"Auf dem Weg nach Jerusalem"

„Auf dem Weg nach Jerusalem“                (Letzter Abschnitt des letzten Kapitels)

„Auf dem Weg nach Jerusalem“ ist eine symbolische Umschreibung für die Erfahrung der Campesinos, dass nach der ersten Verkündigung der Guten Nachricht und deren Verbreitung auf dem Land, (in „Galiläa“) die Campesinos sich auf den Weg gemacht haben, diese Botschaft auch im Zentrum der Macht (die Stadt Bambamarca, Lima, Jerusalem, Rom, Wallstreet) zu verkünden. Dabei machten sie die gleiche Erfahrung, wie sie Jesus machte, nachdem er in Jerusalem eingezogen war: er wurde verraten, verkauft und gekreuzigt - zuerst von den Hohen Priestern und dann von dem Statthalter des Imperiums als Vollstrecker.

Bisher standen die Anfangsjahre der Pastoralarbeit in Bambamarca seit 1963 im Mittelpunkt. In den Anfängen wurden die entscheidenden Fundamente gelegt und der Weg für eine befreiende Praxis der Kirche von Bambamarca bereitet. Auf diesem Weg lassen sich drei Etappen ausmachen. Als entscheidende Wegmarken hierfür können die Jahre 1969, 1978 und 1993 angesehen werden (620). Ausgangspunkt, Methoden und Ziele der 2. Evangelisierung wurden bereits in den vorhergehenden Kapiteln vorgestellt. Sie blieben in ihren Grundzügen über drei Jahrzehnte hin gültig und werden nun in einen chronologischen Zusammenhang gestellt.

Für die erste Phase wurden als Schwerpunkt die Jahre 1963/64 (Umbruch, Neubeginn, Bibel als Fundament) ausgewählt. Dies wurde bereits ausführlich beschrieben. Die zweite Phase war dadurch gekennzeichnet, dass die Campesinos ihre Stimme erhoben (El Despertar, Vamos Caminando) und sich als Kirche zusammen fanden. Die dritte Phase geriet bisher nicht näher ins Blickfeld, weil außer der Entstehung der Ronda nichts wesentlich Neues mehr hinzukam. Dennoch gilt es hier noch genauer auf einige Geschehnisse hinzuweisen, die für die aktuelle und zukünftige Entwicklung in Bambamarca von Bedeutung sind.

1. Die erste Phase: 1963 - 1969

Die Jahre von 1963 bis 1969 waren sowohl geprägt von der Arbeit der drei Priester, von der Ausbildung von Katecheten und verantwortlichen Laien einschließlich der damit zusammenhängenden Bildung von neuen Glaubensgemeinschaften auf dem Land als auch von einer in die Pastoralarbeit eingebundenen Entwicklung und Durchführung sozialer Programme, für die zuerst ausländische Helferinnen verantwortlich waren. Als letzter der drei peruanischen Priester verließ Rafael Fernández 1969 Bambamarca.

Über die Gründe für das Weggehen der drei Priester liegen kaum Anhaltspunkte vor. Padre Mundaca sagte mir 1997 in einem persönlichen Gespräch in Celendín, wo er von 1969 - 1999 Pfarrer war, dass er Bambamarca verließ, weil er eine eigene Pfarrei haben und er die zunehmenden Konflikte, insbesondere verursacht durch die Landreform, nicht länger ertragen wollte. Er sagte, dass es für einen Pfarrer besser sei, wenn er sich mehr seinen eigentlichen Aufgaben widmen würde, d.h. der Pastoralarbeit im engeren Sinne (Sakramente) und er sich mehr im Pfarrhaus und damit in der Stadt aufhalten sollte, weil er dann leichter für alle zu erreichen sei (621).

Padre Bartolini interpretiert dagegen seinen Weggang als Rauswurf (in der Befragung durch das IBC, 1997), was aber von den Katecheten und auch den Mitarbeitern Dammerts nicht so gesehen wurde. Jedenfalls kam es im September 1968 zu einer großen Verärgerung bei Bartolini, weil er nicht zum Leiter des Sozialzentrums in Bambamarca ernannt wurde, sondern eine Fachkraft (Laie) aus Cajamarca. Ebenfalls wird aus Briefen an die Partnergemeinde in Dortmund deutlich, dass er sich vernachlässigt und übergangen fühlte, weil die deutschen Mitarbeiterinnen aus der Sicht von Bartolini sich als die natürlichen Ansprechpartner der Partnerschaft (damals noch Patenschaft) verstanden haben und er selbst keinen Überblick und Mitsprache bei der Planung einiger Projekte und auch deren Finanzierung hatte.

In einem Brief (Februar 1969) schreibt Alois Eichenlaub: „Dass uns leider Padre Bartolini verlassen hat, werden Sie inzwischen schon erfahren haben, ganz plötzlich kam seine Entscheidung. Zunächst hat er sich auch nicht von seinem Priestertum getrennt. Wir müssen für ihn und für fünf weitere seiner peruanischen Mitbrüder, die in einer großen Krise stecken, beten“ (622).

Hans Hillenbrand schreibt am 7. 3. 1969 nach Dortmund: „In Bambamarca ist die Situation zur Zeit schwierig, weil Pfarrer Bartolini die Gemeinde verlassen hat und nach Lima gegangen ist. Padre Fernández, sein Vikar, ist ein lieber guter Priester, der aber nicht so fähig ist, zielbewusste Pastoralarbeit zu leisten“ (623). Rafael Fernández kam 1970 für einen einjährigem Erholungsurlaub nach Europa (Frankreich), um danach frisch erholt nach Bambamarca zurückkehren zu können. Doch danach gilt Fernández als „spurlos verschwunden“, d.h. er taucht nicht mehr in Cajamarca auf und niemand weiß etwas von ihm.

Erst viel später erfährt man, dass er als Pfarrer an der Küste tätig ist. Bemerkenswert ist, dass Bischof Dammert über den Weggang der drei Priester und deren Motive weder seine eigenen Mitarbeiter noch die Partner in Deutschland informiert hat und auch diesbezügliche Nachfragen unbeantwortet blieben.

Im Jahr 1969 endet damit die erste Phase der Neuevangelisierung in Bambamarca, die von der Arbeit der drei peruanischen Priester geprägt war. 1969 war auch in anderer Hinsicht ein Wendejahr: Die Euphorie um die nationale Erneuerung durch die im Oktober 1968 durch einen Putsch an die Macht gelangte Militärregierung war auf dem Höhepunkt; die angekündigte Landreform weckte große Hoffnungen, gerade auch in Bambamarca. Im November 1969 beauftragte Bischof Dammert erstmals (auch weltweit der 1. indigene Katechet) einen Campesino, das Evangelium im Namen der Kirche zu verkünden und zu taufen. Die Dokumente der Bischofskonferenz von Medellín wurden nun in Bambamarca als offizielle Bestätigung des bisher eingeschlagenen Kurses gedeutet, d.h. die bisherigen Experimente wurden gutgeheißen.

2) Die zweite Phase: 1970 - 1978

Die Jahre 1970/71 lassen sich als eine Phase des Übergangs bezeichnen, dessen Katalysator Hans Hillenbrand war. Äußerlich gesehen war es auch deswegen ein Übergang, weil zum ersten Mal in der Geschichte Bambamarcas einem ausländischer Priester die Verantwortung für die Pfarrei Bambamarca übertragen wurde. Dies stellt insofern ein Paradoxon dar, weil ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als sich erstmals das Entstehen einer einheimischen andinen Kirche abzeichnete, erstmals ein ausländischer Pfarrer in Bambamarca eingesetzt wurde, der zudem noch zum Motor gerade dieser Entwicklung werden sollte - ebenso wie seine unmittelbaren ausländischen Nachfolger.

Vorläufig ist festzuhalten, dass es nicht möglich gewesen wäre, die begonnene Arbeit in Bambamarca mit peruanischen Priestern weiterzuführen - aus dem einfachen Grund, weil Dammert keine peruanischen Priester zur Verfügung standen, die das hätten weiterführen können oder wollten. Mit anderen Worten: Die Entwicklung des einheimischen Klerus konnte mit der Dynamik der Neuevangelisierung und deren Folgen nicht Schritt halten, und noch mehr: Nachdem auch noch Alfonso Castañeda die Diözese und das Priesteramt verlassen hatte, hatte Dammert nun keine einheimischen Priester mehr, mit denen er eine Erneuerung hätte durchführen können, zumindest kam keiner der noch vorhandenen Priester als entscheidender Motor der Bewegung in Frage.

Drastischer ausgedrückt: Da Dammert sich die kirchliche Erneuerung nicht ohne Priester vorstellen konnte, wäre die Erneuerung der Kirche von Cajamarca ohne die Hilfe ausländischer Priester schon nach wenigen Jahren gescheitert. Die Ausbildung peruanischer Priester, geprägt von einem bestimmten Priester- und Kirchenbild, war wenig geeignet, den Anforderungen der andinen Kultur und der sozialen Problematik entsprechen zu können.

Hans Hillenbrand, Weltpriester der Diözese Mainz, kam Anfang 1969 nach Peru. „Die größte Freude brachte uns die Ankunft eines jungen herzhaften Mainzer Kaplans: Padre Hans. Ich möchte meiner Freude Ausdruck geben, einen deutschen Mitbruder zu haben. Schön, dass sich das lateinamerikanische Kolleg in Löwen unser erinnert und Nachschub besorgt“ (624). In einem Brief an die „Inkahilfe“ schreibt Hans Hillenbrand aus Bambamarca:

„Nun bin ich schon neun Monate hier in Peru und versuche, mich in die Arbeit der Diözese einzugliedern. Da viele unserer Mitarbeiter in der Gegend von Cajamarca arbeiten und dort allein 17 Priester wirken, habe ich im Einverständnis mit dem Bischof mein Arbeitsfeld nun für einige Zeit nach Bambamarca verlegt. Dort wird schon seit längerer Zeit an der Heranbildung von Katecheten gearbeitet. Dort in Bambamarca gibt es nur einen Priester (Fernández), der in der Schularbeit so aufgeht, dass er für die Arbeit auf dem Land kaum Zeit hat. Das Priesterproblem ist hoffnungslos. Viele der Priester sind alt. Soll man mit dem Aussterben der Priester auch die Kirche hier sterben lassen? Da manche unserer Katecheten schon ausgezeichnete Arbeiter im Gottesreich sind, glaube ich, auf diesem Wege wirken zu müssen, der einige Hoffnungen für die Zukunft der Kirche hier birgt. Heranbildung von Katecheten heißt, gleichzeitig kleine Gemeinden wirklichen Glaubenslebens zu bilden. Solche Gemeinschaften, die in einigen Gemeinden bereits ausgezeichnet funktionieren, können Kirche im Kleinen und im Sinne des Neuen Testaments sein. So ist unser Pastoralansatz hier gar keine neue Sache. Nach unserer Meinung ist er nur eine Verwirklichung biblischer Evangelisationsarbeit“ (625).

Dieser kurze Ausschnitt weist nicht nur noch einmal auf die Ziele der Pastoralarbeit und deren erste Ergebnisse hin, sondern zeigt eine kreative Spontaneität seitens des Bischofs und seiner engsten Mitarbeiter. Es gab keine fertigen Pläne für die Ablösung der peruanischen Priester in Bambamarca bzw. Pläne, wie man ihnen eventuell besser hätte beistehen können. Ebenso wenig gab es Pläne für eventuelle Nachfolger. Es hat sich einfach so ergeben bzw. auf eine neue Situation wurde rasch und flexibel reagiert.

Hans Hillenbrand wurde von Dammert nicht angefordert, er sollte ursprünglich auch nicht nach Bambamarca gehen. Alois Eichenlaub sah in ihm anfangs eine Verstärkung des katechetischen Teams (equipo volante), das von Cajamarca aus die verlassenen Zonen der Diözese besuchte, um dort die gewünschten Prozesse anzustoßen und dessen zweite Hauptaufgabe darin bestand, zentrale Kurse in Cajamarca, in den beiden Kurszentren Baños del Inca und San Luis, durchzuführen. Während eines solchen Kurses hatte Padre Fernández Hans Hillenbrand kurzfristig im September 1969 um Aushilfe für Bambamarca gebeten, die dieser annahm, um dann vorläufig in Bambamarca zu bleiben. Als Fernández dann Ende 1969 Bambamarca verließ, vertrat ihn vorübergehend Hans Hillenbrand, denn man rechnete mit der Wiederkehr von Padre Fernández.

