollversammlung zu Beschlussfassung vorgelegt.

  1. Land- und Viehwirtschaft: In einem mehrheitlich ländlich geprägten Volk muss die Landwirtschaft im Zentrum des Interesses stehen und entsprechend gefördert werden. Es werden Investitionen in die landwirtschaftliche Infrastruktur (Bewässerung, Kanäle, Wiederauffors- tung etc.) gefordert, eine Preisgarantie für Grundnahrungsmittel, bessere Vermarktungs- möglichkeiten, ein Verbot für die Minen, giftige Abwasser in die Flüsse zu leiten, ein Verbot von DDT und anderen Giften, eine soziale Versicherung für die Campesinos usw.
  2. Vereinigung aller Rondas: Die Einheit aller Rondas ist die Voraussetzung für den Erfolg unserer Forderungen; die gewählten Delegierten und Leiter der Ronda müssen durch ihr persönliches Beispiel ein Zeichen der Einheit und der Moral der Campesinos sein.
  3. Die Rolle der Frau: Über lange Zeit wurde die Arbeit der Frau nicht gewürdigt, obwohl sie der Motor für die Entwicklung in der Comunidad und für die häusliche Wirtschaft ist. Die Würde der Frau ist unantastbar, so sagen es die Verfassung und die Bibel. Die  Rondas werden aufgefordert, die Frauen in allen ihren Arbeiten wie Gemeinschaftsküche, Alphabetisierung, Anlegen von Gemeinschaftsgärten etc. zu unterstützen.
  4. Gewalt und Menschenrechte: Das peruanische Volk wird von dem Terror von beiden Seiten bedroht: von der MRTA und Sendero Luminoso auf der einen und vom Militär und paramilitärischen Banden auf der anderen Seite. Vor zehn Jahren gab es noch viel Gewalt und viele Tote in unserer Region, doch mit den Rondas ist diese Gewalt verschwunden. Die Regierungen und die Reichen wollen die Gewalt mit noch mehr Gewalt bekämpfen. Sie vertrauen allein den Waffen und sie kümmern sich nicht um die Probleme, die Gewalt provozieren. Aus Angst vor dem Volk bekämpfen sie sogar die Organisationen des Volkes, die gezeigt haben, dass sie effektiv Gewalt überwinden können. Und auch die andere Seite bedroht uns mit Terror, denn sie denken nicht an das Wohl des Volkes, sondern nur an ihre eigene Macht und Herrschaft. Wir werden daher eine Kommission in jeder Comunidad bilden, die für die Menschenrechte zuständig ist. Wir lehnen strikt jede Form von Gewalt ab, von welcher Seite sie auch kommt. Wir lehnen daher eine Bewaffnung der Ronda durch die Regierung ab, da sie darauf abzielt, uns untereinander zu bekämpfen. Die Kraft des Volkes liegt im Bewusstsein seiner Rechte und in seiner demokratischen Organisation und nicht in den Waffen.
  5. Das Problem des Handwerks: 40% der Campesinos beschäftigen sich auch handwerklich (flechten von Strohhüten, Web- und Lederarbeiten, Schreinerei, Herstellung von Ziegeln etc.). Die Basisprodukte (z.B. Stroh aus Ekuador) sind Objekte der Spekulation. Wir setzen uns als Rondas dafür ein, unsere Produkte gemeinsam einzukaufen und zu vermarkten. Wir brauchen Werkstätten und Schulungen, um unser Handwerk und unsere Produktion zu verbessern.
  6. Regionalisierung: Der Zentralismus in Peru begünstigt eine kleine Schicht in Lima und in den großen Städten des Landes, die ländlichen Provinzen werden völlig vernachlässigt. Wir brauchen mehr regionale Zuständigkeiten und in diesen regionalen Regierungen müssen die Organisationen des Volkes direkt vertreten sein, z.B. die Rondas.
  7.  Gerechtigkeit auf dem Land: Über Jahrhunderte hatten wir keine Rechte. Nach der Verfassung haben wir heute Rechte, doch in der Praxis liegt das Recht in den Händen derer, die Geld und Macht haben. Das Recht verkehrt sich in neue Ungerechtigkeit. Deshalb haben wir angefangen, selbst Recht zu schaffen. Unsere Art der Gerechtigkeit ist der ‚formalen’ Gerechtigkeit weit überlegen. Sie löst Probleme, ist schnell, effektiv und demokratisch. Man braucht nicht viele Papiere und meistens erreicht sie eine Versöhnung. Ziel unserer Gerechtigkeit ist das Verzeihen und die Beendigung von Feindschaften.
  8. Politische Situation (Zusammenfassung): Das Problem der Armut erfordert ein gemeinsames Projekt auf nationaler Ebene, das eine integrale Antwort auf die Gesamtheit aller Proble- me vorschlagen kann. Die soziale und politische Gewalt in unserem Land ist nicht vom Himmel gefallen, sondern sie hat strukturelle und historische Ursachen. Die Organisation und die Mobilisierung der Campesinos stellt in diesem Zusammenhang einen fundamentalen Beitrag dar, um die Ursachen der Gewalt und des Elends zu erkennen und zu überwinden“ (26).

Auseinandersetzungen um die Ronda

Zu ersten Auseinandersetzungen innerhalb der Ronda kam es vor allem zu Beginn durch einige Übergriffe der Ronda, die auch innerhalb der Comunidades Misstrauen erzeugten und Abwehrhaltungen provozierten. Bei 80.000 aktiven Ronderos in Bambamarca und Chota war es nicht zu vermeiden, dass es zu Fehlverhalten kam. Die körperlichen Bestrafungen gingen in der Anfangszeit des Öfteren über das vertretbare Maß hinaus. Vereinzelt kam es auch zu Todesfällen, die Bestraften überlebten nicht ihre Strafe. Erstaunlicherweise war dies für Außenstehende nicht der entscheidende Kritikpunkt, entweder weil es den Städtern gleichgültig war oder weil dies von Campesinos gar nicht anders erwartet wurde, wo es doch selbst unter der Polizei üblich war, Gefangene bis zum Tod zu quälen.

