Gemeinsam auf dem Weg

Gemeinsam auf dem Weg: Partnerschaft deutscher Kirchengemeinden mit Gemeinden der Diözese Cajamarca - Anspruch und Wirklichkeit

Hier handelt es sich um die erste - nicht veröffentliche - Fassung einer Studie über kirchliche Gemeindepartnerschaften (1999). Es werden an dieser Stelle nur Abschnitte präsentiert, die in den folgenden Fassungen nicht berücksicht wurden oder stark gekürzt werden mussten. Unter dem Menu "Gemeindepartnerschaften" werden u.a. die endgültigen Versionen gezeigt. DIe wichtigsten Aussagen und Ergebnisse wurden letztlich aufgenommen in den Sammelband: "Die globale Verantwortung - Partnerschaften zwischen Pfarreien in Deutschland und Peru" , (Elmar Klinger, Willi Knecht, Ottmar Fuchs, Echter 2001). Zu diesem Sammelband siehe unter Globalisierung - Die globale Verantwortung.

Meine Dissertation "Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen" (2004, Fundamentaltheologie, Klinger) hat das Hauptthema der Studie (1997 - 2004) zum Inhalt: Die befreienden Aufbrüche einer "Kirche der Armen" in Lateinamerika in der Folge des Konzils und dann besonders von Medellín. Darin spielen auch die Partnerschaften bzw. das Verhältnis von reicher Kirche - armer Kirche eine wichtige Rolle.

Ich selbst verstehe mich als Mitglied einer "Kirche der Armen", die aus der Perspektive der Ausgegrenzten (Opfer) die Bibel deutet - beauftragt von "meinem" Bischof José Dammert, den in Basisgemeinden organisierten Campesinos von Cajamarca und den beteiligten Partnergemeinden.

Urprüngliche Gliederung - die meisten Abschnitte werden aber hier nicht aufgeführt, da in eigenen Kapiteln (siehe die folgenden Artikel auf meiner Webseite). 

Einleitung

I. Teil: Die Partnergemeinden - eine Brücke über den Abgrund?
 1. Die peruanischen Gemeinden

     Die Stimme von Campesinos aus den Partnergemeinden
 2. Die deutschen Gruppen

II. Teil: Praxis der Partnerschaft
 1. Die Frage nach der Kirche als Gemeinschaft aller Gläubigen
 2. Kommunikation (Besuche, Projekte, Begegnung, Kommunion)
 3. Einheit (Trennung) von Sozial und Pastoral
 4. Konflikte und die Frage der Einmischung

III. Teil: Partnerschaft als Lernfeld einer ganzheitlichen Pastoral
            - als Katechese und Hinführung zum Glauben in Gemeinschaft
 1. Partnerschaft als Katechese des Glaubens
 2. Einige Hinweise zum Gelingen einer Partnerschaft (in Stichworten)
     a) Ort in der Kirche
     b) Kommunikation und Begegnung
     c) Inhaltlicher Austausch
     d) Geld und Projekte
 3. Diskussion um die Partnerschaft
     a) Umgang mit Konflikten
     b) Die Bedeutung des Bischofswechsel in Cajamarca
     c) Partnerschaft als neue Form des Kolonialismus?
 4. Partnerschaft als Sakrament
 5. Partnerschaft - eine Option für die Armen

Einleitung 1
Bereits in der Überschrift des Artikels werden zwei Aspekte herausgehoben, um die es hier vorrangig geht. „Gemeinsam auf dem Weg“ weist auf die spezielle Beziehung zur Diözese Cajamarca hin. Der Titel wurde in Anlehnung an „Vamos Caminando - Machen wir uns (gemeinsam) auf den Weg“ gewählt. Dem liegt das biblische Bild des Volkes Gottes zu Grunde, das den Ruf Gottes hört und das sich unter seiner Führung auf den Weg aus der Sklaverei in das Gelobte Land macht. Im Neuen Testament ist es u.a. das Bild von den Jüngern von Emmaus, die sich enttäuscht von Jerusalem abwenden und denen auf dem Weg mit einem Fremden, Unbekannten ein Licht aufgeht. Sie erkennen den auferstandenen Christus, als er mit ihnen das Brot bricht. Gemeinsam als Volk Gottes auf dem Weg sein (Umkehr, Aufbruch), miteinander teilen, was der Mensch zum Leben braucht und die österliche Erfahrung der bleibenden Gegenwart Gottes, sind die tragenden Fundamente christlichen Glaubens und von „Kirchesein“.

Sie sind auch die Fundamente einer christlich verstandenen Partnerschaft (sowohl einer Partnerschaft zwischen zwei Menschen als auch einer Partnerschaft zwischen christlichen Gemeinschaften). Das Volk Gottes ist stets als Gemeinschaft unterwegs. Dieses Volk ist in (mitunter sehr) verschiedenen Gruppen organisiert, den Gemeinden weltweit. Die Gemeinde als überschaubare Gemeinschaft von Menschen, die den Ruf Gottes hören, sich (mit anderen Gemeinden) auf den Weg machen, das Brot miteinander brechen und sich so als Tischgemeinschaft erfahren, repräsentiert stets auch die gesamte Kirche, sie ist Kirche im Vollzug, sie ist Kirche.

Sie ist diese Kirche um so authentischer, wenn sie in ihrem Vollzug und in ihrer Praxis die anderen Gemeinden in der Welt nicht ausschließt (was sie per definitionem gar nicht kann), sondern wenn sie gerade diejenigen in ihr konkretes Leben mit einschließt, die sonst nach den global herrschenden ökonomischen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt ausgeschlossen werden.

Dem ausgegrenzten Volk offenbart Gott seinen Namen und als das Volk Gottes auf den Ruf hört und sich auf den Weg macht, erfährt es diesen Gott als Gott der Befreiung, der sein Volk nicht im Stich lässt, sondern der immer da ist. Wenn in einem zweiten Aspekt von Gemeindepartnerschaften die Rede ist, dann ist die Partnerschaft zweier Gemeinden in allen ihren Dimensionen (inhaltlich und strukturell) gemeint. Schließlich verstehen die befragten Gemeinden auch selbst ihre Partnerschaft als Gemeindepartnerschaft.

War der Begriff der Gemeindepartnerschaft vor noch nicht allzu langer Zeit nur selten anzutreffen, so ist es vor allem seit den achtziger Jahren zu einer inhaltlichen Vertiefung gekommen. Die Zahl der Gemeindepartnerschaften hat stark zugenommen. Das hat aber auch zu einer wahren Inflation und damit zu einer Gefahr der Verwässerung des Begriffes beigetragen. Unter dem Titel „Partnerschaft“ werden von immer mehr Gemeinden kleinere Projekte in Eigenregie finanziert bzw. bisherige Spendenaktivitäten weitergeführt. Alle an der Befragung teilnehmenden Gemeinden wollen jedoch über dieses (Anfangs-) Stadium ihrer Partnerschaft hinaus, sie befinden sich auch in dieser Hinsicht „auf dem Weg“. Dieser Weg soll im folgenden beschrieben werden.

Im ersten Teil werden die peruanischen und deutschen Partnergemeinden vorgestellt und kommen selbst zu Wort. Die Stimme der peruanischen Partnergruppen ist von entscheidender Bedeutung. Ihre Bedürfnisse haben Priorität. Institution Kirche und Wissenschaft (Theologie) haben von daher entweder eine dienende Funktion oder sie sind entbehrlich.

Eine Option für die Armen rückt die Armen in das Zentrum (d.h. andere Optionen und Interessen sind sekundär) und sie ist Ausgangspunkt für weitere Überlegungen. Die Vorstellung der Gemeinden,(der Basis) ist die Plattform (Basis) für die beiden folgenden Teile. Sie ist die Interpretationsfolie sowohl für die Praxis der Partnergemeinden und deren Deutung als auch für die daraus abgeleiteten Lösungsvorschläge.

Im zweiten Teil steht die gelebte Praxis der Partnerschaften im Mittelpunkt. In ausgewählten Schwerpunkten wird auf strukturelle Defizite im Selbstverständnis und in der Praxis deutscher Gemeinden hingewiesen, so wie sie sich aus der Befragung der Gemeinden ergeben haben. Die Schwerpunkte wurden deshalb ausgewählt, weil in ihnen grundlegende Themen von Christsein und Kirchesein sichtbar werden und dies insbesondere im Vergleich mit peruanischen Partnergemeinden (vor allem in ihren jeweiligen Basisgruppen).

Grundlage für die entsprechenden Vergleiche und Feststellungen bilden die Antworten aus den Fragebogen, die von allen Partnergruppen bearbeitet wurden. Es wäre interessant zu sehen, wie eine deutsche Partnergemeinde ihrer peruanischen Partnergemeinde ihren eigenen Kontext den Partnern gegenüber beschreiben und vermitteln würde (was hier nicht geschehen ist).

Im dritten Teil wird die Partnerschaft schließlich als Lernfeld präsentiert - als ein Ort, in dem das eingeübt werden kann, was deutschen Gemeinden (und Kirche) offensichtlich so schwer fällt: Einheit von Sozial und Pastoral; Gemeindeverständnis und Kirchesein; Option für Arme; Partnerschaft als ganzheitlicher Vorgang. In der Begegnung mit peruanischen Partnergemeinden können deutsche Gemeinden eine Orientierung für ihren Weg finden. Auf diesem Weg wird Gott sich ihnen zu erkennen geben als der, der bereits mit ihnen auf dem Weg ist.

Einleitung 2

1962 begann mit dem Amtsantritt von Bischof José Dammert Bellido in Cajamarca, Peru, für die Campesinos (stellvertretend für alle Ausgegrenzten) eine Zeit der Hoffnung und konkreter Schritte auf dem Weg des Volkes Gottes aus dem Sklavenhaus in das Land, in dem alle Menschen das haben, was sie zum Leben brauchen: Brot, Gemeinschaft, Identität, Würde, Anerkennung und die Gewissheit der Gegenwart Gottes unter ihnen (1). Deutsche Kirchengemeinde durften die Campesinos auf ihrem Weg begleiten.

Es gab es in der Diözese Cajamarca fünfzehn Gemeinden, die mit deutschen Gemeinden das Wagnis einer Partnerschaft eingegangen waren. Die deutschen Gemeinden wurden im Dezember 1992 von der Nachricht überrascht, dass Bischof Dammert als Bischof von Cajamarca und Präsident der peruanischen Bischofskonferenz überraschend schnell nach Vollendung seines 75. Lebensjahres zurücktreten musste (2). Als sich darauf immer deutlicher herausstellte, dass sein Nachfolger ein anderes Verständnis von Partnerschaft, Kirche, Rolle der Laien etc. hatte, entstand das Bedürfnis, aus Treue zu dem bisher zurückgelegten Weg, den Aufbruch der Kirche in Cajamarca und den gemeinsamen Weg seit 1962 zu dokumentieren und Perspektiven für eine Kirche des Volkes Gottes auf der Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Dokumente von Medellín, Puebla und den Erfahrungen der Campesinos von Cajamarca, aufzuzeigen.

Den beteiligten Partnergemeinden - in Deutschland und in Peru - wurde auf diesem Weg deutlich und mitunter sehr heftig vor Augen geführt, dass sich ihre Partnerschaften in einem starken Spannungsfeld bewegen: dem zwischen Institution und Person. Partnerschaft hat immer einen hohen personalen Anspruch. Eine Partnerschaft zwischen katholischen Kirchengemeinden lebt von konkret handelnden Personen, sie hat es aber notwendigerweise mit einer institutionellen Wirklichkeit zu tun, die den Rahmen der in der Folge beschriebenen Partnerschaften bildet.

Treibender Motor der Gemeindepartnerschaften sind zudem einzelne Personen, die an Institutionen gebunden sind und sich auch von ihrem Selbstverständnis her als in die Kirche eingebundene Personen verstehen (sowohl Laien als auch Priester). In diesem Spannungsfeld geschieht Partnerschaft. Wie geht man mit dieser Spannung um und wird sie überhaupt richtig wahrgenommen? Sind die Gemeinden auf solche Spannungen vorbereitet?

Hinzu kommt der Umstand, dass die in Peru und Deutschland handelnden Personen sich im Kontext eines jeweils anderen historischen und sozialen Umfeldes bewegen. Von diesem verschiedenen Hintergrund ausgehend (der eventuell zu nur schwer mit einander vereinbarenden Interessen führen kann, z.B. in der Frage nach einer Option für die Armen) steht die Frage nach der Möglichkeit einer „katholischen Kirche“, die aufgrund eines gemeinsamen Fundamentes und eines gemeinsamen Zieles die so unterschiedlichen Partner an einen Tisch bringen kann (im biblischen Sinne) im Mittelpunkt.

Sind aber die kirchlichen Strukturen (sei es, dass es jeweils verschiedene Traditionen von Kirche gibt, sei es die Kirche in ihrer real existierenden Verfasstheit als Ganzes) so geschaffen, dass sie diesen Dienst auch tatsächlich leisten kann? Oder sind sie gar ein Hindernis auf dem Weg zu einer Gemeinschaft, in der die Armen als zuerst Eingeladene die Reichen (auch die „Wissenden“, die „Frommen“ usw.) an den gemeinsamen Tisch bitten und sie lehren das Brot zu teilen um auf diesem Wege die reale Gegenwart Gottes erfahren zu können?