Ein zweites bedeutsames Ereignis dieser Übergangsphase war die Kundgebung der Campesinos vom 6. 9. 1971 in der Stadt Bambamarca, die für die weitere Entwicklung im Sinne eines wachsenden Selbstbewusstseins der Campesinos von entscheidender Bedeutung war. Diese Kundgebung wurde allein von den Campesinos, speziell unter der Führung der Katecheten, vorbereitet und durchgeführt und gilt bis heute, sowohl im Bewusstsein der Campesinos als auch deren Gegenspieler, als der bis dahin erste und zudem erfolgreich organisierte Protest der Campesinos im Departement Cajamarca und in den nördlichen Anden.

Der Protest wurde von allen Campesinogemeinschaften unterstützt. Er richtete sich gegen die Bezahlung von Steuern auf ihr Stück Land und generell gegen den Amtsmissbrauch der lokalen Behörden im Zusammenspiel mit den einflussreichen Familien der Stadt. Er steht auch im Zusammenhang mit der Landreform (u.a. Erhebung von Steuern als Entschädigung für die Enteignung von Großgrundbesitz). Anhand dieses Beispiels kann gezeigt werden, zu welchen konkreten Ergebnissen im sozial-politischen Bereich die Evangelisierung führte. Denn spätestens seit diesem Zeitpunkt (1971) ist das Verhältnis zwischen Stadt und Land, zwischen „zivilisierten Christenmenschen“ und den „Indios“ (so die tzraditionell gebrauchten Ausdrücke), nicht mehr so, wie es vorher über vier Jahrhunderte hinweg bestanden hatte und ohne große Mühe aufrecht erhalten werden konnte.

Die Campesinos hatten sich erstmals als Machtfaktor etabliert und konnten nun auch als solcher nicht mehr einfach übergangen werden. Sie selbst berichten über dieses Ereignis: „In jenen Jahren wies das Innenministerium alle Kommunen an, eine Einheitssteuer auf Land zu erheben, ohne Rücksicht auf die Größe des Grundstücks. Die Stadtverwaltung fing sofort an, mit großer Härte die Steuer einzutreiben, nicht nur für das laufende Jahr, sondern auch für die letzten fünf Jahre seit 1965. Dabei kam es auch zu Gewaltanwendungen. Es herrschte gerade eine große Trockenheit und die Ernte war fast vollkommen verloren gegangen.

So konnten gerade die ärmsten Campesinos die Steuern nicht bezahlen, selbst wenn man sie getötet hätte. Es mussten auch alle diejenigen die Steuern bezahlen, die nur ein steiniges Stückchen Land besaßen, auf dem nichts angepflanzt werden konnte. Falls innerhalb von zwei Monaten die Steuern nicht bezahlt würden, würde man das Land enteignen. Die Funktionäre gingen schon aufs Land um z.B. Bäume und Tiere zu markieren, die eingezogen werden sollten. Außerdem galt noch das Gesetz, dass wir am Eingang der Stadt Steuern bezahlen mussten, für das Recht, unsere Produkte in die Stadt zu bringen und auf dem Markt verkaufen zu dürfen.

Und dort mussten wir noch einmal Steuern für jedes verkaufte Produkt und Standmiete bezahlen. Falls wir nicht bezahlen konnten, selbst wenn wir nichts verkauft hatten, wurden uns unsere Ware und unsere Tiere abgenommen. Für die Tiere musste sogar eine Straßenbenutzungsgebühr bezahlt werden. Das Schlimmste war, dass die Stadtverwaltung das Recht, die Steuern eintreiben zu dürfen, an denjenigen vergab, der am meisten dafür bezahlte. Zu jener Zeit aber gab es schon seit sieben Jahren eine Pastoralarbeit, die uns die Augen geöffnet hatte und die Padres hatten uns geholfen, die Missstände und das Unrecht zu erkennen.

Dabei haben wir auch gelernt, uns zu organisieren. Die Idee zum Protest ist von uns selbst ausgegangen, mit der Hilfe der Katecheten. In jeder Comunidad gab es Versammlungen, um den Protest vorzubereiten und es wurde in jeder Comunidad ein Streikkomitee gebildet. Nach drei Monaten war die Organisation abgeschlossen. Doch inzwischen hatte die Stadtverwaltung gemerkt, dass ein Protest vorbereitet wurde und viele von uns wurden eingeschüchtert und misshandelt. Doch wir verrieten nichts, hielten unsere Treffen geheim und waren nur in der Nacht unterwegs, um alle Comunidades zu besuchen.

Am 2. September schrieben wir an den Regierungsbeauftragten in der Stadt, dass eine Delegation von uns ein Gespräch mit ihm wünschte und dass zur Unterstützung für den 6. September eine Protestversammlung auf der Plaza de Armas in Bambamarca stattfinden würde. Der Subpräfekt verbot daraufhin die Versammlung im Namen der Revolutionsregierung. Aber man kann nicht die Stimme des Volkes verbieten und ein ganzes Volk verhaften? Wer schon kann den Wind aufhalten, der von den Bergen herunter stürmt?

Außerdem waren unsere Forderungen gerecht. Als Peruaner haben wir das Recht zu reden und sie mussten uns zuhören. Wir mussten unser Leben verteidigen und wir waren dazu bereit. Am Tag des Protest sind alle Comunidades in die Stadt Bambamarca gekommen, um gegen die Steuer zu protestieren. Nur die Alten und die Kinder blieben zu Hause. Aus allen vier Richtungen zogen wir gleichzeitig auf Verabredung in Reihe und sehr geordnet in die Stadt ein. Dort waren alle Türen und Fenster verriegelt. Die Städter hatten Angst.

50 Comunidades waren gekommen, zusammen mehr als 10.000 Campesinos. Wir wollten vor dem Amt den Bürgermeister und den Subpräfekten sprechen, doch niemand zeigte sich. Die vorher bestimmten Sprecher hielten ihre Ansprachen, in der alle unsere Forderungen und alle Missstände noch einmal vorgetragen wurden. Die Ansprachen waren respektvoll, aber bestimmt. Da sich keine der Autoritätspersonen zeigte, beschlossen wir noch auf dem Platz, eine Kommission zu bilden, die nach Lima reisen sollte, um mit dem Präsidenten zu sprechen.

Am 17. September verfassten wir eine offizielle Resolution mit der Bitte um Befreiung von den Steuern und ließen sie den Behörden zukommen. Diese Resolution war die Basis für unser Gespräch mit dem Präsidenten. Wir mieteten einen LKW für die Hinreise und es gelang, uns unbemerkt auf die Reise zu machen. Wir waren 28 Delegierte. Einige Pfarreien in Lima haben uns aufgenommen, weil Bischof Dammert diese darum gebeten hatte. Wir gelangten am 23. September zum Präsidentenpalast und wurden eingelassen. Wir konnten zwar nicht mit dem Präsidenten Juan Velasco Alvarado sprechen, aber mit seinem Sekretär, der uns versprach, unser Anliegen persönlich dem Präsidenten vorzutragen.

Dieser nahm auch unsere Petition in Empfang. Die Empfangsbestätigung brachten wir als Beweis dafür mit zurück, dass wir Campesinos in der Lage sind, bis in den Präsidentenpalast zu gelangen und dass wir bereit zum Dialog sind. Unser Protest hat Erfolg gehabt, auch wenn nicht alle Punkte geklärt werden konnten. Wir haben gelernt, alle Campesinos unter einem Dach zu vereinen, unsere Anliegen öffentlich und ohne Angst vorzutragen und einige Amtsträger auf unsere Probleme aufmerksam zu machen.

Als Campesinos haben wir gezeigt, dass wir uns sogar beim Präsidenten Gehör verschaffen können. Die Steuer für den Eintritt in die Stadt und für die Benutzung der öffentlichen Wege wurde sofort abgeschafft“ (626). Ein abschließendes  Zitat zeigt, warum dieses Ereignis in dieser Ausführlichkeit präsentiert wird: „Seit 1969 beginnt unsere katholische Kirche, sich um die Rechte der marginalisierten Campesinos zu kümmern. Dies geschieht durch eine sehr engagierte Pastoralarbeit auf dem Lande. Dadurch haben wir gelernt, die Binde von unseren Augen zu nehmen, die uns bisher auferlegt worden war und wir haben angefangen zu sehen, welche Rechte wir als Personen haben. Wir haben angefangen zu sehen, welche Ungerechtigkeiten man bisher an uns verübt hat. Die Kirche hat das angestoßen und uns unterstützt, denn was wir gefordert haben, war gerecht“ (627).

Die Nennung des Jahres 1969 zeigt (und ähnliche Hinweise ebenfalls), dass im Bewusstsein der Campesinos 1969 die Pastoralarbeit in Bambamarca in eine neue Phase eintrat. Die neue Qualität bestand darin, dass das Entdecken der menschlichen Würde auf der Basis der Bibel quasi wie von selbst zur Einforderung der entsprechenden Rechte führt und dass diese Einforderung nur wirksam wird, wenn die Benachteiligten sich organisieren und lernen, politischen Druck auszuüben. Wichtig ist festzuhalten, dass der Beginn der neuen Phase keinen Bruch darstellt, sondern eine logische Weiterführung der ersten Phase ist.

Ohne Evangelisierung im beschriebenen Sinne wäre es nicht zu einer derart machtvollen und friedlichen Demonstration der Campesinos gekommen. Für das Verständnis der Entwicklung in den folgenden Jahren ist die Tatsache dieser Demonstration und der damit verbundene Erfolg von entscheidender Bedeutung. Nicht zuletzt waren diese Erfahrungen eine große Hilfe bei der einige Jahre später beginnenden Organisation der Rondas. Die Protestformen der Ronda haben ihren Ursprung in den Erfahrungen von 1971.

In diesen Zusammenhang werden die Entstehung des Despertar und das Ende des IER, jeweils im Jahre 1972, aber auch die nun verstärkt auftretenden Konflikte zwischen Stadt und Land leichter verständlich. So kam es anlässlich der Protestversammlung auch erstmals zu einer Verhaftung des Pfarrers von Bambamarca: „In jener Zeit war Hans Hillenbrand der Pfarrer. Er wurde von der Geheimpolizei verhaftet, weil man ihn für den Schuldigen hielt und man glaubte, uns dadurch einschüchtern zu können. Doch wir ließen uns nicht mehr so leicht einschüchtern“ (628).

1972 kamen drei ausländische Priester nach Bambamarca: Rudi Eichenlaub, Juan Medcalf und Miguel Garnett. Hans Hillenbrand hatte inzwischen eine Mitarbeiterin vom Land (aus der Comunidad Romero) geheiratet, seine Laisierung wurde angenommen und er zog mit seiner Frau nach Cajamarca, wo er bis heute lebt. Die drei neuen Pfarrer entschieden sich, nicht im Pfarrhaus in der Stadt zu leben, sondern inmitten der Campesinos auf dem Land. In Llaucán, auf dem Gebiet der ehemaligen Hazienda, wollten sie eine Wohn- und Lebensgemeinschaft bilden. Diese Gemeinschaft sollte die Keimzelle für eine neue christliche Lebensweise werden - so die Idee.