Neben der anfänglichen Härte der Strafe war der zweite wichtige Kritikpunkt, dass immer wieder einzelne Führungspersönlichkeiten ihre Meinung der Mehrheit aufzwängen oder gar mit Hilfe der Ronda eigene Interessen durchsetzen wollten. Bischof Dammert warnte des Öfteren vor einem „totalitärem Geist“, womit er ein System meinte, in dem das gesamte Leben der Campesinos von den Entscheidungen eines Komitees abhängig gewesen wäre. Daher ermahnte er die Katecheten, durch ihre aktive Teilnahme und ihr persönliches Zeugnis in der Ronda, die christliche Botschaft zu verkünden. Vereinzelt waren einige Ronderos nicht dagegen immun, sich von kommunalen Politikern für deren Zwecke einspannen zu lassen und Parteienstreit unter den Campesinos zu provozieren. Die üblichen menschlichen Schwächen wie Alkohol, Untreue, Streit- sucht u.v.m. waren und sind selbstverständlich in der Ronda anzutreffen. Durch starke Vernetzung untereinander und der Offenheit, sich von anderen korrigieren zu lassen, sei es von Katecheten oder unter Comunidades - von außen hatte nur der Bischof die Autorität, kritisieren zu dürfen - konnte aus den anfänglichen Fehlern gelernt werden.

Diese Auseinandersetzungen innerhalb der Ronda waren auf die Dauer aber nicht die gefähr- lichsten Auseinandersetzungen. Vielmehr geriet die Ronda mit zunehmendem Erfolg immer mehr in das Blickfeld mächtiger Interessen. Denn über die lokale Bedeutung hinaus haben die Rondas auch eine nationale Bedeutung erlangt. Am 17. März 1984 begann eine Artikelserie in der Tageszeitung „La República“ (27) über die Ronda, mit ersten ausführlichen Berichten auf nationaler Ebene. Bemerkenswert ist, dass die Journalisten in Lima durch ausländische Berichte über die Ronda auf die Existenz der Ronda in Peru aufmerksam gemacht wurden. „Die bisher in Peru nicht bekannten Erfahrungen der Ronda haben bereits das Interesse in Amerika und Europa geweckt und die folgende Arbeit will diese Erfahrungen erstmals in ganz Peru bekannt machen“.

Für die Journalisten aus Lima waren die Recherchen vor Ort - wie sie selbst sagten -
„eine Reise in eine andere Welt“, von der sie voller Begeisterung und Stolz zurückkehrten. Am Ende der Veröffentlichungen ziehen sie eine Bilanz: „Überall wo sich die Campesinos organisiert haben, lassen sich nicht mehr von korrupten Funktionären, Rechtsanwälten und Richtern erpressen, sie stellen Wucherer an den Pranger, zahlen nicht mehr überhöhte Preise und können ohne Angst um ihr Eigentum ruhig schlafen. Zum einem großen Teil sind die Rivalitäten und Streitigkeiten in und unter den verschiedenen Comunidades verschwunden. Sie besuchen sich gegenseitig und verbrüdern sich, denn sie gehören nun einer gemeinsamen Organisation an. Der Campesino hat erreicht, dass man ihn als Mensch und Staatsbürger respektiert und dass man seine Rechte nicht mehr übergehen kann. Viele Beobachter sehen es als den größten Erfolg der Ronda an, dass in einer der gewalttätigsten Regionen des Landes Friede und Sicherheit eingekehrt ist“.

Innerhalb von zehn Jahren wurden bis 1987 in allen Regionen des Departement Cajamarca und dann in allen Departements im Norden Perus Rondas gegründet. Die Erfahrungen und Erfolge der Rondas von Bambamarca und Chota haben eine Lawine losgetreten und sie wurden auch zu einem wesentlichen Faktor der nationalen Politik. Zu einer ersten Auseinandersetzung und Diskussion auf nationaler Ebene kam es in den Jahren 1985 - 1988, als die jeweilige peruanische Regierung (bereits 1985 unter Präsident Belaúnde, danach Präsident Alan García und nach 1990 Präsident Fujimori) bewaffnete Bauernwehren aufstellte, um dadurch dem Terrorismus des Sendero Luminoso Einhalt zu gebieten - so die Begründung der Regierung.

Diese Einheiten der Regierung bzw. des Heeres wurden von der Regierung „Rondas“ genannt, bilden aber das Gegenteil von dem, was die Ronda von Bambamarca ist. Während die Ronda gerade darauf höchsten Wert legt, unabhängig und demokratisch zu sein und es ihr um die Verteidigung ihres Eigentums (Notwehr, Selbstverteidigung) und ihrer Rechte geht, so stehen die Bauernwehren im Dienst der Regierung und deren Krieg gegen den Terror unter dem Kommando der Militärs. Die Regierung gab diesen Bauernwehren den irreführenden Namen „Rondas Pacíficas“ (friedliche Rondas) um bewusst den Unterschied zu den so genannten „illegalen“ Rondas herauszustellen, die angeblich Gewalt ausüben und die staatliche Ordnung in Frage stellen. Die politischen und militärischen Absichten der jeweiligen Regierungen wurden von den Rondas Campesinas rasch erkannt: es ging darum, die Campesinos zu spalten, sie unter Kontrolle zu bringen und einige Rondaführer äußerten gar den Verdacht, dass die Militärs wohl zu feige waren, um gegen Sendero Luminoso zu kämpfen und daher stattdessen die Campesinos als Kanonenfutter vorschicken wollten.

Interessant ist, wie die Gewalt in Bambamarca eingedämmt und verhindert werden konnte, dass der Terrorismus des Sendero Luminoso in Bambamarca Fuß fassen konnte. In den Zeiten des bewaffneten Terrors in Peru hatten die Terrorbewegungen in Bambamarca und fast allen Teilen der Diözese Cajamarca keine Chance, Mitglieder und Sympathisanten zu gewinnen. Immer wieder haben Mitglieder von Sendero Luminoso versucht, die Rondas zu infiltrieren und unter massiven Drohungen zum bewaffneten Kampf gegen den Staat zu verleiten. Doch die Ronda wies alle Versuche zurück: „Wir halten nichts von der Idee jener, die Probleme lösen wollen, indem sie andere Menschen töten. Sie schaffen nur viel größere Probleme. Denn der Tod bringt noch mehr Elend, mehr Traurigkeit und hinterlässt viele Waisen. Wenn diese Menschen, die den bewaffneten Kampf predigen, in unseren Comunidades auftauchen, dürfen wir sie nicht empfangen. Denn unsere Ronda wurde geboren um Frieden zu schaffen, nicht um zu töten. Wir wollen keine Gewalt, wir werden immer um mehr Frieden kämpfen“ (28).

In der Tat konnte in Bambamarca und im benachbarten Chota Sendero Luminoso nicht Fuß fassen und auch durch Drohungen ließen sich die Campesinos im Vertrauen auf die eigene Stärke nicht einschüchtern (29). Den politisch motivierten Terror gab es vor allem dort, wo nicht organisierte und in Abhängigkeit gehaltene Campesinos mit dumpfen Parolen leicht zum Spielball beider Seiten, der Terroristen und der Militärs, werden konnten und schließlich zwischen den Fronten zerrieben wurden.