Ein weiteres Spannungsfeld ist die - ebenfalls im Grundsatz selbstverständliche - Kluft zwischen der Praxis der Partnerschaft und der Idee bzw. dem Ziel der Partnerschaft. Der Partnerschaftsbegriff wird von den Gruppenmitgliedern überwiegend praktisch und pragmatisch verstanden. In diesem Artikel wird auf das Ziel von Partnerschaft besonderen Wert gelegt (ohne die Schwierigkeiten des Weges zu ignorieren - im Gegenteil).

I. Teil: Die Partnergemeinden - eine Brücke über den Abgrund?

In vielen (entwicklungspolitischen, theologischen u.a.) Untersuchungen und Stellungnahmen wird auf die wachsende Kluft zwischen reichen und armen Ländern hingewiesen. So hat Papst Johannes Paul II. bereits 1984 auf seiner Reise nach Kanada in Edmonton darauf hingewiesen, dass (sinngemäß) die armen Ländern eines Tages über die reichen Länder zu Gericht sitzen werden, weil die reichen den Menschen in den armen Ländern alles rauben bzw. vorenthalten, was diese zu einem menschenwürdigen Leben brauchen. Ist auf diesem Hintergrund eine Partnerschaft zwischen einer reichen und armen Gemeinde möglich, wie kann dies funktionieren und kann eine solche Partnerschaft eine Brücke sein, die beide auseinanderbrechenden Welten zusammenzuhalten vermag?

Trotz aller Schwierigkeiten wird hier die These vertreten, dass Partnerschaften nicht nur eine Brücke, sondern dass sie eine notwendige Voraussetzung sind, um überhaupt von katholischer Kirche reden zu können. Neben dem verschiedenen „Standort“ ist ein weiterer bemerkenswerter Unterschied zwischen den deutschen und peruanischen Partnergemeinden festzustellen. Die Idee der Partnerschaft hat in den deutschen Gemeinden ihr Fundament im Zweiten Vatikanischen Konzil und den damit verbundenen Aufbrüchen (auch wenn der konkrete Anlass für eine Partnerschaft oft eine persönliche Begegnung war). In Cajamarca entstanden Partnerschaften meist als „Reaktion“ auf Impulse von außen sowie wegen Bischof Dammert und seinem eingeschlagenen Kurs (der auch in Deutschland Eindruck gemacht und Interesse geweckt hat, was wiederum zu dem Wunsch führte, mit einer Gemeinde seiner Diözese in Kontakt zu treten). Als Folge davon kann man die deutschen Partnerschaftsgruppen als „Laienbewegung“ betrachten, in der der jeweilige Gemeindepfarrer nicht die entscheidende Rolle spielt. In den peruanischen Partnergemeinden stand hingegen zu Beginn fast jeder Partnerschaft der peruanische Pfarrer (oder der Bischof) im Mittelpunkt - und dies ist in den meisten Fällen bis heute so geblieben.

1. Die peruanischen Gemeinden (siehe eigener Artikel)
darin: Die Stimme von Campesinos aus den Partnergemeinden

2. Die deutschen Gruppen (siehe eigener Artikel)

II. Teil: Praxis der Partnerschaft (in ausgewählten Schwerpunkten)

Ausgehend von den Problemen, die sich aus der Vorstellung der Gemeinden herauskristallisiert und wie sie sich aus der Auswertung der Fragebögen an die Gemeinden ergeben haben, werden einige grundsätzliche Themen zur Diskussion gestellt. Die Auswahl dieser Schwerpunkte richtet sich einerseits nach den von den Gruppen selbst genannten häufigsten Schwierigkeiten, andererseits berücksichtigt sie den Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils und die Situation in den peruanischen Partnergemeinden.

Ein Ausgangspunkt dieser Studie war es, die veränderte Situation nach dem Bischofs- und Richtungswechsel in Cajamarca und dessen Konsequenzen für die Partnerschaft im allgemeinen und die betroffenen Menschen im besonderen, im Lichte von Glaubenserfahrungen und einer damit verbundenen Option für die Armen, zu deuten.

Diese Ausgangssituation der Studie war den Gruppen bekannt bzw. sie waren es, die angesichts einer veränderten Situation in den Partnergemeinden nach einer gemeinsamen Basis und Orientierung suchten. Der Fragebogen wurde gemeinsam mit den Partnergruppen entworfen. Auf dem dritten Ulmer „Cajamarcatreffen“ im September 1997, an dem Vertreter von zehn Gruppen teilnahmen, wurde ein Rohentwurf zur Diskussion gestellt. In Gruppenarbeiten wurden dann Anregungen und Ergänzungen erarbeitet, darauf wurde im Plenum der Fragebogen „verabschiedet“.

Einheitlicher Wunsch war, den Fragebogen aufzuteilen in einen gemeinsamen Teil für die Gruppe und einen individuellen Teil für die Gruppenmitglieder. Zusätzlich wurde ein eigener Fragebogen an die Pfarrer der Partnergemeinden erstellt. Dieser und der individuelle Teil können im Rahmen dieses Artikels nicht näher berücksichtigt werden. Die Befragungen und die entsprechende Beantwortung durch die Gemeinden fanden um die Jahreswende 1997/98 statt. Alle fünfzehn Gruppen bzw. Gemeinden, die mit Gruppen und Gemeinden in der Diözese Cajamarca in einer partnerschaftlichen Beziehung stehen, haben an der Befragung teilgenommen. Die Gruppen berichten von einer lebhaften, teilweise auch kontroversen Diskussion beim Ausfüllen. Insgesamt wurde die Beantwortung der Fragen als eine positive Gelegenheit betrachtet, über die Anfänge, Grundlagen, Erfolge, Enttäuschungen, Zielsetzungen usw. der Partnerschaft zu diskutieren.

Allerdings mussten in den meisten Gemeinden gewisse Anfangshemmnisse überwunden werden, was nur durch ständiges Nachfragen und Motivieren gelang. Bei Nachfragen kam auch immer wieder zur Sprache (oft verschlüsselt), dass man es nicht gewohnt sei, über eigene Erfahrungen, erstrecht über eventuelle Schwierigkeiten oder gar Misserfolge, „öffentlich Rechenschaft“ abzulegen. Auch war eine gewisse Scheu festzustellen, „sinnlose Grundsatzdebatten“ zu führen und „alte Geschichten aufzuwärmen“, wo man sich doch in erster Linie als Praktiker sehen möchte. Um so mehr waren die Gruppen überrascht, wie fruchtbar und anregend das gemeinsame Ausfüllen war.

Wichtig sind aber auch die Aussagen, die nicht getroffen, Fragen, die übergangen und Probleme und Schwierigkeiten, die ausgeklammert wurden. Entsprechende Ergänzungen ergaben sich aus Rückfragen an die Gruppen (auch in Peru) und einer Einordnung in einen größeren Zusammenhang auf der Basis der oben genannten Ausgangsfragen und Zielvorstellungen. Aufgrund der angetroffenen Situation in den Gruppen werden Probleme herausgestellt, die grundsätzlicher bzw. struktureller Natur sind und nicht als Kritik an den einzelnen Gruppen zu verstehen sind, denn sie arbeiten innerhalb eines bestimmten Kontextes, der in der Regel als fest zementiert erfahren wird.

Diesen Kontext gilt es, ausgehend von den Quellen des Glaubens und den Erfahrungen der Partner, zu hinterfragen. Die daraus resultierenden „Antworten“ sind als Anfragen bzw. Thesen zu verstehen. Sie sind auch zu verstehen auf dem Hintergrund der Antworten peruanischer Basisgruppen auf die Frage nach ihrem Glauben, ihrer Praxis und einem Leben in Gemeinschaft als Kirche (siehe Teil I).

1. Die Frage nach der Kirche als Gemeinschaft aller Gläubigen

Im Rahmen einer Arbeit über die Partnerschaftsarbeit katholischer Kirchengemeinden sollte es selbstverständlich sein, dass sich die beteiligten Gruppen und Gemeinden über ihre Vorstellungen von Kirche, deren Fundamente, Praxis und Visionen austauschen bzw. dass sie im Bewusstsein handeln, selbst Kirche zu sein. Schließlich sind alle getauft, fast alle haben die Firmung empfangen, sind in die Gemeinde integriert und die Mehrheit der engagierten Gruppenmitglieder nimmt an der sonntäglichen Feier der Eucharistie teil. Doch während in den peruanischen Partnergruppen das Leben aus dem Glauben heraus und in der Gemeinschaft der Gläubigen das alltägliche Leben prägt, wird in deutschen Gruppen die Beschäftigung mit solchen Fragen als „akademische“ Beschäftigung von und für Experten angesehen, die mit dem alltäglichen Leben und auch der eigenen Praxis in der Partnerschaftsarbeit wenig zu hat.

Spätestens bei der Frage nach den Ansprechpartnern in den Partnergemeinden (d.h. auch für wen die Spenden sind und von wem sie verwaltet werden) müssen sich die deutschen Gruppen überlegen, mit wem sie Partnerschaft geschlossen haben, was ihre eigenen Motive und Intentionen sind und wer und was sie letztlich selbst sind und wollen. Verschärft wird die Problematik noch durch den Bischofswechsel und die damit verbundene Rückkehr in die Zeiten vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (33). Welche Kirche wollen die deutschen Gruppen unterstützen (hier und dort) und wie ist ihr eigenes Kirchenbild? Die deutschen Gruppen sehen sich in erster Linie deswegen als kirchliche Gruppe, weil die Mitglieder schon vorher in der Pfarrei aktiv waren und ihr Ansprechpartner in der Partnergemeinde der Pfarrer ist. Zudem nutzen alle Gruppen die kirchliche Infrastruktur.

Standort in der eigenen Gesellschaft - gesellschaftliche Veränderungen:

Für einen Katecheten/ Katechetin in einer Comunidad (oder Präsidentin eines Mütterclubs einer Pfarrei in Cajamarca) ist es selbstverständlich, seinen Standort in der Gesellschaft zu bestimmen. Er erfährt sich als ein Ausgeschlossener, als Opfer von Verhältnissen, die von Menschen so eingerichtet sind, dass einige Wenige davon profitieren und Viele darunter leiden. Diese Standortbestimmung wird nicht nur erfahren, sondern der Katechet kann auch in der Regel erklären, warum das so ist und welche wirtschaftlichen Interessen dahinter stehen. Vor allem aber weiß er, dass diese Fragen fundamental mit seinem Glauben an den biblischen Gott des Lebens zusammenhängen.

Aufgrund seines Glaubens beginnt er diese Gesellschaft zu verändern, weil er z.B. glaubt, dass es nicht Gottes Wille ist, dass seine Kinder nichts zu essen haben, keine Schule besuchen können und als „Indios“ weiterhin verachtet werden. Wegen seinem Glauben sieht er das globale Wirtschaftssystem nicht als gottgegeben an, sondern als Ursache für die zunehmende Verelendung weltweit. Es gehört zu seinem Glauben, dieses gottlose System zu überwinden und er weiß um Alternativen aufgrund seines Glaubens.

Er kennt in der Regel viel besser die grundsätzlichen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils und weiterer kirchlicher Dokumente als vergleichbar Engagierte in deutschen Gemeinden. Er weiß, was z.B. eine bestimmte Finanz- und Wirtschaftspolitik mit dem Glauben zu tun hat und kann seinen Glauben und sein damit zusammenhängendes Engagement glaubwürdig begründen. Er ist von den Auswirkungen einer entsprechenden Politik direkt betroffen. Deutsche Gemeinden leben in den Zentren dieser Politik, doch es fällt ihnen schwer, darüber zu sprechen.

Wer stellt die entsprechenden Fragen innerhalb der deutschen Gemeinden und deutschen Kirche? Welchen Standort nimmt der Einzelne und die Kirche innerhalb dieser Gesellschaft ein, die Wenigen (und dazu gehört die deutsche Kirche mit ihren Mitgliedern) weiter wachsenden Wohlstand bringt? Es geht hier nicht darum, fertige Antworten zu produzieren, vielmehr soll auf die Unterschiede in der Betrachtungsweise zwischen christlichen Gemeinden der Einen Kirche, die in Partnerschaft verbunden sind, hingewiesen werden.

Alarmierend - und für die peruanischen Partner wenig ermutigend - ist es, wenn deutsche Gemeinden offensichtlich nicht in der Lage oder willens sind, alternative Wege zu den wirtschaftspolitischen und finanziellen Interessen der Mächtigen zu suchen oder gar beispielhaft als christliche Gemeinschaft alternativ zu leben. Veränderungen in der Gesellschaft werden von einem Großteil der Gesellschaft lediglich in Richtung von noch mehr Freiheit für den Kapitalverkehr und noch mehr individueller Selbstverwirklichung diskutiert und die damit verbundene Verheißung nach mehr Wohlstand hat den Platz der biblischer Verheißungen von mehr Gerechtigkeit eingenommen.

Es wäre eine Aufgabe christlicher Gemeinden, die Stimme zu erheben und vielleicht doch noch eine Alternative zu entdecken und diese auch zu formulieren (sowohl im eigenen Interesse eines „sinnvollen“ Lebens als auch im Interesse der Partner). Individueller Bewusstseinswandel infolge der Partnerschaft: Nur in den individuellen Fragebögen wird von einzelnen Gruppenmitgliedern - nie als Gruppe insgesamt - von einem neuen Nachdenken über den eigenen Standort berichtet. Es sind die Mitglieder, die entweder selbst länger im Ausland waren oder die Besuche bei den Partnern sehr intensiv erlebt haben. „Die Beschäftigung mit den Problemen der ‚Dritten Welt‘ hat unseren Blick für die Probleme unserer Gesellschaft verschärft, uns Mut gemacht die Dinge beim Namen zu nennen und aktiv zu sein“. „Man schüttelt mehr denn je den Kopf über die Konsum- und Ego-Gesellschaft hierzulande“.

