Josef Ratzinger und der Glaube der Campesinos (Dokumentation)

Ein konkretes Beispiel zeigt, wie das Glaubenszeugnis der Campesinos und ihre Praxis von kirchlichen Amtsträgern wahrgenommen wird. In seiner Osterpredigt 1979 im Münchener Liebfrauendom, kommt der damalige Erzbischof von München und Freising, Kardinal Ratzinger, auf die Theologie der Befreiung zu sprechen. „Und endlich ist die Auferstehung Jesu Christi das Bekenntnis zum Vorrang der Liebe und des Lebens gegenüber den Strategien des Klassenkampfes und einer Bewusstseinsbildung, die auf die Weckung des Neides abzielt, was beides Strategien des Todes sind. In einem Katechismus der Befreiungstheologie...

 ....habe ich eine theatralische Darstellung von Tod und Auferstehung Jesu gelesen, das zum Mit- und Nachspielen einlädt und so aussieht: Da ist zuerst der Leichnam Jesu mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Man ist um ihn versammelt, trauert und klagt. Aber dann wird das schwarze Tuch weggerissen und durch ein rotes ersetzt, und man beginnt zu tanzen und zu sagen: Der Tod ist nicht das Ende, wir werden Rache nehmen und wir werden siegen. Dies ist nicht die Auferstehung Jesu Christi. Sie ist nicht ein Kulissenwechsel. Und die Auferstehung ist nicht der Feuerstein, aus dem man das Feuer des Hasses schlagen kann. Jesus Christus ist nicht gegen jemand gestorben, sondern für alle. Und sein Blut fordert nicht Rache, sondern Versöhnung und Liebe. Seine Auferstehung ist die Person gewordene Wahrheit des Satzes: die Liebe ist stärker als der Tod“. [1]

In Publik-Forum Nr. 10, 8. Jahrgang vom 18. 5. 1979, wird unter dem Titel „Schaut, das rote Tuch“ als Antwort auf Ratzinger ein Text von Horst Goldstein veröffentlicht. Darin heißt es: „Auf eine schriftliche Anfrage hin, wurde mit Datum vom 27. 4. 1979 durch den Erzbischöflichen Sekretär mitgeteilt, dass der Kardinal von dem Text ausgegangen war, der einem Katechismus der Befreiungstheologie entnommen und in einer der letzten Nummern von Publik-Forum veröffentlicht worden war’. Die Formulierungen des Herrn Kardinals lassen keinen Zweifel daran, dass dieser nun ein fleißiger Publik-Forum-Leser geworden ist, nachdem er einmal mitteilen ließ, dieses Blatt nicht zu lesen. Denn er bezieht sich in seiner Kritik auf den Publik-Forum-Sonderdruck ‚Kampf und Triumph Jesu: der Weg ist frei’ (Nr. 7/79). Wer nun aber diesen - dem nordperuanischen Glaubensbuch von Landarbeitern und für Landarbeiter ‚Vamos Caminando’ entnommenen Text liest, ist überrascht. Denn dort liest er: [2]

„Schon war der Jahrestag des Todes von Jesus Flores gekommen. Seine Familie hatte Trauer getragen, und jetzt wollen sie, wie es Brauch ist, die Trauer ablegen. Alles ist zur Feier gerüstet. An einer Wand des Hauses hängt ein schwarzes Tuch mit einem weißen Kreuz. Dahinter ist nicht sichtbar ein rotes Tuch. Aus der Küche dringt der kräftige Geruch von Eukalyptus, denn schon seit Stunden haben Tomasa Cubas und einige andere Frauen aus der Familie für das Festessen gekocht. Das Haus wird allmählich voll. Sie beten den Rosenkranz. Und dann plötzlich der Ruf: Weg mit dem schwarzen Tuch, weg! Ja, schaut, da ist das rote Tuch! Musik, Musik! Ja, wir wollen tanzen! Und wir wollen fröhlich sein! Jemand meint: Wir können dieses Fest feiern, weil wir Jesus Flores in seinem Einsatz nachfolgen. Er bleibt mit uns in unseren Kämpfen... Jede gute Sache im Leben, jeder Sieg der Liebe über den Hass, der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit über die Ausbeutung, der Einheit über die Zwietracht, gibt Zeugnis für die Auferstehung Jesu in unserem Leben.

