Evangelii Gaudium - III. Kapitel

Drittes Kapitel:  Die Verkündigung des Evangeliums

Mit freudigem und liebevollem Herzen das Evangelium verkünden! Im Zentrum dieser Verkündigung steht, dass Jesus Christus der Herr ist und dass er uns durch seinen Tod und seine Auferstehung erlöst hat (110). Dies schreibt Franziskus als Einleitung für das Dritte Kapitel. Dies könnte man auch als Überschrift für seine Schreiben „Evangelii Gaudium“ verstehen.

Erstaunlicherweise stellt Franziskus nicht die Worte und Taten Jesu Christi in den Mittelpunkt. Er geht vielmehr von einer Christologie aus, die im Nachhinein von Menschen und von oben her und in zeitbedingten philosophischen Begrifflichkeiten des 4. Jahrhunderts definiert wurde. Damit steht er in Kontinuität mit seinen beiden Vorgängern im Petrusamt. Seine Worte lassen auch vermuten, dass er den Tod Jesu eher als ein von Gott gewolltes Opfer versteht und weniger als Konsequenz der Worte und Taten Jesu Christi. Eine derartig mittelalterliche Interpretation würde wenigstens die Ökumene mit den evangelisch-lutherischen Kirchen erleichtern....

I. Das ganze Volk Gottes verkündet das Evangelium

1. Ein Volk für alle
 „Die Evangelisierung ist Aufgabe der Kirche (111)“. Die Kirche ist weit mehr als die hierarchische Institution. Sie ist das pilgernde Volk Gottes, das ihr „letztes Fundament in der freien und ungeschuldeten Initiative Gottes hat“. In der Praxis der lateinamerikanischen Kirche sind dies u.a. die Basisgemeinden, die an den Rändern der Gesellschaft entstehen. In ihrem existentiellen Einsatz für ein Leben in Fülle für alle und in der Nachfolge Jesu werden sie zu Inseln des Lebens inmitten des Todes. Auf diese Weise werden sie zum Zeichen des Heils für diese Welt. In ihnen wird erfahrbar, was die Liebe Gottes zu den Menschen konkret bedeutet.
Diese Zusage und Nähe Gottes gilt allen Menschen (113), selbst denen, die diese Nähe ablehnen. Gott ist es, der den ersten Schritt auf die Menschen hin unternimmt - ohne jegliche Vorleistungen und bevor die Menschen existierten. Da Gott alle Menschen ruft und sie so in Gemeinschaft vereint, kann kein Mensch ohne seinen Mitmenschen glauben und sich als Kind Gottes erfahren. Die (sichtbare) Kirche ist zwar das auserwählte Volk Gottes, sie darf aber nicht der Versuchung erliegen, sich als „exklusive Gruppe“ bzw. „Elitetruppe“ zu verstehen. Alle sind eins in Christus und aufgerufen. Eine solche Kirche ist aufgerufen, Ort der Barmherzigkeit zu sein, „das Heil Gottes in dieser unserer Welt zu verkünden“ (114) und „gemäß dem guten Leben des Evangeliums zu leben“.

2. Ein Volk der vielen Gesichter
Die lateinamerikanische Bischofskonferenz definiert in Puebla 1979: „Mit Kultur wird die Art und Weise bezeichnet, wie die Menschen eines Volkes ihre Beziehung untereinander, mit der Natur und mit Gott pflegen, um ein wahrhaftes und humanes Leben führen zu können" (Kapitel 386). Dies greift Franziskus in den Abschnitten 115 - 118 auf und setzt sich damit auseinander. Es geht um die Inkulturation des Evangeliums in die verschiedenen Kulturen. Inkulturation meint, das Evangelium gemäß den jeweils verschiedenen Kulturen so zu verkünden, dass die betreffende Kultur nicht zerstört, sondern bereichert wird. Da jede Kultur auch von Gott ist und in alle Kulturen schon a priori der Same (das Wort) Gottes eingepflanzt wurde, ist dies möglich. „Die Gabe Gottes nimmt Gestalt an in der Kultur dessen, der sie empfängt (115).  

Es gibt nicht ein einziges kulturelles Modell, sondern das Christentum trägt auch das Angesicht der vielen Kulturen und Völker, in die es hineingegeben und verwurzelt wird“ (116). Erst die kulturelle Vielfalt bringt die Fülle des Evangeliums zur Entfaltung. Auf diese Weise wird die Kirche „Braut, die ihr Geschmeide anlegt“ (vgl. Jes 61,10). Die kulturelle Vielfalt hat ihre Einheit (Klammer) in Gott, in „der Einheit in der Heiligsten Dreifaltigkeit“ (117). „Es würde der Logik der Inkarnation nicht gerecht, an ein monokulturelles und eintöniges Christentum zu denken.“ Daher darf nicht eine bestimmte Form der Inkulturation als allein gültiges Modell durchgesetzt werden. „Die Botschaft, die wir verkünden, weist immer irgendeine kulturelle Einkleidung vor, doch manchmal verfallen wir in der Kirche der selbstgefälligen Sakralisierung der eigenen Kultur“. „Es ist unbestreitbar, dass eine einzige Kultur das Erlösungsgeheimnis Christi nicht erschöpfend darstellt“ (118).