Der Blick auf die sozialen Verhältnisse dort bewegt dazu, noch mehr abzugeben“. Man möchte durchaus noch politischer werden, fühlt - eher als man es sich konkret vorstellen kann - dass sich etwas verändern müsste (auch bei sich), sieht sich aber vor allem durch das kirchliche Umfeld gebremst und unverstanden und als winzige Minderheit in der eigenen Kirchengemeinde. Gefühle des Unbehagens und von Schuld sind zu beobachten, weil man bei sich selbst zu wenig Änderung bemerkt und auch das eigene Umfeld nichtmändern kann (noch nicht einmal die eigenen Kinder). Wenn man dann auch noch an diemgroßen weltwirtschaftlichen Zusammenhänge denkt, überkommt einem erstrecht das Gefühlmvon Ohnmacht.

Diakonie aus der Mitte der Gemeinde - Caritas: Für die christlichen Gemeinschaften in den Partnergemeinden in Cajamarca erwächst der Dienst am notleidenden Nächsten aus der Mitte des Glaubens heraus und er hat seinen „Sitz“ in der Mitte der christlichen Gemeinschaft. Dies war auch in den ersten christlichen Gemeinschaften im Vorderen Orient und im Mittelmeerraum so (siehe Apg. 2 und „Die Theologie der Kirche von Bambamarca“ in „Die Stimme der Campesinos“). Wenn in einem Mütterklub oder in einer Comunidad ein Mitglied leidet, wenn z.B. die Mutter von noch kleinen Kindern gestorben ist, nehmen die anderen Familien die Kinder auf. Zahllose weitere Beispiele ließen sich aufzählen. Das hat sicher auch etwas mit der Tradition und dem kulturellen Umfeld zu tun. Doch gerade in christlichen Gemeinschaften ist dies die Regel, aber außerhalb solcher Gemeinschaften - inzwischen auch in Peru - eher die Ausnahme. Diakonie ist fundamentaler Bestandteil der Glaubenspraxis, sie ist Glaubenspraxis.

Sie ist auch konstitutiv für Kirche (neben der Verkündigung und der Feier des Glaubens, Eucharistie). Wenn eine dieser drei Säulen von Kirche aus der Gemeinde - gar noch institutionell gewollt oder zumindest gefördert - ausgelagert wird, fehlt eine dieser drei Säulen. (Wenn auch noch die beiden anderen Säulen sehr brüchig sind, sie z.B. auch an die exklusive Vermittlung durch geweihte Personen gebunden sind, wenn z.B. Eucharistie nicht auch als konkretes Brotteilen erfahren und begriffen wird, wenn die „Laien“ sich nicht für Pastoral und Verkündigung zuständig fühlen und wenn es doch vereinzelt geschieht, gleich die Verwaltung einschreitet - was bleibt dann noch?)

Allein schon durch die bloße Existenz des deutschen Caritasverbandes fühlen sich immer mehr Gemeindemitglieder in Fragen der Diakonie für nicht zuständig oder kompetent. Denn dafür gibt es Profis (siehe auch pastorales Selbstverständnis). Umgekehrt hat der Caritasverband keine Wurzeln in den Gemeinden, wenn es auch entsprechende Bemühungen gibt, diesen Zusammenhang zwischen Gemeinde und Caritas herzustellen (aus Gründen der Rekrutierung ehrenamtlicher Mitarbeiter). Inwieweit sich der Caritasverband zunehmend zu einem rein kommerziellen Dienstleistungsbetrieb (Konzern, Wirtschaftsunternehmen) in freier Konkurrenz zu andern (eventuell ebenfalls „christlichen“) Dienstleistern entwickelt, sei dahingestellt.

Festzuhalten bleibt, dass eine Grundfunktion von Kirchesein in kirchlichen Gemeinden keine Heimat hat. Dies schmälert nicht den beispielhaften Einsatz vieler Gemeindemitglieder in Sozialausschüssen, Besucherdiensten etc., die sich aber auch nicht im Zentrum der Gemeinde fühlen und zudem ein überdurchschnittlich hohes Durchschnittsalter haben. Deren Einsatz ist um so bewundernswerter angesichts der genannten strukturellen und inhaltlichen Defizite.

Einheit von Glaube und Theologie: Dieses Beispiel erschließt sich nicht direkt aus den Antworten der deutschen Gruppen, wohl aber aus dem Selbstverständnis der peruanischen Basisgruppen. In ihnen erwächst Theologie aus der Mitte des Glaubens und einer befreienden Praxis heraus. Die Campesinos reden z.B. nicht von einer Theologie der Befreiung. Sie erzählen von ihrem Glauben, von ihrem Leben und wie der Glaube ihr Leben und ihr Umfeld verändert. Die Theologie in reichen Ländern, betrieben als wissenschaftliche Disziplin, hat sich längst zu einem von den Gemeinden unabhängigen Wissenschaftsbetrieb mit eigenen Spielregeln und Marktmechanismen entwickelt, der mit dem konkreten Gemeindeleben wenig zu tun hat und der deshalb auch keine gesellschaftliche Bedeutung hat.

Theologen, deren eigenes Leben eher weniger von Umkehr und einer befreiende Praxis geprägt ist, erlauben sich gleichwohl, die Glaubenspraxis der Armen zu zensieren, darüber zu diskutieren, einzusortieren, Probleme aufzuwerfen und diese dann unter ihresgleichen zu diskutieren, Fragen und Antworten hin und her zu schieben um dann nach langem Bemühen und mit möglichst vielem Zitieren aller gängigen Modetheologen, das man dann für wissenschaftlich hält, z.B. zu dem Ergebnis zu kommen, dass die Eucharistie vielleicht eine soziale Verantwortung impliziert. Worauf sich dann ein Kollege berufen fühlt, dagegen oder dafür (was eigentlich egal ist) seine Bedenken zu erheben, Korrekturen anzubringen, worauf ein anderer ....

Man bewegt sich permanent im Uneigentlichen und hält dies schließlich für die ganze Welt (Gott eingeschlossen). Eine solche Theologie kreist um sich selbst und reflektiert bestenfalls von ihr selbst erfundene oder geschaffene Probleme und sie hat daher nicht die Kraft, auf die wahren Überlebensfragen der Menschheit eine angemessene Antwort zu geben bzw. sich den entsprechenden Herausforderungen zu stellen. Die Glaubenserfahrungen des Volkes Gottes werden bestenfalls zum Objekt, zu einem „Ding“ (ein System von Begriffen und Kategorien), das in das bestehende System (auch politisch?) integriert werden muss oder auch nicht.

Der wissenschaftlichen Theologie ist die eigentliche Theologie, nämlich der Glaube des Volkes, der Glaube in der Gemeinde und deren Praxis, weitgehend unbekannt bzw. er ist noch nicht einmal von Interesse - höchstens als soziologisches Datenmaterial. Wie soll aber eine von der Basis abgehobene Theologie die Stimme der Armen hören können, auf die sie - eigentlich - existentiell angewiesen wäre, wollte sie christliche Theologie sein? Es ist der Theologie wohl auch nicht gelungen, neuere theologischen Erkenntnisse dem „Volk“ zu vermitteln und damit zu einer Stärkung und Begründung des Glaubens beizutragen. Sie hat eine Mitverantwortung für ein  verbreitetes „christliches Analphabetentum“.

Das Gesagte zielt nicht auf eine Aufhebung wissenschaftlicher und/oder „verstaatlichter“ Theologie, sondern auf eine gleichberechtigte Partnerschaft mit Gemeinden, die letztlich gerade auch die Stellung z.B. theologischer Fakultäten eher stärken als schwächen würde, weil diese dadurch eine gesellschaftliche Verankerung bekämen. Die vorliegende Arbeit ist als ein Beispiel zu werten, Praxis und Theorie zusammenzubringen. Der Anstoß für diese Arbeit ging von einzelnen Partnerschaftsgruppen aus, die sich dann mit der Bitte um Unterstützung an die universitäre Theologie wandten. Diese war dann möglich, weil sich zwei Professoren betreffen ließen, die schon vorher Kontakt zu Partnergruppen hatten und die Partnerschaftsarbeit mit ihren Problemen hautnah miterleben konnten.

4. Konflikte und die Frage der Einmischung

Ein Anlass für diese Studie war, die im Zusammenhang mit dem Bischofswechsel in Cajamarca aufgetretenen Schwierigkeiten in den Partnerschaftsbeziehungen zu analysieren und nach Wegen für eine gezieltere Zusammenarbeit mit den Partnergemeinden zu suchen. Hier spielt die Frage nach der Kirche eine entscheidende Rolle. Es ist eine Frage nach der Ernsthaftigkeit der Partnerschaft. Um die Armen wahrzunehmen, muss man die Stimme der Armen hören und das Evangelium gemeinsam lesen (in Cajamarca werden kirchliche Gruppen aus der Kirche gedrängt, weil sie sich auf die Bibel berufen und eigenständig darin lesen).

Das Beispiel der Gemeinde St. Georg zeigt exemplarisch, wie zwei Gemeinden gemeinsam um neue Wege gerungen und Auswege gefunden haben. (siehe extra Artikel) Die meisten Gemeinden antworten nicht auf die Frage nach der Einmischung. In Rückfragen wird deutlich, dass dieses Thema zu heikel ist und dass man sich dazu nicht öffentlich äußern dürfe. Dabei werden zwei Argumente genannt:

  1. das Nennen von Missständen wird als Netzbeschmutzung angesehen, dies schadet der Glaubwürdigkeit und nützt vor allem den Kirchengegnern.
  2. Die Einheit der Kirche wird gefährdet und durch die Unterstützung von Basisgruppen wird eine Parallelkirche geschaffen, die Kirche wird gespalten.

Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung liegt in der Gruppe selbst. Eine begründete Stellungnahme zur Entwicklung in der Diözese Cajamarca und in den einzelnen Partnergemeinden und die damit verbundene Option setzt eine gründliche Auseinandersetzung über christlich - pastorale Grundfragen in der eigenen Gruppe und der eigenen Gemeinde voraus. Dabei ist nicht an theologisches Expertenwissen gedacht, sondern an „einfache“ Fragestellungen (eigentlich „Fragen an Taufbewerber“) wie die nach den pastoralen Fundamenten, Zielsetzungen und Schwerpunkten in der eigenen Gemeinde, nach dem Selbstverständnis der Gruppe als Teil der Gemeinde und der Kirche und dem Warum der eigenen Aktivitäten. Erst eine eigene, begründete Positionsbestimmung ermöglicht es, pastorale (Fehl-) Entwicklungen nicht nur zu erkennen, sondern auch Stellung zu beziehen und Standpunkte zu vertreten.

Konkret: wenn für alle Gruppen die Option für die Armen an erster Stelle steht, die Rolle der „Laien“ - insbesondere der Frauen, die qua sexo alle Laien sind - hier und auch in den Partnergemeinden als wichtig angesehen wird und alle eine Kirche als gleichberechtigte Gemeinschaft aller Gläubigen wollen, dann müssten sie auch laut aufschreien, wenn in den Partnergemeinden und anderswo (ROM) diese Grundsätze mit Füßen getreten werden. Fühlt man sich dabei auf sicherem Boden („abgesichert“ durch kirchliche Dokumente wie das Zweite Vatikanische Konzil, Medellín, deutsche Synodenbeschlüsse etc.), erstrecht aber bestärkt durch die positiven Erfahrungen einer „Kirche mit Poncho und Sombrero“ in Cajamarca, dann kann man auch in aller Gelassenheit und Entschiedenheit seinen Standpunkt vertreten und Anmaßungen und Verirrungen einiger kirchlicher und vatikanischer Amtsträger als „antikirchlich“ (weil gegen die Gesamtheit des Volkes Gottes gerichtet) denunzieren.

Während in den peruanischen Partnergruppen diese Grundsatzfragen ein stetes Thema sind, tauscht man sich in deutschen Gemeinden über pastorale Prioritäten nicht ausreichend aus. Neben einer Rückbesinnung auf das Wesen von Eucharistie, dem Grundsakrament von Kirche, ist vor allem eine Rückbesinnung auf das Sakrament der Taufe notwendig. Beide Sakramente scheinen in ihrer ursprünglichen Bedeutung von der Kirche nicht mehr allzu hoch eingeschätzt zu werden, weder von der Hierarchie noch von den einzelnen Gläubigen.

Diese Aussage bezieht sich an dieser Stelle nicht darauf, dass der „Masse“ der Gläubigen aus kirchenrechtlichen Gründen die Eucharistie vorenthalten wird und dass damit Kirchenbildung behindert wird, sondern auf die Beobachtung, dass die Gläubigen, die auf den Namen von Christus getauft sind, sich so selten auf diesen Jesus Christus berufen, auf sein Leben, seine Passion und auf seine Auferstehung. Jeder Getaufte und jede Gruppe, die im Geiste Jesu handelt, ist der Ort, an dem sich Kirche insgesamt darstellt. Die Taufe - und nicht das Kirchenrecht - ist das maßgebende Sakrament für jeden Christen.

