Diözese Rottenburg-Stuttgart

Fachtagung Altenpolitik

I. Beitrag zur Fachtagung "Internationale Altenpolitik" in Bonn (27. Juni 2017)

Zu ewa3: Entstanden 1998, angeregt durch die Studie der deutschen Kirche(n) „Zukunftsfähiges Deutschland“ von 1996. Ausgangsfrage: Wie können wir als Menschen im 3. Lebensalter unsere „globalen“ Erfahrungen in die kirchlichen Hilfswerke (und Politik, Gesellschaft) einbringen? Wir verstehen uns daher als Menschen im „Ruhestand“, mit viel praktischer und gelebter Erfahrung im globalen Süden, meist als „Entwicklungshelfer*innen“. Wir wollen daher:

-       Eigene, vielfältige Erfahrungen einbringen - in die Hilfswerke, in Eine-Welt-Arbeit allgemein, in Gemeinden (kirchlich und kommunal).

-       Mitarbeit an Aktionen von Misereor - im weiteren Sinn: alle Themen von „Weltkirchesein“, z.B. 2017: Klimagerechtigkeit in Burkina Faso als Schwerpunktland und 2016: Brasilien (Amazonien). Misereor bildet den organisatorischen Rahmen für unsere Arbeit.

-       Inhaltlich: „Gerechtigkeit – Frieden – Bewahrung der Schöpfung“ – als ökumenische Initiative seit Beginn der 80er Jahre; heute: Agenda 2030 mit den 17 SDG´s. Aktuelles Beispiel: Erstellung und Verschicken von Wahlprüfsteinen; Planung einer Ausstellung (u.a.). 

-       Bildungsarbeit vor Ort: u.a. in Seniorengremien, Themen einbringen in die KEB bundesweit Veranstaltungen mit Bildungsangeboten für Multiplikatoren in der Seniorenarbeit anregen.

Im Focus steht – wie unser Name sagt – die „Eine Welt“, wie sie sich in dieser Zeit herausbildet – mit all ihren Widersprüchen und Chancen: beachtenswerten und hoffnungsstiftenden Fortschritten, aber auch in ihren unerträglichen und gefährlichen Zuständen, Verhältnissen und Rückschritten.

In der Solidarität mit den Diskriminierten und Ausgegrenzten entdecken wir als Menschen im Dritten Lebensalter unseren „Ruhestand“ – mit all unseren Erfahrungen in und mit fremden Kulturen - als Möglichkeitsraum für politisches und zivilgesellschaftliches Engagement: Wir denken, unser Selbstbild als Deutsche von unserer Rolle in der Welt ist geschönt. In den SDG´s werden die reichen Länder und so auch Deutschland erstmals als „Entwicklungsland“ bezeichnet. Auch wir müssen uns entwickeln, jedes Land auf seine Weise und in Gemeinschaft mit allen: Gegen Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die sich in unserem Land wieder verstärkt bemerkbar machen, möchten wir vom Evangelium her Begeisterung wecken für die besseren Alternativen einer geschwisterlichen und schöpfungsgerechten Welt.

Die im Entstehen befindliche Eine Welt birgt nicht nur große Gefahren, sie birgt auch große Chancen und Befreiungspotenziale im Sinne einer geschwisterlichen Einen Welt! Das vor allem soll deutlich werden.

Unser Focus liegt auf:

a)    „Gegen den Hass“ (Carolin Emcke), gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Chauvinismus.

b)    „Inklusion weltweit“, d.h. auf der Bereitschaft zu weltweitem Ausgleich der Lebenschancen; Ausgrenzung, systematische Ausgrenzung, verstößt gegen fundamentale Menschenrechte, vor allem: ist unvereinbar mit unserem christlichen Glauben.  

c)    der transkulturellen Bereitschaft, in der Begegnung mit „dem Fremden“, dem „Anderen“,  nicht auf das Trennende, sondern auf das Gemeinsame und Verbindende zu achten und so an neuen Lebensformen zu arbeiten. „Leben ist mehr als Überleben“.

d)    Spiritualität: Ein Leben in Würde für alle – im Rahmen der planetarischen Grenzen und damit auch ein Anteil aller an den Gütern unserer gemeinsamen „Mutter Erde“.