Dieser Schritt bedeutete eine neue Qualität im Sinne einer radikalen Option für die Armen - so wurde dies zumindest von den drei Priestern selbst verstanden. Für die Städter war dies nun eine neue und noch größere Provokation. Von Bischof Dammert und der peruanischen Bischofskonferenz wurde dieses Vorhaben befürwortet und als ein ermutigendes und Weg weisendes Experiment eingestuft. Die Bischofskonferenz (der beauftragte Bischof war Weihbischof Germán Schmitz, Lima) erbat 1973 einen Bericht über die Erfahrungen der Priestergemeinschaft auf dem Land. In dem Bericht schreiben die drei Priester:

„Es scheint das Interesse für Experimente unserer Art in Peru zuzunehmen. Dabei sind wir dankbar für jede Anregung und daran interessiert, uns noch mehr auf nationaler Ebene zu koordinieren. Wer sind wir? Miguel Garnett, 37 Jahre, Diözese Westminster (London). Er arbeitete von 1967 bis 1972 mit den Comboni - Missionaren in Lima. Juan Medcalf, 37 Jahre, Diözese Brighton (England). Er arbeitete von 1968 bis 1972 ebenfalls mit den Comboni - Missionaren, in Callao. Rudi Eichenlaub, 34 Jahre, Diözese Hildesheim (Deutschland). Er arbeitet seit 1970 in der Diözese Cajamarca.

Was machen wir? Nach Monaten der Planung begannen wir unser Experiment im November 1972 mit der Einwei-hung unseres einfachen Hauses, das drei Fußstunden von Bambamarca entfernt liegt. Wir leben zusammen mit einer Campesinofamilie. Unser Leben teilt sich in drei wesentliche Zeitabschnitte: Das gemeinsame Leben - ein missionarisches Leben - Bemühungen außerhalb unseres Gebietes“ (629).

Die drei Priester hatten die Absicht, mindestens einen peruanischen Priester in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Nach vielen vergeblichen Bemühungen mussten sie diesen Plan aufgeben. Ebenso scheiterte der Versuch, peruanische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre Lebensgemeinschaft zu gewinnen (von vorübergehenden längeren Aufenthalten auch deutscher Gäste abgesehen). Für ihre Arbeit hatten sie die Pfarrei in drei Regionen aufgeteilt: Juan Medcalf war für die Stadt und deren nähere Umgebung einschließlich Chala, Miguel Garnett für Llaucán und den westlichen Teil, Rudi Eichenlaub war für die östlichen Landzonen, die am weitesten (bis zum Marañon) entfernt waren, zuständig.

Sie stellten die Besuche in die verschiedenen Zonen unter das Motto: „Missionarisches Leben“. Dies verstanden sie im ursprünglichen Sinn gemäß dem Auftrag Jesu an die Apostel, die Gute Nachricht überall zu verkünden und zu bezeugen. „Nicht derjenige Priester ist ein Missionar, der sich vornehmlich den ‚guten Katholiken’ widmet. Wir sind gesandt, vor allem den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden“ (630). Eine Woche im Monat hielten sie sich in ihrer Wohngemeinschaft auf. Diese Woche wurde als spirituelle Basis verstanden und war ausgefüllt mit geistlicher Lektüre, gemeinsamer körperlicher Arbeit, Besuchen bei den Nachbarn und Weiterstudium. Jeder Tag hatte einen festen Ablauf, vom gemeinsamen Morgengebet und Gottesdienst angefangen bis hin zur gemeinsamen Bestellung des Gemüsegartens. Um die Küche mussten sie sich nicht kümmern, sie aßen zusammen mit der unmittelbar benachbarten Campesinofamilie.

Sie gaben eine kleine Zeitschrift heraus („Encuentro“ - Begegnung), die alle zwei Monate in Deutsch und Englisch erschien und die „der Bewusstseinsbildung in der ‚Ersten Welt’ dient, aus der wir kommen“. Die letzte Ausgabe dieser Zeitschrift (Nr. 12) erschien im September 1974. Die letzte Ausgabe ist bereits ein Nachruf auf die Lebensgemeinschaft. Unter der Überschrift „War unser Gemeinschaftsleben sinnlos“? heißt es: „Nachdem wir zwei Jahre zusam-mengelebt haben, werden wir uns trennen... In den zwei Jahren des Zusammenseins hat niemand von uns eine Privatsphäre, im Sinne eines eigenen Zimmers oder sogar von Büchern und Schreibmaschine, genossen.

Es ist uns gelungen, zu praktizieren, dass alles allen gehört, sogar im Gebrauch der Kleider der anderen und im Öffnen der Briefe der anderen. Nichts von diesem hat zu irgendeinem Konflikt geführt. Vielmehr ist das Gegenteil davon passiert: Unser Zusammenleben hat konstante Anregungen für alle Arten von schöpferischen Tätigkeiten hervorgerufen. Aber wir müssen der Neigung folgen, wir fühlen die Notwendigkeit, dass die Zeit gekommen ist, um uns zu trennen.

Juan Medcalf wurde Leiter des Kulturinstituts in Cajamarca, sehr zu Bischof Dammerts Befriedigung, weil er glaubt, dass die Kirche einen beklagenswerten Mangel in diesem Sektor des öffentlichen Lebens innehat. Rudi Eichenlaub ist fast ein Apostel wie Paulus und er ist nie glücklicher als dann, wenn er das weite Land durchquert und die verschiedenen Teile der Pfarrei besucht. Er will mit einem Team von Laien weiterarbeiten.

Miguel Garnett wurde angeboten, in Lima über seine Erfahrungen in einem abgelegenen Andendorf zu schreiben. So konnten wir uns während unserer Zeit zusammen gegenseitig in unterschiedlichen schöpferischen Tätigkeiten anregen. Es war bald der Punkt erreicht, wo wir alle unsere Aktivitäten in der Zone, in der wir lebten, nicht mehr weiter entwickeln konnten. Wir waren zu isoliert und von der Welt abgeschlossen“ (631).

Die Priestergemeinschaft hatte in den zwei Jahren einen entscheidenden Einfluss in der Entstehung von Vamos Caminando und der Begleitung von „El Despertar“. Auch die Entstehung der Landbibliotheken ging auf diese Zeit zurück. Auch wenn das Ende dieser Gemeinschaft von den Betroffenen sehr positiv dargestellt wird, so muss es doch eher als ein Scheitern angesehen werden. Es war zum Scheitern verurteilt, weil dieses Experiment selbst von den fortgeschrittenen Katecheten nicht richtig eingeordnet werden konnte und keine positiven Impulse von daher auf sie ausgingen - nur auf die Art und Weise des zwischenmenschlichen Zusammenlebens bezogen, nicht auf die pastorale Arbeit, die davon profitierte.

Diese Art der Priestergemeinschaft ging von einer Option aus, die von einer Theologie her abgeleitet wurde, die sich eher an der Theorie und der europäischen Vernunft orientiert und die psychologische Gegebenheiten nicht berücksichtigt, weder bei den Campesinos noch bei sich selbst als Priester. Eine Gemeinschaft - und auch noch in dieser radikalen Weise - von derart ausgeprägten Individualisten konnte nicht lange dauern. Es gab weder eine Beratung von außen („Supervision“) noch eine Akzeptanz seitens derer, denen man ein Vorbild sein wollte.

Die als Ideal angestrebte Lebensgemeinschaft, u.a. Verzicht auf jede Privatsphäre, erwies sich letztlich als lebensfremd und die damit verbundenen Konflikte konnten nicht länger verdeckt werden - auch wenn diese Konflikte, die sich aus dem alltäglichen Leben heraus ergaben, selbst im Abschiedsbericht nicht eingestanden wurden. Dennoch waren diese Erfahrungen für jeden der drei Priester für ihre weitere Entwicklung der Pastoralarbeit von großer Bedeutung.

Obwohl (oder weil) die drei für die Pfarrei verantwortlichen Pfarrer nur selten im Pfarrsitz in Bambamarca angetroffen werden konnten, wurden das Pfarrhaus und das darin eingerichtete Pfarrbüro immer mehr zu einem Treffpunkt der Campesinos. Sowohl der Despertar als auch die Kooperative El Salvador waren im Pfarrhaus untergebracht. Das Pfarrbüro wurde von Candelario Cruzado geleitet und wurde zum Nabel der Pfarrei. Jeder konnte jederzeit am Pfarrbüro vorbeikommen und seine Anliegen vortragen.

Vor allem am Sonntag waren das Büro und die Straße vor dem Büro voller Menschen und das Pfarrbüro wurde zur Kommunikationszentrale. Hier traf man die Leute, mit denen man Absprachen treffen konnte, man konnte Neuigkeiten erfahren, usw. Auch die Führung der Taufbücher und viele andere Verwaltungsaufgaben, einschließlich der Buchhaltung, wurden vom Pfarrsekretär verantwortet. Candelario Cruzado war neben seiner Tätigkeit als Katechet als Pfarrsekretär fest angestellt. Er war der einzige hauptberufliche und bezahlte Katechet und übte diese Arbeit von 1971 - 1999 aus.

Die Bedeutung des Pfarrhauses als Anlaufpunkt wurde noch erheblich größer, als im März 1976 die Schwestern des „Heiligen Herzens“ in einen Teil des Pfarrhauses einzogen. Der Orden hatte beschlossen, sich vom Unterricht in den privilegierten Privatschulen zurückzuziehen und sich verstärkt den Armen und deren Erziehung und Begleitung zu widmen. Entscheidender Anstoß hierfür waren nach den Aussagen der Schwestern die Beschlüsse von Medellín.

Alois Eichenlaub konnte die Oberin in Lima begeistern, einige Schwestern nach Bambamarca zu schicken. Die Schwestern berichten, dass sie ohne die Anwerbung von Alois Eichenlaub nicht in die Diözese Cajamarca gekommen wären. „Es war Alois Eichenlaub, der uns Schwestern nach Cajamarca und dann nach Bambamarca brachte. Er war es, der Schwester Silvia in die Pastoral auf dem Land einführte, sie begleitete und ermutigte, sich in der Comunidad Perlamayo niederzulassen, um mitten unter den Campesinos zu leben“ (632).

Alois Eichenlaub und der Bischof sahen die Notwendigkeit, dass anstelle der bis 1972 in Bambamarca tätigen deutschen Entwicklungshelferinnen nun Ordens-frauen sich vor allem um die Arbeit mit den Frauengruppen kümmern sollten. Langfristig versprach die Präsenz von Ordensfrauen sowohl eine größere Konstanz als auch eine spirituelle Bereicherung in der Pastoralarbeit. In der Nummer 172 vom Despertar stellten sich die ersten drei Schwestern selbst vor:

„Bisher haben wir als Lehrerinnen in Privatschulen gearbeitet. Unser Orden hat seine Prioritäten verändert und wird sich nun den Armen zuwenden. Daher haben wir die luxuriösen Schulen aufgegeben. Wenn sich eine Gruppe von uns entscheidet, in den abgelegensten Gebieten mit den Ärmsten zu leben, so unterstützt und ermutigt uns dabei die Ordensleitung. Wir sind bereit, alles zu tun, was die Menschen hier von uns verlangen. Wir hoffen, viele Dinge von den Campesinos lernen zu können und wir wollen uns von ihnen evangelisieren lassen“ (633).

Die Schwestern wurden bald nicht nur für die Frauen, sondern auch für die Katecheten, für das Team des Despertar und viele andere Gruppen der Pfarrei zu unentbehrlichen Ansprechpartnern. Sie wurden im wahrsten Sinne des Wor-tes zu „Madres“ (Müttern) der Pfarrei, zu denen man selbst mit privaten Problemen kommen konnte - ein Aspekt, der bisher kaum eine Rolle spielte, weil er von Bischof und Priestern kaum wahrgenommen wurde. Die Schwestern (mindestens drei, höchstens sechs an der Zahl) waren in etwa über die Jahre hinweg zur Hälfte Spanierinnen und Peruanerinnen (634).

1972 wurde das IER in Bambamarca geschlossen, das IER in Cajamarca existierte weiter. Damit war auch der Abschnitt in der noch jungen Pastoralgeschichte in Bambamarca beendet, der im sozialen Bereich von der Arbeit der Ausländer und peruanischer Fachkräfte geprägt war. Entwicklungspoltisch ging ein Kapitel zu Ende, nun gab es keine Entwicklungshelfer mehr in Bambamarca. Die Verantwortung ging in die Hände der Campesinos über, sowohl im sozialen Bereich als auch in der Pastoral und Verwaltung der Pfarrei.