Die schon erwähnte mangelnde Kommunikation, die fehlenden oder falschen Ansprechpartner und ambivalente und oft widersprüchliche Informationen, erschweren zusätzlich eine sachgemäße Unterstützung und Parteinahme zugunsten der Partner. Dabei ist den deutschen Gruppen kein Vorwurf zu machen, wenn sie sich streng an den „Dienstweg“ halten bzw. sich solange daran klammern, bis auch diese Stricke reißen. Wie sollen die Gruppen angemessen reagieren,,wenn sie oft gar nicht (genau) wissen (können), was in der Partnergemeinde wirklich geschieht?

Das Hauptproblem liegt darin, dass zwischen den eigentlichen Partnern ein (institutioneller) Vorhang gezogen ist, der den Blick auf das Wesentliche verhindert. Nur österliche Erfahrungen werden diesen Vorhang in der Mitte zerreißen und neues Leben ermöglichen. Besuche bei den Partnern können dabei helfen, weil sie den Blick freimachen und eine Begegnung von „Angesicht zu Angesicht“ ermöglichen (41). Angesichts der geschilderten Schwierigkeiten lassen sich bei den Gruppen (und auch innerhalb der Gruppen) zwei entgegen gesetzte Verhaltensweisen beobachten.

Einige Gruppen stellen die Erfolge ihrer Partnerarbeit besonders heraus, leben und zehren noch von diesen Erfolgen,,auch wenn in mindestens drei Gemeinden die Realität in den Partnergemeinden inzwischen anders ist. Es besteht die Versuchung, in der Vergangenheit stehen zu bleiben (Nostalgie)m und die Veränderungen nicht wahrzunehmen. So berichteten diese drei Gruppen noch begeistert von ihren Kontakten (Briefe, vergangene Besuche), während zu gleicher Zeit die Basis dieser Kontakte bereits weg gebrochen ist. Dennoch kann diese Begeisterung als „gefährliche Erinnerung“ über die jetzige Situation hinaus weisen und sie so auch überstehen helfen.

Sie bewahrt so die ursprünglichen Ziele und ist letztlich Ausdruck eines großen Vertrauens. Andere Gruppen dagegen sehen vor lauter Problemen nicht mehr den gemeinsam zurückgelegten Weg mit allen seinen vielen positiven Erlebnissen, Erfolgen und Freuden. Hier besteht die Gefahr, dass die Kraft der ausgesäten Samenkörner unterschätzt, die Macht der (Kirchen-) Strukturen aber überschätzt wird. Nicht zuletzt werden auch die eigenen Möglichkeiten   unterschätzt bzw. es wird gar nicht mehr nach Auswegen gesucht. Dies wirkt sich auch negativ auf das konkrete Verhalten und das Engagement in der eigenen Kirchengemeinde aus.

Man hat keine großen Hoffnungen mehr, in der eigenen Gemeinde etwas zu bewegen, sondern ist eher auf das Festhalten des Bestehenden und die Verteidigung der mühsam erkämpften Freiräume fixiert. Nur wenige Gruppen benennen die Konflikte in der Partnerschaft und beziehen Stellung. Als hauptsächliche Konfliktpunkte werden genannt: „Unterschiedliches Verständnis von Amtskirche und Klerus, unterschiedliche Bewertung der bisher geleisteten Arbeit (auf der Linie Medellíns usw., Rolle Dammerts), unterschiedliches Verständnis von Verwendung der Spendengelder“. „Anderes Gemeinde- und Kirchenverständnis (zwar in Übereinstimmung unsererseits mit den eigentlichen Partnern, aber im Konflikt mit Klerus)“. „Konflikte: ablehnende, fast feindliche Haltung der Amtskirche“.

Man ist in der Defensive, hat Angst vor Spendenverlusten oder gar vor dem Ende der Partnerschaft. Es kommt daher in den meisten Gemeinden nicht zu einer offensiven, positiven und öffentlichen Darstellung der eigenen Handlungsgrundlagen und Orientierungen (vorrangige Option für die Armen) und noch weniger zu einer kontroversen, konstruktiven Auseinandersetzung mit den Verantwortlichen in Cajamarca oder deren Amtsbrüder in Deutschland. Eine kritische und offene Auseinandersetzung mit den Amtsträgern könnte für diese heilsam sein. Eine christliche Gemeinschaft darf sich auch dann um „verlorene Schafe“ sorgen, wenn diese einen Bischofsmantel umhängen haben. Denn wer sorgt sich um die „Seelsorger“?

Über die persönliche Belastung durch Konflikte scheint in den Partnergruppen nicht genügend gesprochen zu werden. Da innerhalb einer Gruppe der Grad der Betroffenheit sehr unterschiedlich ist, fühlen sich die sensibleren Mitglieder unverstanden und müssen überwiegend allein mit der Belastung fertig werden. Sie finden dabei auch wenig Verständnis bei ihrem Pfarrer. So kommt es auch in zehn berichteten Fällen vor, dass die Gruppe noch nicht einmal ahnt, wie sehr der Einzelne leidet (berichtet aus der Sicht der Betroffenen).

Aus keiner Gruppe wird berichtet, dass diese Belastung in der Gruppe zum Thema gemacht wird. Die größte (seelische) Belastung ist das aus der Sicht der Betroffenen veränderte Verhalten der Pfarrer in den Partnergemeinden, meist verbunden mit dem enttäuschenden Verhalten des neuen Bischofs. Dieses als klerikal, Macht besessen oder wie auch immer genannte Verhalten, wird als persönliche Niederlage empfunden, als eine Demütigung, die man ohnmächtig ertragen muss. Die Mehrzahl geht aber anders mit den Konflikten um.

Die am meisten anzutreffende Strategie (vielleicht auch die „gesündeste“, rationalste) ist es, die Konflikte in der Partnergemeinde als innerkirchliche Probleme in Cajamarca anzusehen, die zwar die Partnerarbeit betreffen, aber sonst nichts mit uns zu tun haben, „denn in unseren Gemeinden können wir ja (noch) ungestört arbeiten“. Der zweit häufigste Ausweg ist die Konzentration auf die Projekte und so lange die nicht unterbunden werden, ist die Partnerschaft nicht in Gefahr. Auch für die Hierarchie ist die zweite Gruppe angenehmer. Ausgerechnet diejenigen, die sich um die Kirche wirkliche Sorgen machen und ihr Herzblut daran hängen und entsprechend leiden, werden von den Amtsträgern als größere Gefahr betrachtet und anschließend diffamiert.

III. Teil: Partnerschaft als Lernfeld einer ganzheitlichen Pastoral - als Katechese und Hinführung zum Glauben in Gemeinschaft

Partnerschaft wird als ein Ort verstanden, an dem gerade das eingeübt werden kann, was an den aufgezeigten Problemen und Defiziten in Teil I und Teil II sichtbar geworden ist. Die Idee und Zielvorstellung der Partnerschaft wird als „lebensnotwendig“ für Gemeinden vorgestellt, die aus ihrer hausgemachten Unmündigkeit ausbrechen wollen um als Gemeinde „Inseln des Lebens inmitten des Todes“ zu werden. In den fünf folgenden Schritten wird die Anstrengung unternommen, diese Idee und Zielvorstellung als einen praktikablen und gangbaren Weg aufzuzeigen.

In einem ersten Punkt wird der Versuch unternommen, die These von der Partnerschaft als Lernfeld und Katechese zu vertiefen. Der zweite Abschnitt geht direkt von den Antworten der deutschen Gruppen aus und verweist eher auf praktische Details. In der peruanischen Kirche wird über die Zielsetzungen der Partnerschaft sehr kontrovers „diskutiert“. Darauf muss in einem dritten Punkt eingegangen werden, durchaus in der Absicht, auch in deutschen Gruppen eine Diskussion zu entfachen. In den letzten beiden Punkten (vier und fünf) geht es zuerst um die Partnerschaft als Sakrament der Weltkirche und zuletzt um einen zentralen Punkt lateinamerikanischen Selbstverständnisses: der Option für die Armen. Diese letzten beiden Punkte sind die Konsequenz und logische Schlussfolgerung aus den vorhergehenden Punkten.

1. Partnerschaft als Katechese des Glaubens

Aus den verschiedensten Gründen, die hier nicht zur Debatte stehen, können Kirche, Familien, Gemeinden und Schulen nicht mehr in dem Maße das leisten, was zur Weitergabe des Glaubens an die folgenden Generationen notwendig wäre. Der über Jahrhunderte vorhandene gesellschaftliche - kirchliche Kontext als Stütze der Kirche und des Gemeindelebens hat sich weitgehend aufgelöst bzw. er hat sich dergestalt verändert, dass fast von einem Abbruch der Überlieferung gesprochen werden kann. Neben dem kontinuierlichen Zerbröseln des gewohnten Kontextes ist es auch zu einer Relativierung der zentralen Glaubensaussagen selbst bei den noch „praktizierenden Katholiken“ gekommen.

Die Differenz zwischen den dogmatischen Lehraussagen und auch den Geboten der Kirche und dem Glauben und der Praxis der Gläubigen klafft immer weiter auseinander. Überspitzt formuliert: die Lehre wird noch vermeldet, aber niemand hört zu. Die christliche Substanz, nämlich der Glaube an Jesus den Christus als Fundament und primäre Orientierung für das alltägliche Leben, droht sich zu verflüchtigen. Weit und breit sind keine neuen Lernfelder in dieser Gesellschaft auszumachen, in denen elementare christliche Verhaltensweisen und ein entsprechendes Leben in Gemeinschaft eingeübt und gelebt werden kann.

In dieser Situation - und selbst wenn die Situation nicht so dramatisch wäre - eröffnet sich christlichen Gemeinschaften und etablierten Gemeinden die Chance, in einer Partnerschaft mit Gemeinschaften, für die der Glaube an Jesus Christus buchstäblich „Brot des Lebens“ ist, ihren eigenen Glauben neu zu buchstabieren, verschüttete Erfahrungen auszugraben und wieder zu entdecken, auf was es ankommt. Partnerschaft eröffnet die Möglichkeit, hautnah mitzuerleben (sich betreffen lassen und berührt werden), wie Menschen aufgrund ihres Glaubens an Jesus Christus ihr eigenes Leben und ihr Umfeld verändern. Dadurch eröffnen sich ihnen neue Horizonte - und selbst menschenverachtende Strukturen, die über Jahrhunderte fest zementiert erschienen, geraten ins Wanken.

An dieser Stelle kommt sofort und reflexartig der Einwand, dass sich solche Erfahrungen von Campesinos aus den Anden nicht auf die deutsche Gesellschaft und Kirche übertragen lassen bzw. Erfahrungen aus der Dritten Welt lassen sich nicht auf die Erste Welt übertragen. Dies stimmt dann natürlich, wenn man die Definition dessen, was Kirche ist, eher an äußeren Merkmalen aufhängt und wenn man den wirtschaftlich und politischen Zusammenhang zwischen „Erster und Dritter Welt“ außer Acht lässt. Auch ist selbstverständlich der Boden, auf den das Wort Gottes fällt, höchst unterschiedlich. Und deshalb wird das Wort nicht gehört, es wird zertreten, wird vom Unkraut verschlungen, fällt auf versteinerten Boden (Herzen).

Aber gerade hier ist der Ansatzpunkt einer Besinnung auf das Wesentliche und einer Katechese, die zumindest zwei Fragen aufwirft: Zum Einen: was ist es, das die Herzen der Menschen zu Stein werden lässt, was haben sie vielleicht zu viel und was zu wenig? Zum Anderen: worin besteht das Wort Gottes, was sind die zentralen Anliegen der christlichen Botschaft und warum haben die Worte und Taten Jesu zu seiner Zeit und in seiner Umgebung eine so befreiende Wirkung gehabt?

In Deutschland (Europa etc.) ging man bisher selbstverständlich und gewohnheitsmäßig davon aus, dass die Erfahrungen der Zeitgenossen und ersten Christen mit den Worten und Taten Jesu und der Erfahrung der „Begegnung mit dem Auferstandenen“ (das Evangelium als „Gute Nachricht“) für alle Menschen in allen Kulturkreisen in gleicher Weise verständlich und nachvollziehbar sind, noch extremer: dass diese Erfahrungen von einem neuen Leben bereits Neugeborenen eingeimpft werden können und dass in der Folge durch das Einhalten von Riten und Kult diese Art von „Glauben“ konserviert werden kann. Gleichzeitig hält man es aber für ausgeschlossen oder empfindet man es als Zumutung, die gleichen Erfahrungen mit Jesus Christus seitens der Menschen, denen man als Partner „von Angesicht zu Angesicht“ begegnet, zu „übertragen“, d.h. als relevant für sein eigenes Glaubensverständnis und die eigene Glaubenspraxis zu werten.

Konzentriert man sich also nicht auf das äußere Gewand der Kirche, sondern auf die zentralen Anliegen Jesu und die befreienden Erfahrungen von Menschen, die diesen Jesus als Schlüssel zum Leben erlebt haben, dann stellt sich die Frage nach der Übertragbarkeit anders. Wenn man nämlich die befreienden Erfahrungen der Armen nicht als relevant für sein eigenes Leben erfahren könnte, als nicht übertragbar, dann würde dies bedeuten, dass das Evangelium selbst nicht auf unsere Zeit und Gesellschaft übertragbar wäre.

