Geteilte Welten - getrennte Kirchen?

1. Partnergemeinden - eine Brücke über den Abgrund?

Wenn sich deutsche Gemeinden auf Gemeinden auf der anderen Seite des Globus einlassen, werden sie auf eine grundsätzliche Weise herausgefordert, ökonomisch und theologisch. Kirchengemeinden in den Elendsregionen dieser Welt - deutsche Gemeinden bevorzugen nämlich Kontakte mit den Ärmsten - möchten mit Partnergruppen in Deutschland ihren Glauben teilen und umgekehrt. Doch die Partner leben in getrennten Welten, besser gesagt: in entgegengesetzten Wirklichkeiten innerhalb der zu einem einzigen Marktplatz gewordenen „Einen Welt". Die deutschen Christen, einzelne Gemeindemitglieder wie die Kirche als Ganzes mit ihren Organisationen und Einrichtungen, sind mehr oder weniger gut funktionierende Bestandteile dieser Gesellschaft. Die beiden Konfessionen sind als Kirchen auf regionaler und nationaler Ebene mit Staat und Gesellschaft verflochten. Dies zeigt sich nicht nur in der Kirchensteuer, die bekanntlich umso höher ausfällt, je höhere Gewinne die Wirtschaft erzielt, sondern auch in der Zustimmung zu den herrschenden Wertvorstellungen. Gemeinde und Kirche sind nicht nur Stützen dieser Gesellschaft, sie sind diese Gesellschaft. Als Gemeinde und Teil dieser Gesellschaft sind sie Teil des dazugehörenden Wirtschaftssystems und sie haben ein existentielles Interesse an dem Erhalt und der Funktionstüchtigkeit dieses Systems, das auch ein globales System ist. Aus diesem Interesse heraus entsteht de facto eine entsprechende Option.

Die Campesinos gehören hingegen nur insofern zu diesem System, als dass sie sich als vom System Ausgegrenzte erfahren. Mit anderen Worten: Sie sind die Opfer eines Systems, das die Mehrheit der Christen in den reichen Ländern als alternativlos betrachtet, das man unterstützen oder mit dem man sich zumindest arrangieren muss. Während z.B. peruanische Partnergemeinden ihre Situation im Lichte des Glaubens als Folge der bestehenden sündhaften Strukturen (seit Medellín, 1968) und als unvereinbar mit dem Willen Gottes verstehen und begreifen, steht den deutschen Gemeinden dieser Erkenntnisprozess hinsichtlich ihrer eigenen Situation noch bevor.

In vielen Untersuchungen wird auf die wachsende Kluft zwischen reichen und armen Ländern hingewiesen. Papst Johannes Paul II. hat bereits 1984 auf seiner Reise nach Kanada darauf hingewiesen, dass die armen Länder eines Tages über die reichen Länder zu Gericht sitzen werden, weil die reichen Länder den Menschen in den armen Ländern das rauben bzw. vorenthalten, was diese zu einem menschenwürdigen Leben brauchen. Ist auf diesem Hintergrund eine Partnerschaft zwischen einer reichen und armen Gemeinde möglich und kann eine solche Partnerschaft eine Brücke sein, die beide auseinanderbrechenden Welten zusammenzuhalten vermag? Trotz aller Schwierigkeiten wird hier die These vertreten, dass Partnerschaften nicht nur eine Brücke, sondern dass sie eine Voraussetzung sind, um überhaupt von katholischer Kirche reden zu können.

Kirchliche Gemeindepartnerschaften sind ein Beispiel für katholisches Denken und Handeln im ursprünglichen Sinne des Wortes (katholikós: alle betreffend; das Selbstverständnis der christlichen Gemeinschaft von ihrer universalen Sendung für alle Menschen). Die Katholische Kirche ist die älteste und größte Gemeinschaft mit einer einheitlichen, weltumspannenden Struktur. Diese ermöglicht echte Partnerschaften, die dazu beitragen können, weltweite Verantwortung zu übernehmen und sich immer mehr als die „Eine Kirche Jesu Christi“ zu verstehen. Die Existenz von Partnergruppen bedeutet, Weltkirche auch von unten zu bilden. Durch direkte Kontakte mit den Ausgegrenzten kann erfahren werden, was christlicher Glaube in der heutigen Zeit bedeuten kann.