Immer wieder haben auch politische Parteien versucht, die Rondas vor ihren Karren zu spannen. Vor allem die APRA und die Vereinigte Linke (Izquierda Unida) wollten die
„Massen auf dem Land“ für ihre Zwecke nutzen. Unterstützt und beraten von Bischof
Dammert, haben die Rondas alle diese Versuche durchschaut und zurückgewiesen. „In den 27 Jahren meiner Anwesenheit in Cajamarca kann ich als Bischof nachdrücklich erklären, dass weder eine politische Partei noch eine gewerkschaftliche Bewegung bisher irgendetwas zum Nutzen der Campesinos getan hat. Es ist bedauernswert, dass von oben versucht wird, Organisationen der Campesinos zu benutzen, um auf Art der Mafia die Wahlen zu manipulieren, damit aus solchen Wahlen dann Individuen als gewählt hervorgehen, die nichts mit dem Land (Campo) zu schaffen haben wollen und infolgedessen auch gar keine legitimen Vertreter des Volkes sein können“ (30). 

Die Ronda versteht sich als politische Kraft, nicht aber als politische Partei im üblichen Sinne. Ihre Politik nach außen besteht darin, die Anliegen der Campesinos zur Sprache zu bringen und nach innen, das Gemeinwohl zu organisieren und für alle da zu sein. Seit den neunziger Jahren versucht die Ronda verstärkt, mit den lokalen staatlichen Stellen zu kooperieren und lädt zu regelmäßigen gemeinsamen Treffen mit dem regionalen Vertreter der Regierung (Präfekt und Subpräfekt), den Polizeikommandanten und dem Staatsanwalt ein. Es ist ein Erfolg der Ronda, dass diese Behörden die Einladung nicht mehr ignorieren können.

Die vielfältigen Vorhaben der Rondas, wie Verbesserung der Infrastruktur, Schulen, bessere landwirtschaftliche Nutzung, Bewässerung etc. haben viele NRO angezogen, die aus solchen Vorhaben gerne ein Projekt für sich gemacht hätten. „Der Campesino war immer ein Opfer von Manipulation, sei es von Behörden, Profesionales, Parteien oder Institutionen. Jetzt gibt es immer mehr Institutionen, die den Campesino manipulieren wollen. Sie denken, dass der Campesino keine Entwicklungsprojekte ausarbeiten und das Geld für die kommunalen Aufgaben nicht verwalten kann. Das dient dazu, ihre eigenen Projekte, die sie sich am Schreibtisch ausdenken, zu rechtfertigen und danach wollen sie diese Projekte im Namen der Campesinos verwalten“ (31). 

Die Rondas beurteilen das vermehrte Auftreten der NRO als Gefahr für die Einheit der Ronda und für eine eigenständige und nachhaltige Entwicklung. Sie fühlen sich von den Profesionales der NRO als unmündige Kinder behandelt. Der geringste Vorwurf an die NRO ist der Vorwurf des Paternalismus. „Es hat keinen Sinn, Bewusstsein und Ge- wissen bilden zu wollen, indem man Bonbons verteilt und zugleich Verachtung und Egoismus zeigt... Wir wollen, dass die Hilfe nicht unsere Würde verletzt und dass sie uns keine falschen Versprechungen machen... Im Allgemeinen sind diese Hilfen im Namen der ‚Nächstenliebe’ nicht geeignet, Arbeit zu schaffen und unsere Produktion zu steigern. Sie dienen zuerst einigen Intellektuellen, die ohne diese Projekte entweder arbeitslos wären oder sie dienen zu deren Zeitvertreib. Sie werden von solchen Projekten angezogen und von ihnen beherrscht und ausgehalten. Man möge verstehen, dass unsere Rondas wenig geeignet sind, als Projektionsfläche für die Frustrationen einiger Weniger zu dienen“ (32).

Diese Vorwürfe beruhen auf konkreten Erfahrungen, zuletzt mit der neuen Leitung des DAS, die von Bischof Simón abhängig ist. Hilfe und Unterstützung bei den von der Ronda entworfenen Projekten wird nicht grundsätzlich abgelehnt. Sie ist nur dann eine echte Hilfe, wenn die Ronda und alle Campesinos als gleichberechtigte Partner ernst genommen werden und die Hilfe nicht die Unabhängigkeit der Organisation gefährdet oder zu korrumpieren sucht.

Die Existenz und die zunehmende Verbreitung der Ronda stießen naturgemäß vor allem bei den Menschen auf Widerstand, die ein Interesse daran hatten, die Campesinos weiterhin ausbeuten zu können. „Diese Leute waren und sind Rechtsanwälte, Richter, Händler, die kleinen Diebe und die großen Diebe. Diese klagen uns immer wieder an, Kommunisten und Terroris- ten zu sein. Sie klagen uns der Amtsanmaßung, der Entführung, der Körperverletzung und des Hausfriedensbruch an. Im Grunde steckt dahinter die Absicht, unsere Organisation zu beseitigen“ (33). Im Abschnitt über den Despertar wurde näher auf die eigentlichen Gründe und Umstände eingegangen, die hinter solchen Anklagen stehen. Der Vorwurf der Amtsanmaßung auf dem Hintergrund der von der Ronda ausgeübten Praxis, Menschen einzusperren, weist freilich auf eine neue Dimension hin. Die Praxis der Ronda ist eine grundsätzliche Herausforderung an das Selbstverständnis und an das Prinzip des Gewaltmonopols des Staates.

Der Streit um die Anerkennung der Ronda begleitet und gefährdet die Existenz der Ronda bis heute Es geht darum, ob der Staat der Ronda erlauben kann - gewissermaßen im Namen und Auftrag des Staates - in ihrem eigenen „Herrschaftsbereich“, Recht zu sprechen und auch all- gemein staatliche Aufgaben zu zerfüllen. Die Mehrheit der peruanischen Verfassungsexperten bejaht diese Fragen, zumal die Rondas ja demokratisch legitimiert sind und lediglich Aufgaben erfüllen, die der Zentralstaat - aus welchen Gründen auch immer - nicht erfüllen kann oder will. Daher macht es Sinn, wenn der Staat Aufgaben delegiert, wo er selbst nicht präsent bzw. aktiv ist.