Es wurde schon darauf hingewiesen, dass dies ausgerechnet zu dem Zeitpunkt geschah, als ausländische Priester nach Bambamarca kamen, die diesem Prozess nicht im Wege standen, sondern ihn förderten. Dieser Prozess der Eigenständigkeit fand seine offizielle und kirchenrechtliche Bestätigung durch die Einsetzung eines Pastoralkomitees, das aus vier Katecheten, Campesinos, bestand.

Bereits vorher war der Pfarrgemeinderat zum bestimmenden Organ der Pfarrei geworden. Im Pfarrgemeinderat wa-ren je zwei gewählte Delegierte aus den zehn Landzonen der Pfarrei vertreten, die Stadt konnte ebenfalls zwei Dele-gierte benennen. Der Pfarrgemeinderat traf sich jeden Monat zu einer ganztägigen Sitzung. Für Delegierte entfernt gelegener Zonen bedeutete dies einen Zeitaufwand von drei Tagen. Die Sitzungen waren öffentlich und die Zahl der Anwesenden übertraf bei weitem die Zahl der Delegierten.

Der Pfarrgemeinderat war die oberste Instanz der Pfarrei und war verantwortlich für alle organisatorischen und inhaltlichen Aufgaben - einschließlich der Finanzen, diese aber nur im Rahmen der ihm vom Bischof übergebenen, nicht festen Summe. Die Schwestern vom Hl. Herzen unterstellten ihre pastoralen Schwerpunkte den Vorgaben des Pfarrgemeinderates, hatten aber ihre eigene Finanzierung. Alle zwei Jahre wurde der Präsident des Pfarrgemeinderates neu gewählt, ebenso seine Stellvertreter bzw. Sekretäre. Diese Leitung (Pfarrkomitee) nahm praktisch die Aufgabe der Geschäftsführung war.

In einem Brief vom 28.11.1974 schreibt Bischof Dammert nach Bambamarca: „Auf Vorschlag des Pfarrers bestätige ich den Vorstand des Pfarrgemeinderates von Bambamarca für ein weiteres Jahr bis Dezember 1975. Dieser Vorstand hat in Abwesenheit des Pfarrers die volle Verantwortung für die Pfarrei Bambamarca. Nur er ist berechtigt, einen Priester für Dienste heranzuziehen“ (635). Diese formale Bestätigung wurde absichtlich so verfasst, dass sie im Einklang mit dem Kirchenrecht stand. Der Bischof, der Vorstand und der Pfarrer wussten aber, dass dies in der Praxis eine offizielle Übergabe der Pfarrleitung an ein Komitee bedeutete, das ausschließlich aus Laien bestand und das sich dem Pfarrgemeinderat zu verantworten hatte.

Der Vorstand war demokratisch legitimiert („auf Vorschlag des Pfarrers“ war nur eine formale Floskel) und verstand sich im Einvernehmen mit Bischof und Pfarrer als offizieller Repräsentant der Gesamtgemein-de. „Dieser Erlass des Bischofs ist ein Fortschritt, weil er hier zum ersten Mal Laien - und dazu noch Campesinos - die ganze Verantwortung für eine Großraumpfarrei übergeben wird. Auch wenn ich Ostern nächsten Jahres wieder in Bambamarca sein werde, muss ich nicht mehr unbedingt als Pfarrer auftreten. Falls sich diese Struktur bewährt, werde ich meine Arbeit noch mehr auf die umliegenden priesterlosen Zonen ausdehnen können“ (636).

Rudi Eichenlaub machte von dieser neu gewonnen Freiheit regen Gebrauch, so dass sich im Bewusstsein der Campesinos der Eindruck festigen konnte, dass ihre von ihnen gewählten Vertreter - also sie selbst - die volle Verantwortung für die gesamte Pfarrei hatten, selbstverständlich einschließlich der pastoralen Verantwortung. Dieses Selbstverständnis der Campesinos wurde auf eine harte Probe gestellt, als Ende 1978 ein peruanischer Pfarrer nach Bambamarca kam, der seine Rolle anders definierte als seine Vorgänger.

a, 3) Die dritte Phase: 1979 - 1993

Auch hier lässt sich eine Übergangsphase feststellen. Es sind die beiden Jahre (1979/1980), in denen Jorge López aus Lima Pfarrer von Bambamarca war (637). Es waren vor allem die folgenden Gründe und Überlegungen, die Bischof Dammert bewogen, Jorge López zum Pfarrer von Bambamarca zu ernennen. Spätestens seit 1976 äußerte Bischof Dammert immer öfter die Absicht, die Pfarrei Bambamarca vollends in einheimische Hände zu übergeben, d.h. auch, dass peruanische Priester nach Bambamarca gehen sollten.

Die Zeit der Ausländer war abgelaufen. Auch die bis dahin in Bambamarca tätigen Ausländer sahen ihre Hauptaufgabe darin, sich bald überflüssig zu machen; sie sahen sich als Wegbereiter hin zu einer einheimischen Kirche. Das Projekt einer einheimischen Kirche mit Poncho und Sombrero war bei allen europäischen Mitarbeitern und erst recht bei den Campesinos unumstritten (638).

Jorge López stammte aus dem Mitarbeiterkreis des damaligen Erzbischofs von Lima, Kardinal Landázuri, war Pfarrer in einer Pfarrei in Lima, in der die bürgerliche Mittelklasse dominierte und er galt als Vertreter der Theologie der Befreiung (in der Theorie). Mangels geeigneter Priester aus der Diözese Cajamarca bat Bischof Dammert den Kardinal um eine kurzfristige Aushilfe. Jorge López sollte nur für einige Monate bleiben, bis doch noch ein Priester gefunden war, der aus den Anden stammte und die Mentalität der Campesinos kannte (so die Kriterien).

Jorge López hatte die vorrangige Aufgabe, die durch die Vorkommnisse im Mai 1978 gespannte Lage zwischen Stadt und Land zu entschärfen, d.h. Stadt und Land einander näher zu bringen. Es gelang ihm vor allem, die Städter damit wieder mit der Kirche zu versöhnen, dass er ihnen die Dienste anbot, die in ihren Augen von den vorhergehenden Pfarrern vernachlässigt worden waren. Er besuchte regelmäßig die einflussreichen Familien der Stadt und die Dominikanerinnen (Dominicas de la Immaculada).

Gleichzeitig gelang es ihm, den Campesinos zu vermitteln, dass er in gleicher Weise auch für sie da sei. Er ging häufig auf das Land, die bisherigen Kurse gingen in gewohnter Weise weiter, ebenso die Arbeit der Schwestern, des Despertar, die Sitzungen des Pfarrgemeinderates etc. Allerdings versuchte er, besonders dem Pfarrgemeinderat und dem Despertar, inhaltliche Vorgaben zu machen und durchzusetzen. Wegen seiner Rhetorik im Stil der Theologie der Befreiung (639) und dem Vertrauen, das ihm Bischof Dammert entgegenbrachte, sahen die Campesinos in Jorge López dennoch einen Pfarrer, der ihnen nicht alle Wege verbaute.

Er ließ die Campesinos weitgehend gewähren. Wegen der Zuspitzung der Konflikte bis 1978 sahen die verantwortlichen Katecheten auch ein, dass nun die Pfarrei etwas mehr für die Stadt tun musste und viele Katecheten waren sogar froh, dass es nun einen Pfarrer gab, der einerseits diese Aufgabe erfüllte und sie andererseits nicht allzu sehr in ihrer Arbeit störte. In die Zeit von Jorge López fiel im Sommer 1979 der 1. Besuch aus der Partnergemeinde St. Martin, Dortmund. Eine Gruppe junger Erwachsener besuchte zusammen mit Pfarrer Alfons Wiegel zum ersten Mal die Partnergemeinde, siebzehn Jahre nach dem Entstehen der ersten Kontakte mit Padre Bartolini.

1981 wurde Jorge López zu einem Gegenbesuch nach Deutschland eingeladen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Pfarrer in Bambamarca war. Er wurde begleitet von Antero Mundaca, dem Pfarrer von Celendín. Aus diesen Besuchen resultiert auch die Freundschaft zwischen den beiden Pfarrern Jorge López und Alfons Wiegel, bis 2004 Pfarrer in St. Martin. Auch in den folgenden Besuchen war es stets Jorge López, der die Besucher aus Dortmund empfing und begleitete, zuletzt 2001 (was dazu beitrug, dass es nicht zu einer echten Begegnung der Besucher mit den Campesinos kam und das Vertrauen der Campesinos in die Partner auf eine harte Probe stellte). Jorge López wurde zu Beginn des Jahres 1981 zum Vizerektor des Priesterseminars San José in Cajamarca berufen. Diese Funktion übte er bis Ende 1988 aus, danach kehrte er nach Lima zurück. Im Rückblick werten die verantwortlichen Katecheten seinen Aufenthalt als "unglücklich" (freundlich formuliert) oder gar als Katastrophe. Der Bischof und seine ausländischen Mitarbeiter in Cajamarca dagegen waren voll des Lobes. 

1981 ernannte Bischof Dammert zwei junge Priester als gleichberechtigte Pfarrer von Bambamarca: Rolando Estela und Alberto Osorio. Rolando Estela stammt aus einer Campesinofamilie aus Bambamarca (Chugur), kam aber bereits in jungen Jahren nach Lima. Rolando Estela wurde in Chugur 1980 von Bischof Dammert zum Priester geweiht. Es war die erste Priesterweihe in der Diözese Cajamarca seit 1962 und die erste auf dem Land in Peru. Alberto Osorio stammt aus Lima. Beide waren im Orden der Salesianer und wurden dort auf das Priesteramt vorbereitet.

Sie verließen aber den Orden, weil dieser sich ihrer Meinung nach zu wenig um die Armen kümmerte und wurden danach von Bischof Dammert in seine Diözese aufgenommen. Zusammen wurden sie nach Bambamarca geschickt, weil beide bekundet hatten, mit Campesinos arbeiten zu wollen. Ihr hauptsächliches Engagement galt auch den Campesinos, dennoch versuchten sie, neue Konflikte mit der Stadt nicht entstehen zu lassen oder gar zu provozieren. Dies gelang ihnen aber nicht. Denn ihre Sprache war politischer und engagierter als die von Jorge López. So hatte dieser z.B. nie von einer Ausbeutung der Campesinos gesprochen, die beiden neuen Pfarrer aber sehr wohl.

Die beiden neuen Pfarrer hatten in den ersten beiden Jahren einen doppelt schweren Stand: Einerseits rissen sie wegen ihres Engagement zu Gunsten der Campesinos und wegen ihrer Rhetorik alte Gräben wieder auf, andererseits stießen sie anfangs bei den Campesinos auf große Vorbehalte, weil sie in deren Augen zu klerikal waren. Die beiden jungen Pfarrer waren es nicht gewohnt, mit einem selbstbewussten Pfarrgemeinderat und mit erfahrenen Katecheten, die sich ja immer noch als eigentliche Repräsentanten der Pfarrei verstanden und von ihrem Bischof weiterhin darin bestärkt wurden, gleichberechtigt zusammenzuarbeiten.

Es kam sogar soweit, dass sich einige ältere Katecheten zurückzogen, weil sie sich von unerfahrenen Priestern keine Befehle erteilen lassen wollten, zumal deren Anordnungen wenig realitätsbezogen waren. Einer der Katecheten: „Als Padre Rolando neu nach Bambamarca kam, stellte er sich dem Pastoralrat vor und sagte, dass von nun an vieles neu eingeführt würde, dass er gute Ideen mitgebracht habe und dass es so nicht weitergehen kann etc... Einer von uns Katecheten sagte dann, dass sie ihn als Pfarrer und Repräsentanten des Bischofs anerkennen würden, dass er aber im Vergleich zu ihnen vollkommen unerfahren wäre, von dem sie nichts zu lernen haben. Alle Katecheten weinten“! (640) Nach einigen harten Aussprachen kam es aber zu einer Annäherung. Beide Pfarrer erklärten später, dass sie von den Campesinos bekehrt wurden und dass sie viel gelernt haben. Danach gestaltete sich die Zusammenarbeit zusehends besser und es entstand gegenseitiges Vertrauen.