Die Kirche, will sie katholische Kirche sein, muss daher der herrschenden Globalisierung die Vision und die Praxis einer globalen Gemeinde entgegensetzen, die von den Armen ausgeht und in der nicht nur die Armen untereinander, sondern auch Reiche und Arme die Chance haben, das Brot zu teilen, also „Gemeinschaft der Jünger*innen Jesu“ zu werden. Partnergemeinden kommt dabei eine Pilotfunktion zu. So ist z.B. die vielerorts gelebte Praxis des Brotteilens (liturgisch und im Alltag, u.a. in Basisgemeinden) eine Chance für deutsche Gemeinden, den Sinn von Eucharistie als Tischgemeinschaft und Brotteilen neu zu entdecken. Das neu entwickeltes Kirchenverständnis z.B. in Basisgemeinden infolge des letzten Konzils, ihre Interpretation der Bibel und die Deutung ihrer Situation im Lichte des Glaubens beanspruchen „universale Gültigkeit“ - freilich nicht im dogmatischen Sinne, sondern als Einladung zum Dialog. So konnte ich nach einem Besuch in der Partnergemeinde San Pedro im Gemeindebrief der Gemeinde St. Georg, Ulm, berichten: „Dann sprach Don Cunshe im Namen aller Campesinos: ‚Wir freuen uns besonders, nicht nur immer zu empfangen, sondern euch auch etwas schenken zu dürfen, nämlich die Erfahrung der Nähe Gottes. Es gibt uns viel Selbstvertrauen, euch helfen zu dürfen, Hoffnung zu geben und so euren Glauben zu vertiefen.’ Auch die Partnerschaft mit uns wird zunehmend spirituell verstanden, als einheitsstiftend und kirchenbildend. Unsere Präsenz als Kirche hilft ihnen, sich ebenfalls als Kirche zu verstehen, was ihnen Kraft und Selbstbewusstsein gibt - und umgekehrt“.

2. Praxis der Partnerschaft - Schwierigkeiten und Chancen

a) Den beteiligten Partnergemeinden in Deutschland und in Peru wurde auf diesem Weg deutlich und mitunter sehr heftig vor Augen geführt, dass sich ihre Partnerschaften in einem starken Spannungsfeld bewegen: dem zwischen Institution und Person. Partnerschaft hat immer einen hohen personalen Anspruch. Eine Partnerschaft zwischen katholischen Kirchengemeinden lebt von konkret handelnden Personen, sie hat es aber notwendigerweise mit einer institutionellen Wirklichkeit zu tun, die den notwenigen Rahmen von Partnerschaften bildet. Motor der Gemeindepartnerschaften sind zudem meist einzelne Personen, die an Institutionen gebunden sind und sich auch von ihrem Selbstverständnis her als in die Kirche eingebundene Personen verstehen. Umgekehrt sind die Partnerschaften von der Institution her nicht nur geprägt, sondern ohne diese Institution hätte es diese Partnerschaften nicht gegeben. Kirche als weltweite Institution und Gemeinschaft aller Gläubigen ist nicht nur der Rahmen, sondern sie ist die notwendige Voraussetzung von Gemeindepartnerschaft. In diesem Spannungsfeld zwischen Institution und Person (und auch Partnerschaftsgruppe) geschieht Partnerschaft. Wie geht man mit dieser Spannung um und wird sie überhaupt richtig wahrgenommen? Sind die Partnergemeinden auf solche Spannungen vorbereitet?

b) Hinzu kommt der Umstand, dass die in Peru und Deutschland handelnden Personen sich im Kontext eines jeweils anderen historischen, sozialen und auch kirchlichen Umfeldes bewegen. Diese Frage wird verschärft, wenn man z.B. die Campesinos, wie dies in den Partnergruppen und von den Campesinos selbst verstanden wird, stellvertretend für alle Ausgegrenzten weltweit sieht. In der Tradition der Worte und Taten Jesu setzt sich Jesus nicht nur mit den Ausgegrenzten an einen Tisch, vielmehr will er gerade mit ihnen das Reich Gottes zeichenhaft errichten. In der Kirche als sakramentales Zeichen des Reiches Gottes wird diese Gemeinschaft mit den Ausgegrenzten sichtbar und der Welt als Alternative verkündet. Sind aber die kirchlichen Strukturen - sei es, dass es jeweils verschiedene Traditionen von Kirche gibt, sei es die Kirche in ihrer real existierenden Verfasstheit als Ganzes - so geschaffen, dass sie diese Verkündigung auch tatsächlich leisten können? Konkret auf die so verschiedenen Partner bezogen: Können arme und reiche Gemeinden wirklich zu Partnern werden - vor allem dann, wenn man auch noch die historisch gewachsenen Ursachen der Armut bzw. des Reichtums im Kontext des System der gegenwärtigen Weltwirtschaft in Betracht zieht? (Neo - Kolonialismus, etc.)

