Grundlinien von Basisgemeinden

  1. Erfahrung gemeinsamer Probleme, Situationen und Sehnsüchte – z.B. Erfahrung von Unterdrückung und Elend – von Hoffnung auf Gerechtigkeit; Entstehen am Rande der Gesellschaft, „von unten“.
  2. Aus diesem Kontext heraus: Konfrontation mit dem Evangelium, den Worten und Taten Jesu. > Deutung und Umkehr (Deutung der Situation als Ergebnis sündhafter Strukturen). > eine Entscheidungskirche; > als Volk Gottes in der Minderheit.
  3. Kirche des Volkes – Kirche (Gemeinde) als handelndes Volk Gottes in der Geschichte; wie das Volk Israel auf dem Weg von der Sklaverei in die Befreiung (Exodus). Eine solche Kirche ist notwendigerweise eine Kirche der Armen (arm Gemachte als Basis der Kirche Jesu Christi)
  4. Demokratische Kirche – charismatische (vielfältige Talente und Berufungen) Gemeinden; daher zuerst eine Kirche der „Laien“, viele Dienste, jeder trägt Verantwortung, keine Abhängigkeit vom Priester, Beauftragung von unten her, Mann und Frau gleichwertig
  5. Eine Kirche von Brüdern und Schwestern, die sich im alltäglichen Leben als solche erweist; persönliche Beziehungen, Glaube und Leben in Gemeinschaft (Glaube und Leben als Einheit).
  6. Eine gewaltfreie Kirche – ohne Macht- und Herrschaftsstrukturen; überwinden von struktureller und persönliche Gewalt als Zeichen einer neuen Gemeinschaft; diese Gemeinschaft ist erfahrbar als Ort der Befreiung („Licht im Dunkel“, „Insel des Lebens“ etc.).
  7. Demokratisch legitimiertes Amt und Laien als gleichberechtigte Partner mit gemeinsamer Mitte (Jesus): Hierarchie und Lehramt als Diener des Volkes.
  8. Kirche des Hl. Geistes: Charismen, Phantasie, Kreativität; Hoffnung: Gott ist mit uns; die Liebe Gottes (Hl. Geist) wirkt in der Welt und in uns und verändert durch uns die Welt. Eine solche Gemeinschaft der Gläubigen wird zu einer Quelle des Lebens und zum Zeichen des Widerstandes gegen die herrschenden Götzen und gegen den vorzeitigen Tod.
  • Eine evangelische Kirche: Bibel als Fundament und oberster Maßstab; Deutung der Welt (Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und alles was den Menschen betrifft) im Lichte der Bibel.
  • Eine missionarische Kirche: jeder Christ eine Fackel, die brennt. Erkennungszeichen dieser Kirche ist das Brot-Teilen (Umgang miteinander; Teilhabe aller an einem erfüllten Leben). Jeder Christ (Getaufte) ist berufen, die Frohe Botschaft allen Menschen zu verkünden.
  • Eine prophetische Kirche: Anklage des herrschenden Götzendiensten (Anbeten von Macht und Reichtum, u.a.) und dessen den Tod bringenden Konsequenzen – Verkündigung eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“, in der alle Kinder Gottes in Würde leben können. Verkündigung der anbrechenden Herrschaft Gottes.
  • Eine feiernde Kirche: Feier der Befreiung schon jetzt (im Wissen des eschatologischen Vorbehalts); Eucharistie als Kennzeichen: - Dank und Erinnerung an die Worte und Taten Jesu (seine Hingabe an die Menschen). - Dessen Vergegenwärtigung im Hier und Jetzt (Gegenwart Jesu Christi in uns und mit uns) - Vorwegnahme (Zeichen) der endgültigen Versöhnung der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander.

Willi Knecht, 1980 (auf der Basis erlebter Erfahrungen in Basisgemeinden Perus).


Grundlinien der Diözesansynode Rottenburg – Stuttgart von 1985/86 Richtungsweisende Perspektiven für die zukünftige Entwicklung der (und in den) Gemeinden (eigene Zusammenfassung)

1. Besinnung als getaufte Christen auf unseren Glauben als Orientierung für unser Leben > alternative Deutung des Lebens, entwickeln alternativer Modelle für Leben in Gemeinschaft.

2. Katechetisch – missionarische Seelsorge > Gemeinde als Zeugnis- und Wegegemeinschaft.

3. Leben in kleinen Gemeinschaften, zwischenmenschliche Beziehungen, keine „Einweg-Kommunikation“ (nicht von oben nach unten bzw. von Amt zu Laien).

4. Kirche als gelebte Communio zwischen: Priester und Laien; Hilfsbedürftige und Helfer; Suchende und Glaubende; Scheitern und Gelingen. Jeder Getaufte kann je nach Lebenssituation mal auf dieser oder jener „Seite“ stehen.

5. Einheit (gegenseitiges Durchdringen) und Gleichwertigkeit der drei Grunddienste: Diakonie – Verkündigung (Bekenntnis) – Liturgie.

6. Zuerst Orientierung am Wort Gottes – biblische Inspiration

7. Solidarische Zeitgenossenschaft

8. Sensibilität für das Handeln Gottes und Erkennen der Zeichen der Zeit Aussage der Synode: Wir befinden uns in einer Übergangssituation in der Kirche - einer Krise der Glaubenstradierung:

  • Die volkskirchliche Tradition und das christlich geprägte Milieu schwinden. Die Weitergabe des Glaubens ist nicht mehr selbstverständlich. Stattdessen aktuell: eher eine institutionelle Tradierung: „man veranstaltet Kirche“, Gründung von Einrichtungen, Bildungswerken etc. > der „Apparat“ übernimmt, was Gemeinden (angeblich?) nicht mehr können; Institution wird immer mächtiger und ist allgegenwärtig.
  • Für die Zukunft aber entscheidend: eine missionarische Tradierung, Weitergabe des Glaubens; Gewinnung von Menschen für die Frohe Botschaft (setzt deren Entdeckung als befreiende Botschaft voraus) durch Erfahrungen von gelebten Zeugnissen. Erfahrung alternativer Lebensgemeinschaften („seht wie sie sich lieben“) als Attraktion für andere.

Willi Knecht, 1986

Anmerkung September 2011: wie arm (-selig) sind wir doch inzwischen geworden, oder?

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