In einem Rückblick zieht Alberto Osorio eine selbstkritische Bilanz: „Wir hatten nur eine vage Vorstellung, von dem, was uns erwartet und eine totale Unkenntnis der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge in der Region. Wir waren davon überzeugt, dass unsere religiösen Kenntnisse ausreichend waren, um den pastoralen Herausforderungen gewachsen zu sein. Wir vertrauten darauf, dass wir aufgrund unserer theoretischen und logischen Ausbildung in der Lage sein werden, die anstehenden Probleme zu lösen.

Die Welt der Wirtschaft war für uns eine Art Tabu. Wir wussten weder etwas von deren Handhabung noch von der realen Bedeutung der Wirtschaft im alltäglichen Leben. Wir haben nicht erkannt, wie sehr die Pastoral mit Wirtschaft zu tun hat. Unsere pastoralen Kriterien wurden bestimmt von einer theoretischen und moralistischen Sichtweise der Armut auf dem Land. Dieser Blickwinkel veranlasste uns zu glauben, dass man das Problem der Armut vor allem mit möglichst vielen Kursen, Vorträgen etc. lösen konnte und alles nur von einer besseren Erziehung abhängt.

Weil wir von einer intellektuellen Autosuffizienz geprägt waren, kostete es uns sehr viel, zu Demokraten zu werden. Obwohl vor allem die erfahrenen Katecheten uns mangelndes Demokratieverständnis und Respekt vorwarfen und sich einige sogar zurückzogen, reagierten wir autoritär. Wir waren oft sehr hart und sogar ungerecht. Wir haben sehr starke Konflikte innerhalb der Pfarrei, mit den Katecheten und dem Pfarrgemeinderat provoziert“ (641).

Dieser selbstkritische Rückblick wirft ein Schlaglicht u.a. auf die Art der Ausbildung und auf das Selbstverständnis selbst ansonsten sehr aufgeschlossener und engagierter Priester und ist zugleich ein Dokument einer souveränen Selbstanalyse (zu der Jorge Lopez und auch andere Mitarbeiter nicht fähig waren.) Es gelingt offensichtlich nur wenigen Priestern, wie Alberto Osorio ihre eigene Situation so souverän zu analysieren, zu erkennen und sich der eigenen Defizite bewusst zu werden. Drei Punkte ragen heraus und können als exemplarisch für die Rolle und das Selbstverständnis vieler Priester gelten. Sie werfen zugleich ein Schlaglicht auf die Rolle der Theologie und die Effizienz und Zielrichtung der theologischen Ausbildung.

  1. Das Ausklammern der Bereiche, die das Schicksal der Menschen besonders prägen: die soziale Situation, die Ökonomie - für die Campesinos eine Frage des Überlebens - und die Politik (Leben und Gestalten in Gemeinschaft);
  2. Der Versuch, die harte Wirklichkeit mit moralischen Appellen zu bewältigen. Das bedeutet, dass die Wirklichkeit mangels geeigneter Instrumente und Kenntnisse nicht analysiert und damit bestenfalls verschwommen wahrgenommen werden konnte; oder mit anderen Worten: die Ursachen des Elends konnten nicht erkannt und damit auch nicht dagegen angegangen werden;
  3. Die intellektuelle Selbstzufriedenheit und die Überzeugung, in allen Fragen zu „Gott und der Welt“ aufgrund der Ausbildung und vor allem der Weihe den Laien überlegen zu sein, mehr zu wissen und auf richtige Art und Weise zu glauben. Von daher fällt es schwer, Laien als „Sachverständige im Glauben“ gleichberechtigt anzuerkennen und sich in demokratische Strukturen, die ja stets von Laien ausgehen, einzufügen.

Alberto Osorio und Rolando Estela fingen an wie seinerseits Bartolini (1. Phase, ausgehend von den Priestern) und entwickelten sich im konstruktiven Konflikt mit den Campesinos im Laufe der Jahre weiter in die Richtung einer Praxis, wie sie bei den Priestern der 2. Phase zu beobachten war. Der Unterschied zur Anfangsphase mit Bartolini war aber, dass inzwischen die Campesinos Riesenschritte nach vorne gemacht hatten und daher die gut gemeinte Praxis der neuen Priester bei den Campesinos als ein großer Rückschritt angesehen wurde.

Dieses Schlaglicht weist gleichzeitig darauf hin, dass die Absicht Dammerts, ein Priesterseminar aufzumachen, in dem genau die drei Bereiche, die hier als defizitär erfahren wurden, ihren angemessenen Platz sowohl in der Ausbildung als auch in der priesterlichen Praxis erhielten, eine Entscheidung war, die sich aus der Situation heraus als notwendig und als Weg weisend erwies. Dieser Befund weist zugleich auf die Ursachen des späteren Konflikts hin (642).

Rolando Estela nahm ab 1.4.1988 ein Sabbatjahr. Er wollte sich in Soziologie und Theologie weiterzubilden, um danach effektiver mit Campesinos arbeiten zu können. Wie er später sagte, fühlte er sich nicht ausreichend vorbereitet, um eine solche komplexe Aufgabe wie die Leitung einer Pfarrei von der Größe Bambamarcas verantwortungsvoll leiten zu können. Alberto Osorio blieb noch einige Monate allein in Bambamarca, bis ihm Mitte des Jahres 1988 zwei neue Priester zur Seite gestellt wurden und ihn kurz darauf auch ablösten: Victorino Guerra und Manuel Àlvarez, kurz darauf kam noch Marco Rodríguez dazu.

Alberto Osorio verließ Bambamarca und begann mit einem Studium der Anthropologie an der Katholischen Universität in Lima. Er beendete sein Studium im Oktober 1998 mit der Vorstellung seiner Diplomarbeit „30 Jahre pastoraler Veränderungen in Bambamarca“. Die Arbeit wurde von Bischof Dammert anerkannt und gewürdigt. Sie konnte aber bisher noch nicht veröffentlicht werden.

4) Die Zeit des Übergangs (1990 - 1992) am Ende der Amtszeit von Bischof Dammert.

Nach dem Weggang von Alberto und Rolando gab es in der Pfarrei Bambamarca Probleme mit einigen Pfarrern. 1988 schickte Bischof Dammert ein Team von zuerst zwei, dann drei jungen Priestern nach Bambamarca. Alle Pfarrer von 1963 bis 1988, zuletzt Rolando Estela und Alberto Osorio, hatten letztlich (mehr oder weniger) das Vertrauen der Campesinos gewonnen. Nun erlebten sie wieder Priester, die sie an Pfarrer Zárate, den Onkel des Großgrundbesitzers von Chala, erinnerten. Nur einer der neuen Pfarrer identifizierte sich mit der bestehenden Pastoralarbeit der Gemeinde, die beiden anderen setzten andere Prioritäten. Es handelt sich um Manuel Àlvarez und Marco Rodríguez (643).

Concepción Silva drückt es sehr zurückhaltend aus: „Wir diskutierten mit Padre Marco, der darauf bestand, dass die Hierarchie immer Recht habe, egal was sie tue. Schließlich sagten wir, dann solle er dies eben weiter glauben. Wir in unseren Comunidades werden auf jeden Fall mit unserer Organisation weitermachen und diese wird ihre Stärke behalten, bis zum Ende. Denn wir wollten nicht wieder wie ihre Kinder sein, die nur darauf warten, bis sie uns Befehle geben. Wir wollten auch unsere Meinung sagen. Aber gerade dies hat ihnen nicht gefallen. Die Pfarrer fragten sich: ‚Wie kann es sein, dass ein Laie einem Priester widerspricht, wo der Priester doch alles weiß‘? Wir aber sagten, dass dies eine Lüge sei, denn ein Priester mag vielleicht einige Dinge wissen, aber er weiß nicht alles...“ (644).

1990 besuchte eine Delegation der Partnergemeinde St. Martin mit Pfarrer Alfons Wiegel Bambamarca. Sie konnten und wollten noch keine Unstimmigkeiten im neuen Pfarrteam feststellen. Sie schreiben in einem Reisebericht über die Versammlung mit den Katecheten: „Alle werden von der Frage bedrängt: Was wird, wenn Bischof Dammert in zwei Jahren die Altersgrenze erreicht? Sie überlegen, wie sie sich besser organisieren können, damit die befreiende Gemeindearbeit ungehindert weitergehen kann. Eine diözesane Vernetzung gleich gesinnter Pfarreien ist im Gespräch“ (645).

Es sollte sich herausstellen, dass die Campesinos mit ihren Überlegungen dann allein gelassen wurden (646). Wie die Katecheten später berichteten, haben sie die deutschen Besucher nicht über die Probleme mit den Pfarrern und der Pfarrer untereinander informieren wollen, weil sie den Eindruck gewonnen hatten, dass die Besucher froh seien, dass sich jetzt drei junge Priester mit viel Dynamik der Arbeit widmeten und sich gut mit den Campesinos verstehen würden. Auch in Cajamarca, beim Bischof und seinen Mitarbeitern, erhielten die deutschen Besucher keine Informationen über die Missstände in der Pfarrei Bambamarca.

Auf meine Nachfrage (1993) diesbezüglich bekam ich die Antwort, dass man den Eindruck hatte, die Besucher wollten nur „gute Nachrichten“ hören und als sie nicht auf versteckte Hinweise eingingen, unterließ man weitere Versuche. Auch der Bischof sah keine Notwendigkeit, die deutschen Besucher mit „internen Problemen“ seiner Pfarrer zu belästigen. „Man hatte einen Eindruck“, aber es kam nicht zu vertrauensvollen Gesprächen. Fakt bleibt, dass aufgrund dieser innerkirchlichen Kommunikationsschwierigkeiten, die Campesinos sich unverstanden und allein gelassen fühlten. Sie trauten sich aber ihrerseits nicht, dies offen zu sagen, weil man die Freunde ja nicht verletzen wollte (647).

Nachdem es 1991 zur Eskalation und Skandalen (u.a. auch wegen der privaten Lebensführung der Priester) gekommen war und der Ruf der Pfarrei auf dem Spiel stand, machte Bischof Dammert einen radikalen Schritt. Er schickte alle drei Pfarrer weg. Zum Bedauern der Campesinos musste auch Victorino Guerra gehen, der sich in der Landpastoral sehr bewährt hatte (648). Im Juli 1991 überträgt Dammert den Katecheten Candelario Cruzado, Neptalí Vásquez und Concepción Silva die volle Verantwortung für die Pfarrei. Er bestätigt wie üblich die Wahl des Pfarrgemeinderats, diesmal aber mit dem Zusatz, dass das Komitee für die Übergangszeit eine besondere Verantwortung zu übernehmen habe.

Bischof Dammert besuchte die Pfarrei zum letzten Mal im September 1992, ohne zu wissen, dass dies sein letzter Besuch in Bambamarca sein würde. „Es ist beglückend nach so vielen Jahren die Früchte des Säen zu ernten. Laien wurden ausgebildet, die Aufgaben von Katecheten, Taufbeauftragten, Gemeindeleitern und Ronderos auszuüben. Dazu kommt die große Zahl der Christen, die in dieser neuen Zeit ihren Glauben wieder mit Leben erfüllen. Doch wegen der Jahrhunderte langen Gewöhnung an das Klerikertum verlangen die Menschen nach der Anwesenheit eines Priesters, vor allem diejenigen, die sich noch nicht für die neue Art der Evangelisierung geöffnet haben und in ihren alt gewohnten Denkweisen verharren… Bis Januar werden die neu ernannten Pfarrer von Porcón die Gemeinde Bambamarca alle zwei Wochen besuchen” (649).

Es waren vor allem die Leute in der Stadt, die nach den Priestern als Sakramentenspendern verlangten. Nachträglich sagen die Katecheten, dass es besser gewesen wäre, wenn für einige Zeit keine Priester nach Bambamarca geschickt worden wären. Sie wären aber sehr froh gewesen, wenn Victorino Guerra hätte bleiben können oder wenn ein Priester gekommen wäre, der mit ihnen zusammen gearbeitet hätte. Sie betonen, dass sie Priester haben wollen, aber lieber keine Priester, als schlechte Priester. Denn die beiden Pfarrer aus Porcón, der Partnergemeinde von Tettnang, blieben nicht bis Januar, sondern bis September 1993 als Pfarrverweser zuständig für Bambamarca. Es handelt sich um Marco Arana und Alex Urbina.