Dies entspricht auch dem Prinzip der Subsidiarität, auf dem sich moderne, demokratische Gesellschaften aufbauen. Es kann an dieser Stelle nicht festgestellt werden, ob der peruanische Staat demokratisch ist oder nicht oder ob die Existenz und Praxis der Ronda mit der Verfassung in Einklang gebracht werden kann oder nicht. Es war und ist aber für die Gegner der Ronda immer leicht gewesen, mit den genannten Begründungen die staatlichen Organe zu mobilisieren und der Ronda das Leben schwer zu machen. Aufgrund dieser Auseinandersetzungen wurden immer wieder gewählte Rondaführer verhaftet und eingesperrt.

Bischof Dammert und die Ronda

„Ihr habt ein Feuer entfacht, das Hoffnung weckt für die Armen und für alle, die Freiheit und Gerechtigkeit suchen. Auf der Basis eurer eigenen Anstrengungen und eures Kampfes habt ihr erreicht, dass es Frieden gibt in euren Comunidades und ihr habt bewirkt, dass die Achtung vor den Hilflosen und Armen immer mehr wächst. Die Regierung müsste daher euch und die bisher im Stich gelassenen Comunidades unterstützen. Sie darf die Organisationen des Volkes nicht spalten und Uneinigkeit säen. Denn Demokratie bedeutet, Ehrfurcht zu haben vor den Organisationen des Volkes“ (34).

Bischof Dammert hat die Rondas von Anfang an unterstützt und ermutigt. Er hat die Entstehung und die Arbeit der Ronda stets als Teil einer umfassenden Evangelisierung angesehen. Wie an anderer Stelle aufgezeigt, kann eine Evangelisierung, wie sie von Dammert verstanden wurde, nur Wurzeln schlagen, wenn sie in der Praxis erfahrbar wird als ein Zugewinn an Lebensfülle und Lebensqualität. Für ihn gab es noch einen weiteren Grund, die Rondas unein- geschränkt zu unterstützen: sein Einsatz für Demokratie und für eine Politik, die sich an den Bedürfnissen der Mehrheit des Volkes orientiert bzw. die von der Mehrheit des Volkes ausgeht. Wie schon bei der Frage nach der staatlichen Anerkennung der Rondas, so stand er als Bischof und Verteidiger der Indios im ständigen Kontakt mit staatlichen Stellen, um die Campesinos vor Strafverfolgung zu schützen bzw. sie so schnell als möglich aus dem Gefängnis zu holen. Er schrieb wiederholt persönliche Briefe an die verschiedenen peruanischen Präsidenten um sich für die Freiheit z.B. eines Ronderos einzusetzen. Bezeichnenderweise hatten solche Aktionen mehr Erfolg, als der (Um-) Weg über die Justiz.

Seine Auseinandersetzung mit dem Staat und dessen vertretener Rechtspraxis war aber vor allem grundsätzlicher Natur. Es ging ihm um das Wesen von Demokratie. In Bezug auf die Rechtmäßigkeit der Ronda und deren Anerkennung - über eine rein formale Anerkennung hinaus - schreibt er: „Die Organisation der Ronda ist Ausdruck einer gesunden Demokratie, die von der Basis ausgeht, wo alle sich kennen und wissen, wen sie wählen, da die Schwächen und Stärken allen bekannt sind. Der Wert der durch die Rondas praktizierten Demokratie hat sich - ähnlich wie bei den Nachbarschaftsgemeinschaften in den Randzonen der Städte - als dauerhaft erwiesen. Für die Ronderos ist Demokratie nicht zuerst das, was man tun muss, um Kandidaten auf bestimmte Posten des Staates zu hieven, sondern Demokratie ist die Aufgabe, durch gemeinsame Anstrengungen auf sozialer, politischer und kultureller Ebene die Wirklichkeit zu verändern“ (35). 

Die Organisationsform der Ronda und ihre Verantwortung für die Belange der Gemeinschaft bezeichnet er als ein Fundament von Demokratie, auf dem ein demokratisches Staatswesen notwendigerweise aufbauen muss, um eine entsprechende Legi- timation und Autorität erwerben zu können. An anderer Stelle nennt er die von den Ronderos praktizierte Demokratie als „die ursprünglichste und reinste Form der Demokratie“ (36).  Ähnliche Formulierungen lassen sich - Dammert bezieht sich darauf - in Standartwerken über Demokratie finden. Die Qualität der Aussagen Dammerts liegt darin, dass sie auf konkreten Erfah- rungen beruhen, die sich bereits bewährt haben. Von daher beziehen sie auch ihre Autorität.

Im Selbstverständnis der Ronda und von Bischof Dammert wurde unter den Armen eine neue Form der Demokratie geschaffen. Diese Demokratie unterscheidet sich wesentlich von einer Demokratie, wie sie in Europa von der griechischen Klassik her verstanden wird. Die Demokratie Athens war eine Schöpfung der Bürger Athens, während gleichzeitig die Barbaren ausgeschlossen blieben; mehr noch: diese Art von Demokratie beruhte darauf, dass 1.000 Bürger auf Kosten der Sklavenarbeit von Abertausenden von Barbaren lebten und ihren eigenen Lebensstil pflegten und verteidigten (37). Die Demokratiebewegung der Ronda geht den umgekehrten Weg. Sie ist die Selbstorganisation der Campesinos und sie tragen ihre Art der Demokratie in die Stadt hinein.

Nimmt man die Rede von der Globalisierung ernst und versteht man Bambamarca als globales Dorf, dann gilt: es kann nur dann zu einer echten Demokratisierung des Globus kommen, wenn die Mehrheit der Völker nicht nur ihre Anliegen und Interessen einbringen kann, sondern wenn die Armen weltweit zu Protagonisten ihres eigenen Schicksals werden und von ihnen und ihren Bedürfnissen her Wirtschaft und Politik weltweit gestalten werden. Dies zu fordern und vor allem in ihrer eigenen Praxis zu bezeugen, wäre die dringendste und vornehmste Aufgabe der Kirche Jesu Christi (38).

Wie Bischof Dammert verstehen die Ronderos unter Politik, sich gemeinschaftlich und in organisierter Form für die Verteidigung der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Sie bewegen sich notwendigerweise im öffentlichen Raum, zuerst in ihrer eigenen Comunidad, übernehmen Verantwortung und ihre Handlungen sind deswegen stets in diesem Sinne politisch. Von daher ist auch der Streit um die Legitimation der Ronda zu deuten, d.h. dahinter steht die Frage, wer der Staat ist bzw. woher die Vertreter des Staates ihre Legitimati- on beziehen. Wenn - wie Dammert feststellt und dies durch die Erfahrungen der Campesinos bestätigt wird - der Staat über Jahrhunderte hinweg die Interessen der Mehrheit des Volkes mit Füßen getreten hat oder zumindest rechtsfreie Räume entstanden sind, in denen das Recht des Stärkeren herrscht, dann ist das, was die Rondas geschaffen haben nicht nur als eine Art Notwehr zu verstehen, sondern ist als Voraussetzung für eine echte Demokratie zu werten. Es ist das Volk, das sich selbst seine Organisation schafft. Es ist sogar daraus angewiesen, will es als Gemeinschaft überleben, in der sich der Einzelne relativ sicher fühlt.