c) Neben dem Unterschied zwischen arm und reich und den jeweils damit verbundenen Interessen und Optionen gibt es noch eine andere Schwierigkeit: Wie kann der Arme, als der „Andere zu dieser Gesellschaft“, der Ausgegrenzte, der Fremde, der eigentlich gar nicht wahrgenommen werden kann, wenn man nicht „Grenzen überschreitet“, überhaupt als solcher wahrgenommen werden? Zumal ein Wahrnehmen des Anderen als Subjekt stets auch impliziert, die Ursachen der Armut und der Ausgrenzung zu bekämpfen und damit auch die materiellen und ideologischen Grundlagen der eigenen Gesellschaft radikal zu hinterfragen. Wären aber Partnerschaften unter solch verschiedenen Voraussetzungen nicht möglich, wäre auch die „Eine Katholische Kirche“ nicht möglich.

d) Begegnung: Die Besucher möchten das Leben der Ärmsten aus der Nähe kennen lernen, sie möchten deren Hütten sehen, wissen, was sie essen und wie und von was sie leben. Von diesen Armen eingeladen zu werden, ist für die Besucher das schönste Erlebnis bzw. wäre der größte Wunsch (ist aber nicht immer möglich). Man erinnert sich zuerst an die überschwängliche Gastfreundschaft, an die Freude und Begeisterung der Menschen und an die gemeinsamen Gottesdienste. Je elender die Lebensumstände und umso ärmer die Partner, desto nachhaltiger ist meist die Erinnerung. Theoretische Erkenntnisse oder moralische Appelle vermögen vielleicht Einsichten zu schaffen, geben aber allein nicht die Kraft und bewirken allein keine Veränderung. Verhaltensänderungen, von denen vereinzelt berichtet wird, beruhen auf dem direkten Erleben von Elend und Unterdrückung im Zusammenhang der Begegnung mit den Partnern. Verhaltensänderung wird hier im Sinne von Bekehrung und Umkehr verstanden.

Ist man bereit, diese Begegnungen und Verhaltensänderungen als religiöse Ereignisse ersten Ranges zu sehen, dann wird deutlich, dass es farbenfrohe, sinnliche und bewegende Momente sind, die den Menschen in seinem Innersten bewegen und Religion (Offenheit für das Andere) konstituieren. Eine Begegnung mit dem „Anderen“ kann die Voraussetzung dafür schaffen, dem „ganz Anderen“ begegnen zu können - und umgekehrt. Die Erschütterung, im notleidenden Nächsten das Antlitz des gekreuzigten Christus zu entdecken, ist der entscheidende Moment einer persönlichen Bekehrung und Umkehr - und umso wichtiger, wenn diese „grenzüberschreitenden“ Glaubenserfahrungen in den eigenen Gemeinden und dem eigenen Umfeld oft nicht gemacht werden (können). Die genannte Erschütterung ist das Fundament einer befreienden, jesuanischen Spiritualität, ohne die all unser Bemühen und unser Glaube hohl blieben.

e) Einheit bzw. Trennung von Sozial- und Pastoralarbeit: In den Partnergruppen und den Gemeinden gibt es einen Widerspruch: Im eigenen Selbstverständnis und in der konkreten Projektarbeit ist der pastorale Aspekt weniger ausgeprägt, das Soziale steht eindeutig im Vordergrund. Die Mehrzahl der befragten deutschen Partnergruppen versteht ihr weltkirchliches Engagement nicht als Pastoral, bestenfalls z.B. Partnerschaftsgottesdienste als Bereicherung der eigenen Liturgie. Die eigene Wirklichkeit (Gesellschaft, Wirtschaft, Politik) wird dagegen selten im Lichte des Glaubens analysiert. Folglich werden auch selten praktische und gesellschaftspolitisch relevante Konsequenzen daraus gezogen. Das Soziale wird so in der eigenen Glaubens- und Gemeindepraxis eher vernachlässigt.

