Neokolonialismus - Dekolonialisierung

Schwarz und Weiß – Zum Hungertuch aus Afrika

„Hören Sie: Verlieren wir keine Zeit mit sterilen Litaneien oder ekelhafter Nachäfferei. Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken der Welt, ganze Jahrhunderte lang hat es im Namen eines angeblichen ‚geistigen Abenteuers‘ fast die gesamte Menschheit erstickt“. „Die Verdammten dieser Erde“ von Franz Fanon (1961).

Franz Fanon hat  sein wegweisendes Buch auf dem Hintergrund der blutigen Geschichte „Schwarzafrikas“ und im Kontext der damaligen Unabhängigkeitskriege geschrieben. Heute sind alle afrikanischen Staaten unabhängig. Sind sie dies aber wirklich? Autoren aus Afrika sprechen dagegen immer dringlicher von der notwendigen „De-Kolonialisierung“. Sie meinen damit eine Befreiung aus den Klauen des Neokolonialismus, der Afrika ausbluten lässt wie in den Zeiten des historischen Kolonialismus. (Sie auch: Ist Afrika noch zu retten?)

Neokolonialismus

Nicht nur wegen der zunehmenden Flüchtlingsströme aus Afrika (auch wenn aktuell immer weniger bei uns ankommen…) rückt das Thema „Afrika“ zunehmend in unser Blickfeld. Was bedeutet „Neokolonialismus? Eu­ro­pas ruinöse Land­wirt­schafts- und Han­dels­po­li­tik wird von afrikanischen und selbst westlichen Wirtschaftsexperten als eine der Hauptursachen für das Ausbluten des Kontinents angesehen. Ge­gen die glo­bal ak­ti­ve und hoch sub­ven­tio­nier­te EU-Kon­kur­renz kä­men Afri­kas Bau­ern und Fir­men nicht an. Ent­wick­lungs­po­li­ti­ker leg­ten zu oft »Kon­junk­tur­pro­gram­me für die eigene hei­mi­sche Wirt­schaft« auf, statt afri­ka­ni­sche Un­ter­neh­men zu un­ter­stüt­zen. Der er­zwun­ge­ne Frei­han­del sei so ge­recht wie »ein Fuß­ball­spiel zwi­schen Re­al Ma­drid und einer Mann­schaft aus der Kreisliga«

Der di­rek­te Zu­griff auf die Ein­nah­men durch den Ex­port von Erd­öl, Kup­fer, Col­tan, Ko­balt, Dia­man­ten oder Uran hält die Klep­to­kra­ten an der Macht. Auch des­halb le­ben z.B. im rei­chen Öl­för­der­staat An­go­la 40%, in Ni­ge­ria trotz der Aber­mil­li­ar­den aus Bohrli­zen­zen so­gar zwei Drit­tel der Men­schen un­ter­halb der Ar­muts­gren­ze. Das sind Sym­pto­me ei­ner Wirt­schaft, die ein­sei­tig am Ex­port von Roh­stof­fen und landwirtschaftlichen Produkten aus Monokulturen fest­hält. Ho­he Wech­sel­kur­se ma­chen die ein­hei­mi­schen In­dus­tri­en kon­kur­ren­zun­fä­hig, die Ver­sor­gung funk­tio­niert nur durch Im­por­te. We­ni­ge Nutz­nie­ßer schef­feln Reich­tum in ei­nem Meer der Ar­mut. Im­mer wie­der lo­dern re­gio­na­le Kon­flik­te um roh­stoff­träch­ti­ge Land­ge­win­ne auf. Da­bei wer­den re­li­giö­se und eth­ni­sche Span­nun­gen häu­fig bru­tal in­stru­men­ta­li­siert. Dies wiederum führt zu einer unbegrenzten Land­flucht. Diese lässt in vie­len afri­ka­ni­schen Län­dern an­ar­chi­sche Me­ga­ci­tys wach­sen. Einseitig zugunsten „unserer“ Wirtschaft abgeschlossene Freihandelsabkommen geben diesen zum Himmel schreienden Missständen einen scheinbar rechtlichen Rahmen.

Und wo bleibt die Verantwortung der afrikanischen Regierungen? „Ir­gend­je­mand“ legt schließ­lich et­was in die auf­ge­hal­te­nen Hän­de hin­ein oder hilft da­bei, Aber­mil­lio­nen Roh­stoff-Dol­lar au­ßer Lan­des zu trans­fe­rie­ren. Dort, wo »kri­mi­nel­le Ge­schäf­te und in­ter­na­tio­na­ler Han­del sich über­schnei­den«, gibt es welt­wei­te Kom­pli­zen­schaf­ten. Die Spu­ren der Kun­den, Stroh­män­ner und Be­ra­ter der Roh­stoff­wirt­schaft füh­ren nach New York, Lon­don, Pa­ris, Zü­rich, Hong­kong oder Pe­king, zu Stroh­fir­men in Pa­na­ma oder Ban­ken in der Schweiz, Lon­don, den USA. Der sogenannte "Freie Westen", aber auch China und Russland, haben ein existentielles Interesse daran, diesen Freien Handel zu fördern und zu schützen. Mit korrupten Machthabern lassen sich bekanntlich die besten Geschäfte machen. Zu deren Schutz wird notfalls militärisch interveniert, wenn die Gefahr besteht, dass demokratische Verhältnisse drohen.