Wer nun diesen Text liest, macht folgende Beobachtungen:

1. Der Begriff Rache kommt weder wörtlich noch in der Tendenz vor.

2. Zum Stichwort Hass heißt es: ‚Jeder Sieg der Liebe über den Hass...
gibt Zeugnis für die Auferstehung Jesu in unserem Leben’.

3. Statt von ‚Wecken des Neides’ liest man: ‚um zu befreien, müssen wir unsere
Selbstsucht ganz töten, sonst wird es immer wieder Ausbeutung geben’.

Ein Vergleich der deutschen Widergabe mit dem spanischsprachigen Original zeigt, dass auch von der peruanischen Version her die drei Beobachtungen bestätigt werden“.[3]

Nachdem Hans Hillenbrand im Auftrag Bischof Dammerts gegen das falsche Zitieren und die Inanspruchnahme des Glaubensbuches für bestimmte Zwecke und Interessen in einem nicht öffentlichen Brief vom 4. 7. 1979 an Kardinal Ratzinger protestiert hatte, antwortete der Kardinal in einem persönlichen Brief (28. 7. 1979).[4]

„Meine Osterpredigt ist außerhalb Münchens nur durch vage Gerüchte bekannt gemacht worden. Die Quelle, die Sie offenbar benutzt haben, hat diese Gerüchte in einer Form ausgebaut, in der die Tendenz auf Diffamierung meiner Person unverkennbar ist.

1. Ich habe weder das schwarze noch das rote Tuch kritisiert, kritisiert habe ich zweierlei an dem betreffenden Text: a) das Fehlen eines konkreten Bekenntnisses zur leiblichen Auferstehung Jesu Christi; b) die Politisierung des Reich-Gottes-Begriffes und die Tendenz zur Gewalt. Daran habe ich nichts zu ändern.

2. ... Bei meinem letzten Besuch in Südamerika hat mich Kardinal Landázuri von Lima geradezu beschwörend gebeten, wir möchten doch in Europa endlich einsehen, dass Kirche und Theologie in Lateinamerika in einer lebensgefährlichen Auseinandersetzung mit dem Marxismus stehen, deren Ernst gar nicht radikal genug einzuschätzen ist. Ähnliches haben mir auch viele andere Bischöfe und Kardinäle auf die Seele gebunden.

3. Die Befreiungstheologie ist kein amerikanisches Produkt, sondern der ganzen Tradition der lateinamerikanischen Kirche zutiefst fremd. Eine ‚Theologie’, die so sehr rationalistisch denkt und so sehr den Menschen der Ökonomie unterordnet, bedeutet die wirkliche Versklavung aller fremden Kulturen unter die Diktatur einer einzigen als normativ sich ausgebenden, die unter Missbrauch eines bestimmten Typs von intellektueller Überlegenheit den anderen ihr eigenes Recht nimmt und sich dann noch dreist als deren eigene Aussage aufspielt.

4. Ich habe nun noch zwei Fragen an Sie: a) Sie sagen, ‚man’ habe Ihnen gesagt, es bestehe wenig Aussicht, dass dieser Brief in meine Hände gelangt. Da diese Behauptung ihre Heimat gewiss nicht in Lateinamerika haben kann würde mich interessieren, wer sich hinter ‚man’ verbirgt; b) Sie sagen der ‚Vorfall’ sei unter Hunderten von Campesinos bekannt geworden. Da die Campesinos gewiss keine deutschen Pamphlete lesen, würde mich interessieren, wer es für nötig hielt, ungeklärte Gerüchte unter ihnen als Tatsachen zu verbreiten“.[5]