Nimmt man den Papst beim Wort, könnte das bis in die Dogmatik hinein (bei den relativen äußeren Strukturen erstrecht) ein ungeheuerlicher Aufbruch bedeuten. Ist das aber so gemeint? Dann wäre dies ein Bruch mit der bisherigen Praxis. Oder versteht der Papst die seit dem 4. Jahrhundert entstandene Kirche (morgen- und abendländisches Christentum in Lehre und Praxis) eben nicht als Inkulturation, sondern als die von Gott geoffenbarte Norm? So bliebe denn die Frage, ob z.B. die Trinitätstheologie, auf die sich Franziskus bei jeder Gelegenheit bezieht („das heiligste Geheimnis“) für alle Kulturen - zumal in dieser Begrifflichkeit -  in gleicher Weise gültig wäre, also absoluter Maßstab. Was aber können afrikanische und indianische Völker (u.a.) denn damit anfangen?
Im Rahmen z.B. der andinen Kosmologie gäbe es Ansatzpunkte, die Rolle von Jesus dem Christus im Heils- und Weltgeschehen kreativ neu zu deuten. Dies gilt auch für die Rolle und Verantwortung des Menschen innerhalb des Kosmos bzw. im Netzwerk der Schöpfung.

Der ebenfalls ganzheitliche Ansatz afrikanischer Kulturen und ihr Verhältnis zu Tod (Ahnen) und Schöpfung sowie der Beitrag asiatischer Kulturen zum Stellenwert der Gemeinschaft, der Feier und dem Verhältnis zu allen Lebewesen enthalten Werte und Sichtweisen, die nicht nur für die Kirche von unschätzbarem Wert sind, sondern die einen ethischen Wertepool zur Verfügung stellen, der für das Überleben der Menschheit unentbehrlich sein wird - als notwendige Alternative zur herrschenden „westlichen“ Denkweise. Dieser wird von den genannten Kulturen der Spiegel vorgehalten. Gemeinsame Kritikpunkte sind hier u.a. der Dualismus von weltlich - geistlich, Körper - Seele, Subjekt - Objekt, von Wort und Tat und ein übersteigerter Individualismus, der im Nächsten zuerst den Konkurrenten sieht. Ein entsprechender Dialog auf Augenhöhe wäre eine Bereicherung für die Verkündigung und die christliche Lehre, deren Reichtum und Fülle - wie Franziskus ja betont - erst dann sichtbar werden kann, wenn alle Völker und Kulturen dieser Welt ihren Beitrag dazu leisten dürfen. Sie sind sogar dazu aufgerufen, ist doch Gott der Vater und die Mutter aller Völker, auch schon vor dessen Christianisierung. (In Bezug auf den Dialog mit den Kulturen ist hier nicht eine Beliebigkeit gemeint, die sich in individualistischer Heilsperspektive - eigener Wohlstand und Wohlsein, Wellness für die gestresste Seele usw. - erschöpft.)

Rom hat aber bisher alles getan, sein eigenes Modell mit allen Mitteln allen anderen Kulturen aufzuzwängen. Bis in die Gegenwart hinein wurden und werden alle theologischen Bemühungen, bestimmte Werte anderer Kulturen zu integrieren oder zumindest zu respektieren verurteilt (u.a. die lateinamerikanische „Teología India“). Afrikanische und asiatische Synoden finden in Rom statt und folgen römischen Vorgaben. Solche Vorgaben gehen bis hinein in äußere Merkmale und Vorschriften (Zölibat, Riten, usw.), die anderen Kulturen völlig fremd sind. Besonders Benedikt XVI. belegte alles, was ihm selbst fremd war, mit dem Verdikt des Relativismus. Franziskus dagegen sagt: „Manchmal verfallen wir in der Kirche der selbstgefälligen Sakralisierung der eigenen Kultur“ (117). Genau dies ist bis heute geschehen, mit verheerenden Folgen für die Evangelisierung und vor allem die betroffenen Menschen. Franziskus lehnt die Durchsetzung einer bestimmten Kultur aber ab - „so schön und alt sie auch sein mag“.

Weiß Franziskus, was er da eigentlich losgetreten hat, oder ist alles nur ein Missverständnis? Sicher ist aber, dass er auf einer Dezentralisierung der Weltkirche besteht. Das bedeutet mehr Eigenständigkeit und Eigenverantwortung der Ortskirchen weltweit. Selbst wenn man dies zuerst als eine administrative Maßnahme verstehen mag, wird sich dies konsequenterweise nicht darauf beschränken lassen können und wird eine Eigendynamik entwickeln (die nicht „automatisch“ positiv sein muss). Die Frage bleibt, ob „unsere“ Bischöfe genügend darauf vorbereitet und eingestellt sind. Sie werden dies auch nur zusammen mit dem Volk Gottes vor Ort tun können und dürfen. Es könnte sich auch deswegen für eine Überforderung der Bischöfe handeln, weil eine der zentralen „Zulassungsbedingen“ für das Bischofsamt, der demonstrativ gezeigte Gehorsam gegenüber Rom war. Das Volk Gottes, das selbst Träger im vollen Sinne der Evangelisierung ist, muss es als seine seelsorgerische Aufgabe betrachten, dem (leitendem) Klerus zu helfen, sich aus dieser selbstgewählten „Gefangenschaft“ zu befreien.

