Verfolgung und christlicher Glaube

„Die Drohungen schüchtern mich nicht ein, ich ertrage dies mit einem festen christlichen Glauben“, versichert Padre Marco Arana. "Ich werde nicht sagen, ich sei ein Superheld. Ich mache mir Sorgen. Wenn sie das mit mir machen, was werden sie dann mit Führern der Basisbewegungen tun? Und erst draußen in den Landgemeinden! Ich glaube, dass wir das leben müssen mit einer sehr intensiven christlichen Spiritualität. In den Seligpreisungen sagte Jesus den Aposteln: „Selig, wer wegen mir verfolgt und verleumdet wird, denn ihm wird das Reich Gottes offen stehen“. Mich werden sie nicht einschüchtern können. Es ist meine Verpflichtung, das Leben zu verteidigen. Heute beginnt der Advent und die erste Lesung sagt, dass das Volk, das in der Dunkelheit war, nun ein Licht gesehen hat.

Internationales Beobachtungszentrum für Menschenrechte und gegen Folter: Genf - Paris 17. November 2006: Morddrohungen gegen Menschenrechtsaktivisten und Umweltschützer in Cajamarca Peru

Das Beobachtungszentrum bekam von der Menschenrechtsorganisation APRODEH Informationen über schwerwiegende Angriffe und Morddrohungen gegen Mitglieder von GRUFIDES, besonders gegen Pater Marco Arana und die Rechtsanwältin Mirtha Vasquez. Mirtha Vásquez ist die Leiterin von GRUFIDES.  Pater Marco Arana bekam den  Menschenrechtspreis 2005 in Peru wegen seines gewaltlosen Einsatzes für die Rechte der Kleinbauern. GRUFIDES ist eine NRO, die sich für den Schutz der Umwelt in Cajamarca einsetzt. In den letzten Jahren war GRUFIDES auf Einladung der peruanischen Regierung als Vermittler bei sozialen Konflikten zwischen indigenen Bauerngemeinden und Minen tätig.

 Am 3. August 2006 bekam Marco Arana einen Anruf mit Beschimpfungen und Morddrohungen. Am 31. August 2006 bekam die Rechtsanwältin Mirtha Vásquez Anrufe, dass sie Opfer einer Vergewaltigung und eines Mordes sein würde. Gleichzeitig fanden am 31. August und 1. September Proteste vieler Arbeiter der Mine Yanacocha vor dem Büro von GRUFIDES statt, bei denen sie bedroht und übel beschimpft wurden.

Seit dem 3. September kommt es zu Angriffen gegen GRUFIDES. Unbekannte Personen fotografieren und filmen Büros und Gebäude der Organisation und notieren, welche Personen wann das Büro betreten und verlassen.  Am 27. September wurde eine Nichte von Pater Marco Arana per Telefon aufgefordert ihrem Onkel zu sagen, dass er sich in den Konflikt nicht einmischen solle, ansonsten würde er erschossen werden.

 Am 14. November 2006 wurde Pater Arana von einem unbekannten Mann verfolgt. Der Mann filmte ihn und führte ständig Telefongespräche um zu beschreiben, was Pater Arana macht. Pater Marco Arana ging auf den Unbekannten zu und fragte ihn nach seinem Namen. Der Mann antwortete nicht und fuhr in einem Auto davon. Dank eines Verkehrsstaus konnten ihn andere Mitglieder von GRUFIDES fangen und zur Polizei führen. Er wurde als Miguel Angel Saldaña identifiziert.

Gegen den Priester Marco Arana hat in Cajamarca und in Lima in dieser Zeit eine Verleumdungskampagne begonnen. In Zeitungen der Region Cajamarca, in der Zeitung “El Correo” in Lima, in Radio und im Fernsehen wurde Marco Arana ständig angegriffen. Er wurde angeklagt, den Konflikt zu schüren und gegen die Mine Yanacocha zu hetzen.

Am 2. November wurde der Umweltschützer Edmundo Becerra (43) mit 17 Schüssen umgebracht. Er war Leiter einer Umweltorganisation in Yanacanchilla/Cajamarca. Sein Dorf lehnt die Erweiterung des Bergbau – Projekts von Yanacocha in der Gemeinde San Cirilo ab. Er und Genaro López Célis bekamen auch Morddrohungen. Schon am 20. September 2006 hatte GRUFIDES den Stellvertretern des Innenministeriums, der Polizei und dem Ombudsmann – Büro in Cajamarca von den Angriffen berichtet. Zunächst haben diese Behörden nicht reagiert. Erst vor wenigen Tagen begannen ihre Untersuchungen.