           Motto: „Anders Leben, damit andere überleben“ (Jahresmotto von Misereor, 1976!)

Arbeitsskizze (erneuert für 2017 und ff) und Selbstverständnis von ewa3 / Misereor

Bestätigung der beiden Säulen: Altenarbeit (u.a. Mitarbeit bei BAGSO) und „Eine-Welt-Arbeit“.  Wie können wir „rüstige Alte“ besser und mehr für die Eine-Welt-Arbeit begeistern und gleichzeitig damit Menschen im Ruhestand eine Perspektive bieten (Partizipation, Mitverantwortung …)?

Wir, als teilnehmende und erinnernde Personen und als Mitglieder von ewa3 wollen:

  • in einem Prozess der Selbstvergewisserung (z.B. was hat sich in den letzten 50 Jahren nicht alles verändert, gerade auch positive Aspekte?), mit dem Ziel der Weitergabe über Veröffentlichungen, Ausstellungen und an Multiplikatoren
  • unsere eigene Weltsicht hinterfragen und aktualisieren durch Informationen (Fakten, Daten, Entwicklungen aufzeigen....)
  • und durch Überdenken (dekonstruieren) von Haltungen und Einstellungen, durch Wahrnehmung von Motiven, Zielen, Erwartungen, uns immer wieder neu vergewissern,
  • damit zur Positionierung von Misereor und unserer Gruppe ewa3  innerhalb von Misereor beitragen und dessen Projektarbeit insb. für Ältere in den Ländern des Südens bereichern,
  • auch ein Angebot bes. für  Ältere in unserer Gesellschaft, und an die Gesellschaft für den intergenerationellen Austausch machen,
  • dabei Erinnerungen als Vehikel ansehen („Erinnerungen, die der Freiheit dienen.....“), um über das Erzählen - Geschichten verstanden als Lebens-Mittel und Sinn-Stifter - auch zu einem Geschichtenspeicher beitragen und Zeit-Zeugen zu sein, die mit einem reflektiertem Welt- und Selbstbezug zu einem besseren Weltverständnis beitragen.

Weitere Stichworte:

  1. Alte und neue Leidenswege/Ungerechtigkeiten in der Einen Welt mit dem Verständnis einer Schicksalsgemeinschaft beschreiben und die Erfahrungen alter Menschen als Bereicherung erfahren.
  2. Hoffnungszeichen und Hoffnungsträger identifizieren als Wege zum Empowerment (hier besonders für alte Menschen) und der Gestaltung von Inklusion weltweit.
  3. Selbstwirksamkeit erkennen lassen auf dem Weg zu einer neuen Beheimatung in der Einen Welt (angesichts wachsender Unsicherheiten, Zumutungen, Überforderungen...).  

Ø  Haltung zeigen und Praxis gestalten

Zum Schluss noch eine persönliche Erfahrung (u.a. jahrelange Arbeit und Zusammenleben in indigenen Gemeinschaften in den Anden): Alte Menschen in den ärmsten Ländern stehen bisher nicht im Fokus entwicklungspol. Zusammenarbeit, auch nicht bei kirchlichen Hilfswerken. Dabei könnten wir sehr viel von solchen Kulturen („Andine Kosmovision“) lernen, gerade auch in unserem Verhältnis zur Schöpfung, Leben in Gemeinschaft, Fürsorge für Alte und Schwache; Stichwort: „Buen Vivir“ (Gutes Leben)!

Beispiele:

  • Was geschieht mit den Alten, wenn Junge weggehen oder flüchten (müssen und können)?
  • Zerbröseln alter Familientraditionen in nahezu allen Kulturen – Familie als „Absicherung“ im Alter fällt immer mehr aus.
  • Landflucht weltweit, zurück bleiben oft der „Alten“ in verlassenen Dörfern, auf dem Land…
  • Weder staatliche noch private Absicherung, Beispiel: In Peru (u.a.) sind 80% aller „Werktätigen“ im informellen Bereich tätig, daher keine Krankenversicherungen, erstrecht keine Rente – bei jetzt schon sehr prekären (Über-) Lebensbedingungen ...