3. Alle sind wir missionarische Jünger

Das Volk Gottes, die Gemeinschaft aller Getauften, ist in wesentlichen Fragen des Glaubens unfehlbar. Es hat die Gabe, „das zu unterscheiden, was wirklich von Gott kommt“ (119), weil in ihm der Geist Gottes gegenwärtig ist. Das ist keine Relativierung des bisherigen Verständnisses. Das Dogma von der Unfehlbarkeit (1870) sagt nichts anderes. Der Papst kann nur dann eine Glaubenswahrheit für (im Glauben) unfehlbar erklären, wenn er im Namen des gesamten Volkes Gottes handelt. Das Problem entsteht bis heute dann, wenn Päpste von Menschen gemachte und daher zeitbedingte Ordnungen als unfehlbares Glaubensgut des Volkes Gottes, als „göttliche Ordnungen“ verkünden. Ein Papst wird dann übergriffig, wenn er kraft Amtes z.B. die Diskussion um das Diakonat der Frau für lehramtlich geklärt verordnet. Dazu gehören auch einige Fragen der Sexualmoral, des Zölibats usw. Werden diese von Menschen gemachten Ordnungen (z.B. die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt) zu göttlichen Ordnungen erhoben, muss man entsprechend der Lehre der Kirche von einer Häresie sprechen, von einer schwerwiegenden Verfehlung. Und dies erstrecht, wenn das Volk Gottes noch nicht einmal befragt worden war.

Wer unterscheidet letztlich, was wirklich von Gott kommt? Das ist in der Tat keine einfache Frage, die daher einer immerwährenden Diskussion bedarf. Oder wissen denn Papst und Bischöfe kraft Weihe, was der Wille des Volkes ist? Und wäre dies so, wäre dies nicht Leninismus in Reinform oder zumindest ein tief magischer Glaube. Die Bischöfe repräsentieren zusammen mit dem Klerus maximal 0,001% der Getauften. Das bedeutet umgekehrt noch nicht, dass 99,999% immer recht haben und die Frage der Wahrheitsfindung ist keine Frage der Mathematik, noch nicht einmal der Demokratie. Aber es ist darauf zu bestehen, dass Priester und Laien nur zusammen das Volk Gottes und wir nur alle zusammen auf der steten Suche nach Wahrheit sind. Niemand besitzt diese Wahrheit, denn dann wäre er Gott.  

Folgendes Beispiel zeigt, wie weit die Verwirrung schon fortgeschritten ist: Wenn ein Bischof nur andeutet (wie z.B. zuletzt Erzbischof Zollitsch), der Zölibat sei schließlich kein Dogma, gilt das bei den einen schon als Revolution, bei den anderen als Abfall von der Kirche. Dabei ist diese Aussage eine Selbstverständlichkeit. Es gibt aber Bischöfe und Kardinäle, die sagen: „Selbst wenn wir wollten, könnten wir dies …. nicht verändern. Denn Gott selbst hat die Kirche so gewollt wie sie ist“. Papst Franziskus steht vor der großen Herausforderung, diesen Unglauben zu überwinden.
„Jeder Christ ist in dem Maß Missionar, in dem er der Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist“ (120). Wichtigste Eigenschaft, um Missionar zu sein, ist die Liebe – die jeder Mensch von Gott empfangen hat und die er nun an seine Mitmenschen weitergibt. Gerade die „einfachen“ Leute sind oft befähigter als die „Gelehrten“. Denn es bedarf keine langen Vorbereitung, um missionarische Jüngerin zu werden. Einfache Fischer haben die Worte Jesu verstanden, sind seinem Ruf gefolgt und wurden zu Menschenfischern. Und im Johannesevangelium sind es vor allem Frauen, die als Erste verstehen… (z.B. die Auferstehung).

Franziskus bleibt aber bei diesen biblischen Beispielen stehen. Vereinfacht gesagt: Man muss nur Jesus begegnet sein, und alles ist klar, alles wird neu. Sagen dies aber nicht auch alle „wieder erweckten Christen“? Deswegen ist diese Aussage noch nicht falsch, aber welche Praxis und Theologie haben oft gerade diese Wiedererweckten (u.a. G. W. Bush)? Ihre Weltanschauung widerspricht oft diametral dem, was die katholische Kirche lehrt. Der Papst hätte hier zumindest darauf hinweisen müssen. Es wäre naheliegend gewesen, auf andere Beispiele hinzuweisen. Am Beispiel von Basisgemeinden aber wird deutlich, dass auch heute Menschen, die ein offenes Herz haben und die Hunger haben nach Gott und nach dem täglichen Brot, die Ersten sind, die den Ruf Gottes verstehen und sich mit Jesus auf den Weg machen. Sie klagen die herrschenden Missstände an, stehen dagegen auf, leisten Widerstand und verkünden auf diese Weise eine neue Erde, auf der kein Kind mehr verhungern muss.

Bei aller verständlichen Relativierung der wissenschaftlichen Theologie bleibt dennoch festzuhalten, dass jeder Getaufte auch Rechenschaft ablegen können sollte über das, was er glaubt und warum er glaubt. Es geht um das „ewige“ Problem des Verhältnisses von Glaube und Vernunft. Zudem darf nicht außer acht gelassen werden, dass im Volk Gottes, in den Gemeinden und bei der Jugend, das Basiswissen über Grundfragen des Glaubens einen dramatischen Schwund erlebt - und dies trotz Milliardenaufwendungen für Bildungshäuser und Schulen. „Wir müssen uns alle gefallen lassen, dass die anderen uns ständig evangelisieren (121). Jeder Verkünder bedarf  selbst der steten Evangelisierung ohne abzulassen, weiterhin zu evangelisieren. Wer brennt, kann nicht anders, als andere anzustecken und bedarf doch immer wieder neu der eigenen Ansteckung. Der Papst verzichtet an dieser Stelle darauf, auf ein Grundaxiom der katholischen Lehre hinzuweisen, z.B. in Gaudium et spes und den Dokumenten der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen: Die Armen evangelisieren uns. Dabei handelt es sich nicht um irgendeine pastorale Methode, sondern um eine grundlegend biblische und theologische Aussage.

