Frauen in der Kirche

Ivonne Gebara: „Frauen in der Kirche”

Kontinentaltreffen der in Lateinamerika tätigen deutschsprachigen Priester (Fidei-Donum-Priester) vom 21.9 - 28.9.2016 in Brasilien, Sao Paulo. Als Gastgeber begrüßte Kardinal Odilo Scherer die Teilnehmer (darunter 6 Frauen im pastoralen Dienst) und hielt einen Einführungsvortrag zum Thema des Treffens: "Kirche im Aufbruch - Horizonte der Hoffnung und Selbstwidersprüche am Beispiel von Papst Franziskus". Dazu sprach im Laufe des Treffens auch der Generalsekretär der bras. Bischofskonferenz, Dom Leonardo Steiner. Unter den Referenten und Teilnehmern waren u.a. Leonardo Boff, Paolo Suess und Ivonne Gebara. An dieser Stelle in Stichworten das Referat von Ivonne Gebara, das ich persönlich für den wichtigsten Beitrag hielt.

Sie sprach über „Frauen in der Kirche": Es geht um ein sehr widersprüchliches Thema. Es wird je nach kulturellen Kontexten verschieden verstanden und diskutiert - z.B. in Brasilien anders als in Deutschland.

- Es geht bei diesem Thema auch um Macht, um Machismo usw. Das Thema ist in Brasilien und ganz Lateinamerika sehr aktuell. Nach 40 Jahren Feminismus gibt es heute mehr Gewalt gegen Frauen als je zuvor - in allen Klassen, sowohl häusliche als auch öffentliche Gewalt.

- Auch in der Theologie von Papst Franziskus gibt es viele Widersprüche. Zwar bringt er eine sehr gute Beschreibung ökologischer Themen, aber in Wirklichkeit handelt es sich bei ihm noch um eine vorökologische Theologie, denn der Mensch ist bei ihm nach wie vor die „Krone der Schöpfung“.

- Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit: „Alle sind gleich“, aber in Wirklichkeit sind nicht alle gleich. Solche Widersprüche sind stets vorhanden, sie gehören zum Wesen unserer Sprache und unserer Denkmuster und man muss sie entsprechend berücksichtigen.

- Es gibt politische, kulturelle, soziale, ideologische usw. Widersprüche. Die Herausforderung besteht darin, diese als solche zu erkennen und zu überwinden.

- Nun zu den Widersprüchen in Theologie und Kirche: So der Widerspruch zwischen der Theologie, Lehre und Praxis, aber auch innerhalb der Theorie selbst und innerhalb der gelebten Praxis. Die Widersprüche finden sich auf allen Ebenen, selbst in mir selbst.

- Auch in den Pfarreien gibt es Widersprüche: Man spricht von einer vorrangigen Option für die Armen, aber in Wirklichkeit dreht sich fast alles um Kult und Sakramente. Es handelt sich um eine Theologie des Kultes. Das reale Leben bleibt außen vor. (Beispiel: Als Ivonne in eine Pfarrei zu einem Vortrag eingeladen wurde, erhob der römische Nuntius Einspruch: „Warum eine Frau hier, die nur Verwirrung stiftet?“).

- In Wirklichkeit entsprechen wir in unserem Handeln den Anforderungen des Apparats und dem, was von uns erwartet und gefordert wird. Dies gilt es zu erkennen und zu hinterfragen. Es gibt „etwas“, das die gleichberechtigte Präsenz der Frau in der Kirche verhindert. Das steckt ganz tief in uns und wir merken dies oft nicht – Kirchenleitungen schon gar nicht.

- Frauen dienen in der Kirche vor allem dazu, dem herrschenden System zu dienen und es zu stabilisieren. Es handelt sich um ein „vorinstalliertes“ hierarchisches System, das fest sowohl in Geschichte, Kultur und Kirche als auch in unseren Denkstrukturen (Synapsen) verankert ist. (Nötig wäre eine Formatierung der „Festplatte“ - Gehirn). Gender wird verteufelt und damit die Vielfalt und der Pluralismus der Identitäten und Geschlechter.