Die befreiende Alternative: „Ich bin, weil du bist“

„Grundlage afrikanischer Tradition ist aber die Lebensförderung, die Ausrichtung der ganzen Existenz auf ein Leben in Würde. Dieses Leben versteht sich als streng gemeinschaftlich und kosmisch. Lebensförderung bedeutet die Steigerung dieser Lebenskraft, d.h. die Stärkung der Teilhabe an der Einheit der Wirklichkeit, welche nur in der Verwiesenheit von allem auf alles Bestand hat.“ Dr. Boniface Mabanza, Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA  (Strategietag der Kirchen in Stuttgart, 18. 01. 2017)

Das Hungertuch des nigerianischen Künstlers Chidi Kwubiri zeigt zwei Menschen, einer grün, einer eher gelb, die intensive Blicke tauschen. Sie schauen sich an und sie berühren sich – ruhig und respektvoll. Ausgestreckte Arme liegen auf den Schultern des oder der Anderen und nehmen die fremde Farbe an. Ein schmaler Zwischen-Raum lässt innehalten: Es ist ein Ausloten von Nähe und Distanz. Ziehe ich eine Grenze oder überschreite ich sie?

Wer begegnet da wem? Und: Durch welche Folie sehen wir einander? „Ich bin, weil du bist“ oder auch „Ich bin, weil wir sind, und da wir sind, bin ich“ ist ein afrikanisches Sprichwort, das die Lebensphilosophie vieler afrikanischer Kulturen spiegelt. Es drückt die Überzeugung aus, dass es zum Menschsein gehört, Teil eines Netzes von Beziehungen zu sein. Das Hungertuch wurzelt in diesem Prinzip, miteinander in Beziehung zu treten und in Kontakt zu bleiben, damit das Leben erhalten bleibt. Der Einzelne kann nur in seiner Zugehörigkeit zur Gemeinschaft sein. Auch unsere Schöpfungsberichte erzählen von Beziehungen: Von einem väterlichen und mütterlichen Gott geschaffen, bilden sämtliche Geschöpfe eine universale Familie. Nicht nur der Mensch, auch die Welt ist nach göttlichem Bild erschaffen. Als Brüder und Schwestern sind wir mit all dem um uns herum so tief verbunden, dass es unmöglich ist, nur zu konsumieren und auszubeuten, ohne alle zu gefährden. Wir sind mitverantwortlich, das Leben in jeder Form zu ermöglichen und uns zu solidarisieren mit der Natur, mit dem Wasser und der Luft und mit denen, die an den Rand geschoben und zum WegwerfObjekt degradiert worden sind. Ökologische Balance geht Hand in Hand mit gerechten Beziehungen in menschlichen Gesellschaften.

Wer begegnet wem? Dieses Hungertuch kann die Erinnerung wachrufen an überfüllte Flüchtlingsboote und dichtgemachte Grenzen, hochgezogenen Stacheldraht und hitzige Debatten über Zuzug und Kontingente. Flucht hat viele Gesichter. Damit sind wir in unserer europäischen Wirklichkeit gelandet: „Liebe den Fremden, denn er ist wie du" (Lev 19) fordert Gott die Israeliten auf, die um ihre Identität besorgt waren. Darum geht es Chidi Kwubiri: Als Kind hat er in Nigeria den Biafra-Krieg durchlitten und wie durch ein Wunder eine dramatische Flucht überlebt. Die beiden Menschen auf seinem Bild sind einander sehr ähnlich, Menschen wie wir. Die Grenzen, die wir so gerne ziehen, fallen! (Aus der Predigt zum Hungertuch, von Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor).

„Es gibt also nur eine Welt, zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt, und diese Welt ist alles, was ist. Gemeinsam ist uns damit auch da Gefühl oder der Wunsch, in vollem Umfang Mensch zu sein. Dieser Wunsch nach der Fülle des Menschseins ist etwas, das wir alle miteinander teilen. Gemeinsam ist uns übrigens in einem immer höheren Maße auch die Nähe des Fernen. Denn wir teilen uns nun einmal, ob wir das wollen oder nicht, diese Welt, die alles ist, was ist, und alles ist, was wir haben.“ (Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, S. 330).

Willi Knecht, Artikel in "Der geteilte Mantel", dem weltkirchlichen Magazin der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Juli 2017)

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