Es folgt dazu eine Zusammenfassung zentraler Aussagen von Gaudium et spes: Die „Zeichen der Zeit“ sind heute Menschen, die um die Anerkennung ihrer Würde ringen, denen man ein „Leben in Fülle“ vorenthält, die ausgegrenzt und diskriminiert werden. Sie sind „die Anderen“ und sie sagen uns wer und wo Gott zu finden ist. Wir begegnen Gott („dem ganz Anderen“) in diesen Menschen, in ihren existentiellen Bedürfnissen, in ihrem Hunger nach Brot und nach Gott, in ihrem Streben nach einem Leben in Würde. Sie sagen uns, was Gott heute uns sagen will und an uns liegt es, diese Zeichen der Zeit wahrzunehmen und als Wort Gottes zu hören und zu deuten. Die Zeichen der Zeit deuten heißt auch, dass Gott einen sehr konkreten Ort (Topos) hat. Er identifiziert sich mit den Hungernden (u.a.), von dort aus spricht er zu uns. Nicht die Frage: Wer ist Gott? sondern wo ist Gott (im „zerfetzten Körper eines Kindes“?) ist die entscheidende Frage.  Die Kirche (wir alle, auch Papst und Bischöfe) muss in diesem Sinne Gott erst entdecken und dies immer wieder neu, sie hat ihn nicht, erst recht kann sie ihn nicht definieren und verwalten, auch nicht qua Institution bzw. Amt. Eine Kirche, die den Menschen dient, muss diese Orte erst entdecken, sie muss aufbrechen und sich auf den Weg machen - erstrecht, wenn sie in der „Wohlstandsgesellschaft“ derart fest verankert ist, dass sie von dieser kaum zu unterscheiden ist. Sie muss ausziehen, nach draußen gehen, vor die Tür - dann wird sie zur Gemeinschaft derer, für die Jesus der Messias ist. Das wäre dann echte Erneuerung und dies wäre die vorrangige Aufgabe jeder Evangelisierung.

4. Die evangelisierende Kraft der Volksfrömmigkeit

In den Abschnitten 122 - 126 beschäftigt sich Franziskus mit der (lateinamerikanischen) Volksfrömmigkeit. Er sieht sich selbst in dieser Volksfrömmigkeit verwurzelt und von daher lässt er sich auch besser verstehen. „Man kann sagen: »Das Volk evangelisiert fortwährend sich selbst.« Hier ist die Volksfrömmigkeit von Bedeutung, die ein authentischer Ausdruck des spontanen missionarischen Handelns des Gottesvolkes ist“ (122). Jedes (evangelisierte) Volk ist Träger und Vermittler der Weitergabe des Glaubens - auf je eigene Weise. Hier bringt Franziskus die Volksfrömmigkeit ins Spiel. Was aber meint er, was versteht er darunter - wo er doch selbst auf viele Gefahren und Fehlentwicklungen hinweist (siehe 69, 70). Ist z.B. das vor allem in Lateinamerika noch sehr verbreitete magische Priesterbild (Priester als Mittler etc.) nun eine Fehlentwicklung oder Teil der göttlichen Offenbarung? Benedikt XVI. hat darauf hingewiesen, dass in der Volksfrömmigkeit „die Seele der lateinamerikanischen Völker zum Vorschein kommt“ (123). Gleichzeitig (ebenfalls in Aparecida, 2007) hat er gesagt, dass die amerikanischen Völker mit Sehnsucht darauf gewartet hätte, das Evangelium kennen zu lernen. Paul VI. schreibt in „Evangelii nuntiandi“, dass in der Volksfrömmigkeit ein Hunger nach Gott zum Ausdruck kommt.

In der Folge fasst Franziskus die wesentlichen Aussagen über die Volksfrömmigkeit zusammen wie sie in der lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Aparecida (2007) veröffentlicht worden sind. „Im Dokument von Aparecida werden die Reichtümer beschrieben, die der Heilige Geist in der Volksfrömmigkeit mit seiner unentgeltlichen Initiative entfaltet“ (124). „Sie ist nicht etwa ohne Inhalte, sondern sie entdeckt und drückt diese mehr auf symbolischem Wege als durch den Gebrauch des funktionellen Verstandes aus“. Insbesondere in der noch sehr lebendigen Tradition der Wallfahrten sieht er das pilgernde Volk Gottes auf dem Weg. Die Volksfrömmigkeit deutet er als Saat des Hl. Geistes in Synthese mit den ansässigen Kulturen. Bemerkenswert ist, das Benedikt XVI. diese Synthese bzw. Vermischung verschiedener Traditionen und Glaubensformen, sogar von Glaubensinhalten, nicht als Relativismus brandmarkt. Die Volksfrömmigkeit wird vielmehr, auch bei Franziskus, als wirksamer Schutzwall gegen eine zunehmende Säkularisierung aller Bereiche gesehen.