Das Evangelium ist in einer Umwelt und Gesellschaft entstanden, die unserer „Wohlfahrtsgesellschaft“ noch viel fremder und „weiter“ (Vorderer Orient, Agrargesellschaft etc.) entfernt ist, als die Welt der Campesinos. Es stellt sich also nicht die Frage der Übertragbarkeit von Glaubenserfahrungen aus den Partnergruppen, die ja vergleichbar sind mit den Erfahrungen der Zeitgenossen Jesu und der ersten Christen, sondern es geht um die Frage, ob das Evangelium in dieser Welt und in dieser Zeit noch irgendeine Bedeutung hat.

Dass das Evangelium nicht nur eine Bedeutung hat, sondern dringlicher und aktueller denn je ist, wird hier vorausgesetzt (denn sonst wäre auch diese Arbeit und vieles mehr „sinn - los“). Es ist die Hoffnung auf „eine Neue Erde und einen Neuen Himmel“, wie sie z.B. in den Erfahrungen der Campesinos konkret fassbar und nachvollziehbar wird. Deren Erfahrungen können für deutsche Gemeinden die Brücke bilden, über die sie zu den Ursprüngen und Quellen des christlichen Glaubens zurückfinden können. Lernt man begreifen, um was es den Campesinos geht, wie sie den biblischen Glauben interpretieren und leben, dann kann das eine erste Annäherung an das Wiederentdecken des Evangeliums in unserer Zeit und Umwelt sein.

Bei einer Analyse der Antworten aus den Gruppen wurde deutlich, dass die christliche Substanz in den Gemeinden (unter Kirchgängern) dazu neigt, sich zu verflüchtigen (die Ergebnisse in weit umfangreicheren Studien und diesbezüglichen Befragungen bestätigen dies, teils auf eine noch erheblich drastischere Weise als hier angedeutet). Partnerschaft als Hinführung und Einführung in den Glauben bedeutet (u.a.):

  • Sich die befreienden Erfahrungen der Partner erzählen zu lassen, darauf eingehen und fragen, was sie für uns bedeuteten.
  • „Die Armen evangelisieren uns“. Weil sie näher „an der Quelle sind“, weil Jesus mitten unter ihnen geboren wurde, erfahren Partner in der Begegnung mit ihnen die Nähe Gottes.
  • Glaube entsteht und realisiert sich zuerst in Gemeinschaft („Seht, wie sie sich lieben“).
  • Im Kontakt mit den Partnern kann deutlich werden, was z.B. Taufe und Eucharistie bedeuten. Eine „Taufkatechese“ für Erwachsene wäre der erste Schritt.
  • Sich mit der eigenen Umwelt auseinandersetzen (Frage, an was wir unser Herz hängen) und erkennen, dass das „Schicksal“ der Armen mit unserem Reichtum zusammenhängt.
  • Erfahrung einer Einheit von Glaube und Alltag, als Sorge um „Leib und Seele“, als Einheit von Spiritualität (als Wurzel) und Aktion.
  • Der Kontakt mit den Armen kann die Augen für die Armen und Fremden vor der eigenen Haustür (und im eigenen Haus, der Kirche) öffnen.

Vorläufiges Ziel der „Katechese“ wäre die Stärkung der christlichen Substanz von der Quelle her (Bedeutung der Bibel und deren sachgerechter Auslegung) in den Gemeinden. In einer lebendigen Partnerschaft wächst die Hoffnung, dass der Glaube an Jesus Christus (immer eingeschlossen seine Fesseln sprengende und Grenzen überschreitende Kraft) zu einer Basis für erneuerte Gemeinschaften und Gemeinden wird, wenn sie bereit und in der Lage sind, die Erfahrungen der Partner ernst zu nehmen.

Neben dem Grundsätzlichen können in einer Partnerschaft auch eher praktische Dinge eingeübt werden: Gemeinde überschreitende Kontakte; Verknüpfung von finanzieller und pastoraler Verantwortung (Spenden, pastorale Schwerpunkte); dass Kirche auch ohne viel Geld möglich ist und dass man kein „Profi“ sein muss, um seinen Glauben zu verkünden. Partnerschaften sind die geeigneten „Vehikel“, um die zu beobachtende Milieuverengung kirchlicher Gruppen mit ihren Tendenzen zur Abschottung und Ausgrenzung aufzuhalten und gar aufzubrechen.

Es ist die Hoffnung auf „eine Neue Erde und einen Neuen Himmel“ wie sie z.B. in den Erfahrungen der Campesinos konkret fassbar und nachvollziehbar wird. Deren Erfahrungen können für deutsche Gemeinden die Brücke bilden, über die sie zu den Quellen des christlichen Glaubens zurückfinden können. Lernt man begreifen, um was es den Campesinos geht, wie sie den biblischen Glauben interpretieren und leben, dann kann das eine erste Annäherung an das Wiederentdecken des Evangeliums in unserer Zeit und Umwelt sein.

Aber auch umgekehrt ist für die Armen die Partnerschaft mit einer Gemeinde der Ersten Welt von großer Bedeutung. Dies kann an einem Beispiel deutlich gemacht werden (42). Im Jahre 1993 übergaben die gewählten Vertreter von 18 Comunidades aus Bambamarca Misereor die Bitte, ihnen bei einem Wasserprojekt zu helfen, das die 18 Comunidades mit Wasser versorgen soll. Das Projekt wurde dann am 1.4.1994 begonnen und ist inzwischen beendet. Die Leitung des Projektes hatte das DAS (Sozialabteilung der Diözese), in dem Mitarbeiter tätig waren, die von der Sozialpastoral Bischof Dammerts geprägt sind und sich einer Kirche der Campesinos verpflichtet fühlen. Misereor stellte dieses Projekt mit Recht als Musterprojekt der deutschen Öffentlichkeit vor. Auch vom Volumen her (2 Mill. DM) war es eines der größten Projekte Misereors. Nach Beendigung des Projektes stellt sich die Situation folgendermaßen dar:

  • Die Mine Yanacocha braucht für ihre Aktivitäten, die sie immer weiter Richtung Bambamarca ausweitet, dringend die Wasserreserven auf der Hochebene, die von den Campesinos für ihr Wasserprojekt genutzt werden.
  • Die Organisation der Campesinos ist zusammen mit der Ronda die einzige Organisation in Bambamarca, die - neben der Wasserproblematik - der Mine (z.B. bei Enteignungen von Land, Vergiftung der Umwelt etc.) ernsthaften Widerstand leistet.
  • Der Bischof von Cajamarca hat ein fundamentales Interesse daran, dass diese Basisorganisationen zerstört werden. Die von ihm dafür eingesetzten Priester des Opus Dei in Bambamarca führen im Bündnis mit den lokalen Machthabern einen Kleinkrieg gegen die Organisationen der Campesinos und der Frauengruppen auf dem Land. Zudem ist der Bischof eng mit der Mine verbündet.
  • Die ehemaligen Mitarbeiter Bischof Dammerts wurden nach und nach aus dem DAS verdrängt und dann wurde u.a. auch der Gründer des DAS zusammen mit Hans Hillenbrand (43) offiziell aus dem DAS ausgeschlossen. Die nun noch im DAS verbliebenen Mitglieder stehen auf der Seite des Bischofs und werden von den Campesinos nicht mehr als Vertrauenspersonen akzeptiert. Der Bischof stellte die Bedingung, dass er nur dann noch weitere Projekte bei Misereor (u.a.) befürworten würde, wenn die „Störenfriede“ endlich ausgeschlossen würden.
  • Im Februar 2000 war der Misereorbeauftragte für Peru in Cajamarca (auch auf der Sitzung, bei der es zum Ausschluss kam). Er hielt sich an den „Dienstweg“, d.h. sein Ansprechpartner war der Bischof und die neue Leitung des DAS. Die ihm dennoch zu Ohr gekommenen „Meinungsverschiedenheiten“ erklärte er zu innerperuanischen Angelegenheiten, in die sich Misereor nicht einmischen darf, sondern die innerhalb der Gruppe durch Gespräche zu lösen seien.
  • Sowohl direkt von den Campesinos als auch von den ausgeschlossenen Vertrauensleuten der Campesinos (die auch die Vertrauensleute der Partnergruppen sind) kamen Briefe an die Partnergruppen mit der Bitte, bei Misereor vorzusprechen um die Situation aus der Sicht der Betroffenen zu erklären.
  • Die deutschen Partnergruppen (insbesondere von Herzogenaurach, Ulm, St. Martin in Dortmund (u.a.) baten um ein Gespräch bei Misereor.  Das Gespräch war für die Gruppen und ihre Partner sehr wertvoll, weil Missverständnisse ausgeräumt werden konnten und sie von Misereor in ihrem Engagement zu Gunsten der Campesinos bestärkt wurden. Misereor erkannte an, dass die Partnergruppen aus ihren direkten Kontakten heraus, die Situation vor Ort besser einschätzen können und deshalb zumindest gehört werden müssen.
  • Die Campesinos von Bambamarca sehen sich einer scheinbar allmächtigen Allianz gegenüber. Die Aufbauarbeit von fast vierzig Jahren ist stark gefährdet, auch das von Misereor als Musterprojekt bezeichnete Wasserprojekt ist in Gefahr. Sie setzen große Hoffnungen in die Treue der Partner. In dieser Situation ist die Solidarität der Partner und kirchlicher Hilfswerke für die „lebensnotwendig“.

Dieses Beispiel zeigt, dass deutsche Partnergruppen anhand konkreter Fälle und in direktem Kontakt mit ihren Partnern lernen können, aus der Perspektive der Anderen (der „Indios“, der Armen etc.) die eigene Situation zu sehen, zu deuten und sich des eigenen Standpunktes bewusst zu werden. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der deutschen Partnergruppen, die Sichtweise der „Indios“ in unseren Gemeinden, in der Kirche und Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Diese globale Dimension, mit den Augen der Opfer die Welt zu sehen und diese im Lichte des Glaubens zu deuten, gehört zum Wesen von Kirche, wenn sie katholisch sein will.

In den Partnergruppen wird diese Dimension verwirklicht und die eigenen Grenzen werden auf die „Fremden“ hin überschritten. Darin besteht die wesentliche „Existenzberechtigung“ und unbedingte Notwendigkeit der Partnerschaftsgruppen. In ihnen realisiert und realisiert und konkretisiert die Kirche und die einzelne Gemeinde ihre „Katholizität“. Partnergemeinden stellen diejenigen, die sonst keine Rolle spielen und die „unsichtbar“ sind, in das Zentrum und machen sie zum Maßstab von kirchlichem und gesellschaftlichem Handeln.

Deutsche Partnergruppen gewinnen an Glaubwürdigkeit und an Autorität, wenn sie die Partner - deren Ohnmacht und deren befreiende Erfahrungen - in unserem Kontext, in Gemeinde und Gesellschaft, neu zur Sprache bringen. Partnerschaft steht somit (theologisch) auf drei Säulen:

  1. Auf dem Sakrament der Eucharistie in den schon genannten Dimensionen: Tischgemeinschaft, Brotteilen und so in Gemeinschaft die Gegenwart Gottes erfahren.
  2. Auf der Erfahrung einer „Wegegemeinschaft“ mit den Ausgegrenzten
  3. Auf der Aufgabe, die „Indios“ dieser Welt ins Zentrum zu rücken und von ihnen her das Wort Gottes zu verkünden, um so auf diese Weise die weltweite Kirche Jesu Christi zu werden.

Zusammenfassend wird hier die These vertreten, dass Partnerschaften einen (Aus-) Weg weisen können, wie das Evangelium und damit auch Kirche (denn ohne Kirche gibt es kein Evangelium und umgekehrt) in der Zukunft überleben können. Aber es geht nicht nur um die Kirche, es geht darum, den Menschen Wege aus dem Abgrund zu weisen - ein Abgrund auf den die Menschheit unweigerlich und je schneller zurast, je mehr die Werte des Evangeliums an Geltung und Orientierungskraft verlieren.

Der Kirche kommt dabei auch deshalb eine besondere Verantwortung zu, weil sie einen unvergleichlichen Schatz hat, aber durch schuldhafte Verstrickungen und Fehlverhalten viel an Glaubwürdigkeit verloren hat, so dass immer weniger Menschen auf der Suche nach diesem Schatz diesen in der real existierenden Kirche vermuten. Auch hier zeigen sich in den Partnergruppen und Basisgemeinschaften die Umrisse einer Kirche, die im Verzicht auf Reichtum (Teilhabe am Mammon), Macht und Herrschaft gerade deswegen zu einer authentischen „Autorität“ und zur Orientierung werden kann.

2. Einige Hinweise zum Gelingen einer Partnerschaft (in Stichworten)

a) Ort in der Kirche

Die bekannten Hilfswerke haben die größte Erfahrung in der Projektarbeit, aber auch in Fragen der Partnerschaft, weil sie immer wieder mit Gemeindepartnerschaften zu tun haben und selbst auch Projektpartnerschaften anbieten. Inwieweit sie sich auch ihrer pastoralen Verantwortung für deutsche Gemeinden bewusst sind bzw. ob dies zu ihrem (praktischen) Selbstverständnis gehört, bleibt offen. Auf Dauer führt aber eine Vernachlässigung dieses Aspektes zur Vergrößerung des Ungleichgewichtes zwischen deutschen (reichen) Gemeinden und Gemeinden aus den arm gemachten Ländern des Südens: deutsche Gemeinden (und Hilfswerke) versuchen mit immer größeren Anstrengungen ihren finanziellen „Verpflichtungen“ (Spenden) nachzukommen, während die dafür notwendige pastorale und gemeindliche Basis immer brüchiger wird. Und umgekehrt entwickeln sich Partnergemeinden wegen (!) ihrer Bedürftigkeit (u.a. auch Priestermangel) zu lebendigen Keimzellen einer zukünftigen Kirche (46).