Es ist zu beobachten, dass der Staat immer dann von illegalen Praktiken spricht, wenn die bisher Rechtlosen ihre Rechte einfordern, während umgekehrt von Rechtmäßigkeit, christlicher Werteordnung, Zivilisation und abendländischer Kultur gesprochen wird, wenn die Besitzenden alle Mittel anwenden dürfen, um ihr Eigentum zu verteidigen. Dies lässt den Schluss zu, dass diese Art von Kultur und Religion vornehmlich darin besteht, möglichst viel Eigentum anzusammeln, das dann unter allen Umständen geschützt werden muss.

Das zweierlei Maß in der Argumentation um die Rechtmäßigkeit der Ronda zeigt sich nach Dammert darin, dass man Rondas Campesinas verbieten will, während zur gleichen Zeit (1988) der Oberbürgermeister von Lima in Absprache mit dem Innenministerium die Aufstellung bewaffneter Bürgerwehren fördert, die in den Wohlstandsinsel von Lima das Recht erhalten, ihr Eigentum zu verteidigen - einschließlich des Rechtes, ertappte Übeltäter auf frischer Tat sofort „in Notwehr“ erschießen zu dürfen. „Angesichts einer derartigen Rechtspraxis ist es lächerlich, die Rondas den Polizeikräften unterstellen zu wollen, während sich anderswo Privatpolizeien und Leibwächter für die Oberschicht nur so häufen“ (39).

In diesem Zusammenhang tauchte die Frage auf, ob sich der Bischof mit seiner Parteinahme für die Ronderos nicht zu sehr in die Politik einmischte bzw. ob die Ronda überhaupt etwas mit Kirche zu tun hat oder nicht. Für Dammert ist die Frage an sich schon widersinnig - und er fragt zurück, mit welchem Interesse und von wem jeweils diese Frage gestellt wird. In einem Interview mit der Tageszeitung „La República“ vom 17. März 1984 antwortet er auf den Vorwurf seiner Kritiker, dass in der Bibel nichts von den Rondas geschrieben steht: „Dieser Vorwurf hat eine lange Vorgeschichte. Spätestens seit dem ‚Rockefeller-Report’ im Jahre 1967 gilt die katholische Kirche nicht mehr als Garant für die Interessen der USA.

Seit daher begann eine starke Infiltrierung nordamerikanischer Sekten in unseren Ländern. Viele dieser Sekten haben zu einem falschen Pazifismus aufgerufen und damit die Comunidades zu spalten gesucht. Natürlich spricht die Bibel nicht von den Rondas, aber sie spricht eine eindeutige Sprache: sie klagt Missstände an und sie verkündet Gerechtigkeit“. Dammert betonte, dass einerseits die biblische Verkündigung, dass alle Menschen Kinder Gottes und Brüder und Schwestern Jesu sind, eine Anklage gegen jede Art von Rassismus, Benachteiligung und Unterdrückung ist. Und andererseits bedeutete ein Schweigen, diese Verhältnisse zu rechtfertigen.

„Die angestrebte politische Enthaltsamkeit der nordamerikanischen Bischöfe macht sie zu Komplizen der weltweiten Herrschaft über die armen Länder. Das traurige Schicksal der Länder der Dritten Welt ist ihre totale Abhängigkeit von den großen Mächten. Die multinationalen Konzerne spielen mit uns wie die Katz mit der Maus“ (40). 

Auch Rolando Estela stellt die Existenz und die Notwendigkeit der Ronda in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang, wenn er feststellt, dass die Campesinos das Recht haben, für alles zu kämpfen, was man ihnen vorher geraubt hat. „Dem peruanischen Campesino hat man sein Land gestohlen, man hat seine Organisation zerstört, seine Sprache und seine Stimme, man hat seine Güter geraubt, seine Frauen, seine Kinder und sein Recht, selbst Gerechtigkeit zu schaffen. Man hat ihm das Recht geraubt, über sein eigenes Schicksal zu entscheiden und seine eigene Geschichte zu schreiben. Jetzt ist der Moment gekommen, dieses Unrecht anzuerkennen und ihm alles zurückzugeben, was man ihm bis heute geraubt hat. Der Campesino hat das Recht, seine eigenen Vertreter zu bestimmen, er hat das Recht, seinem Leben in der Gemeinschaft eigene Normen zu geben und auch dafür zu sorgen, dass diese Normen eingehalten werden“ (41).

Da heute sowohl den Rondas als auch Bischof Dammert von seinem Nachfolger als Bischof von Cajamarca (u.a.) vorgeworfen wird, sich nur um Politik gekümmert und die Religion vernachlässigt zu haben, muss noch einmal auf dieses Thema eingegangen werden. Dafür eignet sich exemplarisch eine Auseinandersetzung Dammerts mit einem Bischofskollegen, dem damaligen Bischof von Tarma in Zentralperu, Antonio Kübler. Kübler, ein gebürtiger Deutscher, steht für alle Bischöfe, die als enge Verbündete von Diktatoren und verbreche- rischen Regime deren Politik rechtfertigen, gleichzeitig aber alle Proteste gegen diese Regime als Einmischung in die Politik und als nicht vereinbar mit dem Glauben verurteilen.

Am 17. Juli 1974 hatte Bischof Kübler an Bischof Dammert geschrieben und ihm vorge- worfen, sich zu sehr um weltliche Dinge zu kümmern und seine eigentliche Aufgabe, die Rettung der Seelen, zu vernachlässigen. Am 31. Juli 1974 antwortete Dammert: „Ihr Brief ist ein neuerlicher Ausdruck ihrer Angst vor der ‚horizontalen Aktion’ einiger katholischen Sek- toren. Diese ihre Befürchtungen lassen sich nicht in Übereinstimmung bringen mit der Tatsache, dass sie sofort und voll zustimmten, die sterblichen Überreste des Generals Odría, dem ehemaligen Präsidenten der Republik, feierlich in die Kathedrale zu überführen. Dies scheint mir, war ein höchst politischer Akt. Die Geschichtsschreibung wird sagen, dass eine der schlimmsten Diktaturen dieses Jahrhunderts in Peru dadurch von der Kirche glorifiziert wurde. Diese Feier wird von einem Prälaten veranstaltet, der sich ironischerweise in seinem Brief an mich auf die Worte Leos XIII. beruft, dass die Kirche allein aus sich heraus bestehe und der Rettung der Seelen diene. Die politische Natur dieser Beerdigung zeigt sich darin, dass die Anhänger Odrías deshalb die feierliche Überführung in die Kathedrale forderten, weil sie dessen Diktatur damit im Nachhinein noch gerechtfertigt sehen.