Hans Hillenbrand antwortete am 12. August 1979, ebenfalls in einem nicht öffentlichen Brief: „Zunächst zu den Informationsquellen: sagen wir es klar: Die ersten Nachrichten kamen über Publik-Forum, was uns aber noch nicht zum Reagieren brachte. Dann aber kamen Briefe von Gottesdienstbesuchern, die Ihre Predigt gehört hatten. In und um München leben eine ganze Menge kirchlicher und staatlicher Entwicklungshelfer, die hier gearbeitet haben und mit uns hier noch in sehr regem Kontakt stehen. Sie selbst, Familienangehörige und Freunde hatten das Rad ins Rollen gebracht. Sogar von Ekuador, was ja Patenland zu Ihrer Diözese ist, und wo ebenfalls unser Glaubensbuch verbreitet ist, bekamen wir Briefe. Daher auch die Kenntnis des Vorfalls unter den Campesinos. Ich habe leider Angst (Sie können mich feige nennen!), Ihnen die Namen der deutschen Freunde mitzuteilen, weil Ihre Formulierungen in Punkt 1 befürchten lassen, Sie könnten vielleicht sogar gerichtliche Schritte gegen diese Personen unternehmen. Ich bat die betreffenden Personen aber, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen.

Was den Punkt 2 Ihres Briefes betrifft, so muss ich sagen, dass die biblische Formulierung (Mk 16.6) ‚Ha resucitado’ dreimal in dem umstrittenen Kapitel vorkommt. Bisher haben wir noch niemanden hier getroffen, der diese Formulierung als eine Negierung der leiblichen Auferstehung Christi verstanden hätte, was der Welt der Campesinos in ihrer Realitätsgebundenheit auch total fremd wäre. Übertragen Sie mit Ihrer Kritik nicht Fragestellungen Ihrer deutschen Welt zu schnell auf hiesige Verhältnisse? Den anderen Vorwurf vom ‚politischen Reich Gottes’: Im ganzen Kapitel ist weder vom Reich Gottes noch von einer expliziten oder impliziten Politisierung die Rede. Vielleicht gibt es in Deutschland eine ‚Piratenausgabe’, gegen die wir von hier aus vorgehen müssten! Ich weiß also nicht, aus welchen Sätzen oder Worten Sie Ihren Vorwurf hernehmen.

Zu Punkt drei hätte ich zu viel zu bemerken, was brieflich einfach unmöglich ist. Hier nur das: Kardinal Landázuri kennen wir sehr gut und wir schätzen ihn sehr. Er betont immer wieder, dass der Grund der ‚Marxismusmöglichkeit’ aus der Welt geschafft werden muss: die Armut, die Ungerechtigkeit und die Unfreiheit. Das Dokument der peruanischen Bischöfe für Puebla enthält dafür eine Menge Zitate. Um Medellín, Puebla und den peruanischen Bischofsdokumenten gerecht zu werden, hätten wir noch viel radikaler schreiben müssen. Haben Sie Angst, diese ‚Hintermänner’ anzugreifen? Zu Punkt 4 bedauere ich, dass Sie wieder in die Eingleisigkeit einer Theologie zurückgefallen sind, die Sie ja zuvor selber verworfen hatten.

Zur Frage der Geschichte der Theologien der Befreiung gibt es inzwischen eine Menge wissenschaftlichen Materials, das Ihre Behauptung, ‚sie seien europäischen Ursprungs’ in Zweifel zieht… Ich selbst bedauere es, dass in der Diskussion zu viele aggressive Dimensionen mitschwingen, die ich für nicht christlich halte und für die ich, wenn sie von meiner Seite kommen, um Entschuldigung bitte. Meine Gedanken wollen neben der Disconformidad zu Ihren Ideen immer die Hochschätzung für Ihre Person beibehalten, die noch aus der Konzilszeit herrührt“.