- Freud, Nietzsche u.a. sprechen von einem anderen System und analysieren die Paranoismen des herrschenden Systems. Kardinal Odilo Scherer verbot als Beispiel die Einrichtung eines Lehrstuhls mit dem Namen „Michel de Foucauld“, da Atheist. Das neue Konzept menschlichen Seins und von Mann und Frau findet keinen Eingang in das Denken der Kirche. Freud, Nietzsche und Marx waren der Ausgangspunkt für das Entstehen des Feminismus.

- Es gibt kein Vorverständnis von Menschsein, der Papst spricht aber ständig von vorgegebenen göttlichen Offenbarungen und Ordnungen, z, B. von Gott, der die Menschen liebt usw., als ob Gott ein Mensch (Mann) wäre. Und göttliche Ordnungen, oft mit dem Naturrecht gleichgesetzt, können vom Menschen nicht geändert werden bzw. müssen befolgt werden. Dies widerspricht aber sämtlichen wiss.-modernen Erkenntnissen.

- Kirche: Sie spricht diejenigen schuldig, die diesem modernen Selbstverständnis anhängen. Sie verdammt auch die fem. Exegese und behauptet, Gott will keine Frauen als Priester. Vor allem im Verständnis von Sexualität gibt es unüberbrückbare Gegensätze. Sie behaupten völlig willkürlich, dass Jesus angeblich keine Frauen als Priesterinnen wollte und verbieten gar, darüber auch nur zu diskutieren.

- In den Emotionen zeigen sich in besonderer Weise die Widersprüche. Das Bild von Gott als Mann ist über Jahrhunderte wie fest zementiert in unseren Gehirnen. Es ist die unerlässliche Voraussetzung für ein hierarchisches System. So fällt es der Kirche auch schwer, gegen die permanente Gewalt gegen Frauen glaubwürdig - wenn überhaupt - Stellung zu nehmen.

- Auf linker Seite gibt es viele Bewegungen wie Option für Arme, Landlosenbewegung etc., aber in der Frauenfrage sind auch linke Bewegungen noch sehr machistisch (männlich geprägt) - trotz oft theoretischer Sympathie für den Feminismus.

- Existentialismus: Wir kommen als unbeschriebenes Blatt auf die Welt, wir müssen uns selbst „erschaffen“, unser Leben selbst entwerfen, ohne göttliche Vorgaben. Diese führen zu einer existentiellen Entfremdung und zu einem Leben jenseits der real existierenden Wirklichkeit. --

- Kirche: Immer die anderen müssen sich ändern, denn „wir haben die Wahrheit, die absolute, immerwährende Wahrheit“. Es ist patriarchalisches Denken, wenn wir sagen „Gott macht uns frei“. Doch Freiheit ist als kollektive Freiheit zu verstehen, die gemeinsam erkämpft wird, z. B. die Freiheit, das tägliche Brot zu haben. Freiheit ist nicht zuerst eine Idee. Es ist nicht mein Körper, der sich den kirchlichen „Wahrheiten“ anpassen muss, er wird sonst zum Gefängnis und dies führt zu völliger Entfremdung und Selbstverleugnung.

- Auch wurde z.B. Dorothee Sölle in der ev. Kirche nie respektiert, wie andere Frauen auch nicht, wie auch Luise Schottroff, der man den Lehrstuhl der ev. Theologie entzog, weil sie die Gleichnisse Jesu sachgerecht interpretierte. Die Wahrheit ist exklusiv Männern vorbehalten. Dies dient als Vorwand, um den weiblichen Körper zu beherrschen. Frausein - so das Weltbild der Kirche - definiert sich über die Körperlichkeit, Mannsein über sein „Geistsein“. Das (griechische, nichtbiblische) Weltbild der Kirche ist dualistisch und spaltet den Menschen in Geist und Materie, unsterbliche Seele und sterblicher Körper, usw.

- Papst Franziskus: Auch er hat eigentlich Angst vor den Frauen. „Feminismus, das geht gar nicht“. Auch die Genderfragen lehnt er ab. Er ist (noch) tief verwurzelt im patriarchalischem Denken. Er weicht den eigentlichen Problemen aus.

Fragen

Frage nach dem Modell von Kirchesein? Nach Diakoninnen wie in ersten Jahrhunderten? Wo es Ordinierte gibt, gibt es auch Subordinierte - ewiges Modell der Kirche? Kann Kirche ihre Position radikal ändern, ohne endgültigen Bruch mit orientalischen Kirchen?