Gegenüber seinen Gegnern, die nicht wenige waren, erweist sich die Kirche als Rechtfertiger eines despotischen Diktators und einer Diktatur, die sich über alle Menschenrechte hinwegsetzte, die folterte, deportierte und ermordete. Diesem Herrscher wird nun nachträglich das exklusive Recht eingeräumt, in der heiligen Kathedrale seiner Heimatstadt beerdigt zu werden. Es gibt keinen einzigen Präsidenten der Republik, der bisher in einer Kathedrale beerdigt wurde. Es verstößt zudem gegen das bürgerliche Gesetz und selbst dem überaus beliebten und als Heiliger verehrte Bischof von Chiclayo wurde aus diesem Grund das Begräbnis in der Kathedrale verwehrt. Sie haben zudem einen Präzedenzfall geschaffen, der eventuell noch andere Bischöfe in große Schwierigkeiten bringen könnte. Es ist unzweifelhaft, dass Ihre Tat eine höchst politische Tat war, die zudem dem Image der Kirche schweren Schaden zufügt, zeigt sich doch darin wieder einmal die enge Verbindung von Kirche und weltlicher Macht. Ihre Rede von einer Nichteinmischung in die Politik wird durch ihre Taten ad absurdum geführt“ (42).

Fazit

Die Ronda hat ihren Ursprung in Chota, doch ihre eigentliche Bedeutung und Stärke gewann sie in Bambamarca. Die Rondas von Bambamarca bilden heute das Rückgrat für die Organisation der Ronda in allen nördlichen Regionen Perus und bereits darüber hinaus, im Norden bis nach Ekuador und im Süden bis nach Zentralperu. Selbst in den Randzonen und Elendvierteln der großen Städte, auch in Lima, werden immer mehr unabhängige Rondas gebildet. Die Rondas von Bambamarca unterscheiden sich von den Rondas in Chota und einigen anderen Regionen dadurch, dass es in Bambamarca zu weniger Übergriffen der Ronda kam, dass die Erziehung auf der Basis einer neuen Evangelisierung im Vordergrund stand und dass die Ronda in das Gesamtkonzept einer ganzheitlichen Pastoral integriert war.

Nicht zuletzt - im Unterschied zu anderen Regionen - stand die offizielle Kirche, der Bischof, die Mitarbeiter des Bischofs und Pfarrer, auf der Seite der Ronda und die Ronderos sahen im Bischof ihren wichtigsten Verbündeten. Die Ronda von Bambamarca ist ohne die Evangelisierung seit 1963 nicht denkbar. Die Ronderos sehen ihren Einsatz für mehr Gerechtigkeit und für die Würde des Menschen als eine logische Konsequenz ihres Glaubens. Diesen Glauben haben sie als ein Geschenk Gottes erfahren. Die Ronda hat nicht nur dem bewaffneten Terror Einhalt geboten. Vor allem weil die Ronda mehr Gerechtigkeit schaffen konnte, kann ihre Frieden schaffende Rolle nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dieser Einsatz für den Frieden bedeutet für die Campesinos immer auch Kampf und Einsatz für mehr Gerechtigkeit. Friede bedeutet für sie nicht, sich nicht einzumischen, die Hände in den Schoß zu legen und in die lautlose Unterwürfigkeit vergangener Zeiten zurückzukehren.

Es wurde bereits hinreichend darauf hingewiesen, unter welcher Gewalt, Rechtlosigkeit und Willkür die Landbevölkerung über Jahrhunderte hinweg leiden musste. Die Ronda hat einen entscheidenden Beitrag geleistet, dass diese elementare Form von Gewalt zurückgedrängt werden konnte. Denn Gewalt wird überwunden, wenn Kinder sauberes Wasser trinken können, bessere Ernährung haben, wenn sie eine Chance auf Ausbildung haben und wenn sie mit ihren Eltern zusammen nun sicherer leben, weniger Übergriffe befürchten müssen und sich selbst organisieren können - ganz zu schweigen von dem nicht messbaren Bewusstsein, endlich als Mensch respektiert zu werden. Dies alles den Kindern Gottes und der Erde vorzuenthalten, ist die am weitesten verbreitete und tödlichste Form der Gewalt.

In der Sozialpastoral der Diözese Cajamarca nahm die Ronda seit ihrem Bestehen eine maßgebliche Rolle ein. Umgekehrt ist die Ronda von Bambamarca ohne die vorhergehende und begleitende Sozialpastoral der Diözese nicht denkbar. Sowohl für Bischof Dammert und seine Mitarbeiter als auch für die Campesinos ist die Ronda eine Frucht des biblischen Glaubens. Das Beispiel der Ronda wurde in den Comunidades der gesamten Diözese und selbst in der Stadt Cajamarca als Katechese und religiöse Weiterbildung behandelt und weitergegeben. Die Diareihe „Yo me voy para rondar“ (Ich gehe auf Nachtwache), von Sonoviso erarbeitet, wurde z.B. in den Schulen der Stadt im Religionsunterricht verwendet.


Anmerkungen

(1) Neptalí Vásquez, Befragungen des IBC, 1997.

(2) Grupo cultural Quiliche: Los macisos de Pencaspampa. S. 166.

(3) Ebd. S. 169. Die Campesinos unterscheiden zwischen den „kleinen Dieben“ (oder auch den „Dieben der Nacht“) und den „großen Dieben“, („Diebe des Tages“). Die kleinen Diebe sind diejenigen, die hin und wieder einmal eine Kuh stehlen und sind meist selbst Campesinos. Oft stehlen sie aus purer Not und Verzweiflung. Die großen Diebe sind diejenigen, die in Staat und Wirtschaft die Macht haben und von den ungerechten Verhält- nissen profitieren. Ein verbreiteter Spruch der Campesinos lautet: „Sie rauben mit dem Gesetzbuch in der Hand“. Diese Diebe sind schwerer zu besiegen bzw. zu erziehen, denn sie haben die Macht und machen die Gesetze. In globaler Sicht sind die großen Diebe die multinationalen Konzerne und ihre politischen Handlanger, die kleinen Diebe sind lokale Behörden, Händler etc., bis hin zu den Marionettenregierungen der abhängigen Länder.