Dr. theol. Willi Knecht, zusammen mit Jörg Siebert Sprecher von ewa3


Moderation des Workshops: Option für die Armen - anlässlich von 50 Jahre Weltkirche Diözese Rottenburg-Stuttgart (1. Juli 2017)

Meine Einleitung - Statement

„Der Reiche tut Unrecht und prahlt noch damit, der Arme leidet Unrecht und muss um Gnade bitten. Bist du ihm (dem Reichen) nützlich, ist er um dich bemüht, brichst du zusammen, lässt er dich im Stich“. (Jesus Sirach Kap.13, 3-4)

Kurz vor der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils sprach Johannes XXIII. am 11.9.1962 zum 1. Mal von einer Kirche der Armen: „Die Kirche will eine Kirche für alle sein, vor allem aber eine Kirche der Armen.“ Im Konzil selbst sprachen dann einige Bischöfe (u.a. Kardinal Lercaro) von der Notwendigkeit einer Kirche mit den Armen und der Armen und bezeichneten dies als die„authentischste Art, die wahrhaftige Kirche Jesu Christi zu sein“  (siehe auch der Katakombenpakt von 16. 11. 65 – eine Selbstverpflichtung der Bischöfe, kein Programm.)

Bischof Dammert von Cajamarca, übrigens Koordinator der Bischöfe des Paktes in LA, trug danach in Medellín die entscheidende Vorlage zur Armut vor. „Bei dem Thema ‚Armut’ erreichte ich die lehramtliche Zustimmung. Das Thema war von Gustavo Gutiérrez ausgearbeitet worden, aber es wurde von mir als mein eigener Beitrag vorgetragen. Es war das zentrale Thema“. (Armut Kap 14, das aus einer befreienden Praxis heraus entstand).

Schon in Medellín werden die weltweit herrschenden Strukturen als „institutionalisierte Gewalt“ (Kap 2, 16) bezeichnet. In Lateinamerika spricht man von der „Sünde der Welt“ oder den „Strukturen der Sünde“, wie es selbst Johannes Paul II. (1987) formulierte. Es sind Strukturen, die dem Menschen seine Würde rauben, weil sie den Mammon über den Menschen stellen. Dies alles ist im Wesen dessen begründet, was die Bibel als Götzendienst und als die „Ursünde“, die Versuchung schlechthin, bezeichnet. Papst Franziskus knüpft wieder daran an und führt es weiter.

Puebla: „Der Auftrag der Kirche muss der sein, den Jesus Christus vorgelebt hat: Solidarität mit den Bedürftigsten. Sie sind als Gottes Ebenbild geschaffen und als seine Kinder. Deswegen – vor allem auch weil sie Opfer von Ungerechtigkeit sind - ergreift Gott Partei und liebt sie. Daher sind sie die ersten Adressaten seiner Liebe und unseres Auftrags als Kirche. (Kap. 1141, 1142). Den Armen zu dienen ist die privilegierteste, wenn auch nicht ausschließliche Art und Weise, Christus nachzufolgen. Die vorrangige Option für die Armen bedeutet, Christus als unseren Erlöser/Befreier („Salvador“) zu verkünden (Kap. 1153)

Zusatz inPuebla, in Bezug auf Medellín: Es geht nicht nur um Werke der Barmherzigkeit („caridad“), sondern es geht vor allem darum, Gerechtigkeit zu üben, die Ursachen und Mechanismen der Armut und Ausgrenzung zu entlarven. Eine Situation der Ungerechtigkeit und extremer Armut  widerspricht fundamental der Botschaft des Evangeliums.   