f) Standort in der eigenen Gesellschaft: Für die Engagierten in einer peruanischen Partnergemeinde ist es selbstverständlich, ihren Standort in der Gesellschaft zu bestimmen. Sie erfahren sich als Ausgeschlossene, als Opfer von Verhältnissen, die von Menschen so eingerichtet sind, dass einige Wenige davon profitieren und Viele darunter leiden. Diese Standortbestimmung wird nicht nur erfahren, sondern sie können in der Regel auch erklären, warum das so ist. Vor allem aber wissen sie, dass diese Fragen fundamental mit ihrem Glauben an den biblischen Gott des Lebens zusammenhängen, der inmitten ihres Elends Mensch geworden ist und der sich mit ihnen bis aufs Äußerste solidarisiert. Aufgrund dieses Glaubens beginnen sie, diese Gesellschaft zu verändern, weil sie z.B. glauben, dass es nicht Gottes Wille sein kann, dass seine Kinder nichts zu essen haben, keine Schule besuchen können und z.B. als „Indios“ weiterhin verachtet werden. Wegen ihrem Glauben sehen sie das globale Wirtschaftssystem nicht als gottgegeben an, sondern als von Menschen mit ganz bestimmten Interessen gezielt so geschaffen. Es gehört zu ihrem Glauben, diesem gottlosen System zu widerstehen und sie wissen auch um Alternativen aufgrund ihres Glaubens. Sie kennen in der Regel besser die grundsätzlichen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils und weiterer kirchlicher Dokumente als vergleichbar Engagierte in deutschen Gemeinden. Sie wissen, was z.B. eine bestimmte Finanz- und Wirtschaftspolitik mit dem Glauben an Jesus den Christus zu tun hat und können ihren Glauben und das damit zusammenhängendes Engagement glaubwürdig begründen. Denn sie sind  von den Auswirkungen einer gottlosen Wirtschaft und Politik direkt betroffen.

3. Partnerschaft als Lernfeld für globale Verantwortung  

a) Partnerschaft als Katechese des Glaubens

Aus  verschiedenen Gründen, die hier nicht zur Debatte stehen, können Kirche, Familien, Gemeinden und Schulen nicht mehr in dem Maße das leisten, was zur Weitergabe des Glaubens an die folgenden Generationen notwendig wäre. Der über Jahrhunderte vorhandene gesellschaftliche und kirchliche Kontext als Stütze der Kirche und des Gemeindelebens hat sich weitgehend aufgelöst bzw. er hat sich dergestalt verändert, dass fast von einem Abbruch der Überlieferung gesprochen werden kann. Neben dem kontinuierlichen Zerbröseln des gewohnten Kontextes ist es auch zu einer Relativierung der zentralen Glaubensaussagen selbst bei noch praktizierenden Katholiken gekommen. Die christliche Substanz, nämlich der Glaube an Jesus den Christus (Messias) und den Beginn einer neuen Zeit als Fundament und primäre Orientierung für das alltägliche Leben, droht sich zu verflüchtigen. Immer weniger sind neue Lernfelder auszumachen, in denen elementare christliche Verhaltensweisen und ein entsprechendes Leben in Gemeinschaft eingeübt und gelebt werden kann.

In dieser Situation eröffnet sich christlichen Gemeinschaften die Chance, im Kontakt und Austausch mit den Ausgegrenzten und Flüchtlingen, ihren eigenen Glauben neu zu buchstabieren, verschüttete Erfahrungen auszugraben und wieder neu zu entdecken. Manche Kirchengemeinden in unserer Diözese und bundesweit stellen angesichts der Not der Flüchtlinge überrascht fest, wieviel Hilfsbereitschaft und Engagement es doch noch gibt, wie viele Menschen plötzlich in der Gemeinde sichtbar werden, die ansonsten nie zu sehen waren, die auch nach den Ursachen der Flucht fragen, nach Hintergründen, nach unserer Mitverantwortung, usw. Dies eröffnet die Möglichkeit, hautnah mitzuerleben und neu zu entdecken, was der Kern der Botschaft Jesu ist: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben“.

