Umfrage Ehe und Familie

Die Reformgruppen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart geben zur Befragung der Kirchenleitung in Rom zum Thema „Familie“ folgende Erklärung ab

Jedem Bischof ist längst klar, dass auch der größte Teil des noch im Gottesdienst anwesenden Kirchenvolks sehr wenig mit der Lehrmeinung der katholischen Kirche zur Sexualität gemein hat. Gleichzeitig werden die tatsächlichen Probleme für die Familien im Kontext unserer Gesellschaftsordnung immer drängender: Kinder als Armutsrisiko, Benachteiligung der Familien, Alleinerziehende, zunehmende Bindungsunfähigkeit…

Wir begrüßen es, dass das Volk Gottes befragt wird („sensus fidelium“). Dies ist ein Zeichen von Papst Franziskus, neue Wege zu gehen. Wir möchten die ausgestreckte Hand (so möchten wir dies gerne deuten) ergreifen, um gemeinsam mit den Kirchenleitungen evangeliumsgemäße Lösungen für die Zukunft zu finden. 

1.    Andererseits zeigen Stil und Inhalt der Fragenliste eine große Entfremdung zwischen Kirchenleitung und Kirchenvolk. Die Lehre der Kirche über Familien- und Sexualmoral wird als weltfremd, unbarmherzig und unglaubwürdig erlebt.
Die Art der Fragestellung lässt zudem vermuten, dass es den Kirchenleitungen vor allem darum geht, wie die bisherige Lehre der Kirche  besser durchgesetzt werden kann.

2.    Trotzdem hat sich ein Teil des Kirchenvolks zu Wort gemeldet und ist zu folgendem Ergebnis gekommen: Beispiel Erzbistum Köln: „Insgesamt wird die Lehre der Kirche als welt- und beziehungsfremd angesehen". Und Kardinal Lehmann: „Die Ergebnisse der Umfrage erzeugen und verstärken, auch wenn sie nicht repräsentativ sind, den Eindruck einer fatalen Situation. Eigentlich wissen wir schon lange darum. Vieles wurde verdrängt". Insbesondere für Jugendliche ist die katholische Lehre zur Sexualmoral ein Grund, die Kirche nicht mehr ernst zu nehmen. Diesen wird deshalb ein Zugang zum Evangelium verbaut und die Weitergabe des Glaubens wird unterbunden.

3.    Gerade in der Familien- und Sexualmoral darf es keine Entscheidung geben, ohne die Betroffenen, ohne das Volk Gottes zu beteiligen. Diese Mitsprache ist unser Recht und unsere Pflicht und spätestens seit dem II. Vatikanischen Konzil auch eine theologische Selbstverständlichkeit (theoretisch). Dies sollte umso mehr in den ureigenen Fragen des Volkes Gottes geschehen – dort, wo die Bischöfe in besonderer Weise darauf angewiesen sind, auf die Menschen zu hören. Die Lebenswelten der Kirchenleitung auf der einen Seite, und von Ehe und Familie auf der anderen Seite, könnten kaum unterschiedlicher sein.

4.    In der Liebe zweier Menschen wird die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott offenbar. In der Liebe überschreitet der Mensch seine Grenzen und wird eins mit Gott und allen Kindern Gottes. Wir können dies aber stets nur ansatzweise leben, nie in Vollendung. Es gibt Brüche, Scheitern, Verzweiflung. Hier ist dann zuerst Barmherzigkeit gefragt, Hilfe und Begleitung. Es geht um hilfreiche Antworten im Geiste Jesu Christi – und dies ist nur möglich, wenn die Lebensfragen der Menschen ernst genommen werden.

5.    Im Vordergrund der Verkündigung sollen wieder die eigentlichen Inhalte der Botschaft Jesu stehen: Umkehr und das Reich Gottes, das sich dann als gegenwärtig erweist, wenn  Menschen das Brot miteinander teilen und gegen den herrschenden Götzendienst aufstehen, damit alle Menschen in Würde leben können, besonders diejenigen, denen dies gewaltsam vorenthalten wird. Das ist auch ein zentrales Anliegen von Papst Franziskus. Wir möchten mit Papst Franziskus diesen Weg gehen und laden die deutschen Bischöfe ein, uns auf dieser Pilgerschaft zu begleiten.

6.    Konkret (kurzfristig): Wir fordern einen transparenten Umgang mit den Ergebnissen der Umfrage: Was gibt unsere Diözese an die Bischofskonferenz weiter, was gibt die deutsche Bischofskonferenz an die Kurie weiter?
Wir ermutigen unseren Diözesanbischof, die beschriebene Entfremdung und die Notwendigkeit einer neuen Familien- und Sexualmoral, die den heutigen wissenschaftlichen Entwicklungen entspricht, bei der Kirchenleitung in Rom ehrlich und engagiert zur Sprache zu bringen. 

Pro concilo, in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft der Priester, der Diözesangruppe von wsk und „Kirche in Bewegung“.

Dr. Willi Knecht (pro concilio), Schlesienweg 99, 89075 Ulm   - Rottenburg, den 30. 01. 2014

             

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