Yanacocha, die größte Goldmine Lateinamerikas, baut Gold in der Provinz Cajamarca ab. Die Mine versucht sich zu vergrößern. Dadurch entstehen große soziale Konflikte. Die Drohungen und Gewalttaten fanden gleichzeitig mit den Bauernprotesten gegen die Bergbauunternehmen statt. Die Ermordung  von Edmundo Becerra und die Morddrohungen gegen die Mitglieder von GRUFIDES verschärfen das Klima des Misstrauens und der Gewalt in der Region Cajamarca.


Übersetzung eines Interviews der Zeitung „La República“ (Lima) mit Marco Arana am 4. 12. 06 (Von César Romero). Die Fußnoten wurden von mir eingefügt, Willi Knecht.

"Alle Hinweise zeigen auf „Forza“ (1) und „Forza“ ist ein Unternehmen, das für Yanacocha arbeitet".

MARCO ANTONIO ARANA: Der Priester der Diözese Cajamarca, der die Nichtregierungsorganisation “Grufides” (2) leitet, ist erstes Zielobjekt einer konkreten Ausspionierung all seiner Schritte und Tätigkeiten, verbunden mit einer Verleumdungskampagne. Es sagt, dass die Macht des „Großen Geldes“ hinter diesen Tätigkeiten steckt. Er garantierte, dass er weiterhin von der Mine soziale Verantwortung einfordern wird.Opfer einer solchen Überwachung zu sein -

Welche Gefühle verursacht dies bei Ihnen?

Ich bin bestürzt. Es beunruhigt, dass dies in einer Zeit geschieht, in der wir eine demokratische Öffnung in unserem Land sehen. Diese Machenschaften lassen uns an die Zeit des Montesinismo (3) erinnern. Es zeigt uns, dass die wirtschaftlich Mächtigen ungestraft handeln können und diese Freiheit zur Einschüchterung benutzen. Das ist etwas, was Entrüstung verursacht.

Untersuchen die peruanischen Behörden den Fall?

Miguel Saldaña, der Fotograf der Ausspionierer trat auf, nachdem wir bereits am 15. September eine Anzeige wegen dieser Art der Überwachung erstattet hatten. Aber die Behörden unternahmen nichts.

Und was geschieht jetzt?

Der Fall wurde der “Dinincri” (Kriminalpolizei) übergeben. Aber wie Sie selbst informiert haben, einer machte Urlaub und den anderen haben sie versetzt. Miguel Saldaña wird vom Sohn des obersten Staatsanwaltes von Cajamarca verteidigt. Das zeigt, dass César Cáceres (Leiter des Sicherheitsdienstes „Forza“) nicht der Leiter dieser Operation ist. Es ist eine Geheimoperation, die von höchster Stelle aus organisiert wird und viele finanzielle Mittel besitzt.

Seit wann wird diese Überwachung durchgeführt?

Die unterschiedlichen Methoden der Überwachung haben wir schon seit Monaten bemerkt. Jetzt konnten wir erstmals einen konkreten Fall aufdecken. Wir haben Todesdrohungen erhalten. Es gibt eine Powerpoint - Präsentation, die uns als Feinde des Bergbaus präsentiert und die am 24. Mai in den Büros von Yanacocha dem militärischen Geheimdienst vorgeführt wurde. Erinnern, Sie sich an den Bericht über Majaz4 in der Serie „Panorama“, in dem von einem Terrornetz (gemeint sind die Bürgerrechtsbewegungen - Red.) gesprochen wurde. So haben sie z.B. ohne jeden Beweis Bischof Bambarén (5) angeklagt, einen Sohn zu haben. Sie versuchen diejenigen, die gegen die Korruption und die geballte Wirtschaftsmacht aufstehen, zu verleumden und so zum Schweigen zu bringen.

Wer finanziert Ihrer Meinung nach diese Geheimoperation?

Ich will niemanden beschuldigen, das muss Gegenstand der Untersuchungen sein. Aber alle Hinweise zeigen auf „Forza“ (1) und „Forza“ ist ein Unternehmen, das für Yanacocha arbeitet. Angesichts des Aufwands, der betrieben wird, kommt man zu dem Schluss, dass hinter der Ausspionierung von Grufides das Große Geld steht (6). (Das telefonische Interview per Handy wird zum 3. Mal unterbrochen. Wir setzen das Gespräch nach einigen Minuten über das Festnetz fort.) Mir scheint, dass diese Unterbrechungen kein Zufall sind.