b) Partnerschaft als Sakrament von „Weltkirchesein“

In der Eucharistie feiert die Gemeinde den Aufbruch Gottes mit den Menschen als Befreiung, sie feiert die Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit Gott und sie ist damit Zeichen dafür, dass die tödliche Spaltung der Menschheit überwunden werden kann. Sie ist Zeichen des Reiches Gottes. In einer Partnerschaft wird dieses Zeichen konkret erfahrbar und kann nachvollziehbar in eine entsprechende Praxis umgesetzt werden. Keine katholische Gemeinde kann von ihrem eigenen Selbstverständnis her Eucharistie feiern, ohne die Ausgegrenzten an ihren Tisch zu bitten. Mehr noch: Nicht sie bittet an den Tisch, sondern es ist Jesus der Christus, der zuerst die Ausgegrenzten einlädt, während die Reichen dankbar sein dürfen, wenn sie (eventuell auf Fürsprache der Armen hin) ebenfalls einen Platz am Tisch des Lebens erhalten. Für eine reiche Gemeinde ist es eine Gnade, wenn sie von armen Menschen, die sich mit Jesus Christus auf den Weg gemacht haben, zu Tisch geladen werden. „Kirche vor Ort ist selber Kirche und die Universalkirche ist immer Kirche, die an einem Ort existiert. Die globale Welt fordert inhaltlich die Katholizität heraus. Die katholische Kirche steht im Zeitalter der Globalisierung vor dem Problem ihrer Katholizität. Sie hat auf dem Zweiten Vatikanum die institutionellen Voraussetzungen für sie geschaffen; denn es sagt von der Kirche, dass sie eine Gemeinschaft der Gottes- und der Nächstenliebe ist, ein messianisches Volk, das Volk Gottes in Christus, das sich auf den Weg durch die Geschichte befindet und die Menschheit in eine Familie Gottes umgestalten will“ (E. Klinger, im Sammelband zur Studie, S. 228, 229).

So wie auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus den Jüngern ein Licht aufgeht, als der Unbekannte und Fremde mit ihnen das Brot bricht, so können deutsche Gemeinden durch Brotteilen mit den armgemachten Menschen zum gemeinsamen Weg des Volkes Gottes zurückfinden. Eine so verstandene Partnerschaft zwischen einer reichen und einer armen Gemeinde ist das sichtbare Zeichen dafür, dass die Spaltung innerhalb der Kirche in Reiche und arm Gemachte überwunden werden kann und Kirche nur dann die wahrhaft katholische (universelle) und evangelische (biblische) Kirche Jesu ist, wenn das gesamte Volk Gottes auch in der Tat gemeinsam auf dem Weg ist, den uns Jesus weist. Partnerschaften repräsentieren konkret und in der Praxis, die Einheit vom Volk Gottes her. Gelebte Partnerschaft, gemeinsam auf dem Weg sein, Brotteilen und miteinander an dem Mahl teilnehmen dürfen, zu dem Jesus eingeladen hat, ist somit konstitutiv für das Volk Gottes, sie ist das sichtbare Zeichen einer sonst nur abstrakt gedachten Gemeinschaft, in der Arme und Reiche an einem Tisch sitzen und gemeinsam das Brot des Lebens essen und so selbst zum Brot des Lebens werden. Eine solche Gemeinschaft ist das Sakrament einer wahrhaften Welt-Kirche: Partnerschaft ist das Sakrament des Einen Volkes Gottes.

c) Partnerschaft - eine Option für die Armen

„Jede Partnerschaft zwischen Gemeinden arbeitet strikt an einer solchen Katholizität und damit gleichzeitig an einer Globalisierung, die im religiösen Bereich die Sehnsucht nach Gott offen hält und die im sozialen Bereich von den jeweils Armen und Bedrängten her das gesamte Handeln organisiert. Je mehr sich eine solche kirchliche Vernetzung mit der Leidensgeschichte der Menschen und in ihnen mit dem in der Geschichte lebenden Christus (vgl. Mt 25,31-46) ereignet, desto mehr wird die Kirche eine Intensivierung des eigenen Lebens und der eigenen Identität, aber auch eine Vertiefung des eigenen Leidens erreichen“. (Fuchs, Ottmar: Auf dem Weg zu einer lokal und global geschwisterlichen Kirche. In: Lebendiges Zeugnis 55 (2000) 219-227).