Im Kontext dieser Arbeit über den Glauben und die Kirche der Menschen von Cajamarca wird deutlich, wie die Ausführungen und das Vorgehen von Kardinal Ratzinger zu bewerten sind und welchen jeweiligen Standort sie verdeutlichen. Sie umfassen das gesamte übliche Instrumentarium und die gesamte Palette aller Vorwürfe und bewusster Verdrehungen gegen eine Praxis, die ausgehend von der Botschaft Jesu die Menschen auf Gott und die Gemeinschaft hin öffnet. Es soll aber ausgehend von den Ausführungen und Deutungen Ratzingers wenigstens noch einmal auf dieses übliche Instrumentarium hingewiesen werden.

  1. Ratzinger reagiert auf eine sachliche Aufzählung von Fakten mit dem Vorwurf persönlicher Diffamierung und Verleumdung. Er geht auch nicht darauf ein, dass er es ist, der falsch zitiert hat und der falsche Behauptungen aufstellt. Er stellt die Campesinos an den Pranger, verhöhnt ihren Glauben an Jesus Christus und legt ein falsches Zeugnis wider sie ab. Während dies für Campesinos tödlich sein kann, fühlt sich der Kardinal persönlich diffamiert, wenn man ihn auf sachliche Fehler aufmerksam macht. Er spricht von Pamphleten und Gerüchten, statt zu dem zu stehen, was er wirklich gesagt hat.
  2. Zur leiblichen Auferstehung: H. Hillenbrand weist schon darauf hin, dass der betreffende Vorwurf völlig an der Realität vorbei geht. Doch dahinter steckt mehr. Das scheinbare Beharren auf dogmatischer Rechtgläubigkeit verdeckt, dass Ratzinger und die Kirche, für die er steht, in ihrer konkreten Praxis gerade diese Leiblichkeit Jesu und des Menschen stets bekämpfen oder zumindest ignorieren - spätestens seit den Zeiten von Augustinus. Er ignoriert damit auch den realen Kontext der Campesinos und die Menschwerdung Gottes in ihrer Mitte. Diese Welt- und Leibfeindlichkeit hatte in der Geschichte und bis heute verheerende Folgen, auf die hier nicht eingegangen werden muss.
  3. Der Vorwurf der Politisierung und der damit verbundenen Kritik von einer Vermischung oder Verwechslung von Religion und Politik ist eine völlige Verdrehung der Tatsachen. Während der Papst Menschen heilig spricht, die den Massenmord an Zivilisten als „Beitrag zur größeren Ehre Gottes“ (so der Gründer Opus Dei zu den über 200.000 Opfern des spanischen Bürgerkrieges) bezeichnen, werden die Opfer auch noch verurteilt, wenn sie sich gegen eine solche Politik verteidigen wollen und Missstände anprangern.
  4. Die in Peru sehr geachtete und respektierte Autorität von Kardinal Landázuri wird für die Durchsetzung eigener Interessen in Anspruch genommen. Bischof Dammert berichtet von einem diesbezüglichen Gespräch mit Kardinal Landázuri, in dem dieser erklärte, dass er wohl von Ratzinger falsch verstanden wurde. Wenn man Ratzinger keine böse Absicht unterstellt, dann ist festzustellen, dass er selbst in persönlichen Gesprächen das herauszuhören scheint, das er schon immer vermutet hat - unabhängig davon, was der Gesprächspartner wirklich gesagt hat. Der Marxismusvorwurf an die Theologie der Befreiung erwies sich zudem bald als bloßer Vorwand, um alle die zum Schweigen zu bringen, die eine „Kirche des Volkes“ forderten und die auch die wirtschaftlichen Privilegien einer Minderheit in Frage stellten, die also wirklich an Inkarnation und leibliche Auferstehung - an die Ganzheit des Menschen - glauben. Landázuri, Dammert u.a. betonten immer, dass das Elend, die herrschende Ungerechtigkeit (auch weltweit) etc. die größte Gefahr für die Menschen in Peru darstellen. Im Übrigen ist es absurd, die Frage des Marxismus mit der Glaubenspraxis der Campesinos in Zusammenhang zu bringen.
  5. Wenn Ratzinger in seinen Ausführungen von der Theologie der Befreiung als „so sehr rationalistisch, der lateinamerikanischen Kirche zutiefst fremd“ redet und sie dann in Zusammenhang mit der Versklavung fremder Kulturen durch eine sich normativ gebende bringt, dann ist das absurd und „diabolisch“ (die Wahrheit ins genaue Gegenteil verkehrend). Es war gerade diese schon beschriebene europäische Denk- und Verfahrensweise, die zur Ausrottung ganzer Völker führte. In diese Tradition stellt sich Ratzinger selbst.
  6. Die Art und Weise, in der Ratzinger von Liebe und Auferstehung redet, weist darauf hin, dass er das, was die Campesinos damit meinen, was sie erlebt und erfahren haben, nicht verstehen kann. Es geht hier um verschiedene Dimensionen menschlicher Existenz.
  7. Es geht hier nicht zuerst um theologische, theoretische Auseinandersetzungen, sondern um das Leben von ganz konkreten Menschen. Die von Ratzinger diffamierten Campesinos sehen sich heute gewaltigen Repressionen ausgesetzt. Während der Gründer des Opus Dei heilig gesprochen wird, bekämpfen zwei Priester des Opus Dei die Campesinos und ihre Organisationen mit aller Macht. Die wahre Option von Glaubenshütern wie Ratzinger zeigt sich in der Praxis. Diese Option des Kardinals kann für die Campesinos tödlich sein.