Inzwischen war das Rücktrittsgesuch von Bischof Dammert angenommen worden und unter der Leitung von Bischof Simón entwickelten die beiden Pfarrverweser eine ungeahnte Dynamik, im Gleichschritt mit dem neuen, vorkonziliar eingestellten Bischof und wohl auch als Emanzipation vom alten Bischof zu deuten. Allerdings war das Verhalten der beiden Pfarrverweser schon vor dem Bischofswechsel für die Campesinos nicht akzeptabel gewesen (so verboten sie u.a. die Teilnahme an der Ronda). Durch den Bischofswechsel wurde das aggressive Verhalten der Priester gegen den Campesinos - so die Aussagen der Campesinos - nur noch verschärft (650). Zusammen mit dem neuen Bischof fühlten sich die die beiden Pfarrer berufen, alles zu zerstören, was von 1962 - 1992 aufgebaut worden war.

b) Fazit des bisherigen Weges (1962 - 1992)

Die Pastoral der Kirche von Bambamarca war von 1963 bis 1997 von zwei gleichrangigen Polen gekennzeichnet, die in gegenseitiger Abhängigkeit standen und sich gegenseitig bedingten. Auf der einen Seite standen die Bedürfnisse der Campesinos, ihre Situation der Abhängigkeit und der religiösen Ignoranz bezüglich des Evangeliums und der Person Jesu.

Auf der anderen Seite stand das Anliegen des Bischofs und seiner Mitarbeiter, in diese konkrete Situation hinein die Gute Nachricht zu verkünden. Dies geschah in dem Glauben, dass das Evangelium wirklich dazu aufruft und befähigt, Menschen aus der Gefangenschaft in die Freiheit und in ein Leben in Fülle zu führen. Um das Evangelium nachhaltig verkünden zu können, bedurfte es neuer Wege und Strukturen innerhalb der Kirche, die aber zum Teil erst gesucht bzw. geschaffen werden mussten. Selbstverständlich hing dies von Personen (zuerst von Priestern) ab, die bereit waren, neue Wege zu gehen.

Die charakteristischen Kennzeichen der Pastoral in Bambamarca lassen sich in den folgenden Punkten zusammenfassen, ohne den Anspruch, alle Versuche, Experimente und Möglichkeiten zu formulieren. Der beschriebene Ausgangspunkt von 1963 und die fundamentalen Anliegen werden nicht mehr eigens benannt.

1. Unabdingbare Voraussetzung war, überhaupt und dann immer mehr geeignete Mitarbeiter zu finden und diese entsprechend auszubilden und zu begleiten. Ging es anfangs noch darum, Priester und professionelle Laien zu finden und zu motivieren, waren es dann bald die ursprünglichen Adressaten selbst, mehrheitlich Campesinos, die in den Mittelpunkt rückten und zu Trägern der Pastoral wurden. Die Laien insgesamt wurden zu „agentes de pastoral“ und zu Trägern der eigenen Pastoral. Priester und andere hauptberufliche Mitarbeiter bekamen die unverzichtbare Aufgabe, diesen Prozess mit ihren je spezifischen Fähigkeiten und Charismen zu fördern und zu begleiten.

2. Die Idee einer Pastoral de Conjunto konnte nicht konsequent durchgehalten werden, war aber dennoch bis 1978 prägend. Auf Dauer gelang es nicht, Priestergemeinschaften und echte Teamarbeit zu etablieren. Als noch schwieriger und krisenanfälliger erwiesen sich Versuche, gemischte Gemeinschaften (Priester - Laien - Frauen) zu bilden. Doch diese Schwierigkeiten wurden von den Campesinos eher als marginale Probleme angesehen bzw. als Probleme derer, die von außen kommen. Es berührte wenig ihren Alltag und auch nicht ihr Glaubensleben. Daher gefährdeten diese eher internen Schwierigkeiten der "Profesionales" solange nicht den pastoralen Entwicklungsprozess in Bambamarca, solange die Rahmenbedingungen verlässlich waren.

3. Die Pastoral in Bambamarca war missionarisch. Die Priester und Katecheten sahen ihre Hauptaufgabe darin, die Gute Nachricht bis in die letzten Winkel der Pfarrei und darüber hinaus zu verkünden. Verkündigung bedeutete für sie zuerst, den eigenen Glauben zu leben und zu bezeugen. Es ging nicht vorrangig darum, die Zahl der Gemeindemitglieder zu erhöhen, sondern zu verkünden, dass mit der Ankunft Jesu eine neue Zeit begonnen hat: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“. Diese Botschaft schlug Wurzeln, weil ihre Wahrheit praktisch erfahren werden konnte.

4. Die Comunidades wurden als Basisstrukturen und traditionelle Lebensgemeinschaften mit ihren eigenen Spielregeln anerkannt. Sie bildeten den strukturellen Rahmen für das Entstehen neuer Glaubensgemeinschaften im Kontext der Evangelisierung, sie waren deren Basis und Lebensraum. In diesen Glaubensgemeinschaften wurde der neue Glaube erfahren, gelebt und praktiziert. Diese Gemeinschaften, die auch als Kirchengemeinde bezeichnet werden können, bildeten ein Netz mit anderen Gemeinschaften und wuchsen auf diese Weise zu einer Pfarrei zusammen. Der Pfarrgemeinderat war das sichtbare Zeichen dieses Netzes und dieser Einheit.

5. Diese Art der Gemeindebildung (Kirchenbildung) bedeutet zugleich, dass sich die Gemeinde von den Benachteiligten und Ausgegrenzten her konstituiert hat - den Campesinos. Sie sind in das Zentrum dessen gerückt, was Kirche ist und Kirche bedeutet. Hier wurde verwirklicht (mit allen je der komplexen Wirklichkeit innewohnenden Einschränkungen), was im Zweiten Vatikanischen Konzil angedacht worden war.

6. Die Comunidades, weitgehend identisch mit den neuen Glaubensgemeinschaften oder zumindest entscheidend beeinflusst von ihnen, begannen sich zu organisieren, es bildeten sich z.B. Genossenschaften, die Ronda u.v.m. Die Campesinos sehen darin eine zwangsläufige Konsequenz ihres Glaubens und eine Mitarbeit z.B. in der Ronda als praktizierten Glauben. Die politische, gesellschaftsrelevante Dimension des Glaubens wurde entdeckt und als befreiend erfahren, z.B. die Entdeckung der Ungerechtigkeit als Sünde wider Gott. Das entsprechende Engagement wird biblisch begründet und als Nachfolge Jesu gedeutet.

7. Daraus folgt, dass die Gemeinde Jesu immer auch eine prophetische Gemeinde ist: Deuten der Situation im Lichte des Glaubens und eine entsprechende Praxis, die ihren Ausdruck findet in der Anklage bestehender Ungerechtigkeiten und in der Verkündigung einer neuen Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit Gottes. Dies führte konsequenterweise zu Konflikten mit den etablierten Mächten und zu einer Anfrage an die eigene Kirche, ihrer Repräsentanten und deren Option.

8. Die Kirche von Bambamarca wurde zu einer machtvollen kritischen Instanz gegenüber den gesellschaftlichen Mächten, zu einer sichtbaren Alternative und damit zu einem Ort der Hoffnung und des Aufbruchs. Ihre Macht und damit ihre Wirkmächtigkeit lag gerade darin, dass sie nach weltlichen Maßstäben auf Macht verzichtete, es war die Macht der Ohnmächtigen. Ihre größte und oft alleinige Stütze war der Bischof von Cajamarca, der allerdings eine reale Macht und Autorität gegenüber Staat und Gesellschaft verkörperte.

9. Eine Besonderheit der Kirche von Bambamarca war, dass sich eine direkte Beziehung zwischen Katecheten bzw. Pfarrgemeinderat und Bischof entwickelte. Die jeweiligen Priester hatten nur eine Mittlerrolle. Dies führte gelegentlich zu Irritationen auf allen Seiten und erwies sich besonders dann als Nachteil, als es zum Bischofswechsel kam.

10. Da Dammert keine kirchenrechtlich neuen Strukturen schaffen wollte (bzw. konnte), konnte sein Nachfolger ohne Mühe und ohne Rücksicht auf die bisherige Praxis alles wieder rückgängig machen.

11. Zwar konnten interne Probleme innerhalb des Klerus eine befreiende Pastoral nicht gefährden, doch eine der bisherigen Praxis entgegen gesetzte radikal andere Option neuer Priester - und dies auch noch in enger Verbundenheit mit einem neuen Bischof - wurde als Existenz bedrohend erfahren. Dies bedroht auch real das Weiterleben der Kirche in Bambamarca in ihrer vorher gelebten Praxis und Struktur.

12. In dieser Situation erfahren die „versprengten Reste des Volkes Gottes“ eine reale Ermutigung und Hilfe in ihren ausländischen Partnern. Das ursprüngliche Paradoxon, dass eine authentisch einheimische Kirche vor allem von Ausländern und gegen den Willen lokaler Interessengruppen aufgebaut werden konnte, findet nun seine Bestätigung und Fortsetzung: die Campesinos von Bambamarca sehen in ausländischen Partnern (potentiell) eine große Hilfe, um sich gegen die Willkür einheimischer Kleriker und deren politischen Verbündeten verteidigen zu können.

13. Der Weg zum Kreuz, die Kreuzigung und die Auferstehung bilden für die Campesinos eine Einheit. Dies ist für sie keine theoretische Erkenntnis oder ein gelernter Glaubenssatz, sondern sie haben in Augenblicken des größten Leides und von Gottverlassenheit Zeichen höchstmöglicher Solidarität und Hoffnung erfahren.

Epilog

In Anlehnung an das Gleichnis vom Sämann lässt sich der Befund der sozialpastoralen Arbeit in Bambamarca seit 1963 in einem Bild ausdrücken, das vielleicht eher als eine rein analytische Betrachtung den Kern des Problems, um das es hier geht, trifft. Das biblische Gleichnis vom Sämann ist bei den Campesinos sehr populär, ebenso das Bild von dem Weizenkorn, das sterben muss, damit daraus Nahrung und Leben für eine menschliche Gemeinschaft entstehen kann. Diese biblische Sprache gleicht der alltäglichen Sprache der Campesinos und der Wahrheitsgehalt dieser Bilder erweist sich in ihren alltäglichen Erfahrungen - sei es direkt in der Natur oder im Leben jedes einzelnen Menschen.

So ist in der Diözese Cajamarca und noch mehr in Bambamarca heute die Rede von einem Sämann sehr verbreitet, der eine frohe Botschaft gebracht hat und dessen Saat sowohl auf fruchtbaren als auch auf steinigen Boden gefallen ist. In einen Topf guter Erde wurden Samenkörner gelegt. Sie wurden gehegt und gepflegt und aus den Samenkörnern wurden Pflanzen, die eine reiche Ernte verhießen.

War der Topf anfangs notwendig, um die Erde und den Samen zu schützen, so erwies er sich bald als zu klein und drohte, die schnell wachsenden und blühenden Pflanzen am weiteren Wachstum zu hindern. Ein Umpflanzen in einen weit größeren und durchlässigen Topf oder am besten ein Einpflanzen in die freie und weite Erde, hätte das Wachstum der Pflanzen und das Reifen der Früchte ermöglicht. Stattdessen droht Gefahr, dass viele der noch jungen Pflanzen und Blüten verwelken, bevor sie überhaupt zur Reife gelangen konnten. Es fehlen ihnen Luft und Wasser wegen der Enge des Topfes.

Einige Pflanzen aber werden überleben und noch widerstandsfähiger sein als zuvor - vielleicht gerade deswegen, weil sie die Kraft hatten, die harte Schale des Topfes zu zerbrechen und Wurzeln schlagen konnten in der Erde, die als Mutter aller Menschen diese nährt und sie wachsen und reifen lässt. Denn dafür wurde sie von Gott geschaffen. Wird der Topf aber zum Selbstzweck oder gar zum absoluten Maßstab, dann ist man aus einer Angst heraus, der Topf könnte Schaden nehmen, schnell bereit, die Pflanzen herauszureißen, um den Topf zu retten.