Oscar Romero: „Die Welt, der die Kirche dienen muss, ist die Welt der Armen und die Armen entscheiden, was es für die Kirche heißt, wirklich in dieser Welt zu leben. Die Kirche wird verfolgt, weil sie die Armen verteidigt. Was sie tut, ist nicht mehr und nicht weniger als das Unglück der Armen zu teilen. Die Armen sind der Körper Christi heute. Durch sie lebt er heute, in der Geschichte“ (März 1980, kurz vor seinem Tod)

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Ergänzend drei Stichworte (im lateinamerikanischen Kontext, Sprachgebrauch)

  1. Option für - Opción por  > großer Unterschied: „por“ bedeutet: um der Armen willen: „Für die Armen“ wird dagegen oft als reine bzw. caritative Hilfe für Arme verstanden.
  2. Solidarität: die Situation derer teilen, mit denen man sich solidarisiert: Jesus > Kreuz, in Volkssprache und Theologie: Arme als Christusse dieser Welt – die wahre Imitatio Dei
  3. Volk - Pueblo  > Im Konzil neu: Kirche als „Volk Gottes“, dies hatte und hat in LA viel tiefere Bedeutung als bei uns, dieser Begriff beinhaltet in sich schon eine Option. Denn mit „pueblo“ sind die etwa 80% der Bevölkerung gemeint,           die weitgehend ausgegrenzt  sind bzw. in prekären Verhältnisse leben.

..haben den Hunger satt!

„Wir haben den Hunger satt!“

Die diesjährige Fastenaktion von Misereor steht unter dem Leitwort: „Wir haben den Hunger satt“. Jeder sechste Mensch auf der Erde muss hungern. Aber Hunger ist nicht in erster Linie ein Problem des Mangels, sondern der ungleichen Verteilung bzw. gezieltenVerknappung. Weltweit schrumpfen die Anbauflächen, die Erträge sinken und der sich ausweitende Anbau von Agrarrohstoffen und Viehfutter hat der Produktion von Lebensmitteln den Rang abgelaufen. Zudem sind Nahrungsmittel auf den Finanzmärkten zu einem interessanten Anlageobjekt geworden. Die Präsidenten der drei kontinentalen Bischofskonferenzen von Asien, Afrika und Lateinamerika nennen als ein Hauptproblem unserer Zeit: Die Gier nach immer mehr Rohstoffen und Land. „Der Reichtum an Rohstoffen und Land macht uns arm“.

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Kirche auf FairHandeln-Messe

„In allen Religionen steckt die Sehnsucht nach einer gerechteren Welt“ (Interview DBK-Weltkirche)

Bis Sonntag informieren rund 150 Aussteller aus dem In- und Ausland auf der Stuttgarter Messe über Fair Handeln. Mit einem eigenen Weltmarktplatz sind auch die beiden großen Kirchen vertreten, wie Willi Knecht aus dem Diözesanausschuss Eine Welt berichtet. Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche spricht der Theologe über die Idee des fairen Handelns, die neue globale Nachhaltigkeitsagenda und über die Rolle der Kirchen in der Entwicklungspolitik.

Frage: Herr Knecht, vom 31. März bis 3. April findet die FairHandeln-Messe in Stuttgart statt. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart gestaltet dort zusammen mit der evangelischen Kirche einen eigenen Weltmarktplatz. Was findet der Messebesucher hier vor?

Knecht: Die FairHandeln-Messe ist nach eigenen Angaben die größte ihrer Art in Deutschland. Die Bandbreite der Aussteller und Angebote ist sehr groß – meiner Meinung nach zu groß und oft willkürlich. Wie der Begriff „Nachhaltigkeit“  wird „fair handeln“ inzwischen in vielen Geschäftsbereichen und von vielen Konzernen als schicke Etikette benutzt bzw. ausgebeutet. Zusammen mit der Messeleitung und der grün-roten Landesregierung haben die Kirchen versucht, diejenigen Gruppen zusammenzufassen und einzuladen, von denen die ursprüngliche Idee des fairen Handelns seit den 70er Jahren entwickelt worden war. Solche Eine-Welt-Gruppen sind nun auf dem neu gestaltetem Weltmarktplatz zu finden – gewissermaßen unter einem gemeinsamen Dach und entsprechend herausgehoben vom üblichen Messebetrieb.

Der Theologe Willi Knecht hat für die Diözese Rottenburg-Stuttgart an den entwicklungspolitischen Leilinien des Landes Baden-Württemberg mitgearbeitet.

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