Beauftragte der Hilfswerke in den einzelnen Diözesen mit entsprechender Kompetenz, evtl. auch ehrenamtliche Mitarbeiter, könnten als Ansprechpartner und in enger Zusammenarbeit mit dem Referat Weltkirche den Gemeinden zu einer großen Hilfe werden. Es gibt zwar Missio - Beauftragte in den einzelnen Diözesen, doch aus verschiedenen Gemeinden wird berichtet (über den Kreis der in dieser Umfrage befragten Gemeinden hinausgehend), dass auf eine entsprechende Anfrage und Einladung hin ein Beauftragter kommt, einige schöne Dias zeigt und wieder geht. (Diese Feststellung soll das Engagement, die Kompetenz und den guten Willen der dafür Beauftragten nicht in Frage stellen, vielmehr handelt es sich hier um eine strukturelle Frage).

Aber auch die Gemeinden tragen ihren Anteil, weil sie oft nicht einmal wissen, was sie wirklich wollen und sich mit einem schönen Diavortrag bei Kaffee und Kuchen zufrieden geben. Wenn eine Gemeinde wirklich zu Informationen kommen will, bekommt sie diese auch. Und bei entsprechender Hartnäckigkeit findet sie Menschen, die ihnen weiterhelfen können. Dabei gilt es die den meisten kirchlichen Partnergruppen innewohnende Scheu zu überwinden, mit außerkirchlichen Solidaritätsgruppen zusammenzuarbeiten, die in der Regel sehr gut informiert sind, viele Erfahrungen gesammelt haben und oft in der Nähe anzutreffen sind.

Es könnte ein lohnende Aufgabe z.B. der Hilfswerke sein, alle deutschen kirchlichen Initiativen mit ihren Inhalten, Zielsetzungen und Projekten zu bündeln und nach Regionen (hier und dort) getrennt, via Internet den Gemeinden anzubieten. Auch könnten einzelne Partnergemeinden beraten und ermutigt werden, ihre Partnerschaft auf diesem Wege öffentlich zu machen und Beziehungen zu knüpfen. Warum sollte ausgerechnet die Kirche (laut eigenem Selbstverständnis die erste globale Gemeinschaft) nicht das tun, was aus rein wirtschaftlichen partikularen Interessen heraus für andere „Globalplayer“ bereits selbstverständlich ist?

b) Kommunikation und Begegnung

c) Inhaltlicher Austausch

Wesentlicher Bestandteil von Partnerschaft ist der Austausch von Erfahrungen (im Glauben, pastorale Anregungen und Praxis), von Lebenswirklichkeiten, gegenseitiges Kennen lernen und so auch gegenseitige Bereicherung. Trotz der schon näher besprochenen Probleme in der Kommunikation ist ein solcher Austausch grundsätzlich möglich. Doch selten kommt es zu einem Austausch über die inhaltliche Schwerpunkte in den jeweiligen Gemeinden. Im Rahmen von Projektbeschreibungen wird von den peruanischen Partnern hin und wieder über pastorale Schwerpunkte und das eigene kirchliche Selbstverständnis gesprochen (z.B. die Option für die Armen und deren konkrete Umsetzung). Deutschen Gemeinden scheint dies schwerer zu fallen. Es ist gar zu vermuten, dass die einzelnen deutschen Gemeinden gar keine pastoralen Schwerpunkte haben oder bewusst setzen.

Hier wäre ein Ansatzpunkt für einen fruchtbaren Austausch mit den peruanischen Partnergemeinden. Die Partnerschaft kann helfen, den Blick in eine Zukunft der Kirche zu werfen (und sich entsprechend vorzubereiten), wie sie auch hierzulande kommen wird. Wird gar noch registriert, dass die Partnergemeinden ohne großen Apparat und Hauptamtliche - sei es auf Pfarr- als auch auf Diözesanebene - eine beachtliche Kreativität und Lebendigkeit entwickeln, dann sollte dies der Gemeinde und vor allem den Verantwortlichen die Angst nehmen, was passieren könnte, wenn die Kirche eines nicht allzu fernen Tages diesen Apparat nicht mehr finanzieren könnte.

In den Partnergemeinden macht man sich nur schwerlich Vorstellungen von der Organisation und Struktur unserer Gemeinden und der Kirche in Deutschland. Angefangen von der Kirchensteuer über die einzelnen Gremien wie KGR, sonstige demokratische Strukturen, den damit verbundenen Möglichkeiten, den vorhanden anderen Gruppen in der Gemeinde und den Ausschüssen, der Verwaltung und Offenlegen der Haushaltsgelder bis zur Ökumene, gibt es eine Fülle von interessanten Details zu berichten. Wo diese Informationen vereinzelt schon den Partnern geschrieben wurden, war die Resonanz darauf sehr positiv.

Dies erleichtert den Partnern, uns besser zu verstehen und manches sehen sie nun in einem anderen Licht und mit mehr Verständnis. Denn auch die Partner können von uns lernen. In deutschen Gemeinden sind alle Gelder und Haushaltspläne, sowohl der einzelnen Gruppen als auch der Gesamtgemeinde, öffentlich und es wird demokratisch entschieden. In der Mehrzahl der Partnergemeinden sind demokratische Gremien nicht so strukturell und institutionell verankert wie in Deutschland - und damit der Willkür eher ausgeliefert.

Unverzichtbar ist eine Verständigung darüber, was die gemeinsamen Grundlagen der Partnerschaft sein könnten. Auch die entsprechenden gegenseitigen Zielvorstellungen sollten bekannt sein. Dies ist auch als Hilfe für die eigene Gruppe anzusehen, die dadurch gezwungen wird, eventuelle vage Vorstellungen (z.B. „den Armen helfen“, Mitverantwortung der Laien) schriftlich zu formulieren, zu begründen und innerhalb der Gruppe zu diskutieren. Wenn die Gruppen nicht (mehr) in der Lage sind, sich in konstruktiver Auseinandersetzung über gemeinsame Zielvorstellungen, Gemeindeverständnis und Kirchenbild zu verständigen, steht eine wichtige Voraussetzung für jede Partnerschaft auf einem sehr brüchigen Fundament. Dies ist aber nicht den Gruppen zum Vorwurf zu machen, sondern ist im Kontext des pastoralen und kirchlichen Selbstverständnisses deutscher Gemeinden insgesamt zu sehen.

Es sollte hellhörig werden lassen, wenn trotz „optimaler“ äußerer Voraussetzungen (Milliardenaufwendungen für Religionsunterricht, Bildungshäuser, permanent tagende Gremien, Tausende von hauptamtlichen „Experten“ in den Diözesen usw.) die Kerngruppen der Gemeinden sich nicht in der Lage sehen, sich den pastoralen Herausforderungen der Zeit zu stellen, vielleicht gar keinen pastoralen Auftrag verspüren und/oder in dem Bemühen darum sich allein gelassen fühlen. In demokratisch organisierten Basisgruppen in Peru wird über die Grundlagen des Glaubens, dessen praktische Anwendung, über „Kirchenpolitik“, den pastoralsozialen Auftrag usw. lebhaft „gestritten“. Sie sind es gewohnt, Rechenschaft über ihren Glauben abzulegen und diesen Glauben öffentlich zu bekennen - obwohl es dort z.B. keine Bildungswerke gibt.

Ein identisches Kirchenbild der Partner ist nicht zu erwarten (das gibt es auch nicht innerhalb der Gruppe), aber eine Verständigung darüber, was Kirche und Gemeinde für uns bedeutet, wie wir Kirche leben und sind, ist für eine lebendige Partnerschaft unerlässlich. Eine Partnerschaft zwischen Gemeinden mit sehr unterschiedlichen Zielvorstellungen ist denkbar, gerade darin kann sich eine Partnerschaft bewähren. Voraussetzung ist aber der gegenseitige Respekt, der sich darin zeigt, dass der (deutschen) Partnergemeinde zugestanden wird, ihre Vorstellungen von Kirche und Partnerschaft gleichberechtigt einbringen zu dürfen ohne dass dies als koloniale Bevormundung diffamiert wird. Schwer vereinbar mit einer Partnerschaft sind hingegen Versuche, Vertrauenspersonen und bisherige Stützen der Partnerschaft aus dem Weg zu drängen oder Bedingungen zu stellen wie: „Ihr dürft uns zwar euer Geld schicken, aber sonst habt ihr nichts zu sagen“.

Pfarrer, Bischof und kirchliche Strukturen sind lediglich die Vermittler (oder Mittler) der Partnerschaft und nicht Selbstzweck. Das Volk Gottes - die jeweilige Gemeinde - ist die Konstante, während Pfarrer und Bischöfe kommen und gehen. Strukturen und Ämter haben eine dem Volke dienende Funktion, der sie mehr oder weniger gerecht werden können und sollen. Werden sie dieser Funktion nicht gerecht, ist es für die Partnergemeinden um so dringlicher, sich um so enger als jeweilige Teilkirchen beizustehen. Das Kriterium ist aber nicht die theologische Rechthaberei, sondern ob bestimmte Verhaltensweisen, Konzepte und Lehren die Armen eher ausgrenzen oder nicht. Es ist das Verhalten Jesu den Ausgegrenzten seiner Zeit gegenüber, das als entscheidendes Kriterium bleibt und trägt.

3. Diskussion um die Partnerschaft

a) Umgang mit Konflikten

Hier geht es nicht darum, konkrete Hinweise auf den Umgang mit Konflikten zu geben. Die Art möglicher Konflikte ist von Fall zu Fall so verschieden, dass jede Gruppe selbst ihre je eigenen und spezifischen Lösungen finden muss. Vielmehr geht es hier darum, auf die Existenz möglicher Konflikte hinzuweisen. Denn nach den Aussagen der betroffenen Gruppen werden Konflikte mehrheitlich verdrängt, bewusst nicht wahrgenommen oder sie können gar nicht wahrgenommen werden. Dies bezieht sich sowohl auf die eigene Gruppe als auch auf den Umgang mit der Partnergemeinde und den dort auftretenden Konflikten.

Als Leitbild scheint die idealistische Vorstellung durch, dass man in der Kirche nicht streiten darf. Wer es dennoch tut, zerstört die Einheit. Dabei wird eine inhaltliche Auseinandersetzung mit persönlich diffamierenden und von persönlichen Interessen geleiteten Streit verwechselt. Die verschieden Aussageebenen geraten durcheinander. Wird z.B. eine Aussage der Sache wegen in Frage gestellt, fühlt sich der Betreffende oft selbst in Frage gestellt oder gar abgelehnt. Diese Erscheinung betrifft zwar nicht nur spezifisch kirchliche Gruppen, doch in diesen Gruppen bekommt sie ein besonderes Gewicht, weil hier existentielle Fragen, verknüpft mit tiefer wurzelnden Vorstellungen „von Gott und Welt“ eine besondere Rolle spielen. Für einen gläubigen Menschen kann es eine Katastrophe sein, wenn er meint, man wolle ihm - im Namen des Glaubens - die Ernsthaftigkeit seines Engagements oder gar den Glauben absprechen.

Angesichts dieser Herausforderungen ist es verständlich, wenn die reine Projektarbeit für die Gruppen als unproblematischer angesehen wird. Sie erfahren in der Projektarbeit auch eine Form der notwendigen Anerkennung, die ihnen sonst versagt bleibt. Diese Projektarbeit ist schließlich auch für die Partner von großer Bedeutung. Durch kirchenpolitische Veränderungen und Veränderungen in der pastoralen Zielsetzung seitens der Diözesanleitung, die von oben den Partnergemeinden aufgezwungen werden, kann aber auch die reine Projektarbeit gefährdet werden.

Nicht nur wegen der Frage der Finanzhoheit, sondern vor allem durch das Setzen anderer Prioritäten (statt zugunsten der Armen und deren Promotion) geraten Projekte in Gefahr bzw. werden einer anderen Bestimmung zugeführt. Spätestens hier werden die deutschen Gemeinden mit kirchenpolitischen und pastoralen Konzepten und Herausforderungen konfrontiert, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben wollten. Wie soll man sich z.B. verhalten, wenn ein von Deutschland finanziertes Ausbildungszentrum für Landkatecheten in ein Einkehrhaus für dem Opus - Dei nahe stehende Gruppen umfunktioniert wird?

Unabhängig von der rechtlichen Frage nach der Zweckbestimmung, haben deutsche Gemeinden nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, ihre Auffassung von Kirche (in Übereinstimmung mit dem Konzil, allen kirchlichen Dokumenten und neuzeitlichen theologischen Positionen) kundzutun. Dies sind sie auch den eigentlichen Partnern, den Spendern und letztlich auch sich selbst schuldig.

Es ist keine Schande, sich auf die Bibel, die Dokumente der Kirche und die Bedürfnisse der Armen zu berufen. Wer dies tut, spaltet nicht die Kirche, sondern leistet einen unverzichtbaren Dienst an der Kirche, d.h. an der Gemeinschaft und Einheit all derer, für die Jesus als Christus der Maßstab ist. Um dies tun zu können, müssen die einzelnen Gruppen sich ihres Kirchenbildes bewusst sein und den Mut haben, es offensiv zu vertreten.