Im Dokument von Aparecida (Nr. 259) ist eine Aufzählung von typischen Merkmalen der Volksfrömmigkeit zu finden: „Zu den Ausdrucksformen dieser Spiritualität zählen Patronatsfeste, Novenen, Rosenkranz und Kreuzweg (via crucis), Prozessionen, Tänze, religiöse Volkslieder, die Vorliebe für Heilige und Engel, Gelübde und Familiengebete. Die Wallfahrten heben wir besonders hervor: da ist das Volk Gottes auf dem Weg“.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass der Papst die Volksfrömmigkeit als einen „theologischen Ort“ versteht. Ohne dessen Berücksichtigung und Wertschätzung kann eine neue Evangelisierung nicht gelingen. Ein Vergleich zur kirchlichen Situation in Deutschland zeigt worum es geht: Auch bei uns gibt es viele volkskirchliche Traditionen, die man aus einer gewissen intellektuellen Überheblichkeit heraus bestenfalls als Folklore bezeichnen könnte: Taufe, Erste Kommunion, Firmung, Ehe, kirchliche Feste, Gemeindefeste, Einweihungen etc. werden oft begangen oder gefeiert, ohne die Inhalte wirklich zu kennen oder zu beachten oder zu wissen (rational) warum. Auch eine Neu-Evangelisierung in Deutschland müsste aber zuerst davon ausgehen, wie die Menschen ihren Glauben leben und feiern, was ihnen wichtig ist. Umgekehrt darf es nicht dabei bleiben oder gar, aus Angst, etwas zu verlieren, nur noch das zu tun, was „geht“, bzw. um die Wenigen nicht auch noch (auch aus kirchensteuerlichen Gründen) zu verprellen.

5. Von Mensch zu Mensch

Wie evangelisieren? Wie Zeugnis ablegen von seinem Glauben? Wie etwas von der Freude der Frohen Botschaft weitergeben an andere, vornehmlich Suchende? das sind die Fragen in den Abschnitten 127 - 129. Des Papstes erste Antwort: Von Mensch zu Mensch! Im Alltag, in alltäglichen Begegnungen, mit Nachbarn, in Hausbesuchen, im Beruf - überall gibt es Gelegenheiten zur Evangelisierung.  Der Papst nennt dies „informelle Verkündigung, die man in einem Gespräch verwirklichen kann“ (127).
Das persönliche Gespräch ist der erste Schritt dieser Verkündigung (128). Einmal ins Gespräch verwickelt, kann man beginnen, das Wort Gottes vorzustellen (Schriftlesung). Ideal ist es, wenn man das Gespräch dann mit einem gemeinsamen Gebet abschließen kann. Unwillkürlich erinnert das an die Praxis der Zeugen Jehovas (ohne dies damit abtun oder gering schätzen zu wollen). Aber wie realistisch ist dies z.B. in Deutschland und auch anderswo? Wo doch selbst engagierte Christen kaum in der Lage sind, untereinander über ihren Glauben zu sprechen, geschweige denn Fremde anzusprechen. Von vielen Christen wird dies mit Recht als ein schmerzliches Defizit empfunden.

6. Charismen im Dienst der evangelisierenden Gemeinschaft

„Der Heilige Geist bereichert die ganze evangelisierende Kirche auch mit verschiedenen Charismen“ (130). In der Folge verweist der Papst darauf, dass Charisma sich als echt erweist, wenn es sich in einer Gemeinschaft von Gläubigen (Kirche) bewährt. Die Vielfalt der Geister und Kulturen erweist sich als Chance für mehr Dynamik, Vielfalt statt Einfalt.  Der Papst warnt vor einem Rückzug „in seine eigenen Partikularismen“ (131). Denn sonst Spaltung droht Spaltung und Unfriede.

7. Die Welt der Kultur, des Denkens und der Erziehung

Die abschließenden Abschnitte 132 - 134 handeln von der Begegnung zwischen dem Glauben und der Vernunft. Franziskus ermahnt die Theologen, sich in den Dienst der Verkündigung und der Heilssendung zu stellen „und sie sich nicht mit einer Schreibtisch-Theologie zufrieden geben“ (133). Die Theologie soll helfen, das Evangelium in verschiedenen Kontexten, Kulturen etc. zum Blühen bringen, d. h. die wissenschaftliche Vorarbeit und Begleitung zu leisten. Besonders die Universitäten und katholischen Schulen stellen einen sehr wertvollen Beitrag zur Evangelisierung der Kultur dar“ (134).

Dr. theol. Willi Knecht, agente pastoral (Bambamarca, Peru)


Zusätzlicher Kommentar

Der Begriff „Evangelisierung“  wird in vielfältigster Weise gebraucht und missbraucht. Vor allem in charismatischen   Bewegungen innerhalb der Kirchen wird in einer Weise evangelisiert, die zu Spaltungen und Ausschluss führt. Dies  trifft auf alle Erdteile zu, besonders auf die „jungen Kirchen“ in Afrika und Lateinamerika, aber auch in den USA.  Auch der Vatikan und die ausgewechselten Kirchenleitungen in Lateinamerika haben Konzepte der Evangelisierung entwickelt, die im Gegensatz zu dem stehen, was das Konzil, Papst Paul VI. mit „Evangelii nuntiandi“ und in beispielhafter Weise die lateinamerikanischen Bischofskonferenzen erarbeitet und in die Praxis umgesetzt haben. Leider geht Papst Franziskus nicht auf die genannten Herausforderungen ein. Deswegen wird an dieser Stelle ansatzweise und in Textauszügen dargestellt, was die lateinamerikanische Kirche ausgehend vom Konzil unter Evangelisierung versteht, in folgenden Stichworten:  

Unterscheidung zwischen Evangelisierung in Deutschland und Lateinamerika (verschiedene Standorte - aber zwei Seiten einer Medaille);  Unterscheidung zwischen befreiender Evangelisierung und Re-Evangelisierung (Rom). Das Dok. der peruanischen Bischofskonferenz „Evangelización“  von 1973 wurde maßgebend für  die Kirche in Lateinamerika. Bei der Erarbeitung des Dokuments (wie schon u.a. in Medellín) waren die Erfahrungen einer befreienden Praxis in der Diözese Cajamarca seit 1962 von entscheidender Bedeutung.     