Antwort (in Stichpunkten): Viele Frauen in der Kirche haben schon darüber nachgedacht über ihre Rolle als Frau. Doch Männer, auch der Papst, denken nicht über ihre Rolle als Mann nach. Der Papst hat noch nie darüber gesprochen, wer Gott für ihn ist als Mann. Männer denken stets Gott als Mann, aus einer Position der Macht heraus: Gott kann alles, macht alles. Doch es geht darum, dass Frauen Theologie (auch) ausgehend von ihrem Körper betreiben, doch die Männer verstehen dies nicht und falls doch: Sie dulden es nicht.

Diakonat der Frau: Franziskus macht einen Schritt, aber er sagt, die Diakonissen der ersten Jahrhunderte hatten eine andere Rolle als die, wie sie heute gefordert wird. Sie hatten typisch frauliche Funktionen, nicht feministisch. In der päpstlichen Kommission sind zwar Frauen vertreten, aber keine Feministinnen, sondern eher traditionell eingestellte Frauen. Man schafft damit viele Illusionen und Hoffnungen, die aber enttäuscht werden.

Ordination: Es gibt bereits viele christliche Gemeinschaften, die sich davon unabhängig organisieren, vor allem ökumenisch, oder „Ärzte ohne Grenzen“, eine Gemeinschaft, die Leben rettet, ohne irgendwelche „Ordinierte“ zu fragen und ohne „Segen der Kirche“. Was meinen wir, wenn wir „Kirche“ sagen? Papst, Bischöfe? Wer ist Kirche? Lebe ich in einer Gemeinschaft des Glaubens, was ist eine Gemeinschaft des Glaubens? Brauche ich dazu die Kleriker, Ordinierte? Kirche als Gemeinschaft der Jünger*innen Jesu in der Nachfolge Jesu. Kein Mensch ist sub-ordiniert!

Orientalische Kirchen (u.a.): Multikulturelle Gesellschaft, Dialog in Respekt vor dem Anderssein der anderen ist notwendig, ohne Vorbedingungen. Aber laut Johannes Paul II. ist kein gleichberechtigter Dialog möglich, weil nur die kath. Kirche im Besitz der Wahrheit ist.

Göttliches Recht, was heißt das? Auch die Zeugen Jehovas leiten wie die Kath. Kirche das „göttliche Recht“ von der Bibel ab und setzen es mit Naturrecht gleich. Doch es gibt Menschenrechte, wie z. B das Recht auf ein Leben in Würde, unabhängig vom jeweiligen Glauben (Bibel) und Religionen.

Schlusswort:Jede Generation in den verschiedenen Kulturen wird sich stets nach Liebe und Gerechtigkeit sehnen - egal, ob einige Kirchen, der Vatikan und Institutionen untergehen oder nicht. Unsere Hoffnung besteht nicht darin, absterbenden Institutionen neues Leben einzuhauchen. Vielmehr geht es darum, unser Mitgefühl weiter zu entwickeln und mit allen Menschen zusammen an einer neuen Welt zu arbeiten, in der jeder Mensch - unabhängig von Geschlecht, Rasse, Religion usw. - in Würde leben kann. Es gibt viele Auswege für die Frauen, die Jugend, die Voelker. Jesus hat auch nicht den Tempel erneuert. Er hat am Tempel vorbei allen Menschen eine Frohe Botschaft verkündet.

Ivonne Gebara bedankte sich für die Einladung, denn in Brasilien hat sie kaum noch eine Möglichkeit, zus sprechen und zu veröffentlichen. Sie gilt als eine der führenden Vertreterinnen einer  befreienden, feministischen Theologie weltweit. (Feministische Theologie aus dem "Süden", den Rändern der Welt, bedeutet nicht unbedingt dasselbe wie feministische Theologie in Deutschland...).  