Bei den wenigen Gruppen, die ihre Arbeit auch als einen pastoralen Auftrag verstehen, wird die Auseinandersetzung mit den Veränderungen in den Partnergemeinden zu einer Klärung der eigenen Standpunkte genutzt, sowohl innerhalb der eigenen Gemeinde als auch gegenüber den Partnern. Eine offensive pastorale Auseinandersetzung führt zu einer Stärkung der Partnerschaft sowohl innerhalb der eigenen Gemeinde als auch zu einer Bestärkung der Gruppen in den Partnergemeinden, die eine entsprechende Option der deutschen Gemeinde als Zeichen der Solidarität verstehen, das ihnen Mut macht, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Die Gruppen, die einen pastoralen Auftrag zurückweisen, ziehen sich angesichts der Veränderungen in den Partnergemeinden - nun auch argumentativ - auf reine Projektarbeit zurück, sehen die kirchenpolitischen Veränderungen als gegeben an und/oder arrangieren sich mit den „kirchlichen Autoritäten“, oft ohne zu wissen, was dies für ihre Partner bedeutet (alle Gruppen geben ja an, dass sie den Ärmsten helfen wollen, auch die Spender gehen davon aus).

So wird eine Partnerschaftsgruppe im Fall des Ausbildungszentrums (und es gibt viele ähnliche Beispiele in Cajamarca) den Ortsbischof auf die eigentliche Zweckbestimmung hinweisen dürfen, einschließlich theologischer Begründung. Selbst wenn dies keinen Erfolg zu versprechen scheint, so erfahren die Partner (die Armen) dennoch, dass sie nicht auch noch von der deutschen Kirche im Stich gelassen werden. Dies stellt eine Bestärkung der Partner in ihrem Glauben und ihrem Engagement dar, die man nicht hoch genug einschätzen kann.

Es führt aber hier und dort zu Resignation (in einigen Gruppen wird dies so deutlich gesehen), wenn man sieht, wie z.B. Adveniat zulässt, dass der Ortsbischof ein Priesterseminar, das von Adveniat mit nahezu einer Million DM finanziert wurde, unmittelbar nach dessen Fertigstellung schließt (jetzt leben dort vier Karmeliterinnen) (48).

Erstrecht hat es eine lähmende Wirkung, wenn von Adveniat argumentiert wird, dass der jeweilige Bischof von Cajamarca (und dies gilt grundsätzlich) schließlich die Kirche von Cajamarca sei. Grundlage der Beziehungen, so Adveniat, ist das Vertrauen zu den Partnern. Wenn die Partner (der Bischof) neue Prioritäten setzt, so muss das von Adveniat und deutschen Gemeinden akzeptiert werden. Die deutschen Partner hätten kein Recht, den Partnern Vorschriften zu machen. Alle Versuche, auch ohne den Bischof direkte Kontakte zu den Partnergemeinden zu unterhalten, sei als Anschlag auf die Einheit der Kirche zu werten. Die zweifellos guten Absichten einer solchen Argumentation verkehren sich in ihr Gegenteil, wenn die Realität außer Acht gelassen wird und die Stimme der Armen (die nicht als eigenständige Partner wahrgenommen werden) nicht gehört wird.

Die deutschen Partnergemeinden haben die Pflicht, Adveniat aus ihrer Kenntnis der Realität vor Ort darauf aufmerksam zu machen und darauf zu bestehen, dass die Spenden entsprechend verwendet werden. Es sind Spenden von mündigen Christen für mündige Christen. Auch die Spenden für Adveniat wurden von einer großen Mehrheit in dem Vertrauen gegeben, dass das Geld auch wirklich den Ärmsten zugute kommt. Wird dieses Vertrauen enttäuscht, sind die Folgen unabsehbar.

Da Adveniat in Deutschland ganz gezielt Werbung betreibt mit dem Hinweis, dass die Spenden gezielt den Armen zugute kommen, ebenso dem Aufbau von Basisgemeinschaften, der Ausbildung von Katecheten und verantwortlichen Laien und auch sonst (in der Werbung) der Mitarbeit der Laien, besonders der Frauen hervorgehoben wird, weil man weiß, was in Deutschland ankommt, dann aber gleichzeitig in immer mehr Diözesen in Peru und anderswo mit Geldern von Adveniat genau das verhindert wird, dann hat das eine Bedeutung, die über das rein Kirchliche hinausgeht. Unabhängig von dem theologisch fragwürdigen Kirchenverständnis, wird auch Adveniat in Zukunft sich verstärkt Gedanken machen müssen, wem sich Adveniat zuerst verantwortlich fühlt (den Spendern hier und den Bedürftigen dort) und wem nicht (49).

Für heftige Diskussion und Unverständnis sorgt in den Gruppen (hier und dort) der Umstand, dass der Bischof von Cajamarca sich offensichtlich nicht um die Versorgung (einiger) seiner Priester kümmert, noch klarer ausgedrückt: alle Pfarrer (mindestens acht Pfarrer von Partnergemeinden), die an der Partnerschaft festhalten wollen (aus unterschiedlichem Interesse) und erst recht sämtliche Pfarrer, die an einer Landpastoral und Arbeit mit den Armen festhalten wollen, bekommen nicht nur kein Gehalt, sondern sie werden vom Bischof bewusst an den Rand gedrängt und von allen Finanzquellen (so weit sie in seiner Macht liegen) abgeschnitten.

Wenn sie sich doch an ihren Bischof wenden, werden sie mit der Begründung abgewiesen, dass sie sich an die deutschen Gemeinden halten sollen. Selbst nach dem Kirchenrecht ist jeder Bischof verpflichtet, für „seine“ Priester Sorge zu tragen. In Anlehnung an die deutsche Praxis, Kirchenmitgliedschaft von dem Bezahlen von Steuern abhängig zu machen, könnte man folgende Regel aufstellen (eine Variante zu der von den deutschen Bischöfen aufgestellten Verpflichtung zur Bezahlung von Kirchensteuern): „Ein Bischof, der sich der Verpflichtung gegenüber seiner ihm anvertrauten Mitbrüder (und Gläubigen) entzieht, verstößt in grober Weise gegen die Solidarität der Gläubigen. Dies ist eine so schwere Verfehlung, dass er erst wieder in die sakramentale Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden darf, wenn er bereit ist, seinen Verpflichtungen nachzukommen“.

Während Laien mit der denkbar schärfsten Sanktion (Kirchenausschluss) bestraft werden, wenn sie ihre „Verpflichtungen“ (Steuern bezahlen) nicht einhalten, wird ein Bischof, der in gröbster Weise gegen seine Verpflichtungen verstößt, zum Vorsitzenden der „Kommission für den Klerus“ der peruanischen Bischofskonferenz ernannt und er wird von auch Adveniat in dieser Eigenschaft unterstützt.  (Siehe auch Artikel: „Cajamarca - eine Diözese in den Anden“)

Die bunte Vielfalt von Partnerschaften stellt einen hohen Wert dar. Es gibt keinen einheitlichen Weg, da alle einen verschiedenen Ausgangspunkt haben. Eine Partnerschaft wird an der Verschiedenheit, einschließlich der verschieden eingeschlagenen Wege, nicht zerbrechen, wenn das gegenseitige Vertrauen, das von unten her wachsen muss, überwiegt und wenn ein Grundkonsens vorhanden ist. Zu diesem Grundkonsens gehören neben einer zeitgemäßen Auslegung der Bibel die Anerkennung der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils und der für die Partnergemeinden richtungsweisenden Dokumente der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen. Verglichen damit ist die jeweilige Position eines einzelnen Bischofs oder Pfarrers von nachrangiger Bedeutung, wenn sie auch in der Frage der Durchsetzung (Macht) von entscheidender Bedeutung sein kann. Notfalls muss man entscheiden, was wichtiger ist und welche Prioritäten gesetzt werden.

b) Die Bedeutung eines Bischofswechsel in Cajamarca

Es geht nicht um die Person eines einzelnen Bischofs, es geht um die strukturelle Frage nach der „Verfassung“ der Kirche (in dem Wissen, dass das Aufwerfen dieser Frage in den Augen der „Verfassungshüter“ die „Todsünde“ schlechthin ist). Unbestritten ist, dass durch den von Rom von langer Hand eingefädelten Bischofswechsel (Bischof Dammert hat dafür Beweise, die noch an anderer Stelle aufzuarbeiten sind) die überwiegende Mehrzahl der Gemeinden in Deutschland und ihre Partnergemeinden in Cajamarca vor große Herausforderungen gestellt wurden.

In Cajamarca war das Echo auf die überraschend schnelle Ablösung von Bischof Dammert und die Erwartung (Hoffnung, Skepsis) in den neuen Bischof erheblich größer, als man dies in Deutschland für möglich halten kann. Dies ist begründet in der außerordentlichen Machtfülle des jeweiligen Bischofs.

So hat der Bischof (ob rechtlich abgesichert oder nicht) de facto immer auch die alleinige Verfügungsgewalt über alle kirchlichen Besitzungen (in Gemeinde, Diözese). Darauf ist deshalb besonders hinzuweisen, weil eine Infrastruktur mit Gemeindehäusern, Kurs- und Ausbildungszentren, Versammlungsräumen etc. in der Regel mit Hilfe von ausländischen Spendengeldern mit dem Ziel errichtet wurde (zumindest in Cajamarca), einen Beitrag zu einer authentischen Kirche des Volkes, einer „Kirche mit Poncho und Sombrero“, zu leisten. Ein Bischof in Peru kann in einsamer Entscheidung die gesamte Infrastruktur einer „Kirche des Volkes“ zerschlagen, in dem er die entsprechenden Grundstücke und Gebäude räumen lässt (notfalls mit Hilfe staatlicher Gewalt) und einem anderen Zweck zuführt.

Auf die Partnerschaften bezogen ist folgendes gemeint: ein diözesanes Netz gut funktionierender Partnerschaften mit demokratischen Strukturen, von engagierten Gruppen in Kontakt mit Gruppen anderer Gemeinden und mit deutschen Gruppen, ein finanzieller Ausgleich innerhalb der Gemeinden, Partnerschaftsgruppen in den Partnergemeinden mit der Verantwortung für die Partnerschaftsgelder, die Institutionalisierung (!) demokratischer Gremien und die Ernennung von verantwortlichen Laien zu Gemeindeleitern oder die Weihe von Diakonen, hätte zwar vieles nicht verhindern können, aber es wären ganz andere Voraussetzungen geschaffen worden, damit lebendige Partnerschaften und Gemeinden weiterhin bestehen können (50).  Bischof Dammert hätte die „Macht“ gehabt, in allen Partnergemeinden die schon erwähnten Kriterien und Mindestanforderungen einer Partnerschaft durchzusetzen.

Doch ist wenig geschehen. Dies ist um so tragischer, als alle Partnergemeinden in den Befragungen angeben, eine „Kirche mit Poncho und Sombrero“ unterstützen zu wollen, diese Kirche aber heute von der Diözesanleitung nicht mehr gewünscht wird. Bischof Simón hält eine Partnerschaft, wie sie von den deutschen Gruppen ansatzweise intendiert ist, nicht für möglich (s.u.).

Bei genauerem Hinsehen und Analyse der theologischen Positionen von Bischof Simón, wie sie aus seinen Ansprachen und Predigten (die audiovisuell vorliegen) ersichtlich wird, wird die Ablehnung einer wie oben verstandenen Partnerschaft verständlich. So kann eine Partnerschaft tatsächlich dazu führen, die Rolle und das Selbstbewusstsein der Laien zu stärken (vor allem der Frauen); sie kann dazu führen, dass die Option für die Armen auch zu konkreten Ergebnissen führt und dass eine Kirche im Dienste des Volkes, mit dem Volk zusammen, Ungerechtigkeiten denunziert und eine neue Gerechtigkeit verkündet. All dies widerspricht dem, was Bischof Simón unter Kirche, göttlicher Ordnung und Autorität versteht.

Der Hauptvorwurf Bischof Simóns gegenüber den deutschen Gemeinden ist der Vorwurf ungerechtfertigter Einmischung in innerperuanische und innerkirchliche Angelegenheiten. Einige deutsche Amtsträger solidarisieren sich bekanntlich in dieser Frage mit Bischof Simón. Sie sollten aber zumindest wissen, mit wem bzw. gegen wen sie sich letztlich solidarisieren und warum sie dies tun. Oft wird auch von Kolonialismus gesprochen, von Dollarimperialismus, deutscher Besserwisserei etc. („Ihr Gott ist ‚San Marko‘, deswegen halten sie sich für unfehlbar“, wie es ein dem Bischof nahe stehender Pfarrer sagt - wobei er vielleicht in einem anderen Sinne mehr Recht hat, als er ahnt). Den deutschen Gemeinden wird jegliches Recht abgesprochen, Stellung zu den Vorgängen in ihren Partnergemeinden und der Diözese zu nehmen (51).

Auch ist der Vorwurf zu hören, dass von Deutschland aus versucht wird, peruanische Kirchenpolitik zu machen. Aus der Sicht der Partner in Cajamarca stellt sich das Problem der Einmischung wie folgt dar: In allen betroffenen Gemeinden und Gruppen in Cajamarca ist es der sehnlichste Wunsch der  Gruppen an der Basis, dass sie nicht auch noch von den Partnern im Stich gelassen werden.