Ist dieser Topf auch noch mit lieblichen Blumenmustern und sonstigen Schnörkeln versehen, besteht zudem die Gefahr, die Dekoration mit dem Inhalt zu verwechseln bzw. diesen als gefährliche Konkurrenz zu deuten und dann auch entsprechend zu behandeln. Die gegenwärtigen Ereignisse in der Kirche von Bambamarca und in der Diözese Cajamarca lassen den Schluss zu, dass die beschriebene Gefahr eingetreten ist und der Glaube der Armen als Unkraut definiert wird, das herausgerissen und verbrannt werden muss.

Im Blick auf die deutsche und weltweite Kirche gilt es, 9 Punkte festzuhalten:

1. Die Kirche besitzt aus sich selbst heraus die Kraft, ihre Strukturen, Methoden und ihre gesamte Art und Weise der Pastoral und der Verkündigung zu ändern, wenn sie die entsprechenden Prioritäten setzt - das Evangelium und die Bedürfnisse der Menschen, vorzugsweise der Armen. Innerhalb von 30 Jahren (seit dem Beginn des Konzils 1962) ist es gelungen, über 400 Jahre äusserster Entfremdung trotz heftigster Widerstände zu überwinden und einen Neuanfang zu wagen.

2. Das Beispiel Bambamarca zeigt, dass die Kirche die Kraft besitzt, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und zu einem wichtigen gesellschaftlichen Faktor zu werden - nicht im Sinne eines Bundes mit den Mächtigen, sondern als Anwalt und Stimme der Ohnmächtigen. Für die deutsche Kirche würde dies bedeuten, dass sie dann als ernstzunehmender Faktor in der Gesellschaft wahrgenommen werden wird, wenn sie sich auf die Verkündigung der „Guten Nachricht“, auf ihren spezifisch ureigenen Auftrag, besinnen würde - im Sinne einer Verkündigung in der Nachfolge Jesu, einem Verzicht auf alle staatlichen Privilegien und im entschiedenen Widerstand gegen die Götzen dieser Welt.

3. Angesichts zunehmender Schwierigkeiten der christlichen Verkündigung (Glaubenslehre, Vermittlung, Glaubwürdigkeit, Bibel- und Gottesverständnis, Glaubenserfahrungen etc.), einer Erosion fundamentaler Glaubensinhalte selbst bei kirchlich Aktiven und Bedeutungsschwund christlicher Kirchen, kann ein Blick und ein Hören auf die Zeugnisse gelebten Glaubens der privilegierten Adressaten der Verkündigung Jesu den reichen Kirchen helfen, den Auszug aus dem „Goldenen Käfig“ zu wagen. Sie schreiben die Erfahrungen und die Geschichte der ersten Christen fort. Sie bilden daher für uns eine Brücke zum Zugang der Botschaft Jesu und dem Glauben der ersten Christen, zu dem wir „räumlich und zeitlich“ aus verschiedenen Gründen kaum noch einen Zugang haben (selbst wenn wir ihn suchen wollten).

4. Die Campesinos von Bambamarca verstehen sich als Kirche. Sie sind als Gemeinde und Gemeinschaft von Gemeinschaften das Volk Gottes. Dieses Volk wird von Christus selbst berufen und konstituiert. Jeder Getaufte sowie die Gemeinschaft der Gläubigen als Ganzes sind dazu berufen. Sie haben Anteil im vollen Sinne an allen „Ämtern Christi“: dem messianischen, priesterlichen und prophetischen Amt. Sie haben das Wort Gottes gehört und verkünden die Frohe Botschaft vom Beginn eines neuen Lebens und dem Anbruch des Reiches Gottes. Im Volk Gottes, das von Gott berufen ist, gibt es zwar unterschiedliche Aufgaben und Charismen, aber keine wesensmäßigen Unterschiede zwischen den Gliedern des einen Leibes.

Mit anderen Worten: Die Kirche von Bambamarca zeigt uns, was die Umsetzung des Konzils in die alltägliche Glaubens- und Gemeindepraxis bewirkt und dass diese Botschaft bei uns (und in Rom) noch nicht ganz angekommen ist. Alle Getauften sind im vollen Sinne verantwortlich für die Inhalte, Verkündigung und die gelebte Praxis des Glaubens in der Nachfolge Christi. Sie respektieren und wünschen sich dennoch einen Bischof von Rom, der im Namen aller spricht (651).

5. Solange die Option für die Armen nicht strukturell (als „Dogma“) in der Kirche verankert ist, kann jeder Bischof (Papst, Pfarrer) nach Belieben die Arbeit seines Vorgängers zerstören oder auch nicht. Solange nicht die befreienden Erfahrungen der Armen genauso viel Gewicht haben, wie römische Erlasse oder oberhirtliche Verlautbarungen (es sei denn, diese Erlasse gingen von solchen Erfahrungen aus, wie u.a. bei Dammert oder in Medellín), solange wird es nicht zu einer Kirche kommen, wie sie im Zweiten Vatikanischen Konzil und dann vor allem in Medellín sich abzuzeichnen begann: eine Kirche der Armen als „Zeichen des Heils“ und als Alternative zu den Götzen dieser Welt. Wir sind aufgerufen, uns zusammen mit den „Hirten von Bethlehem“ auf den Weg zu machen, das Konzil als Wegemarke zu beachten und es weiter zu schreiben.

6. Es kann eine direkte Linie von den Erfahrungen der ersten Christen zu den Erfahrungen der Campesinos und den „Indios dieser Welt“ gezogen werden. Der Umweg über die europäische Theologie und europäische Art von Kirchesein - zumal im Kontext der Conquista und einer immer noch andauernden Weltherrschaft - erweist sich als Sackgasse. In der Praxis und den Erfahrungen der Diözese Cajamarca zeigen sich erstmals die Umrisse eines nichteuropäischen Christentums, ausgehend von den Rändern dieser Welt und von den Menschen, die unter die Räuber gefallen sind. Nach über 1500 Jahren besteht nun die Chance, mit Hilfe der „Hirten von Bethlehem“ den Weg zu Jesus in der Krippe zu finden und ihn als den Messias zu erkennen und ihm zu folgen.

7. Es ist keine Schande, sich von den Armen diesen Weg zeigen und sich von ihnen die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählen zu lassen. Sie sind es doch, denen Gott besonders nahe steht und mit ihnen gehen dürfen heißt, die Einladung Gottes anzunehmen und seiner Berufung gerecht zu werden. Es sind die Indios und Ausgegrenzten, denen sich der Himmel öffnete und denen zuerst die Botschaft von Jesus dem Messias verkündet wurde. Deutsche Gemeinden, die sich den Standpunkt ihrer Partner zu eigen machen, werden von dem neu gewonnenen Standpunkt aus ebenfalls „den Himmel schauen“ können. Wer aber in diesem Goldenen Käfig eingeschlossen bleibt, wird nur sehr schwer das Wort Gottes, das von außerhalb kommt, hören können. Begegnungen mit den Opfern der Geschichte können zum Schlüssel werden, um diesen Käfig zu verlassen und Gott auf der Seite der Armen zu entdecken.

8. Für deutsche Gemeinden und die deutsche Kirche bedeutet dieser Weg, auf vieles zu verzichten. Doch bei genauerem Hinsehen und Ausprobieren wird man erfahren, dass es nur Ballast war, den man weggeworfen hat und nun frei ist, ohne Rücksicht auf Privilegien das Wort Gottes zu verkünden. Gelebte Solidarität, z.B. die Partnerschaft mit einer armen Gemeinde, erleichtert den Aufbruch. Sie macht Umkehr möglich bzw. sie ist der erste Schritt zur Umkehr. Eine Partnerschaft - cara a cara - ist eine praktische und praktikable Option für die Armen und mit den Armen. Sie ist kirchenbildend, weil sie Einheit mit den Ausgegrenzten stiftet.

9. Gemeinsam auf dem Weg sein, Brotteilen und miteinander an dem Mahl teilnehmen dürfen, zu dem Jesus eingeladen hat, ist konstitutiv für das Volk Gottes, sie ist das sichtbare Zeichen einer sonst nur abstrakt gedachten (nicht wirklich erlebten) Weltkirche: einer Gemeinschaft, in der Arme und Reiche an einem Tisch sitzen und gemeinsam das Brot des Lebens essen. Eine solche Gemeinschaft in Partnerschaft ist das Sakrament einer wahrhaft universellen Kirche: Partnerschaft zwischen armen und reichen Gemeinden ist das Sakrament des Volkes Gottes, der weltweiten Kirche.


Anmerkungen

(620) Alberto Osorio teilt in seiner Arbeit: „30 años de cambios pastorales en Bambamarca: 1963-1993“ diese Zeit ebenfalls in drei Abschnitte ein, jeweils mit den gleichen Schlüsseljahren. 1963-1969: Pastoral misionera; 1970-1978: Pastoral campesinista; 1979-1993: Pastoral rondera. Seine Begründung für diese Einteilung unterscheidet sich aber von der mir getroffenen, die sich eher an der jeweiligen ausländischen Mitwirkung orientiert bzw. umgekehrt an der Eigenverantwortlichkeit der Campesinos.

(621) Dieses Paradigma, für alle erreichbar und für alle in gleicher Weise da zu sein, bedeutete konkret, dass die Menschen in der Stadt ihn nun leichter erreichen konnten, die vom Land dagegen nicht mehr. Allgemein gesagt: Im Rahmen einer bestimmtem Situation und eines ganz konkreten Kontextes wird aus dem Anspruch, für alle da zu sein, de facto eine Option für die „Städter“ (die Reichen).

(622) Dieses Zitat, ebenso wie das folgende Zitat von Hans Hillenbrand, stammen aus handgeschriebenen und sehr persönlichen Briefen, die außer den zitierten Stellen nur Privates enthalten und deshalb nicht dokumentiert werden können. Die Briefe befinden sich im Archiv St. Martin, Dortmund.

(623) Vgl. vorhergehende Anmerkung. Diese Art der Information nach Deutschland zeigt zweierlei: Die deutschen Mitarbeiter, einschließlich der Entwicklungshelfer, wie aus anderen Briefen ersichtlich, sahen in dem Weggang der drei peruanischen Priester eine Art von Verrat und auch eine Unfähigkeit, mit einer schwierigen Situation fertig zu werden. Zum anderen wurden vage, meist sehr subjektive Andeutungen gemacht, die bei den Empfängern in Deutschland nur Verwirrung stifteten. Sachliche Mitteilungen waren selten und wenn, dann wurden sie den Lesern nicht sachlich erläutert. Eine offene Information war selten. Und das hat sich bis heute kaum verändert.

Dies ist umso wichtiger festzuhalten, weil die Vorkommnisse nach dem Bischofswechsel 1992/93 von den Ansprechpartnern deutscher Partnergruppen in Cajamarca nicht deutlich und offen an die deutschen Partner vermittelt wurden bzw. diese die Signale oft nicht richtig zu deuten wussten. Was die internen Angelegenheiten der Diözese betraf, wurde nach außen (nach Deutschland) mehr verschleiert als aufgeklärt, während über politische und wirtschaftliche Zusammenhänge - regional und überregional - sachkundig informiert wurde. Diese Verschleierung ist aus einer Scheu heraus zu erklären, interne Probleme nicht nach außen zu tragen.

(624) Dok. 33, V: Alois Eichenlaub, Rundbrief, März 1969, in: „Inkahilfe“ Nr. 8. Archiv St. Martin, Dortmund.

(625) Dok. 34, V: Hans Hillenbrand, Brief vom 1.11.1969, in: „Inkahilfe“ Nr. 9. Archiv St. Martin, Dortmund.