Bald danach wurde Ratzinger zum obersten Glaubenshüter der römischen Kirche ernannt. Die Feier des beginnenden neuen Lebens und der Auferstehung als Sieg über die Mächte des Todes wird von den Glaubenswächtern als Rebellion oder „falscher Glaube“ interpretiert und bekämpft. Ratzinger soll hier nicht als bewusster Vertreter dieser Mächte präsentiert werden, vielmehr weist sein Verhalten auf den Zwiespalt hin, dass er - wie der Papst - einerseits mit Recht den gottlosen westlichen Materialismus anklagt, andererseits aber Gruppen und Bewegungen mit Sanktionen belegt, die de facto dagegen aufstehen. Dieser Widerspruch ist die logische Folge einer weltlosen Theologie und einer kirchlichen Institution, die von den Mächtigen je nach Bedarf benutzt oder lächerlich gemacht werden kann.[6]

Ein Blick auf die heutige Praxis zeigt, wie die Ausführungen Ratzingers zu sehen und welche Vorbilder ihm wichtig sind. In der Vorstellung eines Buches über den Gründer des Opus Dei, Josemaría Escrivá, sagt Ratzinger: „Hier haben wir einen Mann vor uns, der sich der Präsenz Gottes gegenüber geöffnet hat und erfährt, dass Gott immer am Werk ist, gerade auch heute, und dass wir ihn in unser Leben Einlass gewähren und handeln lassen sollen“. Heilig sein, so Ratzinger, bedeute daher nicht, „dass jemand etwas Großes aus sich heraus gemacht hat, sondern dass in seinem Leben gerade das offenbar wird, was er nicht aus sich selbst heraus schaffen kann und er transparent für das Werk Gottes wird. In anderen Worten, heilig zu sein heißt nichts anderes, als mit Gott wie mit einem Freund zu reden“.[7]