Auszüge:

1.) In Deutschland wird der Begriff „Evangelisierung“ in der Regel anders verstanden als in Lateinamerika. Evangelisierung im christlichen Abendland wird immer noch vorrangig als Weitergabe des bisherigen Glaubens verstanden und meint damit vor allem die Hinführung zum Glauben und dessen Einübung. Daher richtet sich diese Evangelisierung zuerst an Kinder und Jugendliche. Die Sakramentenpastoral, vor allem die Vorbereitung auf Eucharistie und Firmung, steht deshalb im Mittelpunkt der Pastoralarbeit deutscher Gemeinden. Ideologisch aber wird der Begriff der Evangelisierung, wenn man darunter eine Neu- Evangelisierung Europas unter katholischer (besser: römischer) Vorherrschaft versteht.

Zwar haben einige deutsche Pastoraltheologen die Defizite einer Konzentration auf die Sakramentenpastoral und einer damit verbundenen klerikalen Fixiertheit erkannt, doch wie sie selbst sagen, finden ihre Erkenntnisse und Anstöße z.B. in den Seelsorgeplänen deutscher Diözesen und in den Gemeinden selbst wenig Gehör. „Es stehen sich zwei grundverschiedene Konzepte gegenüber: Auf der einen Seite gibt der immer größere Personal-, vorab Priestermangel den Ausschlag... Auf der anderen Seite wird insistiert, dass die Pastoral ihre Tagesordnung von den Herausforderungen der Gegenwart bestimmen lassen müsse“.  Um zu verstehen, was z.B in der Diözese Cajamarca mit Evangelisierung gemeint ist, muss deutlich gemacht werden, was mit Evangelisierung vorrangig nicht gemeint ist:

  • Es geht nicht zuerst um bestimmte Initiationsriten entsprechend den Anforderungen einer christlich-abendländischen Christenheit, eine Einführung von Kindern und Jugendlichen in die Sitten und Gebräuche der (noch) herrschenden Kultur.
  • Es geht nicht um eine bessere Anbindung bzw. Unterwerfung unter die (amts-) kirchlichen Vorgaben einer individuellen Moral mit einem entsprechend individuellen Sündenbewusstsein; aber auch nicht um ein „Evangelium light“, das auf beliebige Weise geplagten Wohlstandsbürgern zu seelischen Erbauungen verhilft.
  • Es geht nicht um eine Wiedergewinnung der ehemals politischen Macht der Kirche und eine damit verbundene christliche Re-Kolonialisierung des Abendlandes.
  • Es geht nicht darum, in einer säkularisierten Welt Nischen und Nester zu bauen, in denen es sich guten Gewissens angenehm überwintern (und träumen) lässt.  
  • Mit anderen Worten: es geht nicht um eine Einführung in die global herrschende Religion der Sieger und deren Götzen, sondern es geht um deren Entlarvung als Mächte des Todes und um die Verkündigung der befreienden Botschaft Jesu.

2.) Die neue Evangelisierung in Lateinamerika geht von dem Armen aus, dem unter die Räuber Gefallenen, dem Anderen als eigenständiges und gleichberechtigtes Subjekt. Sie hat die Ankündigung des Reiches Gottes und die damit verbundene Umkehr als Ziel, sowie ein neues Leben in einer neuen Gemeinschaft. In dieser Evangelisierung bringt sich der Verkünder existentiell mit ein, er wird dadurch ein anderer, er wird selbst evangelisiert. Jeder Getaufte hat den Auftrag zur Verkündigung, jeder Christ ist berufen, die Botschaft Jesu zu verkünden.

Im Unterschied dazu wird in Peru spätestens seit 1992 verstärkt von einer „Neuen Evangelisierung“ gesprochen. Dies geht auf Papst Johannes Paul II. zurück, der die Feier zu „500 Jahre Evangelisierung in Amerika“ zum Anlass nahm, um zur neuerlichen Evangelisierung des Kontinents aufzurufen. Die Neue Evangelisierung läuft Gefahr, sich in ein Produkt des Freien Marktes zu verwandeln, in einen Slogan. Von welcher neuen Evangelisierung sprechen wir? Sind wir wirklich bereit, etwas zu ändern? Diese neue Evangelisierung scheint alle zu begeistern, sie dient in Wirklichkeit nur dazu, das wirklich Neue zu verhindern, von dem das Evangelium spricht. Es handelt sich um einen eher triumphalistischen Kreuzzug, um für die Kirche das verlorene Terrain wiederzugewinnen. Man benutzt dazu extensiv die modernen Medien, mit Programmen aus Europa oder den USA. Die erste Evangelisierung kam zu Pferde’, die neue Evangelisierung kommt via Satellit. Zu beachten ist ebenfalls, dass zumindest in Peru das Wort von einer „Neuen Evangelisierung“ praktisch als Waffe benutzt wird, um die seit 1962 begonnene Evangelisierung im Geiste des Konzils zu diskreditieren. Die in Peru so verstandene „Neue Evangelisierung“ entspricht nicht dem Dokument der peruanischen Bischöfe „Evangelización“, in dem die biblischen Aspekte der Evangelisierung und der ihr innewohnenden Option für die Armen herausgearbeitet werden: „Evangelisieren heißt, die Frohe Botschaft zu verkünden und alles dafür zu tun, dass diese Botschaft die geschichtliche und soziale Effizienz hat, um die Welt in diesem Sinne transformieren zu können“.  