(626) Grupo cultural Quiliche: Los macizos de Pencaspampa. S. 111-142; hier: eigene Zusammenfassung in „Wir-Form”. Berichte über Misshandlungen, die Versuche der Obrigkeit, die Campesinos mit Täuschungen hinzuhalten etc. werden nicht eigens genannt. Daran zu erinnern ist, dass die genannten Steuern von den Städtern nicht bezahlt werden mussten und die eingetriebenen Gelder nicht etwa zur Finanzierung öffentlicher Ausgaben benutzt wurden (oder zur Entschädigung der Großgrundbesitzer, die vielmehr vom Staat mit den Geldern großzügig entschädigt wurden, die man als Kredite vom Ausland erhalten hatte), sondern der privaten Bereicherung von Amtsträgern und deren Helfern dienten. Diese Verhältnisse stehen exemplarisch für die globalen Verhältnisse. Es wird deutlich, wie weltwirtschaftliche Strukturen funktionieren. Es wird auch deutlich, was geschehen könnte, wenn die globale kirchliche Gemeinde (Weltkirche) ebenfalls so handeln würde wie die (lokale) Kirche von Bambamarca.

(627) Ebd. S. 140.

(628) „Geschichte der Pfarrei San Carlos de Bambamarca“, Notizen, zusammengetragen von den Katecheten, 1998.

(629) Dok. 35, V (im Bericht folgen die Beschreibungen der Bereiche). Archiv St. Martin, Dortmund.

(630) Dok. 35, V. Archiv St. Martin, Dortmund.

(631) Dok. 36, V: El encuentro, Nr. 12; Zeitschrift der Comunidad de Llaucán, September 1974. Archiv St. Martin, Dortmund.

(632) Schwester Sofia Mendoza, zitiert in: Alberto Osorio: 30 años de cambios pastorales en Bambamarca. S. 213.

(633) Dok. 37, V: El Despertar Nr. 172, 28. März 1976.

(634) Die grammatikalisch nicht korrekte Ausdrucksweise soll ausdrücken, was den Erfolg der Schwestern ausmachte: den meisten Spanierinnen gelang es, sich der Mentalität der Campesinos anzupassen, sogar bis in die Sprache hinein (Wortwahl und Aussprache); die peruanischen Schwestern dagegen profitierten von der strengen Ordnung (geistlich und in alltäglichen Dingen) und der guten Ausbildung ihrer spanischen Mitschwestern.

(635) Dok. 38, V: Dammert: Brief vom 28.11.1974. Veröffentlicht in: „Informationen aus Cajamarca“, Nr. 6, Dezember 1974. Archiv St. Martin, Dortmund.

(636) Dok. 38, V: Brief von Rudi Eichenlaub. „Informationen aus Cajamarca“, Nr. 6, Archiv St. Martin, Dortmund

(637) Pablo Sam, ein Priester aus Lima chinesischer Abstammung, begleitete Jorge López. Da er auch von den Campesinos lediglich als Begleiter von Jorge López angesehen wurde und er ansonsten keine nennenswerte Rolle spielte, wird hier nicht näher auf ihn eingegangen.

(638) Umso größer war die Verwunderung bei den europäischen Mitarbeitern Dammerts, als mich Dammert einlud, in Bambamarca - seinem Lieblingsprojekt! - als pastoraler Mitarbeiter (1977-1980) neu einzusteigen. Dies sahen sie als einen Rückschritt bzw. als Hindernis auf dem beschriebenen Weg an. Meine Aufgabe bestand aber von vorneherein in einer Begleitung und Hilfestellung gemäß den Vorgaben der von den Katecheten beschlossenen pastoralen Prioritäten. Es war nicht meine Aufgabe, neue Aufgabenfelder zu erschließen. Als „professioneller Laie“, der aber in keinem Bereich eine alleinige Verantwortung übernahm und übernehmen sollte, war ich in den Augen Dammerts geeignet, diesen Übergang zu erleichtern. Mit mir sollte die ausländische Mitarbeit langsam auslaufen, ein abrupter Übergang sollte verhindert werden. Dies entsprach auch meinen eigenen Vorstellungen. Von den Campesinos von Bambamarca, besonders den erfahrenen Katecheten, wurde ich daher nicht als ein Konkurrent angesehen, was eine unbeschwerte und unkomplizierte Zusammenarbeit ermöglichte.  Im Gegensatz zu einigen Mitarbeitern Dammerts in Cajamarca sahen sie in meiner Gegenwart in Bambamarca kein Hindernis auf ihrem Weg zu einer eigenständigen Pastoral und sie mussten auch nicht fürchten, dass ihnen ein neuer ausländischer Mitarbeiter seine europäischen Ideen und Vorstellungen aufdrängen wollte. Ich durfte den Weg der Kirche von Bambamarca begleiten und nehme nicht in Anspruch, neue Akzente gesetzt zu haben.

(639) So war inzwischen u.a. das Stichwort von einer Option für die Armen in Peru zu einem Standard geworden, der in keiner Rede und keinem Text fehlen durfte, der für sich in Anspruch nahm, auf der Höhe der Zeit zu sein bzw. im Trend zu liegen. Zehn Jahre später sollte dieser Trend auch auf Deutschland übergreifen, denn es gab fast keine Diözesan- oder Synodenbeschlüsse mehr, die nicht von einer „vorrangigen Option für die Armen“ sprachen. Genauso selbstverständlich ist es bis heute, von einer verstärkten oder gar gleichrangigen Mitarbeit der Laien in Kirche und Pfarrei zu sprechen bzw. diese sogar zu beschließen. Nahezu alle Seelsorgemodelle deutscher Diözesen stellen dies in den Mittelpunkt. Dies ist natürlich zu begrüßen und kann sogar als heimlicher Sieg der Theologie der Befreiung interpretiert werden. Die Aufrichtigkeit und Effizienz dieser Beschlüsse wird sich aber in der Praxis erweisen müssen - gemäß den Erfahrungen der Campesinos und auch von Dammert, die nur für wahr halten, was sie auch erfahren können, d.h. nicht Worte, sondern Taten zählen.

(640) Gespräch vom 22. 11. 1999 mit Katecheten aus Bambamarca, Gesprächsprotokoll (vgl. Dok. 40, V).

(641) Alberto Osorio: 30 años de cambios pastorales en Bambamarca. S. 239.

(642) Der Nachfolger Bischof Dammerts, Bischof Simón, sah in dieser Ausrichtung des Seminars einen Abfall vom Glauben, eine Hinwendung in das rein Weltliche unter völliger Vernachlässigung der kirchlichen Lehre.1994 schloss er das alte Seminar, nachdem er den Abschluss der Erweiterung und Renovation für 1,1 Millionen Dollar (darunter Spenden von Adveniat) noch abgewartet hatte, schickte 17 von 21 Seminaristen unter skandalösen Umständen „in die Wüste“ und begann mit dem Aufbau eines Proseminars in San Luis, wo Knaben „fern von den Versuchungen der Welt“ (aber unter der Leitung von Manuel Àlvarez, der kurz zuvor auf massiven Druck der Pfarrgemeinde Celendín - wegen Kindesmissbrauch - seine Pfarrstelle aufgeben musste und der trotzdem 3 Wochen später vom Bischof im vollem Wissen um die näheren Umstände dessen Vertreibung als Pfarrers aus Celendín ausgerechnet zum Direktor des Proseminars für Knaben ernannt wurde) auf den Priesterberuf vorbereitet werden sollen (vgl. u.a. den Artikel „Seminar San José, Cajamarca“ von Miguel Garnett im Sammelband „Die globale Verantwortung“).

(643) Der Pfarrer auf der Seite der Campesino war Victorino Guerra, der nun seit 1993 Pfarrer in Tembladera ist. Manuel Àlvarez wurde unter Bischof Simón zuerst Leiter des neuen Proseminars, dann bis heute Pfarrer der Kathedrale. Er wurde von Bischof Simón zum Bischofsvikar ernannt und ist dessen intimster Vertrauter.

(644) Befragung des IBC, 1997.

(645) Dok. 39, V. „Informationen aus Cajamarca“, Nr. 50, September 1990. Archiv St. Martin, Dortmund

(646) Wie auch auf diözesaner Ebene, so gab es auch für Bambamarca seitens der Diözese kein Konzept, wie man auf eine eventuell neue Kirchenpolitik nach dem Weggang Dammerts reagieren sollte bzw. wie man sich im Vorfeld bereits darauf hätte vorbereiten können. So blieb der Wunsch nach Vernetzung seitens der Campesinos ohne Echo. Erst seit 1998, mit dem Beginn der gemeinsamen Studie aller deutschen Partnergemeinden und meiner Arbeit, wurde der Wunsch nach Vernetzung und Erfahrungsaustausch in Cajamarca aufgegriffen und diese Initiative führte dann im Januar 2001 zu dem ersten diözesanen Gruppentreffen seit 1992.

(647) Siehe Dok. 40, V: Gesprächsprotokolle, ein Rückblick und einen Einblick in die Situation nach Dammert.

(648) Die Art und Weise wie das Problem gelöst wurde, kann als typisch für Bischof Dammert bezeichnet werden. Dammert ging es darum, nicht mit persönlichen Problemen die Arbeit zu belasten oder gar, wie er fürchtete, die Lösung solcher Probleme auf dem Rücken der Campesinos auszutragen. Aber das Ausklammern solcher Probleme führte dann zu einer Belastung der Arbeit und der Glaubwürdigkeit auf Kosten der Campesinos, was der Bischof ja gerade vermeiden wollte. Das Pastoralkomitee wünschte sich dann Alois Eichenlaub als Zwischenlösung, aber der Bischof ging nicht darauf ein.

Die harte Reaktion gegen die einheimischen Priester war einzigartig. Dammert sah sich vor allem deswegen genötigt einzugreifen (um Unterschied zu vergleichbaren Fällen in anderen Pfarreien), weil Bambamarca sein Lieblingsprojekt war und weil die Katecheten von Bambamarca dem Bischof deutlich machten, dass eine weitere Zusammenarbeit mit zwei der drei Priester nicht mehr möglich war. Selbst einige einflussreiche Familien der Stadt Bambamarca baten den Bischof, die beiden Skandalpriester abzuziehen. Seither besteht bis heute im Klerus der Diözese die irrige Auffassung, dass die Campesinos in Bambamarca keine Priester mehr haben wollen. Auf dem Hintergrund dieser Sichtweise (u.a.) ist auch das Vorgehen von Bischof Simón zu deuten.

(649) Dok. 41, V: Dammert: Brief vom 23.9.1992 an die Gemeinde St. Martin. Informationen aus Cajamarca, Nr. 58, Oktober 1992. Archiv St. Martin, Dortmund.

(650) Marco Arana bedauert im November 1999 im Gespräch mit mir sein damaliges Verhalten und entschuldigt sich. Er ließ sich nach eigenen Aussagen anfangs von Bischof Simón blenden und täuschen. Heute nimmt er eine völlig andere Position ein. Er wurde zum führenden Gegenspieler der Mine Yanacocha und sein Engagement für die von den der Mine bedrohten Campesinos auf der Basis der christlichen Botschaft ist beispielhaft. Alex Urbina dagegen wurde zum Leiter des neuen Priesterseminars in San Luis ernannt und ist gleichzeitig noch Pfarrer von Porcón.

(651) Die Erfahrung der Kirche von Cajamarca zeigt, dass Menschen, die sich von Gott berufen fühlen (und von der Gemeinschaft akzeptiert und vom Bischof bestätigt werden), ihr ganzes Leben in den Dienst der Verkündigung zu stellen, ein Segen für jede Gemeinschaft und daher unverzichtbar sind. Als erster (!) Schritt wäre in diesem Sinne die Weihe von „viri probati“, verheirateter, im Glauben bewährter Männer, dringend erforderlich. Dies wurde bereits vor 40 Jahren diskutiert. Selbst konservative Bischöfe und der jetzige Papst könnten dem „ohne Gesichtsverlust“ zustimmen. Geschieht aber nichts, tragen sie - und alle, die aus Bequemlichkeit oder Angst dazu schweigen - die volle Verantwortung für die weitere geistige Verelendung in den Gemeinden und der Kirche insgesamt. Auch dies ist in der Kirche von Cajamarca zu beobachten.

 

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