Dom Leonardo Steiner, Generalsekretär der CNBB:  “Die Umsetzung des päpstlichen Lehramtes in der Ortskirche“

Einführung: Dank für den Einsatz der Fidei-Donum-Priester für die Menschen in Brasilien und Lateinamerika und Dank an den Papst für seine Schreiben und Ansprachen. Beschränkung im Vortrag auf Evangelii Gaudium (EG). Er sagte, dies sei eigentlich nichts Neues. EG greift lediglich auf und führt weiter, was in Aparecida und von den beiden Vorgänger-Päpsten zugrunde gelegt wurde. Sein Vortrag, wie der von Kardinal Scherer, wurde zwar protokolliert, ging aber an den Erwartungen der Teilnehmer vorbei. Doch ergaben sich danach einige Fragen, mit aufschlussreichen Antworten.

Fragen:

- Welche Position hatte die CNNB (bras. Bischofskonferenz) angesichts der Absetzung von Dilma Rousseff? Die CNNB ist für Respekt vor der Verfassung und für Demokratie. Große Sorge, denn die Armen drohen, nun noch ärmer zu werden.

- Es scheint immer stärkeren Gegenwind gegen den Papst zu geben - stimmt das? Viele Leute sind zufrieden, eher politischer Gegenwind, auch von Laien. Der Traditionalismus ist noch sehr stark. In der Bischofskonferenz gibt es zwar verschiedene Meinungen, aber viel Kollegialität.

- Stichwort Transformation: Wie kann sich die Gestalt der Kirche so ändern, dass die Armen nicht auf der Strecke bleiben? Die Antwort: Eine barmherzige Kirche, die zu den Menschen geht und gleichzeitig offen sein für alle, die kommen. Ein Modus Vivendi der Barmherzigkeit ist das Christsein - dem verlorenen Sohn entgegengehen, sich der „Wegwerfmenschen“ und der Obdachlosen annehmen.

- Absetzung von Bischöfen? Dies ist bei Franziskus nun leichter möglich (2 brasilianische Bischöfe als Beispiel). Bei neuen Bischofsernennungen in Brasilien sind die meisten nicht auf der Linie des Papstes, warum werden diese ernannt? Dies ist auch abhängig vom Nuntius und den Orden, der Papst kann nicht alle kennen.

- Warum ernennen die nationalen Bischofskonferenzen nicht selbst ihre Bischöfe, ist die Kurie so stark? Antwort: Stärker als viele denken! Gefahr der Spaltung ist zu bedenken, Papst kann nicht alles auf einmal durchsetzen. Sein Text über die Synodalität ist phantastisch.

- Wie arbeitet die vom Papst eingesetzte Gruppe der Kardinäle? Es geht um eine Reform der Kurie. Es gibt neu die Kongregation für Familie, für Medien, vieles ist in Planung. Aber es geht langsamer, als man dachte. Es gibt in der „Gruppe der 8“ verschiedene Meinungen.

- Junge Priester wollen oft nichts von sozialer Arbeit wissen? Antwort: Wichtiger ist, dass viele Neupriester nicht so gut mit Laien zusammen arbeiten können. Wir versuchen, dies in der Ausbildung zu vertiefen. Hier ist besonders die Bewegung des Neukatechemunats zu nennen.

- Welche Rolle wird in Zukunft von den Orden im Hinblick auf die zukünftige Rolle und Gestalt der Kirche erwartet? Die Orden haben immer eine wichtige Rolle gespielt. Die Ordensleute sind in der Bischofskonferenz vertreten. Weil es immer weniger Ordensfrauen gibt verschwinden Schulen, Krankenhäuser.... Aber auch in der Pastoralarbeit fehlen Ordensleute. Es gab Ordensschwestern, die „Pfarrer“ waren. In Zeiten des Wandels gibt es immer Schwierigkeiten, z.B. schon im Mittelalter. Danach kam es zu einer Blüte der Kirche.

- Ordensleute werden vermehrt zu Bischöfen ernannt und damit den Orden weggenommen, das ist ein Problem. Antwort: Ja, damit können sogar Ordensprovinzen zerstört (aufgelöst) werden. Frage und Forderung: Das Ordensleben muss einen eigenständigen Weg gehen können. Stattdessen werden die Orden als Lückenbüßer für die Ortskirchen benutzt. Appell: „Lasst uns Ordensleute sein“!

Protokolliert und "übersetzt" von Willi Knecht, als einer der Protokollanten des Treffens.

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