Der von Rom initiierten „Neuen Evangelisierung“ geht es zuerst um die neuerliche Durchsetzung römischer Vorschriften und des römisches Rechts. Deren Durchsetzung hätten Bischöfe wie Dammert u.a. vernachlässigt - so Vorwürfe der „Römer“ - und deswegen sei nun die Kirche in Lateinamerika in die Defensive geraten. Diese „Neue Evangelisierung“ will in die Spur der ersten Evangelisierung zurückfinden - zwar ohne Schwert, aber weiter ohne Anerkennung des Glaubens und der Kultur der alten Völker Amerikas. Es geht in Wirklichkeit um eine unverfälschte Transplantation der römischen Kirche in die jeweiligen Kulturen, weltweit uniformiert im römischen Gewand und ohne Berücksichtigung der jeweiligen und so unterschiedlichen Kontexte.  Wenn nun in dieser Arbeit von Evangelisierung die Rede ist, dann ist eine Evangelisierung gemeint, wie sie in der Diözese Cajamarca auf der Basis der Dokumente des Konzils und der Beschlüsse von Medellín und Puebla geschehen ist. „Für die Kirche Perus bedeutet dies, sich auf die Seite der Unterdrückten und Unterprivilegierten zu stellen“.  

Für peruanische Kirchenhistoriker beginnt die wahre Evangelisierung Perus 1958, als sich die peruanische Bischofskonferenz entschloss, eine Sozialwoche im Januar 1959 abzuhalten. Dieses Ereignis wurde von Bischof José Dammert organisiert. Es zeichnete sich dadurch aus, dass sich die peruanische Kirche erstmals der gesamten Gesellschaft öffnete und durch seine Forderung, die notwendigen wirtschaftlichen und sozialen Änderungen in der Gesellschaft durchzuführen. In der Abschlussansprache sagte Kardinal Landázuri: „Die Kirche stellt sich offen auf die Seite derer, die mit aller Entschlossenheit nach einer gerechteren und sozialeren Ordnung schreien“. Es waren Bischöfe wie Dammert, Luis Vallejos und andere, die für diese neue Evangelisierung stehen, wie sie dann auch in Cajamarca und später in ganz Peru Fuß fassen konnte. Aber es waren nicht nur diese Bischöfe, es waren viele Mitarbeiter und die Campesinos selbst, die Jesu Botschaft vom Reich Gottes in Peru durch ihr Zeugnis verkündeten. Damit die Kirche zur Evangelisierung beitragen kann, muss es Christinnen und Christen, Priester, Ordensfrauen, Ordensmänner und Missionare geben, die mit ganzem Herzen und ganzer Seele mitten in der Geschichte, Kultur und Realität des einfachen Volkes präsent sind. Es muss solche geben, die an Ort und Stelle den unausweichlichen Kampf um Leben und Befreiung auf sich nehmen und zum Zeugnis für das Martyrium bereit sind (Kirche der Märtyrer).

Das Evangelium als Frohe Botschaft wird notwendigerweise von den Menschen, die sich als Opfer der Geschichte und der herrschenden weltwirtschaftlichen Zwänge fühlen, anders verstanden als von den Menschen, die - ob gewollt oder nicht - zu den Nutznießern dieser Geschichte zählen. Die Botschaft Jesu trifft auf Menschen, die unterschiedliche Standorte einnehmen. Die mächtigen Ägypter haben den Ruf Gottes anders vernommen als ihre Sklaven, die Hebräer. Die Mächtigen und Hohen Priester in Jerusalem, als „Kinder Abrahams“ und daher als die bestellten und berufsmäßigen Herren des Tempels und der Wahrheit, haben die Botschaft Jesu vom anbrechenden Reich Gottes anders aufgenommen als z.B. die Aussätzigen, die Ausgegrenzten und die „Hirten von Bethlehem“. Warum sollte es heute anders sein?

3.) Die weltweite Situation der Armut und deren Ursachen werden systembedingt verdeckt. Sie wird auch von Christen verdeckt, die ihre eigenen Verwicklungen in ein System, das weltweites Elend produziert, nicht sehen wollen oder nicht können. „Diese Einstellung gegenüber den Ländern der ‚Dritten Welt’ ist gekennzeichnet durch ein Verdecken der Realität, die aus Herrschaft und Unterdrückung besteht; ein Verschleiern mit einem ideologischen Mantel, der sehr schön, aber nur Fassade ist. Was sie damit erreichen, ist die Verfälschung der Realität. Und genau dies muss aufgedeckt werden“.  