Es handelt sich wohl um gezielte Eingriffe.

Ja, ich hörte ein Geräusch und danach war die Leitung tot. An dem Tag, an dem wir dieses Subjekt festgenommen haben (7) konnte ich noch zwei Anrufe tätigen, danach wurde mein Telefon für einen Tag stillgelegt. Ich konnte niemanden mehr anrufen. Man muss nicht gleich psychotisch werden, aber es beunruhigt.

Was machen Sie denn, dass sich das „Große Geld“ so belästigt fühlt?

Seit 1993 habe ich in verschiedene Konflikte mit Yanacocha eingegriffen. Jede Position, die ich verteidigt habe, hat sie Geld gekostet. Zwischen 1992 und 1994, als ich Pfarrer in Porcón war, hat Yanacocha die Campesinos mit Gewalt gezwungen, ihr Land zu verkaufen. Sie haben ihnen 100 - 200 Soles pro ha bezahlt. Jetzt kostet das Land 2.000 Soles. Und das Problem mit dem Berg “El Quilish” besteht darin, dass 4.200.000 Unzen Gold nicht ausgebeutet werden können. Und nun kommt noch das mit Combayo dazu (8).

Sie widersetzen sich dem Bergbau in Cajamarca?

Das Einzige was ich tue ist, eine Brücke zu bauen, damit die Campesinos gehört werden. Wir widersetzen uns nicht dem Bergbau, sondern wir bitten darum, dass es mehr verbindliche Regeln und mehr Verantwortung seitens der Mine gegenüber sozialen und ökologischen Belangen gibt. Und dass sie das Problem mit dem Wasser lösen und den Campesinos zuhören. Das aber stört sie, wo sie sich doch dafür bedanken müssten, dass wir nach Möglichkeiten suchen, den Bergbau zu verbessern und akzeptabler zu machen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Bergbaugesellschaft Yanacocha?

Das Verhältnis zur Bergbaugesellschaft war freundlich. Im April war ich in Denver, USA, den höchsten Stellen von Newmont. Aber es ist so, dass ihnen unser Wort nicht gefällt. Diese Gesellschaften sind es nicht gewohnt, von „Du zu DU“ mit den Menschen zu sprechen.

Wie kommt eine Priester dazu, sich um materielle und nicht um spirituelle Themen zu kümmern?

Die Unterscheidung zwischen spiritueller und materieller Arbeit gibt es in der Pastoralarbeit nicht. Papst Johannes Paul II. hat Franz von Assisi zum Schutzpatron der Ökologie ernannt und er hat die Kirche als Ganzes dazu aufgefordert, dass wir uns für die Verteidigung des Lebens und einer verantwortlichen Entwicklung engagieren. Die Aufgabe eines Priesters und jedes Christen - so Papst Johannes Paul II. - ist es, in Frieden mit Gott, den Menschen und der Schöpfung zu leben. Ich versuche, diese drei Dinge zu leben, und das ist es, was man nicht versteht.

César Cáceres, Leiter des Sicherheitsdienstes, der die Spione angeheuert hat, besteht darauf, dass Sie ein Doppelleben führen (9). Haben Sie etwas zu verbergen?

Ich habe nichts zu verbergen. Ich bin eine öffentliche Person, ich arbeite als Universitätslehrer und ich bin Pfarrer. Alles was ich habe, ist Frucht eigener Arbeit und Anstrengung. Über mein moralisches und sexuelles Leben gibt es nichts, Gott sei Dank. Ich bin kein Puritaner, ich sage nicht, dass ich mich nie irren werde, ich lebe in einer Priestergemeinschaft (10).

Gehören Sie einer politischen Richtung an?

 

Nichts dergleichen. Ich habe Soziologie studiert, ich war ein Studentenführer. Ich habe immer eine soziale Ader gehabt, aber keine (partei-) politischen Aktivitäten.

Werden Sie weiter machen?

Ich werde nicht sagen, ich sei ein Superheld. Ich mache mir Sorgen. Wenn sie das mit mir machen, was werden sie dann mit Führern der Basisbewegungen tun? Und erst draußen in den Landgemeinden! Ich glaube, dass wir das leben müssen mit einer sehr intensiven christlichen Spiritualität. In den Seligpreisungen sagte Jesus den Aposteln: „Selig, wer wegen mir verfolgt und verleumdet wird, denn ihm wird das Reich Gottes offen stehen“. Mich werden sie nicht einschüchtern können. Es ist meine Verpflichtung, das Leben zu verteidigen. Heute beginnt der Advent und die erste Lesung sagt, dass das Volk, das in der Dunkelheit war, nun ein Licht gesehen hat.