Es liegt nahe, das Leben dieses neuen Heiligen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und mit dem Glaubenszeugnis der Katecheten von Bambamarca zu vergleichen, den Autoren von Vamos Caminando wie z.B. Valentín Mejía.[8] Ein Vergleich liegt auch deshalb nahe, weil sowohl bei Escrivá als auch den Campesinos das Wegemotiv eine entscheidende Rolle spielt und Priester des Opus Dei seit 1997 in Bambamarca das Sagen haben. Am Beispiel der Campesinos ist deutlich geworden, was der Ausgangspunkt ihres Weges ist, wer sie auf diesem Weg begleitet und wohin dieser Weg weist. Ratzinger dagegen hat gezeigt, welchen Weg er für richtig hält.[9]


Anmerkungen

[1] Die folgenden Texte, die diese Auseinandersetzung dokumentieren, befinden sich im Archiv der Kirchengemeinde St. Martin, Dortmund.

[2] Es folgt der betreffende Auszug aus Vamos Caminando in der Version der bis dahin veröffentlichten Fassung (Arbeitsmappe im Selbstverlag). In dem Vorwort zu dem Sonderdruck schreibt Publik-Forum: „Ein anschauliches Beispiel, wie die Theologie der Befreiung in der pastoralen Arbeit mit Bauern und Landarbeitern in Lateinamerika umgesetzt werden kann, vermittelt ein peruanisches Glaubensbuch, also eine Art Katechismus, mit dem Titel ‚Vamos Caminando’ (Machen wir uns auf den Weg)“. Das Vorwort weist darauf hin, dass deutsche Sympathisanten den Campesinos und dem ureigenen Anliegen der peruanischen Theologen der Befreiung selten gerecht werden. Entsprechend den europäischen Denkstrukturen sind es zuerst einige Theologen als Individuen, die eine Theorie entwickelt haben um sie dann dem Volk beizubringen. Sie erleichtern den Gegnern der Campesinos, dann von „Schreibtischtätern“ reden zu können, die das Volk gegen die bestehende Ordnung aufhetzen. Diese Personalisierung und Abstrahierung ist noch aus einem anderen Grund schädlich: Wenn die manchmal innig verehrten Protagonisten der Theologie der Befreiung (Gutiérrez, Boff etc.) aus der Mode geraten oder persönlich angreifbar geworden sind, dann - so der Kurzschluss - ist auch das Thema als solches erledigt. Was aber an der Basis geschieht, interessiert dann nicht mehr, weil diese Basis (die Campesinos und ihre Praxis) zu keinem Zeitpunkt wirklich im Zentrum stand.

[3] Goldstein, Horst: „Schaut, das rote Tuch“! Archiv St. Martin, Dortmund.

[4] Der erste Brief von Hans Hillenbrand im Auftrag Bischof Dammerts ist nicht zugänglich, er enthält zudem - außer der Tatsache, dass gegen die Predigt Ratzingers protestiert und dessen Interpretation der Texte aus Vamos Caminando zurückgewiesen wurde - inhaltlich nichts Neues. Die inhaltliche Auseinandersetzung findet dagegen in dem Briefwechsel statt, der nun hier dokumentiert ist. Dammert selbst hat keinen Brief an Ratzinger geschrieben. Unter Mitarbeitern Dammerts wird dies zwar vermutet, doch lassen sich dafür keine Belege finden. Vielmehr handelt es sich um den Brief von Hans Hillenbrand, der dann allerdings - weil im Namen Dammerts - als „Dammertbrief“ bezeichnet wurde.

[5] Antwort von Hans Hillenbrand. Archiv St. Martin, Dortmund.