Dies aufzudecken ist Aufgabe einer Evangelisierung gerade in den reichen Ländern. Erst dann wird man nicht nur die Situation richtig sehen lernen, sondern auch biblisch deuten können. Wenn der Kontext von Bambamarca (Stadt - Land) als exemplarisch für die weltweite Realität gelten kann, dann bedeutet eine Analyse dieses Kontextes eine existentielle Herausforderung an die Christen in einem reichen Land. Wie schon beim sozial-politischen Kontext für Cajamarca geschehen, hilft auch hier das Beispiel des barmherzigen Samariters weiter. Christen in Deutschland befinden sich in der Situation des Priesters oder Leviten, die gewohnheitsmäßig ihren Weg zum Gottesdienst im Tempel in Jerusalem gehen. Sie können nicht sehen, dass der unter die Räuber Gefallene etwas mit ihnen zu tun haben könnte und erst recht nicht mit ihrem eigenen Glauben an Gott. Der Mensch im Straßengraben wird nicht als Mensch und nicht als Opfer erkannt. Es zählt nur das Opfer im Tempel. Jesus aber stellt diese religiöse Ordnung auf den Kopf: Es gibt nichts Wichtigeres als der Mensch im Straßengraben. Er ist das „Sakrament Gottes“ (Gutiérrez).

Dem unter die Räuber Gefallenen zu helfen bedeutet, den scheinbar rechten Weg des Glaubens zu verlassen. Nun gilt es aber nicht nur dem unter die Räuber Gefallenen zu helfen, sondern danach zu fragen, wie es zu dem Verbrechen kommen konnte und danach, wie die Wege beschaffen sind, die eigentlich fromme Menschen dazu verleitet - im Vertrauen auf den richtigen Weg - an den Opfern vorüber zu gehen. Wer hat mit welchem Interesse die Wege so gebaut, dass sie zwar zum Tempel in Jerusalem führen, nicht aber zu dem Menschen im Straßengraben? Es geht also darum, als Mensch „auf dem Weg“ seine Verantwortung gegenüber dem Opfer und seine eigene Verwicklung zu erkennen und seinen Weg zu ändern.   

4. Ist es für deutsche Gemeinden schon schwer genug, die Ursachen der Verelendung in ihren Partnergemeinden zu entdecken, so ist es noch viel schwerer, den eigenen Kontext (die Ursachen des Reichtums) zu analysieren. So wie in Peru die Menschen über Jahrhunderte hinweg von einer bestimmtem Kultur, gesellschaftlichen Konventionen und politischen Systemen geprägt wurden, so natürlich auch die Menschen in Deutschland. Mag man auch an manchem Althergebrachtem nicht mehr festhalten wollen, so ist eine grundsätzliche Kritik sehr selten oder erscheint als nahezu unmöglich. Jede Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen von der Wurzel her stellt letztlich auch jeden Einzelnen in Frage, der dann das Gefühl hat, man wolle ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Da auch die Grenzlinien zwischen Gesellschaft und Kirche kaum auszumachen sind, eine klarere Abgrenzung auch gar nicht von der Mehrheit der Gläubigen gewünscht würde, hat die (evangelische und katholische) Kirche die Kraft verloren, Alternativen aufzuzeigen oder gar Widerstand und prophetische Kritik zu üben. Eine Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Kontext wird noch erschwert durch die Auffassung, dass eine solche Arbeit bzw. Beschäftigung und Auseinandersetzung mit wirtschaftspolitischen Fragen nichts mit dem persönlichen Glauben zu tun habe bzw. nicht zum Auftrag der Kirche gehöre.

Im Hören auf den „Schrei der Armen“ (Medellín) hören deutsche Gemeinden, dass Alternativen möglich sind. Wenn sie sich auf die Geschichte der Armen einlassen, entdecken sie, dass selbst jahrhundertlange Unterdrückung und gewaltsame Integration in ein koloniales und gottloses System Menschen nicht davon abhalten kann, den Aufbruch und den Auszug zu wagen. Es ist für die peruanische Gemeinden leichter aufzubrechen als für deutsche Gemeinden. Hören und Lernen heißt in diesem Zusammenhang auch, die eigene Ohnmacht zu erkennen und sich von den scheinbar Schwächeren an der Hand nehmen zu lassen. Es ist keine Schande, sich von den Armen die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählen zu lassen. Sie sind es doch, denen Gott besonders nahe steht (und umgekehrt) und mit ihnen gehen dürfen heißt, die Einladung Gottes anzunehmen und den Weg Gottes zu gehen. Es sind die „Hirten auf dem Felde“ (die Indios, Ausgegrenzte) denen sich der Himmel öffnete und denen zuerst die Botschaft von Jesus dem Messias verkündet wurde.

Deutsche Gemeinden, die sich den Standpunkt ihrer Partner zu eigen machen, werden von dem neu gewonnenen Standpunkt aus ebenfalls „den Himmel schauen“ können. Dies wird nicht möglich sein, wenn sie weiterhin eingeschlossen bleiben in einem goldenen Käfig. Wer in diesem Käfig eingeschlossen bleibt, wird nur sehr schwer das Wort Gottes, das von außerhalb kommt, hören können. Begegnungen mit den Opfern der Geschichte können zum Schlüssel werden, um diesen Käfig zu verlassen und Gott auf der Seite der Armen zu entdecken. Für deutsche Gemeinden und die deutsche Kirche bedeutet dieser Weg, auf vieles zu verzichten. Doch bei genauerem Hinsehen (und Ausprobieren) wird man erfahren, dass es nur Ballast war, den man weggeworfen hat und nun frei ist, ohne Rücksicht auf Privilegien das Wort Gottes zu verkünden.

Auszüge aus:„Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen“ (2004), von Willi Knecht

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