4. Partnerschaft als Sakrament  (siehe eigener Artikel)

5. Partnerschaft - eine Option für die Armen (siehe eigener Artikel)

Seit Papst Johannes XXIII. vor der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962 zum ersten Mal von einem Vorrang der Armen sprach und dies als die große Herausforderung für die Kirche der Zukunft bezeichnete, ist die Option für die Armen (zwar noch nicht auf dem Konzil in dem Maße wie von Johannes XXIII. erhofft, aber in der Folge davon in Medellín 1968) zu einem Thema vieler theologischen Werke und Synodenbeschlüsse geworden.

Es sollen hier darüber nicht weitere Überlegungen angestellt werden, es genügt der Hinweis, dass (frei nach G. Gutiérrez) die Option für die Armen keiner weiteren theologischer Begründung bedarf, weil es die Option Gottes selbst ist. Es ist vielmehr an der Zeit, sich der Überprüfung der Praxis zu widmen (noch besser: daran mitarbeiten) statt eine theologische Diskussion in Hörsälen und Akademien weiterzuführen (52)  Dazu gehört auch die akademische und nur scheinbar wissenschaftliche Frage, ob die Theologie der Befreiung „tot“ sei, weil ja der Ost - West - Konflikt nicht mehr bestehe - ein Hinweis auf das Niveau der Diskussion in der deutschen Theologie und im Bildungsbürgertum.

Alle befragten deutschen Gemeinden stellen in ihrem Engagement für der Partnerschaft die Sorge für die Armen in den Vordergrund. So sprechen zwar nicht alle bewusst von einer Option für die Armen, aber sie treffen gefühlsmäßig das, was mit einer Option für die Armen im Ansatz gemeint ist. In dieser Haltung treffen sie sich mit ihren Partnergemeinden. Die „Sorge für die Armen“ ist in der Theorie (und meist in der Praxis) die gemeinsame Basis in der Partnerschaft. Es werden Partnergemeinden gewünscht, in denen die Armen gleichberechtigt oder gar bevorzugt zu Worte kommen. Die „Sorge für die Armen“ ist freilich nicht immer identisch mit der „Option für die Armen“, wie sie z.B. in Medellín verstanden wird. Es soll nun andeutungsweise versucht werden, was für deutsche Gemeinden eine Option für die Armen aus der Sicht der Armen bedeuten könnte.

Eine Option für die Armen aus deutscher Sicht bedeutet

  • Hören auf die Menschen in den Partnergemeinden, sie innerhalb ihres Kontextes wahrzunehmen und sich ihrem Weg anzuvertrauen, weil ihnen ja der Weg von Jesus gezeigt wird und er mit ihnen ist. Sie sind für deutsche Gemeinden eine Brücke zum Verständnis der ursprünglichen Botschaft. Notwendige Voraussetzung dafür ist Bekehrung (kehrt machen, den eigenen Weg zumindest in Frage stellen, neue Wege suchen) bzw. Umkehr ohne Angst, etwas zu verlieren.
  • Eine Analyse des eigenen Kontextes, diesen im Lichte der Bibel zu deuten, die Auswirkungen des wirtschaftlichen Handelns an den Pranger zu stellen und angesichts einer Verherrlichung materieller Werte (Materialismus, Götzendienst), die zum Tode führt, den biblischen Gott des Lebens zu verkünden. Mit Hilfe peruanischer Partnergemeinden kann dies eingeübt werden. Das Mindeste: Anwalt derer zu sein, die keine Stimme haben.
  • Eine Gemeindepartnerschaft ist ein hervorragender Ort, um die beiden scheinbar nicht miteinander zu vereinbarenden Gegensätze (Pole innerhalb des gleichen Systems) von Reichtum und Armut zu überwinden. Kirche ist der Ort, wo der Bruch der Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit Gott überwunden wird. Die Kirche wird dann zur Kirche Jesu, wenn nicht die einen auf Kosten der anderen leben, sondern wenn Gemeinden im Geiste Jesu als Gemeinden eine Tischgemeinschaft (Kirche) bilden. Für deutsche Gemeinden ist es wesentlich schwerer, diese Einladung anzunehmen. Peruanische Gemeinden haben einen (biblisch, theologischen) „Standortvorteil“.

Epilog
Nach den in den Welt herrschenden Maßstäben stehen deutsche Gemeinden eher im Lichte, die Partnergemeinden und mit ihnen die Mehrheit der Menschheit, stehen im Schatten. Doch in diese Nacht hinein wurde Jesus geboren. Der Himmel öffnete sich und die Armen fanden den Weg. Der Stern über der Hütte erleuchtete die Nacht. Die Frommen und Mächtigen in Jerusalem konnten diesen Stern nicht sehen, denn sie ergötzten sich in ihrem eigenen Licht. Deutsche Partnergruppen gleichen den Weisen aus dem Morgenland, die aus ihrer Heimat aufbrechen und - geleitet von dem Stern über der Hütte - sich auf den Weg zu Jesus machen. Ihr Weg führt zuerst über Jerusalem, doch dort weiß man von nichts. Dennoch finden sie Jesus in der Hütte. Reich beschenkt kehren sie zurück. Weil sie Jesus in der Hütte gesehen und sie die Stimme Gottes gehört haben, finden sie den Weg in die Heimat - ohne in Jerusalem zuvor um Rat zu fragen.

Willi Knecht, August 1999


Anmerkungen

(1)  Dieser Weg wird beschrieben in: Vamos Caminando . Machen wir uns auf den Weg! Glaube, Gefangenschaft und Befreiung in den peruanischen Anden. Equipo Pastoral de Bambamarca, Exodus-Verlag 1983. Zu Bischof Dammert: „Die Wehklagen derer, die leiden, lassen mich nicht ruhen“ (W. Knecht, H.) in: „Die Armen zuerst! 12 Lebensbilder lateinamerikanischer Bischöfe“ (Hg. Johannes Meier), Grünewald 1999.

(2)  Noch größer war die Überraschung, als sie im Januar 1993 vom Apostolischen Administrator, Bischof Francisco Simón Piorno (seit 1995 auch Bischof von Cajamarca), die Nachricht erhielten, ab sofort alle Partnerschaftsgelder auf sein Konto in Deutschland zu überweisen. Die Gemeinden reagierten bestürzt und dann abwartend.

(33) Bischof Simón hält das Konzil für eine Fehlentwicklung, weil es die Autorität der Kirche (will heißen der Priester und Bischöfe) untergraben hat.

(41) Ein drastisches Beispiel für diesen „institutionellen Vorhang“ stellt folgende Begebenheit mit dem Leiter des Referates Weltkirche der Erzdiözese Freiburg dar: In einem mitnotierten Telefongespräch am 11.2.1998 (Mithörer: Prof. Elmar Klinger) ging es u.a. um die Frage der Einmischung. Als ich ihm versuchte darzulegen, dass unsere Partner in San Pedro, Cajamarca nichts eindringlicher wünschen, als dass wir sie begleiten, sie nicht auch noch verlassen, dass wir unsere Stimme erheben etc. (siehe „Stimme der Campesinos und Geschichte der Partnerschaft St. Georg, Ulm), antwortete Prälat Sauer: „Das ist so wie im Prager Frühling 1968, als die Altkommunisten ebenfalls um Hilfe vom Ausland riefen und dann die sowjetischen Panzer anrollten und alles platt wälzten“. Gemäß dieser Logik wird auch diese Studie konsequenterweise als unerlaubte Einmischung in innerperuanische Angelegenheiten angesehen und entsprechend bekämpft, es wurde mit allen Mitteln versucht, sie zu verhindern. Der Prälat solidarisiert sich mit den kriminellen Machenschaften seines Mitbruders und denunziert die Opfer als gegener der Kirche.

(42) Siehe die Artikel „Das Gold von Cajamarca“; „Bambamarca - das Pilotprojekt von Bischof Dammert“ in: „www.cajamarca.de“. Zur Goldmine siehe auch: „Cajamarca - eine Diözese in den Anden“. Auf Einzelheiten des Projekts kann hier nicht eingegangen werden, es geht vielmehr um die zu beschreibende Problematik.

(43) Als Mainzer Diözesanpriester von 1969 - 1971 Pfarrer in Bambamarca, danach bis zum Rücktritt Dammerts dessen engster Mitarbeiter (u.a. als Dozent im Priesterseminar von Cajamarca, Mitbegründer des DAS etc.)

(45) Nach den Aussagen von ehemaligen Mitarbeitern in Cajamarca (20 Befragungen), geben zwölf zu Protokoll, dass sie sich nach ihrer Rückkehr sehr gerne in einer Kirchengemeinde engagiert hätten, sie aber entweder keinen Kontakt fanden oder aber bald wieder aus der Gruppe ausgeschlossen fühlten, weil sie auf wenig Verständnis, sogar Feindseligkeit stießen (häufigster Vorwurf: Vermischung von Politik und Glaube, politische Einseitigkeit).

(46) Zugespitzt formuliert: Während in Deutschland ein riesiger Apparat mit einer unvergleichlichen personellen und materiellen Infrastruktur um „Kundschaft“ ringt - um Menschen, die nicht mehr so gerne kommen und hören wollen, ist es in Peru eher umgekehrt: es gibt Massen von Menschen, die das Wort Gottes hören wollen (in seiner integralen Form), aber es gibt nur sehr wenige Menschen, die zu ihnen gehen, mit ihnen sein wollen und für sie da sein wollen.

(48) Siehe den Artikel von Miguel Garnett: „Das Seminar San José, Cajamarca“

(49) Zusatz: Der Bau der Priesterseminars wurde von einem deutschen Architekten geleitet, der von Misereor bezahlt wurde. Das Priesterseminar wurde in ökologischer Bauweise, mit altbewährten Materialien der Region wie z.B. Lehmziegeln hergestellt. Auf nationaler Ebene erfuhr dies u.a. von peruanischen Zeitungen sehr positive Würdigungen. Bischof Simón ließ einen Teil davon abreisen und mit „modernen“ Materialien - „material noble“ - wie Zement etc. ersetzen, weil „primitive“ Materialien für ein Bischöfliches Palais nicht angemessen sind. Zudem ließ er hochwertiges Material aus Sevilla - Fließen, Kacheln, Bodenbeläge - einführen und die Räume mit wertvollen Teppichen auslegen. Als eine Delegation der Mütterklubs von San Pedro um ein Gespräch mit dem Bischof bat, wurden sie bereits aus dem ersten der inzwischen drei Vorräume mit der Begründung verjagt, dass sie mit ihren ungewaschenen Füßen die wertvollen Teppiche verunreinigen würden. Seit 1999 wird ein weiterer Teil des ehemaligen Seminars abgerissen und stattdessen eine Ladenzeile errichtet, weil man dadurch hohe Mieten erzielen will. Weitere ähnliche Beispiele von Zweckentfremdungen kirchlicher Gebäude, die von Deutschland aus finanziert wurden, sind belegt. Ob hier eine rein kirchenrechtlich - autoritäre Argumentation wirklich hilfreich ist und dem Willen der Spender gerecht wird?

(50)  Bereits 1987, zum 70. Geburtstag Bischof Dammerts, wies eine Delegation von St. Georg mit dem damaligen Pfarrer Alfred Vögele im Gespräch mit dem Bischof darauf hin, wie Vorsorge getroffen werden könnte, damit ein Nachfolger nicht alles zerstören könnte, was bisher aufgebaut wurde. Dabei wiesen die Ulmer insbesondere auf die positiven Möglichkeiten einer basisorientierten Partnerschaft hin. Doch es geschah auf Diözesanebene wenig in dieser Hinsicht und auch die engeren (auch deutschen) Mitarbeiter von Bischof Dammert vertrauten eher dem Hl. Geist als selbst Hand anzulegen und Partnerschaften gezielt zu stärken. Dies geschah vermutlich auch deshalb, weil damals noch nicht die Bedeutung einer Partnerschaft in all ihren Dimensionen erfasst wurde.

(51) Der Vorwurf des „Imperialismus und Kolonialismus“ ist um so merkwürdiger, da er ausgerechnet von denen erhoben wird, die ohne Rücksicht auf den Glauben des Volkes europäische (römische) Praktiken durchsetzen, die die spanische Geschichte der Missionierung verherrlichen und die Fliesen aus Spanien einfliegen lassen, weil das einheimische Material zu primitiv sei ... usw. usw. Siehe auch die Berichte aus Bambamarca, in denen geschildert wird, wie Priestern auf der Seite des Volkes von den reichen Geschäftsleuten und Großgrundbesitzern vorgeworfen wird, Agenten des CIA und Kommunisten zu sein. Auf diesem Niveau ist dann eine konstruktive Auseinandersetzung nicht mehr möglich.

(52) In diesem Zusammenhang sei auf den Beitrag von Bischof Luigi Bettazzi für den Sammelband hingewiesen, in dem über Bischöfe berichtet wird, die eine Option für die Armen zu ihrer Maxime werden ließen. Genannt sei an dieser Stelle auch das Buch: „Die Armen zuerst! - 12 Lebensbilder lateinamerikanischer Bischöfe“ (darunter Bischof Dammert), erschienen im Matthias - Grünewald - Verlag, 1999, hrsg. Von Johannes Meier, Mainz.

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