[6] „Die beste Widerlegung einer Theologie besteht nicht in verstandesmäßigen Argumenten gegen sie, sondern in den praktischen Folgen, die sie zeitigt. Nicht nur einmal, sondern immer wieder kritisiert Bartolomé de Las Casas Sepúlveda wegen seiner intellektuellen Kühle, wegen seiner fehlenden Kenntnis der indischen Länder und wegen seiner mangelnden Einsicht in die konkreten Folgen seiner Theologie“. Gutiérrez, Gustavo: Die historische Macht der Armen. S. 162. Hier geht Gutiérrez auf den Streit zwischen Sepúlveda und Las Casas ein. Gutiérrez zitiert Las Casas: „Ich lasse in den indischen Ländern - schreibt er - Jesus Christus, unseren Gott, zurück: gegeißelt, gequält und gekreuzigt, und zwar nicht nur einmal, sondern millionenfach“ (S. 164). Gutiérrez fährt fort: „Solch ein Gedanke wäre in der Theologie von Sepúlveda unvorstellbar: Ein Indianer, der geboren wurde, um Diener der Europäer zu sein, kann doch nicht mit Christus identifiziert werden; Herren - die können ohne weiteres mit ihm gleichgesetzt werden“. (S. 164).
Ratzinger steht nicht in der Tradition von Las Casas.....

[7] Die Tagespost, Würzburg, 19. März 2002.

[8] Vgl. den Bericht von Valentín Mejía 1978 (Dok. 19, V) und Peter Hertel: Schleichende Übernahme - Josemaría Escrivá, sein Opus Dei und die Macht im Vatikan. Oberursel : Publik-Forum-Verlagsgesellschaft. Mai 2002.

[9] Die Auseinandersetzung mit Ratzinger stellt auch noch in einer anderen Weise ein zeitgeschichtliches, aber bereits Geschichte bildendes Dokument dar. Die Reaktion auf die zitierte Osterpredigt von Ratzinger war in Deutschland sehr groß. Einige namhafte Theologen und theologische Zeitschriften (allein Publik-Forum in vier Ausgaben 1979) beschäftigten sich mit Bambamarca als „Beispiel einer in die Praxis umgesetzten Theologie der Befreiung“. Die Aufbruchstimmung nach dem Konzil war noch nicht ganz verklungen, die Beschäftigung mit der Theologie der Befreiung lag voll im Trend. Auch die Partnergruppen, vor allem St. Martin, Dortmund und Hl. Kreuz, Castrop-Rauxel, mischten sich intensiv und kompetent in die Debatte ein. Das Engagement deutscher Christen war ein Spiegelbild der damaligen Verfassung innerhalb der Reformkräfte der deutschen Kirche. Die damalige moralische Unterstützung hat nicht nur die professionellen Mitarbeiter um Bischof Dammert herum ermutigt, sondern sie war auch für die Campesinos eine Bestätigung für ihren eingeschlagenen Weg.

Heute ist Bambamarca erneut zu einem Modell geworden. Bischof Simón hat den Auftrag erhalten, die Pfarrei wieder „in den Schoß der Kirche zurückzuführen“. Durch die Einsetzung zweier Priester des Opus Dei als Pfarrer von Bambamarca und durch starken persönlichen Einsatz versucht er, den Widerstand zu brechen. Die Verfasser und Adressaten von Vamos Caminando sind buchstäblich unter die Räuber gefallen. Doch die Reaktion in Deutschland auf diese Vorfälle ist gleich Null. Weder Theologen, noch theologische Zeitschriften und auch nicht Publik-Forum wollen das Schicksal der ehemals bewunderten und gefeierten Campesinos zur Kenntnis nehmen. So ist das heutige Verhalten gegenüber den Vorkommnissen in Bambamarca ein korrektes Spiegelbild der gegenwärtigen Verfassung von Kirche und Theologie, kirchlicher Presse und Öffentlichkeit. Die Solidarität mit den Räubern gab es zwar schon immer, sie ist aber größer als je zuvor. Das heutige Desinteresse am Schicksal der „Indios dieser Welt“ wird von den Betroffenen registriert und macht sie noch betroffener. Ausgerechnet dann, wenn sie am dringendsten auf Solidarität angewiesen sind, werden sie nicht mehr gehört. Potentielle deutsche Sympathisanten und Gruppen haben andere Interessenfelder und Märkte entdeckt - nämlich vornehmlich sich selbst und ihre eigene Befindlichkeit.

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