(4) Ebd. S. 170.

(5) Ebd. S. 171.

(6) Ebd. S. 174.

(7) Beide Comunidades liegen an der Straße von Bambamarca nach Chota. Auf dieser Straße warteten die Lastwagen, um das gestohlene Vieh an die Küste zu transportieren. Die Comunidades entlang dieser Straße waren besonders vom Viehdiebstahl betroffen. Diese Straße führt über Chota weiter an die Küste nach Chiclayo. Der Weg über Cajamarca an die Küste ist länger und wäre auch sonst für die Diebe riskanter gewesen.

(8) Manolo Sevillano: „Kampf und Betrachtung“, ein Rundbrief im März 1979, Übersetzung von Rudi Eichenlaub. Manolo Sevillano wohnte auf dem Land in der Comunidad Maygas, die zu San Antonio gehörte. Ich war ebenfalls auf dieser Versammlung, hatte mir aber keine schriftlichen Notizen gemacht. Eine Aufgabe meiner Arbeit in Bambamarca war die Begleitung der Ronda. Das Bedürfnis der ersten Ronderos nach pastoraler Orientierung war sehr groß. Während der Entstehungszeit der Ronda in Bambamarca war ich zusammen mit Manolo Sevillano der einzige ausländische Mitarbeiter in Bambamarca, über diese Zeit gar der einzige Hauptamtliche in der Pfarrei. Über knapp zwei Jahre hatte die Pfarrei keinen Pfarrer. Der Despertar wurde zu einer wichtigen Hilfe für die Ronda und auch die Ronda sah im Despertar ihre Stimme.

(9) Südwestpresse Ulm, Ausgabe vom 9. 7. 1983. Die Veröffentlichung in der Presse geschah erst, nachdem mir Bischof Dammert den rechten Zeitpunkt signalisiert hatte. Die Campesinos von Catache konnten dreimal die Viehdiebe überwältigen, weil diese sehr sorglos vorgingen. Es gab noch keine organisierte Ronda und regelmäßige Nachtwachen, doch die Campesinos waren aufgrund ihrer Verzweiflung besonders wachsam. In der organisierten Ronda von Bambamarca kam es nicht zu Todesurteilen, vereinzelt aber zu Bestrafungen mit langen Nachwirkungen. Bischof Dammert hat die Tat der Campesinos von Catache als Notwehr anerkannt, obwohl er ein strikter Gegner der Todesstrafe ist. Heute ist Catache - dank der Partnerschaft - eine lebendige Comunidad mit einer gut organisierten Ronda und mit gut ausgebildeten Katecheten.

(10) Los macisos de Pencaspampa. S. 183 - 189.

(11) Ebd. S. 188.

(12) „Seine Geschichte und Herkunft zu entdecken, bedeutet, endgültig den Kolonialismus zu überwinden, d.h. nicht mehr sein zu wollen wie der weiße Eroberer, sondern stolz zu sein auf die eigene Identität“. (Vgl. S. 245).

(13) Ebd. Seite 204.

(14) Ebd. S. 203. Ohne die hier aufgeführten Missstände verharmlosen zu wollen, ist festzuhalten, dass es sich bei solchen Übergriffen im Vergleich zu den üblichen und geradezu selbstverständlichen Misshandlungen und Folterungen in den Polizeistationen und Gefängnissen des Staates geradezu um „Lappalien“ handelt.

(15) Ebd. S. 199. Diese Art der Versöhnung hat wenig zu tun mit dem Prinzip einer Versöhnung, die erzwungenermaßen von oben ausgeht und wo um des „Friedens willen“ Täter und Opfer in gleicher Weise um Schritte auf Versöhnung hin eingeladen werden, was in der Regel auf eine Verhöhnung der Opfer hinausläuft.

(16) Ebd. S. 199
(17) Ebd. S. 200

(18) Berichte von Campesinos, in „Reconóscanse a las Rondas Campesinas...”, von R. Estela, 1986; Seite 20.

(19) Die Gebote sind nicht in einer einheitlichen Form gehalten, ihnen geht eine Präambel voraus. Inhaltlich: Wichtig für die Redakteure war, die drei Säulen der Ronda herauszustellen und sie miteinander zu verbinden: der christliche Aspekt, die andinen Wurzeln und das Recht auf Staatsbürgerschaft (nicht zu verwechseln mit Nationalismus, sondern im Sinne von: wir sind auch Bürger, will heißen: Menschen mit Rechten). Der mit Großbuchstaben herausgehobene Satz ist im Original ebenso hervorgehoben, er ist das Leitmotiv.

(20) Los diez mandamientos del rondero, Archiv IBC

(21) Estela, Rolando: „Reconóscanse a las Rondas Campesinas...”. S. 26.

(22) Estela, Rolando. Ebd. S. 27. Angst vor den Zauberern: Vorher war es üblich, dass bei einem Diebstahl oder einem anderen Unglück, ein Zauberer oder Wahrsager aufgesucht wurde, um z.B. das geraubte Vieh wieder zu bekommen. Dieser verlangte viel Geld, der Erfolg blieb aus. Da diese Wahrsager auch meist Nachbarn oder sogar Familienangehörige der Tat beschuldigten, entstand Hass und Misstrauen in der Comunidad. In diesem Zusammenhang auch ein anderer wichtiger Erfolg der Ronda: bei den vorher häufigen Grenzstreitigkeiten unter Nachbarn und überhaupt jeder Art von Streitigkeiten wurde oft einer der vielen und darauf spezialisierten Rechtsanwälte in der Stadt aufgesucht, die erst einmal viel Geld verlangten, aber meist nichts unternahmen. Nun aber regelte die Rondas diese Angelegenheiten im Gespräch mit den Betroffenen.

(23) Dammert: Decenio Rondero. Artikel in der theologischen Zeitschrift „Páginas“, August 1989 (dort auch das Zitat des Rondero).

(24) Nur in  Einzelfällen besaßen Ronderos einen alten Vorderlader und noch seltener einen Revolver. In einigen Comunidades wurde auch versucht, einige „Schießprügel“ selbst zu bauen. Der Versuch wurde wieder aufgegeben, weil sich in der Ronda die Auffassung durchsetzte, nicht auf Schusswaffen zu vertrauen, weil dadurch die Gefahr, selbst Opfer der Schusswaffen zu werden, größer wurde. Einige Ronderos wurden erschossen, selbst Frauen und Kinder fielen den Überfällen oder anfänglichen Racheaktionen der Banditen zum Opfer. Schon nach drei Jahren konnte aber festgestellt werden, dass nun insgesamt wesentlich weniger Menschen getötet wurden, als zu Zeiten vor der Ronda.