Eine solche Partnerschaft ist Ökumene in seiner ursprünglichen Bedeutung. Die eigentliche Spaltung zwischen Christen besteht darin, dass einige Christen auf Kosten anderer Christen leben, mehr noch: Das globale Wirtschaftssystem hat seine Wurzeln im christlichen Abendland und wird (auch) von Christen bis heute aufrecht erhalten. Der Bruch innerhalb der menschlichen Gemeinschaft und der Menschen mit Gott ist ein Skandal. Es ist die originäre Sünde, die Todsünde schlechthin, sie tötet auch konkret. Eine ökumenische Bewegung in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes ist in ihrem Kern das, was Kirche ausmacht: Die Gemeinschaft des Volkes Gottes, das den Ruf Gottes hört und aus der Sklaverei Ägyptens und des Mammons aufbricht, die das Unrecht anklagt und Gerechtigkeit verkündet, die auf dem Weg das Brot miteinander teilt und die Gegenwart Gottes feiert.

Die Gläubigen und Kirchengemeinden in den Ländern des Nordens sind mehrheitlich Mitglieder der Mittelklasse. Sie kennen keinen (materiellen) Hunger und kein Elend und sie identifizieren sich in der Regel mit der Gesellschaft, in der sie leben. Eine Option für die Armen bedeutet daher für die Kirchengemeinden des Nordens (u.a.):

  • Die Armen als Opfer einer globalen Ordnung erkennen, ihre Stimme hören und mit ihnen gehen. Eine Umkehr („Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe“) ist die Bedingung, um in dem Armen das Antlitz des gekreuzigten Messias zu erkennen.
  • Analyse und Infragestellen des eigenen Kontextes: Erkennen der persönlichen Verwicklung in das bestehende Wirtschafts- und Finanzsystem, eine der Ursachen des weltweiten Elends.
  • Die Götter dieser Welt im Lichte des Glaubens als Götzen denunzieren, die den Tod bringen und stattdessen den Gott des Lebens verkünden, indem man Leben ermöglicht; zumindest aber Stimme derer sein, die keine Stimme haben (selbstverständlich auch hierzulande).
  • Sich von den Armen evangelisieren lassen. Sie sind es, die uns die Bedeutung der Botschaft Jesu erschließen. Es ist keine Schande, sich von den Armen den Weg Gottes weisen zu lassen. Gott ist mit ihnen auf dem Weg, weil sie unterdrückt sind. Für die Reichen bedeutet mit den Armen sein, Gottes Nähe und Gegenwart zu erfahren.

„Wir haben als Christen die Pflicht, der Welt eine Alternative zu präsentieren: die Alternative einer anderen ‚Kommunion’ - in dem wir das tägliche Brot mit den Opfern teilen, denn sie sind die Ersten, die von Gott zu seinem Festmahl eingeladen sind, in dem ihr Hunger nach Brot und nach Gerechtigkeit gestillt wird. Man teilt das tägliche Brot dann, wenn man für eine Welt kämpft, in der jede Schwester das Notwendige hat, damit sie in Würde und in Gemeinschaft mit dem Nächsten leben kann... Wir jedoch, wir sind die Kirche Jesu Christi, weil wir das Brot und das Wort Gottes untereinander teilen; wir versammeln uns und feiern die Gegenwart des Herrn, seiner Leiden, seines Todes und seiner Auferstehung in unserer Mitte“. (Jesus Flores de la Loma, ein Campesino aus Peru, im Sammelband zur Studie, S. 35-40).

Willi Knecht; Beitrag zur Festschrift "50 Jahre Weltkirche der Diözese Rottenburg-Stuttgart" (1. Juli 2017).
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Zum Hintergrund: Dieser Beitrag basiert auf einer breit angelegten Studie (1997 - 2004), sowohl in Zusammenarbeit der theol. Fakultäten Würzburg (Prof. Dr. Elmar Klinger), Tübingen (Prof. Dr. Ottmar Fuchs), dem Instituto Bartolomé de Las Casas, Lima (damalige Leitung: Gustavo Gutiérrez), als auch deutschen und peruanischen Partnergemeinden. 2001 erschien als Zwischenergebnis der Sammelband: „Die globale Verantwortung“, Hg. E. Klinger, W. Knecht, O. Fuchs, Würzburg 2001 und 2005 meine Abschlussarbeit als Promotion: „Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen“ (LIT, 2005). Alle Daten, Recherchen, Dokumente und Ergebnisse auf: www.williknecht.de und www.cajamarca.de .

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