Übersetzung: Dr. theol. Willi Knecht, Ulm


Anmerkungen

(1) Forza ist der Sicherheitsdienst von Yanacocha. Im ihrem Depot wurden Kriegswaffen entdeckt und sichergestellt.

(2) Marco Arana ist der Gründer und „Gallionsfigur“ von Grufides, Leiterin ist Dr. Mirtha Vásquez, Rechtsanwältin. Auch sie erhält Morddrohungen, verbunden mit sexistischen Beleidigungen, ebenso wie weitere Mitarbeiterinnen von Grufides.

(3) Vladimiro Montesinos, Schlüsselfigur unter Präsident Fujimori, eng verbunden mit amerikanischen Regierungsstellen und direkt aktiv bei der „reibungslosen“ Gewährung der Abbaulizenzen für Yanacocha (Newmont Mining Co., USA), zudem verbunden mit Kardinal Cipriani, Lima.

(4) Ähnlicher Konflikt „Bergbau - Campesinos“ im Norden Perus (Piura), mit Todesopfern unter Campesinos.

(5) Der letzte der sich noch zu Wort meldenden Bischöfe, die vom Geist des Konzils und von Medellín geprägt waren.

(6) Die auf Grufides angesetzte Gruppe besteht aus 15 Personen. Ihnen stehen drei Auto, drei Motorräder, verschiedene Film- und Fotogeräte zur Verfügung. Es wurde ein Lokal in der Nähe vom Sitz von Grufides angemietet, das mit sieben PC ausgestattet ist. Die Überwachung läuft von 5.00 - 24.00 Uhr täglich.

(7) Miguel Angel Saldaña wurde von Mitgliedern von Grufides am 16. November ertappt, festgehalten und der Polizei übergeben. Videoaufnahmen und andere Beweismittel wurden von Grufides sichergestellt. Am folgenden Tag wurde Miguel Angel Saldaña wieder freigelassen.

(8) Nach Protesten unter Beratung von Grufides gelang es 2004, den Goldabbau in unmittelbarer Nähe der Stadt Cajamarca  zu verhindern und gleichzeitig zwischen Mine, Regierung und Bevölkerung zu vermitteln und so Blutvergießen zu verhindern. Marco Arana wurde deswegen im Dezember 2004 der peruanische Menschenrechtspreis verliehen. Auch in Combayo (2006) musste Yanacocha zurückstecken. 4,2 Millionen Unzen Gold entsprechen einem Wert von etwa 2,5 Milliarden Dollar.

(9) Er verglich Marco Arana mit einer Schlange. Er spiele den politischen Rebellen und wenn es gefährlich werde, ziehe er die Soutane eines Pfaffen über und spiel den frommen und unschuldigen Gottesmann.

(10) Zusammen mit Francisco Centurión und Segundo Alarcón, beide sind Pfarrer der Pfarrei „Guadalupe“ am südlichen Stadtrand von Cajamarca. Beide Pfarrer sind sehr populär, weil sie wie nur noch wenige Priester mit den Armen zusammen leben und arbeiten. Sie werden vom Bischof deswegen ausgegrenzt und erhalten keine Mittel. Sie sind ebenfalls „Objekte der Überwachung“. Marco Arana ist Pfarrer der Studentengemeinde der Universität von Cajamarca, Francisco Centurión ist sein Stellvertreter.


Literatur und Quellen (auf Deutsch) und weitere Angaben auf diesene Seiten, u.a. das  Hirtenwort des Bischofs; das Interview von Kardinal Cipriani; die Rede von Marco Arana zur Verleihung des Menschenrechtspreis; dasGlaubenszeugnis von Francisco Centurión; der Artikel Das Gold, der Bischof und die Campesinos und der
Hauptartikel zur Problematik (50 Seiten): Das Gold von Cajamarca; der offene Brief an den Bischof von Cajamarca von Elmar Klinger und mein Begleitbrief.


In meinem Buch: (Dissertation in Fundamentaltheologie bei Prof. Dr. Elmar Klinger) „Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen “ werden alle wesentlichen genannten Aspekte dokumentiert und auf dem Hintergrund einer Option für die Armen gedeutet. Darin auch die exemplarischen Bedeutung von Cajamarca und der Kirche von Cajamarca, der sozialpastoralen Arbeit von Bischof Dammert, Kultur und Glauben der Menschen von Cajamarca, u.v.m. alles auf meinen Webseiten.

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