(25) Anfang 1988 versuchte die Regierung unter Präsident Alan García wirtschaftspolitisch das Ruder herumzureißen. Bis dahin war Peru isoliert, weil die Regierung nicht mehr als 10% des BIP für die Zinszahlungen ausgeben wollte. Das Land bekam keine Kredite mehr, Umschuldungen wurden verweigert, die Kapitalflucht stieg stark an, ausländische Investoren zogen sich zurück. Nach Verhandlungen der Regierung im Oktober 1987 mit den 12 einflussreichsten Familien Perus („12 Apostel“ genannt) und danach mit dem IWF (u.a.), gelobte Peru, die Bedingungen der Zinszahlungen und die anderen üblichen Bedingungen des IWF zu akzeptieren.

(26) In einem Heft mit 32 Seiten und Datum vom 31. Mai 1989 wurden die Ergebnisse des Kongresses veröffentlicht und allen Comunidades zugeleitet. Die Darstellung ist eine eigene Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte. Der Bericht wurde mir von Ronderos überreicht und ist auch im Archiv des IBC zu finden. Die Ergebnisse werden hier zitiert, weil sie einen guten Einblick in die Situation bieten. Die Forderungen der Ronda (der „Indios“ weltweit) haben auch unter globalen Aspekten (Bambamarca als globales Dorf) ihre Berechtigung und können mit Forderungen von globalen Initiativen auf dem Hintergrund der Globalisierung verglichen werden.

(27) „La República” war damals und ist bis heute die zweitgrößte seriöse peruanische Tageszeitung. Im Unterschied zur größten Tageszeitung „El Comercio“ stand „La República“ stets in Opposition zu den jeweiligen Regierungen, ohne parteipolitisch gebunden zu sein. Die Artikel über die Ronda zeigen die Ronda in ihrem besten Licht (also nicht sehr kritisch) und als Modell für ein zukünftiges, demokratisches Peru.

(28) Los macisos de Pencaspampa. S. 205.

(29) In „La República“ (15. 4. 1993) wird im Rahmen eines umfangreichen Berichtes über die Ronda unter der Schlagzeile „Jetzt wollen sie die Rondas von Cajamarca liquidieren“ ein General zitiert: „Wir befinden uns im Krieg. Entweder sie kämpfen mit uns und stehen auf der Seite der Regierung oder sie stellen sich außerhalb des Gesetzes und damit gegen uns“. Der Hintergrund: Allein die „Rondas Pacíficas“ wurden als legale Rondas anerkannt und zum Einsatz gegen den Leuchtenden Pfad gezwungen. Die Rondas Campesinas von Bambamarca wurden dagegen mit Terroristen gleichgesetzt. Im Frühjahr 1993 wurden über 100 Führer der Ronda verhaftet und eingesperrt. Die Aussage des Generals ist weltpolitisch heute aktueller denn je („Koalition der Willigen“).

(30) Decenio rondero, hier übersetzt in: „Informationen aus Cajamarca“, Nr. 48, Nov. 1989.

(31) Los macisos de Pencaspampa. S. 207. Die einzige NRO, die das Vertrauen der Campesinos und Rondas von Bambamarca erworben hat, ist das ehemalige DAS, das von engen Mitarbeitern Dammerts gegründet und bis 1999 geleitet wurde. 2001 wurden sie von Bischof Simón mit Zustimmung Misereors (da "bischöfliches Hilfswerk" ! ) endgültig rausgeworfen.

(32) Ebd. S. 208, 209.
(33) Ebd. S. 194.

(34) Bischof Dammert, Ansprache im Gottesdienst zum Jahrestag der Ronda am 5/6. November 1986, veröffentlicht in der Ausgabe des Despertar zum selben Anlass. Zur Illustration der Bericht (Übersetzung) zu diesem Fest in den „Informationen von Cajamarca“, Nr. 39, Februar 1987.

(35) Dammert: Centenio Rondero.

(36) Dammert: La Organización social y la pacificación nacional - Rondas Campesinas en Cajamarca, 1988.

(37) Die Entstehung der Demokratie in den USA in Zusammenhang mit der erklärten Unabhängigkeit von der Willkür eines Monarchen ist damit vergleichbar: eine Handvoll weißer und christlicher Siedler proklamierte zuerst alle Rechte für sich, während sie gleichzeitig die Barbaren zum Abschuss und zur Ausrottung frei gab. Auch die
Unabhängigkeit und Befreiung der übrigen amerikanischen Staaten entspricht diesem Muster.

(38) Aber so wenig die Bürger Athens wie die weißen Siedler in Amerika erkannten, dass ihre Art zu leben und zu glauben den Ausschluss und den Untergang der Barbaren bedeutete, so wenig mögen dies heutige „Weltbürger“ erkennen. So wie die „Städter“ in Bambamarca die Organisationen der Campesinos mit Recht als Bedrohung ihrer Privilegien erfahren haben, so deuten liberale Bürger in den Zentren der Welt die Forderung der Armen und der Barbaren (Indios) nach mehr Gerechtigkeit und gleichberechtigter Partizipation als Anschlag auf die Freiheit und auf die christlich-abendländische Zivilisation, d.h. als Anschlag auf ihren Wohlstand und ihre Privilegien.

(39) Dammert: Centenio Rondero.

(40) Dammert : La présence des missionnaires étrangers dans le Perou. Antwort am 16. 11. 1973 auf eine Umfrage des Institut de missiologie, Fribourg, Suisse, zur Mitarbeit ausländischer Missionare in Peru. Diese Aussage bezieht sich auf die damalige Weisung der nordamerikanischer Bischöfe, dass ihre Missionare sich nicht in die Politik ihres Gastlandes einmischen dürfen. Dammert vertritt dagegen den Standpunkt, dass eine missionarische Aufgabe gerade darin besteht, eine neue Gerechtigkeit zu verkünden - unabhängig von der Nationalität.

(41) Estela, Rolando: „Reconóscanse a las Rondas Campesinas...”. S. 32.

(42) Diese Antwort muss nicht kommentiert werden, es ist aber darauf hinzuweisen, dass Bischöfe wie Kübler heute in Peru in der Mehrheit sind. Besonders der Kardinal von Lima argumentiert wie Kübler.

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